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Eine neue Routine

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Eine neue Routine

Der nächste Tag hielt sich exakt an das Protokoll, das Kai am Vortag mit eiserner Entschlossenheit diktiert hatte. Als der glänzende Bentley pünktlich um viertel vor zwölf vor dem Haupteingang des Tachiwari Towers vorfuhr, gab es kein Zögern und keine Hektik mehr.

Armon Ishtar stand bereits wie eine unerschütterliche Säule an den gläsernen Drehtüren, flankiert von zwei Sicherheitsleuten.

Die Mitarbeiter am Empfang verbeugten sich ehrfurchtsvoll, als Nami... heute in einem fließenden, cremefarbenen Sommerkleid, das ihr silbrig-weißes, welliges Haar besonders leuchten ließ... an der Seite von Graham die Halle betrat. Ohne Aufenthalt wurde sie zum privaten Express-Aufzug geleitet.

Oben im Chef-Büro angekommen, bot sich ihr ein völlig ungewohntes Bild: Kais monumentaler Schreibtisch aus dunklem Marmor war tatsächlich absolut leergeräumt. Keine Bilanzen, keine ungeduldigen Wirtschaftsprüfer. Kai stand am Fenster, die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt, und erwartete sie bereits.

„Du bist pünktlich“, raunte er tief, und in seinen rubinroten Augen blitzte ein seltenes, unendlich warmes Willkommen auf, als er auf sie zuging und sie sanft an sich zog.

„Ich habe schließlich ein Versprechen einzulösen“, erwiderte Nami lächelnd und genoss die vertraute Hitze seiner Aura, während sie kurz die Augen schloss.

Nach einem ruhigen, ungestörten Mittagessen im Büro, bei dem Kai sichtlich auftankte und die geschäftliche Kälte völlig von ihm abfiel, sah er sie aufmerksam an.

„Ich möchte dir etwas zeigen. Es ist unten in der Forschungsabteilung. Dein Vater und ich haben die finalen Entwürfe für das neue Projekt freigegeben.“

Nami hob überrascht die Augenbrauen.

„Die Arena-Technologie?“

Kai nickte schlicht, nahm ihre Hand und führte sie zum Aufzug.

Die Forschungsabteilung der Tachiwari-Corporation war das absolute Herzstück des neuen Kurses. Mehrere Stockwerke tiefer betraten sie einen riesigen, sterilen Komplex aus Glas und weißem Stahl. Überall summten Hochleistungsrechner, Prototypen von Beyblades drehten sich in gläsernen Testbecken unter Hochgeschwindigkeitskameras, und an riesigen Hologramm-Bildschirmen arbeiteten junge, hochqualifizierte Ingenieure.

Als der CEO den Raum betrat, machten die Wissenschaftler instinktiv Platz und erstarrten in respektvollem Schweigen. Kai führte Nami zu einem zentralen, runden Tisch, auf dem das dreidimensionale Hologramm einer völlig neuartigen, zivilen Beyblade-Arena rotierte.

„Das ist das Aegis-System“, erklärte der leitende Chefingenieur, ein älterer Herr mit Brille, der sichtlich nervös von Kai zu Nami blickte.

„Wir versuchen, ein elektromagnetisches Dämpfungsfeld in den Außenring zu integrieren. Bei extremen Aufprallkräften... wie sie bei professionellen Turnieren entstehen... soll die kinetische Energie des Beys absorbiert und in Wärme umgewandelt werden, um die Zuschauer und die Arena selbst absolut zu schützen. Allerdings... nun ja, wir haben ein massives Problem mit der thermischen Instabilität und der Zentripetalkraft des Feldes. Die Berechnungen der Strömungsdynamik der Bit-Beast-Energie blockieren uns seit drei Tagen.“

Nami trat einen Schritt näher an den holografischen Bildschirm heran. Ihre ozeanfarbenen Augen fixierten die komplexen physikalischen Formeln und Graphen, die am Rand des Modells aufleuchteten.

Seit sie den Universitäten wegen der Schwangerschaft absagen musste, hatte ihr brillanter Verstand kaum Nahrung bekommen. Jetzt, beim Anblick der vertrauten physikalischen Gesetze, erwachte ihr akademischer Scharfinn augenblicklich zum Leben. Sie vergaß die Kameras, die Sterilität des Raumes und die ehrfürchtigen Blicke der Angestellten.

