Der Zar von Tokio
Der Zar von Tokio
Hiro verlor keine Zeit mehr. Kaum war die Allianz beschlossene Sache, verwandelte sich der geschichtsträchtige kleine Salon des Ayame-Anwesens in eine hochmoderne Kommandozentrale. Per abhörsicherer, verschlüsselter Satellitenleitung ließ der Tachibey-CEO seine absolut loyalsten Top-Juristen und Chef-Analysten mitten in der Nacht aus ihren Betten trommeln.
Bildschirme flimmerten, Dokumente wurden in Sekundenschnelle hin- und hergeschickt, und die dunklen Holzwände des Raumes schienen die kalkulierte Kälte der juristischen Vernichtung regelrecht aufzusaugen.
Nami war vor einer Weile aus der Küche zurückgekehrt. Graham hatte ihr stillschweigend einen beruhigenden Tee zubereitet, und anfangs hatte sie sich noch mit scharfem Verstand an der Formulierung der Fusionsklauseln beteiligt.
Doch je weiter die Zeiger auf der antiken Standuhr des Salons Richtung Mitternacht rückten, desto unerbittlicher forderte ihr Körper seinen Tribut. Die Schwangerschaft, die Erschöpfung der letzten Tage und der immense emotionale Druck ließen ihre Lider bleischwer werden.
Kai, der mit einem Auge ununterbrochen bei ihr war, bemerkte jeden ihrer schwerer werdenden Atemzüge. Er legte eine Hand an ihre Wange, strich mit dem Daumen sanft über ihre Haut und raunte mit seiner tiefen Stimme:
„Geh ins Bett, mein Schatz. Du hast genug getan. Den Rest erledigen Hiro und ich.“
Sie wollte protestieren, doch ihr Körper ließ ihr keine Wahl. Mit einem matten, vertrauensvollen Lächeln verabschiedete sie sich von ihrem Vater, der ihr einen sanften Kuss auf die Stirn drückte, und schlich sich nach oben ins Schlafzimmer.
Die Stunden vergingen wie im Flug. Unten im Salon rauchten die Köpfe. Kai und Hiro analysierten jede potenzielle Lücke, die die alten Geier im Vorstand morgen früh nutzen könnten, und schlossen sie mit eisernem, juristischem Beton.
Jedes Recht auf Mitsprache der Rüstungsfraktion wurde mit dem Fusionsvertrag der Tachiwari-Corporation systematisch pulverisiert. Es war kein Kompromiss, es war eine feindliche Übernahme von innen heraus, gedeckt durch das rechtmäßige Erbe des Hauses Hiwatari.
Es war bereits kurz nach halb drei Uhr morgens, als die Drucker die finalen, unterschriebenen Dokumente ausspuckten. Hiro löste die Krawatte, trank den letzten Schluck Whiskey und sah Kai mit einem müden, aber absolut siegreichen Grinsen an.
„Das war's. Die Schlinge ist geknüpft. Ich fahre jetzt in meine Kanzlei, um die beglaubigten Originale direkt zum Notar schicken zu lassen. Wir sehen uns um Punkt acht Uhr bei Ozu.“
Kai nickte stumm, drückte die Hand seines Schwiegervaters in spe und schloss schließlich die schwere Haustür des Anwesens. Das Haus war in absolute Stille gehüllt.
Oben im Schlafzimmer war das Licht gelöscht, nur das matte Silber des Mondlichts fiel durch die Fenster und tauchte den Raum in eine friedliche Atmosphäre. Nami lag tief in die Kissen gekuschelt und befand sich in einem traumlosen, tiefen Halbschlaf.
Sie spürte die Veränderung im Raum, noch bevor sie sie wirklich hörte. Das leise Knarren der Dielen, der sanfte Luftzug, als die Bettdecke angehoben wurde, und dann die vertraute, intensive Hitze, die Kai immer umgab. Dranzers feurige Energie war auch in seinem Ruhezustand wie ein schützender Kokon.
Kai legte sich lautlos zu ihr ins Bett. Er war erschöpft, doch seine Bewegungen waren von einer tiefen, besitzergreifenden Zärtlichkeit geleitet. Er rutschte näher an sie heran, legte seinen starken Arm um ihre Taille und zog ihren Rücken fest an seine breite Brust.
Seine Hand glitt wie von selbst nach unten und legte sich schützend auf ihren flachen Bauch, genau dorthin, wo das neue Leben in ihr heranwuchs.
Nami atmete tief aus, schmiegte sich unbewusst noch enger in seine Umarmung und vergrub ihr Gesicht an seinem Arm. In der Geborgenheit seiner Nähe verschwanden die letzten Schatten des bevorstehenden Krieges. Sie wusste, dass sie sicher war.
