Statement
Statement
Das gedämpfte, stete Summen des Tokioter Spätnachmittags drang nur als ein fernes Echo an die dreifach verglasten, bodentiefen Fensterscheiben des Chef-Büros im obersten Stockwerk der Tachiwari-Corporation.
Drinnen herrschte eine kühle, fast sakrale Ruhe, die nur vom leisen Kratzen einer edlen Füllfederhalterspitze auf schwerem Dokumentenpapier unterbrochen wurde.
Kai Hiwatari saß aufrecht hinter seinem wuchtigen Schreibtisch aus dunklem Marmor. Das makellose Weiß seines Hemdes bildete einen scharfen Kontrast zu der düsteren Eleganz der anthrazitfarbenen Weste, die sich perfekt an seine breiten Schultern schmiegte. Seine rubinroten Augen, kühl und von messerscharfer Präzision, glitten über die Bilanzen des vergangenen Quartals.
Seit er vor wenigen Monaten die Führung der neu gegründeten Tachiwari-Corporation übernommen hatte, gab es für ihn keine halben Sachen mehr. Er führte den Konzern mit derselben unerbittlichen Konsequenz, die ihn einst an die Spitze der Blader-Welt gebracht hatte.
Doch unter der unnahbaren Maske des CEOs lag an diesem Nachmittag eine tiefe, fast unmerkliche Gelassenheit.
Gerade einmal eine Woche war es her, seit er und Nami den letzten Ultraschalltermin bei Dr. Hayashi wahrgenommen hatten.
Das winzige Wesen unter Namis Herzen war zu diesem Zeitpunkt kaum größer als eine Pflaume gewesen, doch das rhythmische, schnelle Pochen des winzigen Herzens hallte noch immer wie ein beruhigendes Versprechen in Kais Gedanken nach.
Dr. Hayashi hatte ihnen versichert, dass alles absolut perfekt verlief. Das Baby entwickelte sich zeitgerecht. Dieses Wissen war für Kai wie ein unsichtbarer, unumstößlicher Schutzwall gegen den täglichen Stress der Konzernwelt.
Ein dezentes Klopfen an der schweren Tür aus poliertem Kirschholz holte ihn aus seinen Gedanken.
„Herein“, raunte Kais tiefe Stimme, ohne dass er den Blick von den Papieren hob.
Die Tür öffnete sich fast lautlos, und sein persönlicher Assistent Masako Sato trat mit respektvollem Abstand an den Schreibtisch heran. Er verbeugte sich tief.
„Verzeihen Sie die Störung, Mr. Hiwatari“, begann Sato mit gedämpfter, sachlicher Stimme.
„Ich habe hier die tägliche Zusammenfassung der PR- und Medienbeobachtung für Sie. Die Abteilung hielt es für notwendig, Ihnen diese Berichte direkt und vertraulich vorzulegen.“
Kai legte die Füllfeder beiseite. Seine rubinroten Augen verengten sich minimal, als er den Blick hob. Jede Angelegenheit, die die PR-Abteilung der Tachiwari-Corporation in Aufregung versetzte und direkt seinen Schreibtisch erreichte, betraf meist nur ein einziges, ihm heiliges Thema: sein Privatleben. Und damit Nami.
„Sprich“, befahl Kai ruhig, während sich eine subtile, dominante Aura im Raum auszubreiten begann.
Der Assistent legte eine elegante Ledermappe auf dem dunklen Marmor ab und schlug sie präzise auf. Zum Vorschein kamen mehrere hochauflösende Fotografien, die offensichtlich aus beträchtlicher Entfernung mit einem Teleobjektiv aufgenommen worden waren, sowie Ausdrucke von noch unveröffentlichten Entwürfen diverser Tokioter Klatschmagazine.
„Es geht um Miss Tachiba“, erklärte der Assistent ruhig.
„Gestern Nachmittag wurde sie im exklusiven Einkaufsviertel von Ginza gesichtet. Sie war in Begleitung von Mariah Wong und Hilary Tachibana. Die drei Damen besuchten ein kleines, privatisiertes Café und schlenderten anschließend durch die Boutiquen.“
Kai nahm die Fotos in die Hand. Sein Blick wurde weicher, als er Nami auf den Bildern sah. Sie trug ein elegantes, fließendes Sommerkleid in einem sanften Crèmeton, das ihre schlanke Silhouette umschmeichelte und die noch völlig unsichtbare Schwangerschaft in der dreizehnten Woche perfekt verbarg.