Sie strich sich eine weiße Locke hinter das Ohr, beugte sich leicht vor und tippte mit dem Finger auf eine der Variablen im oberen Bereich des Codes.

„Ihre Annahme für die Viskosität des Dämpfungsfeldes ist zu linear“, sagte Nami mit einer ruhigen, glasklaren und absolut sicheren Stimme.

„Sie berechnen die Energie des Bit-Beasts wie eine klassische, laminare Strömung. Aber eine emotionale oder spirituelle Energieentladung verhält sich wie ein hochgradig nicht-newtonsches Fluid unter extremem Scherdruck.“

Im Raum wurde es totenstill. Die Ingenieure starrten sie fassungslos an.

„M-Miss Tachiba?“, stammelte der Chefingenieur und rückte seine Brille zurecht.

„Wenn Sie den Navier-Stokes-Gleichungen eine turbulente Viskositätskomponente hinzufügen“, fuhr Nami unbeeindruckt fort, während ihre Finger elegant über das Touch-Bedienfeld glitten und die mathematischen Variablen umschrieben, „und die elektromagnetische Frequenz nicht konstant halten, sondern invers proportional zur Rotationsgeschwindigkeit des Beys modulieren... sehen Sie?“

Das Hologramm flackerte kurz auf. Die zuvor roten, instabilen Warnbereiche der Arena färben sich schlagartig in ein stabiles, kühles Grün. Die thermische Überlastung sank in den Berechnungen um exakt 84 Prozent.

Der Chefingenieur riss den Mund auf. Ein junger Entwickler dahinter ließ vor Schreck seinen Notizblock fallen. Sie starrten abwechselnd auf den Bildschirm und auf die junge Frau im Sommerkleid, als hätte sie soeben durch pure Magie ein unlösbares Rätsel entschlüsselt.

„Das... das ist phänomenal“, flüsterte der Chefingenieur, und seine Augen leuchteten vor purer akademischer Begeisterung.

„Sie haben die mathematische Singularität der Bit-Beast-Resonanz einfach umgangen! Wir haben Wochen dafür gebraucht... Wer... wie haben Sie das...?“

Nami löste den Blick vom Bildschirm und lächelte den Männern sanft entgegen.

„Ich habe mich bereits vor Jahren sehr intensiv mit der angewandten Quantenphysik der BBA-Technologie beschäftigt. Es ist eigentlich nur eine Frage der richtigen Variablen.“

Kai stand leicht schräg hinter ihr. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete die Szenerie schweigend. Auf seinen markanten Gesichtszügen lag kein eisiger Ausdruck mehr, sondern ein tiefes, unbändiges und unendlich stolzes Leuchten.

Seine rubinroten Augen brannten vor Bewunderung für die Frau an seiner Seite. Er genoss die fassungslosen Mienen seiner besten Wissenschaftler in vollen Zügen.

Er trat einen Schritt vor, legte seine Hand possessiv und warm an Namis Taille und blickte die Ingenieure kühl an.

„Sie haben Ihre Korrekturen“, raunte Kai tief, und seine Stimme duldete keine Ineffizienz mehr.

„Setzen Sie das sofort um. Ich will die ersten Testergebnisse morgen früh auf meinem Tisch sehen.“

„Z-Zu Befehl, Mr. Hiwatari, Sir! Sofort!“, rief der Chefingenieur, verbeugte sich hastig vor beiden und fing sofort an, seine Leute mit neuer Energie anzubrüllen.

Kai leitete Nami sanft zurück in Richtung des Aufzugs. Als sich die Türen hinter ihnen schlossen und sie wieder allein waren, zog er sie augenblicklich an sich und drückte seine Lippen in einem langen, heißen und besitzergreifenden Kuss auf die ihren.

„Du bist unglaublich“, raunte er gegen ihre Lippen, seine Stimme rau vor Stolz. „Sie haben dich angesehen, als wärst du eine Göttin.“

Nami lachte leise und schmiegte sich an seine Brust, während der Aufzug sie wieder nach oben brachte.

„Ich bin nur eine Physikerin, die ihrem Verlobten die Mittagspause verschönern wollte.“

„Das hast du“, flüsterte Kai, legte seine Hand auf ihren Bauch und genoss das Gefühl, dass diese neue Routine das Beste war, was der Tachiwari-Corporation... und ihm selbst... je hätte passieren können.