Dass sie beide sicher waren.
Kai vergrub sein Gesicht in ihrem welligen, silbrig-weißen Haar, atmete ihren Duft ein und schloss die roten Augen. Nur noch wenige Stunden trennten ihn vom Jüngsten Gericht... doch während er Nami im Arm hielt, spürte er keine Kälte mehr. Nur noch die absolute, unerschütterliche Entschlossenheit eines Vaters, der sein Imperium verteidigen würde.
Als Nami das nächste Mal die Augen aufschlug, war es genau 7:20 Uhr. Ihr Blick glitt automatisch zur digitalen Anzeige des Weckers auf dem Nachttisch, während sie sich schlaftrunken in den Kissen aufrichtete.
Das helle, frische Licht des Sommermorgens drang bereits durch die Ritzen der Vorhänge, doch die Decke neben ihr war zurückgeschlagen. Das Bett war leer. Kai war bereits aufgestanden.
Ein leiser Funke von Unruhe, gepaart mit Neugierde, vertrieb die letzte Müdigkeit aus ihren Knochen. Sie schlug die Bettdecke beiseite und stand mit leicht flauem Magen auf. Ihr langes, silbrig-weißes Haar floß in welligen, fast lockigen Bahnen an ihr herab, während sie barfuß und im leichten Nachthemd aus dem Schlafzimmer trat, um nachzusehen, ob er das Haus womöglich schon verlassen hatte.
Doch als sie den Flur betrat, hielt sie unwillkürlich den Atem an.
Kai schritt in diesem Moment aus dem gegenüberliegenden Ankleidezimmer. Nami spürte, wie ihr augenblicklich eine intensive Hitze ins Gesicht stieg, und sie errötete leicht bei dem Anblick, der sich ihr bot. Er trug einen perfekt sitzenden, dunkelgrauen Business-Anzug.
Der edle Stoff schmiegte sich makellos an seine breiten Schultern und seine trainierte, athletische Statur an, während das schneeweiße Hemd darunter einen messerscharfen Kontrast bildete. Er wirkte darin so unglaublich erwachsen, mächtig und von einer fast schon gefährlichen Eleganz, dass es ihr schlicht den Atem raubte.
Im ersten Moment bemerkte Kai sie gar nicht.
Seine ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, mit konzentrierten, präzisen Bewegungen seine silbernen Manschettenknöpfe zu richten. Seine Aura strahlte bereits diese unnahbare, eiskalte Alphatier-Mentalität aus, die er für den heutigen Tag brauchte.
Erst wenige Sekunden später, als er die Ärmel glattstrich, spürte er wohl ihre Gegenwart. Er hob den Kopf. Seine rubinroten Augen trafen auf ihren völlig überwältigten, faszinierten Blick.
Als er sah, wie sie dastand... mit geröteten Wangen und weiten Augen..., veränderten sich seine kühlen Züge unmerklich. Ein seltenes, amüsiertes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. Es war nur eine kleine, fast feine Regung, aber sie reichte aus, um Namis Herz einen heftigen, glücklichen Schubs zu geben. Er sah in diesem Outfit einfach so unfassbar attraktiv aus.
Kai tat die wenigen Schritte über den Flur und blieb direkt vor ihr stehen. Er war ein ganzes Stück größer als sie, und seine reine physische Präsenz in diesem Anzug war absolut einnehmend. Er blickte auf sie herab, während das Schmunzeln noch immer in seinen Augen lag.
„Wieso wirst du rot, mein Schatz?“, fragte er mit seiner tiefen Stimme, in der ein unüberhörbarer, sanfter Spott mitschwang. Er neigte den Kopf leicht zur Seite.
„Du hast mich doch schon im Smoking gesehen. Das hier ist auch nichts anderes.“
Nami tat einen Schritt nach vorn, während das Kitzeln in ihrem Bauch sich zu einer wohligen Wärme ausbreitete.
„Schieb es auf die Hormone... “, konterte Nami schmunzelnd, während sie den Kopf leicht in den Nacken legte, um ihn ganz im Blick zu haben.
„Das Baby hat eben jetzt schon einen verdammt exzellenten Geschmack, was seinen Vater angeht.“
Sie hob die Hände, legte sie sanft auf das edle, dunkelgraue Revers seines Sakkos und strich den feinen Stoff mit einer langsamen, fließenden Bewegung glatt. Dabei spürte sie die harten, trainierten Muskeln darunter, die sich unter der eleganten Hülle verbargen.
„Ein Smoking ist für Feste, Kai. Den kenne ich bereits... “, fuhr sie leiser fort, und ihre ozeanfarbenen Augen suchten seine rubinroten.
