Fusion
Fusion
An weiteren Schlaf war für Nami in diesem Zustand überhaupt nicht zu denken. Ihr Geist arbeitete bereits auf Hochtouren, beflügelt von der gerade geborenen Strategie. Als sie sich in den Kissen aufrichtete, war es gerade einmal kurz nach 15:30 Uhr. Die helle Junisonne schien warm durch die halbzugezogenen Vorhänge und vertrieb die Trägheit des Nachmittags.
Sie sah zu Kai, dessen Blick noch immer diese scharfe, unruhige Wachsamkeit besaß. Sie wusste, dass sie keine Zeit zu verlieren hatten.
Der Termin bei Ozu war morgen früh.
Ohne lange zu zögern, griff Nami nach ihrem Smartphone. Sie rief ihren Vater an und bat ihn mit einer Ernsthaftigkeit in der Stimme, die keinen Widerspruch duldete, sofort zum Ayame-Anwesen zu kommen.
Knapp eine Dreiviertelstunde später saßen sie zu dritt im kleinen Salon des Anwesens. Der Raum verströmte mit seinen dunklen, holzgetäfelten Wänden und den antiken Polstermöbeln, durch deren hohe Fenster das helle Sommerlicht des Juni-Nachmittags fiel, eine fast schon historische, geheimnisvolle Atmosphäre.
Es war der perfekte Ort für eine Verschwörung.
Fast dreißig Minuten lang saßen sie dort zusammen und redeten. Nami übernahm den Großteil der Erklärung, während Kai mit verschränkten Armen und unnahbarer Miene danebensaß und ab und zu knappe, präzise Details beisteuerte.
Sie legten Hiro alles lückenlos offen: Sojiros plötzlichen Tod, die testamentarische Klausel, die drohende Selbstzerschlagung von Hiwatari Enterprises innerhalb von siebzehn Tagen und den Plan, die alten, rüstungsorientierten Geier im Vorstand durch eine Allianz mit Tachibey Industries ein für alle Mal zu vernichten.
Hiro Tachiba saß während des gesamten Berichts vollkommen regungslos in seinem schweren Ledersessel. Seine petrolfarbenen Augen waren aufmerksam verengt, die Finger aneinandergelegt, während er die schiere Tragweite dieses wirtschaftlichen Erdbebens analysierte.
Als Nami geendet hatte, herrschte für einige Sekunden eine fast unerträgliche, bleierne Stille im Salon. Kai fixierte seinen Schwiegervater in spe mit eiskalter, prüfender Intensität, bereit für jede Form von Ablehnung oder geschäftlicher Skepsis.
Doch plötzlich veränderten sich Hiros markante Gesichtszüge. Seine Augen weiteten sich, die Mundwinkel zuckten nach oben, und ein breites, absolut triumfales Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Bevor einer von beiden reagieren konnte, warf Hiro den Kopf in den Nacken und brach in ein schallendes, donnerndes Gelächter aus.
Das tiefe Lachen des Tachibey-CEOs hallte von den alten Wänden des Salons wider und vertrieb die düstere Ernsthaftigkeit des Raumes im Bruchteil einer Sekunde. Er lachte so herzlich und befreit, dass er sich amüsiert auf den Oberschenkel schlug, während Kai nur irritiert eine Augenbraue nach oben zog und Nami matt, aber wissend lächelte.
Als Hiro sich schließlich langsam beruhigte, wischte er sich mit dem Handrücken eine amüsierte Träne aus dem Augenwinkel. Er atmete tief durch, schüttelte den Kopf und sah die beiden mit einem Blick an, in dem nun der eiskalte, absolut fokussierte Alpha-CEO mitschwang.
„Diese Gauner…“, raunte Hiro, und seine Stimme vibrierte vor tiefer Befriedigung.
„Diese alten Saurier im Vorstand haben den Einschlag des Kometen verpasst und kriechen nun winselnd vor deinen Füßen, Kai. Sie haben pures Gift gesät und ernten jetzt den eigenen Untergang. Ich habe insgeheim schon seit dem Sturz von Voltaire Marktanalysen über Hiwatari Enterprises in meiner Schublade. Eine strategische Allianz zwischen unseren Unternehmen? Das ist kein Almosen, das ist das Todesurteil für jeden einzelnen Kriegstreiber in diesem Aufsichtsrat. Ich werde den alten Geiern das Genick brechen, noch bevor sie morgen früh überhaupt begreifen, dass das Spiel begonnen hat.“
Er legte die Ellenbogen auf die Knie und beugte sich vor, die dunklen Augen voller geschäftlicher Vorfreude auf Kai gerichtet.
