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Von Herzen

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Von Herzen

Das sanfte, goldene Licht des frühen Freitagmorgens stahl sich sachte durch die schweren, brokatgeteilten Vorhänge des Hauptschlafzimmers im Ayame-Anwesen.

Es legte sich wie ein warmer Schleier über das riesige Bett und brachte das tiefe Dunkelblau der Bettwäsche zum Leuchten. Draußen im Garten erwachte die Natur mit einem leisen, friedlichen Zwitschern der Vögel, doch im Zimmer selbst herrschte eine fast greifbare, aufgeladene Stille.

Nami lag wach. Ihre ozeanfarbenen Augen waren weit geöffnet und starrten an die kunstvoll verzierte Stuckdecke. Die vertraute, wohlige Hitze, die von dem Mann neben ihr ausging, hüllte sie ein, doch dieses Mal schaffte sie es nicht, den inneren Sturm in ihrer Brust zu legen. Unwillkürlich glitt ihre Hand unter der Decke auf ihren flachen Bauch.

Heute stand er an.

Der Tag des ersten großen Ultraschalltermins in einer exklusiven Privatklinik in Minato. Sie war Anfang der achten Woche... ein kritischer Zeitpunkt, an dem sich so unendlich viel entschied.

Ein leiser, unruhiger Seufzer entwich ihren Lippen. In ihrem Kopf kreisten die Gedanken wie ein wildes Karussell. ~

Schlägt das Herzchen? Ist es richtig gewachsen? Ist alles so, wie es sein soll?~

Nach all den Strapazen der letzten Wochen, fraß sich eine leise, quälende Angst in ihre Gedanken, die sie einfach nicht abschütteln konnte.

Hinter ihr veränderte sich der Atemrhythmus. Kai bewegte sich. Mit einer fließenden, besitzergreifenden Bewegung schlang er seinen starken Arm enger um ihre Taille und zog sie von hinten fest gegen seine breite Brust. Seine Lippen berührten sanft ihre Schläfe, während sein tiefer, leicht rauer Morgenbass an ihrem Ohr erklang.

„Du denkst zu viel, mein Schatz.“, raunte er leise.

Nami drehte sich in seinem Griff um, sodass sie ihm direkt ins Gesicht blicken konnte. Seine rubinroten Augen fixierten sie mit einer unerschütterlichen Ruhe. Auf den ersten Blick wirkte er wie die personifizierte Gelassenheit... der Fels in der Brandung, den nichts auf dieser Welt erschüttern konnte.

Er verbarg es absolut meisterhaft, doch Nami kannte ihn zu gut. Sie spürte an der minimalen, fast unmerklich härteren Spannung in seinen Muskeln und der Art, wie Dranzers Aura in ihm im Verborgenen pulsierte, dass auch er innerlich unter Strom stand.

Er war nervös.

Es war das erste Mal, dass sie diese Facette an dem sonst so unnahbaren Zaren wahrnahm. Er kontrollierte sie perfekt, um für sie stark zu sein, aber sie war da.

„Ich kann nicht anders, Kai“, gestand sie mit leiser, leicht brüchiger Stimme. Sie legte ihre Hand auf seine Brust und spürte den festen, regelmäßigen Schlag seines Herzens.

„Es ist so viel passiert in letzter Zeit. Was wenn mit dem Baby irgendetwas nicht stimmt?“

Kai schwieg für einen langen Moment. Seine Züge blieben wie in Granit gemeißelt, doch der Blick seiner roten Augen wurde unendlich weich und beschützerisch. Er hob die Hand, strich ihr eine silbrig-weiße Locke behutsam aus dem Gesicht und legte die großen, warmen Finger dann beruhigend über ihre Hand, die immer noch auf ihrem Bauch lag.

„Unser Kind ist ein Hiwatari, Nami“, sagte er, und seine tiefe Stimme besaß eine derart schneidende, unumstößliche Gewissheit, dass die Angst in Namis Brust für einen Moment innehielt.

„Es hat dein Blut und meines. Es gibt nichts auf dieser Welt, das stark genug wäre, um das zu brechen, was wir beide erschaffen haben. Es ist alles gut. Hör auf, an uns zu zweifeln.“

Ein kleines, mattes Lächeln stahl sich auf Namis Lippen. Die absolute Sicherheit, die er ausstrahlte, war genau das, woran sie sich in diesem Moment klammern musste.

„Wir fahren jetzt“, fügte Kai bestimmend hinzu, stieß die Bettdecke mit einer energischen Bewegung zurück und stand auf.

In seinem strahlend weißen Muskelshirt und der dunklen Jogginghose wirkte er trotz der frühen Stunde bereits wie ein Mann, der bereit war, für seine Familie in die Schlacht zu ziehen.

„Graham hat das Auto bereits vorbereitet. Je eher wir dort sind, desto schneller hast du deine Gewissheit.“

Die Fahrt durch das morgendliche Tokio verlief schweigsam, aber getragen von einer dichten Vertrautheit. Kai lenkte den Wagen mit gewohnter Präzision durch die Straßen, während Nami den Blick starr aus dem Fenster gerichtet hielt, die Finger fest ineinander verschlungen.

Als sie schließlich die diskrete, von hohen Mauern geschützte Privatklinik erreichten, wurden sie von Dr. Hayashi, einem älteren, angesehenen Gynäkologen, der absolute Verschwiegenheit garantierte, sofort in Empfang genommen.

Das Behandlungszimmer war hell, modern und strahlte eine sterile, ruhige Atmosphäre aus.

Nami lag auf der Untersuchungsliege, das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Kai stand dicht an ihrer Seite, seine Hand hielt die ihre in einem festen, fast schmerzhaften Griff. Seine Augen waren auf den noch dunklen Monitor des Ultraschallgeräts gerichtet.

„So, dann wollen wir doch mal nachsehen, wie es dem kleinen Neuzugang geht“, sagte Dr. Hayashi mit einer beruhigenden, väterlichen Stimme, während er das kühle Gel auf Namis Bauch auftrug und den Schallkopf ansetzte.

Für ein paar unendlich lange, qualvolle Sekunden war auf dem Bildschirm nur ein graues, flimmerndes Rauschen zu sehen. Nami hielt den Atem an, die Panik drohte sie fast zu erdrücken...

