Ausflug
Ausflug
Durch die stark getönten Scheiben konnte sie beobachten, wie die frustrierten Fotografen draußen langsam im Rückspiegel kleiner wurden und schließlich im dichten Verkehr der Tokioter Vorstadt verschwanden.
Sie blickte nach vorn zu der vertrauten Gestalt am Steuer.
„Graham?“, rief sie leicht amüsiert nach vorn.
„Ja, Miss Nami?“, ertönte die stoische Stimme des Butlers über die Gegensprechanlage des Wagens, während sein aufmerksamer Blick im Rückspiegel kurz zu ihr glitt.
„Vergiss bitte die Einkaufsmeile im Zentrum. Das Pflaster mag dort zwar sauberer sein, aber ich habe ein weitaus dringenderes Anliegen. Bring mich bitte zu dem kleinen, traditionellen Familiencafé in der Nähe des Sumida-Parks. Du weißt schon, das mit dem roten Vordach.“
Graham zog eine Augenbraue hoch, was für seine Verhältnisse einer mittelschweren Gesichtsentgleisung gleichkam.
„Wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht, ist dieses Etablissement vor allem für seine... exzessive Verwendung von roten Sammelfrüchten bekannt, Ma'am.“
Ein ertapptes, unendlich charmantes Lächeln stahl sich auf Namis Lippen. Sie legte unbewusst eine Hand auf ihren flachen Bauch, dorthin, wo ihr und Kais kleines Wunder heranwuchs. „Seit einer Woche kann ich an nichts anderes mehr denken als an Erdbeeren. Frische Erdbeeren, Erdbeertörtchen, Erdbeereis... Wenn ich heute nicht mindestens eine Portion davon bekomme, überlebe ich den Nachmittag nicht. Und unser kleiner Untermieter vermutlich auch nicht. Du musst mich retten, Graham.“
„Ein unschlagbares Argument“, erwiderte Graham trocken, während er den Bentley mit einer eleganten Lenkbewegung auf die Spur Richtung Park lenkte.
„Gegen die kulinarischen Dekrete eines ungeborenen Hiwatari-Erben ist selbstverständlich kein Kraut gewachsen. Ich werde die Route entsprechend anpassen.“
Nami lehnte den Kopf an die kühle Glasscheibe und stieß ein leises, leicht frustriertes Seufzen aus. Sie genoss die Fahrt, doch die plötzliche Ruhe im Wagen ließ ihre Gedanken wieder zu den Einschränkungen der letzten Wochen wandern.
„Es ist einfach so unendlich langweilig, Graham“, gestand sie leise und blickte auf ihre Hände.
„Ich liebe das Ayame-Anwesen, wirklich. Aber den ganzen Tag nur in diesen historischen Mauern zu sitzen, macht mich langsam wahnsinnig. Ich bin es gewohnt, aktiv zu sein, unter Menschen zu gehen.“
„Das liegt in Ihrer Natur, Miss Nami. Sie sind keine Frau für den goldenen Käfig.“
„Genau! Aber versuch das mal Kai, Ray und Mariah begreiflich zu machen“, murmelte Nami und verdrehte leicht die ozeanfarbenen Augen.
„Die drei haben sich regelrecht gegen mich verbündet. Als ich letzte Woche noch in die Trainingshalle wollte, haben Ray und Mariah mich fast schon angefleht, eine Pause einzulegen. Und Kai hat ohnehin sofort sein Veto eingelegt. Sie meinten alle, das Risiko sei viel zu hoch... dass ein unkontrollierter, wildgewordener Beyblade mich direkt am Bauch treffen könnte. Als ob ich nicht auf mich selbst aufpassen könnte! Aber sie haben so auf mich eingeredet, dass ich schließlich nachgeben musste. Jetzt darf ich die Junioren nicht einmal mehr vom Spielfeldrand aus coachen. Ich fühle mich wie im vorzeitigen Ruhestand.“
„Nun“, warf Graham mit seiner gewohnt ungerührten Stimme ein, „Mr. Kon und Miss Mariah mögen in ihrer Fürsorge besorgt klingen, aber ihre Bedenken sind keineswegs unbegründet. Ein Beyblade-Turnier der Junioren kann gelegentlich die unberechenbare Zerstörungskraft eines kleineren Taifuns annehmen. Ganz zu schweigen von den unbändigen Temperamenten der jungen Akteure. Dass Master Kai in dieser Angelegenheit keinen Spielraum für Verhandlungen lässt, dürfte Sie kaum überraschen. Ihre Sicherheit und die des heranwachsenden Erben stehen für ihn über jeder sportlichen Pflicht.“
„Ich weiß, ich weiß“, gab Nami seufzend zu, während das rote Vordach des Cafés in Sicht kam.
„Trotzdem fehlt es mir. Aber danke, dass du mir wenigstens diesen kleinen Fluchtversuch ermöglichst.“
„Wir werden heute dafür sorgen, dass Ihr Geist zumindest durch erstklassige Kulinarik zerstreut wird“, versicherte Graham, als er den schweren Wagen sanft am Straßenrand unweit des Parks zum Stehen brachte.
Das Café war ein gemütlicher, alteingesessener Laden. Holzstühle mit roten Kissen standen auf der Terrasse, und durch die offene Tür wehte der süße, warme Duft von frisch gebackenen Waffeln und reifen Früchten. Es war genau der unkomplizierte Zufluchtsort, den Nami gesucht hatte.
Graham stieg aus, öffnete ihr die Tür und hielt den Blick wachsam auf die Umgebung gerichtet. Die Reporter aus dem Anwesen hatten sie glücklicherweise abgehängt, doch im Tokioter Zentrum konnte man nie vorsichtig genug sein.
Mit dem tiefschwarzen Regenschirm fest in der rechten Hand begleitete er Nami zu einem kleinen, etwas privateren Ecktisch im hinteren Teil des Cafés.
Nami bestellte mit leuchtenden Augen eine riesige Portion frischer Erdbeeren mit hausgemachter Vanillesahne und ein Stück Erdbeer-Biskuitrolle.
Graham platzierte sich derweil mit militärischer Präzision genau zwei Schritte hinter ihrem Stuhl. Er stand dort so unbeweglich und stumm, dass die junge Bedienung, die das Tablett brachte, den Butler mit einer Mischung aus Ehrfurcht und leichter Nervosität musterte.
„Graham, bitte, setz dich doch“, flüsterte Nami amüsiert, während sie die erste Erdbeere im Mund zergehen ließ und ein glückliches Seufzen ausstieß.
„Das ist einfach himmlisch... Aber du machst die arme Kellnerin ganz nervös, wenn du da wie eine steinerne Garde stehst.“
„Ein Bodyguard im Sitzen verliert achtzig Prozent seiner Abschreckungswirkung, Miss Nami“, erwiderte Graham, ohne den Blick vom Apfelkuchen am Nebentisch abzuwenden.
