Aus der Versenkung
Aus der Versenkung
Der späte Nachmittag des folgenden Tages hatte Tokio in ein dämmriges, beinahe staubiges Gold getaucht. In Kais Büro im obersten Stockwerk der Tachiwari-Corporation war die Luft kühl und roch schwach nach schwerem Leder und frisch gebrühtem schwarzem Kaffee.
Nach dem medialen Paukenschlag des Morgens war der Tag für Kai ein einziger, kontrollierter Marathon aus Meetings, abgewiesenen Presseanfragen und Vorstandssitzungen gewesen. Doch Kai führte das Unternehmen mit derselben unerbittlichen Präzision, mit der er einst die Arena beherrscht hatte. Die Hysterie der Außenwelt prallte an seiner eisernen Miene ab.
Gerade als er die letzte Akte des Tages schließen wollte, vibrierte sein privates Smartphone auf dem dunklen Walnussholz.
Auf dem Display blinkte keine Nummer auf. Nur eine Reihe verschlüsselter Zeichen, die auf eine sichere Verbindung über einen russischen Server hinwiesen.
Kai verengte die rubinroten Augen. Seit fast einem Jahr hatte er diese Frequenz nicht mehr gesehen. Seit jener Zeit in der Black Dranzer endgültig besiegt, die Schatten der Vergangenheit begraben und der Klon daraufhin von Boris getötet worden war, hatte sich Tala Valkov komplett aus Japan zurückgezogen.
Er war in die unbarmherzige Kälte Russlands zurückgekehrt, um dort die Trümmer seines eigenen Lebens zusammenzusetzen.
Seitdem herrschte absolute Funkstille. Bis jetzt.
Kai nahm den Anruf entgegen und hielt sich das Telefon an das Ohr. Er sagte nichts. Er wartete.
Am anderen Ende der Leitung war für einige Sekunden nur das tiefe, gleichmäßige Rauschen einer fernen Verbindung zu hören, untermalt von einem vertrauten, kalten Windhauch im Hintergrund. Dann ertönte eine Stimme... tief, rau, belegt von unzähligen Zigaretten und dem unverkennbaren, harten russischen Akzent.
„Das mediale Beben reicht bis nach Moskau, Hiwatari“, begann Tala ohne jede Umschweife oder Begrüßung. Seine Stimme klang so frostig wie eh und je.
„Sogar in den hiesigen Sport- und Wirtschaftsblättern taucht dein Name plötzlich auf. 'Der Zar von Tokio'... Erbärmlicher Titel für jemanden, der mich einst im Eis besiegt hat.“
Kai lehnte sich langsam in seinem Sessel zurück. Seine Züge blieben unbewegt, doch in seinen roten Augen blitzte ein Funken von dunklem Amüsement auf.
„Du liest also immer noch die Klatschpresse, Valkov“, raunte Kai tief, seine Stimme ebenso scharf und kontrolliert.
„Ich dachte, du wärst in Sibirien erfroren.“
Ein trockenes, humorloses Schnauben ertönte am anderen Ende der Leitung.
„Um mich zu töten, braucht es mehr als ein bisschen Frost. Das weißt du besser als jeder andere.“
Tala hielt kurz inne. Man hörte das leise Klicken eines Feuerzeugs, gefolgt von einem tiefen Atemzug. Als er wieder sprach, war der spöttische Unterton verschwunden. Zurück blieb die nackte, ungeschönte Ernsthaftigkeit eines Mannes, der Kai so gut kannte wie kaum ein anderer auf dieser Welt.
„Eine Verlobung. Und eine Hochzeit im Oktober“, sagte Tala flach.
„Also machst du wirklich ernst. Du bindest dich legal an die Tachiba-Erbin.“
„Ich tue, was ich für richtig halte“, erwiderte Kai kalt, und seine Stimme duldete keinen Widerspruch.
„Ich brauche dafür nicht deine Zustimmung.“
„Die hast du ohnehin nie gehabt.“, entgegnete Tala sofort, und in seiner Stimme schwang die Erinnerung an vergangene Jahre mit.
„Als du damals anfingst, dieses Mädchen öffentlich an deiner Seite zu zeigen, dachte ich, du hättest den Verstand verloren. Es war unnormal für jemanden wie uns, der in der Abtei aufgewachsen ist. Wir wurden darauf programmiert, niemanden an uns heranzulassen. Keine Schwächen zu zeigen. Keine Angriffsflächen zu bieten. Und dann präsentierst du der Welt eine Schwachstelle auf einem silbernen Tablett.“
Kai schwieg. Seine Hand schloss sich unbewusst etwas fester um das Telefon. Er erinnerte sich genau an Talas damalige, fast aggressive Ablehnung. Für den russischen Kapitän war jede Form von emotionaler Bindung ein Todesurteil gewesen. Er hatte Kai damals vorgeworfen, sich selbst zu verraten, sich schwach machen zu lassen.
