Gartenparty
Gartenparty
Das warme Licht des frühen Sommerabends tauchte den klassizistischen Garten des Ayame-Anwesens in ein malerisches Amber, während die ersten Lichterketten zwischen den alten Bäumen zu glimmen begannen. Die Tachiba-Großfamilie hatte sich nach dem lebhaften Kaffeetrinken im Pavillon und auf der Terrasse verteilt, als das vertraute, lautstarke Poltern das Eintreffen der Blade Breakers ankündigte.
Allen voran marschierte Tyson, der schon auf dem Kiesweg des Innenhofs zu hören gewesen war. Kaum hatte die Truppe den Garten betreten und die Geburtstagskinder sowie den Rest der Familie begrüßt, steuerte Tyson mit einem absolut unbezahlbaren, spitzbübischen Grinsen direkt auf Kai zu.
Kai stand mit einem Glas kühlem Wasser etwas abseits am Rand der Terrasse, die Ärmel seines Hemdes immer noch locker hochgekrempelt, und beobachtete das Treiben mit seiner gewohnten, unnahbaren Gelassenheit. An seiner Seite stand Nami, deren silbriges Haar im Abendwind tanzte und deren ozeanfarbene Augen vor Vorfreude blitzten.
„Na, sieh mal einer an!“, tönte Tyson lautstark, sodass Max und Hilary im Hintergrund bereits synchron die Augen verdrehten. Tyson baute sich mit in die Hüften gestemmten Armen vor seinem ehemaligen Teamkapitän auf.
„Zwei Tage ist das geschäftliche Erdbeben jetzt her, und du trägst immer noch kein Prachtgewand, Eure Majestät? Ich dachte, der frischgebackene 'Zar von Tokio' und zukünftige Ehemann lässt sich heute von einem Butler im vergoldeten Thronsessel in den Garten tragen!“
Hilary stieß Tyson unsanft mit dem Ellbogen in die Rippen. „Tyson, halt den Mund und benimm dich zur Abwechslung mal wie ein zivilisierter Mensch an einem Geburtstag!“, herrschte sie ihn amüsiert aussehend an, ehe sie sich Nami zuwandte und sie herzlich umarmte.
„Alles, alles Liebe zum Geburtstag, Nami! Und natürlich auch dir, Kenji!“, rief sie über die Schulter dem Zwillingsbruder zu, der dankend ein Glas hob.
Kai stieß ein tiefes, unendlich trockenes Schnauben aus. Er hob das Glas an die Lippen, nahm einen kleinen Schluck und sah Tyson aus seinen rubinroten Augen so mörderisch-unterkühlt an, dass jeder normale Mensch sofort das Weite gesucht hätte.
„Tyson“, brummte er mit seiner tiefen Stimme, „dein Organ ist sogar auf fünfhundert Meter Entfernung eine Lärmbelästigung. Wenn du hier bist, um meine Geduld zu testen, fährst du im hohen Bogen hochkant zurück in dein Dojo.“
„Ach komm schon, Kai! Ein bisschen Sticheln gehört dazu!“, warf Max lachend ein, während er sich zu ihnen gesellte und Kai grinsend auf die Schulter klopfte.
„Wir müssen uns schließlich erst noch an den Gedanken gewöhnen, dass du in rasantem Tempo die Meilensteine des Lebens abhakst. Erst bändigst du den Vorstand, dann bist du verlobt... Was kommt als Nächstes? Wenn du in dem Tempo weitermachst, erzählst du uns als Nächstes wahrscheinlich, dass du demnächst auch noch im Chefsessel der Tachiwari-Corporation Windeln wechseln musst, weil du Vater wirst!“
Im selben Wimpernschlag fror die Bewegung für einen winzigen, fast unmerklich geladenen Moment ein.
Nami hielt unwillkürlich den Atem an. Ein verräterisches, unendlich amüsiertes Funkeln blitzte tief in ihren Augen auf, und sie musste all ihre Willenskraft aufbieten, um nicht laut aufzulachen. Sie warf Kai einen schnellen, intensiven Seitenblick zu.
Kais linke Augenbraue zuckte minimal nach oben. Seine Miene blieb wie aus Granit gemeißelt, doch um seine Mundwinkel legte sich ein eiskaltes, absolut triumphierendes Schmunzeln, das nur Nami verstand.
Max hatte keine Ahnung, dass er mit seinem unüberlegten Scherz gerade den absoluten Volltreffer des Jahrhunderts gelandet hatte.
Mitten in dieser aufgeladenen Stille trat Mariah einen Schritt näher. Ihre feinen, analytischen Antennen waren sofort auf Empfang geschaltet. Ihr Blick wanderte blitzschnell von Tysons grinsendem Gesicht zu Max, blieb dann an Namis strahlender, fast magischer Aura hängen und fixierte schließlich Kais besitzergreifende Hand, die unbemerkt etwas fester an Namis Taille lag.
Mariahs Herz machte einen kleinen Sprung; sie behielt ihren aufkeimenden, atemberaubenden Verdacht im Stillen für sich, doch ihr Grinsen wurde augenblicklich eine Nuance wissender.
„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, Max“, erwiderte Nami schließlich mit einer unbeschreiblich sanften, honigsüßen Stimme.
Sie löste sich leicht von Kai, trat an den Tisch, auf dem ihre Handtasche lag, und ließ ihre Finger elegant hineingleiten. Als sie sich wieder umdrehte, hielt sie das filigrane, silbern glänzende Ninshin Badge verdeckt in der Handfläche.
Sie sah in die Runde der Blade Breakers, blickte hinüber zu ihrer Familie, wo Hiro und Oma Yumi bereits aufmerksam zu ihnen herübersahen, und reichte Kai mit einem absolut umwerfenden, glücklichen Lächeln die Hand. Kai ergriff sie, trat dicht hinter sie und strömte eine so mächtige, beschützerische Aura aus, dass selbst Tyson spürte, dass der Moment des Frotzelns vorbei war.
„Ihr wolltet doch alle wissen, was nach dem Firmenimperium und der Verlobung als Nächstes kommt“, raunte Kai, und seine tiefe Stimme besaß plötzlich eine emotionale Schwere und Wärme, die die gesamte Truppe augenblicklich verstummen ließ.
Er blickte auf Nami hinab, und das Eis in seinen roten Augen schmolz vollständig dahin.
„Dann solltet ihr jetzt ganz genau zuhören.“
Nami genoss die atemlose Stille, die sich wie ein unsichtbarer Schleier über die kleine Gruppe der Blade Breakers legte. Mit einer fließenden, eleganten Bewegung öffnete sie ihre Handfläche und präsentierte das kunstvolle Ninshin Badge.