„Außerdem verlangt mein Pflichtbewusstsein, dass ich das Territorium im Auge behalte.“
Das Territorium schien zunächst friedlich. Nami genoss jeden Bissen ihres Desserts und spürte, wie die Anspannung der letzten Tage langsam von ihr abfiel.
Doch die Idylle hielt nicht lange.
Am Eingang des Cafés tauchte plötzlich ein junger Mann in einer abgewetzten Jeansjacke auf. Er tat so, als würde er auf der Suche nach einem freien Platz die Speisekarte studieren, doch sein Blick huschte viel zu hektisch durch den Raum.
Als er Nami entdeckte, weiteten sich seine Augen. Er griff unauffällig in seine Tasche und zog eine kleine, aber professionelle Spiegelreflexkamera mit einem flachen Objektiv heraus.
Er hob die Kamera auf Brusthöhe, bereit, im Vorbeigehen den ultimativen Schnappschuss der frisch verlobten Tachiba-Erbin zu machen.
Er hatte jedoch die Rechnung ohne den unauffälligsten Schatten Tokios gemacht.
Graham hatte den Mann schon beim Betreten des Ladens analysiert. Noch bevor der Fotograf den Zeigefinger auf den Auslöser legen konnte, tat der Butler einen einzigen, lautlosen Schritt nach vorn.
Mit einer fließenden, fast tänzerischen Eleganz glitt die metallverstärkte Spitze von Grahams schwarzem Regenschirm nach vorn. Mit mathematischer Präzision blockierte das schwere Metallende die Linse der Kamera... genau in dem Moment, als der Mann abdrücken wollte. Das einzige, was auf dem Foto zu sehen sein würde, war das tiefschwarze, polierte Metall der Schirmspitze.
„Verzeihung, mein Herr“, säuselte Graham mit einer Stimme, die so glatt und kalt war wie poliertes Eis.
Der Fotograf zuckte heftig zusammen und blickte erschrocken an dem Schirm vorbei nach oben. Er sah direkt in die stoische, absolut humorlose Miene des Butlers.
„Dieses Etablissement legt großen Wert auf die Privatsphäre seiner geschätzten Gäste“, fuhr Graham unbeirrt fort, während er die Schirmspitze mit sanftem, aber unnachgiebigem Druck gegen das Objektiv presste, sodass der Mann gezwungen war, einen Schritt zurückzuweichen.
„Sollten Sie das Bedürfnis verspüren, optische Erinnerungen zu sammeln, empfehle ich die botanischen Anlagen des Sumida-Parks. Die dortigen Azaleen wehren sich im Allgemeinen nicht gegen unerwünschte Belichtung.“
Der junge Mann schluckte schwer. Er blickte auf Grahams perfekt sitzenden Frack, dann auf die bedrohlich funkelnde Stahlspitze des Schirms, die sich nun verdächtig nah an seinem Brustbein befand. Er verstand die stumme Botschaft sofort.
„E-Entschuldigung... Falscher Tisch“, stammelte er, packte die Kamera hastig weg und stolperte rückwärts aus dem Café, als stünde der Teufel persönlich hinter ihm.
Nami, die die Szene stumm mit einer im Mundwinkel balancierten Erdbeere beobachtet hatte, prustete leise los. Sie schluckte die Frucht hinunter und schüttelte lachend den Kopf.
„Chirurgische Präzision, Graham. Ich bin schwer beeindruckt. Er hat nicht einmal gemerkt, was ihn getroffen hat.“
Graham zog den Schirm mit einer eleganten Bewegung zurück, strich ein unsichtbares Staubkorn von seinem Ärmel und nahm wieder seine Postposition ein.
„Ein sauberer Stoß verhindert unnötigen Papierkram, Ma'am“, bemerkte er mit absolut unbewegter Miene.
„Und es wäre doch äußerst bedauerlich, wenn Ihr exzellentes Dessert durch die unprofessionelle Hektik eines Amateurs gestört worden wäre.“
Nami lächelte warm und nahm sich die nächste Erdbeere. Inmitten des Trubels von Tokio und den lauernden Schatten der Vergangenheit fühlte sie sich in diesem Moment... geschützt durch Grahams stoische Loyalität und getragen von der Vorfreude auf ihr Kind... so sicher wie noch nie.
Nami tupfte sich wenig später elegant mit einer kleinen Stoffserviette den Mund ab und warf einen Blick auf ihre filigrane Armbanduhr. Die Zeiger näherten sich unaufhaltsam der Zwölf.
„Schon fast Mittag“, murmelte sie und blickte nachdenklich auf die leere Dessertschale vor sich, in der nur noch ein kleiner Klecks Vanillesahne an das Erdbeerspektakel erinnerte. Sie stützte das Kinn in die Hand und sah zu Graham auf.
„Kai müsste doch bald Mittagspause haben, oder?“
„In der Tat, Miss Nami“, erwiderte Graham, ohne seine perfekt aufrechte Haltung zu verändern.
„Sofern Master Kai nicht beschließt, die Gesetze der menschlichen Biologie zugunsten einer weiteren Vorstandssitzung zu ignorieren, stünde ihm in Kürze eine Rekonvaleszenzphase von sechzig Minuten zu.“
Nami biss sich amüsiert auf die Unterlippe, während ihre ozeanfarbenen Augen verräterisch zu funkeln begannen.
„Meinst du... es wäre sehr seltsam, wenn wir ihn einfach in der Firma besuchen gehen? Unangemeldet?“
Graham erlaubte sich ein winziges, kaum merkliches Heben seiner Mundwinkel.
„Sollte Ihr Erscheinen in der Tachiwari-Corporation tatsächlich als ‚seltsam‘ eingestuft werden, Ma'am, dann vermutlich nur, weil die dortige Belegschaft noch nie eine so charmante Unterbrechung des grauen Büroalltags erlebt hat. Ich bin mir zudem sicher, dass die bloße Präsenz von Mr. Ishtar an der Pforte ausreicht, um eventuelle Protokollfragen im Keim zu ersticken.“
Nami lachte leise und schob ihren Stuhl zurück.
„Na dann. Auf zur Tachiwari-Corporation. Mal sehen, ob der Zar von Tokio bereit für eine süße Ablenkung ist.“
Der Bentley glitt elegant durch die glitzernden Straßenschluchten von Shinjuku. Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto dichter ragten die riesigen Wolkenkratzer in den wolkenlosen Himmel empor, doch keines der umliegenden Bauwerke besaß die kalte, majestätische Aura des Tachiwari Towers.
