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Unerwartete Wendung

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Unerwartete Wendung

Oben in der Ehrenloge war die Luft zum Schneiden gespannt. Während das Publikum noch in Schockstarre auf den Krater starrte, den Nami und Pegasus hinterlassen hatten, saß Kai völlig unbeweglich da. Sein Blick war auf das flimmernde Licht fixiert, das noch immer über der Arena zu hängen schien.

Tala und Ray hatten jeglichen Spott vergessen. Sie starrten Kai von der Seite an, dessen Miene so starr wie aus Marmor gemeißelt wirkte. Doch wer ihn kannte, sah das gefährliche Leuchten in seinen roten Augen. Das war kein bloßes Interesse mehr...es war die Anerkennung eines Kriegers, der soeben Zeuge einer Macht geworden war, die seinen eigenen Stolz herausforderte.

„Hast du das gesehen?“, flüsterte Ray schließlich und schüttelte fassungslos den Kopf. „Sie hat Mariahs Galux nicht einfach nur besiegt. Sie hat die Arena in Schutt und Asche gelegt. Und dieser Pegasus... diese Energie war rein, fast schon überirdisch.“

Kai antwortete nicht sofort. Er löste langsam die verschränkten Arme. Seine Finger zuckten leicht...ein instinktiver Reflex, als wolle er nach seinem eigenen Blade greifen. In seinem Inneren tobte ein Sturm. Er hatte geahnt, dass Nami stark war, aber diese Urgewalt hatte selbst seine Erwartungen gesprengt. Ein Teil von ihm brannte darauf, jetzt sofort hinunterzusteigen und sie herauszufordern. Ein anderer Teil kämpfte gegen das ungewohnte Gefühl an, dass dieses Mädchen ihn auf eine Weise beeindruckte, die nichts mit Beyblade zu tun hatte.

„Sie ist ungeschliffen“, sagte Kai schließlich, seine Stimme rau und leiser als gewöhnlich. „Aber diese Kraft... sie ist echt.“

In der Arena legte sich der Staub nur langsam auf den zerfetzten Beton. Mariah war entschlossen zum Rand der Arena geschritten, wo ihr Blade noch immer rauchend tief in der Stadionwand steckte. Sie musste beide Hände benutzen und kräftig rucken, bis sich das Metall mit einem knirschenden Geräusch aus dem Mauerwerk löste. Sie betrachtete die tiefen Schrammen, doch anstatt wütend zu sein, drehte sie sich mit einem strahlenden Lächeln um und lief Nami entgegen.

Nami atmete schwer, ihr Herz hämmerte noch immer gegen ihre Rippen. Als Mariah ihr die Hand entgegenstreckte, erwiderte sie den Druck fest.

„Das war ein verdammt gutes Match!“, rief Mariah über das abebmende Gebrüll der Zuschauer hinweg. „Du bist eine würdige Gegnerin, Nami. Aber eines sag ich dir: Irgendwann bestehe ich auf eine Revanche! Galux vergisst so eine Abreibung nicht so schnell.“ Sie zwinkerte Nami zu und blickte dann stolz in das jubelnde Publikum. Es war offensichtlich: Mariah liebte den Sport so sehr, dass die Niederlage gegen eine so starke Gegnerin für sie fast so süß wie ein Sieg schmeckte.

Nami lachte erleichtert. „Danke, Mariah. Du warst eine verdammt harte Nuss. Ich dachte für einen Moment, Galux kriegt mich an der Kante.“

Plötzlich durchschnitt ein schrilles, elektronisches Feedback die Luft. Ein lautes, unangenehmes Quietschen hallte aus den Boxen, gefolgt von einem angestrengten Tippen gegen ein Mikrofon.

„Ich bitte kurz um Aufmerksamkeit! Hallo?! Bitte kurz Ruhe!“, dröhnte eine Stimme, die sichtlich um Fassung rang.

Auf einer kleinen Sprechertribüne, etwas oberhalb der Arena, erschien eine vertraute Gestalt. Es war ein kleiner, korpulenter alter Mann in einem tadellosen Anzug und mit einem runden Hut. Nami erkannte ihn sofort an seinem prächtigen, weißen Schnurrbart: Mr. Dickenson, der Vorsitzende der BBA.

Das Publikum verstummte augenblicklich. Eine unnatürliche Stille legte sich über das weite Rund. Mr. Dickenson wirkte blasser als gewöhnlich. Er nestelte ein kleines, weißes Stofftaschentuch aus seiner Tasche und tupfte sich sichtlich nervös den kalten Schweiß von der Stirn.