„Ich habe dich damals nicht wiedererkannt“, fuhr Tala leise fort, und der Rauch seiner Zigarette schien fast durch die Leitung zu dringen.
„Ich dachte, du hättest dich von deinen Instinkten verabschiedet. Aber dann...“
Wieder entstand eine Pause, in der nur das ferne Rauschen der Verbindung zu hören war.
„Dann kam dieses Turnier. Vor laufenden Kameras. Vor Tausenden von Menschen im Stadion und Millionen an den Bildschirmen. Du hast sie vor aller Augen geküsst. Ohne Scham. Ohne Zögern. Einfach so, als wäre es dein gutes Recht und als ginge es niemanden sonst etwas an.“
In Talas Stimme mischte sich nun ein rauer, widerwilliger Respekt.
„In diesem Moment habe ich verstanden. Es war keine Schwäche, Kai. Es war deine Art zu sagen, dass dir die Regeln der alten Welt und die Dämonen unserer Kindheit scheißegal sind. Du hast erwachsener gewirkt. Als hättest du endlich einen Weg gefunden, den Schmerz und das Trauma zu verbrennen, die uns all die Jahre zerfressen haben. Du hast dir genommen, was dir gehört.“
Kai blickte auf die Skyline von Tokio hinab. Die Worte des Russen trafen den Kern. Doch bevor er antworten konnte, wechselte Tala abrupt das Thema. Die lockere, fast philosophische Melancholie wich einer messerscharfen Kälte.
„Aber wir wissen beide, dass die Vergangenheit uns nicht einfach gehen lässt, Kai“, sagte Tala, und seine Stimme wurde merklich gedämpfter.
„Ich rufe dich nicht an, um über Romantik zu philosophieren. Ich habe meine Augen im Untergrund offen gehalten. Es geht um Boris.“
Kais Hand am Telefon gefror in der Bewegung. Seine roten Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen.
„Boris. Was treibt er?“
„Er zieht im Verborgenen wieder die Fäden“, antwortete Tala finster.
„Er sammelt Ressourcen. Neue Kontakte, neue Geldquellen im russischen Untergrund. Er ist vorsichtiger geworden, seit sein Klon ihn hintergangen hatte, aber er hat seine Ambitionen nicht begraben.“
„Ich war überrascht, dass er sich nach dem Vorfall mit dem Klon so lange nicht mehr hat blicken lassen“, entgegnete Kai mit eisiger Gelassenheit.
„Es war... ungewohnt friedlich das letzte Jahr.“
„Frieden ist eine Illusion und du weißt das“, konterte Tala mit einem humorlosen Lachen.
„Boris wartet. Er hält still, bis es sich wieder lohnt, zuzuschlagen. Er sucht nach der perfekten Gelegenheit um erneut Chaos zu stiften. Aber solange du nicht dumm genug bist, auch noch ein Kind in die Welt zu setzen und ihm einen neuen, perfekten Soldaten auf dem Silbertablett zu präsentieren, wird er wohl erst einmal die Füße still halten. Er greift nicht an, wenn er nichts Dauerhaftes zu gewinnen hat.“
Am anderen Ende der Leitung war das leise Knistern von Asche zu hören. Tala ahnte nicht, wie monumental dieser trockene, zynische Spruch die Realität traf.
Kais Miene fror augenblicklich zu einer maskenhaften, mörderischen Kälte. Seine Finger schlossen sich so unbarmherzig fest um das Gehäuse seines Smartphones, dass das Material unter dem enormen Druck leise knirschte.
In seinem Kopf echote das rhythmische, schnelle Pochen des winzigen Herzens aus der Ultraschalluntersuchung vor einer Woche. 13 Wochen. Namis flacher Bauch. Das unschuldige Leben, das dort heranwuchs.
Talas Warnung war keine bloße Theorie. Sie war die nackte, brutale Realität. Wenn Boris jemals erfuhr, dass Nami ein Kind erwartete...
Doch in Kai stieg kein Gefühl von Angst auf. Niemals.
Stattdessen breitete sich eine heiße, unbändige, fast raubtierhafte Dominanz in seiner Brust aus. Seine Muskeln spannten sich an.