Als Graham den Wagen in die breite Auffahrt lenkte, blickte Nami mit einer Mischung aus Ehrfurcht und tiefer Vertrautheit durch die Panoramascheibe nach oben. Der Tower war ein architektonisches Meisterwerk... eine gigantische, monolithische Säule aus dunkelblau getöntem Glas und poliertem Stahl, die das Sonnenlicht wie ein riesiger Kristall brach.
Obwohl der Turm hier schon seit Jahren stand, war alles an ihm neu. Bis vor wenigen Monaten prangte noch das kalte Logo von Hiwatari Enterprises an der Fassade. Doch nach der Fusion mit der Firma von Namis Vater, Tachibey Industries, hatten Kai und Hiro Tachiba das gesamte Imperium umgekrempelt.
Aus zwei mächtigen Konzerne war die Tachiwari-Corporation entstanden. Kai hatte die alten, oft düsteren Geschäftszweige der Hiwataris radikal zerschlagen und das Unternehmen komplett neu ausgerichtet... weg von militärischen Verflechtungen, hin zu hochmoderner Beyblade- und Arenentechnologie sowie ziviler Forschung.
Erst seit zwei Monaten arbeitete Kai hier offiziell als CEO in seiner neuen Rolle. Es war ein monumentaler Kraftakt gewesen, und Nami hatte in dieser Zeit hautnah miterlebt, wie viele schlaflose Nächte er am heimischen Schreibtisch verbracht hatte. Dennoch war sie selbst noch nie in diesem Gebäude gewesen.
Kai hatte sein neues Reich bisher streng von ihrem gemeinsamen Rückzugsort im Ayame-Anwesen getrennt, um ihr die nötige Ruhe zu gönnen. Nun vor diesem gläsernen Riesen zu stehen, der die Namen ihrer beiden Familien in sich vereinte, ließ ihr Herz ein wenig schneller schlagen.
„Ein wahrlich imposantes Monument des Neuanfangs“, bemerkte Graham trocken, während er den Bentley sanft vor dem riesigen, gläsernen Portal zum Stehen brachte.
„Man muss Master Kai und Ihrem Herrn Vater zugestehen, dass sie das Antlitz dieses Hauses in rekordverdächtiger Zeit transformiert haben. Es strahlt nun deutlich weniger... bedrohliche Kälte aus als zu Zeiten des alten Familienoberhaupts.“
Nami musste leise schmunzeln und ordnete ihre Handtasche.
„Da hast du recht, Graham. Mein Vater und Kai haben hier wirklich etwas völlig Neues geschaffen. Kein militärisches Säbelrasseln mehr, sondern echte Innovation.“
Sie blickte auf das rege Treiben hinter den riesigen Drehtüren, wo Wissenschaftler in hellen Kitteln und Geschäftsleute in modernen Anzügen geschäftig hin- und herbeilten.
„Nun, dann wollen wir dem frischgebackenen CEO in seiner neuen Festung mal einen Überraschungsbesuch abstatten.“
Die gläsernen Drehtüren schwangen lautlos auf, als Nami und Graham die monumentale Lobby des Tachiwari Towers betraten. Drinnen empfing sie eine Atmosphäre von geschäftiger, fast ehrfürchtiger Konzentration. Der Boden bestand aus makellos poliertem, dunklem Granit, der das Licht der riesigen Deckenstrahler reflektierte, und an den Wänden hingen hochauflösende Bildschirme, die die neuesten Prototypen der zivilen Forschung und schematische Darstellungen neuartiger Beyblade-Arenen zeigten.
Keine Spur mehr von der düsteren, bedrohlichen Ära der Hiwatari Enterprises.
Nami glitt mit ihrer gewohnt eleganten und aufrechten Haltung durch die Halle, während Graham mit dem schwarzen Regenschirm an ihrer Seite schritt, als würde er eine Kaiserin eskortieren.
Schon nach wenigen Schritten bemerkte sie, wie das geschäftige Murmeln um sie herum verstummte. Die Blicke der Angestellten in ihren modernen Business-Anzügen glitten zu ihr. Manche tuschelten hinter vorgehaltener Hand, andere blieben schlichtweg stehen.
Eine weißhaarige Schönheit mit ozeanfarbenen Augen, war ohnehin eine Erscheinung... doch als Verlobte des frischgebackenen, unnahbaren CEOs zog sie augenblicklich alle Aufmerksamkeit auf sich.
Am monumentalen, nierenförmigen Empfangstresen aus gebürstetem Stahl herrschte plötzlich helle Aufregung. Zwei junge Damen in perfekt sitzenden Uniformen sahen sich hektisch an, als Nami zielstrebig auf sie zukam.
„G-Guten Tag, Miss Tachiba“, stammelte die ältere der beiden Rezeptionistinnen und verbeugte sich so hastig, dass ihre Brille fast von der Nase rutschte.
„Wir... wir haben Sie heute gar nicht auf der Gästeliste des Vorstands vermerkt. Möchten Sie, dass ich Mr. Sato, den persönlichen Assistenten von Mr. Hiwatari sofort informiere? Er befindet sich derzeit in einer Budgetbesprechung mit der Entwicklungsabteilung, aber—“
„Das wird nicht nötig sein“, ertönte plötzlich eine tiefe, raue Stimme, die wie Donner durch die gläserne Halle hallte.
Die Angestellten zuckten unwillkürlich zusammen und Nami drehte sich mit einem warmen Lächeln um.
Aus einem privaten Korridor, der zu den Sicherheitszentralen führte, trat ein Mann, den man in keinem Raum der Welt übersehen konnte. Armon Ishtar, der riesige Sicherheitschef der Tachiwari-Corporation, schritt mit langsamen, aber gewaltigen Schritten auf sie zu. Seine breiten Schultern spannten den maßgeschneiderten, dunklen Anzug bis zum Äußersten, und seine Ausstrahlung war so furchteinflößend, dass die vorbeilaufenden Angestellten instinktiv einen weiten Bogen um ihn machten.
Doch als sein Blick auf Nami fiel, entspannten sich seine kantigen, harten Gesichtszüge merklich. Er trat vor sie, legte eine Hand auf die Brust und verbeugte sich tief und ehrfurchtsvoll.
„Miss Tashiba.“, sagte er mit einem tiefen, respektvollen Bass. „Es ist mir eine außerordentliche Ehre, Sie im Tower begrüßen zu dürfen. Mr. Hiwatari hat mich heute Morgen zwar über vieles instruiert, aber Ihr Besuch ist eine wahrlich glanzvolle Überraschung.“
„Hallo, Armon“, erwiderte Nami herzlich und schenkte dem Riesen ein strahlendes Lächeln.