„Aber das hier… ich habe dich noch nie in einem Business-Anzug gesehen. Es ist etwas völlig anderes. Du verströmst diese pure, gefährliche Autorität. Du siehst aus wie der absolut attraktivste, mächtigste CEO, den diese Wirtschaftswelt je gesehen hat.“
Ein tiefes, besitzergreifendes Funkeln trat in ihren Blick, als sie ein kleines Stück näher an ihn herantrat, sodass ihr langes, silbrig-weißes Haar sich sanft gegen seinen Anzug schmiegte. Ein stolzes, fast schon freches Grinsen stahl sich auf ihre Lippen.
„Und das Beste daran ist… dieser sexy CEO gehört ganz allein mir. Wie soll ich da bitte nicht rot werden, wenn du um halb 8 Uhr morgens schon so unverschämt gut aussiehst, während ich hier stehe und mein Haar aussieht, als hätte ich mit einem Hurrikan gekämpft?“
Kais Schmunzeln vertiefte sich, und seine Augen verengten sich zu einem Blick voller ungesagter Versprechen. Es genoss es sichtlich, wie selbstbewusst und gleichzeitig voller Hingabe sie ihr Revier markierte. Er legte seine großen Hände an ihre Taille, zog sie noch ein Stück enger an sich und genoss das vertraute Gefühl ihrer Nähe vor dem großen Sturm.
Das intensive Gefühl, das in diesem Moment in seiner Brust aufstieg, war Kai vor mehr als einem Jahr noch vollkommen fremd... und doch fühlte es sich mittlerweile erschreckend richtig und vertraut an. Es war die nackte, süße Erkenntnis, zutiefst geschmeichelt zu sein.
Vor Nami hatte Kai so etwas weder gekannt noch jemals zugelassen. In der brutalen, eisigen Welt der Abtei und unter Voltaires sadistischer Erziehung war jede Form von Lob oder Bewunderung stets an eine Bedingung geknüpft gewesen.
Es war entweder ein manipulierendes Werkzeug, um ihn gefügig zu machen, oder das strategische Kalkül von Konkurrenten gewesen, die ihm Honig ums Maul schmierten, während sie das Messer hinter dem Rücken bereithielten.
Für den alten Kai war Anerkennung ein Warnsignal gewesen... eine Einladung, die Mauern noch höher zu ziehen und die Klinge noch schärfer zu schleifen.
Doch hier, im gedämpften Licht des Flurs, während Namis Hände auf seinem Revers lagen und sie ihn mit diesem stolzen, besitzergreifenden Blick ansah, gab es keine Mauern.
Es gab keine versteckten Absichten, keine Erpressung und kein Gift. Ihre Worte waren pure, ungefilterte Anziehung und die ehrliche Bewunderung der Frau, die ihn besser kannte als jeder andere Mensch auf diesem Planeten.
Zu wissen, dass er diese absolute Macht und Attraktivität auf sie ausübte... dass dieser unnahbare, unbesiegbare Champion und zukünftige CEO mit all seiner gefährlichen Autorität in ihren Augen nur ihr ganz allein gehörte... , ließ seinen stolzen Phönix im Inneren wohlig schnurren.
Es war ein zutiefst menschliches, warmes Gefühl von Bestätigung, das nichts mit dem harten Applaus einer Bey-Arena zu tun hatte. Kai genoss es in vollen Zügen, auch wenn er es niemals in Worte gefasst hätte.
Seine Hände an ihrer Taille drückten eine Nuance fester zu, als würde er schweigend besiegeln, dass sie mit jedem einzelnen Wort absolut recht hatte.
Nami neigte den Kopf ein kleines Stück weiter nach oben, die ozeanfarbenen Augen leicht verschleiert, während ihr Blick von seinen Augen zu seinen Lippen wanderte. Es war eine feine, minimale Geste, doch Kai verstand ihre stumme Bitte im Bruchteil einer Sekunde. Er brauchte keine Worte, um zu wissen, was sie brauchte... und was er selbst brauchte, bevor er in diese wirtschaftliche Schlacht zog.
Er beugte sich hinab, schloss die Augen und legte seine Lippen auf ihre. Der Kuss war nicht flüchtig, sondern tief, intensiv und voller besitzergreifender Leidenschaft. Seine Hände an ihrer Taille zogen sie noch ein Stück fester gegen seinen Körper, als wolle er ihre Wärme, ihren Duft und ihre unerschütterliche Energie tief in sich aufsaugen, um sie als Schild mitzunehmen.