Der Aufzug glitt mit gewohnter Geschmeidigkeit nach oben, während das leise Summen der Technik die Kabine erfüllte.

„Sag mal, mein Schatz.“, begann sie leise, während sie den Kopf leicht schief legte.

„Hättest du dieses Problem mit der thermischen Instabilität nicht eigentlich ganz genau so gut selbst lösen können?“

Kai zog eine Augenbraue hoch, schwieg jedoch und sah sie einfach nur mit einem ruhigen, intensiven Blick aus seinen rubinroten Augen an.

„Tu nicht so“, schmunzelte Nami und trat einen Schritt näher an ihn heran, um ihm spielerisch den Zeigefinger auf die Brust zu tippen.

„Du hast mindestens genauso viel Fachwissen über die Quantenphysik der Bit-Beasts wie ich. Ich kann mich noch ganz genau an die Diskussionen bei Tachibey Industries vor einem Jahr erinnern. Du hast den damaligen Chefingenieur Gudbrok, mit deinen Berechnungen regelrecht gegen die Wand analysiert. Der Mann wusste am Ende nicht mal mehr, wie er seinen eigenen Namen schreibt.“

Bei der Erwähnung des Vorfalls verzogen sich Kais markante Gesichtszüge. Ein seltenes, tiefes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen, und ein amüsiertes Funkeln trat in seine Augen. Er fing ihre Hand ab, schlang seine Finger fest um die ihren und zog sie unnachgiebig ein Stück näher an sich heran.

„Ich dachte mir schlicht, dass du dich freust“, raunte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, in der eine ungezwungene Wärme mitschwang.

„Ich lasse meiner Verlobten eben gerne den Vortritt.“

Er beugte sich ein Stück vor, sodass sein Atem ihre Wange streifte, und sah sie mit einem unendlich sanften, aber wissenden Blick an.

„Du sitzt seit einer Woche im Anwesen und langweilst dich. Ich weiß, wie dein Verstand arbeitet, Nami. Wenn du nicht ab und zu eine komplexe Gleichung zum Zerlegen bekommst, wirst du unruhig. Also dachte ich mir, ich gebe deinem Gehirn mal wieder etwas Reales zum Lösen, anstatt dich nur Beeren im Restaurant zählen zu lassen.“

Nami spürte, wie ihr Herz bei seinen Worten einen verräterischen Sprung machte. Es berührte sie zutiefst, wie aufmerksam er war.

Trotz all des Stresses, den er als CEO hatte, und trotz seiner sonst so distanzierten Art, las er in ihr immer noch wie in einem offenen Buch. Er hatte genau gewusst, was sie brauchte, um sich wieder lebendig und intellektuell gefordert zu fühlen.

„Du bist unmöglich“, flüsterte sie, doch ihr strahlendes Lächeln strafte ihre Worte Lügen. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen sanften Kuss auf die Wange.

„Aber danke. Es hat wirklich gutgetan.“

„Gern geschehen“, erwiderte Kai leise. Die Aufzugtüren öffneten sich mit einem lautlosen Gleiten wieder im Chef-Stockwerk, doch bevor sie heraustraten, legte er noch einmal schützend die Hand auf ihren Bauch.

„Morgen wartet das nächste Problem in der Konstruktion auf dich, wenn du magst.“

Nami warf den Kopf nach hinten und ließ ein helles, glockenreines Lachen hören, das die funktionale Stille der Chefetage augenblicklich vertrieb. Ihre ozeanblauen Augen blitzten vor Vergnügen, als sie ihn beim Verlassen der Kabine von der Seite anblickte.

„Soll ich das als offizielles Jobangebot verstehen, Herr CEO?“, fragte sie mit einem herrlich amüsierten Tonfall und legte die Hand spielerisch an ihr Kinn.

„Soll ich etwa hier im Tower anfangen zu arbeiten? Denn ganz ehrlich... das würde ich liebend gerne tun. Ich könnte deine Forschungsabteilung innerhalb kürzester Zeit auf Vordermann bringen.“

Kai blieb auf dem weichen Teppich des Flurs stehen und drehte sich zu ihr um. Er verschränkte die Arme vor der Brust, während seine rubinroten Augen mit einer tiefen, besitzergreifenden Intensität auf ihr ruhten.