„Wir setzen noch heute Nacht eine gemeinsame Absichtserklärung auf. Ein wasserdichtes Dokument von Tachibey Industries. Morgen um acht Uhr knallst du das diesem Anwalt Ozu und dem Vorstand wie eine geladene Waffe auf den Tisch.“
Kai erwiderte den Blick mit einem kaum merklichen, aber tief zufriedenen Nicken. Die eiskalte, strategische Logik seines Schwiegervaters in spe war genau die Rückendeckung, die er gebraucht hatte.
Doch mitten in dieser geschäftlichen Euphorie hielt Hiro plötzlich inne. Das triumphierende Grinsen auf seinen Zügen flachte ab, und seine Augen verengten sich. Er lehnte sich langsam wieder in den schweren Ledersessel zurück und musterte seine Tochter eingehend.
„Wo wir gerade von geschäftlichen Pflichten sprechen, Nami…“, begann Hiro, und seine Stimme nahm einen nachdenklichen, fast schon forschenden Ton an.
„Du hast dich seit über einer Woche nicht mehr im Elternhaus blicken lassen. Und ich habe das untrügliche Gefühl, dass hier irgendetwas passiert ist, das ihr mir verschweigt.“
Nami zögerte für einen winzigen Moment. Sie wechselte einen schnellen, stummen Blick mit Kai, dessen Muskeln sich sofort wieder unmerklich anspannten.
„Papa, wir hatten einfach viel zu tun und—“, wollte Nami ansetzen, doch Hiro hob leicht die Hand, um sie zu unterbrechen.
Er sah sie an... sah das feine, tief sitzende Leuchten in ihren ozeanblauen Augen, das selbst die Erschöpfung der letzten Tage nicht hatte dimmen können.
„Nein, das ist es nicht“, murmelte Hiro fasziniert. Er kniff die Augen noch weiter zusammen.
„Deine Aura… sie hat sich verändert. Sie wirkt dichter. Wärmer.“
Beim letzten Wort hielt er vollkommen inne.
Durch seine eigene tiefe Verschmelzung mit seinem mächtigen Bit-Beast Aetherion war Hiro in der Lage, die energetischen Auren von Menschen zu sehen und weit hinter die Fassade des Offensichtlichen zu blicken.
Er spürte ganz deutlich, dass in Namis Präsenz eine neue, pulsierende Energie mitschwang, die vorher nie da gewesen war. Seine Augen wanderten kurz zu Kai, dessen beschützerische, fast schon besitzergreifende Haltung neben Nami ihm nicht entging.
Doch so scharf Hiros Sinne auch waren... im ersten Moment kam der mächtige CEO von *
Tachibey Industries absolut nicht auf den Gedanken, dass seine Tochter schwanger sein könnte. Und der Grund dafür war simpel: Auch Hiro wusste detailgetreu über Kais damalige, unumstößliche Entscheidung Bescheid. Er wusste von der Vasektomie, die Kai hatte durchführen lassen, um die Blutlinie der Hiwataris nach all dem erlebten Schmerz und des Misstrauens für immer enden zu lassen.
Für Hiro war biologisch gesehen eine Schwangerschaft schlichtweg unmöglich und genau dieses Wissen ließ ihn nun vollkommen im Dunkeln tappen, während er die veränderte Aura seiner Tochter mit einer Mischung aus geschäftlicher Brillanz und tiefem, väterlichem Misstrauen analysierte.
Hiro kniff die Augen noch weiter zusammen, während sein Blick regelrecht an Namis Präsenz festgewachsen schien.
„Es ist, als würde ein Teil von dir…“
„Hör auf, sie zu analysieren, Hiro“, unterbrach Kai ihn abrupt. Seine tiefe Stimme schnitt scharf durch den Salon und beendete das detektivische Belauern. Er löste die verschränkten Arme, beugte sich leicht vor und fixierte seinen Schwiegervater in spe mit einem Blick, der keinerlei Raum für Zweifel ließ.