„Ich hoffe, ich platze hier nicht mitten in ein heilloses Chaos. Ich wollte Kai eigentlich nur spontan zur Mittagspause abholen.“
„Für Sie gibt es in diesem Gebäude kein Chaos, das wir nicht augenblicklich beseitigen würden“, erklärte Armon mit absolutem Ernst, bevor er den Kopf leicht neigte, um Graham zu mustern.
Der stoische Butler erwiderte den Blick des Sicherheitschefs mit einem kühlen, professionellen Nicken. Die beiden Männer, die jeweils auf ihre ganz eigene Art für den Schutz ihrer Herrschaften verantwortlich waren, schienen eine stumme Sprache des gegenseitigen Respekts zu sprechen.
„Mr. Ishtar“, bemerkte Graham mit glatter Stimme.
„Ich sehe, die personelle Absicherung dieser gläsernen Festung befindet sich in gewohnt... robusten Händen.“
„Man tut, was nötig ist, Mr. Graham“, entgegnete Armon mit dem Hauch eines grimmigen Amüsements, ehe er sich wieder an Nami wandte. Er machte eine einladende Geste in Richtung der privaten Aufzüge, die nur mit speziellen Keycards zugänglich waren.
„Wenn Sie mir bitte folgen würden? Ich werde Sie und Ihren Begleiter höchstpersönlich nach oben eskortieren. Der reguläre Empfang ist für eine Dame Ihres Ranges ohnehin nicht der angemessene Weg.“
Die Rezeptionistinnen hinter dem Tresen atmeten sichtlich erleichtert auf, als Armon die kleine Gruppe an den Absperrungen vorbeiführte. Mit einer eleganten Bewegung zog der Sicherheitschef eine goldene Keycard durch den Scanner des privaten Express-Aufzugs. Die schweren Metalltüren glitten lautlos auseinander und gaben den Blick auf eine luxuriöse Kabine frei, die ganz in dunklem Holz und Leder gehalten war.
„Nach Ihnen, Miss Tashiba.“, sagte Armon und hielt die Tür mit seinem massiven Arm offen.
Graham trat als Letzter ein und stellte sich mit dem Regenschirm schräg hinter Nami. Als sich die Türen schlossen und der Aufzug mit einer fast unmerkbaren, aber rasanten Beschleunigung in die Höhe glitt, blickte der Butler auf die digitale Anzeige, die die Stockwerke in rasantem Tempo nach oben zählte.
„Sicherheits-Eskorten der Extraklasse“, murmelte Graham trocken, sodass nur Nami es hören konnte.
„Man könnte fast meinen, wir würden ein streng geheimes Staatsdokument transportieren und nicht eine schwangere junge Dame mit einem akuten Verlangen nach familiärer Gesellschaft.“
Nami musste leise kichern und legte kurz eine Hand auf ihren Bauch, während sie spürte, wie die Vorfreude, Kai in seinem neuen Element zu sehen, mit jedem überwundenen Stockwerk wuchs.
Der Aufzug glitt mit einem sanften, kaum spürbaren Ruckeln zum Stillstand, und die schweren, dunkelholzgetäfelten Türen öffneten sich lautlos im Penthouse-Stockwerk. Hier oben, in der exklusiven Chefetage des Tachiwari Towers, herrschte eine fast schon sakrale Ruhe.
Der Boden war mit einem dicken, sandfarbenen Teppich ausgelegt, der jeden Schritt verschluckte, und durch die bodentiefen Glasfronten bot sich ein atemberaubender Blick über das schier unendliche Häusermeer Tokios.
Armon Ishtar trat als Erster aus der Kabine und bedeutete Nami mit einer respektvollen Geste, ihm zu folgen. Graham schloss sich ihnen mit gewohnt lautloser Präzision an, den stahlverstärkten Regenschirm wie eine edle Gehhilfe parat.
Sie hatten kaum die Hälfte des eleganten Flurs hinter sich gelassen, als die Tür des großen Konferenzraums auf der linken Seite aufschwang.
Ein großer ebenso beeindruckender Mann wie Armon, mit einer äußerst aufrechten, aristokratischen Haltung trat heraus. Er trug einen maßgeschneiderten, dunkelgrauen Nadelstreifenanzug, der seine sportliche, fitte Statur betonte. Sein akkurat frisiertes, petrolfarbenes Haar war an den Schläfen leicht graumeliert, was seinen markanten Gesichtszügen eine reife, weise Note verlieh. Es war Hiro Tachiba. Als CEO von Tachibey Industries leitete er sein eigenes Imperium weiterhin eigenständig, doch durch die Fusion war die Tachiwari-Corporation als mächtiges, neues Gemeinschaftsprojekt entstanden, in dem er als einflussreiches Vorstandsmitglied und enger Berater eine tragende Rolle spielte.
Hiro blätterte gerade konzentriert in einer dicken Ledermappe, als er die Schritte auf dem Gang hörte. Er blickte auf. Als seine petrolfarbenen Augen auf seine Tochter fielen, weiteten sie sich vor freudiger Überraschung, und ein warmes, herzliches Lächeln erhellte sein Gesicht.
„Nami!“, rief er erfreut aus, schloss die Mappe mit einem energischen Klaps und kam mit schnellen Schritten auf sie zu. Er zog sie sanft in eine kurze, liebevolle Umarmung.
„Was für eine wunderbare Überraschung. Ich hätte nicht gedacht, dich heute hier im Tower anzutreffen. Du warst doch noch nie hier, oder?“
„Hallo, Papa“, erwiderte Nami lächelnd und genoss die vertraute Wärme ihres Vaters, während sie sich leicht aus der Umarmung löste.
„Nein, tatsächlich nicht. Aber mir ist zu Hause ein wenig die Decke auf den Kopf gefallen. Also dachte ich mir, ich entführe meinen Verlobten spontan in die Mittagspause.“
Hiro warf einen kurzen, amüsierten Blick auf die Entourage, die sie begleitete. Er nickte dem riesigen Sicherheitschef respektvoll zu, der tatsächlich genauso groß war wie er selber.
„Armon.“
„Mr. Tachiba“, erwiderte der Hüne mit einer knappen Verbeugung.
Hiros Blick wanderte weiter zu dem Butler, der wie eine unbewegliche Säule hinter Nami stand.
„Und Graham. Ich sehe, meine Tochter reist heute unter dem sichersten Geleitschutz, den man sich in ganz Japan kaufen... oder vielmehr nicht kaufen... kann.“
„Man tut, was im Rahmen des Zumutbaren liegt, Sir“, kommentierte Graham mit einer feinen, humorvollen Note in seiner stoischen Stimme.
„Wobei ich anmerken darf, dass das eigentliche Gefahrenpotenzial des heutigen Tages bisher primär von den botanischen Abteilungen des Sumida-Parks und einer Überdosis roter Sammelfrüchte ausging.“
Hiro lachte leise und schüttelte den Kopf. Er kannte den trockenen Humor des Butlers nur zu gut. Dann wandte er sich wieder seiner Tochter zu. Seine Augen glitten besorgt, aber unendlich sanft über ihre Silhouette, ehe er ihr verschwörerisch zuzwinkerte.