Die Vorstellung, sie jeden Tag in seiner Nähe zu wissen, wie sie mit ihrem brillanten Verstand sein Imperium bereicherte, hatte zweifellos einen enormen Reiz. Doch sein Blick glitt automatisch nach unten zu ihrem noch relativ flachen Bauch, und seine Miene wurde wieder ein Stück ernster, getragen von diesem unerschütterlichen Beschützerinstinkt.

„Ich werde darüber nachdenken“, raunte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, in der kein Platz für Widerspruch war. „Sobald das Kind ein paar Jahre alt ist.“

Nami schmunzelte und trat ganz nah an ihn heran, um ihre Hand auf seinen Unterarm zu legen.

„Ein paar Jahre? Du überschätzt, wie lange ich stillsitzen kann, Kai.“

„Ich unterschätze gar nichts“, erwiderte er leise, und ein winziges, fast unsichtbares Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen, während er seine Hand schützend über ihre legte.

„Aber im Moment hat dieses Projekt hier absolute Priorität. Danach sehen wir weiter.“

Die unausgesprochene Fürsorge in seinen Worten legte sich wie eine warme Decke um ihr Herz. Sie wusste, dass er recht hatte, und genoss es insgeheim viel zu sehr, wie bedingungslos er die kleine Familie schützte, die hier gerade heranwuchs.

Etwa zwei Stunden später...

Der sanfte Sommerwind strich durch den weißen Pavillon im Garten des Ayame-Anwesens, wo Nami, Hilary und Momoko es sich in den gemütlichen Korbsesseln bequem gemacht hatten.

Das sechzig Jahre alte Herrenhaus bildete eine malerische Kulisse im Hintergrund.

Gerade trat Graham mit einem silbernen Tablett an den Tisch. Er stellte eine Karaffe mit erfrischendem Jasmin-Eistee und ein paar leichte Sandwiches ab, während er mit absolut unbewegter Miene und gewohnt britisch trockenem Humor die Damen bediente.

„Der Eistee, Miss Nami. Ich habe mir erlaubt, die Eiswürfelanzahl der aktuellen Außentemperatur anzupassen, damit die Unterhaltung nicht vorzeitig ins Stocken gerät“, bemerkte der Butler stoisch, ehe er sich mit einer perfekten, kleinen Verbeugung wieder diskret zurückzog.

Nami lehnte sich schmunzelnd in ihrem Korbsessel zurück, während ihr fließendes, cremefarbenes Sommerkleid die Knie umspielte. Sie legte eine Hand schützend auf ihren Bauch, wo sich unter dem Stoff der zarte Ansatz eines Babybauchs abzeichnete.

Hilary, die schon die ganze Zeit wie auf Kohlen gesessen hatte, beugte sich plötzlich mit großen, neugierigen Augen über den Tisch.

„Sag mal, Nami... du bist jetzt doch fast in der vierzehnten Woche, oder? Spürst du eigentlich schon etwas da drin? So ein kleines Flattern oder Treten? Ich brenne total darauf, es zu erfahren!“

Nami musste unwillkürlich leise und glockenrein lachen und schüttelte den Kopf.

„Nein, Hilary, noch gar nichts“, erklärte sie mit ihrer ruhigen, physikalisch fundierten und warmen Stimme.

„Biologisch gesehen ist das in der vierzehnten Woche auch noch viel zu früh. Das Baby ist gerade mal so groß wie eine Zitrone. Es strampelt und bewegt sich zwar schon fleißig im Fruchtwasser, aber es hat noch viel zu viel Platz, als dass die Tritte die Gebärmutterwand erreichen könnten. Vor der zwanzigsten Woche werde ich vermutlich selbst kaum etwas spüren... und von außen erst recht nicht.“

„Och, schade“, murmelte Hilary leicht enttäuscht und sank mit einem tiefen Seufzer wieder in die Kissen ihres Sessels zurück. Sie hätte am liebsten sofort ihre Hand auf den Bauch gelegt.