Er war nicht mehr der verletzliche Junge aus der Abtei. Er war der CEO der Tachiwari-Corporation, der unumstrittene Zar auf dem Schlachtfeld und im Business. Er war mächtiger denn je, finanziell unabhängig, strategisch unangreifbar und umgeben von mächtigen Verbündeten, die wie eine eiserne Mauer hinter ihm standen.
Sollen die Schatten der Vergangenheit ruhig kommen. Er würde sie eigenhändig im Feuer verbrennen.
„Er kann es gerne versuchen“, raunte Kai mit einer so leisen, aber absolut tödlichen Intensität, dass die Leitung für einen Moment zu vibrieren schien.
Er gab Tala gegenüber mit keinem Wort preis, dass Nami bereits schwanger war. Dieses eiserne Pokerface gehörte zu seiner Natur. Aber sein Entschluss stand felsenfest. Er würde die Schwangerschaft nicht ewig unter Verschluss halten können... das Kleid im Oktober auf der Gala würde es ohnehin zeigen.
Aber er hatte auch nicht vor, sein Kind wie ein feiges Geheimnis zu verstecken. Er würde der Welt zeigen, dass er keine Angst hatte. Vor niemandem.
„Du klingst verdammt siegessicher.“, bemerkte Tala nach einer kurzen Pause, als hätte er die plötzliche, erdrückende Aura durch die Leitung gespürt.
„Ich bin nicht sicher, Valkov. Ich bin vorbereitet“, erwiderte Kai kalt und präzise.
„Wer auch immer meiner Familie zu nahe tritt, wird es nicht überleben. Boris eingeschlossen.“
„Hn. Das ist der Kai, den ich kenne“, sagte Tala, und ein Anflug von düsterer Zufriedenheit schwang in seiner Stimme mit.
„Halt die Augen offen. Ich melde mich, wenn sich im Osten etwas bewegt.“
„Tu das.“
Mit einem leisen Klicken endete die Verbindung. Kai legte das Telefon langsam auf das dunkle Marmor des Schreibtisches zurück. Er erhob sich nicht sofort, sondern blieb einen langen Moment stumm in der Stille seines Büros sitzen.
Das spätsommerliche Tokio glänzte da draußen in Millionen Lichtern, doch seine Gedanken waren meilenweit entfernt, gefangen in den eisigen Schatten seiner Kindheit.
Er griff nach seinem dunkelgrauen Jackett, löschte das Licht und verließ das Gebäude.
Die Fahrt zum Ayame-Anwesen verging wie im Flug, während sein Geist unaufhörlich arbeitete.
Als er die schweren Flügeltüren des Anwesens hinter sich ins Schloss fallen ließ, empfing ihn die vertraute, beruhigende Atmosphäre des alten Hauses. Der Duft von Holz, frischen Blumen und der feine Hauch von Namis Parfüm lag in der Luft. Die Anspannung, die sich seit dem Telefonat wie eine eiserne Klammer um seine Brust gelegt hatte, lockerte sich um eine winzige Nuance.
Er wollte sie sehen. Sofort.
Er fand sie im großen Salon, der zum Garten hin lag. Nami saß auf der eleganten Fensterbank, die Knie leicht angezogen, und blickte hinaus in die Dunkelheit des Gartens. Das mondhelle Licht spiegelte sich in ihrem langen, silbrig-weißen Haar, das weich über ihre Schultern floss.
Als sie das leise Geräusch seiner Schritte auf dem Parkett hörte, wandte sie den Kopf. Ihr Gesicht hellte sich augenblicklich auf, und dieses unendlich warme, ozeanfarbene Strahlen in ihren Augen traf ihn mitten ins Herz.
„Kai“, hauchte sie leise und wollte gerade aufstehen, um ihm entgegenzugehen.
Doch Kai kam ihr zuvor. Mit wenigen, raubtierhaft schnellen Schritten überbrückte er die Distanz zwischen ihnen. Bevor sie richtig reagieren konnte, zog er sie sanft, aber mit einer fast schon besitzergreifenden, unbändigen Intensität an sich. Er vergrub sein Gesicht an ihrem Hals, atmete ihren Duft tief ein und schloss die Arme so fest um sie, als wollte er sie vor der gesamten Welt abschirmen.
