Nach dem Sturm
Nach dem Sturm
Das Tosen des Finanzdistrikts von Tokio schien vor der monumentalen Glas- und Stahlfassade der Konzernzentrale in einem einzigen, ohrenbetäubenden Wellenbrecher aus Medienrummel zu gipfeln.
Als die schwere, tiefschwarze Limousine direkt vor den breiten Stufen des Haupteingangs zum Stehen kam, schwoll das Raunen der wartenden Menschenmenge zu einem regelrechten Orkan an. Hunderte Journalisten, Kamerateams und Fotografen belagerten die Sicherheitsabsperrungen.
Der Chauffeur eilte nach vorn und öffnete die Wagentür.
Kai Hiwatari trat auf den Asphalt. Im selben Wimpernschlag zuckte ein derart grelles Gewitter aus Hunderten synchron feuernden Kamerablitzlichtern auf, dass es die Mittagssonne für einen Moment vollständig verblassen ließ. Mikrofone wurden über die Köpfe der Sicherheitskräfte hinweg nach vorn gereckt, während die Reporter durcheinanderbrüllten, um auch nur ein einziges Wort von dem Mann zu erhaschen, der das Wirtschaftsimperium in einer einzigen Nacht in den Grundfesten erschüttert hatte.
„Mr. Hiwatari! Ist das Gerücht über das vollständige Ende der Rüstungssparte wahr?!“
„Stimmt es, dass Sie den gesamten Vorstand fristlos entlassen haben?!“
„Mr. Hiwatari, ein Kommentar zum Titel ‚Der Zar von Tokio‘?!“
Kai würdigte die schreiende Meute keines einzigen Blickes. Seine Miene war eine Maske aus absolutem, unnahbarem Granit, seine rubinroten Augen spiegelten nichts als eiskalte Fokussierung wider. Er trug die edle Lederaktentasche in der linken Hand, während er die rechte lässig in der Hosentasche seines perfekt sitzenden, dunkelgrauen Business-Anzugs vergraben hatte.
Mit einer beispiellosen, raubtierhaften Eleganz schritt er die monumentalen Stufen hinauf. Seine reine physische Präsenz und die unbändige, im Verborgenen lauernde Aura des Phönix reichten aus, um die Reporter instinktiv ein Stück zurückweichen zu lassen.
Direkt an seiner Seite ging Hiro Tachiba.
Der erfahrene CEO von Tachibey Industries genoss das Spektakel sichtlich. Er strahlte die vollkommene Gelassenheit eines Mannes aus, der das Rampenlicht nicht nur gewohnt war, sondern es wie ein Instrument zu bespielen wusste. Mit einem aristokratischen, perfekt kalkulierten Lächeln nickte er den Fotografen zu, während die Phalanx ihrer Top-Juristen hinter ihnen wie eine unüberwindbare Schutzmauer fungierte.
Als sie das oberste Podest der Treppe erreichten und nur noch wenige Schritte von den schweren, bodentiefen gläsernen Flügeltüren des Haupteingangs entfernt waren, verlangsamte Kai seinen Schritt unmerklich.
Er neigte den Kopf leicht zur Seite und warf Hiro aus dem Augenwinkel einen mörderischen, düsteren Seitenblick zu. Seine tiefe Stimme war leise, besaß jedoch genug schneidende Schärfe, um das Tosen hinter ihnen für einen Moment zu durchdringen.
„Ist dieses verdammte Medientheater eigentlich auf deinem Mist gewachsen, Tachiba?“, raunte Kai ihm finster zu.
Hiro hielt nicht an, doch ein tiefes, absolut amüsiertes Lachen drang aus seiner Kehle. Er sah kurz zu seinem zukünftigen Schwiegersohn und klopfte ihm mit einer Mischung aus kameradschaftlichem Respekt und der lockeren Autorität eines erfahrenen Mentors auf die Schulter.
„Natürlich ist es das, Kai“, erwiderte Hiro lächelnd, ohne sein professionelles Gesicht für die Kameras zu verlieren. Er sprach leise, während sie auf die sich automatisch öffnenden Glastüren zugingen.
„Das gehört zu diesem Geschäft einfach dazu. Ich weiß, du bist nicht gerade scharf auf diese Art von Aufmerksamkeit, aber die Wirtschaftswelt da draußen muss heute nicht nur Zahlen sehen. Sie müssen sehen, wer ab heute dieses Imperium führt. Sie müssen den Mann sehen, der die alten Saurier ohne mit der Wimper zu zucken exekutiert hat.“
In diesem Moment durchschritten sie die gläserne Schwelle, und die schweren Türen glitten hinter ihnen mit einem dumpfen, vakuumartigen Plopp ins Schloss.
Schlagartig war der ohrenbetäubende Lärm der Presse wie abgeschnitten. Es herrschte eine fast schon sakrale, eiskalte Stille in der gigantischen, marmorierten Empfangshalle.
Die gesamte Belegschaft... von den Empfangsdamen über die Abteilungsleiter bis hin zu den Sicherheitskräften des Gebäudes... stand in zwei perfekten, strammen Reihen Spalier. Keiner wagte es zu atmen. Jeder Blick war auf den 20-jährigen Kai gerichtet, der nun offiziell ihr oberster Herrscher war.
Kai strich sich mit einer kurzen, präzisen Bewegung das Revers seines dunkelgrauen Sakkos glatt, während sein Blick kalt über die ehrfürchtigen Gesichter der Angestellten glitt.
Das Amüsieren in Hiros Augen war verflogen und hatte der kühlen Ernsthaftigkeit des Alpha-CEOs Platz gemacht.