Momoko, die an ihrem Eistee nippte, lächelte sanft. „Lass dem kleinen Wunder noch etwas Zeit, Hilary. Es ist so schon faszinierend genug, wie schnell sich alles verändert. Nami strahlt richtig.“

„Das stimmt allerdings“, gab Hilary zu, doch ihr Blick wurde plötzlich ein wenig nachdenklich, fast schon ein bisschen wehmütig. Sie rührte mit dem Strohhalm in ihrem Glas herum, ehe sie leise sprach: „Ich muss ja ehrlich zugeben... ich wäre in meinem Alter auch schon bereit dafür. Ich bin jetzt zwanzig, und der Gedanke, ein eigenes kleines Baby zu haben, ist wunderschön.“

Sie stieß ein theatralisches, frustriertes Schnauben aus und warf die Hände in die Luft.

„Aber Tyson! Von ihm brauche ich mit dem Thema gar nicht erst anfangen. Er ist von dem Gedanken absolut noch nicht begeistert. Und wenn man ehrlich ist, verhält er sich manchmal selbst noch wie ein riesiges Kind! Wie soll ich mit einem Mann ein Baby großziehen, dem ich dreimal am Tag sagen muss, dass er seine Dreckswäsche nicht neben das Bett werfen soll?“

Momoko prustete vor Lachen fast ihren Eistee über den Tisch, und auch Nami konnte ein amüsiertes Kichern nicht unterdrücken. Die Vorstellung von Tyson Granger als Vater, der vermutlich mit dem Baby um das letzte Stück Pizza streiten würde, hatte einen ganz eigenen, humorvollen Charme.

„Gib ihm etwas Zeit, Hilary“, sagte Nami tröstend, während ihre ozeanfarbenen Augen voller Wärme blitzten.

„Männer brauchen manchmal etwas länger, um in diese Rolle hineinzuwachsen. Denk an Kai. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass er heute als überfürsorglicher CEO meine Mittagspausen plant und jeden Schritt von mir bewachen lässt, hätte ich ihn wohl für verrückt erklärt.“

Hilary prustete laut los und schlug sich amüsiert auf den Oberschenkel, während ihr Lachen durch den weißen Pavillon schallte. Sie schüttelte fassungslos den Kopf, richtete sich in ihrem Korbsessel auf und sah Nami mit einem Blick an, der vor purer, schadensfroher Bewunderung sprühte.

„Zeit geben?“, zitierte Hilary sie mit theatralisch verstellter, sanfter Stimme und hob die Hände, um Namis Worte in der Luft nachzuformen. Dann verfiel sie sofort wieder in ihr typisches, energisches Grinsen.

„Nami, Schatz, ich liebe dich, aber ausgerechnet du gibst mir hier Ratschläge zum Thema Geduld? Ich bin seit drei Jahren mit Tyson in einer Beziehung.“

Sie beugte sich weit über den Tisch, fixierte Nami mit einem vielsagenden Blick und betonte jedes einzelne Wort, als müsste sie eine historische Sensation verkünden.

„Ich möchte dich mal ganz kurz an etwas erinnern: Du hast es geschafft, innerhalb eines einzigen Jahres Kai Hiwatari dazu zu bringen, dich zu schwängern und dich heiraten zu wollen! Wir reden hier von Kai Hiwatari! Dem Mann, der Gefühle früher für eine Systemstörung hielt und dessen emotionale Reichweite der eines Eisblocks entsprach. Und das Beste daran? Du hast das nicht mit dreißig Jahren geschafft, wenn alle Beteiligten gesetzter und vernünftiger sind... sondern mit zwanzig! Innerhalb eines einzigen Jahres!“

Hilary lehnte sich mit einem triumphierenden Grinsen zurück und verschränkte die Arme.

„Also erzähl mir bitte nichts von 'Männer brauchen Zeit'. Du hast den unnahbarsten Typen des Planeten im Eilverfahren im Liebes-Crashkurs umerzogen!“

Momoko kicherte hinter vorgehaltener Hand und nickte eifrig zur Unterstützung.

Nami spürte, wie ihr eine leichte, warme Röte ins Gesicht stieg, doch das glückliche, unendlich stolze Lächeln auf ihren Lippen sprach Bände.

Sie blickte hinab auf ihren Bauch und strich sanft über den hellen Stoff ihres Sommerkleides. Wenn man es so laut aussprach, klang es tatsächlich wie ein absolutes Wunder. Aber es war ihre Realität.