Es war ein Versprechen, das stumm zwischen ihnen vibrierte:
~Egal was kommt, ich kehre zu dir zurück~
Als er sich schließlich langsam von ihr löste, blieb seine Stirn noch für einen Moment an ihrer lehnen. Sein Atem ging eine Nuance schneller, und als er die roten Augen öffnete, lag darin eine beschützerische Ernsthaftigkeit.
„Übernimm dich heute nicht“, sagte er mit seiner tiefen, rauen Bassstimme, während sein Blick kurz zu ihrem flachen Bauch hinabglitt und dann wieder in ihre Augen wanderte. Seine Stimme duldete keinen Widerspruch, war aber von einer seltenen Sanftheit durchwoben.
„Ruh dich aus. Ich sehe zu, dass ich so schnell wie möglich wieder hier bin.“
Nami lächelte, und das anfängliche Erröten auf ihren Wangen wich einem absolut selbstbewussten, fast schon triumphalen Strahlen. Sie löste ihre Hände von seinem Sakko, strich ihm noch einmal über die Schulter und verpasste ihm einen sanften, motivierenden Schubs.
„Mach dir um mich keine Sorgen, mein Schatz.“, erwiderte sie, und ein gefährlich-amüsiertes Blitzen trat in ihre ozeanfarbenen Augen, das perfekt zu der Strategie passte, die sie gestern geschmiedet hatten.
„Sieh einfach zu, dass du dir da draußen dein Imperium holst. Geh und lehr den alten Sauriern im Vorstand das Fürchten, Herr CEO.“
Etwa 20 Minuten später...
Der Konferenzraum der renommierten Kanzlei Ozu im Herzen von Tokio verströmte die kühle, sterile Arroganz von purem, altem Geld. Der Boden war mit tiefem, smaragdgrünem Teppich ausgelegt, die Wände mit makellosem Mahagoni vertäfelt.
In der Mitte des Raumes thronte ein gewaltiger, hochglanzpolierter Eichentisch, an dem die vier mächtigsten und zugleich skrupellosesten Männer von Hiwatari Enterprises Platz genommen hatten.
Es war genau 7:55 Uhr. Der Raum war erfüllt vom leisen Klirren von feinstem Porzellan und dem dichten, schweren Geruch von teuren kubanischen Zigarren, den die alten Vorstandsmitglieder sich ungeniert erlaubten, obwohl das Rauchen hier strengstens untersagt war. Sie tranken Kaffee, prüften ihre goldenen Armbanduhren und blickten mit einer Mischung aus gieriger Vorfreude und absoluter Siegessicherheit in die Runde.
„Der Junge lässt auf sich warten“, stellte Masamune Ishikawa fest, ein fülliger Mann mit schütterem Haar und einem maßgeschneiderten, aber spürbar spannenden Anzug.
Er war der Kopf der rüstungsorientierten Fraktion im Aufsichtsrat. Ein hämisches Grinsen verzog seine faltigen Züge, während er die Asche seiner Zigarre lässig auf den Unterteller abstreifte.
„Wahrscheinlich sucht er noch immer nach einer Klausel, die ihn vor dem Ruin rettet. Siebzehn Tage bis zur Selbstzerschlagung... Sojiro hat uns mit diesem Testament das perfekte Abschiedsgeschenk hinterlassen.“
Kentaro Asakawa, ein etwas jüngerer, aber nicht minder arroganter Vorstand, lachte leise auf und strich sich mit einer selbstgefälligen Bewegung über die Krawatte.
„Was habt ihr von Voltaires Bastard auch anderes erwartet, Ishikawa? Er ist ein Junge, der Kreisel in einer Plastikschüssel dreht. Er hat keine Ahnung, wie man ein globales Wirtschaftsimperium führt. Heute wird er hier zitternd sitzen und den Untergang seines Namens unterschreiben.“
„Unterschreiben oder untergehen, etwas anderes bleibt ihm nicht übrig“, warf Daichi Kuroda ein, der Finanzchef des Vorstands. Er rückte seine rahmenlose Brille zurecht und blickte mit kalten, berechnenden Augen auf die ausgedruckten Bilanzen vor sich.
„Ich habe die Zahlen dreimal geprüft. Ohne unsere Zustimmung für eine Neuausrichtung ist die Liquidität in zwei Wochen eingefroren. Er wird betteln, dass wir ihm seine Anteile abnehmen.“
Ryota Tanaka, das älteste Vorstandsmitglied, der schon zu Voltaires Zeiten die schmutzigsten Rüstungsdeals im Hintergrund gefädelt hatte, stieß eine dichte Rauchwolke aus und lehnte sich tief in seinen Sessel zurück. Seine Stimme klang wie Schmirgelpapier.