„Ah, sehen Sie mal hier“, drang die Stimme des Arztes durch den Raum, während er das Bild fixierte und ein kleines Kreuz auf den Monitor setzte.

„Da ist es ja. Perfekt entwickelt für die achte Woche. Genau dort, wo es sein soll.“

Auf dem Bildschirm war ein winziger, bohnenförmiger Punkt zu sehen. Doch das, was im nächsten Moment geschah, ließ Namis Herz für einen Wimpernschlag komplett stillstehen.

Dr. Hayashi drückte auf einen Knopf, und plötzlich hallte ein schnelles, unglaublich kraftvolles und rhythmisches Geräusch durch das sterile Zimmer.

Das Schlagen des kleinen Herzens. Schneller als ein Kolibri, flammend und voller unbändiger Lebenskraft.

Eine heiße Träne der puren, überwältigenden Erleichterung löste sich aus Namis Augenwinkel und rollte über ihre Wange. Sie stieß einen zittrigen Atemzug aus, unfähig, auch nur ein einziges Wort herauszubringen.

Sie starrte auf diesen winzigen Punkt, der das größte Wunder ihres Lebens darstellte.

Kai rührte sich nicht. Er stand da wie eine Statue, sein Blick unbeweglich an den Monitor gefesselt, während das tosende Geräusch des Herzschlags den Raum erfüllte. Nami spürte, wie der Griff um ihre Hand im Bruchteil einer Sekunde so fest wurde, dass es fast wehtat.

Sie blickte zu ihm auf und sah, wie sich seine rubinroten Augen leicht weiteten. Die eiskalte, mörderische Maske des Zaren von Tokio war in diesem Moment komplett pulverisiert. Auf seinen markanten Zügen spiegelte sich eine so tiefe, rohe und ehrfurchtsvolle Emotion wider, dass es Nami den Atem raubte.

Es war der Moment, in dem die Realität ihn mit voller Wucht traf: Da schlug ein neues Leben. Ihr... Leben.

In Kais Augenwinkeln lag ein gefährlich glänzender Schimmer, den er mit einem kurzen, harten Schlucken wegzudrücken suchte. Er beugte sich langsam zu Nami hinab, drückte seine Stirn gegen die ihre und flüsterte mit einer Stimme, die rau und belegt war.

„Ich habe es dir gesagt... Es ist stark.“

Das rhythmische, kraftvolle Schlagen des kleinen Herzens hallte noch eine Weile wie ein beruhigendes Echo durch den Raum, ehe Dr. Hayashi das Gerät leiser stellte und den Monitor mit einem routinierten, aber herzlichen Lächeln ausschaltete.

Er reichte Nami ein paar weiche Tücher, um das Gel von ihrem Bauch zu wischen, während Kai sich langsam wieder aufrichtete, seine Maske aus stoischer Gelassenheit mühsam wieder zusammensetzte, aber Namis Hand immer noch keinen Millimeter losließ.

„Nun, das sieht alles absolut hervorragend aus“, erklärte der Arzt, während er sich auf seinem Drehstuhl zu ihnen umwandte und ein paar Notizen in die Akte eintrug.

„Für die achte Woche ist der Embryo genau zeitgerecht entwickelt, die Herzaktion ist stabil und kräftig. Es gibt aus medizinischer Sicht aktuell nicht den geringsten Grund zur Sorge.“

Nami atmete tief und befreit aus. Die tonnenschwere Last, die sie seit dem Aufwachen auf der Brust getragen hatte, war endgültig verflogen.

„Ich möchte Sie zu Beginn der zwölften Woche gerne noch einmal hier sehen“, fuhr Dr. Hayashi fort und blickte über den Rand seiner Brille zu den beiden hoch.

„Das wäre dann in etwa vier Wochen. Da machen wir das erste große Screening, um das Wachstum und die Organanlagen genauer zu überprüfen. Bis dahin gilt:

Schonen Sie sich, vermeiden Sie extremen Stress und genießen Sie die erste Zeit.“

Nami nickte, doch mitten in der Bewegung hielt sie kurz inne. Ein Gedanke, der ihr schon seit Tagen im Kopf herumging... besonders nach dem turbulenten Nachmittag gestern mit den Blade Breakers, ließ sie auf die Unterlippe beißen. Sie blickte kurz zu Kai auf, der sie aufmerksam aus seinen rubinroten Augen musterte, und wandte sich dann wieder an den Mediziner.

„Dr. Hayashi?“, fragte Nami leise, ihre Stimme noch ein wenig belegt von den Tränen der Erleichterung.

„Stimmt es eigentlich... dass die meisten Leute mit der Verkündung der Schwangerschaft bis zu diesem Termin in der zwölften Woche warten?“

Der Arzt lächelte verständnisvoll und nickte leicht.

„Viele Paare tun das, ja. Die ersten zwölf Wochen gelten statistisch gesehen als die sensibelste Phase. Wenn diese Hürde genommen ist, sinkt das Risiko für Komplikationen drastisch. Deshalb behalten es viele bis dahin als ihr persönliches Geheimnis. Aber das ist keine feste Regel, sondern eine ganz individuelle Entscheidung.“

Nami atmete leise ein und ein kleines, vielsagendes Schmunzeln stahl sich auf ihre Lippen.

„Ich frage nur, weil... ich morgen Geburtstag habe. Wir feiern im engsten Kreis mit der Familie und unseren engsten Freunden. Und ich hatte eigentlich gehofft, es dort vielleicht schon offiziell zu machen.“

Bei ihren Worten spürte sie, wie sich Kais Griff um ihre Finger ganz leicht erneut verstärkte.

Er sagte nichts, überließ ihr in diesem Moment vollkommen das Feld, doch an der Art, wie er sich ein kleines Stück gerader aufrichtete, merkte Nami genau, dass er hinter jeder Entscheidung stand, die sie jetzt traf.

Dr. Hayashi legte die Akte beiseite und sah Nami warm an.