„Wenn du zu Kai willst, kommst du genau im richtigen Moment“, raunte Hiro mit einem amüsierten Funkeln in den Augen.
„Er sitzt seit heute Morgen um acht in seinem Büro und führt einen erbitterten Kleinkrieg mit den Wirtschaftsprüfern. Du weißt ja, wie er ist. Wenn er sich erst einmal in eine Bilanz verbissen hat, vergisst er völlig, dass er eigentlich ein Mensch ist und gelegentlich auch Nahrung und Sauerstoff benötigt. Er hält seit zwei Monaten die halbe Chefetage mit seiner Verbissenheit in Atem.“
Nami schmunzelte und verschränkte die Arme.
„Das klingt ganz nach ihm. Ich hatte gehofft, ihn ein wenig ablenken zu können.“
„Oh, das wirst du“, schmunzelte Hiro und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter, während er sie in Richtung der großen, doppelflügeligen Tür am Ende des Flurs leitete.
„Geh nur rein. Er braucht dringend eine Pause von sich selbst. Und glaube mir, bei deinem Anblick wird selbst der eiskalteste CEO ganz zahm. Ich werde mich wieder an meine Arbeit machen... wir sehen uns am Wochenende im Anwesen, mein Schatz.“
Mit einem warmen Lächeln und einem anerkennenden Kopfnicken an Armon und Graham verabschiedete sich Hiro und ging den Flur hinunter in Richtung der Aufzüge.
Nami sah ihrem Vater kurz hinterher, ehe sie tief durchatmete. Sie spürte, wie ihr Herz vor Aufregung ein wenig schneller klopfte. Sie trat an die schwere, dunkle Holztür, die das Reich des neuen CEOs absperrte.
Armon trat wortlos vor, öffnete ihr die Tür mit einer respektvollen Geste und blieb gemeinsam mit Graham im Vorzimmer zurück, um ihr die nötige Privatsphäre zu garantieren.
Sie trat lautlos über die Schwelle des weiten Raums. Die schwere Tür glitt hinter ihr mit einem kaum hörbaren Klicken ins Schloss und sperrte die Stille des Vorzimmers endgültig aus.
Das Büro des CEOs war atemberaubend. Es war minimalistisch, modern und strahlte eine fast schon einschüchternde Erhabenheit aus.
Hochwertiger, dunkler Marmor, edle Ledermöbel in tiefem Anthrazit und die monumentale, gebogene Glasfront, die einen ungetrübten Blick über die glitzernde Skyline von Tokio bot, dominierten den Raum. Es gab keinen unnötigen Prunk... nur reine, funktionale Dominanz.
Kai stand mit dem Rücken zu ihr, direkt an der gewaltigen Panoramascheibe. Sein dunkelgraues Jackett hatte er abgelegt, doch seine schwarze Weste spannte sich über seinem breiten Rücken, während er mit einer Hand in der Hosentasche und dem Smartphone am Ohr die Skyline musterte.
Seine Aura war so schneidend und unnahbar, dass die Luft im Raum förmlich zu knistern schien.
„Ich habe die Zahlen der Entwicklungsabteilung vorliegen, Miller“, raunte Kai tief, und seine Stimme klang so kalt und präzise wie eine frisch geschliffene Klinge.
„Und ich schlage vor, Sie überarbeiten das Budget für die neuen Arena-Prototypen bis heute Abend noch einmal. Ich dulde keine fünfprozentige Abweichung bei den Sicherheitsmargen. Entweder Ihre Ingenieure liefern fehlerfreie Entwürfe, oder ich ersetze das gesamte Team durch Leute, die den Begriff Präzision nicht erst im Wörterbuch nachschlagen müssen.“
Am anderen Ende der Leitung in New York schien ein sichtlich nervöser Manager hektisch Erklärungen stammeln zu wollen, doch Kai unterbrach ihn ohne jeden Funken von Geduld.
„Keine Ausreden. Sie haben bis achtzehn Uhr Tokioter Zeit. Sollte ich bis dahin nichts Brauchbares auf meinem Tisch haben, ist der Vertrag hinfällig.“
Er wollte gerade weitersprechen und den Mann endgültig abservieren, als das leise, sanfte Rascheln von feinem Stoff an sein Ohr drang. Es war ein Geräusch, das in diesem sterilen, geschäftsmäßigen Raum überhaupt nichts zu suchen hatte.
Kais rubinrote Augen verengten sich. Ein mörderischer, raubtierhafter Blick stahl sich auf seine markanten Züge, als er sich auf dem Absatz umdrehte... bereit, das unbefugte Eindringen in sein Reich mit eisiger Brutalität zu strafen.
Doch das Wort gefror ihm auf den Lippen.
Dort, mitten in seinem Büro, stand Nami. Sie trug das elegante, rosafarbene Kleid, das sich sanft an ihre Silhouette schmiegte. Auf ihren Lippen lag ein unendlich warmes, leicht amüsiertes Lächeln, und ihre ozeanfarbenen Augen strahlten ihn mit einer solchen Sanftheit an, dass die gesamte, kühle Atmosphäre des Raumes augenblicklich in sich zusammenbrach.
„Hi“, hauchte sie leise.
Kai starrte sie für eine Sekunde einfach nur an, als wäre sie eine Fata Morgana inmitten des grauen Büroalltags. Seine sonst so unerschütterliche Maske des unbarmherzigen CEOs schmolz in Sekundenbruchteilen dahin. Das finstere Gewitter auf seiner Stirn verzog sich, und ein tiefes, ungläubiges Aufatmen entwich seiner Brust.
„Miller“, raunte Kai ins Telefon, ohne den Blick auch nur für eine Millisekunde von seiner Verlobten abzuwenden.
„Die Sitzung ist beendet. Reichen Sie die Entwürfe ein.“
Noch bevor der Amerikaner am anderen Ende der Welt überhaupt reagieren konnte, drückte Kai auf das Display, beendete den Anruf und warf das teure Smartphone achtlos auf die weiche Ledercouch zu seiner Rechten.
Mit wenigen, raubtierhaft schnellen Schritten überbrückte er die Distanz zwischen ihnen. Bevor Nami auch nur ein weiteres Wort sagen konnte, schlossen sich seine starken Arme um sie. Er zog sie eng an seine breite Brust, vergrub das Gesicht an ihrem Hals und atmete ihren Duft tief und gierig ein, als wäre sie der einzige Sauerstoff in diesem gesamten, gläsernen Turm.