„Wir filetieren seine Anteile noch vor der Mittagspause, meine Herren. Sobald der Bengel entmachtet ist, führen wir die Rüstungsgeschäfte über unsere eigenen, verdeckten Kanäle in Europa und Amerika weiter. Da kann dieser kleine Champion sich auf den Kopf stellen.“
Am Kopfende des Tisches saß Anwalt Ozu. Seine Miene war absolut neutral, fast schon versteinert, während er die Akten vor sich ordnete. Er beteiligte sich nicht an dem schmutzigen Schautheater der vier Männer, doch er tat auch nichts, um sie einzubremsen.
Die Zeiger der großen Wanduhr sprangen mit einem metallischen Klack auf Punkt 08:00 Uhr.
Genau in diesem Wimpernschlag flog die schwere, zweiflügelige Flügeltür des Konferenzraums nicht nur auf... sie schwang mit einer solchen Wucht auf, dass die Luft im Raum schlagartig abkühlte
Das arrogante, selbstgefällige Lachen im Raum erstarb im Bruchteil einer Sekunde.
Kai Hiwatari trat ein. Er würdigte keinen der anwesenden Männer auch nur eines einzigen Blickes. Seine Aura war von einer so eisigen, schneidenden Intensität, dass einige der älteren Vorstände unwillkürlich die Wirbelsäule durchstreckten.
In seinem perfekt sitzenden, dunkelgrauen Business-Anzug wirkte er nicht mehr wie ein 20-jähriger junger Mann, sondern wie der personifizierte Tod für ihre Karriere. Seine rubinroten Augen blitzten voller eiskalter Verachtung.
Doch er war nicht allein.
Direkt hinter ihm schritt Hiro Tachiba in den Raum. Der mächtige CEO von Tachibey Industries strahlte die unerschütterliche, erhabene Macht eines absoluten Alpha-Wirtschaftsgiganten aus.
Seine petrolfarbenen Augen fixierten die Runde wie ein Raubvogel seine Beute. Flankiert wurden die beiden von einer ganzen Phalanx der fähigsten, teuersten und unerbittlichsten Top-Juristen des gesamten Landes, die alle schwere, edle Lederaktenkoffer trugen.
Das Entsetzen, das sich auf den Gesichtern der Vorstandsmitglieder breitete, war fast schon greifbar. Die Zigarre des Wortführers fiel mit einem leisen Aschenschnitt auf den hochglanzpolierten Tisch.
„T-Tachiba…?“, stammelte einer der älteren Saurier, während ihm jegliche Gesichtsfarbe entwich.
„Was hat Tachibey Industries bei einer internen Nachlassregelung der Hiwataris zu suchen?! Ozu, schmeißen Sie diese Leute raus!“
Anwalt Ozu erhob sich langsam, doch auf seinem Gesicht spiegelte sich kein Entsetzen wider, sondern der tiefe, professionelle Respekt eines Mannes, der wusste, dass das Spiel soeben vorbei war.
„Ich fürchte, das kann ich nicht, meine Herren. Mr. Tachiba ist auf ausdrücklichen Wunsch des rechtmäßigen Erben hier.“
Kai ging bis zum Ende des Tisches, zog mit einer fließenden, absolut kontrollierten Bewegung den schweren Ledersessel zurück und nahm Platz. Er lehnte sich nicht zurück, sondern stützte die Unterarme auf die Tischkante und fixierte die Runde.
Noch bevor Anwalt Ozu überhaupt das Wort ergreifen oder die Testamentseröffnung offiziell beginnen konnte, machte Kai eine kurze, präzise Handbewegung in Richtung eines seiner Anwälte.
Mit einem dumpfen, schweren Knall landete ein dickes, edel gebundenes Dokumentenkonvolut genau in der Mitte des Eichentischs. Auf dem Deckblatt prangte in messerscharfen, silbernen Buchstaben ein Name, den keiner der anwesenden Männer jemals zuvor gehört hatte, dessen Implikation sie jedoch wie ein physischer Schlag traf:
TACHIWARI-CORPORATION
„Wir können das Ganze abkürzen, meine Herren“, begann Kai. Seine tiefe, raue Bassstimme schnitt durch die bleierne Stille des Raumes wie ein Skalpell. Ein raubtierhaftes, eiskaltes Schmunzeln stahl sich auf seine markanten Züge.
„Hiwatari Enterprises existiert seit genau fünf Minuten nicht mehr. Sie blicken hier auf den rechtsgültigen Fusionsvertrag eines neuen Weltkonzerns. Und das Erste, was die Tachiwari-Corporation heute tut... ist, das alte Gift zu entsorgen. Sie alle sind mit sofortiger Wirkung fristlos entlassen.“
Als der Name TACHIWARI-CORPORATION wie eine Guillotine auf den hochglanzpolierten Eichentisch krachte, schien für einige Sekunden der Sauerstoff aus dem Raum gesaugt zu werden. Das dichte Zigarrenaroma wirkte plötzlich erstickend.