„Sie haben es gehört, meine Herren und Damen“, verkündete Hiro mit lauter, tragender Stimme, die durch die weite Halle hallte.
„Ab heute weht hier ein neuer Wind. Bereiten Sie den großen Konferenzraum vor. Die Tachiwari-Corporation übernimmt ab dieser Sekunde das Kommando.“
Kai wartete die Demutsbekundungen der Angestellten gar nicht erst ab. Er schritt zielstrebig auf den gläsernen Panorama-Aufzug zu, der sie direkt in das Allerheiligste in der obersten Etage bringen würde.
Er spürte den Triumph dieses Moments, doch tief im Inneren war es nicht die Macht über diese Firma, die sein Herz höherschlagen ließ. Es war das Wissen, dass er das Versprechen, das er Nami heute Morgen gegeben hatte, mit jedem einzelnen Schritt einlöste.
Der gläserne Panorama-Aufzug glitt wenig später mit einem fast lautlosen Summen in die oberste Etage des Wolkenkratzers. Als sich die Türen öffneten, betraten Kai und Hiro das Allerheiligste des Gebäudes... das gigantische, luxuriöse Eckbüro, von dem aus Voltaire Hiwatari jahrzehntelang sein düsteres Rüstungsimperium mit eiserner Faust regiert hatte.
Der Raum war überwältigend. Bodentiefe Fensterfronten boten einen atemberaubenden 180-Grad-Blick über die schier endlose Skyline von Tokio. Der Boden war mit edlem, dunklem Parkett ausgelegt, und im Zentrum thronte ein gewaltiger, maßgefertigter Schreibtisch aus schwarzem Marmor.
Es war ein Ort, der pure, einschüchternde Macht demonstrieren sollte. Doch für Kai verströmte dieser Raum vor allem die Geister einer kalten, grausamen Vergangenheit.
Kai schritt ohne Zögern an dem riesigen Schreibtisch vorbei und trat direkt an die Fensterfront.
Er legte seine Aktentasche ab, vergrub die Hände in den Hosentaschen seines dunkelgrauen Anzugs und blickte schweigend hinab auf die Stadt. Die Reporter unten auf den Stufen wirkten aus dieser Höhe wie winzige Ameisen.
Hiro schloss die massive Holztür hinter sich, lockerte mit einer eleganten Bewegung seine Krawatte und trat an die integrierte Bar des Büros. Er goss sich und Kai ein Glas kaltes Wasser ein, brachte sie herüber, reichte Kai eines davon und legte gleichzeitig die schlanke Ledermappe mit den finalen Dokumenten auf den schwarzen Marmor.
„Ein geschichtsträchtiger Moment“, stellte Hiro fest, während sein Blick anerkennend über die breiten Schultern seines zukünftigen Schwiegersohns glitt.
„Voltaire würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass du jetzt doch hier stehst. Aber viel wichtiger ist: Sojiros Testament ist endgültig ausgehebelt. Wir haben den Geiern im Vorstand genau das Fundament unter den Füßen weggezogen, das sie heute Morgen gegen dich verwenden wollten.“
Kai nahm das Glas entgegen, trank einen kleinen Schluck und drehte sich langsam um. Seine rubinroten Augen blitzten vor unerschütterlicher Entschlossenheit. Er ging zum Schreibtisch, zog den schweren Ledersessel zurück und nahm Platz. Als er sich leicht nach vorne lehnte und die Unterarme auf der kühlen Oberfläche ablegte, strömte er eine so natürliche, gefährliche Autorität aus, dass man meinen könnte, er hätte nie etwas anderes getan, als einen Weltkonzern zu leiten.
Er schlug die Mappe auf. Es war genau der Vertrag, den sie letzte Nacht im Ayame-Anwesen Wort für Wort, Klausel für Klausel in hiebundstichfesten Beton gegossen hatten.
Beim Überfliegen der sauber gedruckten Zeilen spürte Kai eine tiefe Befriedigung. Das Papier besiegelte die totale Umstrukturierung.
Das Hauptgeschäft der neuen Tachiwari-Corporation würde ab sofort in enger, exklusiver Symbiose mit Tachibey Industries laufen. Keine Waffen, kein verdeckter Rüstungshandel mehr. Stattdessen stand dort schwarz auf weiß die geballte Neuausrichtung auf innovative, hochmoderne Bey- und Arenen-Technologie... die Perfektionierung von Metalllegierungen und fortschrittlichen Magnetsystemen, für die sie beide brannten.
Gleich dahinter folgte die zweite Sparte, die Nami und ihm besonders am Herzen gelegen hatte: Eine eigenständige Seitensparte für den Zivil- und Medizinbereich. Die hocheffizienten Kompaktmotoren und Energiespeicher, die für den Profisport entwickelt wurden, sollten für modernste Prothesen, medizinische Geräte und zivile Rettungsausrüstungen adaptiert werden. Es war die totale Metamorphose: Sie verwandelten Voltaires Werkzeuge der Zerstörung in Technologien, die Leben retteten.
Kai griff nach dem schweren, silbernen Füllfederhalter, der auf dem Schreibtisch lag. Mit einer fließenden, absolut präzisen Bewegung setzte er seine markante Unterschrift unter das Dokument, das die Tachiwari-Corporation nun auch offiziell zum Leben erweckte.
Als er den Stift absetzte, blickte er hoch zu Hiro. Es bedurfte keiner großen Erklärungen mehr. Sie hatten die ganze Nacht geschuftet, und das Ergebnis lag nun vollendet vor ihnen.