„Nach dem, was ich heute auf dem Ultraschall gesehen habe, spricht absolut nichts dagegen, Ihr Glück zu teilen, Miss Tachiba. Ein Geburtstag ist doch der perfekte Anlass für solche Nachrichten. Feiern Sie morgen, freuen Sie sich darauf... Sie haben es sich verdient.“

Dr. Hayashi zog eine flache Schublade seines Schreibtischs auf und holte ein Dokument sowie ein kleines, liebevoll gestaltetes Utensil hervor. Er reichte beides mit einer respektvollen, leichten Verbeugung an Nami weiter.

„Hier sind Ihre offiziellen Dokumente, Miss Tachiba. Ihr Mutterpass, in dem wir ab heute jeden Fortschritt festhalten werden“, sagte der Arzt mit einem warmen Lächeln und deutete dann auf das kleine, runde Schildchen aus Kunststoff, das an einem zarten Band befestigt war.

Es zeigte das typische, sanfte Design einer Mutter, die ein Kind im Schoß wiegt, umgeben von einem zartrosa und blauen Herz.

„Und das hier ist Ihr Schwangerschafts-Anhänger, das Ninshin Badge. Bitte tragen Sie es gut sichtbar an Ihrer Handtasche oder Kleidung, wenn Sie in der Stadt unterwegs sind. Die Menschen in den Zügen und auf den Straßen werden so sofort wissen, dass Sie Schutz und Rücksicht benötigen.“

Nami nahm die Dokumente entgegen, und ihre Finger zitterten leicht, als sie über das glatte Plastik des Anhängers strich. Es schwarz auf weiß in den Händen zu halten und dieses kleine Symbol zu besitzen, das sie in ganz Japan offiziell als werdende Mutter auswies, verlieh der gesamten Situation eine überwältigende Realität.

Kai bedankte sich mit einem kurzen, knappen Nicken beim Arzt, ehe er Nami sanft an der Taille führte, um den Raum zu verlassen.

Als sich die schwere Tür des Behandlungszimmers hinter ihnen schloss und sie auf den hellen, ruhigen Flur der Privatklinik traten, war es um Namis Selbstbeherrschung endgültig geschehen.

Die angestaute Angst des Morgens, die erlösende Gewissheit des Arztes, das offizielle Dokument in ihrer Hand und das unvergessliche Echo des Herzschlags brachen wie eine gewaltige Flutwelle über ihr zusammen.

Sie blieb abrupt stehen, presste den Mutterpass und den kleinen Anhänger fest an ihre Brust und brach in Tränen aus. Es war ein Weinen aus purer, unbändiger Erleichterung und grenzenlosem Glück.

Kai reagierte ohne das geringste Zögern. Er zog sie mit einer fließenden Bewegung in seine Arme, schlang seine starken Arme fest um ihren Körper und drückte sie so eng an seine breite Brust, als wollte er sie vor der gesamten Außenwelt abschirmen.

Er vergrub sein Gesicht in ihrem langen, silbrig-weißen Haar, das den Duft von Jasmin verströmte, und hielt sie einfach nur fest, während ihr Körper in seinen Armen vor Schluchzern bebte.

Während er das vertraute Gewicht ihres Körpers spürte und dem abebbenden Weinen lauschte, kreisten seine Gedanken.

Er hatte nie Kinder gewollt. Sein ganzes Leben lang war er felsenfest davon überzeugt gewesen, dass er niemals eine Familie gründet, dass er die Kette des Schmerzes und der Grausamkeit, die sein Großvater Voltaire gesät hatte, durchbrechen musste, indem er der Letzte seiner Linie blieb. Er hatte die Vasektomie als einen Akt der Befreiung gesehen, als logischen Schutz.

Doch die Tränen von Nami auf seiner Haut, diese unbändige, reine Freude, die sie gerade durchströmte... und dieser eine, unmissverständliche Moment am Monitor, als das schnelle, feurige Schlagen den sterilen Raum erfüllt hatte... all das zertrümmerte seine alten Prinzipien nur noch mehr zu Staub.

Dieser Herzschlag hatte nicht nach Voltaires Dunkelheit geklungen. Er hatte nach Leben geklungen. Nach Zukunft. Nach... ihnen.

Ein tiefes, raues Ausatmen entwich Kais Brust. Während er Nami noch ein Stück fester an sich drückte, gestand er es sich im Stillen ein: Das Schicksal hatte recht gehabt.

Es hatte ihn auf brutale, unvorhersehbare Weise dazu gezwungen, auch diese Mauern einzureißen. Es hatte recht gehabt, ihn durch diese schicksalhafte Wendung doch zum Vater zu machen.

Nami an seiner Seite zu wissen, ihr gemeinsames Imperium im Rücken und nun dieses unbändige, neue Leben in ihrem Bauch... es war kein Fehler der Natur.

Es war der absolute, einzig richtige Weg.

„Ich bin bei dir“, raunte Kai mit seiner tiefen, rauen Stimme gegen ihre Schläfe, und seine Hand strich in einer beruhigenden, unendlich sanften Bewegung über ihren Rücken.

„Weine ruhig, mein Schatz. Wir haben alles geschafft.“

Nami klammerte sich an sein Hemd, spürte die unumstößliche Stärke des Zaren von Tokio, der hier, im Schutz des Klinikflurs, ganz allein ihr Fels war. Die Angst war weg.

Morgen war ihr Geburtstag... und sie hatte bereits das größte Geschenk erhalten, das das Universum ihr je machen konnte.

Das goldene Licht des Samstagsmorgens flutete durch die hohen Sprossenfenster des Salons und tauchte das Ayame-Anwesen in eine feierliche, warme Atmosphäre.

Heute war ein ganz besonderer Tag im Hause Tachiba... der doppelte Geburtstag der Zwillinge Nami und Kenji. Doch anders als in den vergangenen Jahren fühlte sich dieser Tag für Nami nicht nur wie ein persönlicher Meilenstein an, sondern wie der Beginn einer völlig neuen Ära.

Im Erdgeschoss war bereits das leise, vertraute Klappern von feinem Porzellan zu hören... Graham koordinierte zusammen mit ein paar Küchenhilfen die Vorbereitungen für das Eintreffen der Familie mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks.

Oben im Schlafzimmer stand Nami vor dem großen, barocken Ganzkörperspiegel. Sie trug ein elegantes, fließendes Sommerkleid in einem sanften Smaragdgrün, das ihren hellen, karamellfarbenen Hautton perfekt zur Geltung brachte und einen wunderschönen Kontrast zu ihrem langen, silbrig-weißen Haar bildete, das ihr in sanften Wellen bis über das Gesäß reichte.