Ihre silbrigen, fast lockigen Haare fielen ihr in weichen Wellen bis zum Gesäß, und auf ihren Zügen lag dieses strahlende, unendlich warme Lächeln, das er so sehr liebte. Auf den Fotos lachte sie gerade herzhaft über etwas, das Hilary ihr erzählte, während Mariah schmunzelnd den Kopf schüttelte.
Doch Kais Blick wanderte schnell zu den rot eingekreisten Bereichen auf den Vergrößerungen.
Die Paparazzi hatten ihre Linsen gnadenlos auf Namis linke Hand fokussiert. Dort, an ihrem Ringfinger, funkelte der schwere, im Sonnenlicht Tokios fast magisch glühende Diamantring... das Versprechen, das er ihr vor wenigen Wochen gegeben hatte, als er sie bat, seine Frau zu werden.
„Die Medienabteilung hat diese Aufnahmen vor knapp zwei Stunden abgefangen, bevor sie in den Druck gehen konnten“, fuhr Sato fort. „Die Gerüchteküche in den Redaktionen brodelt heiß. Da es bisher keinerlei offizielle Stellungnahme zu einer Verlobung gibt, rätselt die Presse nun wild über die Bedeutung dieses Rings. Einige Journalisten ziehen bereits Parallelen zu der engen Verbindung zwischen der Tachiwari-Corporation und Hiro Tachiba und spekulieren über eine weitere... strategische Allianz.“
Ein kaltes, unendlich arrogantes Schnauben entwich Kais Brust. Eine weitere strategische Allianz?
Wie erbärmlich klein die Welt dieser Menschen doch war, dass sie die absolute, unbezwingbare Liebe zwischen ihm und Nami auf ein trockenes Geschäftspapier reduzieren wollten.
„Lass sie spekulieren“, raunte Kai, während er die Fotos mit einer fließenden Bewegung zurück in die Mappe gleiten ließ. Seine rubinroten Augen brannten mit einem mörderisch-stolzen, besitzergreifenden Funkeln.
„Sie wissen nichts.“
„Natürlich, Mr. Hiwatari“, erwiderte Sato mit einer weiteren Verbeugung.
„Die PR-Abteilung empfiehlt jedoch, aufmerksam zu bleiben. Wenn die Fotos morgen an die Öffentlichkeit gelangen, wird der Druck auf eine offizielle Stellungnahme bezüglich Ihrer Beziehung drastisch steigen. Die Medien wittern die Geschichte des Jahres.“
Kai lehnte sich in seinem schweren Ledersessel zurück, verschränkte die Finger vor der Brust und blickte nachdenklich auf die Skyline von Tokio, die sich langsam im rötlichen Licht der Abendsonne färbte.
Vier Wochen trennten sie noch von der BBA-Gala, auf der Nami ihr hautenges, nachtblaues Kleid tragen und die Bombe vor den Augen der Welt platzen lassen würde. Bis dahin musste ihr süßes Geheimnis absolut geschützt bleiben.
Kein Journalist, kein Paparazzo durfte auch nur den leisesten Verdacht schöpfen, dass Nami schwanger war. Der Ring an ihrem Finger war ein Vorgeschmack auf das Beben, das Tokio ereilen würde, wenn sie erst einmal offiziell als Ehepaar und zukünftige Eltern auftraten.
„Wir werden nichts dementieren und nichts bestätigen... noch nicht.“, entschied Kai mit eisiger, unumstößlicher Autorität.
„Sollen sie schreiben, was sie wollen. Keine Interviews, keine Statements der Tachiwari-Corporation. Jede Anfrage der Presse wird ignoriert.“
„Sehr wohl, Mr. Hiwatari. Ich werde die Anweisung unverzüglich an die Medienabteilung weitergeben.“ Der Assistent schloss die Mappe, nahm sie an sich und verbeugte sich ein letztes Mal, bevor er das Büro mit lautlosen Schritten verließ.
Wieder kehrte die absolute Stille in das weitläufige Büro zurück.