Das sanfte Licht der Lichterketten brach sich auf der polierten Oberfläche des traditionellen Schwangerschaftsabzeichens.
„Wir werden Eltern“, verkündete Nami mit einer Stimme, die so klar, glücklich und voller Stolz durch den Abendwind getragen wurde, dass das gesamte Gespräch auf der Terrasse im selben Wimpernschlag erstarb.
Für den Bruchteil einer Sekunde schien das Universum den Atem anzuhalten. Die Worte hingen in der Luft, gewaltig und absolut lebensverändernd.
Dann explodierte die Szenerie.
„WAS?!“, schoss es aus Tyson heraus. Er wankte einen Schritt zurück, starrte das silberne Abzeichen in Namis Hand an und fing plötzlich an, lauthals an zu lachen. Er schlug sich auf den Oberschenkel, als hätte er gerade den besten Witz seines Lebens gehört.
„Nein, Mann! Das... das ist ein Scherz, oder? Kai?! Nami?! Ihr verarscht uns! Das ist der beste Versuch, mich dranzukriegen, den ihr je geliefert habt!“
Er blickte suchend in Kais Gesicht, doch je länger er die absolute, unerschütterliche Ernsthaftigkeit in den rubinroten Augen seines ehemaligen Kapitäns sah, desto mehr erstarb sein Lachen. Tyson schluckte schwer.
„Warte... du machst keine Scherze. Du hast noch nie in deinem ganzen verdammten Leben einen Scherz gemacht...“
Gleichzeitig ging am anderen Ende der Terrasse ein regelrechter Alarm los. Oma Yumi, die den Satz ihrer Enkelin mit den messerscharfen Ohren einer Tachiba-Matriarchin aufgeschnappt hatte, stieß einen derart schrillen, ohrenbetäubenden Freudenschrei aus, dass mehrere Vögel erschrocken aus den Baumkronen aufflogen.
„EIN BABY!“, kreischte Yumi mit einer Energie, die man einer Frau ihres Alters niemals zugetraut hätte. Sie ließ ihre Kaffeetasse ohne Rücksicht auf Verluste auf den Tisch scheppern, raffte ihren eleganten Kimono und stürmte mit ausgestreckten Armen auf Nami und Kai zu.
„Ich wusste es! Ich habe es an deinen Wangen gesehen, Nami! Ein Urenkelkind! Hiro, hast du das gehört?!“
Hiro, der als Einziger bereits eingeweiht war, stand mit verschränkten Armen an der Brüstung, nippte tiefenentspannt an seinem Drink und genoss das absolute Chaos mit dem wissenden, breiten Grinsen eines Mannes, dessen Masterplan perfekt aufgegangen war.
Er nickte Kai mit einem amüsierten, stolzen Blick zu.
Mitten in diesem aufkeimenden Trubel herrschte an einer Stelle des Kreises jedoch eine völlig andere, elektrisierende Dynamik.
Ray und Mariah standen wie angewurzelt da. Bei beiden ratterte es so heftig im Kopf, dass man es fast hören konnte. Da sie die Einzigen aus der früheren Truppe waren, die von Kais damaliger Vasektomie wussten, fühlten sich die Worte „Wir werden Eltern“ im ersten Moment wie eine Unmöglichkeit an... ein medizinisches Paradoxon.
Mariahs Blick schoß von dem Badge zu Namis Gesicht. Obwohl ihr Verstand schrie, dass es unmöglich war, klickten die Puzzleteile der letzten Tage in ihren feinen Antennen zusammen. Namis plötzliches Fehlen in der BBA, die schützende Hand auf dem Bauch, diese magische, unantastbare Aura... Mariah hatte es geahnt.
Sie hatte es im Urin gehabt, dass hier ein absolutes Wunder im Gange war, doch die nackte Logik hatte sie blockiert.
Ray starrte Kai derweil mit völlig fassungslosen, goldenen Augen an. Auch er hatte es geahnt und dennoch nicht geglaubt.
Ein kurzes, tiefes Schweigen lag zwischen den beiden Männern. Ray wusste, was dieser Eingriff für Kai bedeutet hatte, und nun zu sehen, wie dieser den Arm noch ein Stück fester und unendlich beschützerisch um Namis Taille legte, ließ in Ray eine tiefe, emotionale Erkenntnis reifen.
Es spielte keine Rolle, wie das Schicksal dieses Wunder vollbracht hatte... die Wahrheit stand vor ihnen.
Rays Züge entspannten sich, und ein zutiefst ehrliches, sprachloses Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, während Mariah neben ihm leise nach Luft schnappte und die Hände vor den Mund schlug.
Und Max? Max hatte von der gesamten Megabombe absolut überhaupt nichts mitbekommen.
Sein Blick war Sekunden vor der Verkündung am Rand der Terrasse hängengeblieben, wo Namis Schwester Midori gerade gelacht hatte. Als sie Max' Blick bemerkte und ihm mit einem tiefen, wunderschönen Erröten auf den Wangen schüchtern gewunken hatte, war Max' Gehirn augenblicklich in den Standby-Modus geschaltet.
Er stand einfach nur da, starrte mit einem völlig verträumten, leicht dämlichen Grinsen in Midoris Richtung und hob mechanisch die Hand, um zurückzuwinken.
„Ja, voll gut, Mann... Glückwunsch zu was auch immer...“, murmelte Max völlig weggetreten, während um ihn herum die Welt einstürzte.
Hilary schüttelte Max fassungslos an der Schulter. „Max, du Vollidiot, wach auf! Nami ist schwanger! Kai wird Vater!“, schrie sie ihm ins Ohr.
Max brauchte drei volle Sekunden, bis die Worte sein Gehirn erreichten. Sein Kopf ruckte herum, seine Augen wurden so groß wie Untertassen und er verlor komplett die Fassung.
„W-WAS?! SCHWANGER?!“
Die schiere Wucht der Nachricht rollte wie eine Lawine über die Terrasse, und die Reaktionen der verbleibenden Familienmitglieder setzten dem ohnehin schon perfekten Chaos die Krone auf.
Mitten in Yumis markerschütterndem Jubel ertönte plötzlich ein Schrei, der an pure, fassungslose Verzweiligheit grenzte.
„WIE?!“, brüllte Kenji quer über die Terrasse. Als Namis Zwillingsbruder hatte er natürlich ebenfalls von Kais medizinischer Vorgeschichte und der Vasektomie gewusst.