Nami keuchte leise vor Überraschung auf, doch schon im nächsten Moment entspannte sie sich vollkommen in seiner Umarmung. Sie schmiegte sich eng an seine breite Brust, legte ihre Arme um seinen Nacken und strich ihm beruhigend mit den Fingern durch das dunkle Haar. Sie spürte sofort die veränderte, dunkle und extrem aufgeladene Aura, die ihn umgab. Es war eine Aura des Schutzes, aber auch eine des drohenden Kampfes.
„Kai...“, flüsterte sie sanft, während sie ihren Kopf leicht zurücklegte, um ihn anzusehen. Seine rubinroten Augen brannten mit einer dunklen, intensiven Glut.
„Was ist passiert? Du bist so angespannt.“
Kai schwieg für ein paar Sekunden, während er seine Hand flach auf ihren noch flachen Unterbauch legte. Die sanfte Wärme, die von ihr ausging, war sein absoluter Anker.
„Tala hat angerufen“, raunte er schließlich, seine Stimme ungewohnt rau und tief.
Nami blinzelte überrascht.
„Tala? Aus Russland? Nach fast einem Jahr?“
Kai nickte langsam. Er führte sie sanft zum Sofa, setzte sich mit ihr und zog sie so an sich, dass sie halb auf seinem Schoß saß, den Kopf an seiner Schulter. Seine Arme blieben fest um sie geschlungen.
„Er hat mich wegen unserer Verlobung verhört“, begann Kai und blickte ins Leere, während seine Finger gedankenverloren durch ihre silbrigen Wellen glitten. „Aber das war nicht der eigentliche Grund für seinen Anruf. Er hat Boris im russischen Untergrund beobachtet. Er zieht wieder die Fäden. Sammelt Ressourcen. Er wartet auf den perfekten Moment.“
Kai hielt kurz inne. Ein schwerer, fast schmerzhafter Atemzug entwich seiner Brust, und zum ersten Mal seit einer Ewigkeit lag ein Hauch von Selbstvorwurf in seinen Zügen.
„Ich habe in den letzten Monaten überhaupt nicht mehr an Boris gedacht“, gab er leise zu, und die Offenheit in seiner Stimme war ein seltenes Privileg, das nur ihr gehörte.
„Das ganze letzte Jahr... alles, worauf ich mich konzentrieren konnte, warst du. Unser gemeinsames Leben, die Gründung der Tachiwari-Corporation, unser Baby. Du hattest meine volle Aufmerksamkeit. Du warst und bist meine absolute Priorität. Ich war nachlässig, was die alten Schatten angeht. Ich war zu... friedlich.“
Nami spürte die tiefe Verantwortung, die auf seinen Schultern lastete, und ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Sie hob die Hand und legte ihre warme Palme an seine Wange, zwang ihn sanft, sie direkt anzusehen.
„Du warst nicht nachlässig, Kai“, sagte sie mit einer unerschütterlichen, liebevollen Bestimmtheit.
„Du hast endlich angefangen zu leben, anstatt nur zu überleben. Das ist kein Fehler.“
Sie schenkte ihm ein beruhigendes, fast schon unschuldiges Lächeln und strich ihm mit dem Daumen über die Schläfe.
„Und was soll denn schon passieren? Boris ist weit weg in Russland. Wir sind hier in Tokio, umgeben von Menschen, die uns unterstützen. Was kann er uns von dort drüben aus schon anhaben?“
Kai sah sie an, und in seinen roten Augen blitzte für den Bruchteil einer Sekunde die düstere Weisheit eines Mannes auf, der die Abgründe der menschlichen Natur nur zu gut kannte. Er dachte an Talas Worte.
„Solange du nicht dumm genug bist, auch noch ein Kind in die Welt zu setzen...“
Er würde Nami jetzt nicht mit diesen düsteren Details belasten. Er wollte nicht, dass sie sich sorgte. Sie sollte ihre Schwangerschaft in vollen Zügen genießen können. Doch in seinem Inneren festigte sich ein eiserner, unumstößlicher Schwur.
„Nichts wird passieren“, erwiderte Kai, und seine Stimme war nun wieder so fest und schneidend wie Diamant. Er drückte einen sanften, aber unendlich besitzergreifenden Kuss auf ihre Stirn.
„Weil ich es nicht zulassen werde. Niemand wird dir oder unserem Kind zu nahe treten. Dafür werde ich sorgen.“
Nami lächelte, schloss die Augen und schmiegte sich wieder eng an ihn. In seinen Armen fühlte sie sich unbesiegbar.
Der nächste Morgen erwachte in einem zarten, kühlen Pastellblau. Nami blinzelte träge gegen das sanfte Licht, das durch die Ritzen der schweren Vorhänge im Schlafzimmer des Ayame-Anwesens sickerte.