Kai erhob sich von seinem Sessel, trat an die riesige Fensterfront und blickte hinab auf das sommerliche Tokio. In seinen roten Augen spiegelte sich die brennende Entschlossenheit eines Mannes, der bereit war, seine Familie gegen jeden Sturm zu verteidigen. Die Welt da draußen mochte gierig nach Informationen lechzen, doch das Schicksal, das er und Nami schmiedeten, gehörte nur ihnen allein.
Er griff nach seinem Smartphone auf dem Schreibtisch, wählte Namis Nummer und wartete, während ein seltenes, unendlich sanftes Lächeln seine sonst so unnahbaren Züge erwärmte.
Das Freizeichen ertönte nur ein einziges Mal, ehe die Verbindung mit einem leisen Klicken aufgebaut wurde. Sofort erfüllte Namis sanfte, melodische Stimme den Raum und vertrieb die kühle, geschäftsmäßige Stille, die wie ein schwerer Mantel auf Kais Büro gelegen hatte.
„Kai?“, erklang ihr leises Fragen, und allein an der warmen Nuance ihrer Stimme konnte er spüren, wie sie lächelte.
„Ich habe gar nicht mit deinem Anruf gerechnet. Ist alles in Ordnung in der Corporation?“
Kai lehnte sich tiefer in seinen Ledersessel zurück und ließ den Blick über das weite, rötlich schimmernde Häusermeer Tokios schweifen. Seine Züge entspannten sich merklich, und das unnahbare Eis seiner Augen wich einer tiefen, besitzergreifenden Wärme.
„Alles bestens“, raunte er tief, während er mit den Fingern der freien Hand gedankenverloren über das glatte Marmor seines Schreibtisches strich.
„Mein Assistent hat mir nur gerade die neuesten Berichte der PR-Abteilung vorgelegt. Es scheint, als hättest du gestern in Ginza unbemerkt Gesellschaft gehabt.“
Am anderen Ende der Leitung war für einen Moment ein überraschtes Einatmen zu hören, gefolgt von einem leisen, unendlich charmanten Lachen, das wie Musik in Kais Ohren klang.
„Die Paparazzi?“, fragte sie amüsiert. „Lass mich raten: Sie haben meinen Ring fotografiert, als ich mit Hilary und Mariah im Café saß?“
„Mit chirurgischer Präzision“, erwiderte Kai, und ein raues, leises Schmunzeln ging durch seine Brust.
„Die Tokioter Klatschpresse überschlägt sich bereits mit Entwürfen. Sie rätseln, was das Schmuckstück an deinem Finger zu bedeuten hat. Die fantasievollsten Journalisten schreiben bereits von einer weiteren strategischen Allianz zwischen der Tachiwari-Corporation und deinem Vater.“
Nami seufzte leise, doch in ihrem Seufzen lag kein Ärger, sondern nur eine amüsierte Gelassenheit.
„Eine strategische Allianz nach einer Fusion?... Wie unromantisch. Dabei hat Hilary gestern noch gescherzt, dass wir die Fotografen hinter den Hecken eigentlich auf einen Matcha hätten einladen sollen, damit sie wenigstens ein scharfes Bild von dem Diamanten bekommen.“
Ihr Tonfall wurde etwas weicher, nachdenklicher.
„Aber weißt du, Kai... eigentlich kommt uns das gar nicht so ungelegen. Mariah und Hilary haben mich gestern auch schon darauf angesprochen. Und ich habe gestern Abend noch länger mit Hana telefoniert.“
Bei der Erwähnung seiner zukünftigen Schwägerin, der klugen und vorausschauenden Anwältin, horchte Kai auf.
„Was sagt Hana?“
„Sie hat das Ganze aus der juristischen und strategischen Perspektive betrachtet“, erklärte Nami ruhig.
„Hana meinte, wenn wir die Verlobung jetzt offiziell machen, nehmen wir der Presse den Wind aus den Segeln. Es gibt schließlich überhaupt keinen Grund mehr die bevorstehende Hochzeit im Oktober geheim zu halten. Wenn wir jetzt eine offizielle Mitteilung herausgeben, dass wir uns verlobt haben und im Herbst heiraten werden, stürzt sich die Meute gierig auf diese Nachricht. Sie werden so damit beschäftigt sein, Details über die Hochzeit herauszufinden, dass niemand... absolut niemand... in den nächsten vier Wochen genauer auf meinen Bauch achten wird.“
Ein brillantes Ablenkungsmanöver. Kai spürte, wie ihn ein unbändiger Stolz auf seine Verlobte und ihre Familie durchflutete. Nami dachte mit, sie schützte ihr gemeinsames Nest mit derselben klugen Eleganz, mit der sie sich im gesellschaftlichen Leben Tokios bewegte.