Hiro reichte ihm die Hand über den Tisch, und die beiden Alpha-CEOs besiegelten die Allianz mit einem festen, respektvollen Händedruck.
„Herzlichen Glückwunsch, Herr CEO“, sagte Hiro mit einem tiefen, ehrlichen Lächeln.
„Fahr nach Hause, Kai. Den restlichen bürokratischen Kleinkram des heutigen Tages managen meine Anwälte. Du hast dir den Nachmittag bei deiner Familie mehr als verdient.“
Kai erwiderte das Nicken, während er aufstand und sein Sakko zuknöpfte. Die immense Last der letzten Stunden fiel endgültig von seinen Schultern ab. Er hatte sein Versprechen gegenüber Nami eingelöst. Das Imperium stand... und jetzt war es an der Zeit, nach Hause zurückzukehren.
Die Fahrt zurück in die Außenbezirke von Tokio verging wie im Flug. Kai lehnte sich tief in die Ledersitze der schwarzen Limousine zurück, den Blick starr auf die vorbeiziehende Kulisse der Metropole gerichtet. Er hatte die Krawatte ein wenig gelockert, doch die unnahbare, konzentrierte Aura wich erst Stück für Stück von ihm, je näher er dem Ayame-Anwesen kam. Als der Wagen schließlich die schmiedeeisernen Tore passierte und knirschend auf dem Kiesbett des Innenhofs zum Stehen kam, atmete Kai tief aus.
Er stieg aus, nahm seine Aktentasche und schritt auf das klassizistische Herrenhaus zu. Das Gebäude verströmte eine zeitlose, erhabene Ruhe... ein krasser Gegenpol zu dem pulsierenden Medienbeben, das er gerade in der Innenstadt hinter sich gelassen hatte.
Als er die schwere Eingangstür öffnete, war das Haus in eine angenehme, kühle Stille getaucht. Graham nahm ihm im Foyer mit einer stummen, respektvollen Verbeugung das Sakko und die Aktentasche ab. Die grauen Augen des Butlers blitzten kurz auf, doch er verlor kein unbedachtes Wort.
„Miss Nami befindet sich im Garten unter dem Pavillon, Sir“, informierte Graham ihn mit gewohnt diskretem, trockenem Tonfall.
„Sie hat sich dort ein wenig ausgeruht.“
Kai nickte knapp. Er schlug den Weg durch die hohen Flügeltüren zum Salon ein und trat hinaus auf die Terrasse. Seine rubinroten Augen suchten sofort den Garten ab und fanden sie auf Anhieb.
Nami saß immer noch unter dem weißen Holzpavillon, umgeben von dem prachtvollen Meer aus petrolfarbenen und violetten Schwertlilien. Die sommerliche Brise spielte leicht mit ihrem langen, silbrig-weißen Haar, das ihr wellig über den Rücken floss. Sie wirkte in dieser friedlichen Kulisse so unbeschreiblich schön und rein, dass Kai unwillkürlich stehen blieb, um den Anblick für einen Moment in sich aufzusaugen.
Jede Spur von der eiskalten, mörderischen Härte, die er den Vorständen entgegengeschleudert hatte, war augenblicklich verflogen.
Nami spürte seine Gegenwart, noch bevor das sanfte Knirschen seiner Schritte auf dem Gartenweg zu hören war. Sie drehte den Kopf und ihre ozeanfarbenen Augen trafen auf seine. Ein strahlendes, unendlich stolzes Lächeln erhellte ihr Gesicht, als sie sah, dass er tatsächlich schon zurück war.
Kai legte die Strecke zwischen ihnen mit wenigen, großen Schritten zurück. Noch ehe Nami aufstehen konnte, war er bereits bei ihr unter dem schattigen Pavillon. Er wartete keine Sekunde länger, neigte sich zu ihr hinab, legte eine große Hand an ihre Wange und zog sie in einen tiefen, besitzergreifenden Kuss.
Es war ein Kuss, der all die Erleichterung, den Triumph und die unerschütterliche Erschöpfung der letzten Stunden in sich trug.
Nami schlang die Arme um seinen Nacken, schmiegte sich eng an seine breite Brust und erwiderte den Kuss mit derselben intensiven Leidenschaft. In seiner Nähe war die wohlige, feurige Hitze Dranzers sofort wieder spürbar... ihr ganz persönlicher Schutzraum.
Als Kai sich schließlich langsam von ihr löste, blieb er dicht vor ihr, den Daumen zärtlich über ihre weiche Haut streichend. Seine roten Augen brannten vor tiefer Verbundenheit.
„Ich habe mein Versprechen eingelöst“, raunte er mit seiner tiefen, rauen Bassstimme, während sein Blick kurz zu ihrem noch flachen Bauch hinabglitt und dann wieder ihre Augen fixierte.
„Die Verträge sind unterschrieben. Die Tachiwari-Corporation ist offiziell. Die alten Geier sind Geschichte, Nami. Der Rüstungshandel ist für immer tot.“
Nami sah ihn mit einem Blick voller unbändiger Bewunderung und Liebe an. Sie hob eine Hand, legte sie an seinen Hals und strich sanft über seinen Ansatz.
„Ich weiß“, erwiderte sie leise, während ein gefährlich-amüsiertes Blitzen in ihre Augen zurückkehrte. Sie legte den Kopf leicht schief und ein freches Schmunzeln stahl sich auf ihre Lippen.
