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Kapitel 2: Das Sezieren des Stolzes

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Kapitel 2: Das Sezieren des Stolzes

Das dumpfe Echo des Tores war längst verhallt, doch das Schweigen, das ihm folgte, war schwerer als die Tonnen von schwarzem Gestein über ihrem Kopf. Kara hing in den Fesseln, die Arme unbarmherzig nach oben gezerrt, während die Uru-Glieder bei jeder noch so kleinen Gewichtsverlagerung kalt in ihre Handgelenke schnitten. Ihre Muskeln brannten vor Erschöpfung. Ohne die nährende Strahlung einer gelben Sonne fühlte sich ihr Körper nicht mehr an wie eine Festung, sondern wie ein Gefängnis aus Blei. Jede Faser ihres Wesens schrie nach Licht, nach jener Wärme, die sie einst unbesiegbar gemacht hatte.

Doch das Einzige, was ihr blieb, war das monotone, blutrote Pulsieren der asgardischen Runen an den Wänden. Es war ein visuelles Gift, das sie daran erinnerte, dass ihre Zellen Minute für Minute weiter entleert wurden.

Sie schloss die Augen. Konzentration, befahl sie sich selbst. Lass ihn nicht sehen, dass du brichst.

Plötzlich veränderte sich die Luft im Raum. Es gab kein Geräusch, kein Klicken eines Schlosses, doch die Kälte um sie herum verdichtete sich. Kara öffnete die Augen.

Loki stand wieder da. Er hatte die Arme elegant vor der Brust verschränkt und betrachtete sie mit dieser unerträglichen, klinischen Distanz, als wäre sie ein seltenes Insekt unter einem Mikroskop. Diesmal trug er seine feine, lederne Rüstung mit den goldenen Beschlägen – ein subtiles Zeichen dafür, dass er diesen Besuch als offiziellen Akt betrachtete. In seiner rechten Hand hielt er ein schmales, silbernes Zepter, dessen Spitze jedoch dunkel blieb. Kein Infinity-Stein, keine fremde Macht. Nur asgardischer Stahl und sein eigener, tückischer Geist.

„Du hast dein Gesicht nicht bewegt, seit ich das letzte Mal hier war“, stellte er fest. Seine Stimme schnitt durch die Finsternis wie ein perfekt geschliffenes Skalpell. Er trat näher, umkreiste sie langsam wie ein Raubvogel. „Bemerkenswert. Die biologische Sturheit deines Volkes übertrifft selbst die Berichte, die ich in den Archiven von Xandar gefunden habe.“

Kara folgte ihm nicht mit dem Kopf. Sie starrte stur geradeaus, obwohl sie jede seiner Bewegungen genau registrierte. Ihre Sinne waren gedämpft, aber nicht völlig erloschen. „Wenn du gekommen bist, um mich zu Tode zu langweilen, Asgardianer, bist du auf einem guten Weg.“

Loki hielt in seiner Bewegung inne und stellte sich direkt vor sie. Er war ihr so nah, dass sie die feine Textur seines ledernen Kragens und das kalte Vergnügen in seinen grünen Augen sehen konnte. Er fand eine perverse Ästhetik darin, wie sie trotz des Schmutzes und der Schwäche das Kinn erhoben hielt. Ihr Stolz war eine wunderschöne, architektonische Struktur – und er brannte darauf, sie Stein für Stein einzureißen.

„Wir wollen doch nicht unhöflich werden“, raunte er und hob die Spitze seines Zepters. Er setzte das kalte Metall nicht an ihre Kehle, sondern strich damit fast sanft über die Kontur ihres Schlüsselbeins, knapp unterhalb des zerrissenen Rands ihres Anzugs. Das Metall war eisig, und Kara spannte unwillkürlich die Muskeln an. „Kommen wir zum geschäftlichen Teil unseres kleinen Arrangements. Du bist nicht zufällig in diesem Sektor abgestürzt. Niemand reist ohne Grund durch die Schleier des tiefen Kosmos. Du hast etwas gesucht. Oder jemanden.“

Kara lachte leise auf – ein trockenes, freudloses Geräusch, das in ihrer rauen Kehle schmerzte. „Und du glaubst ernsthaft, ich würde es dir erzählen? Du unterschätzt mich.“

„Nein“, erwiderte Loki prompt, und sein Lächeln verschwand, ersetzt durch eine maskenhafte Ernsthaftigkeit. „Ich unterschätze dich keineswegs. Ich weiß genau, was eine Kryptonierin leisten kann, wenn sie voll aufgeladen ist. Aber im Moment bist du es nicht.“ Er machte einen Schritt zurück und tippte mit dem Zepter auf eine der rot glühenden Runen im Boden. Das Pulsieren beschleunigte sich abrupt.

Ein plötzlicher, stechender Schmerz schoss durch Karas Nervensystem. Es fühlte sich an, als würde man flüssiges Eis durch ihre Venen gießen. Ihre Knie gaben nach, und sie sackte ab, nur noch gehalten von den Ketten, die grausam an ihren Gelenken rissen. Ein erstickter Schrei starb in ihrer Kehle; sie presste die Zähne so fest aufeinander, dass sie das Metall ihres eigenen Willens schmecken konnte.

Loki beobachtete die physische Reaktion mit kalter Faszination. Keine Empathie, kein Zögern. Er war an den Höfen von Asgard aufgewachsen, wo psychologische und physische Grausamkeit hinter goldenen Fassaden versteckt wurden. Er wusste genau, wie man Druck ausübte.