„Sie werden den Köder schlucken“, stimmte Kai mit seiner tiefen Bassstimme zu.
„Eine Verlobung des Hiwatari-Erben und der Tachiba-Prinzessin wird die gesamte Medienlandschaft für Wochen lähmen.“
„Genau das ist der Punkt“, flüsterte Nami glücklich.
„Es schenkt uns die Ruhe, die wir für die letzten Hochzeitsvorbereitungen und für unser kleines Wunder brauchen. Und wenn wir dann in vier Wochen auf der BBA-Gala erscheinen und ich dieses enge Kleid trage... dann wird die Überraschung umso perfekter sein. Was meinst du, mein Zar? Machen wir es offiziell?“
Kais rubinrote Augen blitzten in der einsetzenden Dämmerung auf. Ein mörderisch-stolzes, absolut besitzergreifendes Schmunzeln stahl sich auf seine markanten Züge. Er konnte es kaum erwarten, der Welt zu zeigen, dass diese Frau für immer an seine Seite gehörte.
„Wir machen es offiziell“, entschied er mit unumstößlicher Autorität.
„Ich werde meinem Assistenten sofort den Auftrag geben, eine entsprechende Pressemitteilung aufzusetzen. Morgen früh wird ganz Japan wissen, dass du meine Frau wirst, Nami.“
„Wunderbar...“, wisperte sie zärtlich, und er konnte die tiefe Erleichterung und das unendliche Glück in ihrer Stimme förmlich greifen.
„Ich warte zu Hause auf dich. Fahr vorsichtig.“
Als das Gespräch endete, hielt Kai das Telefon noch einen Moment in der Hand. Das spätsommerliche Tokio glänzte da draußen in Millionen Lichtern, doch sein Blick lag auf dem leeren Schreibtisch. Er drückte auf den Sprechknopf des Intercoms.
„Sato?“, rief er seinen Assistenten auf.
„Ja, Mr. Hiwatari?“, ertönte die prompte Antwort.
„Geben Sie der PR-Abteilung Bescheid. Sie sollen ein offizielles Statement vorbereiten. Miss Tachiba und ich geben morgen unsere Verlobung bekannt. Und sorgen Sie dafür, dass es unmissverständlich ist: Die Zukunft gehört uns.“
Am nächsten Tag...
Das goldene Licht des späten Augusts brach über Tokio an wie ein stilles, warmes Versprechen. Der Spätsommer neigte sich langsam seinem Ende zu, und der morgendliche Dunst, der über dem weitläufigen, kunstvoll angelegten Garten des Ayame-Anwesens lag, trug bereits die erste, leise Ahnung einer kühlen Herbstbrise in sich.
Die Blätter der jahrhundertealten Kiefern und Ahornbäume schimmerten im ersten Tageslicht, während sich der Nebel im warmen Sonnenschein auflöste.
Im eleganten, holzgetäfelten Salon des Anwesens herrschte eine friedliche, fast andächtige Ruhe. Ein leises, gleichmäßiges Ticken der antiken Standuhr im Hintergrund mischte sich mit dem feinen Klirren von feinstem Porzellan.
Nami saß am runden Teetisch nahe der großen Fensterfront. Mit einer unendlich sanften, fast unbewussten Bewegung strich ihre linke Hand immer wieder im Kreis über ihren Bauch, unter dem in dieser 13. Schwangerschaftswoche noch alles vollkommen flach und verborgen war, während sie mit der anderen Hand an einer Tasse dampfendem Kamillentee nippte.
Direkt neben ihr lag ihr Tablet, dessen Bildschirm im Sekundentakt mit neuen Push-Benachrichtigungen aufleuchtete.