Unwillkürlich glitt ihr Blick auf die Kommode neben dem Spiegel. Dort lag es: das Ninshin Badge, das sie gestern von Dr. Hayashi bekommen hatte. Der kleine, zartrosa-blaue Anhänger mit dem Mutterschaftssymbol wirkte so unschuldig, und doch barg er die größte Nachricht ihres Lebens.

Nami lächelte leise, nahm den Anhänger an sich und verstaute ihn sicher in der kleinen Schublade ihrer Schmuckschatulle.

Noch nicht.

Sie wollte diesen Geburtstag erst in vollen Zügen mit ihrem Bruder und ihrer Familie genießen, ehe sie am Abend, wenn auch die Blade Breakers da waren, die Bombe platzen ließ.

Zwei starke Arme schlossen sich von hinten um ihre Taille, und die wohlige, feurige Hitze Dranzers hüllte sie augenblicklich ein. Kai raunte ihr ein tiefes, raues

„Alles Gute, mein Schatz“ gegen den Nacken, während seine rubinroten Augen ihr Spiegelbild fixierten. Er hatte die Ärmel seines schwarzen Hemdes bereits hochgekrempelt, die markanten Züge entspannt, doch die besitzergreifende Art, wie er seine Hand auf ihren noch vollkommen flachen Bauch legte, sprach Bände.

Es war ihr gemeinsames, süßes Geheimnis.

Gegen Mittag füllte sich das ehrwürdige Anwesen mit Leben... und mit der geballten Energie der Familie Tachiba. Es dauerte nicht lange, bis die eiskalte, sakrale Stille, die Kai sonst so schätzte, vom lautstarken Trubel einer echten Großfamilie hinweggefegt wurde.

Mittendrin stand Kenji, der sich bereits ein breites Grinsen im Gesicht zurechtgelegt hatte, als er seine Zwillingsschwester erblickte.

„Da ist ja meine bessere Hälfte!“, rief Kenji lachend, kam auf Nami zu und schloss sie in eine stürmische Umarmung.

„Alles Gute zum Geburtstag, Zwilling. Schön zu sehen, dass du den alten Griesgram hier immer noch im Griff hast“, frotzelte er mit einem Seitenblick auf Kai.

„Alles Gute, Kenji“, erwiderte Nami strahlend und drückte ihn fest, ehe sie von einer ebenso herzlichen Umarmung abgefangen wurde.

Momoko fiel ihr mit einem begeisterten Quietschen um den Hals.

„Alles, alles Liebe, Nami!“, sagte Momoko mit leuchtenden Augen und trat ein Stück zurück, um ihre beste Freundin zu mustern.

Irgendetwas war anders an Nami... sie strahlte auf eine Weise, die Momoko so noch nie gesehen hatte, ein ganz feiner, fast magischer Glanz lag in ihren ozeanfarbenen Augen. Doch bevor Momoko genauer nachbohren konnte, wurde die Runde von einer tieferen, donnernden Stimme unterbrochen.

„Da sind ja die Geburtstagskinder!“, tönte die unendlich gemütliche Stimme von Opa Takeshi durch die Empfangshalle. Mit seinen beeindruckenden zwei Metern Körpergröße überragte der 82-jährige Patriarch selbst den stolzen Kai mühelos.

Er schloss erst Nami und dann Kenji in eine Bärenumarmung, ehe er Kai mit einem anerkennenden, festen Händedruck begrüßte.

„Gut siehst du aus, Junge. Der Chefposten steht dir.“

„Ach, lass den Jungen in Ruhe mit den Geschäften, Takeshi! Heute wird gefeiert!“, ertönte eine schrille, energische Stimme dazwischen.

Oma Yumi, mit ihren 80 Jahren quirlig wie eine Jugendliche, drängte sich an ihrem riesigen Ehemann vorbei. Ihre wachen Augen wanderten sofort von den Zwillingen zu Kai.

Ein exzentrisches, absolut schamloses Grinsen breitete sich auf den Zügen der alten Dame aus. Sie trat ganz dicht an Kai heran, legte ihm eine Hand auf den Oberarm und musterte ihn von oben bis unten.

„Mensch, Kai... jedes Mal, wenn ich dich sehe, wirst du noch ein Stück knackiger. Diese Schultern! Wenn ich fünfzig Jahre jünger wäre, würde mein Takeshi hier alt aussehen.“

Opa Takeshi stieß nur ein tiefes, amüsiertes Brummen aus und schüttelte den Kopf. Kai hingegen verzog keine Miene, doch an dem minimalen Zucken seiner Augenbraue und dem tiefen, unendlich genervten Seufzer, der seiner Kehle entwich, sah Nami genau, wie sehr ihn die exzentrische Großmutter innerlich forderte.

„Mh...“, brummte Kai mit seiner tiefen Stimme, während er unauffällig einen halben Schritt zurücktrat, was Namis Mutter, Hilda Tachiba, zu einem leisen, eleganten Lachen veranlasste.

Hilda schloss ihre beiden Geburtstagskinder gerührt in die Arme, gefolgt von Namis Vater Hiro, der Kai einen vielsagenden, stolzen Blick zuwarf. Die beiden Männer hatten in den letzten Tagen im Grunde ein Imperium neu erschaffen; die stumme Allianz zwischen ihnen war förmlich greifbar.

Mitten im Trubel wirbelten auch die jüngeren Geschwister heran. Der neunjährige Noah flitzte mit großen Augen durch die Halle, sichtlich beeindruckt von der schieren Größe des Anwesens, während Midori versuchte, die coole Teenagerin zu spielen, sich aber ein begeistertes Lächeln nicht verkneifen konnte.

„Nami, Kenji, alles Gute zum Geburtstag!“, ertönte nun die Stimme von Zayn, der gemeinsam mit seiner Frau Hana den Salon betrat. Er hielt eine große Wickeltasche in der Hand und lächelte den Zwillingen warm entgegen, während er Kenji brüderlich auf die Schulter klopfte und Nami eine sanfte Umarmung schenkte.