Genau in diesem Moment trat Graham wieder mit lautlosen Schritten an den Pavillon heran, um die Gläser nachzuschenken. Seine Miene blieb wie gewohnt stoisch, doch seine Augenbraue hob sich um einen millimeterkleinen Bruchteil.

„Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Miss Hilary“, warf der Butler mit gewohnt britischem, trockenem Unterton ein, während er den Eistee präzise eingoss.

„Die physikalischen Gesetze der Anziehung scheinen bei Master Kai und Miss Nami in der Tat eine bemerkenswerte Beschleunigung erfahren zu haben. Man könnte fast von einem neuen Geschwindigkeitsrekord auf dem Gebiet der Hiwatari-Familiengründung sprechen.“

„Es klingt wie ein Eilverfahren, wenn man es so von außen betrachtet“, begann Nami mit einem Schmunzeln und strich sich eine weiße Locke aus dem Gesicht.

„Aber die Wahrheit ist, dass zwischen Kai und mir von Anfang an eine ganz besondere Ebene existierte.“ Sie hielt kurz inne und lächelte wissend. „Ich habe euch ja erzählt, dass ich ab jetzt öfter Mittags im Tower bin...und heute gab es ein...Problem in der Entwicklung welches Kai eigentlich ganz genau so gut selbst hätte lösen können. Er hat mindestens genauso viel Fachwissen über die Quantenphysik der Bit-Beasts wie ich.“

Hilary zog überrascht die Augenbrauen hoch, und Momoko hörte fasziniert zu.

„Als wir uns damals näherkamen“, fuhr Nami fort, und ihre Stimme nahm einen tiefen, fast verträumten Klang an, „hat er für einige Zeit mit mir zusammen an den Prototypen bei Tachibey Industries gearbeitet. Wir saßen nächtelang über den Plänen und Berechnungen. Und ehrlich gesagt... genau das war damals der Grund, wieso wir uns überhaupt so gut verstanden haben. Hinter dieser eiskalten, unnahbaren Fassade, die er der Welt zeigt, steckt ein absolut brillanter Verstand und ein wundervoller Mensch. Er war der Erste, der mich auf dieser intellektuellen Ebene wirklich verstanden und herausgefordert hat. Unsere Liebe ist nicht einfach nur so vom Himmel gefallen... sie ist auf dieser gemeinsamen Basis gewachsen.“

„Das erklärt natürlich einiges“, stellte Momoko fest, sichtlich bewegt von Namis Worten. „Ihr habt einfach dieselbe Sprache gesprochen, die außer euch kaum jemand versteht.“

„Und heute Mittag... hat er mir in der Abteilung den Vortritt gelassen, damit mein Gehirn mal wieder was Reales zum Lösen bekommt“, fügte Nami mit einem vergnügten Funkeln in den Augen hinzu.

„Er meinte, er wollte nicht, dass ich mich zu Hause zu Tode langweile.“

Hilary schüttelte grinsend den Kopf, auch wenn in ihrem Blick jetzt eine tiefe Portion Respekt lag.

„Na toll. Während Tyson und ich uns darüber streiten, wer den Müll runterbringt, flirtet ihr über Quantenphysik und Arena-Prototypen. Kein Wunder, dass ihr beiden in Rekordzeit eine Familie gründet!“

Graham trat mit lautlosen Schritten an den Tisch, um die Sandwiches zu arrangieren, und erlaubte sich ein winziges, fast unsichtbares Zucken der Mundwinkel.

„Es ist in der Tat eine hochentwegte Form der Partnerschaft, Miss Hilary. Man könnte sagen, die Chemie zwischen den beiden stimmte von Anfang an... im wahrsten Sinne der Physik.“

Ein paar Stunden später...

Die goldene Abenddämmerung legte sich sanft über das Ayame-Anwesen, als die Scheinwerfer des schwarzen Wagens die dunkle Auffahrt erhellten.

Hilary und Momoko hatten sich bereits vor einer Stunde verabschiedet, und im Haus war jene tiefe, ehrwürdige Stille eingekehrt, die Nami an dem alten Herrenhaus so liebte.

Sie saß im großen, klassizistisch eingerichteten Salon auf der Ottomane, ein Buch auf den Knien, als sich die schwere Flügeltür öffnete. Kai trat herein. Er hatte das Sakko bereits abgelegt, die Ärmel seines dunklen Hemdes waren wie so oft leicht hochgekrempelt, und die Anspannung eines langen Tages als CEO lag noch wie ein dünner Schleier auf seinen markanten Zügen.