Um exakt acht Uhr morgens hatte die PR-Abteilung der Tachiwari-Corporation das offizielle Statement herausgegeben. Und wie vorhergesehen, hatte die Nachricht die japanische Medienlandschaft an diesem Augustmorgen mit der Wucht eines Erdbebens getroffen.
„DER ZAR VON TOKIO VERGIBT SEIN HERZ: KAI HIWATARI UND NAMI TACHIBA VERKÜNDEN OFFIZIELLE VERLOBUNG UND OKTOBER-HOCHZEIT!“
Das war die Schlagzeile, die nun auf jedem großen Nachrichtenportal, in den sozialen Netzwerken und auf den Bildschirmen der Fernsehsender in Dauerschleife flimmerte. Die abgefangenen Paparazzi-Fotos aus Ginza, auf denen Namis funkelnder Diamantring zu sehen war, dienten nun als unumstößlicher Beweis für die Liebesbotschaft des Jahres.
Kai saß ihr gegenüber, den morgendlichen schwarzen Tee in der Hand. Er trug bereits eine dunkelgraue Anzughose und ein perfekt sitzendes, schwarzes Hemd, dessen Ärmel er lässig bis zu den Unterarmen hochgerollt hatte. Seine rubinroten Augen waren aufmerksam auf das Display seines eigenen Smartphones gerichtet, doch auf seinen markanten, sonst so unnahbaren Zügen lag ein mörderisch-stolzes, zutiefst zufriedenes Schmunzeln.
„Das Telefon meines Assistenten dürfte in diesem Moment im Sekundentakt heißlaufen“, raunte Kai mit seiner tiefen, rauen Stimme, ehe er einen Schluck des starken Tees nahm. Seine Augen wandten sich von dem Bildschirm ab und fixierten Nami mit einer besitzergreifenden Intensität.
„Die BBA hat bereits dreimal versucht, mich direkt zu erreichen. Dickenson ist vermutlich den Tränen nahe vor Aufregung.“
Nami lachte leise und melodisch auf. Ihre ozeanblauen Augen blitzten voller Amüsement und Triumph.
„Lass ihn ruhig zappeln, mein Zar“, erwiderte sie schmunzelnd.
„Er wird noch früh genug die Gelegenheit bekommen, uns persönlich zu gratulieren. Aber schau dir das an...“ Sie drehte das Tablet in seine Richtung, auf dem ein Artikel der größten Tokioter Tageszeitung geöffnet war.
„Sie analysieren bereits jede kleinste Geste auf den Fotos. Sie schreiben, wir seien das unnahbarste und zugleich faszinierendste Paar des Jahrzehnts. Kein einziges Wort über eine strategische Allianz mehr. Nur noch reine, fassungslose Faszination.“
Kai betrachtete das Bild auf dem Display. Es zeigte Nami, wie sie mit königlicher Eleganz und einem strahlenden Lächeln aus dem Café in Ginza trat, den Ring im Sonnenlicht funkelnd. Er legte seine leere Tasse ab, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Seine roten Augen verengten sich leicht, als er sie nachdenklich musterte.
„Weißt du...“, begann er ruhig, und seine Stimme klang ungewohnt weich, „wenn ich an die Zeit zurückdenke, als ich dich kennengelernt habe... da warst du um einiges zurückhaltender, was die Presse betraf. Du hast das Scheinwerferlicht...eher gemieden. Zu viel Aufmerksamkeit, das ununterbrochene Bewerten von Anderen... das alles war dir damals überhaupt nicht geheuer. Du hast dich lieber im Hintergrund gehalten.“
Er hielt kurz inne, und das seltene, unendlich stolze Schmunzeln stahl sich wieder auf seine Lippen.
„Heute orchestrierst du ein mediales Beben, als hättest du nie etwas anderes getan. Du sitzt hier, trinkst deinen Tee und genießt das absolute Chaos da draußen.“
Nami hielt in ihrer Bewegung inne. Ihr Blick wurde weicher, und sie sah ihn durch die feinen, silbrigen Strähnen hindurch an, die ihr ins Gesicht fielen. Ein tiefes, unerschütterliches Gefühl von Geborgenheit breitete sich in ihrer Brust aus. Sie stellte ihre Teetasse ab, beugte sich ein Stück über den Tisch und legte ihre Hand auf seine starke, warme Hand.