Er stand da wie vom Donner gerührt, die Hände an den Kopf geschlagen, während sein Gehirn verzweifelt versuchte, die biologische Unmöglichkeit zu begreifen. Er starrte Kai an, als hätte dieser gerade vor seinen Augen Wasser in Wein verwandelt.
„Kai, das ist... das ist unmöglich! Wie um alles in der Welt habt ihr das angestellt?!“
Tyson, der von der ganzen medizinischen Hintergrundgeschichte natürlich nicht den leisesten Schimmer hatte, bog sich vor Lachen und klopfte Kenji so heftig auf den Rücken, dass dieser fast stolperte.
„Mensch, Kenji! Du bist doch sonst nicht so begriffsstutzig!“, johlte Tyson lauthals, während er sich die Tränen aus den Augen wischte.
„Ich glaube kaum, dass wir dir an deinem eigenen Geburtstag noch die Blümchen und die Bienchen erklären müssen! Der Zar von Tokio fackelt eben nicht lange, der liefert direkt Ergebnisse!“
Direkt daneben stand Momoko, bei der die Drähte in diesem Moment ebenfalls komplett heißliefen. Da auch sie in das Geheimnis um Kais Vasektomie eingeweiht war, starrte sie fassungslos zwischen Nami und Kai hin und her. Sie verstand die Welt gerade absolut nicht mehr und war völlig verwirrt von diesem biologischen Rätsel, doch die pure, ansteckende Elektrizität im Garten überwand ihre Ratlosigkeit. Ein herzliches Lachen entwich ihrer Kehle, und sie stimmte lautstark und jubelnd in den allgemeinen Trubel ein, während sie begeistert in die Hände klatschte.
Was auch immer hier passiert war... es war ein Grund zum Feiern!
An einer anderen Stelle der Terrasse flossen derweil ganz andere Tränen. Hilda hielt es nicht mehr auf ihrem Stuhl. Sie lachte so herzlich und befreit auf, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen. Mit einer eleganten Bewegung zog sie ein Taschentuch hervor und wischte sich die feuchten Augenwinkel sauber, während sie voller Stolz und tiefer emotionaler Erleichterung zu ihrer Tochter und Kai blickte. Ihr mütterlicher Instinkt hatte ihr schon länger geflüstert, dass Nami ein süßes Geheimnis hütete.
Ein völlig anderes Bild boten dagegen Namis Cousinen Kira und Ai.
Als Tysons anzüglicher Spruch über die Terrasse schallte, schoss den beiden jungen Frauen augenblicklich ein tiefes, flammendes Erröten in die Wangen. Sie bissen sich verlegen auf die Lippen, während ihre Blicke schüchtern und voller ungläubiger Faszination von Nami zu dem unnahbaren Kai wanderten.
Die Vorstellung, dass dieser eiskalte, mächtige Mann nun bald sanft ein Neugeborenes im Arm halten würde, brachte das Weltbild der beiden Cousinen völlig durcheinander.
Namis Onkel Takeru hingegen reagierte mit der traditionellen, kraftvollen Freude eines Tachiba-Mannes. Er trat mit großen Schritten vor, ein breites, ehrliches Lächeln im Gesicht, und fing an, lautstark und rhythmisch Beifall zu klatschen. Seine schweren Handschläge hallten über die Terrasse und gaben dem emotionalen Ausnahmezustand einen feierlichen Rahmen.
„Gut gemacht, Kai! Das nenne ich ein starkes Fundament für die Zukunft!“, rief Takeru anerkennend und nickte dem zukünftigen Vater respektvoll zu.
Kai ertrug das lautstarke Spektakel, das Kenjis Gebrülle, Tysons dämliche Sprüche und Yumis Kreischen einschloss, mit einer fast schon stoischen Ruhe. Er spürte das wilde Herzklopfen von Nami, die sich immer noch lachend an seine Brust drückte, und hielt sie einfach nur fest. Er würdigte Kenjis und Momokos fassungslose Blicke mit einem einzigen, unendlich überlegenen Hochziehen seiner linken Augenbraue.
Der erste laute Jubelsturm legte sich allmählich, als Tyson nun wie ein Magnet vom Duft des frisch eröffneten Abendbuffets angezogen wurde und Hilary lautstark hinterherging, um aufzupassen, dass dieser sich nicht wie ein Höhlenmensch aufführte.
Onkel Takeru hielt Oma Yumi im Zaum, die Nami am liebsten sofort ins Bett verfrachtet und mit Suppe gefüttert hätte.
Nami nutzte die kurze Ablenkung, gab Kai einen vielsagenden Blick und zog sich mit ihm in den hinteren Teil des Gartens zurück.
Sie kamen nicht weit.
Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, schossen Kenji und Momoko hinterher, dicht gefolgt von Ray und Mariah. Es herrschte eine beinahe greifbare, elektrisierende Spannung.
„In Ordnung, Schluss mit dem Versteckspiel!“, plattete Kenji sofort los. Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar, seine türkisfarbenen Augen blitzten in einer Mischung aus absolutem Systemabsturz und purer Neugier. Er trat dicht vor Kai und gestikulierte wild.
„Kai. Medizinisch gesehen ist das eine absolute Unmöglichkeit! Hast du dich heimlich in einer Schweizer Luxusklinik unters Messer gelegt und die OP rückgängig machen lassen?! Anders geht das doch gar nicht!“
Momoko nickte hektisch, verschränkte die Arme und sah Kai mit zusammengezogenen Augenbrauen an, während Ray und Mariah schweigend, aber mit extrem fixierten Blicken auf eine Antwort warteten.
Kai lehnte sich mit der gewohnten, raubtierhaften Gelassenheit gegen eine Säule des weißen Pavillons. Er schob die Hände lässig in die Hosentaschen seines Anzugs, während Nami sich mit einem geheimnisvollen, unendlich sanften Lächeln an seine Seite stellte. Ihre Hand glitt wie von selbst auf ihren Bauch.
„Nein, Kenji“, erwiderte Nami leise, und ihre Stimme verströmte eine fast schon magische, ehrfürchtige Ruhe.
„Es gab keine Operation. Kein Arzt der Welt hatte hier seine Finger im Spiel.“
„Aber wie zum Teufel dann?!“, stammelte Kenji komplett fassungslos.
Kai stieß ein tiefes, raues Schnauben aus. Er schloss für einen kurzen Moment die rubinroten Augen, und als er sie wieder öffnete, brannte in ihnen nicht die Kälte des CEOs, sondern die tiefe, unbändige Hitze des Phönix.
