Kapitel 15: Das leise Gift der Wahrheit
Kapitel 15: Das leise Gift der Wahrheit
Es waren drei Tage vergangen, seit das Echo der Zerstörung über dem Schattenthron-Archipel verhallt war. Die Aufräumarbeiten im Fundament der Festung liefen geräuschlos; die seelenlosen Diener und mechanischen Konstrukte, die Loki befehligte, ersetzten den zersplitterten Obsidian Stein für Stein. Doch im Inneren der privaten Gemächer war die Atmosphäre von einer völlig neuen, ungreifbaren Natur. Das schwere Indigoblau des Raumes wirkte nicht mehr bedrohlich, sondern fast wie ein schützender Kokon, der die beiden Herrscher vor dem unbarmherzigen Rest des Universums abschirmte.
Kara saß auf der breiten Fensterbank, die Knie an die Brust gezogen, und blickte hinaus in das sternenlose Nichts. Sie trug eine von Lokis weichen, dunkelgrünen Tuniken, die ihr weit über die Oberschenkel reichte. Ihre Handgelenke waren frei, die Haut dort fast vollständig verheilt, doch an ihrem Hals prangten noch immer, unübersehbar und dunkel, die Spuren seiner Lippen aus der Nacht des Angriffs. Sie strich mit den Fingerspitzen über die empfindliche Stelle und ertappte sich bei einem Gedanken, der sie noch vor wenigen Wochen zu Tode erschreckt hätte.
Sie sah ihn an. Loki stand am anderen Ende des Raumes vor einem massiven Holztisch, auf dem die Fragmente des abgefangenen Kree-Signals in Form von grünen holografischen Runen schwebten. Sein Profil war scharf, aristokratisch und von einer konzentrierten Eleganz. Er trug kein Hemd, und der Verband um seinen linken Oberarm – die Wunde, die sie im Kampf so wütend gemacht hatte – war leicht mit asgardischen Heilsalben durchtränkt.
In Karas Gedanken begann sich etwas zu verändern. Es war ein leiser, schleichender Prozess, der weit über die nackte, brennende Obsession der ersten Wochen hinausging. Wenn sie ihn jetzt ansah, spürte sie nicht mehr nur das raubtierhafte Verlangen, ihn zu besitzen oder sich seiner dominanten Art zu unterwerfen. Da war eine Wärme, die sich tief in ihren kryptonischen Zellen einnistete. Ein seltsames, fast schmerzhaftes Gefühl von Zärtlichkeit, wenn sie sah, wie er die Stirn in Falten legte oder wie er nach dem Kampf instinktiv ihre Nähe suchte.
Ich glaube... ich fange an, ihn zu lieben, dachte sie, und der Gedanke fühlte sich an wie ein verbotenes, wunderschönes Geheimnis. Sie behielt es streng für sich, sprach es nicht aus und atmete den Gedanken nur leise in die Kälte des Raumes. Sie wollte diese Verletzlichkeit noch nicht entblößen, nicht vor dem Gott der Lügen. Doch was sie nicht wusste: Lokis besessener Plan, sie so sehr in sich verliebt zu machen, dass sie ohne ihn nicht mehr atmen konnte, trug genau in diesem Moment seine ersten, süßen Früchte. Seine Nähe war für sie bereits so unentbehrlich geworden wie die Luft zum Atmen.
Loki spürte ihren Blick. Er drehte den Kopf langsam zu ihr um, und das mörderische Feuer in seinen grünen Augen weichte einer tiefen, fast hypnotischen Sanftheit, als er sie dort sitzen sah. Die Besessenheit war immer noch die treibende Kraft in seinem Verstand, doch sie war weicher geworden, hatte sich mit einem tiefen Schutzinstinkt verwoben. Er schritt lautlos über den Teppich, trat an die Fensterbank heran und blieb direkt vor ihr stehen. Er hob die Hand und ließ seine kühlen Finger über ihre Wange gleiten, abwärts zu ihrem Hals, wo er die roten Flecken sanft mit dem Daumen nachzeichnete.