„Wir... wir müssen die Finalkämpfe verschieben“, begann er mit brüchiger Stimme. „Mir wurde soeben mitgeteilt, dass eine Hauptleitung der Fernsehübertragung durch den vorangegangenen Kampf schwer beschädigt, ja, förmlich zerstört wurde.“

Ein Raunen des Entsetzens und der Enttäuschung ging durch die Ränge.

„Da dieses Turnier von Sponsoren aus dem ganzen Land finanziert wird, die auf die Live-Übertragung angewiesen sind, muss ich leider und schweren Herzens nun alle Anwesenden um Verständnis und Entschuldigung bitten“, fuhr er fort, wobei er das Tuch beinahe in seinen Händen zerknüllte. „Es wird in Kürze bekannt gegeben, wo und wann der Rest des Turniers stattfinden wird. Ich danke Ihnen für Ihr Kommen.“

Dickenson wirkte am Boden zerstört. In all den Jahren seiner Karriere hatte er noch nie ein Turnier mittendrin abbrechen müssen. Mit gesenktem Kopf und sichtlich mitgenommen verließ er die Tribüne.

Nami war ein wenig gekränkt. Das Adrenalin pulsierte noch immer in ihren Venen, und sie hätte den Schwung des Sieges am liebsten direkt mit ins Finale genommen. „Was soll’s...“, schnaubte sie genervt, als sie mit Mariah die Arena über die Stufen verließ. „Na, das ist ja echt blöd gelaufen. Und dabei war der Krater in der Mitte nicht mal besonders tief! Bey-Arenen müssten so eine Belastung doch eigentlich aushalten, oder?“

Mariah blickte Nami von der Seite an und zuckte ratlos mit den Schultern. „Ich hätte auch nie gedacht, dass ein einziger Schlag die Elektrik des ganzen Stadions lahmlegt. Aber was soll’s, Nami. Es hat trotzdem riesigen Spaß gemacht.“

Nami wollte eigentlich direkt in die Haupthalle, um ihre Familie in dem aufkommenden Chaos zu finden und nach Hause zu fahren, doch Mariah hielt sie am Arm fest. Ein schelmisches, fast katzenartiges Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

„Hey, Nami, kommst du noch mit auf eine der Ehrenlogen?“

Nami hielt inne und runzelte die Stirn. „Aber Mr. Dickenson meinte doch, wir sollen das Stadion verlassen. Was sollen wir hier noch?“

„Ja, das gilt für das Publikum“, winkte Mariah ab und lachte. „Aber wir Blader dürfen sicher noch bleiben. Außerdem wartet mein Verlobter Ray oben auf mich... und da Kai auch dort oben ist...“ Mariah senkte die Stimme und zwinkerte bedeutungsvoll. „...dachte ich mir, du würdest vielleicht gerne mitkommen, um dir eine persönliche Gratulation zu deinem Sieg von ihm abzuholen.“

Nami spürte, wie ihr das Blut augenblicklich in die Wangen schoss. Sie blickte nervös nach oben zur Decke. „Gratulation? Ich... also, ich weiß ja nicht... ob das so eine gute Idee ist...“

Mariah kicherte laut über Namis Verlegenheit. „Ach, komm schon! Sei keine Spielverderberin.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schnappte sie sich Namis Hand und zog sie mit sich.

„H-Hey! Warte mal!“, rief Nami, während sie fast stolpernd hinter Mariah hergezogen wurde. „Ich muss meinen Eltern Bescheid geben, die suchen mich sicher schon!“

„Das kannst du doch gleich im Aufzug machen!“, bestimmte Mariah und drückte bereits ungeduldig auf den Knopf eines der hinteren Fahrstühle. Die Türen glitten mit einem leisen Zischen zu und ließen den Lärm des Stadions hinter ihnen zurück.

Nami starrte auf ihr Spiegelbild in den Chromwänden des Aufzugs und versuchte hektisch, ihr Haar zu ordnen, während ihr Herz nun aus einem ganz anderen Grund als dem Kampf zu rasen begann.

Nami wurde etwas nervös. Gleich würde sie Kai wiedersehen. Wieso nur schwitzten ihre Hände so? Mit einem metallischen Klingen schwang die Tür des Aufzuges auf und gab den Blick auf den exklusiven Bereich frei.

„Auf geht’s!“ Mariah packte Namis Handgelenk und zog sie erneut mit sich.

Nami schmunzelte trotz der leichten Anspannung. „Du kannst mich übrigens loslassen. Ich kann alleine laufen... ich renne schon nicht weg.“

Mariah stoppte kurz, warf ihr einen freundlichen Blick zu und grinste. „Ja, ja, wir sind ja auch schon da.“ Sie drückte gegen die schwere Glastür, die den Weg zur Ehrenloge freigab. „Hey Jungs, da sind wir!“, rief Mariah freudestrahlend in den Raum.