„Es war eine spontane Rekanalisation“, erklärte Kai mit seiner tiefen Stimme, die ungewohnt leise, aber unglaublich intensiv durch den Raum hallte. Er sah zu Nami hinab, und sein Blick wurde weicher.
„Die Ärzte konnten es sich selbst nicht erklären. Medizinisch gesehen existierten die Barrieren einfach nicht mehr. Sie wurden... weggeschmolzen.“
Ray hielt mitten im Atemzug inne. Seine goldenen Augen weiteten sich, als die spirituelle Erkenntnis ihn wie ein Blitz traf. Als jemand, der die Kraft der Bit-Beasts und der inneren Energie so tief verstand wie kaum ein anderer, spürte er sofort, worauf Kai hinauswollte.
„Die Auren...“, murmelte Ray mit belegter Stimme.
„Genau“, übernahm Nami, und ein unbeschreiblich glückliches Funkeln trat in ihre Augen. Sie blickte zu Ray und Mariah.
„Mein Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft, nach einem Kind mit Kai... er war so tief in meiner Seele verankert, dass meine Aura unbewusst darauf reagiert hat. Und als unsere Energien ineinandergeflossen sind, hat meine Kraft Kais Aura dazu gebracht, das Problem von innen heraus zu lösen. Es war keine Medizin. Es war die pure, geballte Verbundenheit unserer Seelen, die den physischen Makel einfach weggebrannt hat.“
Mariah schlug die Hände vor den Mund, und ihr stiegen sofort Tränen der Rührung in die Augen. Sie trat vor, ergriff Namis freie Hand und drückte sie fest.
„Das ist... das ist kein medizinisches Wunder. Das ist das Schicksal“, flüsterte sie ergriffen.
Kenji stand da, den Mund leicht geöffnet, während sein Blick zwischen seiner Zwillingsschwester und Kai hin und her wanderte. Der nackte Unglaube auf seinen Zügen wich langsam einer tiefen, ehrfürchtigen Bewunderung.
Er schüttelte fassungslos den Kopf und stieß ein leises, ungläubiges Lachen aus.
„Verdammt, Kai...“, murmelte Kenji und sah seinen zukünftigen Schwager mit völlig neuem Respekt an. „Sogar die Biologie beugt sich ihrem Willen. Wenn das mal kein echter Hiwatari-Nachwuchs wird, weiß ich auch nicht mehr. Das wars dann wohl mit kinderlos by choice.“
Momoko atmete tief aus, die Verwirrung auf ihrem Gesicht war komplett verflogen und hatte einem strahlenden, ehrlichen Jubel Platz gemacht.
„Das ist das Verrückteste und Schönste, was ich je gehört habe!“, rief sie leise, um nicht die Aufmerksamkeit der anderen im Garten zu erregen, und umarmte Nami stürmisch.
Kai ertrug die emotionalen Bekundungen der Truppe mit einem minimalen, aber unendlich stolzen Schmunzeln auf den Lippen. Er legte den Arm wieder fest um Namis Taille und zog sie eng an sich.
Nami schmunzelte leise, als sie das kollektive Aufatmen und die ehrfürchtige Rührung in den Gesichtern ihrer Freunde sah. Sie lehnte sich noch ein Stück enger an Kais starke Schulter und blickte amüsiert in die Runde, ehe ihr Blick auf Kenji und Momoko verweilte.
„Aber das Beste an der ganzen Geschichte kommt eigentlich erst noch“, ergänzte Nami, und ein unbeschreiblich liebevolles, fast schon neckisches Funkeln trat in ihre ozeanblauen Augen.
Sie sah zu Kai hoch, dessen Miene zwar wie gewohnt unerschütterlich blieb, auf dessen Wangen sich unter dem sanften Licht der Salonlampe jedoch ein minimaler, fast unmerklicher Hauch von Dunkelheit legte.
„Es war nämlich Kai, der als allererster bemerkt hat, dass ich schwanger bin.“
„Kai?!“, echote Kenji fassungslos und starrte seinen zukünftigen Schwager an, als hätte dieser gerade hellseherische Fähigkeiten offenbart.
Sogar Ray zog überrascht die Augenbrauen hoch.
„Ja, ganz genau“, bestätigte Nami mit einem leisen, melodischen Lachen.
„Ihr müsst wissen, dieser Mann hier kontrolliert nicht nur seit ein paar Tagen ein weltweites Firmenimperium mit absoluter Präzision, sondern anscheinend auch mein Leben. Er kennt mich so dermaßen auswendig, dass ihm sofort auffiel, als ich eine Woche überfällig war.“
Sie hielt einen Moment inne und schüttelte schmunzelnd den Kopf über sich selbst.
„Mir selber war es bis zu diesem Moment tatsächlich überhaupt nicht aufgefallen. Ich habe mir einfach nie Gedanken darüber gemacht oder genauer mitgezählt. Warum auch? In meinem Kopf war die Sache absolut abgehakt. Ich dachte an Stress durch die BBA oder schlicht an eine Unregelmäßigkeit. Ich wäre im Traum nicht darauf gekommen, dass bei uns beiden biologisch überhaupt etwas passieren könnte. Aber Kai... Kai war sich sofort felsenfest sicher.“
Mariah quiekte leise vor Entzücken auf und hielt sich die Wangen, während ihr Blick zwischen den beiden hin und her wanderte.
„Das ist ja... ich fass es nicht. Kai Hiwatari, der menschliche Kalender für Romantik und Biologie.“
Kai stieß ein tiefes, unendlich trockenes Seufzen aus. Er spürte die belustigten und tief beeindruckten Blicke von Ray und Kenji auf sich ruhen, wich ihnen jedoch nicht aus.
Stattdessen sah er mit einem so besitzergreifenden, mörderisch-stolzen Blick auf Nami hinab, dass die Luft im Raum augenblicklich wieder von seiner dominanten Aura erfüllt wurde.
„Ich überlasse eben nichts dem Zufall“, brummte er mit seiner tiefen Stimme, auch wenn der winzige, triumphierende Zug um seine Mundwinkel ihn verriet.
„Schon gar nicht, wenn es um dich geht.“
Mit einem leisen, verschwörerischen Lächeln löste sich die kleine Gruppe vom Pavillon und schlenderte mit unauffälligen Schritten zurück auf die hell erleuchtete Hauptterrasse, um keinen Verdacht zu erregen.
Dort angekommen, bot sich ihnen das gewohnt chaotische, aber herzerwärmende Bild der Blade Breakers. Tyson hatte den Schock über Kais zukünftige Vaterrolle offensichtlich erfolgreich mit Essen betäubt.