In Hanas Armen lag das eigentliche Zentrum der Aufmerksamkeit: ihre vier Monate alte Tochter Akari. Das kleine Mädchen blinzelte mit großen, dunklen Knopfaugen neugierig in das helle Licht des Raumes.

Nami spürte, wie ihr Herz bei diesem Anblick einen heftigen Sprung machte. Das warme Gefühl, das sie seit gestern in sich trug, intensivierte sich im Bruchteil einer Sekunde. Sie ging mit schnellen Schritten auf ihre fünf Jahre ältere Schwester zu.

„Hana...“, hauchte Nami und schloss sie vorsichtig in die Arme, darauf bedacht, das Baby nicht zu erdrücken.

„Alles Gute zum Geburtstag, meine Süße“, erwiderte Hana mit einem warmen, liebevollen Lächeln in ihren amethystfarbenen Augen.

Sie blickte auf das kleine Bündel in ihren Armen und reichte es Nami dann behutsam entgegen.

„Möchtest du deine Nichte halten?“

„Nichts lieber als das“, flüsterte Nami. Mit geübten, unendlich sanften Bewegungen nahm sie das vier Monate alte Mädchen in die Arme. Sie wiegte das Baby sachte, strich mit der Fingerspitze über die seidenweiche Wange der Kleinen und blickte in das friedliche Gesichtchen.

Zayn trat stolz an Hanas Seite und legte einen Arm um seine Frau, während die beiden das vertraute Bild beobachteten. Hana sah die Veränderungen in Namis Zügen. Dort gab es überraschenderweise keine Wehmut mehr...

In diesem Moment schien die Welt um Nami herum komplett zu verstummen. Das Wissen, dass in ihrem eigenen Bauch gerade ein winziges Herz schlug, das in wenigen Monaten genau so ein kleines, vollkommenes Wunder sein würde, erfüllte sie mit einer so tiefen, emotionalen Wärme, dass ihr fast die Tränen in die Augen schossen. Sie spürte eine magische, fast schon heilige Ehrfurcht vor dem Leben.

Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, dass Kai den Blick nicht von ihr abwandte. Er stand etwas abseits, die Hände lässig in den Hosentaschen, und beobachtete sie schweigend. Seine rubinroten Augen waren fest auf Nami und das Baby in ihren Armen geheftet. Da war keine Spur mehr von der Genervtheit über Oma Yumi oder der geschäftlichen Härte des Zaren.

Seine Züge waren weich geworden, geprägt von einer tiefen, unaufhaltsamen Faszination.

Gestern hatte er den Herzschlag gehört... und heute sah er die Frau, die er über alles liebte, mit einem Kind im Arm. Es war, als würde die Realität seiner bevorstehenden Vaterschaft mit jedem Atemzug tiefer in seine Seele einsinken.

Momoko, die dicht neben Kenji stand, bemerkte diesen intensiven, fast schon andächtigen Blickkontakt zwischen Kai und Nami. Sie stieß Kenji unauffällig mit dem Ellbogen in die Seite und flüsterte ihm mit einem wissenden, gerührten Lächeln zu:

„Schau dir Kai an... Wer hätte gedacht, dass der Zar von Tokio mal so weich gucken kann?“

Kenji schmunzelte und legte einen Arm um Momokos Schultern.

„Tja... meine Schwester hat eben Superkräfte. Aber da liegt was in der Luft, das spüre ich.“

Kenji musterte Kai eingängig, denn er spürte tatsächlich eine Veränderung...

Wenig später im Garten...

Der Nachmittag verlief in einer ausgelassenen, fast schon unwirklichen Harmonie. Der weitläufige, im klassizistischen Stil angelegte Garten des Anwesens bot die perfekte Kulisse für das Familientreffen. Während Noah mit einem alten Beyblade-Stadion auf der Terrasse hantierte und von Momoko lautstark angefeuert wurde, hatten es sich die älteren Generationen unter den schattigen Glyzinien-Bögen gemütlich gemacht.

Nami saß zusammen mit ihrer Mutter Hilda und Schwester Hana auf den eleganten Korbsesseln. Hanas vier Monate alte Tochter war mittlerweile friedlich in ihrem Kinderwagen eingeschlummert, doch das Thema Familie war damit natürlich noch lange nicht vom Tisch.

Jedenfalls nicht für Oma Yumi.

Die 80-jährige Matriarchin hatte sich strategisch günstig in der Nähe der „Männer-Ecke“ platziert.

Dort standen Hiro, Zayn, der riesige Opa Takeshi und Kenji, die sich gerade über die jüngsten wirtschaftlichen Umstrukturierungen der Tachiwari-Corporation austauschten.

Mittendrin: Kai. Er lehnte mit verschränkten Armen und einem Glas eiskalten Tees an einer Steinsäule, lauschte stoisch und strahlte wie gewohnt die Aura eines Mannes aus, der mit seinen zwanzig Jahren bereits ein ganzes Imperium kontrollierte.

Oma Yumi nippte an ihrem Champagnerglas, musterte Kai mit einem geradezu raubtierhaften Funkeln in den gealterten, aber wachen Augen und stellte ihr Glas mit einem vernehmlichen Klacken auf den Tisch.

„Das ist ja alles schön und gut mit euren Aktien und Vorständen, Jungs“, unterbrach sie die Männerrunde ohne jede Spur von Zurückhaltung. Ihr Blick wanderte demonstrativ vom Kinderwagen zu Nami und blieb dann zielsicher auf Kai hängen. Ein spitzbübisches, absolut schamloses Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus.

„Aber jetzt mal zu den wirklich wichtigen Investitionen. Hanas kleine Maus ist jetzt vier Monate alt. Takeshi und ich werden auch nicht jünger, und ich finde, nach diesem Prachtexemplar von Urenkelchen müssten Nami und Kai langsam mal schleunigst nachlegen. Also, Kai... wann wird im Hause Hiwatari endlich für Nachwuchs gesorgt? Du hast die Gene, Nami hat die Schönheit... worauf wartet ihr?“

Am Tisch der Frauen erstarrte Hilda kurz im Satz, während Hana sich die Hand vor den Mund hielt.

Nami, die gerade an ihrem Saft nippte, verschluckte sich fast. Ihre ozeanfarbenen Augen weiteten sich, und ihr Herz machte einen wilden Satz. Unwillkürlich glitt ihr Blick zu Kai.