„Das liegt daran, dass sich die Dinge verändert haben, Kai“, sagte sie leise, und ihre Stimme war von einer absoluten, warmen Ehrlichkeit erfüllt.
„Damals... damals war ich allein. Wenn die Blicke auf mich gerichtet waren, fühlte ich mich ungeschützt. Jeder Blick war wie ein Urteil, dem ich mich ganz alleine stellen musste.“
Sie strich mit dem Daumen sanft über seinen Handrücken, während ihre ozeanfarbenen Augen in die seinen eintauchten.
„Aber heute ist das anders. Heute werde ich da draußen nicht mehr als die einzelne, hübsche Tachiba-Erbin gesehen. Ich werde als ein Teil von dir gesehen. Du bist mein Schild, Kai. Deine Aura, deine unbändige Stärke... sie schirmen mich so vollkommen ab, dass mir kein Blitzlichtgewitter und kein böswilliger Artikel der Welt jemals wieder Angst machen können. Weil ich weiß, wer an meiner Seite steht. Und weil ich weiß, dass uns absolut niemand brechen kann, solange wir zusammenhalten.“
Kais Kiefermuskeln arbeiteten leicht. Ihre Worte trafen ihn tief im Inneren, genau an der Stelle, die er so mühsam vor der Welt verborgen hielt. Ein unbändiger, fast schmerzhafter Beschützerinstinkt flammte in seinen roten Augen auf.
Er drehte seine Hand unter der ihren um, schloss seine großen Finger fest um die ihren und zog sie sanft, aber bestimmend ein Stück näher zu sich.
„Niemand wird dir jemals wieder zu nahe treten, Nami“, schwor er mit einer so absoluten, schneidenden Intensität, dass es die Luft im Raum fast zum Vibrieren brachte.
„Sollen sie uns anstarren. Sollen sie schreiben, was sie wollen. Du gehörst zu mir. Und wer es wagt, dich oder unser Kind auch nur schief anzusehen, wird es mit mir zu tun bekommen.“
Nami lächelte, und dieses Lächeln war so voller tiefem, unerschütterlichem Glück, dass es die heraufziehende, kühle Spätsommerluft im Raum vollkommen vertrieb. Sie wusste, dass jedes seiner Worte die absolute Wahrheit war.
Der spätsommerliche Morgenwind strich warm durch die Wipfel der alten Kiefern, als Kai und Nami die breite Steinterrasse des Ayame-Anwesens betraten. Draußen lag der weitläufige, klassizistische Garten in einem tiefen, satten Grün, das im Gegenlicht der tiefstehenden Sonne fast golden schimmerte.
Kai hatte sein Jackett im Haus gelassen. Nur im schwarzen Hemd, die Ärmel bis zu den Unterarmen hochgerollt, ging er mit langsamen Schritten neben Nami her.
Seine linke Hand lag tief in seiner Hosentasche, während seine rechte ganz selbstverständlich nach ihrer Hand griff. Seine Finger glitten ineinander... fest, warm und ohne jede Zögerlichkeit.
Nami genoss die vollkommene Stille des Gartens. Sie schritt barfuß über den warmen, gepflegten Rasen, während ihr langes, silbrig-weißes Haar bei jeder Bewegung leicht um ihr Gesäß spielte.
„Die Welt da draußen dreht völlig durch“, begann Nami leise, ein glückliches Lächeln auf den Lippen, während sie ihren Blick über den glitzernden Koiteich schweifen ließ.
„Und wir spazieren hier einfach durch den Garten, als ginge uns das alles nichts an.“
„Tut es auch nicht“, erwiderte Kai schlicht. Seine tiefe Stimme klang ruhig, trug aber diese unerschütterliche Bestimmtheit in sich, die keinen Widerspruch duldete. Er drückte ihre Hand ein Stück fester.
„Sollen sie schreiben, was sie wollen. Am Ende des Tages müssen sie akzeptieren, was ich ohnehin längst entschieden habe.“
Sie bogen auf einen schattigen Pfad ab, der direkt auf den eleganten, weißen Pavillon zuführte. Der Pavillon lag auf einer kleinen Anhöhe im hinteren Teil des Gartens, umrahmt von prächtigen, alten Blauregen-Ranken, die ein dichtes, schützendes Blätterdach bildeten.