Nami keuchte leise vor Überraschung auf, entspannte sich aber augenblicklich in seinem festen Griff. Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken, schmiegte sich an ihn und vergrub ihre Finger in seinem dunklen Haar, während sie die vertraute, heiße Aura spürte, die ihn umgab... eine Aura, die nun jede Kühle verloren hatte und nur noch von tiefer Erleichterung und besitzergreifender Zärtlichkeit geprägt war.
„Du bist hier“, raunte er gegen ihre warme Haut, seine Stimme ungewohnt rau und belegt.
„Ich bin hier“, flüsterte sie lächelnd zurück und strich ihm beruhigend über den Hinterkopf.
„Papa meinte schon, dass du dringend eine Pause von dir selbst brauchst. Und ich konnte einfach nicht mehr im Anwesen herumsitzen.“
Kai löste sich ein Stück von ihr, gerade so weit, dass er in ihr Gesicht sehen konnte. Seine rubinroten Augen brannten mit einer dunklen, intensiven Glut, während seine Hände an ihre Hüften glitten und schließlich sanft auf ihrem noch flachen Unterbauch ruhten. Die bloße Berührung schien all den Stress der letzten Stunden wie im Feuer zu verbrennen.
„Hat dich draußen jemand belästigt?“, fragte er sofort, und ein scharfer, beschützerischer Unterton schwang in seiner Stimme mit.
„Die Reporter am Tor? Jemand im Tower?“
Nami lachte leise und legte eine Hand an seine Wange.
„Nein, mein Schatz. Armons Männer haben am Tor ganze Arbeit geleistet. Und Graham... nun, er hat im Café bewiesen, dass sein Kampf-Regenschirm ein exzellentes Verteidigungsinstrument gegen aufdringliche Linsen ist. Wir sind absolut sicher hergekommen.“
Kai musterte sie aufmerksam, suchte in ihren Augen nach dem kleinsten Zeichen von Erschöpfung oder Unwohlsein. Als er nichts als dieses unerschütterliche, liebevolle Strahlen fand, entspannten sich seine Schultern endgültig. Ein seltenes, raues und unendlich sanftes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen.
„Ein Kampf-Regenschirm. Ich sollte Graham dafür befördern“, murmelte er leise.
„Das solltest du definitiv“, stimmte Nami schmunzelnd zu und schmiegte sich wieder eng an seine Seite.
„Und jetzt, Herr CEO... wie wäre es, wenn wir diese Bilanzen für eine Stunde vergessen? Ich habe gehört, der neue Chef der Tachiwari-Corporation hat eine Mittagspause verdient. Und ich habe zufällig enormen Hunger.“
Kai drückte einen sanften, aber unendlich besitzergreifenden Kuss auf ihre Stirn, während seine Hand schützend auf ihrem Bauch verharrte.
„Die Bilanzen können warten“, erwiderte er mit einer Festigkeit, die keinen Widerspruch duldete. „Heute gehört meine Zeit nur euch beiden.“
Kai fuhr mit ihr in das exklusive Penthouse-Restaurant im obersten Stockwerk des Towers. Es war ein Ort, der normalerweise den hochrangigen Partnern der Corporation und den Vorstandsmitgliedern vorbehalten war... edel, ruhig und mit einem atemberaubenden 360-Grad-Blick über das schier unendliche Häusermeer Tokios.
Als sie an einem der diskreten, halbrunden Tische am Fenster Platz nahmen, der durch schwere, dunkelblaue Samtvorhänge und elegante Raumteiler vor den Blicken der anderen Gäste geschützt war, bestellte die Beiden sofort ein leichtes Mittagessen.
Nami lehnte sich leicht zurück und beobachtete ihn.
Er wirkte entspannter als noch vor wenigen Minuten, doch unter seiner makellosen Oberfläche lag eine tiefe, fast greifbare Erschöpfung, die nur sie sehen konnte. Seine Hand lag flach auf dem Tisch, die Finger leicht gespreizt, nur wenige Zentimeter von ihren entfernt.
Seit zwei Monaten war er nun CEO der Tachiwari-Corporation. Ein monumentaler Posten, der nicht nur geschäftlichen Scharfsinn verlangte, sondern auch das ständige Ertragen von Erwartungen, Intrigen und der enormen Last des Hiwatari-Erbes, das er so radikal umgestaltet hatte.
Nami war aufgefallen, wie sehr sich Kai verändert hatte, seit er diese Rolle übernommen hatte. Ihre Beziehung bestand erst seit einem Jahr. Es war ein intensives, turbulentes Jahr gewesen, und Kai war ihr gegenüber von Anfang an sehr körperlich und nah gewesen.
Doch die Nähe, die er seit diesen zwei Monaten suchte, war anders. Sie war intensiver, fast schon bedürftig... eine verletzliche Facette, die sie so an ihm noch nicht gekannt hatte.
Wenn er abends ins Ayame-Anwesen zurückkehrte, suchte er augenblicklich ihre Gegenwart. Er redete oft nicht viel.
Stattdessen zog er sie einfach schweigend an sich, vergrub das Gesicht in ihrem dicken, welligen Haar und hielt sie minutenlang fest umschlungen, als wäre sie der einzige Anker in einem tosenden Sturm. Es war, als würde er an ihrer Seite auftanken, als bräuchte er ihre reine, warme Ausstrahlung, um den eisigen Panzer, den er den ganzen Tag über tragen musste, Schicht für Schicht abzulegen.
Jeder andere in der BBA oder der Geschäftswelt, der Kai Hiwatari nur als den unnahbaren, eiskalten Champion und unbarmherzigen CEO kannte, würde wahrscheinlich sagen, er sei weich geworden... und vielleicht war er das auch, dachte Nami mit einem unendlich warmen Gefühl in der Brust, während sie ihre Hand auf seine legte.
Seine Finger schlossen sich augenblicklich fest um die ihren, als hätte er nur darauf gewartet.
Ja, vielleicht war er weicher geworden... aber nur für sie. Nur in ihrer gemeinsamen Welt existierte dieser verletzliche Kai, der gelernt hatte, dass er seine Kämpfe nicht mehr allein austragen musste und dass es einen Ort gab, an dem er einfach nur er selbst sein durfte.
„Du starrst mich an“, bemerkte Kai leise, ohne den Blick von ihr zu wenden. Seine roten Augen brannten mit einer ruhigen, tiefen Intensität.
„Ich beobachte dich nur“, erwiderte Nami lächelnd und strich mit dem Daumen über seinen Handrücken.
„Du wirkst müde. Aber es steht dir. Es macht dich... menschlich.“
Kai stieß ein leises, raues Schnauben aus, doch seine Mundwinkel zuckten minimal nach oben. Er hob ihre Hand an seine Lippen und drückte einen sanften Kuss auf ihre Knöchel.