Sie drehte sich auf die Seite, die Hand wie automatisch schützend auf ihren flachen Bauch gelegt, und strich über die Laken.
Die Bettseite neben ihr war bereits kalt. Kai war aufgestanden.
Ein leises Seufzen entwich ihren Lippen, gepaart mit einem winzigen, liebevollen Lächeln. Nach dem intensiven Gespräch am Vorabend hatte sie gehofft, er würde sich heute wenigstens ein paar Minuten mehr Ruhe gönnen.
Doch Kai Hiwatari ruhte nie.
Nami schlüpfte in einen fließenden, seidenen Morgenmantel, der ihre schmale Silhouette sanft umhüllte. Ihr silbrig-weißes, langes Haar, das ihr in wilden, fast lockigen Wellen bis knapp über das Gesäß reichte, strich bei jedem Schritt weich über den Stoff, als sie barfuß das Zimmer verließ.
Als sie den Westflügel verließ und die monumentale, geschwungene Treppe hinabstieg, die in die klassizistische Eingangshalle des 60 Jahre alten Anwesens führte, drangen gedämpfte Stimmen an ihr Ohr. Das tiefe, unverkennbare Timbre von Kais Stimme dominierte das Gespräch.
Nami hielt auf halber Treppe inne, die Hand am kunstvoll geschnitzten Geländer.
Inmitten der ehrwürdigen Halle, die im Morgenlicht fast wie ein altes europäisches Herrenhaus wirkte, stand Kai. Er trug bereits seine schwarze Anzughose und ein makelloses Hemd, dessen Ärmel bis zu den Unterarmen hochgerollt waren. Seine rubinroten Augen waren aufmerksam auf fünf Männer gerichtet, die vor ihm standen.
Die Männer trugen maßgeschneiderte, unauffällige dunkle Anzüge und verstrahlten eine Aura von absolut kompromissloser Professionalität. Sie wirkten keineswegs wie gewöhnliche Türsteher... das hier war hochkarätiges Sicherheitspersonal.
Nami setzte ihren Weg fort. Das leise, kaum hörbare Auftreten ihrer nackten Füße auf den marmornen Stufen ließ die Männer augenblicklich verstummen. Mehrere Köpfe wandten sich synchron zu ihr um, gefolgt von einer respektvollen, synchronen Verbeugung.
Kai wandte sich ebenfalls um. Beim Anblick seiner schwangeren Verlobten veränderten sich seine sonst so kühlen Züge minimal; ein sanfteres Funkeln stahl sich in seine roten Augen.
„Guten Morgen“, sprach Nami leise, während sie zu der Gruppe stieß und sich ganz selbstverständlich an Kais Seite stellte. Ihre ozeanfarbenen Augen wanderten neugierig über die fünf Gestalten.
Kai legte ihr besitzergreifend eine Hand an den Rücken und zog sie ein Stück näher an sich.
„Morgen“, raunte er tief, ehe er seinen Blick wieder auf die Männer richtete.
„Nami, das ist Armon Ishtar, der Sicherheitschef der Tachiwari-Corporation. Und das sind vier seiner besten Leute.“
Nami blickte auf und musste den Kopf unwillkürlich ein wenig in den Nacken legen.
Armon Ishtar war eine absolute Naturgewalt. Ein massiger, gut zwei Meter großer Hüne mit einer glänzenden Glatze, dessen breite Schultern den feinen Stoff seines dunklen Anzugs fast zum Reißen spannten. Trotz seiner furchteinflößenden Statur wirkte sein Blick wachsam, intelligent und absolut diszipliniert. Er verbeugte sich noch einmal tief vor ihr.
„Es ist mir eine außerordentliche Ehre, Miss Tachiba“, sagte der Hüne mit einer überraschend tiefen, aber ruhigen und angenehmen Stimme.
Nami schenkte ihm ein höfliches Lächeln, wandte sich dann jedoch mit leicht hochgezogenen Augenbrauen direkt an Kai. Ein amüsiertes, aber auch leicht skeptisches Funkeln trat in ihre Augen.
„Kai...“, begann sie leise, während sie die Arme vor der Brust verschränkte. „Meinst du nicht, dass das ein wenig... übertrieben ist?“
Kai stieß ein kurzes, trockenes Schnauben aus. Er wusste genau, worauf sie anspielte. Nach ihrem gestrigen Gespräch über Boris dachte sie vermutlich, er würde nun vor Paranoia den gesamten russischen Geheimdienst engagieren.