„Graham hat mir vorhin das Tablet auf die Terrasse gebracht. Die Medien in der Innenstadt drehen völlig durch, mein Schatz. Sie zeigen ununterbrochen Bilder von dir, wie du die Kanzlei Ozu verlässt.“
Sie trat noch ein kleines Stück näher, sodass ihr silbriges Haar sich leicht gegen sein weißes Hemd legte, und raunte ihm mit neckischer Stimme entgegen:
„Die Wirtschaftswelt hat dich heute offiziell getauft, Herr CEO. Man nennt dich überall nur noch ehrfürchtig den ‚Zaren von Tokio‘.“ Sie hielt kurz inne und ließ die Worte wirken, ehe ihr Grinsen noch ein Stück breiter wurde.
„Und ich muss zugeben... dieser Titel hört sich gar nicht mal so schlecht an, Eure Majestät.“
Kai stieß ein tiefes, eiskaltes Schnauben aus. Er rollte entnervt mit den rubinroten Augen und schüttelte den Kopf. Schon unten auf den Stufen der Kanzlei hatten die Reporter ihm diese Phrase entgegengeschrien, und es hatte ihn da schon maßlos angewidert.
„Lächerlich“, grummelte er mit seiner tiefen, rauen Bassstimme, und auf seinen markanten Zügen spiegelte sich die pure, typische Hiwatari-Skepsis wider.
„Die Presse braucht immer ein absurdes Spektakel, um ihre Blätter zu verkaufen. Ein Haufen Geier, die laut schreien, sobald sich der Wind dreht. Heute feiern sie mich, morgen suchen sie nach dem nächsten Skandal.“
Nami lachte leise auf, überhaupt nicht überrascht von seiner mürrischen Reaktion.
Doch als sie sah, wie genervt seine Züge waren, veränderte sich die Dynamik zwischen ihnen. Kai sah auf sie herab, und während er in ihre amüsierten, ozeanfarbenen Augen blickte, schmolz die eisige Maske des unnahbaren CEOs langsam dahin.
Seine großen Hände glitten an ihre Taille und drückten eine Nuance fester zu. Ein minimales, fast unsichtbares Schmunzeln stahl sich nun doch in seine Augenwinkel... nicht wegen des Titels der Presse, sondern weil er es sichtlich genoss, wie schlagfertig und unbeschwert sie ihn herausforderte.
Er beugte sich wieder ein kleines Stück zu ihr hinab, sodass sein warmer Atem ihre Haut streifte.
„Lass die Medien reden, was sie wollen, mein Schatz.“, raunte er, und seine Stimme verlor an Härte, wurde sanfter und unendlich beschützerisch.
„Sollen sie mich nennen, wie sie wollen. Mir ist egal, was diese Stadt von mir denkt. Das Einzige, was für mich zählt...“
Seine Hand glitt von ihrer Taille ein Stück nach vorn und flachte sachte auf ihrem Bauch ab.
„...ist, dass dieses Imperium ab heute uns und unserem Kind gehört. Niemandem sonst. Wir sind sicher.“
Nami spürte, wie ihr bei der sanften Berührung seiner Hand auf ihrem Bauch eine wohlige Wärme durch den Körper schoss.
Das anfängliche Necken wich einer tiefen, emotionalen Erleichterung. Sie legte ihre Hand auf seine und schmiegte sich eng an seine breite Brust, während über ihnen die Blätter des Pavillons im Juniwind raschelten.
Etwa 15 Minuten später....
Der erlesene, klassizistische Salon des Ayame-Anwesens war eigentlich ein Ort der absoluten Ruhe, doch an diesem Nachmittag wurde er im Sturm erobert.
Graham hatte die unangekündigten Gäste an der Eingangstür abgefangen. Da es sich um Kais alte Teamkollegen handelte, hatte er sie mit seiner gewohnten, unerschütterlichen Höflichkeit in den Salon geführt. Er servierte gerade Tee, als die schweren Flügeltüren geöffnet wurden und Kai und Nami den Raum betraten.
Kai hatte die Ärmel seines schneeweißen Hemdes präzise bis zu den Unterarmen hochgekrempelt. Doch die pure, gefährliche Autorität, die er verströmte, war kein Stück weniger intensiv.
Kaum hatte er die Schwelle überschritten, erstarb die hitzige Diskussion auf der Couch.
Tyson blieb buchstäblich die Spucke weg. Er sprang so hastig auf, dass er fast seine Teetasse umgestoßen hätte, und starrte seinen ehemaligen Teamkapitän mit völlig fassungslosen, runden Augen an. „Alter... Kai?!“, stammelte Tyson, während seine Hand ungläubig in Richtung von Kais Hemd deutete. „Ich habs ja schon vage im Fernsehen gesehen aber... seit wann läufst du denn rum wie ein Pinguin aus der Chefetage?! Was ist das bitte für ein Aufzug?!“
Max, der daneben saß, grinste wie ein Honigkuchenpferd und schüttelte den Kopf.
„Ich finde, es sieht richtig cool aus. Wie in einem Film!“
Hilary, die die Arme vor der Brust verschränkt hatte, betrachtete Kai mit einem kritischen, aber insgeheim äußerst beeindruckten Blick. Sie musste schlucken und gab schließlich mit einem ehrlichen, leicht anerkennenden Schulterzucken zu:
„Man muss fair bleiben, Tyson. Im Gegensatz zu dir wirkt er in dem Outfit direkt ein paar Jahre reifer. Wie ein echter Geschäftsmann. Man nimmt ihm den Chefposten sofort ab.“
Kai reagierte mit seinem absolut typischen, tiefen und genervten Seufzer. Er verschränkte die Arme vor der Brust, lehnte sich mit der Schulter gegen den massiven Türrahmen und warf der Truppe einen unterkühlten, mürrischen Blick zu.
