Kapitel 1: Götterdämmerung im Staub
Kapitel 1: Götterdämmerung im Staub
Die Kälte in den tiefsten Gewölben des Schattenthron-Archipels war keine bloße Abwesenheit von Wärme. Sie war eine bewusste, bösartige Entität, die aus dem schwarzen, porösen Gestein sickerte und sich wie Reif auf die Haut legte. Tief im Fundament dieser Festung, verborgen in den namenlosen Falten des Kosmos, existierte kein Tag und kein Nacht. Es gab nur das ewige, fahle Flackern der asgardischen Runen, die in den Stein gemeißelt waren – ein schwaches, blutrotes Glühen, das die Dunkelheit nicht vertrieb, sondern ihre Konturen nur umso schärfer hervorhob.
Loki von Asgard stand im Schatten des massiven Torbogens und beobachtete. Seine Arme waren hinter dem Rücken verschränkt, die Haltung von einer beinahe hochmütigen Eleganz, die in scharfem Kontrast zu der Trostlosigkeit dieses Ortes stand. Nach dem Desaster auf der Erde und dem Verlust des Tesserakts hatte er sich dieses Reich im Verborgenen geschaffen – ein Monument aus Asche und Schweigen, weit weg von Odins richtendem Blick und Thors unerträglichem Pathos. Er war kein König, noch nicht, aber er war der Herr über dieses finstere Exil.
Sein Blick lag unverwandt auf der Mitte der Zelle.
Dort, fixiert an massiven Ketten aus dunkelstem Uru-Erz, hing sie. Kara Zor-El.
Seit vier Tagen befand sich die Kryptonierin nun in seiner Gewalt.
Die asgardischen Runen, die er eigenhändig in die Glieder der Ketten eingebrannt hatte, pulsierten in einem trägen, bösartigen Rhythmus. Sie taten genau das, wofür er sie konzipiert hatte: Sie imitierten die exakte Frequenz einer sterbenden, roten Sonne und entzogen den Zellen der Kryptonierin jede Nuance jener göttlichen Kraft, die sie auf der Erde so unbesiegbar gemacht hatte. Ihr einst makelloser, blauer Anzug mit dem roten Wappen war von Staub und getrocknetem Blut gezeichnet; das blonde Haar hing ihr strähnig und glanzlos ins Gesicht.
Und doch war da keine Spur von Unterwerfung.
Als sie den Kopf hob, brannte in ihren Augen eine Kälte, die seiner eigenen in nichts nachstand. Es war die sture, unnachgiebige Arroganz eines Volkes, das sich selbst für das Zentrum des Universums gehalten hatte, bevor es in Schutt und Asche versank. Loki spürte ein feines, fast unmerkliches Amüsement in seiner Brust aufsteigen. Sie waren sich so ähnlich in ihrem Stolz, dass es ihn fast anekelte.
„Du starrst schon seit einer Stunde, Asgardianer“, brach ihre Stimme die Stille. Sie klang rau, ausgetrocknet vom Mangel an Wasser, aber sie zitterte nicht. Jede Silbe war wie eine geschliffene Klinge aus Eis. „Hast du nichts Besseres zu tun, als die Relikte deiner eigenen Unfähigkeit zu bewundern?“
Loki tat einen langsamen Schritt nach vorn. Das leise Scharren seiner Lederstiefel auf dem staubigen Boden hallte von den Wänden wider. Das fahle Licht der Runen traf sein Gesicht, betonte die scharfen Linien seiner Wangenknochen und das kalte, kalkulierende Grün seiner Augen. Er fand sie attraktiv – das ließ sich nicht leugnen. Die Symmetrie ihres Gesichts, die selbst unter dem Schmutz erkennbare, athletische Anmut ihres Körpers; sie besaß die Ästhetik einer Kriegerin, einer gefallenen Göttin. Doch diese Feststellung war für ihn rein akademischer Natur. Schönheit war eine Währung, die in diesen Verliesen keinen Wert besaß.
„Unfähigkeit?“, erwiderte er, und seine Stimme war ein samtiges, gefährliches Raunen. „Ich sehe hier nur eine Kreatur, die flüchten wollte und stattdessen in meinem Hinterhof abgestürzt ist wie ein verglühter Meteor. Du bist weit weg von deiner geliebten Sonne, Kryptonierin. Hier unten gibt es keinen Applaus, keine Rettung. Nur mich.“
Kara spannte die Muskeln an. Die Uru-Ketten klirrten protestierend, und das rote Glühen der Runen flammte hell auf, als sie die aufkeimende Energie sofort wieder im Keim erstickten. Ein unterdrücktes Keuchen entwich ihren Lippen, doch sie weigerte sich, den Schmerz auf ihrem Gesicht zu zeigen. Sie presste die Kiefer aufeinander, bis die Knochen weiß hervortraten.
„Ich kenne deine Geschichte, Loki“, stieß sie hervor, während sie seinen Blick mit purer Verachtung fixierte. „Der verstoßene Prinz. Der Gott, der auf der Erde von Sterblichen gedemütigt wurde. Du hältst mich hier gefangen, weil es das Einzige ist, das dir noch das Gefühl von Macht gibt. Du bist nichts weiter als ein Parasit, der sich von den Schatten ernährt, weil er das Licht nicht erträgt.“
Lokis Miene veränderte sich nicht um einen Millimeter. Keine Regung verriet, wie tief ihre Worte in die Wunden schnitten, die New York hinterlassen hatte. Er war ein Meister der Maskerade, gelernt im harten Hofstaat von Asgard. Stattdessen trat er so nah an sie heran, dass sie seinen kühlen Atem auf ihrer Haut spüren konnte. Er hob langsam die Hand, berührte sie nicht, sondern ließ seine schlanken Finger knapp vor ihrer Wange in der Luft verharren, als würde er die Kälte ihrer Aura messen.
„Ein charmanter Versuch“, flüsterte er, und ein kaltes, humorloses Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Aber du vergisst einen entscheidenden Unterschied zwischen uns beiden, Kara. Mein Volk lebt. Sie verachten mich, gewiss, aber sie atmen. Dein Volk hingegen... dein Volk ist nichts als interstellarer Staub. Du bist die Monarchin über ein Reich der Toten. Eine Königin der Geister.“
Sie zuckte nicht zurück. Obwohl sie physisch geschwächt und ihm ausgeliefert war, hielt sie der mörderischen Intensität seiner Präsenz stand. Sie belauerten sich wie zwei Raubtiere, die genau wussten, dass ein einziger Fehler den psychologischen Tod bedeuten konnte. Es gab keine Wärme zwischen ihnen, keine plötzliche, romantische Funkenbildung – nur das eisige Knistern zweier Egos, die sich weigerten, vor dem anderen zu knien.
„Ich brauche kein Volk, um dich zu hassen“, erwiderte sie leise, jede Faser ihres Wesens von purer Abscheu durchdrungen.
„Gut“, sagte Loki, zog die Hand zurück und wandte sich mit einer fließenden Bewegung um. Sein grüner Umhang wirbelte elegant durch den Staub. „Denn Hass ist eine hervorragende Gesellschaft für die Ewigkeit. Gewöhn dich an die Dunkelheit, Supergirl. Das hier ist dein neues Universum.“
Ohne einen weiteren Blick zurück schritt er durch den Torbogen. Das schwere Eisentor schloss sich mit einem dumpfen, endgültigen Knallen hinter ihm, und das rote Licht der Runen warf wieder jene vertrauten, kalten Schatten auf Karas Gesicht, die sie an ihre absolute Einsamkeit erinnerten. Der Krieg um ihren Geist hatte gerade erst begonnen.