Es war Ishikawa, dessen Gesicht als Erstes von einem hämischen Rot in ein ungesundes Aschgrau wechselte. Er starrte auf das Dokumentenkonvolut, als handele es sich um eine tickende Bombe. Seine Finger zitterten so heftig, dass die Glut seiner Zigarre auf seine teuren Bilanzen fiel und ein winziges, unbemerktes Brandloch in das Papier fraß.
„Das… das ist billiger Bluff!“, stieß Ishikawa schließlich hervor. Seine Stimme überschlug sich fast vor Wut und ungläubigem Entsetzen. Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und sah wild in die Runde der Anwälte.
„Eine Fusion?! Ohne die Zustimmung des Aufsichtsrats ist jede strukturelle Veränderung von Hiwatari Enterprises illegal! Wir sind die gewählten Vertreter der Rüstungsfraktion, du arroganter Bengel! Du kannst uns nicht einfach entlassen!“
Kuroda, der Finanzchef, versuchte verzweifelt, seine professionelle Fassung zu wahren. Er schob sich die Brille mit dem Zeigefinger nervös auf die Nasenspitze, während seine Augen hektisch über die erste Seite des Fusionsvertrags flogen. Seine mathematische Logik suchte nach einem Rettungsanker, doch je weiter er las, desto blasser wurde er.
„Ishikawa… schweig“, flüsterte Kuroda mit brüchiger Stimme. Er spürte, wie ihm der kalte Schweiß den Nacken hinunterlief.
„Es ist kein Bluff. Sieh dir die Stempel an. Das sind die Siegel der obersten Finanzaufsicht und des Wirtschaftsministeriums. Beglaubigt heute Morgen um 06:15 Uhr.“
„Was?!“, herrschte Asakawa ihn an. Er sprang so abrupt von seinem Stuhl auf, dass dieser krachend nach hinten gegen die Mahagoniwand flog. Er fixierte Kai mit hasserfüllten Augen.
„Das ist unmöglich! Eine Fusion dieser Größenordnung braucht Monate der Prüfung! Wie zum Teufel habt ihr das in einer einzigen Nacht durchgezogen?!“
Jetzt war es Hiro Tachiba, der sich mit eleganter Gelassenheit in seinen Sessel zurücklehnte. Ein unendlich amüsiertes, fast schon mitleidiges Lächeln lag auf den markanten Zügen des Alpha-CEOs.
Er verschränkte die Finger vor der Brust und sah die vier Männer der Reihe nach an, als wären sie lästige Insekten, die man gleich zerquetschen würde.
„Monate, Mr. Asakawa?“, fragte Hiro, und seine Stimme war so weich und doch so schneidend wie Seide.
„Für unfähige Saurier wie Sie vielleicht. Aber wie ich bereits gestern Abend feststellte: Ich habe die Marktanalysen und die strategischen Pläne für eine feindliche Übernahme von Hiwatari Enterprises seit dem Tag von Voltaires Sturz fix und fertig in meiner Schublade liegen. Wir mussten heute Nacht lediglich Kais rechtmäßige, uneingeschränkte Rechtsnachfolge als Haupteigentümer einpflegen. Durch Sojiros Tod hält Kai die absolute Mehrheit der Stammaktien. Er braucht Ihre Zustimmung für eine Fusion nicht. Er besitzt den Laden.“
Tanaka, der älteste der Geier, rührte sich als Einziger nicht. Er saß starr da, die Zigarre kalt im Mundwinkel. Seine Augen, die jahrzehntelang das System der Hiwataris durchschaut hatten, wanderten von Hiro zu Kai. Er begriff als Erster, dass es hier nicht nur um Geld ging. Das hier war die endgültige, rituelle Hinrichtung der alten Garde.
„Du vernichtest das Erbe deines Großvaters, Junge“, krächzte Tanaka, und seine Stimme klang bitterer denn je.
„Die Rüstungsverträge in Europa und Amerika… sie brechen heute alle weg. Du wirfst Milliarden weg, nur für eine saubere Weste?“
Kai, der bis zu diesem Moment vollkommen regungslos dagessensah, hob langsam den Blick. Seine rubinroten Augen bohrten sich mit einer so eiskalten, mörderischen Intensität in Tanaka, dass der alte Mann unwillkürlich den Atem anhielt. Dranzers feurige Präsenz schien die Luft im Raum spürbar flimmern zu lassen, heiß und unerbittlich.
„Das Erbe Voltaires war kein Imperium, Tanaka. Es war eine Schande“, erwiderte Kai. Seine tiefe Bassstimme besaß die Wucht eines Schlags vor die Brust.