„Habt ihr eigentlich kein Smartphone um vorher anzurufen?“, grummelte er mit seiner tiefen Stimme.
„Wer hat euch erlaubt, hier einfach so hereinzuspazieren?“
„Komm schon, Kai! Als ob wir nach DEN Nachrichten zu Hause auf dem Sofa sitzen bleiben!“, konterte Tyson lautstark und hielt sein Smartphone hoch, auf dem immer noch die Eilmeldung der Tachiwari-Corporation zu sehen war.
„Die ganze Stadt dreht durch! Du bist der ‚Zar von Tokio‘! Davon mussten wir uns selbst überzeugen!“
Ray, der bis dahin ruhig auf dem Sessel gesessen hatte, nippte gelassen an seinem Tee und blickte mit einem schmunzelnden, wissenden Lächeln zu Kai.
„Mariah, Max und Ich kommen tatsächlich direkt aus der BBA.“, warf Ray ein, und sein Grinsen vertiefte sich.
„Du hättest Mr. Dickenson sehen sollen, Kai. Er lief heute Morgen völlig verwirrt und mit einem absolut fassungslosen Gesichtsausdruck durch die Gänge der BBA. Er stand komplett neben sich.“
Nami, die sich mit einem amüsierten Schmunzeln an Kais Seite geschmiegt hatte, hob überrascht die Augenbrauen.
„Verwirrt? Wieso das?“
Ray lachte leise auf. „Naja, Mr. Dickenson hat Kai anscheinend erst gestern das Angebot gemacht, die Junioren der BBA komplett zu übernehmen und sportlich zu leiten. Er dachte wohl, er gibt Kai damit eine neue, große Aufgabe, jetzt wo er sich schon länger aus dem aktiven Turniersport zurückgezogen hat. Dickenson wollte ihm die perfekte Bühne für seine Erfahrung bieten. Und keine vierundzwanzig Stunden später gründet Kai im Alleingang die halbe Tachiwari-Corporation und pulverisiert Hiwatari Enterprises. Dickenson wusste gar nicht, wie ihm geschieht. Er dachte, er bietet Kai einen Job an, und am nächsten Tag baut der ein neues Weltimperium auf, das die BBA-Technologie revolutionieren wird.“
Ein leises, freches Kichern entwich Namis Lippen bei der Vorstellung des geschockten BBA-Präsidenten. Sie hatte sich bereits gedacht, dass der alte Mann bald einen solchen Move wagen würde um Kai in der BBA zu halten.
Selbst auf Kais markanten Zügen zuckte für den Bruchteil einer Sekunde ein minimales, fast unsichtbares Amüsieren, auch wenn er es sofort wieder hinter seiner finsteren Maske verbarg.
Während die Jungs und Hilary noch über das wirtschaftliche Erdbeben und Dickensons Gesichtsausdruck diskutierten, blieb Mariahs Blick unentwegt an Nami hängen. Mariah war ungewöhnlich ruhig für ihre Verhältnisse.
In der BBA war ihr in den letzten Tagen schmerzlich aufgefallen, dass Nami überhaupt nicht mehr aufgetaucht war. Niemand in der Zentrale hatte ihr wirkliche Antworten geben können, und Namis WhatsApp-Nachrichten waren seltsam kurz und ausweichend gewesen. Mariah hatte sich ernsthafte Sorgen gemacht.
Da Mariah und Ray als Einzige von Kais damaliger Vasektomie wussten, ratterte es nun unaufhörlich in ihrem Kopf. Sie betrachtete Namis erleichterte, fast schon magisch strahlende Aura. Mariah spürte sofort, dass hier weit mehr im Busch war als nur eine geschäftliche Fusion.
Mit einem entschlossenen Blick stand Mariah auf, ging an den Jungs vorbei und trat direkt vor Nami. Sie legte ihr besorgt eine Hand auf den Oberarm.
„Nami…“, sagte Mariah leise, und ihre Augen suchten die der silbrig-weißen Schönheit.
„Du warst tagelang nicht in der BBA. Deine Nachrichten klangen so kryptisch. Ich habe mir wahnsinnige Sorgen gemacht, dass irgendetwas Schreckliches passiert ist. Hat das alles… mit diesem ganzen Krieg um die Firma zu tun? Ist bei dir alles in Ordnung?“
Nami sah Mariah an, und das amüsierte Lächeln auf ihren Lippen wurde weicher, getragen von einer tiefen, emotionalen Wärme. Sie spürte Mariahs ehrliche Sorge. Unbewusst wanderte Namis Hand für einen winzigen, flüchtigen Moment ganz sachte auf ihren flachen Bauch... eine rein instinktive Geste des Glücks, die Mariah zwar bemerkte, aber in diesem Moment noch als bloße Geste der Erleichterung interpretierte.
„Es ist alles gut, Mariah. Wirklich“, erwiderte Nami mit einer sanften, unendlich beruhigenden Stimme und legte ihre Hand auf die von Mariah.
„Es gab im Hintergrund einfach Dinge, die wir regeln mussten. Wichtige Dinge. Aber der Krieg ist vorbei. Uns geht es gut. Besser als je zuvor.“
Mariah atmete erleichtert aus, auch wenn ein kleiner, neugieriger Funke in ihren Augen blieb. Sie ahnte immer noch nicht, welches absolute Wunder sich in diesem Moment im Schoß ihrer Freundin vollzog.