„Ich weiß was du denkst, Nami“, raunte er, und ein seltenes, fast unsichtbares Schmunzeln stahl sich auf seine markanten Züge.
„Das hier hat nichts mit Boris zu tun. So paranoid bin ich nun auch wieder nicht.“
Er deutete mit einer kurzen Geste in Richtung der schweren, zweiflügeligen Eingangstür, die zum weitläufigen Vorgarten und den Toren des Anwesens führte.
„Als ich heute Morgen die Berichte gesichtet habe, durfte ich feststellen, dass bereits seit den frühen Morgenstunden ein Dutzend Reporter und Paparazzi vor unseren Toren lauern. Die Nachricht von unserer Verlobung hat die Geier angelockt. Sie versuchen mit allen Mitteln, ein weiteres Bild von dir zu bekommen... oder noch schlimmer, eine Stellungnahme zu erzwingen.“
Sein Blick verengte sich wieder.
„Niemand belästigt meine Familie vor meinem eigenen Haus. Armon wird mich heute zurück in die Firma begleiten. Seine Männer bleiben hier vor dem Anwesen und an den Toren postiert. Sie werden dort patrouillieren und Präsenz zeigen. Das wird den Journalisten sehr schnell klarmachen, dass jeder Versuch, das Gelände unbefugt zu betreten, eine extrem schlechte Idee ist. Sie sorgen für die nötige Ruhe, damit du dich im Haus frei bewegen kannst.“
Armon Ishtar nickte bestätigend.
„Machen Sie sich keine Sorgen, Miss Tachiba. Meine vier Männer sind darauf geschult, die Medien diskret, aber mit unmissverständlicher Bestimmtheit auf Distanz zu halten. Sie werden von dem Trubel draußen im Anwesen nichts mitbekommen.“
Nami blickte von Armon zu Kai, der sie mit diesem unerschütterlich-dominanten, beschützenden Blick ansah. Sie spürte, wie warm ihr ums Herz wurde. Auch wenn er behauptete, es sei nur wegen der Reporter... sie wusste, dass im Hintergrund auch das Telefonat mit Tala eine Rolle spielte.
Kai überließ einfach nichts dem Zufall. Wenn es um ihre Sicherheit und die ihres ungeborenen Kindes ging, baute er lieber eine Mauer zu viel als eine zu wenig.
„Na gut“, gab sie sich geschlagen und lächelte seufzend.
„Gegen diese Geier ist mir jedes Mittel recht. Vielen Dank, Mr. Ishtar.“
„Ganz meinerseits, Ma'am“, erwiderte der Hüne respektvoll.
Kai drückte ihre Hand noch einmal fest, ehe er sein Jackett entgegennahm, das auf einer antiken Konsole bereitlag.
„Ich muss los. Mach dir einen ruhigen Tag im Haus. Wir sehen uns heute Abend.“
Nami sah ihm nach, wie er gemeinsam mit dem riesigen Sicherheitschef die Halle verließ, während die anderen Männer bereits ihre Positionen im Außenbereich einnahmen.
Das Ayame-Anwesen war nun offiziell eine uneinnehmbare Festung.
Nami blickte den Männern hinterher, die sich bereits in Bewegung setzten. Doch noch bevor Kai die schwere, kunstvoll geschnitzte Eingangstür erreichen konnte, hob sie leicht die Stimme.
„Und was ist“, warf Nami mit einem spöttischen, aber unendlich charmanten Unterton in der Stimme ein,
„wenn ich das Haus heute doch verlassen möchte? Wenn mir die Decke auf den Kopf fällt?“
Kai hielt augenblicklich in der Bewegung inne. Er drehte sich auf dem Absatz um, sein dunkles Jackett lässig über der Schulter, und sah sie aus seinen rubinroten Augen an.
Seine Züge blieben unbewegt, doch in seinem Blick lag diese absolute, unumstößliche Entschlossenheit.
„Graham wird dich mit dem Bentley überall hinfahren, wo du hinwillst“, erklärte Kai ruhig, während er den Riemen seiner Aktentasche zurechtrückte.
„Aber er wird dir keinen einzigen Millimeter von der Seite weichen. Wenn du einen Fuß vor dieses Anwesen setzt, ist er dein Schatten.“
„Und was für ein treuer, unauffälliger Schatten ich sein werde, Sir“, ertönte es da plötzlich aus einer schattigen Nische der Halle.
Graham stand mit perfekt gerader Haltung und auf dem Rücken verschränkten Händen an der holzgetäfelten Wand. Er hatte dort so diskret und regungslos gewartet, als gehöre er zur historischen Einrichtung des Anwesens.