„Menschlich ist in meinem Job ein Luxus, den man sich selten erlauben kann. Aber hier oben... bei dir, ist es das Einzige, was zählt.“
Kai erwiderte ihren Blick erneut, während sein Daumen in langsamen, beruhigenden Kreisen über ihren Handrücken strich. Seine Miene, die sonst so oft wie aus Stein gemeißelt wirkte, wurde weicher, und für einen kurzen Moment erlaubte er sich, die Schultern ein wenig sinken zu lassen.
„Es ist im Moment tatsächlich etwas... viel“, gestand er mit seiner tiefen, rauen Stimme. Es war ein seltenes Zugeständnis für jemanden wie ihn, der Schwäche zeitlebens verabscheut hatte.
Aber vor Nami gab es keine Fassaden zu wahren.
„Die Fusion war erst der Anfang. Wir strukturieren fast jeden Bereich um. Die alten Hiwatari-Strukturen waren tief verankert, und es braucht Zeit und eine verdammt harte Hand, um diesen Ballast komplett abzuwerfen. Jede Abteilung muss neu ausgerichtet werden, von der Budgetplanung bis hin zu den Laboren.“
Er blickte kurz hinaus durch die riesige Glasfront, wo die winzigen Silhouetten der Stadt unter ihnen im Nachmittagslicht schimmerten, ehe seine rubinroten Augen wieder zu ihr zurückkehrten.
„Dazu kommt, dass ich mich selbst erst einmal an diesen Posten gewöhnen muss“, fuhr er fort, und ein Hauch von ehrlicher Selbstreflexion schwang in seinen Worten mit.
„Ein Beyblade-Turnier zu dominieren ist eine Sache. Aber ein weltweites Imperium mit tausenden Angestellten zu lenken, ist ein völlig anderes Schlachtfeld. Ich lerne jeden Tag dazu, wie ich meine Ressourcen einteilen muss, ohne mich selbst dabei aufzureiben.“
Er drückte ihre Hand ein wenig fester, als wolle er sich selbst... und vor allem sie... beruhigen.
„Aber es wird sich normalisieren, mein Schatz. In den nächsten Monaten, wenn die neuen Strukturen erst einmal greifen und die zivilen Projekte stabil laufen, wird sich der Stress auf ein erträgliches Maß einpendeln. Das verspreche ich dir. Ich habe nicht vor, mein Leben nur noch hinter diesem Schreibtisch zu verbringen. Schon gar nicht jetzt, wo...“
Sein Blick glitt für den Bruchteil einer Sekunde hinab zu ihrem Bauch, und ein unendlich sanfter, fast besitzergreifender Glanz trat in seine Augen. Er sprach das Wort nicht laut aus... das Restaurant war zwar diskret, aber er schützte ihr gemeinsames Geheimnis mit eiserner Disziplin... , doch die unausgesprochene Botschaft hing warm und tröstend zwischen ihnen im Raum.
Nami legte den Kopf leicht schief. Ein freches, unendlich charmantes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie Kai ansah.
„Wenn das so ist“, begann sie mit einer sanften, spielerischen Note in der Stimme, „habe ich einen hervorragenden Vorschlag zu machen. Wie wäre es, wenn ich dich ab jetzt einfach jeden Tag zur Mittagspause hier im Tower besuche? Wir machen das zu unserer neuen Routine.“
Kai zog eine Augenbraue hoch, doch der intensive, warme Blick seiner rubinroten Augen verriet, wie sehr ihm der Gedanke gefiel.
„Jeden Tag? Wird dir der Weg von der Tokioter Vorstadt hierher nicht zu anstrengend?“
„Ganz und gar nicht“, erwiderte Nami und winkte amüsiert ab.
„Ganz ehrlich, Kai... ich sitze zu Hause im Ayame-Anwesen buchstäblich nur noch herum und langweile mich zu Tode. Seit ich all den Universitäten absagen musste, um mich auf die Schwangerschaft und unsere Zukunft zu konzentrieren, ist mein Terminkalender gähnend leer. Und nachdem mich Ray, Mariah und du vor einer Woche auch noch aus der BBA-Trainingshalle verbannt habt, habe ich absolut keine Verpflichtungen mehr. Ich habe mehr als genug Zeit.“
Sie rutschte ein Stück näher an ihn heran und sah ihn bittend aus ihren großen, ozeanblauen Augen an.
„Es tut mir gut, rauszukommen. Und dir tut es ganz offensichtlich gut, eine Pause von deinen Wirtschaftsprüfern zu machen. Wir könnten zusammen essen, die Aussicht genießen und du kannst für eine Stunde einfach nur mein Verlobter sein und nicht der unnahbare CEO. Was sagst du?“
Kai schwieg für einen Moment. Er betrachtete ihr wunderschönes Gesicht, das im Licht der Mittagssonne fast elfenhaft wirkte, und spürte, wie die bloße Vorstellung, sie jeden Tag um diese Zeit bei sich zu haben, die Last auf seinen Schultern augenblicklich erträglicher machte.
„Graham wird dich fahren müssen. Jedes Mal“, bestimmte er mit seiner gewohnt tiefen, besitzergreifenden Stimme, die jedoch keinerlei Härte mehr besaß.
„Und Armon wird dich persönlich am Aufzug abholen. Ich will kein Risiko eingehen.“
Nami strahlte ihn an, unfähig, ihr Glück zu verbergen.
„Abgemacht. Graham liebt seine Ausflüge ohnehin... er hat mir heute erst bewiesen, wie gut er mich verteidigen kann.“
„Gut“, raunte Kai, und ein feines, ungezwungenes Schnunzeln stahl sich auf seine markanten Züge. Er beugte sich ein Stück vor und drückte einen sanften Kuss auf ihre Schläfe.
„Dann ist es abgemacht. Ab morgen gehört meine Mittagspause offiziell dir.“
Etwa eine Stunde später...
Der Bentley glitt mit gewohnter Geschmeidigkeit durch den dichten Tokioter Nachmittagsverkehr, während draußen die Silhouette des Tachiwari Towers langsam in der Ferne kleiner wurde. Nami saß entspannt auf der weichen Lederrückbank und genoss die kühle Klimaanlage, die eine willkommene Abkühlung zu der drückenden Hitze der Großstadt bot.
Sie hatte ihr Smartphone in der Hand und tippte nachdenklich auf dem Bildschirm herum. Jetzt, da sie in der dreizehnten Woche war, fing der kleine Babybauch langsam an, sich ganz dezent unter ihren eleganten Kleidern abzuzeichnen. Sie strich sich mit einer Hand gedankenverloren über den Bauch, während sie durch die Informationsportale einer renommierten Tokioter Privatklinik scrollte.
