Kapitel
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Shingo Tsukino war ein geduldiger junger Mann, doch in den letzten Wochen war seine Geduld arg auf die Probe gestellt worden. Er wusste, dass seine Schwester ein wichtiges Amt bekleidete – als Neo-Königin Serenity war sie die Herrscherin des wiedervereinten Planeten Erde , eine strahlende Monarchin, die über den Kristallpalast von Tokyo regierte. Doch dieses Wissen half ihm wenig, wenn er einfach nur den Wunsch verspürte, seine große Schwester und seine kleine Nichte, die Prinzessin Small Lady Serenity, zu sehen.
Es war ein Paradoxon, das Shingo jeden Tag aufs Neue beschäftigte. Auf der einen Seite war er unendlich stolz auf Usagi. Die Erinnerung an jenen schicksalhaften Tag, an dem er die Wahrheit über ihre Identität erfahren hatte, war noch immer lebendig. Wie hatte er jemals glauben können, dass die schusselige, oft weinerliche Heulsuse, die stets mit schlechten Noten nach Hause kam und ihm seine Süßigkeiten stahl, die legendäre Kriegerin Sailor Moon war? Die Offenbarung, dass seine gewöhnliche Schwester die Erlöserin der Welt war, hatte ihn damals fast aus der Bahn geworfen. Doch dann, als die Dunkelheit heraufzog und die Welt in ewigen Winter zu stürzen drohte, war Usagi als strahlende Königin aus dem Nichts aufgetaucht und hatte das Licht zurückgebracht. Sie war nicht mehr nur die Schwester, die er kannte; sie war ein Symbol der Hoffnung für die gesamte Menschheit.
Und genau hier lag das Problem. Dieses Symbol der Hoffnung hatte kaum Zeit für ihre eigene Familie. Die Regentschaft über einen ganzen Planeten war eine Aufgabe ohne Feierabend. Ständig gab es diplomatische Treffen, Wiederaufbauprojekte, Ratssitzungen mit den Weisen des Palastes oder dringende Angelegenheiten auf anderen Planeten im wiederhergestellten Silberjahrtausend. Usagi war immer unterwegs, und wenn sie im Palast war, war ihr Terminkalender so dicht gedrängt, dass selbst eine Audienz für den Bruder der Königin eine logistische Herausforderung darstellte.
Shingo atmete tief durch, während er neben Sailor Mars im hell erleuchteten Korridor des Kristallpalastes stand. Sie hatten sich durch ein Labyrinth aus gläsernen Gängen und funkelnden Säulen gewunden, bis sie endlich vor den imposanten Doppeltüren des königlichen Arbeitszimmers angekommen waren. Sailor Mars – alias Rei Hino, die in diesem Zeitalter eine der engsten Vertrauten der Königin war – hatte sich bereit erklärt, ihn zu begleiten. Sie warf ihm einen aufmunternden Blick zu, auch wenn sie selbst die Anspannung dieser Regierungsarbeit spürte.
Rei klopfte kurz und bestimmt an die schwere Tür. Ein leises „Herein!“ drang aus dem Inneren, die Stimme klang vertraut, aber auch müde. Rei öffnete die Tür, verbeugte sich respektvoll und trat ein. Shingo folgte ihr, sein Herz pochte.
Im Zentrum des großen, lichtdurchfluteten Raumes saß das Königspaar an einem massiven Schreibtisch, der über und über mit holografischen Karten, Verträgen und Berichten beladen war. Neo-Königin Serenity – Usagi – sah in ihrem eleganten, weißen Krönungskleid und der mondförmigen Tiara atemberaubend aus. Ihr Mann, König Endymion, alias Mamoru Chiba, saß ihr gegenüber, die dunkle Uniform eines Regenten unterstreichend. Beide blickten von ihren Papieren auf.
Shingo versuchte sich an die Protokolle zu erinnern, die Rei ihm eingebläut hatte. Er kniete sich auf ein Knie und senkte den Kopf. „Neo-Königin Serenity, Eure Majestät. Ich danke Euch für die Audienz“, sagte er, bemüht, seine Stimme fest klingen zu lassen. Es war surreal, seine Schwester mit einem solchen Titel anzusprechen.
Kaum hatte er ausgesprochen, geschah das Unerwartete. Usagi fuhr herum, die strenge Miene der Monarchin fiel sofort von ihr ab. Sie sprang vom Stuhl auf, das lange Kleid rauschte über den polierten Kristallboden. Im nächsten Moment war sie bei ihrem Bruder, ignorierte jedes Protokoll und umarmte ihn fest. Es war die vertraute Umarmung seiner großen Schwester.