„Atherion täuscht dich nicht. Aber du suchst an der falschen Stelle. Nami ist schwanger.“
Für einen Moment schien im Salon die Zeit stillzustehen.
Hiro starrte Kai fassungslos an.
Der mächtige CEO von Tachibey Industries, der sonst auf jede geschäftliche oder politische Krise im Bruchteil einer Sekunde eine Antwort parat hatte, war vollkommen sprachlos. Seine Gedanken überschlugen sich, blockiert von dem unumstößlichen Wissen, das er besaß. Er wusste von Kais Sterilisation. Er wusste, dass dieser Schritt damals endgültig gewesen war.
„Das… das ist biologisch unmöglich, Kai“, brachte Hiro schließlich hervor, während er ungläubig den Kopf schüttelte.
„Du hast mir selbst gesagt, dass—“
„Es war eine Rekanalisation“, warf Kai kühl ein, auch wenn in seinen roten Augen ein kurzes, unergründliches Funkeln aufblitzte.
„Ein seltenes Phänomen. Ein Urologe hat es bestätigt. Die Samenleiter sind von selbst wieder zusammengewachsen. Frag mich nicht nach den medizinischen Wahrscheinlichkeiten. Es ist passiert.“
Hiro lehnte sich langsam in seinen Sessel zurück, während sich seine Augen weiteten. Er überlegte kurz, schattierte seine Augen mit einer Hand und kramte in seinen Erinnerungen. Plötzlich blitzte etwas in seinem Verstand auf. Er erinnerte sich an ein Gespräch, das er erst vor ein paar Monaten mit Kai geführt hatte... ein Gespräch darüber, wie extrem tief die Verbindung zwischen Kai und Nami war. Er hatte Kai damals erklärt, dass ihre beiden Auren ununterbrochen miteinander kommunizierten, sich anzogen und eine perfekte Symbiose bildeten.
Ein fasziniertes, fast schon ehrfürchtiges Grinsen stahl sich auf Hiros Gesicht.
„Die Samenleiter sind also von selbst zusammengewachsen… einfach so? Nach all der Zeit?“
Er senkte die Hand und sah die beiden an.
„Ich habe da eine Theorie. Aber… ich werde erst mein Bit-Beast fragen müssen.“
Nami starrte ihren Vater mit einer Mischung aus Amüsement und Irritation an.
„Fragst du ernsthaft öfter mit Atherion um Rat, wenn es um medizinische Wunder geht?“
Hiro brach in ein kurzes, warmes Lachen aus.
„Nach über dreißig Jahren der perfekten Verschmelzung mit meinem Bit-Beast, meine liebe Nami, kann ich noch so einiges mehr.“
Seine Miene wurde schlagartig feierlich und konzentriert. Hiro schloss für einen kurzen Moment die Augen, atmete tief aus, und plötzlich begann die Luft im Salon zu vibrieren. Eine mächtige, dunkelpetrolfarbene Aura flammte um seinen Körper auf, so intensiv, dass die Gläser auf dem Tisch leise klirrten.
„Manifestiere dich, Aetherion“, sprach Hiro mit einer Stimme, die plötzlich das Echo einer uralten Macht in sich trug.
Das Licht im Raum schien sich für einen Wimpernschlag zu verdunkeln, ehe sich die petrolfarbene Energie vor Hiros Sessel verdichtete und eine humanoide Gestalt annahm. Als das Leuchten verblasste, stand er da: Atherion.
Er wies eine verblüffende Ähnlichkeit mit Hiro auf, wirkte jedoch um einiges größer und imposanter. Er trug ein schweres, edles Gewand, das in Schnitten und Mustern an die Rüstung eines königlichen Gardisten erinnerte. Seine Augen leuchteten in einem hellen, übernatürlichen Gelb, und sein langes Haar besaß exakt denselben, tiefen Petrolton wie das seines Meisters. Eine Aura von absoluter Erhabenheit und unbändiger Kraft ging von ihm aus.
Kai rührte keine Zelle. Sein Blick verengte sich lediglich, während sein eigenes inneres Bit-Beast die Gegenwart des anderen mächtigen Wesens registrierte. Nami hielt unwillkürlich den Atem an vor der schieren Ästhetik dieser Manifestation.