„Ich verwalte die Trümmer der Vergangenheit nicht länger. Ich habe sie heute Nacht pulverisiert. Die Tachiwari-Corporation baut auf Technologie, Fortschritt und sauberer Zukunft. Das Gift, mit dem ihr euch die Taschen gefüllt habt, endet hier und jetzt. Ihre Kontenkarten und Zugangsberechtigungen für die Firmenzentrale wurden vor genau drei Minuten gesperrt“, fügte Kai mit eisiger Endgültigkeit hinzu.
Er blickte nicht einmal mehr zu den vier geschlagenen Männern, sondern sah direkt zu Anwalt Ozu.
„Ozu, das Treffen ist beendet. Packen Sie die Fusionsdokumente ein. Wir haben in der neuen Zentrale der Tachiwari-Corporation zu tun.“
Ishikawa wollte noch einmal ansetzen, der Mund halb geöffnet vor ohnmächtiger Wut, doch das arrogante Aufbegehren starb auf seinen Lippen.
Kai wartete keine Sekunde länger auf eine Antwort. Er drehte sich um, knöpfte sein dunkelgraues Sakko mit einer fließenden Bewegung zu und schritt als Erster wortlos an den vier Männern vorbei zur Flügeltür. Hiro folgte ihm mit einem eleganten, spöttischen Nicken in die Runde, während die Phalanx der Tachibey-Anwälte synchron ihre Koffer schloss und sich in Bewegung setzte.
Sie ließen die vier gestürzten Saurier des Vorstands einfach schockiert und völlig bedeutungslos an dem riesigen Eichentisch zurück... wie Relikte einer vergangenen Epoche, um die sich ab jetzt niemand mehr kümmerte.
Als sie den sterilen Flur der Kanzlei betraten und auf die Aufzüge zugingen, atmete Hiro tief aus und brach in ein leises, absolut zufriedenes Lachen aus.
„Das, mein lieber Kai, war ein verdammt gelungener Start in den Arbeitstag. Das Gesicht von Ishikawa wird mich noch wochenlang erheitern.“
Kai sah auf die eleganten Fahrstuhltüren aus gebürstetem Edelstahl vor sich, in denen sich sein dunkelgrauer Anzug spiegelte.
Er hatte sein Wort gehalten. Die Saurier waren Geschichte. Das Imperium für seine Familie war geboren.
Die sengende Hitze des späten Juni-Vormittags legte sich wie ein schwerer, goldener Schleier über die Außenbezirke der Metropole, doch im weitläufigen Garten des Ayame-Anwesens war davon kaum etwas zu spüren. Unter dem im klassizistischen Stil erbauten weißen Holzpavillon, der von üppig blühenden, petrolfarbenen und violetten Schwertlilien umgeben war, herrschte eine angenehme, kühle Brise.
Nami saß elegant in einem der großen bequemen Korbsessel. Sie hatte die Beine angewinkelt und strich sich abgelenkt eine Strähne ihres silbrig-weißen Haares hinter das Ohr.
Das flaue Gefühl, das sie nach dem Aufwachen in der Magengegend verspürt hatte, war dank der frischen Luft und der absoluten Stille des Parks vollkommen verflogen. Ihre linke Hand ruhte flach und schützend auf ihrem Bauch. Es regte sich noch kein sichtbares Leben, und doch fühlte sich die Welt seit einiger Zeit völlig verändert an. Das Wissen, dass in ihr ein neues Leben heranwuchs...ein Kind von ihr und Kai... erfüllte sie mit einer tiefen, fast ehrfürchtigen Ruhe.
Das leise, beinahe lautlose Knirschen von Kieselsteinen riss sie sanft aus ihren Gedanken.
Graham näherte sich mit der ihm eigenen, unerschütterlichen Haltung. Der treue britische Butler balancierte ein silbernes Tablett auf einer Hand, auf dem eine frische Kanne Jasmintee und eine feine Porzellantasse dampften.
Doch neben dem Gedeck lag ein hochmodernes, flaches Tablet.
Nami blickte auf und lächelte matt.
„Danke, Graham. Aber was führt dich mit einem Bildschirm zu mir? Ich dachte, du ziehst die gedruckte Morgenzeitung vor.“
„In der Regel ja, My Lady“, erwiderte Graham mit seiner tiefen, angenehm distanzierten Stimme, während er das Tablett auf dem kleinen Eisentisch abstellte.
Er goss den Tee mit einer präzisen Bewegung ein, ehe er das Tablet in die Hand nahm. Seine grauen Augen blitzten kurz auf.