„Das war eine beachtliche Vorstellung da unten“, meldete sich Tala Valkov als Erster. Er lehnte im Sessel, die Arme vor der Brust verschränkt, und musterte Nami mit gewohnter, kühler Distanz.

„Stark gekämpft, das muss man dir lassen.“

Tala war eine beeindruckende Erscheinung: groß, kräftig gebaut und in seinem weißen Trainingsanzug wirkte er wie ein Profisportler. Seine kühlen Augen und das rote Haar gaben ihm etwas Unnahbares.

„Ich bin übrigens Tala.“

„Freut mich. Ich bin Nami.“

„Und ich bin Ray. Schön, deine Bekanntschaft zu machen.“

Nami blickte auf. Sie erkannte Ray sofort... genau wie Kai war er einst ein Mitglied der legendären Bladebreakers gewesen. Er war etwa so groß wie Kai, mit einer ähnlichen muskulösen Statur. Seine schwarzen Haare standen wild ab, während ein langer Zopf bis zu seinem Gesäß hinunterreichte. Seine raubtierhaften Augen blickten sie warm und freundlich an.

„Hey, mein Schatz, du warst einsame Spitze!“, wandte sich Ray Mariah zu, die ihn sofort stürmisch umarmte.

Die beiden küssten sich innig, bis ein trockenes, kühles „Nehmt euch ein Zimmer“ aus dem hinteren Bereich der Loge ertönte. Ray und Mariah lösten sich grinsend voneinander. „Sei doch nicht so ein Miesepeter, Kai...“, neckte Ray ihn belustigt.

Kai erhob sich langsam und steuerte auf Nami zu. „Hey. So sieht man sich wieder.“

Er lächelte natürlich nicht. Sein Gesicht war eine unlesbare Maske aus Gleichgültigkeit. Er wirkte spürbar unnahbarer und distanzierter als noch vor einer Stunde unten in den Katakomben und dem Außenbereich.

Nami durchschaute ihn sofort: Seine Freunde waren im Raum, und Kai schaltete augenblicklich in seinen gewohnten Schutzmodus. Er wollte um jeden Preis verhindern, dass irgendwer im Raum ahnte, wie intensiv ihr Zusammentreffen vorhin gewesen war.

Nami bewahrte die Ruhe. Sie kannte diesen Zug an ihm nur zu gut. Dennoch verspürte sie einen kleinen Stich der Enttäuschung... nicht weil sie wütend auf ihn war, sondern weil er seine Fassade selbst nach diesem grandiosen Sieg so eisern hochhielt.

„Sieht ganz danach aus“, erwiderte Nami ruhig, aber bestimmt. Sie wollte das Spiel nicht mitspielen.

„Es hat mich gefreut, euch kennenzulernen. Aber... ich muss jetzt wirklich zu meinen Eltern. Ich wünsche euch noch einen schönen Abend.“

Sie schenkte der Runde ein höfliches Lächeln, drehte sich um und ging mit aufrechter Haltung hinaus.

Mariah, die Kais unsoziale Art seit Jahren kannte, fackelte nicht lange. Sie sah sofort, wie schroff das gewirkt haben musste.

„Unmöglich, Kai! Ganz ehrlich!“, zischte sie ihm wütend entgegen. Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ sie Ray stehen und eilte Nami hinterher. Sie erreichte sie gerade noch am Aufzug.

„Nami, warte! Geht es dir gut?“

Nami trat in den Fahrstuhl und lächelte Mariah sanft an. Sie war nicht am Boden zerstört, aber sie hatte in diesem Moment schlicht keine Lust mehr auf Kais kühle Show vor Publikum.

„Alles gut, Mariah. Ehrlich“, sagte Nami gefasst. „Aber ich bin nach dem Match einfach müde und möchte zu meiner Familie. Lass uns morgen in Ruhe telefonieren, ja?“

Mariah nickte verständnisvoll, auch wenn sie sich immer noch über Kai ärgerte.

„Alles klar. Pass auf dich auf!“ Die Aufzugstüren schlossen sich.

Wütend stürmte Mariah zurück in die Loge. Die drei jungen Männer saßen wieder auf ihren Plätzen.

„Mensch Kai, ein bisschen Anstand hätte dir nicht wehgetan!“, schimpfte Mariah und stemmte die Fäuste in die Hüften. Sie baute sich direkt vor Kai auf.