„Shingo! Oh mein Gott, ich bin ja so froh, dass du endlich da bist!“, rief sie, und ihre Stimme hatte nun diesen fröhlichen, leicht quietschenden Klang, den Shingo nur zu gut kannte. Sie drückte ihn an sich, fast ein bisschen zu fest. „Wie geht es dir? Wie geht es Mama und Papa? Ich mache mir ständig Sorgen, dass sie sich einsam fühlen"
Shingo, der sich gerade noch auf dem Boden verbeugt hatte, fand sich plötzlich in einer herzlichen Umarmung wieder. Der plötzliche Wechsel der Atmosphäre war überwältigend, aber auch befreiend. Er löste sich sanft aus der Umarmung und sah seiner Schwester in die Augen. Sie war Königin, ja, aber in diesem Moment war sie einfach nur Usagi.
„Mir geht es gut, Usagi... oder soll ich ‚Majestät’ sagen?“, neckte er sie leicht. Sie winkte ab. „Ach was, unter vier Augen gelten diese Regeln nicht!“, lachte sie. „Und Mama und Papa geht es soweit auch gut. Aber um ehrlich zu sein, sie vermissen dich schrecklich. Sie verstehen zwar, dass du jetzt eine Königin bist und wichtige Aufgaben hast, aber das ändert nichts daran, dass ihre Tochter nicht mehr bei ihnen ist.“
Usagis Lächeln verschwand kurz und wich einem Ausdruck der Wehmut. Sie seufzte tief. „Ich vermisse sie auch jeden Tag. Aber wie du siehst...“ Sie gestikulierte vage zu dem unordentlichen Schreibtisch, den sie mit Endymion teilte. „Die Pflichten einer Regentin nehmen kaum ein Ende. Es ist ein endloser Kreislauf aus Verantwortung und Entscheidungen. Ich liebe mein Volk und diese Welt, aber der Preis dafür ist hoch. Ich habe nicht einmal genug Zeit für meine eigene kleine Tochter. Sie wächst so schnell auf, und oft bekomme ich nur ihre Gutenachtgeschichten mit, wenn überhaupt.“
Endymion, der sich ebenfalls erhoben hatte und nun neben Usagi stand, legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. Er lächelte Shingo freundlich an. „Sie war in den letzten Wochen wirklich rund um die Uhr im Einsatz“, bestätigte er. „Der Wiederaufbau von Tokyo und die Stabilisierung des globalen Friedens sind eine enorme Herausforderung, die viel von ihr abverlangt. Wir versuchen, uns die Arbeit zu teilen, aber der Druck bleibt hoch.“
Shingo nickte. Er verstand es jetzt besser. Er hatte den Stress in ihren Augen gesehen, die Müdigkeit, die hinter dem glänzenden Diadem verborgen lag. Es war nicht leicht für sie, und sein Frust verflog sofort. Er fühlte sich nun nicht mehr frustriert, sondern besorgt um das Wohlergehen seiner Schwester.
„Ich verstehe“, sagte Shingo leise. Er war froh, sie endlich sehen zu können und diesen Einblick in ihr Leben zu bekommen.
Usagi sah ihren Bruder an, und plötzlich hellte sich ihr Gesicht wieder auf. Sie kniff kurz die Augen zusammen, als hätte sie einen Geistesblitz. „Aber weißt du was?“, strahlte sie, packte Shingos Arm erneut und sah ihn erwartungsvoll an. „Jetzt, in diesem Moment, sind wir einfach Geschwister. Die Papiere da drüben laufen nicht davon, und der Planet wird sich auch für eine Stunde ohne uns weiterdrehen. Endymion, schaffst du das alleine für den Rest der Stunde? Ich muss unbedingt etwas Familienzeit nachholen.“
Endymion lächelte nachsichtig. „Geh ruhig, Usagi. Ich kümmere mich um den Bericht des Außenministeriums. Genieß die Zeit mit deinem Bruder und Chibi-Usa.“
Usagi lachte und zog Shingo in Richtung Tür. „Sailor Mars, du bist vorerst entlassen. Danke, dass du ihn hergebracht hast!“ Sie öffnete die Tür und zog Shingo hinaus, zurück in den langen Korridor, der zu den privaten Gemächern der Königsfamilie führte.
„Und jetzt“, rief Usagi, während sie fast über den glitzernden Marmorboden schwebte, „machen wir einfach mal ein Stündchen Pause. Wir gehen direkt zu unserer Kleinen Prinzessin.“