Er stand mit einem prall gefüllten Teller am Buffet, kaute im Akkord und gestikulierte wild mit einer Frühlingsrolle in der Hand, während Hilary mit verschränkten Armen danebenstand und aussah, als würde sie jeden Moment seine Manieren bemängeln.
„Ich sag's euch, das ist alles Taktik von Kai!“, tönte Tyson gerade mit vollem Mund, als die anderen sich wieder unter die Gäste mischten. Er schluckte mühsam hinunter und grinste breit in Kenjis Richtung.
„Der fängt jetzt schon an, sein eigenes Beyblade-Nachwuchsteam zu züchten! Als Nächstes kommen bestimmt Drillinge, damit die Startaufstellung für die nächste Weltmeisterschaft steht. Der Zar von Tokio überlässt eben nichts dem Zufall, stimmt's, Kai?“
Kai, der gerade mit Nami an den Tisch zurückgekehrt war, bedachte Tyson nur mit einem Blick, der so trocken war, dass er die Wüste Sahara vor Neid hätte erblassen lassen. Er nahm wortlos ein Glas frisch gepressten Saft von einem Tablett, reichte es Nami und strömte eine so herrlich arrogante Gelassenheit aus, dass Tyson nur lauthals lachte.
Ein paar Meter weiter, direkt am glänzenden Dessert-Buffet, spielte sich derweil ein weitaus subtileres, aber psychologisch hochgradig geladenes Drama ab.
Max stand wie auf Kohlen vor einer Etagere mit feinen Matcha-Törtchen. Seine Augen fixierten starr die süßen Gebäckstücke, doch sein gesamtes Bewusstsein war wie eine Kompassnadel nach links ausgerichtet.
Dort stand Midori.
Sie trug ein wunderschönes, schlichtes Sommerkleid, das ihre für ihr Alter erstaunlich reife und elegante Ausstrahlung noch unterstrich. Als sie bemerkte, dass Max sich dem Buffet näherte, schoss ihr sofort wieder dieses tiefe, wunderschöne Erröten in die Wangen, das Max' Herz kurz stolpern ließ.
Sie schenkte ihm ein Lächeln, das so entwaffnend und voller ehrlicher Schwärmerei war, dass Max fast die Zange für die Törtchen fallen gelassen hätte.
~Reiß dich zusammen, Max... verdammt, sie ist vierzehn!~
schrie sein innerer Monolog im selben Moment im Kreis.
Sein Gehirn lief auf absolutem Hochtouren-Standby. Vor einiger Zeit in der BBA war alles noch so einfach gewesen. Als Midori mit ihrem Vater Hiro Mr. Dickenson besucht hatte, hatte Max den charmanten, weltgewandten Gentleman gegeben.
Er hatte sie durch die heiligen Hallen geführt, Witze gemacht und war völlig hin und weg von ihrer reifen, klugen Art gewesen... besonders, als sie ihm mit völlig ernstem Blick erzählt hatte, sie sei siebzehn.
Max hatte sich innerlich schon die Hochzeitsglocken ausgemalt.
Bis Nami wenig später mit diesem unendlich amüsierten Grinsen das Missverständnis aufgeklärt hatte:
„Max,... Midori ist vierzehn. Sie geht noch zur Schule.“
Dieser Satz hatte Max' Liebesleben mit der Wucht eines Dranzer-Angriffs zertrümmert. Er war zwanzig! Er durfte nicht mit einer Vierzehnjährigen flirten, das war ein absolutes No-Go!
Das Problem war nur... Midori wusste anscheinend ganz genau, was sie tat, und dachte gar nicht daran, ihre erste große High-Society-Verknalltheit einfach so aufzugeben.
Max räusperte sich lautstark, versuchte, seine Schultern straff aufzurichten und schritt mit der steifen Höflichkeit eines britischen Butlers einen Schritt auf sie zu. Er wollte unauffällig sein. Bloß keine falschen Signale senden.
„Äh... Hallo, Midori“, brachte er heraus, und seine Stimme war eine Oktave höher als gewöhnlich. Er deutete vage auf die Törtchen.
„Die... die Matcha-Dinger sind wirklich hervorragend. Also, rein optisch. Kann ich dir... darf ich dir vielleicht eins auf den Teller legen? Als... als reiner, platonischer, familiärer Service natürlich.“
Midori biss sich verlegen auf die Unterlippe, was sie nur noch hübscher machte, und blickte durch ihre langen Wimpern zu ihm auf.
„Das wäre wirklich lieb von dir, Max“, erwiderte sie mit einer sanften Stimme, die so gar nicht nach einem Teenager klang. Sie trat ein Stück näher, sodass Max unwillkürlich den Atem anhielt.
„Du bist heute Abend genauso ein Gentleman wie neulich in der BBA. Ich habe übrigens viel an unsere Führung gedacht...“
Max spürte, wie ihm die Schweißperlen auf die Stirn traten. Er fischte hastig nach einem Törtchen, legte es auf ihren Teller und gab sich größte Mühe, absolut keinen Körperkontakt herzustellen.
„Ja! Haha! Die BBA! Ein... ein toller Ort für Kinder! Und Jugendliche! Um... um zu lernen!“
Nami, die das Spektakel vom anderen Ende der Terrasse aus beobachtete, musste sich das Lachen mühsam verkneifen. Sie stupste Kai leicht mit dem Ellbogen an und deutete mit dem Kinn zum Buffet.
„Schau dir das an. Der arme Max stirbt gerade tausend Tode.“
Kai warf einen kurzen Blick hinüber zu Max' hochrotem Kopf und Midoris schwärmerischem Blick. Ein extrem seltenes, unendlich amüsiertes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen.
„Der Junge ist überfordert“, stellte er mit seiner tiefen Stimme fest und nahm einen Schluck aus seinem Glas.
„Er sollte laufen, solange er noch kann. Gegen die Frauen deiner Familie hat er sowieso keine Chance.“
Nami spürte, wie ihr ein unbändiges Kichern entwich. Sie schmiegte sich noch ein Stück enger an Kais starke Schulter und hob amüsiert ihr Glas, während sie den Blick nicht von dem köstlichen Drama am Buffet abwenden konnte. Max sah mittlerweile aus, als würde er versuchen, einer geladenen Bombe die Drähte zu kappen, während er Midori mit steifem, hochrotem Nicken die Vorzüge von grünem Tee erklärte.
„War es nicht eher die Drohung, dass mein Vater ihn sonst persönlich in den nächsten Flieger zurück in die USA setzt?“, flüsterte Nami Kai schmunzelnd zu. Ihre ozeanfarbenen Augen funkelten voller diebischer Freude.