Hiro sah zu seinem königlichen Gardisten auf. „Atherion… du spürst es auch, nicht wahr? Sag mir… kann es sein, dass Namis Aura, getrieben von ihrem tiefsten, inneren Wunsch, Kais Aura etwas kommuniziert hat? Ein Signal, das so stark war, dass es Kais Körper dazu gebracht hat, die Biologie zu überwinden und die Sterilisation von innen heraus rückgängig zu machen, um diesen Wunsch in die Tat umzusetzen?“
Aetherion rührte sich nicht, doch das leuchtende Gelb seiner Augen schien an Intensität zuzunehmen, während sein Blick zwischen Nami und Kai hin- und herwanderte. Die Luft im Salon war schwer von der majestätischen Präsenz des göttlichen Gardisten.
„Es ist in der Tat so, Meister“, ertönte Aetherions Stimme. Sie klang nicht wie die eines Menschen, sondern besaß einen tiefen, hallenden Klang, der direkt im Verstand der Anwesenden widerhallte.
Dann passierte etwas zutiefst Ungewöhnliches: Die strengen, königlichen Züge des Bit-Beasts entspannten sich, und die Mundwinkel des Gardisten zuckten leicht nach oben. Er schmunzelte... ein faszinierendes, fast schon erschreckend menschliches Zeichen der Belustigung für ein Wesen aus reiner Energie.
„Der Phönix ist weich geworden“, fuhr Aetherion fort, und in seiner Stimme schwang eine unverkennbare, majestätische Neckerei mit.
„Aethernitas war in seinem Verlangen wohl mehr als überzeugend. Wenn zwei so mächtige Entitäten auf der energetischen Ebene verschmelzen, beugt sich die sterbliche Biologie dem Willen der Seelen.“
Kaum waren die Worte ausgesprochen, spürte Kai eine plötzliche, heftige Hitzewelle in seiner Brust. Dranzers Energie flammte in seinem Inneren abrupt auf, heiß und wild, wie ein schlafendes Feuer, das man mit Benzin übergossen hatte. Es war die sofortige, stolze Reaktion des Phönix.
Dranzer duldete keine Schwäche, und Aetherions Worte waren eine unmissverständliche, kleine Provokation gewesen... eine Erinnerung daran, dass der unnahbare, unbesiegbare Feuervogel sich der sanften, aber unwiderstehlichen Macht von Namis Pegasus gebeugt hatte. Kai ballte unmerklich die Hände, während er die hitzige Resonanz seines Bit-Beasts im Zaum hielt und Aetherion mit einem messerscharfen, eiskalten Blick fixierte.
Hiro, der die energetische Reaktion zwischen den beiden Bit-Beasts sofort registrierte, brach erneut in ein schallendes, tiefes Lachen aus. Die reine Freude über dieses kosmische und gleichzeitig so persönliche Wunder stand ihm ins Gesicht geschrieben.
„Ich danke dir, Aetherion“, sagte Hiro schließlich mit einem respektvollen Nicken zu seinem treuen Gefährten. Er machte eine leichte, einladende Geste mit der Hand.
„Du kannst dich wieder zurückziehen.“
Der petrolfarbene Gardist neigte majestätisch das Haupt vor seinem Meister, streifte Nami und den sichtlich angespannten Kai noch einmal mit einem letzten, wissenden Blick und begann dann, sich aufzulösen.
Seine humanoide Gestalt zerfiel in funkelnde, petrolfarbene Lichtpartikel, die wie sanfter Nebel zurück in Hiros Körper flossen, bis die Luft im Salon wieder zur Ruhe kam und nur das leise Knistern des Kamins die Stille füllte.
„Rufst du Atherion öfter einfach so herbei?“, fragte Nami fasziniert, während sie dem verblassenden Lichtnebel nachsah. Ihre blauen Augen waren vor Staunen geweitet.
„Ich wusste gar nicht, dass man ein Bit-Beast außerhalb eines Beyfights in dieser Form manifestieren kann.“
Hiro schüttelte amüsiert den Kopf und lehnte sich entspannt zurück.
„Nein, ich tue es nur sehr selten. Es erfordert eine enorme Konzentration und eine jahrzehntelange, lückenlose Synchronisation der eigenen Energie. Aber Atherion liefert mir oft nützliche Informationen, die dem bloßen Auge verborgen bleiben.“
Er sah seine Tochter aufmerksam an.