Nami erinnerte sich noch genau an Yumis 80. Geburtstag im letzten Jahr. Damals hatte die alte Dame eine ähnliche Frage gestellt. Zu diesem Zeitpunkt war Kais Entschluss, niemals Kinder zu bekommen, noch absolut unumstößlich gewesen. Damals hatte er die Frage mit einer schlagfertigen Bemerkung so kühl im Keim erstickt, dass selbst Yumi das Thema gewechselt hatte.

Er hatte die Vasektomie im Hinterkopf gehabt, die Gewissheit, dass es niemals passieren würde.

Und heute? Gestern erst hatte er den rasenden Herzschlag ihres gemeinsamen Kindes auf dem Monitor gesehen.

Nami hielt den Atem an. Würde Kai sich verraten? Würde er die Maske fallen lassen?

Doch Kai bewegte sich nicht einen Millimeter.

Seine rubinroten Augen fixierten die exzentrische Großmutter mit einer derart gelassenen, majestätischen Ruhe, dass man meinen könnte, sie hätte ihn nach dem Wetter gefragt. Er hatte absolut nicht vor, der alten Dame hier und jetzt die Bühne für seine größte Lebenswende zu bereiten... geschweige denn, ihr vor dem Abend das Zepter für die große Verkündung zu überlassen.

Er blieb der Herr des Geschehens. Er löste es mit der puren, arroganten Eleganz eines wahren Zaren.

Er nahm einen langsamen Schluck von seinem Eistee, setzte das Glas ab und sah Yumi direkt in die Augen. Ein kaum merkliches, unendlich charmantes, aber absolut undurchdringliches Schmunzeln stahl sich auf seine markanten Züge.

„Yumi“, begann er, und seine tiefe, raue Stimme schnitt mit absoluter Souveränität durch das Tuscheln im Garten.

„Du weißt genau, dass ein Hiwatari seine strategischen Züge niemals im Voraus ankündigt. Schon gar nicht, bevor das Fundament absolut perfekt gegossen ist. Hab also noch ein wenig Geduld mit deinen Prognosen.“

Ein leises Raunen ging durch die Männerrunde. Kenji stieß ein amüsiertes Prusten aus, und Opa Takeshi lachte tief und dröhnend auf.

„Der Junge hat dich erneut durchschaut, Yumi! Von dem kriegst du keine Insider-Infos!“

Oma Yumi schnaubte theatralisch, konnte sich ein anerkennendes Schmunzeln aber nicht verkneifen. Sie hob kapitulierend ihr Glas.

„Pah! Geschäftsmann durch und durch. Aber weichgeklopft kriege ich dich irgendwann trotzdem noch, Kai Hiwatari.“

Kai erwiderte nichts, sondern senkte nur minimal das Kinn... das perfekte, unnahbare Pokerface. Doch als er seinen Blick für den Bruchteil einer Sekunde von Yumi abwandte, suchten seine roten Augen treffsicher die von Nami.

Für Außenstehende war es nur ein flüchtiger Moment, doch Nami sah das feine, triumphierende Aufblitzen in seinem Blick. Es war ein stummes, feuriges Versprechen, das nur ihr galt:

Niemand kontrolliert uns. Das Timing gehört ganz allein uns.

Nami atmete tief aus, während ein warmes, unbändiges Glücksgefühl ihre Brust flutete. Sie schenkte ihm ein strahlendes, verschmitztes Lächeln.

Oh ja, ihr Verlobter war ein Meister der Kontrolle... und der Abend konnte gar nicht schnell genug kommen.

Oma Yumi dachte jedoch gar nicht daran, das Feld so einfach zu räumen. Sie schnaubte, wechselte elegant das Standbein und legte den Kopf schief, während sie den Zeigefinger mahnend hob.

„Na schön, mein lieber Herr Vorstandsvorsitzender“, konterte sie mit theatralischer Strenge.

„Strategische Züge hin oder her. Aber um Nachwuchs im Hause Hiwatari zu zeugen, gehört sich für anständige Leute wohl eine Sache zuerst: ein vernünftiger Antrag! Man setzt ja das Dach auch nicht vor den Wänden auf. Also, wie sieht es an der Front aus? Oder müssen wir da auch auf das perfekte Fundament warten?“

In diesem Moment konnte Nami an ihrem Tisch absolut nicht mehr an sich halten. Ein helles, glockenreines Lachen entwich ihrer Kehle. Es war so voller unverblümter Belustigung, dass Oma Yumi mitten im Satz innehielt und mit gerunzelter Stirn zu ihrer Enkelin hinübersah.

Auch der Rest der Familie wandte sich überrascht zu Nami um.

Nami genoss das irritierte Gesicht ihrer Großmutter für einen Wimpernschlag der puren Genugtuung. Dann hob sie langsam und mit genüsslicher Ruhe ihre linke Hand.

Das Sonnenlicht brach sich augenblicklich in dem exquisiten Diamant, der an ihrem Ringfinger saß, und warf ein funkelndes Prachtfeuerwerk in die Runde.

„Eigentlich, Oma...“, begann Nami, und ihre ozeanfarbenen Augen blitzten voller spitzbübischem Triumph, „...war ich vorhin sehr überrascht, dass du den Ring nicht bereits bei deiner Ankunft im Anwesen bemerkt hast, als du mir zum Geburtstag gratuliert hast. Wo du doch sonst jedes Detail an schönen Männern und feinem Schmuck sofort registrierst.“

Es war, als hätte jemand im Garten des Ayame-Anwesens die Zeit eingefroren.

Das fassungslose Schweigen, das über die versammelte Familie Tachiba hereinbrach, war so absolut, dass man das ferne Rauschen des Windes in den Bäumen hören konnte. Oma Yumis Champagnerglas verharrte auf halbem Weg zu ihrem Mund.

Kenji starrte mit offenem Mund auf die Hand seiner Zwillingsschwester, während Momoko die Hände vor das Gesicht schlug und Hana geschockt zwischen Nami und Kai hin- und herblickte.

Zayn zog überrascht die Augenbrauen hoch und selbst Opa Takeshi blinzelte zweimal, um sicherzugehen, dass er richtig sah.