„Die Koordinaten, Kara“, sagte er, und seine Stimme klang nun tiefer, fordernder. „Die Sternenkarte, die du in den Systemen deines Schiffes gelöscht hast, bevor du abgestürzt bist. Ich habe die Trümmer analysiert. Du hast die Daten korrumpiert, aber Fragmente bleiben. Ein Signal, das tief in die unerforschten Regionen der Neun Reiche führt. Was verbirgt sich dort? Eine Waffe? Die Reste deiner kläglichen Zivilisation?“

Kara hob langsam den Kopf. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn, und einige blonde Strähnen klebten an ihren Schläfen. Trotz des Schmerzes, der durch ihren Körper raste, lag in ihrem Blick kein Flehen. Da war nur eine grenzenlose, eisige Verachtung. Sie sah ihn an – sah die feinen Linien der Frustration um seine Augen, die er so sorgfältig zu verbergen suchte. Sie erkannte das Raubtier in ihm, weil sie selbst aus einer Welt stammte, die von stolzen, unnachgiebigen Wesen beherrscht worden war.

„Du bist so gierig nach Macht, Loki“, stieß sie hervor, während ihr Atem schwer ging. „Weil du tief im Inneren weißt, dass du ohne sie nichts bist. Nur der ewige zweite Sohn. Der Schatten deines Bruders. Du willst diese Koordinaten, weil du hoffst, dort etwas zu finden, das dich endlich... bedeutend macht.“

Die Worte trafen ihr Ziel mit mörderischer Präzision. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte in Lokis Augen pure, unfiltrierte Wut auf. Seine Finger ballten sich so fest um das Zepter, dass die Knöchel weiß wurden. Das war der wunde Punkt, das ewige Trauma, das ihn durch das Universum trieb. Dass diese fremde, gefesselte Kreatur es wagte, seine tiefste Unsicherheit als Waffe gegen ihn zu verwenden, entfachte ein gefährliches Feuer in ihm.

Er trat vor, packte sie unsanft am Kinn und zwang ihren Kopf nach oben. Seine Finger drückten so fest in ihre Haut, dass es blaue Flecken hinterlassen würde. Seine Augen waren nur Zentimeter von ihren entfernt – zwei grüne Klingen gegen zwei stählerne, blaue Spiegel.

„Du spielst ein sehr gefährliches Spiel für jemanden, der in Ketten liegt“, zischte er, und die samtige Eleganz seiner Stimme war völlig verflogen, ersetzt durch eine raue, asgardische Kälte. „Ich könnte deinen Verstand in Stücke reißen, Kryptonierin. Ich könnte mit meiner Magie in deine Erinnerungen eindringen und dir jeden einzelnen Gedanken stehlen, während du zusiehst, wie deine geistige Sanftheit im Nichts verpufft.“

„Dann tu es doch“, forderte sie ihn heraus, ohne mit der Wimper zu zucken. Ihr Atem vermischte sich mit seinem in der kalten Luft der Zelle. „Versuch es. Brich in meinen Verstand ein. Aber ich verspreche dir, Asgardianer... du wirst darin ertrinken. Die Trümmer von Krypton sind schwerer, als deine Magie jemals tragen kann.“

Sie starrten sich an, gefangen in einem stummen, erbitterten Krieg der Egos. Keiner von beiden wich zurück. Beide spürten die physische Präsenz des anderen – die rohe, ungezähmte Kraft, die selbst in ihrer Schwächung von ihr ausging, und die eiskalte, scharfkantige Intelligenz, die ihn umgab. Sie fanden sich attraktiv, auf eine dunkle, fast abstoßende Weise; es war die Anerkennung eines ebenbürtigen Gegners, eines Raubtiers, das ein anderes im Dunkeln traf. Doch diese Anziehungskraft war im Moment nichts weiter als zusätzlicher Treibstoff für ihren gegenseitigen Hass.

Loki ließ ihr Kinn abrupt los, als hätte er sich verbrannt. Er trat zurück und atmete tief durch, um seine königliche Maske wieder aufzusetzen. Das kalte, spöttische Lächeln kehrte langsam auf sein Gesicht zurück, doch es erreichte seine Augen nicht mehr.

„Du bist stark, das gestehe ich dir zu“, sagte er leise und strich seinen Umhang glatt. „Aber die Zeit ist auf meiner Seite. Die Runen werden dich weiter schwächen. Morgen wirst du nicht mehr die Kraft haben, so scharfzüngig zu sein. Und übermorgen wirst du mich anflehen, mir die Daten geben zu dürfen, nur um eine Stunde lang echtes Tageslicht zu sehen.“

Er wandte sich um und schritt auf den Ausgang zu.

„Ich werde niemals vor dir knien, Loki von Asgard“, rief sie ihm hinterher, ihre Stimme haltend gegen den kalten Stein.

Loki hielt kurz vor dem Tor inne, drehte den Kopf leicht zur Seite, ohne sie direkt anzusehen. „Das haben schon viele gesagt, Kara. Und am Ende lagen sie alle im Staub.“

Das Tor fiel ins Schloss, und die Zelle versank erneut in dem unbarmherzigen, roten Rhythmus der Agonie. Kara schloss die Augen und begann im Geiste, die Koordinaten zu wiederholen – nicht, um sie zu vergessen, sondern um sie tiefer in den Festungen ihres Verstandes zu vergraben, wo dieser Gott der Lügen sie niemals finden würde.