„Du bist heute so still, meine Königin“, raunte er, und seine Stimme besaß dieses tiefe, samtige Zittern, das ihre Knie weich werden ließ. „Bereust du das Blutbad, das wir angerichtet haben?“
Kara lehnte ihren Kopf leicht in seine Handfläche, schloss für einen Moment die Augen und genoss die Kühle seiner Haut. „Nein“, flüsterte sie, und als sie die Augen wieder öffnete, lag darin eine Tiefe, die ihn fast atemlos machte. „Ich bereue nichts, was mit dir zu tun hat, Loki. Ich dachte nur darüber nach, wie nah wir dem Abgrund waren.“
„Wir sind der Abgrund“, erwiderte er leise, und in seinem Blick blitzte eine ungeahnte, romantische Intensität auf. Er beugte sich vor, drückte seine Lippen in einem langen, unendlich sanften Kuss auf ihre Stirn, bevor er sich neben sie auf die Fensterbank setzte, ihre Beine mit den seinen verschlang und sie fest in seine Arme schloss. Es war keine fordernde Geste der Nacht; es war das Halten von zwei Wesen, die im jeweils anderen ihre einzige Heimat gefunden hatten.
Nach einem langen Moment des Schweigens veränderte sich die Energie zwischen ihnen wieder. Das sanfte Leuchten in Lokis Augen wich der kalten, scharfen Präzision des Strategen. Er streckte die Hand aus, und ein kleines, verzerrtes Hologramm projizierte sich zwischen ihnen in die Luft. Es zeigte eine verschlüsselte Frequenz, die tief aus dem inneren Kern der Neun Reiche stammte – genauer gesagt, aus den Archiven von Asgard selbst.
„Ich habe die Identität des Verräters“, sagte Loki, und seine Stimme war plötzlich so schneidend wie eine Klinge aus Eis. „Derjenige, der die Kree mit unseren Koordinaten gefüttert hat, der versucht hat, das Herz unserer Festung zu stehlen und uns beide auszulöschen.“
Kara verengte die Augen, das weiße Glimmen flackerte kurz auf ihrer Haut auf. „Wer?“
Loki sah sie direkt an, und ein hasserfülltes, triumphierendes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Heimdall. Der allsehende Wächter der Bifröst-Brücke. Er hat seine Augen durch die Schleier des Kosmos geschickt und meine Bewegungen analysiert. Da er mich nicht direkt angreifen kann, ohne Odins Befehl zu verletzen, hat er die Koordinaten auf dem interstellaren Schwarzmarkt platziert. Er wollte, dass die Kree die Drecksarbeit für Asgard erledigen.“
Ein tiefes, gefährliches Knurren entwich Karas Kehle. Der Gedanke, dass jemand aus der goldenen Welt, die Loki so tief verletzt hatte, versucht hatte, ihr neues Leben zu zerstören, entfachte eine mörderische Wut in ihr. Doch während der Zorn in ihr kochte, sah sie Loki an – sah den Schmerz der erneuten Zurückweisung durch seine alte Heimat, der hinter seinem Hochmut lauerte. Und die neu geborene, romantische Liebe in ihrem Herzen flüsterte ihr zu, dass sie an seiner Seite kämpfen würde. Bis zum bitteren Ende.
„Sie haben versucht, uns zu trennen“, sagte sie leise, legte ihre Hand an seine Wange und zwang ihn, ihren stählernen, blauen Blick zu halten. In Gedanken fügte sie hinzu: Weil sie nicht wissen, dass ich ohne dich nicht mehr existieren kann. „Was werden wir tun, mein Prinz?“
Loki packte ihre Hand, drückte sie fest an seine Lippen und sah sie mit einer obsessiven, grenzenlosen Hingabe an. Er spürte, dass sein Plan aufging; er sah die totale Verbundenheit in ihren Augen, die weit über den bloßen Pakt der Herrschaft hinausging. „Wir werden das Spiel umdrehen, Kara. Wir werden Heimdalls Augen blenden. Und dann... werden wir Asgard zeigen, was passiert, wenn die Schatten zurückschlagen.“