Einzig und allein Hiro Tachiba stand mit einem tiefen, wissenden und unendlich stolzen Lächeln an seinem Platz. Er nippte seelenruhig an seinem Getränk.

Und dann... brach der Ausnahmezustand aus.

„WAS?!“, kreischte Momoko als Erste auf, sprang vom Stuhl auf und stürzte praktisch über den Rasen zu Nami, um deren Hand zu packen und den Ring aus nächster Nähe zu inspizieren.

„Nami! Du bist verlobt?! Seit wann?! Wie?! Oh mein Gott, er ist wunderschön!“

„Du hast mir nichts gesagt?!“, rief Kenji zeitgleich aus, sichtlich fassungslos, dass seine eigene Zwillingsschwester so ein monumentales Geheimnis vor ihm gehütet hatte. Er warf Kai einen Blick zu, der irgendwo zwischen tiefem Respekt und absoluter Überforderung schwankte.

„Kai! Du ziehst meine Schwester heimlich ab?!“

Hana lachte fassungslos auf, drückte Zayn vor Aufregung den Arm und schüttelte den Kopf.

„Ich wusste, dass da was im Busch ist! Ich habe es gespürt!“

Hilda Tachiba atmete tief ein, die Hände auf das Herz gelegt, und Tränen der Rührung schimmerten in ihren Augen, während sie sofort aufstand, um ihre Tochter zu umarmen.

Oma Yumi war derweil die Einzige, die sich innerhalb von Sekunden von ihrem Schock erholte. Sie starrte auf den funkelnden Ring, dann auf Kai, der trotz des tobenden Chaos um ihn herum absolut unerschütterlich an seiner Säule lehnte... auch wenn das feine, amüsierte Zucken in seinem Mundwinkel verriet, wie sehr er diesen inszenierten Systemabsturz der Familie genoss.

„Na warte, du gerissener Bursche!“, rief Yumi mit einem Gesichtsausdruck aus purer Begeisterung und schlug theatralisch die Hände zusammen.

„Mich so aufs Kreuz zu legen! Takeshi, hast du das gesehen? Der Zar fackelt nicht lange! Nami, mein Schatz, zeig her das Ding! Oh, dieses Funkeln... Ich nehme alles zurück, Kai. Dein Timing ist absolut tödlich!“

Mitten in diesem lautstarken Durcheinander aus Glückwünschen, Fragen und Oma Yumis begeisterten Rufen wurden die schweren Gartentüren zum Anwesen erneut geöffnet.

„Wir haben das Kreischen bis zur Auffahrt gehört! Ist hier jemand gestorben oder gibt es kostenloses Essen?“, tönte eine kräftige, gut gelaunte Stimme über den Rasen.

Es war Namis Onkel Takeru Tachiba. Als Hiros sechs Jahre älterer Bruder war die Ähnlichkeit zwischen den beiden unübersehbar, auch wenn Takeru ein noch ein wenig markanteres Lachen besaß. An seiner Seite ging seine Frau, Namis Tante Mina, die einen eleganten Sommerhut trug und bereits schmunzelnd den Kopf schüttelte, als sie das Chaos im Garten sah.

Direkt hinter den beiden drängten sich Namis Cousinen Kira und Ai nach vorn. Die 17-jährige Kira hielt bereits ihr Smartphone in der Hand, während die 15-jährige Ai mit ihren großen, neugierigen Augen sofort die Lage sondierte.

„Takeru! Mina! Perfektes Timing!“, rief Oma Yumi den Neuankömmlingen entgegen, ohne ihnen überhaupt Zeit zur Begrüßung zu lassen. Sie deutete mit dramatischem Schwung auf Nami. „Vergesst das Essen! Eure Nichte hat sich den Zaren geangelt! Sie sind verlobt!“

„Waaaas?!“, entfuhr es den beiden Cousinen wie aus einem Mund.

Kira vergaß im selben Wimpernschlag ihr Smartphone und stürzte gemeinsam mit Ai auf Nami zu. Die beiden Teenagerinnen drängten sich an Momoko vorbei und starrten mit absolut fassungslosen Riesenaugen auf Namis linke Hand.

„Oh mein Gott, Nami!“, quietschte Ai und hielt sich die Wangen. „Der Ring ist ja gigantisch! Das ist doch ein echter blauer Diamant, oder?! Der funkelt ja bis zum Mond!“

„Ich fasse es nicht... Nami heiratet Kai Hiwatari!“, rief Kira völlig begeistert aus, während sie den Blick kurz zu Kai wandte, der immer noch mit stoischer Gelassenheit an der Steinsäule lehnte.

Kira grinste ihre ältere Cousine spitzbübisch an. „Nami, du musst uns unbedingt dein Geheimnis verraten! Wie bändigt man den unnahbarsten Mann von ganz Tokio? Das ist ja wie in diesen Liebesromanen!“

Tante Mina war derweil zu Nami geeilt, um ihrer Nichte mit Tränen der Rührung in den Augen zärtlich über die Wange zu streichen.

„Oh, meine liebe Nami... was für wunderbare Nachrichten zu deinem Geburtstag. Ich freue mich so unendlich für dich“, sagte Mina gerührt, ehe sie sich zu ihrem Mann umdrehte.

„Takeru, hast du das gehört? Unsere kleine Nami wird eine Braut.“

Onkel Takeru lachte tief und herzlich auf. Er ging mit großen Schritten auf die „Männer-Ecke“ zu, klopfte seinem jüngeren Bruder Hiro kräftig auf die Rückseite der Schulter und trat dann direkt vor Kai. Takeru warf einen Blick auf Kais absolut ungerührtes Pokerface und schmunzelte breit.

„Na, Kai“, sagte Takeru mit einem anerkennenden Nicken und streckte ihm die Hand entgegen. „Da hast du dir die wildeste und schönste Blume aus unserem Tachiba-Garten ausgesucht. Ich hoffe, du bist bereit für diese Großfamilie... ab jetzt gibt es kein Entkommen mehr für dich.“

Kai stieß ein weiteres, tiefes und unendlich trockenes Schnauben aus. Er ergriff Takerus Hand mit einem festen, respektvollen Griff.