„Im Grunde ist es nichts anderes, als würdest du dein Bit-Beast beim Bladen rufen, Nami. Der einzige Unterschied ist, dass man die Energie nicht in die Rotation eines Beyblade leitet, sondern sie im Raum verdichtet, um ihr eine Gestalt zu geben. Es ist die reinste Form der spirituellen Verbindung.“
Doch die geschäftliche und mystische Ernsthaftigkeit hielt nicht lange an. Schiffschnell verwandelten sich Hiros markante Gesichtszüge, und er begann wieder breit zu grinsen. Er strahlte nun regelrecht über das ganze Gesicht, und der sonst so kontrollierte CEO von Tachibey Industries wirkte für einen Moment wie ein stolzer, vom Glück berauschter Familienmensch.
„Ein zweites Enkelkind…“, murmelte er, und seine Stimme war voll von ehrlicher, tiefer Freude. Er verschränkte die Finger vor dem Bauch, während sein Blick warm zwischen den beiden hin- und herwandterte.
„Ich muss zwar zugeben, dass ich es ein wenig früh finde... immerhin wirst du in zwei Tagen erst neunzehn Jahre alt, Nami. Du bist selbst noch so jung. Aber verdammt, ich freue mich wirklich von ganzem Herzen für euch.“
Nami schmunzelte über die kleine Rüge wegen ihres Alters, doch anstatt zu antworten, bewegte sie ihre linke Hand mit einer bewussten, fließenden Eleganz. Sie legte sie ein wenig auffälliger auf ihrem Bauch ab, genau so, dass das Licht des Juni-Nachmittags sich perfekt in dem edlen Verlobungsring brach, den Kai ihr geschenkt hatte.
Der Diamant funkelte im Salon auf und sandte eine stumme, aber unmissverständliche Botschaft an ihren Vater, dass diese Familie längst beschlossene Sache war.
Hiros Blick glitt automatisch zu Namis Bauch, als das Funkeln des Diamanten seine Aufmerksamkeit erhaschte. Er starrte für einen Moment vollkommen regungslos auf den edlen Verlobungsring, während die Implikation dieses funkelnden Schmuckstücks in seinem Kopf einschlug.
Erneut verzog sich sein Gesicht zu diesem breiten, unbändigen Grinsen, und er stieß ein tiefes, amüsiertes Lachen aus. Er schüttelte fassungslos den Kopf und sah von der Hand seiner Tochter auf zu den beiden.
„Und das?“, fragte Hiro lachend, während er mit dem Zeigefinger vage in die Richtung ihrer Hand deutete.
„Soll das jetzt etwa das nächste Statement sein, das mir hier heute Nachmittag um die Ohren gehauen wird? Erst die Firmenübernahme, dann die Schwangerschaft und jetzt auch noch die Hochzeit?“
Nami konnte das glückliche Kichern, das sich in ihrer Kehle anstaute, nicht mehr zurückhalten. Sie stimmte in das Lachen ihres Vaters ein, und all die Anspannung der vergangenen Tage, die Last des Firmenkrieges und die Angst um das Baby schien im Bruchteil einer Sekunde von ihr abzufallen. Sie blickte kurz zu dem Ring an ihrem Finger, dann zu Kai, dessen Miene sich bei ihrem Lachen merklich entspannte.
„Ja, Vater, das ist es“, sagte Nami, während sie die Hand sanft umdrehte, um den Ring zu betrachten. Sie sah wieder zu Hiro auf, und ihre blauen Augen strahlten eine so tiefe, unerschütterliche Wärme aus, dass es im Raum keinen Zweifel mehr zuließ. „Ich glaube… ich war in meinem ganzen Leben noch nie glücklicher als jetzt.“
Das befreiende Lachen verflog langsam und hinterließ eine angenehme, vertraute Wärme im Raum. Nami blickte glücklich zwischen den beiden wichtigsten Männern in ihrem Leben hin und her. Sie spürte, dass das geschäftliche Fundament stand, doch die beiden Männer brauchten nun einen Moment unter vier Augen, um die neue Dynamik sacken zu lassen.
„Ich gehe kurz in die Küche zu Graham.“, sagte Nami leise, drückte Kais Hand ein letztes Mal sanft und erhob sich mit einer fließenden Bewegung von der Couch.