„Sie ist nur mitgekommen, weil ich sie überredet habe... und du stehst da wie ein Denkmal aus Eis!“

Kai hatte die Augen geschlossen. Er verabscheute diese Situationen. Er wollte Nami keineswegs herablassend behandeln; tatsächlich nötigte ihr Talent ihm tiefen Respekt ab. Aber vor Tala und Ray verbot ihm sein eigener, verquerer Stolz, nahbar zu wirken.

„Was ist dein Problem, Mariah? Ich habe nichts Schlimmes gesagt“, erwiderte Kai trocken, ohne die Augen zu öffnen.

„Das ist es ja! Du hast gar nichts gesagt!“, konterte Mariah scharf. „Ein einfaches ‚Guter Kampf‘ hätte gereicht! Aber du musst ja wieder den unnahbaren King spielen.“

Tala stieß ein leises, abwertendes Lachen aus und nahm einen Schluck aus seiner Dose. „Lass es, Mariah. Kai hat einfach Sorge um sein Image. Sobald er einem Mädchen Respekt zollt, könnte man ja glauben, er wird weich.“

Kai schlug die Augen auf und fixierte Tala mit einem gefährlichen Funkeln.

„Halt die Klappe, Tala.“

Ray lehnte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Knie. „Mariah hat trotzdem recht, Kai. Nach diesem Match hätte sie zumindest ein ehrliches Wort von dir verdient gehabt.“

Kai stand ruckartig auf. Der Sessel rutschte mit einem hässlichen Geräusch über den Boden.

„Es reicht jetzt.“ Er schritt zum Fenster der Loge und blickte hinunter auf die leere Arena, wo Techniker bereits damit begannen, den Krater abzusperren.

In seinem Kopf ging er die Szene noch einmal durch. Nami war nicht beleidigt geflüchtet... sie hatte ihm klar und stolz in die Augen gesehen und war erhobenen Hauptes gegangen. Sie hatte seine Maske durchschaut, das wusste er genau. Und gerade diese Tatsache hinterließ ein seltsames Ziehen in seiner Brust.

~Sie durchschaut mich... und sie lässt sich nicht von mir provozieren~, dachte er grimmig.

„Du solltest ihr nachgehen“, sagte Ray ruhig.

Kai lachte trocken auf.

„Sicher nicht. Sie ist alt genug, um ihren Weg zu finden. Ich habe nicht vor, mich zu rechtfertigen.“

„Das musst du auch nicht“, erwiderte Ray gelassen. „Aber du solltest aufhören, dich selbst zu belügen.“

Nami saß wenig später im Wagen ihres Vaters. Die kühle Seitenscheibe fühlte sich angenehm an ihrer Stirn an, während die Lichter der Tiefgarage an ihnen vorbeizogen.

Ihr Handy vibrierte kurz... eine Nachricht von Mariah mit der Zusage fürs Telefonat morgen.

„Nami? Alles in Ordnung?“, fragte ihr Vater besorgt vom Fahrersitz aus. „Du bist so ruhig. Du hast Mariah Wong geschlagen! Das ist eine fantastische Leistung. Wir sind stolz auf dich.“

Nami blickte zu ihm und lächelte warm. „Mir geht’s gut, Papa. Wirklich. Ich bin nur ziemlich geschafft... der Kampf hat Pegasus und mir alles abverlangt.“

Das entsprach der Wahrheit. Der Sieg fühlte sich großartig an, und Kais distanzierte Art in der Loge konnte daran nichts ändern. Sie wusste schließlich, wer er wirklich war, wenn keine Kameras und keine Freunde in der Nähe waren.

Er war ein sturer Dickkopf mit einer dicken Rüstung... aber sie würde sich von dieser Rüstung garantiert nicht einschüchtern lassen.

Oben in der Loge griff Kai nach seiner Jacke.

„Schon wieder auf dem Sprung?“, fragte Tala knapp mit hochgezogener Augenbraue.

„Ich brauche frische Luft“, war Kais einzige Antwort, ehe er die Tür hinter sich ins Schloss fallen ließ.

Er schritt durch den menschenleeren VIP-Bereich direkt auf das Dach des Stadions. Als die kühle Abendluft seine Lungen füllte, blickte er über die leuchtende Skyline von Tokio.

Nami Tachiba war kein normales Mädchen, das er einfach ignorieren konnte. Sie besaß nicht nur ein mächtiges Bit-Beast, sondern auch eine innere Stärke, die ihn faszinierte und herausforderte zugleich.

Er würde sie wiedersehen... spätestens, wenn das Turnier fortgesetzt wurde. Und Kai Hiwatari nahm sich vor, diesmal bereit zu sein.