Seine grauen Haare waren wie immer akkurat frisiert, sein Frack saß tadellos, und seine Miene war eine einzige Maske aus stoischer Gelassenheit.
Er tat einen eleganten Schritt nach vorn und verbeugte sich minimal in Namis Richtung.
„Ich habe mir bereits erlaubt, den Regenschirm mit der versteckten, verstärkten Stahlspitze zu polieren, Miss Nami. Sollte sich ein besonders aufdringlicher Fotograf auf weniger als zwei Meter an Sie herantrauen, werde ich demonstrieren, dass dieses Accessoire nicht nur gegen Tokioter Regenschauer hervorragende Dienste leistet.“
Nami konnte ein leises, amüsiertes Prusten nicht unterdrücken und legte den Kopf schief.
„Ein Kampf-Regenschirm, Graham? Ist das nicht ein wenig... altmodisch für einen modernen Schatten?“
„Klassiker kommen nie aus der Mode, Ma'am“, erwiderte Graham mit absolut unbewegter Miene und einem staubtrockenen Unterton.
„Und ein dezenter Stoß in die Rippen hinterlässt weitaus weniger hässliche Flecken auf dem Asphalt als die Methoden von Mr. Ishtar. Das schont das Image der Tachiwari-Corporation ungemein.“
Armon Ishtar, der bereits die Klinke der Haustür in der Hand hielt, stieß ein tiefes, grollendes Lachen aus, das die Wände der Halle fast vibrieren ließ. Selbst auf Kais Lippen stahl sich für den Bruchteil einer Sekunde ein raues, amüsiertes Schmunzeln.
„Siehst du“, raunte Kai, während er Nami noch einen letzten, intensiven Blick zuwarf.
„Du bist in den besten Händen. Bis heute Abend, mein Schatz.“
Mit diesen Worten trat er gefolgt von seinem riesigen Sicherheitschef hinaus in den goldenen Septembermorgen. Die schwere Tür fiel mit einem satten, dumpfen Klang ins Schloss, und im Ayame-Anwesen kehrte wieder die vertraute, ehrwürdige Ruhe ein.
Nami blieb am Fuß der Treppe stehen, sah auf die geschlossene Tür und strich sich lächelnd eine silbrige Locke aus dem Gesicht.
Ein paar Stunden später...
Die Mittagssonne stand bereits hoch über den Dächern von Tokio, als Nami den Entschluss fasste, sich an diesem Tag nicht von den Mauern des Anwesens einsperren zu lassen. Sie hatte sich für ein elegantes, aber schlichtes rosèfarbenes Kleid entschieden, das ihre Figur umschmeichelte und im warmen Septemberlicht ihre ozeanfarbenen Augen zum Leuchten brachte.
Als sie die Eingangshalle betrat, stand Graham bereits wie bestellt an der Flügeltür. In seinen Händen hielt er nicht nur die Schlüssel des schweren, dunkelgrünen Bentley, sondern auch den berüchtigten, tiefschwarzen Regenschirm mit der glänzenden, verstärkten Stahlspitze.
„Ich sehe, Sie haben sich gegen die häusliche Isolation entschieden, Miss Nami“, stellte Graham mit seiner unerschütterlich höflichen, staubtrockenen Stimme fest.
„Eine exzellente Wahl. Das Wetter ist viel zu kultiviert, um es ausschließlich durch historisches Fensterglas zu betrachten.“
Nami schmunzelte. „Ich muss ein paar Erledigungen in der Stadt machen, Graham. Und ich dachte mir, wir testen mal, wie gut unsere eiserne Festung im Ernstfall funktioniert.“
„Ich habe das Chauffeur-Präzisionstraining der Minamoto-Familie nicht absolviert, um mich von ein paar minderbemittelten Fotografen mit Blitzlichtgeräten aus dem Konzept bringen zu lassen, Ma'am“, erwidert Graham und öffnete ihr die Tür nach draußen.
Bereits als sie die Stufen zum Vorplatz hinabstiegen, fiel Namis Blick auf die Szenerie am großen, schmiedeeisernen Haupttor. Dahinter drängte sich eine beachtliche Traube von Reportern und Kameraleuten. Es war, als hätten sie Blut geleckt.
Das dumpfe Gemurmel ihrer Stimmen drang bis zum herrschaftlichen Portal durch, und als Nami auf den Kiesweg trat, blitzten in der Ferne sofort die ersten Teleobjektive auf.