„Ich lasse euch beiden Strategen mal kurz allein.“
Als die Tür des Salons leise hinter ihr ins Schloss fiel, herrschte für einen Moment Schweigen.
Hiro lehnte sich in seinem Sessel zurück, strich sich nachdenklich über das Kinn und sah Kai an. Dann stand er auf, trat an die edle Bar im Hintergrund des Raumes und goss zwei Gläser hochwertigen Whiskey ein. Er reichte Kai eines davon, das dieser stumm, aber mit einem respektvollen Nicken entgegennahm.
Hiro hatte schon immer viel von Kai gehalten. Im Gegensatz zu vielen anderen hatte er nie Skepsis bezüglich der Beziehung zu Nami gehegt; er schätzte Kais unbeugsamen Willen, seine Loyalität und seine messerscharfe Art.
Der einzige Punkt, der Hiro im Laufe der Zeit tatsächlich Bauchschmerzen bereitet hatte, war Kais radikale Entscheidung gewesen, niemals Kinder zu wollen. Er hatte gewusst, dass Nami sich irgendwann eine Familie wünschte, und dieser fundamentale Konflikt hatte wie ein unsichtbares Damoklesschwert über der Zukunft der beiden geschwebt.
Doch dieses Problem hatte sich vor wenigen Minuten auf fast schon magische Weise in Luft aufgelöst.
Hiro nahm einen kleinen Schluck aus seinem Glas, fixierte den jungen Mann mit seinen petrolfarbenen Augen und stellte die Frage, die ihm als Vater auf dem Herzen lag: „Bist du enttäuscht, Kai? Enttäuscht, dass dich eine höhere Macht... die Auren eurer Bit-Beasts... jetzt sozusagen dazu zwingt, doch Vater zu werden?“
Kai schwieg. Er starrte auf die goldbraune Flüssigkeit in seinem Glas, während die Rädchen in seinem Kopf arbeiteten. Einem anderen Mann hätte er auf so eine persönliche Frage niemals geantwortet, doch Hiro hatte sich seinen Respekt längst verdient.
„Ich... war geschockt“, begann Kai, und seine Stimme klang bemerkenswert ruhig, fast schon schonungslos ehrlich. Er hob den Blick und sah Hiro direkt in die Augen.
„Und ja… ich gebe tatsächlich zu, dass ich anfangs panisch geworden bin. Voltaire hatte mir eingeimpft, dass das Blut der Hiwataris verflucht ist. Ich hatte Angst, derselbe kalte, rücksichtslose Bastard zu werden wie mein Großvater.“
Er machte eine kurze Pause, und ein seltener, fast weicher Ausdruck stahl sich in seine rubinroten Augen.
„Aber so langsam… akzeptiere ich es. Nein, mehr als das. Ich bin mir sicher, dass ich es schaffen kann. Ich werde der Vater sein, der mir selbst immer gefehlt hat. Ich werde dieses Kind beschützen. Vor allem und jedem.“
Hiro nickte langsam, sichtlich beeindruckt von der Reife des sonst so unnahbaren Champions. Doch Kai war noch nicht fertig. Ein raues, fast schon verlegenes Schmunzeln legte sich auf seine markanten Züge, als er den Blick kurz abwandte.
„Außerdem… wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, kann ich gar nicht mehr sagen, ob ich nicht irgendwann doch von selbst eingeknickt wäre“, gab Kai leise zu, und in seiner Stimme schwang die absolute, bedingungslose Hingabe zu seiner Verlobten mit.
„Ich liebe Nami so sehr, Hiro. Ich hätte die Vasektomie in ein paar Jahren vermutlich ohnehin für sie rückgängig machen lassen, weil ich es nicht ertragen hätte, ihr diesen Wunsch zu verwehren. Und ihre Reaktion… als der Test vor einer Woche tatsächlich positiv war… das Gesicht, das sie gemacht hat, diese reine, ungläubige Freude… das werde ich in meinem ganzen Leben niemals vergessen.“
Hiro lächelte tief zufrieden. Er hob sein Glas und prostete seinem zukünftigen Schwiegersohn zu.