„Ich war mir des Risikos bewusst, Takeru“, brummte er mit seiner tiefen Stimme, während seine rubinroten Augen für den Bruchteil einer Sekunde ein amüsiertes Blitzen zeigten.

Er sah hinüber zu Nami, die nun vollkommen von ihren Cousinen Kira und Ai, ihrer Schwester Hana, Momoko und ihrer Tante belagert wurde. Die Frauen redeten alle gleichzeitig auf sie ein, inspizierten den Ring aus jedem erdenklichen Winkel und Noah versuchte im Hintergrund, den Trubel zu nutzen, um heimlich ein weiteres Häppchen vom Buffet zu stibitzen.

Das Ayame-Anwesen bebte vor purer, ehrlicher Familiengemeinschaft... und der Tag hatte gerade erst begonnen.

Während das lebhafte Geschnatter der Frauen kein Ende nehmen wollte und Kira und Ai bereits anfingen, Nami mit hypothetischen Fragen über Brautjungfernkleider zu löchern, nutzte Kai die Gunst der Stunde. Mit der lautlosen, präzisen Eleganz eines Raubvogels löste er sich von seiner Steinsäule, glitt an den diskutierenden Männern vorbei und trat unauffällig an Namis Seite. Seine reine Präsenz reichte aus, um die aufgeregten Cousinen instinktiv einen respektvollen Schritt zurückweichen zu lassen.

Kai legte eine Hand an Namis Taille und zog sie ein minimales Stück zu sich heran. Er neigte den Kopf so weit zu ihr, dass sein warmer Atem ihre Schläfe streifte und seine tiefe, raue Bassstimme nur für sie hörbar war.

„Sag mir, dass das alle sind, mein Schatz.“, raunte er mit einem unterkühlten, aber unverkennbar mürrischen Seitenblick auf die versammelte Runde.

„Kommen all die anderen Tachibas auch noch, die ich auf Yumis Achtzigstem ertragen musste? Das waren gefühlt noch einmal dreimal so viele. Mein Garten ist groß, aber mein Geduldsfaden hat Grenzen.“

Nami sah zu ihrem Verlobten hoch, erfasste die leichte, gut versteckte Panik vor einem noch größeren Familienansturm in seinen rubinroten Augen und stieß einen leisen, theatralischen Seufzer aus.

Ein freches Schmunzeln stahl sich auf ihre Lippen.

„Du hast Glück, mein Schatz“, flüsterte sie ihm amüsiert entgegen, während sie sich ein wenig enger an seine breite Brust schmiegte.

„Die anderen mussten für heute leider alle absagen. Arbeit, spontane Urlaube, und Tante Sumire liegt mit einer Grippe im Bett. Du musst heute also nicht das gesamte Dorf bewirten.“

Kai atmete fast unmerklich auf und lockerte den Griff um ihre Taille um eine Winzigkeit.

Doch Nami war noch nicht fertig. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, legte ihm eine Hand auf die Schulter und raunte ihm mit einem absolut diebischen Blitzen in den ozeanfarbenen Augen ins Ohr:

„Aber freu dich nicht zu früh, Herr CEO. Du kennst bis jetzt schließlich nur die väterliche Seite der Familie. Du kannst von Glück reden, dass die Familie meiner Mutter komplett in England lebt und nur extrem selten nach Japan kommt. Wenn die alle anreisen, bricht hier das absolute Chaos aus. Dagegen ist meine Familie hier ein entspannter Kaffeeklatsch.“

Kai zog eine Augenbraue so steil nach oben, dass es fast schmerzhaft wirkte. Seine roten Augen verengten sich zu Schlitzen, während er sich die Vorstellung einer britischen Adels- oder Großfamilie ausmalte, die das Ayame-Anwesen stürmte.

„Noch mehr von euch?“, brummte er düster, doch das minimale, gefährlich-amüsierte Zucken in seinem Mundwinkel verriet, wie sehr er ihre Schlagfertigkeit liebte.

„Ich werde zusätzliche Sicherheitskräfte für dieses Anwesen anfordern müssen, Nami.“

Nami lachte leise und glockenrein auf. Sie legte den Kopf ein kleines Stück nach hinten, sodass ihr silbrig-weißes Haar in der Nachmittagssonne funkelte, und sah ihn mit einem Blick voller absolut diebischer Freude an. Sie stellte sich erneut auf die Zehenspitzen, um ganz nah an sein Ohr zu kommen, und ihre Stimme war ein reines, amüsiertes Versprechen.

„Da werden dir Sicherheitskräfte auch nicht mehr helfen, mein Schatz“, raunte sie ihm mit einem frechen Augenzwinkern entgegen.

„Denn spätestens zur Hochzeit wird die gesamte Verwandtschaft aus England einfliegen. Jeder Einzelne von ihnen. Da gibt es absolut kein Entkommen mehr für dich, Eure Majestät.“

Kai verzog keine Miene, doch bei dem Wort Hochzeit im selben Atemzug mit einer britischen Großfamilien-Invasion stieß er ein tiefes, unendlich gequältes Schnauben aus. Er rollte entnervt mit den rubinroten Augen und schüttelte den Kopf, während seine Hand an ihrer Taille sie unwillkürlich noch ein kleines Stück fester an sich drückte.

„Eine Massenepidemie in Übersee wäre mir in diesem Fall lieber, mein Schatz.“, brummte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, was sie nur noch mehr zum Kichern brachte.

Mitten in diesem intimen Moment unterbrach sie jedoch das laute Räuspern von Kenji, der die Arme vor der Brust verschränkt hatte und die beiden grinsend beobachtete.

„Hey, ihr zwei Turteltäubchen da drüben! Hört auf zu tuscheln. Kai, du magst zwar jetzt der Chef sein, aber heute wird erst mal Kuchen gegessen. Also bewegt euch zum Pavillon!“

Nami schenkte Kai einen letzten, vielsagenden Blick, der all das geteilte Glück der letzten Tage in sich trug, ehe sie sich von ihm führen ließ und gemeinsam mit der lautstarken, feiernden Tachiba-Familie den Weg zum festlich gedeckten Tisch einschlug.

Der Nachmittag gehörte der Familie... und mit jedem verstreichenden Moment rückte der Abend und die Ankunft der Blade Breakers ein Stück näher.