„Doch die Ereignisse in der Innenstadt überschlagen sich in einer Geschwindigkeit, die das Druckwesen schlichtweg überfordert. Ich dachte mir, dass Sie dieses Live-Segment der Wirtschaftsnachrichten brennend interessieren dürfte.“
Mit einem eleganten Fingertipp startete er die Übertragung und reichte Nami das Gerät.
Auf dem Bildschirm flimmerten die hellen Scheinwerfer von Dutzenden Fernsehkameras. Die Live-Schaltung zeigte die monumentalen Stufen der Kanzlei Ozu im Finanzdistrikt von Tokio. Ein riesiges Aufgebot an Reportern, Fotografen und Schaulustigen drängte sich hinter den Absperrungen, während die Blitzlichter wie ein wildes Sommergewitter zuckten.
Genau in diesem Moment öffnete sich die schwere Glastür der Kanzlei.
Kai trat heraus.
Nami hielt unwillkürlich den Atem an. Selbst durch den kleinen Bildschirm hindurch war seine physische Präsenz absolut atemberaubend. Der dunkelgraue Business-Anzug saß wie eine Rüstung, während er mit unnahbarer, eiskalter Miene die Stufen hinabschritt, ohne die johlenden Reporter auch nur eines Blickes zu würdigen.
Direkt hinter ihm folgte ihr Vater Hiro Tachiba, der den Journalisten ein siegessicheres, aristokratisches Lächeln schenkte, flankiert von einer Schar aus Anwälten.
Die Stimme der Nachrichtensprecherin aus den Lautsprechern des Tablets klang beinahe atemlos, getrieben von der schieren Sensation dieses Morgens:
„...wir unterbrechen unser laufendes Programm für diese Eilmeldung aus dem Chiyoda-Bezirk. Es ist das größte wirtschaftliche Erdbeben des Jahrzehnts! Völlig überraschend wurde vor wenigen Minuten die offizielle Fusion von Hiwatari Enterprises und Tachibey Industries zur neuen ‚Tachiwari-Corporation‘ bekannt gegeben. Der gesamte rüstungsorientierte Vorstand wurde mit sofortiger Wirkung entmachtet und fristlos entlassen. Kai Hiwatari, der junge Erbe des Imperiums, bricht radikal mit der düsteren Vergangenheit seines Großvaters Voltaire. Mit eisernen Reformen und einer unbarmherzigen Härte hat er in nur einer einzigen Nacht die alte Garde pulverisiert. Die Medien und die Börse sind sich bereits einig: In Japan ist heute ein neuer, unumschränkter Herrscher der Wirtschaft geboren. Man nennt ihn bereits ehrfürchtig... den Zaren von Tokio...“
Das Bild schwenkte auf eine Nahaufnahme von Kais Gesicht, kurz bevor er in den Fond der schwarzen Limousine stieg. Seine rubinroten Augen blitzten ein letztes Mal gefährlich im Kameralicht auf, ehe die getönte Scheibe hochfuhr.
Nami starrte noch einen Moment auf das eingefrorene Bild, dann glitt ein unendlich stolzes, amüsiertes Schmunzeln auf ihre Lippen. Sie senkte den Blick zu ihrem flachen Bauch und strich mit dem Daumen sanft über den Stoff ihres Kleides.
~Siehst du?~, dachte sie voller Wärme.
~Dein Vater beherrscht bereits die ganze Stadt~
Sie reichte Graham das Tablet zurück, während ihr Schmunzeln zu einem frechen, tief zufriedenen Grinsen wurde.
„Der Zar von Tokio…“, murmelte sie leise, und der Klang der Worte schien wie Musik in der warmen Sommerluft zu hängen.
„Ich muss zugeben, dieser Titel hört sich gar nicht mal so… schlecht an.“
Graham nahm das Gerät mit einer leichten, respektvollen Verbeugung entgegen. Seine Miene blieb wie gewohnt vollkommen ungerührt, eine Maske britischer Diskretion, doch in seinen Augen lag ein unüberhörbarer Stolz.
„In der Tat, My Lady“, stimmete Graham trocken und mit perfekt dosiertem Humor zu.
„Ein äußerst passender Titel für Seine Lordschaft. Ich werde umgehend die Küche anweisen, den Speiseplan für das Abendessen anzupassen. Ein Zar gibt sich schließlich ungern mit gewöhnlicher Hausmannskost zufrieden. Und wir sollten vermutlich baldmöglichst prüfen, ob die Palastwachen an den Toren des Anwesens neue, angemessen imperiale Uniformen benötigen.“
Nami lachte leise auf. In der idyllischen Ruhe des Gartens wusste sie, dass der Krieg gewonnen war.
Das Imperium stand... und es gehörte ihnen allein.