Doch die Barriere stand felsenfest.
Armon Ishtars Männer machten ihrem Chef alle Ehre. Die vier breitbandigen Sicherheitsleute in makellosen, dunklen Anzügen und mit unauffälligen Knopfempfängern im Ohr hatten sich wie eine unüberwindbare, menschliche Mauer vor dem Tor positioniert. Ihre Hände waren vor dem Körper verschränkt, ihre Gesichter wirkten wie aus Granit gemeißelt.
Kein einziger Journalist wagte es auch nur, einen Fuß auf die Linie zu setzen, die die Auffahrt vom öffentlichen Gehweg trennte.
Graham hielt Nami die schwere Tür des Bentleys auf. „Wenn Sie erlauben, Miss Nami. Machen Sie es sich bequem. Die Scheiben sind stark getönt, sodass die Herrschaften draußen bestenfalls ihr eigenes, unvorteilhaftes Spiegelbild betrachten können.“
„Danke, Graham“, sagte Nami lächelnd und glitt auf das weiche, crèmefarbene Leder des Fond-Sitzes.
Graham schloss die Tür mit einem satten, fast lautlosen Klang, ging mit gemessenen Schritten um den Wagen herum und nahm auf dem Fahrersitz Platz. Der Motor des Bentley erwachte mit einem tiefen, kultivierten Schnurren zum Leben.
Als der Wagen langsam die von alten Bäumen gesäumte Auffahrt hinabrollte und sich dem Tor näherte, geriet die Meute da draußen in helle Aufregung. Die Journalisten drängten nach vorn, Kameras wurden hochgerissen, und ein wildes Blitzlichtgewitter prallte gegen die Windschutzscheibe.
Noch bevor der Wagen das Tor erreichte, machten Armons Männer eine synchrone, fließende Bewegung. Zwei von ihnen traten an die Flanken des Bentleys, während die anderen beiden die Journalisten mit einer so eisigen, raubtierhaften Präsenz zurückdrängten, dass die vorderste Reihe der Fotografen fast übereinanderstolperte. Einer der Männer hob lediglich leicht die Hand... eine stumme Geste, die so viel Autorität ausstrahlte, dass die Meute augenblicklich zwei Schritte zurückwich.
Das schwere Eisentor öffnete sich majestätisch, und der Bentley glitt geschmeidig hindurch.
„Phänomenal“, murmelte Graham, während er das Lenkrad mit lockerer Präzision führte und den Wagen an den zurückweichenden Journalisten vorbeisteuerte. Ein aufdringlicher Fotograf versuchte noch, seine Kamera direkt gegen die Seitenscheibe von Namis Rücksitz zu pressen, wurde jedoch von einem von Armons Männern mit einem kurzen, unmissverständlichen Schritt in den Weg so vehement blockiert, dass er beinahe im Gebüsch landete.
Graham warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel. Seine Miene blieb so stoisch wie eh und je.
„Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, dass die Evolution bei Vertretern der Boulevardpresse offensichtlich eine schöpferische Pause eingelegt hat“, kommentierte der Butler trocken.
„Der junge Mann mit dem roten Basecap hätte fast seine Linse an unserer Stoßstange dekonstruiert. Das wäre ein Jammer gewesen... der Bentley wurde erst gestern frisch gewachst.“
Nami musste leise lachen, während sie entspannt nach hinten sank. Durch die dunklen Scheiben konnte sie das Treiben draußen beobachten, ohne selbst gesehen zu werden.
„Armons Leute verstehen ihr Handwerk wirklich. Sie haben nicht einmal die Stimme erhoben.“
„In der Tat, Ma'am“, stimmte Graham zu, während er den Wagen elegant in den fließenden Verkehr der Tokioter Vorstadt einfädelte.
„Die stumme Androhung physischer Deformierung ist oft weitaus effektiver als jede verbale Ermahnung. Ein Prinzip, welches Master Kai seit seiner Jugend in Perfektion beherrscht.“
Er lenkte den Wagen auf die Hauptstraße, und die Traube aus Reportern und Kameras verschwand im Rückspiegel.
„Und nun, Miss Nami“, fuhr Graham fort, während er die Klimaanlage im Fond mit einem diskreten Knopfdruck perfekt einstellte, „wohin darf ich den unauffälligsten Schatten Tokios heute steuern? Ich empfehle die Boutique-Meile im Zentrum. Dort ist das Pflaster sauberer, falls ich doch noch Gebrauch von der Stahlspitze meines Schirms machen muss.“