Doch in dem Moment, in dem seine rubinroten Augen Nami fixierten, fiel die geschäftliche Kälte merklich von ihm ab.

„Du bist noch wach“, raunte er. Er ging direkt auf sie zu, setzte sich zu ihr auf die Ottomane und zog sie ohne ein weiteres Wort an sich.

Nami schloss die Augen und genoss die vertraute, intensive Hitze seiner Aura, während sie ihren Kopf an seine Schulter lehnte. Seine große Hand fand wie von selbst den Weg zu ihrem noch flachen Bauch und legte sich beschützerisch darauf.

„Ich habe auf dich gewartet“, erwiderte sie leise und blickte zu ihm auf, ein amüsiertes Funkeln in den ozeanblauen Augen.

„Hilary und Momoko waren heute Nachmittag zum Tee im Pavillon. Und ich muss dir unbedingt erzählen, welchen Konter Hilary geliefert hat.“

Kai zog eine Augenbraue nach oben, schwieg jedoch und forderte sie mit einem tiefen Blick auf, weiterzusprechen.

„Hilary hat mir erzählt, dass sie eigentlich auch schon gerne ein Baby mit Tyson hätte. Aber sie hat sich total darüber beschwert, dass Tyson von dem Gedanken noch absolut nicht begeistert ist und sich selbst oft noch wie ein riesiges Kind verhält. Ich wollte sie dann ein bisschen beruhigen und meinte ganz harmlos zu ihr, dass sie ihm einfach etwas Zeit geben muss, weil Männer manchmal etwas länger brauchen, um in so eine Rolle hineinzuwachsen.“

Nami kicherte leise bei der Erinnerung und stupste Kai spielerisch mit der Nase an die Schulter.

„Aber da hatte ich die Rechnung ohne Hilary gemacht. Sie hat mein ‚Zeit geben‘ sofort lautstark zitiert und mir den Spiegel vorgehalten. Sie meinte, ausgerechnet...ich brauche ihr nichts von Geduld zu erzählen, wo ich es doch war, die Kai Hiwatari innerhalb eines einzigen JAHRES dazu gebracht hat und das eben nicht mit dreißig, sondern mit zwanzig. Das war ihre schlagfertige Antwort darauf, dass Tyson angeblich noch zu jung und unreif für so etwas ist.“

Bei der Erwähnung von Hilarys typischer Art verzogen sich Kais Lippen zu einem seltenen, tiefen Schmunzeln. Ein amüsiertes, aber absolut unerschütterliches Funkeln trat in seine roten Augen. Er drückte sie ein Stück enger an sich und blickte nachdenklich auf seine Hand, die auf ihrer Mitte ruhte.

„Ich verstehe Hilarys Argumentation durchaus“, raunte er leise, und in seiner Stimme lag eine ehrliche, fast schon ironische Selbstreflexion.

„Schließlich bin ich mit fast einundzwanzig der Erste von den ehemaligen Bladebreakers, der Vater wird und gleichzeitig heiratet.“

Er hielt kurz inne, und sein Blick wurde weicher, als er Nami direkt in die Augen sah.

„Wenn man die anderen fragt, war ich wohl immer der Letzte auf diesem Planeten, von dem man so etwas je erwartet hätte. Der unnahbare Einzelgänger, der nur für den Kampf lebt.“

Ein leises, raues Schnauben entwich seiner Kehle.

„Tyson wird wahrscheinlich heute noch blass, wenn er das als Maßstab nehmen muss. Aber sie vergessen eben alle, dass du die einzige Variable warst, mit der in dieser Gleichung niemand gerechnet hat.“

Nami spürte, wie ihr Herz bei seinen Worten unendlich warm wurde. Sie legte ihre Hand über die seine und lächelte ihn glücklich an.

„Ein ziemlich perfektes Ergebnis für eine unvorhergesehene Variable, findest du nicht?“

„Das beste meines Lebens“, raunte er tief, ehe er sich zu ihr hinunterbeugte und ihre Lippen in einem langen, besitzergreifenden und unendlich zärtlichen Kuss besiegelte, während draußen die Nacht über Tokio hereinbrach.