Nami hielt vor den Stufen des Pavillons inne, wandte sich zu ihm um und blickte ihn aus ozeanfarbenen Augen an.
„Ich habe mir Gedanken über die Hochzeit gemacht, Kai“, gestand sie und trat einen Schritt dichter an ihn heran.
„Ich möchte keine pompöse, unpersönliche Feier in irgendeinem Luxushotel. Ich möchte, dass es zu uns passt.“
Kai sah sie schweigend an. Sein Blick lag ruhig auf ihren Zügen, aufmerksam und vollkommen auf sie fokussiert.
„Und das bedeutet?“
Nami deutete mit einer Handbewegung auf den weißen Pavillon vor ihnen.
„Die Zeremonie... ich möchte sie genau hier abhalten. Mitten im Garten, vor diesem Pavillon, im engsten Kreis der Familie. Und für das anschließende Fest...“ Sie blickte zurück zum majestätischen Hauptgebäude des Anwesens.
„Der große Ballsaal. Er hat diese alte, ehrwürdige Eleganz, die man heute kaum noch findet. Er wirkt, als hätte er die Zeit überdauert. Genau wie das, was wir beide teilen.“
Kai betrachtete den Pavillon, dann das herrschaftliche Anwesen. Er brauchte keine langen Erklärungen. Ein feines, fast unsichtbares Schmunzeln stahl sich auf seine markanten Züge. Die Idee gefiel ihm. Sie war privat, exklusiv und hielt die neugierige Welt genau da, wo sie hingehörte: draußen.
„Gut“, sagte er, und in dem kurzen Wort lag seine gesamte, unumstößliche Zustimmung. Er zog sie an den verbundenen Händen ein Stück näher an sich, bis er die Wärme ihres Körpers spüren konnte.
„Der Garten und der Saal. Keine fremden Augen, kein PR-Zirkus. Nur wir. Genau so machen wir es.“
Nami lächelte, legte die freie Hand auf seine feste Brust und genoss das beruhigende, gleichmäßige Schlagen seines Herzens. Doch schon im nächsten Moment blitzte ein amüsiertes, herrlich freches Funkeln in ihren Augen auf.
„Und es gibt noch etwas, worauf ich mich freue“, flüsterte sie, während sie den Kopf leicht schief legte.
„Nächste Woche steht die erste große Brautkleidanprobe an.“
Kai sah sie an, und seine rubinroten Augen verdunkelten sich eine Nuance vor besitzergreifendem Interesse.
„Ich werde zusehen, dass ich an dem Nachmittag früher aus dem Büro wegkomme.“
Nami stieß ein leises, melodisches Lachen aus und klopfte ihm spielerisch leicht mit den Fingerspitzen gegen die Brust.
„Oh nein, mein Schatz. Ganz sicher nicht“, säuselte sie amüsiert.
„Du bist zu dieser Anprobe nämlich absolut nicht eingeladen. Es bringt Unglück, wenn der Bräutigam das Kleid vor der Hochzeit sieht. Du wirst dich also bis zum Oktober gedulden müssen, um zu sehen, worin ich vor den Altar trete.“
Kai zog eine Augenbraue hoch. Ein trockenes, raues Brummen entwich seiner Brust... ein Laut, der seine leichte Missbilligung ausdrückte, aber auch die tiefe Zuneigung, die er nur ihr gegenüber zeigte.
Er hielt absolut nichts von Aberglauben, und es passte ihm eigentlich gar nicht, bei einer Sache, die sie betraf, außen vor zu bleiben.
Er beugte sich langsam zu ihr hinab, bis seine Lippen fast ihre Schläfe berührten, und atmete den vertrauten Duft ihres silbrigen Haares ein.
„Du weißt, dass ich nicht an Unglück... oder Aberglaube glaube“, raunte er tief an ihrer Haut, während sich sein Arm fest und schützend um ihre Taille legte.
„Aber ich lasse dir dein Geheimnis, Nami. Bis zum Oktober.“
Nami schloss die Augen und schmiegte sich eng an ihn, während der spätsommerliche Wind die Blätter des Pavillons leise rascheln ließ.
Inmitten dieses friedlichen Gartens, geschützt durch Kais unerschütterliche Präsenz, war die Welt da draußen vollkommen bedeutungslos.