„Ich meine, Max ist ein herzensguter Kerl, aber wenn er noch schwitzender in Midoris Richtung starrt, missversteht Papa das am Ende noch als ungebührliches Verhalten.“
Sie lachte leise auf und wandte den Kopf leicht zur Seite, um nach ihrem Vater Ausschau zu halten.
Hiro stand ein paar Meter weiter im Schatten eines großen Ahornbaums, ein Glas Whiskey locker in der Hand. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah aus wie die Ruhe selbst. Seine Züge waren vollkommen neutral, fast schon unlesbar, doch seine petrolfarbenen Augen ruhten mit einer messerscharfen, unbarmherzigen Wachsamkeit auf der Szenerie am Buffet.
Er bewegte sich nicht, er sagte nichts... aber allein seine imposante Präsenz reichte aus, um die Luft in Max’ unmittelbarer Umgebung gefühlt um zehn Grad abzukühlen.
Hiro beobachtete ganz genau, wie der zwanzigjährige BBA-Champion sich gegenüber seiner jüngsten, vierzehnjährigen Tochter verhielt. Und Max, der Hiros Blick im Augenwinkel zweifellos registriert hatte, schien augenblicklich noch ein Stück steifer zu werden.
Kai folgte Namis Blick zu Hiro. Ein fast unmerkliches, unendlich trockenes Schnauben entwich seiner Kehle.
„Dein Vater wird ihn nicht fliegen lassen“, brummte Kai mit seiner tiefen Bassstimme, während seine rubinroten Augen kalt, aber amüsiert glänzten.
„Wenn der Junge eine Grenze überschreitet, wirft dein Vater ihn ohne Fallschirm über dem Pazifik ab. Und das weiß Tate auch.“
„Ach, sei nicht so düster“, entgegnete Nami und stieß Kai spielerisch mit der Hüfte an, während sie sich ein weiteres Mal an seiner Seite amüsierte.
„Max würde niemals etwas Unanständiges tun. Er ist viel zu sehr Gentleman. Aber es ist einfach zu herrlich zu sehen, wie die Frauen unserer Familie den stärksten Beybladern der Welt den Verstand rauben.“
Sie sah wieder zu Max, der gerade heftig gestikulierend versuchte, den Sicherheitsabstand von mindestens einem halben Meter zu Midori penibel einzuhalten, während Midori einen kleinen Schritt näher trat und ihn aus großen, bewundernden Augen ansah.
Nami hatte kaum aufgehört zu kichern, als die relative Ruhe auf der Terrasse jäh durchbrochen wurde.
Oma Yumi hatte sich endlich aus der eisernen Umklammerung von Onkel Takeru winden können.
Die rüstige Matriarchin der Tachiba-Familie fegte wie ein kleiner, silbergrauer Wirbelsturm über die Terrasse, ihren eleganten Seidenkimono mit einer Hand schwungvoll gerafft, während sie in der anderen eine hölzerne Suppenkelle schwang, die sie im Vorbeigehen vermutlich einem der völlig verdutzten Catering-Bediensteten aus der Hand gerissen hatte.
„Aus dem Weg! Platz da für die wichtigste Frau des Abends!“, rief Yumi mit einer Stimme, die mühelos das laute Gelächter von Tyson und Hilary übertönte.
Sie steuerte mit der Präzision einer zielsuchenden Rakete direkt auf Nami und Kai zu.
Max, der am Buffet ohnehin schon unter Hiros wachsamem Blick Todesängste litt, nutzte die allgemeine Ablenkung und machte instinktiv einen weiten Satz rückwärts ins Gebüsch, um nicht in Yumis Schusslinie zu geraten.
„Nami! Mein goldenes Kind!“, flötete Yumi, ehe sie abrupt vor dem Paar stehen blieb. Ihr Blick verengte sich zu zwei messerscharfen Schlitzen, während sie Nami von oben bis unten scannte.
„Du stehst hier herum? Auf den Beinen? Auf... Absätzen?!“
Noch ehe Nami auch nur ein Wort der Erklärung ansetzen konnte, wirbelte Yumi herum und deutete mit der Suppenkelle drohend auf Kais Brust.
„Kai! Du bist jetzt der Zar von Tokio, ein Gigant der Wirtschaft, aber von Schwangerschaftspflege hast du anscheinend so viel Ahnung wie ein leerer Beyblade-Teller!“, schimpfte sie hochdramatisch, während ihre Augen vor exzentrischer Energie funkelten.
„Warum sitzt meine Enkelin nicht auf einem seidenen Diwan? Warum wird sie nicht mit frisch importierten, sonnengereiften kernlosen Weintrauben gefüttert?! Das Kind in ihrem Bauch trägt das Blut der Tachiba und der Hiwatari... das wird kein normaler Säugling, das wird ein zukünftiger Weltherrscher! Der braucht Nährstoffe, Ruhe und die richtige spirituelle Schwingung!“
Kai rührte keine Wimper. Er sah auf die kleine, fuchtelnde ältere Dame hinab, die ihm kaum bis zur Brust reichte, und atmete extrem langsam und tief durch die Nase aus. Jede andere Person auf diesem Planeten hätte er für so einen Auftritt eiskalt im Garten vergraben lassen, doch bei Oma Yumi siegte selbst bei Kai der pure Selbsterhaltungstrieb.
Er wusste, dass diese Frau absolut unberechenbar war.
„Yumi“, brummte Kai. „Nami geht es blendend. Und sie trägt flache Schuhe.“
„Ruhe auf den billigen Plätzen, junger Mann!“, schnappte Yumi, völlig unbeeindruckt von seiner düsteren Aura.
Sie wandte sich wieder Nami zu, legte theatralisch eine Hand auf ihre eigene Brust und seufzte schwer.
„Ich habe es ja gleich gewusst. Die Ahnen haben mir gestern Nacht im Traum geflüstert, dass ein großer Phönix und ein strahlender Pegasus am Himmel kreisen. Und was mache ich heute? Ich sehe dich an und denke: Yumi, dieses Mädchen strahlt wie eine frisch polierte Perle.“
Plötzlich packte sie Nami sanft, aber mit überraschender Kraft an den Schultern, drückte ihr zwei feuchte, energische Küsse auf die Wangen und legte dann beide Hände flach auf Namis noch völlig flachen Bauch.
Yumi schloss die Augen, hob dramatisch das Kinn gen Himmel und fing an, mit geschlossenen Augen ein uraltes, traditionelles Wiegenlied zu summen... mitten auf der Terrasse, während die Blade Breakers im Hintergrund kollektiv die Luft anhielten.