Am anderen Ende des Raumes beobachtete Kai die beiden Frauen schweigend. Seine rubinroten Augen verengten sich leicht, als er den flüchtigen Blick auf Namis Bauch sah, doch er sagte nichts. Er wusste, dass das Geheimnis ihrer Schwangerschaft noch ihnen ganz allein gehörte... und das war auch gut so, während Tyson im Hintergrund schon wieder lauthals anfing zu erklären, wie er als CEO die Welt regieren würde.
Gerade als Tyson Luft holte, um zu einer epischen Rede über seine eigenen hypothetischen Qualitäten als Firmenboss anzusetzen, bewegte Nami die Hand, um sich eine Locke ihres silbrig-weißen Haares aus dem Gesicht zu streichen. Das helle Nachmittagslicht, das durch die hohen Salonfenster fiel, brach sich in diesem winzigen Wimpernschlag auf eine Weise, die Hilarys Aufmerksamkeit wie ein Magnet anzog.
Hilary erstarrte mitten in der Bewegung. Ihre Augen verengten sich, wanderten fixiert zu Namis linker Hand und weiteten sich im nächsten Moment zu riesigen Untertassen.
„Wartet mal kurz…“, unterbrach Hilary die Jungs so abrupt, dass Tyson mitten im Wort abbrach. Sie trat einen Schritt vor, packte Namis Handgelenk mit sanfter, aber unnachgiebiger Begeisterung und hob die Hand ein Stück an.
„Nami! Was ist das denn bitte für ein Ring?! Woher hast du diesen wundervollen blauen Diamanten?!“
Nami hielt unwillkürlich den Atem an. Ein warmes, leicht verlegenes Erröten schoss ihr augenblicklich in die Wangen. Sie blickte aus dem Augenwinkel hinüber zu Kai, während Mariah schweigend und mit einem tief fragenden, extrem aufmerksamen Blick abwartete. Mariah hatte den Ring schließlich schon vor einigen Tagen an Nami bemerkt, als sie sich kurz gesehen hatten, war aber wegen des ganzen Trubels um die Firma nie dazu gekommen, genauer nachzufragen.
Jetzt fügten sich die Puzzleteile in ihrem Kopf in rasanter Geschwindigkeit zusammen.
Kai, der immer noch mit verschränkten Armen am Türrahmen lehnte und das „analytische“ Starren der beiden Frauen sichtlich leid war, stieß ein tiefes, raues Schnauben aus.
Ihm wurde das Ganze hier eindeutig zu theatralisch.
„Wir sind verlobt“, warf Kai einfach so heraus. Seine tiefe Stimme klang so unfassbar beiläufig, als würde er über den Wetterbericht sprechen. Er schloss die rubinroten Augen und fügte mit einem unterkühlten Seitenblick hinzu:
„Also hört auf, sie so anzustarren, als wäre sie ein Ausstellungsstück im Museum.“
Der Effekt seiner Worte war spektakulär.
Tyson, der gerade einen großen Schluck aus seiner feinen Porzellantasse genommen hatte, verschluckte sich so heftig, dass er in einen wüsten Hustenanfall ausbrach. Er klopfte sich wild auf die Brust, während ihm der Tee fast aus der Nase geschossen wäre.
„V-Verlobt?!“, keuchte er mit krächzender Stimme.
„Du?! Und Nami?! Heiraten?!“
Max saß einfach nur da, die Hände flach auf den Knien, und starrte mit offenem Mund und völlig fassungslos in die Runde.
„Heilige Scheiße… Kai wird Ehemann?!“, murmelte er völlig weggetreten.
Ray war der Einzige, der sich überhaupt nicht rührte. Er nippte mit absoluter, seelenruhiger Gelassenheit an seinem Tee, und ein tief zufriedenes, wissendes Lächeln lag auf seinen Zügen. Er hatte das Geheimnis schließlich schon eine Weile für sich behalten.
Im nächsten Moment explodierte die Lautstärke im Salon.
Hilary jedoch ließ Namis Hand abrupt los und prallte einen Schritt zurück, als hätte sie einen elektrischen Schlag bekommen. Sie starrte erst Nami an, dann Kai, und wieder zurück zu Nami. Ihr Gesichtsausdruck war eine absolute Goldgrube aus purem, fassungslosem Unglauben.
„Warte... was?!“, brachte Hilary schließlich hervor, und ihre Stimme überschlug sich fast. Sie stemmte die Hände in die Hüften und fixierte Kai mit einem Blick, als hätte er gerade in einer fremden Sprache gesprochen.
„Du? Kai Hiwatari? Der Typ, der jahrelang lieber im dunklen Wald an Bäumen gelehnt hat, anstatt mit echten Menschen zu reden? Du hast einen Heiratsantrag gemacht? Freiwillig?! Nami, bitte sag mir, dass das ein schlechter Scherz ist!“
Kai verzog keine Miene, doch er schob die Hände tief in seine Hosentaschen und warf Hilary einen mörderisch-genervten Blick zu.
„Suchst du Streit, Tachibana?“, brummte er düster.
„Ich suche nach Logik, Hiwatari!“, konterte Hilary prompt, während ihr vor lauter Schock ein hysterisches, aber unendlich glückliches Lachen entwich. Jede Skepsis wich in diesem Moment der puren, überwältigenden Freude.
Sie hielt es nicht mehr aus, machte einen Satz nach vorn und fiel Nami stürmisch um den Hals.