„Graham?“, brach sie schließlich das leise Summen des Motors im Innenraum.
„Ja, Miss Nami?“, ertönte die stoische, ruhige Stimme des Butlers über den Rückspiegel. Er hielt den Blick präzise auf die Fahrbahn gerichtet.
„Wann fängt man eigentlich üblicherweise mit einem Schwangerschaftsvorbereitungskurs an? Ich habe gerade gelesen, dass man sich am besten schon im zweiten Trimester darum kümmern sollte.“
Graham lenkte den Wagen mit einer eleganten Bewegung um eine Kurve, ehe er antwortete.
„Nun, wenn ich meine bescheidenen Kenntnisse auf diesem Gebiet bemühen darf: Die eigentlichen Kurse finden meist zwischen der fünfundzwanzigsten und dreißigsten Woche statt. Allerdings sind die Plätze bei den angesehenen Hebammen in der Metropolregion äußerst begehrt. Es wäre also durchaus ratsam, sich bereits jetzt, in Ihrer dreizehnten Woche, um eine entsprechende Reservierung zu bemühen.“
Er machte eine winzige Pause, und Nami konnte im Rückspiegel sehen, wie sich seine Augenbraue minimal hob.
„Ich nehme an, Sie planen, Master Kai zu den obligatorischen Partnerabenden mitzunehmen? Jenen Veranstaltungen, bei denen werdende Väter lernen, auf bunten Gymnastikbällen zu balancieren und die Kunst des synchronen Hechelns zu perfektionieren?“
Nami musste unwillkürlich laut auflachen. Die bloße Vorstellung, wie Kai... der unnahbare, eiskalte Champion und unbarmherzige CEO der Tachiwari-Corporation... im Schneidersitz auf einer Yogamatte saß und versuchte, tief in den Bauch zu atmen, während um ihn herum andere Männer nervös auf Pezzibällen wippten, war einfach zu köstlich.
„Oh, das steht völlig außer Frage, Graham“, erwiderte sie mit einem diebischen Vergnügen in der Stimme.
„Ein herrlicher Gedanke“, kommentierte Graham mit einem staubtrockenen Unterton.
„Es wird mir eine persönliche Freude sein, diesen Termin in Master Kais ansonsten so strikten Geschäftskalender einzutragen. Direkt zwischen der Budgetplanung für neue Beyblade-Arenen und dem Meeting mit den internationalen Großinvestoren: 18:00 Uhr – Richtiges Atmen und Entspannungstechniken für den Ernstfall.“
Nami kicherte und schüttelte den Kopf. „Du bist furchtbar, Graham. Aber danke für den Hinweis. Ich werde mir heute Abend direkt ein paar Angebote heraussuchen.“
Als Kai am späten Abend schließlich ins Ayame-Anwesen zurückkehrte, lag eine tiefe Stille über dem alten, klassizistischen Herrenhaus. Er hatte sein Jackett bereits abgelegt und die Ärmel seines Hemdes nach oben gekrempelt, als er das Schlafzimmer betrat.
Nami saß aufrecht im großen Himmelbett, umgeben von mehreren Kissen. Auf ihrem Schoß lag das Tablet, und als sie aufblickte, strahlte sie ihn mit einem Blick an, der Kai sofort aufhorchen ließ. Es war das exakt selbe, leicht verschmitzte Lächeln, das sie immer dann auf den Lippen hatte, wenn sie etwas im Schilde führte.
„Du siehst aus, als hättest du den gesamten Nachmittag damit verbracht, Pläne zu schmieden“, raunte Kai mit seiner tiefen, rauen Stimme. Er trat an das Bett heran, setzte sich auf die Bettkante und zog sie ohne Umschweife an sich, um ihre Stirn mit einem sanften Kuss zu bedenken.
„Habe ich auch“, gestand Nami und schmiegte sich eng an seine warme Schulter, während sie das Tablet so drehte, dass er das Display sehen konnte.
„Schau mal. Ich habe uns für einen Schwangerschaftskurs angemeldet. Genauer gesagt: Einen Paarkurs in einer sehr exklusiven Klinik in Shinjuku. Er startet im Winter, wenn ich in der sechsundzwanzigsten Woche bin.“
Kai warf einen kurzen Blick auf das Display, auf dem Bilder von hellen, mit Gymnastikbällen und weichen Matten ausgestatteten Räumen zu sehen waren, in denen Paare glücklich lächelnd zusammensaßen. Er runzelte die Stirn, und seine rubinroten Augen verengten sich minimal vor Skepsis.
„Ein... Vorbereitungskurs?“, fragte er langsam, als müsste er die Worte erst übersetzen.
„Was genau wird dort vorbereitet, was wir nicht auch so wissen? Das medizinische Personal in Hayashis Privatklinik wird doch ohnehin alles regeln.“
Nami biss sich auf die Unterlippe, um nicht loszulachen.
„Es geht um uns, Kai. Wir lernen dort, wie wir uns auf die Geburt einstellen. Atemtechniken, Entspannungsübungen... und vor allem, wie du mich als Partner im Kreißsaal unterstützen kannst. Es gibt spezielle Partnerabende, an denen du aktiv mitmachen musst.“
Kai schwieg für einen Moment. Die Vorstellung, sich vor einer Gruppe fremder Menschen auf den Boden zu setzen und unter Anleitung einer Hebamme Atemübungen zu machen, widerstrebte jedem einzelnen seiner Instinkte.
Er, der sonst jede Situation mit eiserner Kontrolle und absolut dominanter Ausstrahlung beherrschte, sollte sich auf ein solches Terrain wagen?
Er blickte von dem Bildschirm auf und sah direkt in Namis ozeanfarbene Augen. Sie funkelten vor liebevoller Erwartung, und er konnte die leise, verletzliche Hoffnung darin sehen. Sie wollte ihn an ihrer Seite haben. Sie brauchte ihn dort.
Kais Gesichtszüge entspannten sich. Ein leises, tiefes Seufzen entwich seiner Brust, und er strich ihr sanft eine weiße Locke aus dem Gesicht, ehe seine Hand wieder auf ihren Bauch wanderte.
„Wenn es für dich und das Baby wichtig ist...“, raunte er, und ein seltenes, unendlich weiches Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen, „dann werde ich da sein. Selbst wenn ich mich auf diese Bälle setzen muss.“
Nami quietschte leise vor Freude auf, warf das Tablet beiseite und schlang die Arme um seinen Hals.
„Ich liebe dich, Kai Hiwatari.“
„Ich dich auch... “, flüsterte er zurück, drückte sie fest an sich und schwor sich im Stillen, dass er der beste Partner sein würde, den dieser Kurs je gesehen hatte... selbst wenn er die Hebamme dafür mit seinem eisigen Blick in die Schranken weisen musste.