Tyson starrte mit offenem Mund und einer halben Frühlingsrolle im Gesicht herüber, während Ray sich amüsiert die Hand vor den Mund hielt.
„So“, verkündete Yumi schließlich, öffnete die Augen wieder und klopfte Nami sanft auf den Bauch, als wäre die Zeremonie damit beendet.
„Die erste spirituelle Segnung ist vollbracht. Ab morgen werde ich persönlich die Diät für dich zusammenstellen, Nami. Nur das Beste vom Besten! Kein Stress, keine BBA-Turbulenzen, und du, Kai...“ Sie funkelte ihn noch einmal intensiv an. „...du wirst ihr jeden Abend die Füße massieren. Wehe, ich höre Klagen!“
Nami biss sich so fest auf die Unterlippe, dass es fast wehtat, um nicht lauthals loszuprusten. Sie warf Kai einen unendlich amüsierten Blick zu.
Kais linkes Auge zuckte minimal. Er sah aus, als würde er im Geist bereits kalkulieren, wie viel Bestechungsgeld er aufwenden müsste, um Yumi für die nächsten neun Monate auf eine luxuriöse Weltreise zu schicken.
Doch als er Namis glückliches, tränenfeuchtes Lachen sah, entspannten sich seine Züge wieder, und er legte einfach nur resigniert, aber unendlich beschützerisch den Arm um seine schwangere Verlobte. Gegen Oma Yumi war selbst der mächtigste CEO machtlos.
Gerade als Oma Yumis hochdramatische Standpauke über seidene Diwane und die richtige spirituelle Schwingung des zukünftigen Weltherrschers ihren absoluten Höhepunkt erreicht hatte, materialisierte sich wie aus dem Nichts eine vertraute, schlanke Gestalt an Kais freier Seite.
Graham.
Der treue, stets tadellos gekleidete Butler stand da, als wäre er schon immer Teil des Terrassen-Ensemble gewesen. Seine Haltung war absolut aufrecht, die Hände elegant hinter dem Rücken verschränkt, und auf seinem Silbertablett balancierte er mit schlafwandlerischer Sicherheit ein frisches Glas stilles Wasser für Nami sowie ein dezentes, feuchtes Leinentuch.
Seine Miene war eine unlesbare Maske aus britischer Zurückhaltung, doch in seinen klugen Augen blitzte dieser ganz spezielle, messerscharfe Humor auf, den nur die wenigsten auf den ersten Blick erkannten.
Er wartete mit der Geduld eines Mannes, der in seinem Leben schon weitaus skurrilere Hiwatari-Krisen überstanden hatte, bis Yumi kurz Luft holte. Dann neigte er den Kopf um exakt zwei Grad nach vorn.
„Wenn ich mir die Freiheit erlauben dürfte, mich in diese überaus... lebhafte biologische Debatte einzuschalten, Madam“, sprach Graham mit seiner gewohnt leisen, perfekt modulierten Stimme, deren trockener Akzent die hitzige Terrassenluft augenblicklich abkühlte.
Er warf Yumi einen Blick zu, der eine meisterhafte Mischung aus tiefstem Respekt und sanfter Rüge war.
„Obwohl Ihre Vision einer weintraubenfütternden Entourage für Miss Nami zweifellos von erhabener Ästhetik zeugt, befürchte ich, dass Master Kai bei dem Versuch, eine Fußmassage im Einklang mit den traditionellen Ahnenriten durchzuführen, die Statik dieses geschichtsträchtigen Anwesens gefährden könnte. Seine... energetischen Methoden neigen im Alltag ja doch eher zur physischen Demontage als zur sanften Entspannung.“
Tyson, der immer noch mit der Frühlingsrolle im Mund dastand, prustete ein extrem ungebührliches Lachen heraus, das er nur mühsam in ein Husten umwandeln konnte. Hilary stieß ihn hastig an, während Ray ein breites Grinsen nicht mehr unterdrücken konnte.
Yumi blinzelte zweimal, die Suppenkelle immer noch wie ein Zepter erhoben, und starrte den Butler an. Doch Graham blieb völlig unerschütterlich. Er wandte sich mit einer fließenden Bewegung Nami zu und präsentierte ihr das Glas Wasser.
„Für Sie, Miss Nami. Ein stilles, perfekt temperiertes Wasser. Ohne spirituelle Schwingungen, dafür garantiert frei von kohlensäurebedingtem Unwohlsein. Ich habe mir erlaubt, die Küche ab morgen auf... sagen wir, weniger abenteuerliche Zutaten umzustellen. Wir wollen doch nicht, dass der zukünftige Erbe des Hiwatari-Imperiums seine ersten geschmacklichen Prägungen durch Master Tysons Vorliebe für frittierte Teigtaschen erhält.“
„Hey!“, beschwerte sich Tyson sofort vom Buffet herüber, doch Hilary hielt ihm prompt den Mund zu.
Nami nahm dankbar das Glas entgegen, ihre Augen tränten mittlerweile vor unterdrücktem Lachen.
„Danke, Graham. Du bist wie immer meine Rettung.“
„Es ist mir ein Privileg, Miss Nami“, erwiderte Graham mit einem winzigen, fast unsichtbaren Zucken seiner Mundwinkel. Dann glitt sein Blick zu Kai, der den Butler mit einer Mischung aus stiller Anerkennung und einer Warnung in den rubinroten Augen ansah.
Graham ließ sich davon nicht im Geringsten beeindrucken. Er neigte den Kopf erneut.
„Und was Sie betrifft, Master Kai... Ich habe bereits vorsorglich einen Termin mit der Rechtsabteilung und dem Architekturbüro vereinbart. Wenn wir den östlichen Flügel des Anwesens bis zum Frühjahr in ein adäquates, schallisoliertes Babyzimmer umbauen wollen, das sowohl Dranzers thermischen Ausbrüchen als auch den pädagogischen Ansprüchen von Miss Nami gerecht wird, sollten wir baldmöglichst die Baugenehmigung einreichen. Ich vermute, ein gewöhnliches Gitterbett aus Kiefernholz wird den Ansprüchen eines Kindes, das laut Madam Yumi bereits im Krabbelalter die Weltherrschaft anstrebt, kaum genügen.“
Selbst Kai konnte bei dieser trockenen Breitseite seines Butlers nicht mehr völlig ernst bleiben. Ein tiefes, leises Raunen, das verdächtig nach einem amüsierten Seufzen klang, entwich seiner Brust.