„Oh mein Gott, Nami! Ich kann es immer noch nicht glauben, aber ich freue mich so wahnsinnig für dich! Du hast das Unmögliche geschafft und diesen Eisklotz tatsächlich komplett gezähmt!“
Mariah war keinen Bruchteil einer Sekunde langsamer. Jede Spur von ihrer anfänglichen Sorge war wie weggeblasen. Sie stieß einen hellen Freudenschrei aus, sprang von der Couch auf und stürzte sich ebenfalls in die Umarmung, sodass Nami zwischen den beiden Mädels fast erdrückt wurde.
„Das ist so unfair, dass ihr uns nichts gesagt habt!“, rief Mariah lachend, während ihre Augen vor Begeisterung funkelten.
„Deshalb warst du also in letzter Zeit so geheimnisvoll! Ein blauer Diamant! Kai, du Romantiker, wer hätte das von dir gedacht?!“
Nami lachte befreit auf, fing die stürmische Doppelumarmung der Mädels ab und schickte Kai über deren Schultern hinweg ein absolut triumphierendes, freches Grinsen.
Kai wandte den Kopf leicht ab, um das seltene, amüsierte Schmunzeln zu verbergen, das sich nun doch auf seine Lippen stehlen wollte.
Als Hilary sich schließlich langsam aus der stürmischen Umarmung löste, hatte sich das ungläubige, fassungslose Lachen auf ihrem Gesicht verfestigt. Sie wischte sich eine imaginäre Freudenträne aus dem Augenwinkel, stemmte erneut die Hände in die Hüften und fixierte Nami mit einem spitzbübischen Grinsen.
„Mal ganz ehrlich, Nami“, gluckste Hilary und schüttelte fassungslos den Kopf.
„Wolltest du diese absolute Megabombe eigentlich erst übermorgen auf deiner Geburtstagsfeier platzen lassen? Mitten zwischen Torte und Geschenken, um uns alle reihenweise einen Herzinfarkt zu verpassen?“
Nami lachte leise und befreit auf. Sie strich sich eine verirrte Locke ihres silbrig-weißen Haares hinter das Ohr und warf einen amüsierten Blick in die Runde, die immer noch wie ein Haufen aufgescheuchter Hühner wirkten.
„Eigentlich... ja“, gab sie mit einem frechen Augenzwinkern zu.
„Ich war einfach unendlich neugierig, wie lange es wohl dauern und wer von euch als Erstes drauf kommen würde. Aber mit deiner Spürnase habe ich heute wohl nicht gerechnet.“
Hilary schmunzelte, doch mitten in der Bewegung hielt sie erneut inne. Ihr Blick wanderte von Namis strahlendem Gesicht hinüber zu Kai, der immer noch ungerührt und mit finsterer Miene am Türrahmen lehnte, und ihre Augen verengten sich wieder. Das rationale Denken, für das Hilary in der Truppe bekannt war, übernahm sofort wieder das Kommando.
„Aber jetzt mal im Ernst...“, fing Hilary an, und ihre Stimme spiegelte puren, echten Unglauben wider.
„Ihr seid doch noch nicht mal ein ganzes Jahr zusammen! Ein Jahr, Nami! Und ihr verlobt euch einfach so? Ich meine, versteht mich nicht falsch, ich freue mich riesig. Aber wir reden hier schließlich von Kai!....obwohl ich zugeben muss, dass nach eurem Kennenlernen, dem öffentlichen Kuss, dem Disneyland und eurem Zusammenziehen... eigentlich gar nichts mehr wundern dürfte.“
Sie drehte sich halb zu dem ehemaligen Teamkapitän um und deutete mit dem Zeigefinger auf ihn, während Tyson im Hintergrund endlich aufgehört hatte zu husten und nun mit offenem Mund lauschte.
„Natürlich noch bgesehen von der Tatsache, dass ich felsenfest davon überzeugt war, dass Kai irgendwann einsam, mürrisch und als ewiger Junggeselle in einer abgelegenen Berghütte sterben würde... ohne jemals auch nur das Wort 'Heirat' unfallfrei auszusprechen! Und jetzt steht er hier im Luxusanzug, kauft Firmen auf und steckt dir einen blauen Diamanten an den Finger? Das bricht gerade jede physikalische Logik, die ich über das Universum gelernt habe!“
Tyson stieß ein lautes, prustendes Lachen aus und klopfte sich auf die Schenkel.
„Da hat sie recht, Kai! Ich dachte auch, deine einzige große Liebe bleibt Dranzer und deine verschränkten Arme!“
Kai stieß ein tiefes, unendlich genervtes Schnauben aus. Er öffnete die rubinroten Augen, stieß sich mit einer fließenden Bewegung vom Türrahmen ab und warf Hilary einen Blick zu, der kälter war als ein sibirischer Winter.
„Tachibana“, brummte er mit seiner tiefen, rauen Bassstimme, die augenblicklich das Gelächter im Raum dämpfte.
„Wenn du meine Zukunftspläne noch einmal mit einer Tragödie verwechselst, fliegst du hochkant aus diesem Salon. Was wir tun und wann wir es tun, geht niemanden etwas an. Es ist logisch, weil es unsere Entscheidung ist.“
Mariah, die immer noch dicht bei Nami stand, lächelte still in sich hinein. Während die anderen über das Tempo der Beziehung scherzten, beobachtete sie Nami ganz genau.
Sie bemerkte die tiefe, unerschütterliche Ruhe, die von ihrer Freundin ausging... eine Reife, die weit über das hinausging, was Hilary gerade als unlogisch empfand.