„Dann steht unserem gemeinsamen Feldzug morgen früh ja nichts mehr im Weg. Du kämpfst jetzt nicht mehr für die Trümmer der Vergangenheit, Kai. Du baust ein Imperium für dein Kind.“
Hiro sah Kai einen langen Moment an, während das feierliche Schweigen im Raum lag. Dann stellte er sein Whiskeyglas mit einem vernehmlichen Klack auf dem Holztisch ab und stützte die Hände auf die Knie. Seine petrolfarbenen Augen blitzten gefährlich und enthusiastisch zugleich.
„Kai... ich werde dir nicht nur eine einfache Absichtserklärung für eine Allianz mitgeben“, begann Hiro, und seine Stimme nahm den tiefen, geschäftsmäßigen Ton an, der keinen Widerspruch duldete.
„Ich biete dir heute etwas weitaus Größeres an. Eine vollständige, gleichberechtigte Fusion zwischen Hiwatari Enterprises und Tachibey Industries.“
Kai zog unmerklich eine Augenbraue nach oben, hielt dem Blick seines Schwiegervaters jedoch stand.
„Eine Fusion?“, wiederholte Kai kühl, während sein strategischer Verstand die Tragweite sofort erfasste.
„Genau“, nickte Hiro bestimmt. Er stand auf und trat ans Fenster, den Blick auf den weitläufigen Garten des Ayame-Anwesens gerichtet.
„Wir gründen ein völlig neues Megakonglomerat. Ein neuer Name, eine saubere Struktur, eine absolut reine Weste. Wir tilgen den Namen Hiwatari aus den Registern der Rüstungs- und Kriegstreiber und überführen deine rechtmäßigen Anteile in ein Imperium, das auf zukunftsorientierter Technologie und Fortschritt basiert. Ein gemeinsamer Neustart für dich, für Nami und für euer Kind. Morgen früh um acht Uhr wirst du diesen Geiern im Vorstand nicht nur sagen, dass du ihr Erbe antrittst... du wirst ihnen den fertigen Fusionsvertrag präsentieren, der ihre alten Machtstrukturen mit einem einzigen Federstrich pulverisiert.“
Ein fast schon raubtierhaftes Schmunzeln stahl sich auf Kais Züge. Die Vorstellung, das Erbe Voltaires nicht nur zu verwalten, sondern es komplett zu vernichten und unter neuem Namen, an der Seite der Frau, die er liebte, neu zu erschaffen, war die ultimative Genugtuung.
Hiro sah Kai lauernd an, während der Gedanke an dieses neue Weltimperium spürbar im Raum stand. Das Schmunzeln auf Kais Zügen war Hiro nicht entgangen... er wusste, dass er den jungen Champion genau an seinem wunden Punkt gepackt hatte: dem Verlangen nach absoluter Kontrolle und dem endgültigen Bruch mit der düsteren Hiwatari-Vergangenheit.
„Ich habe mir natürlich auch schon Gedanken über das Branding gemacht“, fuhr Hiro fort, und ein amüsiertes Blitzen trat in seine petrolfarbenen Augen. Er nahm sein Whiskeyglas wieder auf und schwenkte die Flüssigkeit darin sachte hin und her.
„Was hältst du von Tachiwari-Corporation?“
Kai blieb stumm, schmeckte den Namen im Geiste ab und analysierte die Klangfarbe. Er war kurz, prägnant, behielt die messerscharfe Silbe von Tachibey und verschmolz sie nahtlos mit der Wucht von Hiwatari.
Hiro stieß ein leises Schnauben aus und scherzte gut gelaunt weiter:
„Glaub mir, ich habe auch über Tachitari nachgedacht, aber das hört sich einfach nicht rund genug an. Außerdem würden sich die CEOs der ausländischen Firmen in Amerika und Europa bei der Aussprache reihenweise die Zungen verknoten. Das können wir unseren globalen Partnern nicht antun.“
Ein kaum merkliches, aber ehrliches Zucken ging durch Kais Mundwinkel. Hiros trockener Geschäftshumor war eine willkommene Abwechslung zu der bleiernen Schwere der letzten Tage.
Er hob sein eigenes Glas, sah seinen Schwiegervater in spe direkt an und nickte langsam, aber mit einer unerschütterlichen Entschlossenheit.
„Tachiwari-Corporation“, wiederholte Kai mit seiner tiefen, festen Stimme. Der Name klang mächtig, sauber und frei von jeglichem Gift der alten Generation.
„Das klingt nach einem verdammt guten Plan, Hiro. Lass uns den Geiern morgen das Genick brechen.“