„Graham“, brummte Kai, während er den Arm noch ein Stück fester um Namis Taille legte.
„Hör auf, Pläne für die nächsten zwanzig Jahre zu machen.“
„Natürlich, Master Kai“, entgegnete Graham mit perfekter, ungerührter Höflichkeit, während er das Silbertablett unter den Arm klemmte.
„Ich beschränke mich vorerst auf die nächsten fünfzehn. Man muss ja realistisch bleiben.“
Das Spiel am Buffet erreichte seinen dramatischen Siedepunkt, als Tyson lautstark Grahams trockenen Humor kommentierte und so die Aufmerksamkeit der restlichen Terrasse wieder auf die Hauptgruppe lenkte.
Max wollte diese Sekunde der Ablenkung gerade nutzen, um sich mit der Eleganz einer sich davonschleichenden Katze in Richtung Ausgang zu verziehen, als eine sanfte, aber entschlossene Stimme ihn wie angewurzelt erstarren ließ.
„Max?“
Er wirbelte herum. Midori stand direkt vor ihm, den Teller mit dem Matcha-Törtchen unberührt in den Händen. Sie sah ihn nicht mehr nur schüchtern an; in ihren waldgrünen Augen lag eine verletzte, tiefe Ernsthaftigkeit, die so gar nicht zu einem vierzehnjährigen Mädchen passen wollte. Ein feiner, rosiger Hauch lag auf ihren Wangen, doch sie wich seinem Blick nicht aus.
„Wieso bist du auf einmal so... abweisend zu mir?“, fragte sie leise, sodass ihre Stimme im lauten Gelächter der anderen unterging. Sie trat einen kleinen, mutigen Schritt näher.
„Ich... ich dachte eigentlich neulich in der BBA, dass ich bemerkt habe, dass du... auch Interesse an mir hast. Du warst so lieb zu mir. Und heute tust du so, als wäre ich aus Glas oder als hättest du Angst vor mir.“
Max schluckte trocken. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen wie ein wildgewordener Beyblade in der Arena. Er warf einen panischen Blick über die Schulter. Hiro stand immer noch im Schatten des Ahornbaums, das Whiskeyglas an den Lippen, und schien mit seinen messerscharfen Augen quasi Max’ Gedanken lesen zu wollen.
„M-Midori, ich... ich bin nicht abweisend!“, flüsterte Max hastig, während er krampfhaft versuchte, seine Hände in den Hosentaschen zu vergraben, damit sie nicht vor Nervosität zitterten.
„Ich bin nur... ich bin ein Gast, weißt du? Und dein Vater steht da drüben und...“
„Liegt es daran?“, unterbrach sie ihn leise. Das Erröten auf ihren Wangen vertiefte sich zu einem intensiven, flammenden Rot, und sie blickte für einen kurzen Moment verlegen zu Boden, ehe sie den Kopf wieder hob und ihn direkt ansah.
„Liegt es daran... dass ich dich mit meinem Alter angelogen habe? Weil ich gesagt habe, ich sei siebzehn?“
Max fühlte sich, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Er starrte sie an, völlig unfähig, eine logische Antwort zu formulieren.
„Nami hat es dir erzählt, oder?“, fuhr Midori fort, ihre Stimme zitterte minimal, doch sie hielt sich tapfer aufrecht.
„Es tut mir leid, dass ich gelogen habe, Max. Ich... ich wollte einfach, dass du mich ernst nimmst. Ich wollte nicht, dass du mich nur als Hiro Tashibas kleine Tochter abstempelst. Aber ich bin kein Kind mehr. Nur weil ich vierzehn bin, heißt das nicht, dass meine Gefühle nicht echt sind.“
Der arme BBA-Champion stand da wie ein begossener Pudel. Sein Gehirn schrie im roten Alarmbereich, doch gleichzeitig rührte Midoris ehrliches, verletzliches Geständnis etwas tief in ihm an. Sie war jung, ja, verdammt jung... aber sie besaß diesen unverkennbaren, stolzen Tachiba-Stolz, der sie in diesem Moment unglaublich reif wirken ließ.
„Midori...“, begann Max, und seine Stimme wurde unwillkürlich weicher, während er sich vorsichtig ein Stück zu ihr hinunterbeugte, um die Distanz zu überbrücken, ohne die unsichtbare Grenze zu verletzen.
„Hey, schau mich an. Ich bin dir nicht böse wegen der Lüge. Wirklich nicht.“
Er strich sich nervös durchs blonde Haar und seufzte leise.
„Aber du musst mich auch verstehen. Ich bin zwanzig. Wenn ich jetzt hier stehe und mit dir flirte, während dein Vater... der im Übrigen aussieht, als würde er mich gleich als... Vogelscheuche im Garten aufhängen... uns beobachtet... das geht einfach nicht. Du bist ein tolles, wunderschönes Mädchen, Midori. Und du hast mir neulich in der BBA auch den Kopf verdreht, kein Witz! Aber du musst erst einmal deine Schule fertigmachen, erwachsen werden... und ich muss am Leben bleiben, um das überhaupt noch mitzuerleben.“
Ein winziges, schüchternes Lächeln stahl sich auf Midoris Lippen, trotz der Tränen, die ganz leicht in ihren Augenwinkeln schimmerten.
„Du hast also wirklich Angst vor meinem Vater?“
„Todesangst“, gab Max völlig ohne Scham zu und atmete erleichtert aus, als er sah, dass die bedrückende Schwere zwischen ihnen verflogen war.
„Und vor Kai übrigens auch. Also... lass uns einfach Freunde sein, okay? Wir schreiben uns, wir sehen uns in der BBA. Und in ein paar Jahren... wer weiß, was die Zukunft bringt.“
Midori sah ihn einen langen Moment an, dann nickte sie langsam, während ihr Erröten einer warmen, zufriedenen Ausstrahlung wich.
„In ein paar Jahren“, wiederholte sie leise, fast wie ein feierliches Versprechen.
„Abgemacht, Max.“
Nami, die die Szene aus der Entfernung aufmerksam beobachtet hatte, stieß einen leisen Seufzer des Aufatmens aus. Sie sah zu Kai hoch.
„Siehst du? Er hat die Kurve gekriegt. Ein echter Gentleman.“
Kai warf einen letzten Blick auf Max, der sich gerade sichtlich erleichtert den imaginären Schweiß von der Stirn wischte, und nahm einen letzten Schluck aus seinem Glas.
„Glück für ihn“, brummte Kai trocken. „Dein Vater hatte die Hand schon am Telefon für den Privatjet.“