Mariahs Gedanken wanderten zurück zu Kais Vasektomie, von der außer ihr und Ray niemand wusste. Sie wusste, dass für Kai eine Ehe ein endgültiges, heiliges Versprechen bedeutete. Wenn dieser unnahbare Mann sich band, dann für immer. Doch der wahre Grund für diese plötzliche, wunderschöne Eile blieb ihr nach wie vor ein Rätsel.
Nami trat einen Schritt an Kais Seite, legte ihre Hand beruhigend auf seinen Arm und sah zu Hilary. Ihr Blick war weich, aber von einer absoluten Bestimmtheit erfüllt.
„Es gibt eben Dinge im Leben, Hilary, da braucht man keine Jahre, um zu wissen, dass sie absolut richtig sind“, sagte Nami leise, und in ihren ozeanfarbenen Augen spiegelte sich die ganze tiefe Liebe zu dem Mann wider, der für sie und ihre gemeinsame Zukunft gerade eine ganze Welt eingerissen und neu aufgebaut hatte.
Genau in diesem Moment öffnete sich die hohe Flügeltür des Salons mit einem leisen, fast unhörbaren Klicken. Graham trat herein, so lautlos, als würde er über den edlen Parkettboden schweben. Der britische Butler balancierte mit absoluter Perfektion ein großes, silbernes Tablett auf seiner Hand, auf dem kunstvoll arrangierte, feine Häppchen und frischer Eistee angerichtet waren.
Mit einer ungerührten, steinernen Miene und der Eleganz eines Mannes, der selbst im größten Chaos die Haltung bewahrte, stellte er das Tablett auf dem zentralen Couchtisch ab. Er verneigte sich dezent vor der Runde, ohne auch nur eine Augenbraue angesichts von Tysons Teeflecken oder Hilarys wildem Gestikulieren zu verziehen.
„Einige Erfrischungen für die Herrschaften“, säuselte Graham mit seiner tiefen, perfekt distanzierten Stimme.
„Ich dachte mir, dass derart... bewegende Neuigkeiten sicherlich den Appetit anregen.“
Max, der immer noch wie versteinert auf der Couch saß, starrte dem Butler mit weit aufgerissenen Augen hinterher. Er drehte den Kopf im Zeitlupentempo mit, während Graham sich wieder aufrichtete und mit verschränkten Händen hinter dem Rücken an der Wand Position bezog.
Max schüttelte fassungslos den Kopf, hielt sich die Schläfen und blickte völlig verzweifelt zu Tyson.
„Leute, ganz ehrlich... ich pack das alles nicht mehr“, murmelte Max mit einer Stimme, die vor purem Systemabsturz zitterte. Er deutete vage mit einer Hand in den Raum.
„Ich bin vorhin in der Auffahrt schon komplett vom Glauben abgefallen, als ich dieses gigantische Anwesen gesehen habe. Das sieht aus wie ein Schloss! Und dann kommst du um die Ecke, Kai, in diesem sündhaft teuren Chef-Anzug... und jetzt auch noch dieser surreale Butler, der original aus einem verdammten Batman-Comic stammen könnte! Fehlt nur noch, dass irgendwo das Batmobil parkt!“
Tyson prustete laut los und hielt sich den Bauch vor Lachen, während selbst Ray breit grinsen musste.
„Und als ob das alles nicht schon genug wäre, um mein Gehirn komplett zu grillen...“, fuhr Max fort, wobei seine Stimme eine Oktave höher rutschte, während er fassungslos zwischen Kai und Nami hin und her blickte.
„...erfahre ich im selben Atemzug, dass sich Kai Hiwatari tatsächlich verlobt hat! Kai! Der Typ, der Gefühle früher für eine Schwachstelle hielt! Und er verlobt sich ernsthaft vor Tyson und mir! Vor Tyson! Versteht ihr das?! Tyson kriegt es nicht mal hin, seine Socken in den Wäschekorb zu werfen, und Kai gründet an einem Tag ein Weltimperium und verlobt sich mit der schönsten Frau der Stadt! Mein Weltbild ist heute offiziell zerstört.“
„Hey! Was soll das denn heißen?!“, beschwerte sich Tyson sofort lautstark und warf ein Sofakissen nach Max, der ihm geschickt auswich.
„Ich bin extrem reif, wenn ich will!“
„In deinen Träumen, Tyson“, warf Hilary trocken ein, während sie sich lachend eines der Häppchen vom Tablett schnappte.
Nami genoss das Spektakel in vollen Zügen. Sie lehnte ihren Kopf an Kais starke Schulter und lachte so herzlich, dass ihre ozeanfarbenen Augen funkelten.
Kai hingegen stieß ein weiteres, tiefes Schnauben aus. Er warf Max einen mürrischen Blick zu, doch das mörderische Funkeln in seinen rubinroten Augen war längst verflogen.
Stattdessen zuckte nun doch ein minimales, amüsiertes Schmunzeln in seinem Mundwinkel, das er gar nicht mehr richtig zu verbergen versuchte.
Er sah kurz zu Graham, dessen Miene zwar wie gewohnt eine unnahbare britische Maske blieb, in dessen grauen Augen jedoch ein unübersehbarer Funke von trockenem Stolz und Amüsement lag.
„Wenn ihr fertig seid, mein Haus mit einem Comic zu verwechseln und wegen meines Privatlebens zu heulen...“, brummte Kai mit seiner tiefen Bassstimme, während er seinen Arm fest um Namis Taille legte, „...dann esst verdammt noch mal die Häppchen und haltet den Lärmpegel flach. Ich hatte eine lange Nacht.“