Kapitel 3: Das Gift der Nähe
Kapitel 3: Das Gift der Nähe
Inzwischen waren zwölf Tage vergangen, seit Kara in Lokis Gefangenschaft geraten war.
Die Stille war schlimmer als der Schmerz. Wenn die Runen pulsierten, hatte Kara einen Feind, gegen den sie sich wehren konnte – ein physisches Brennen, das ihren Trotz anfeuerte. Doch in den letzten zwei Tagen hatte Loki die Intensität der Strahlung exakt auf dem Niveau gehalten, das nötig war, um ihre Kräfte zu blockieren, ohne ihr neue Agonie zuzufügen. Er entzog ihr das Letzte, was ihr Struktur gab: den Widerstand. Ihre Muskeln zitterten vor chronischer Erschöpfung, und das Uru-Erz um ihre Handgelenke fühlte sich mittlerweile an wie ein Teil ihres eigenen Skeletts.
Sie hatte die Augen geschlossen, als das vertraute, schwere Klicken des Eisentors die Lethargie der Zelle durchschnitt.
Kara öffnete die Lider, bereit, der eisigen Maske des Gottes zu begegnen. Doch was sie sah, ließ sie die Stirn runzeln.
Loki trug weder seine Rüstung noch sein Zepter. Er war in eine schlichte, dunkelgrüne Tunika aus weichem asgardischen Stoff gekleidet, die Ärmel leicht hochgerollt. In den Händen trug er keine Werkzeuge der Macht, sondern ein kleines, silbernes Tablett. Darauf standen ein Krug aus klarem Glas, gefüllt mit reinem Wasser, und ein kleiner Teller mit dunklem, dichten Brot sowie einigen Früchten, die in den gärten von Vanaheim gewachsen sein mussten.
Er ging nicht mit dem üblichen, raubtierhaften Stolzieren auf sie zu. Seine Schritte waren leise, fast alltäglich. Er stellte das Tablett auf einem kleinen Mauervorsprung knapp außerhalb ihrer Reichweite ab, zog sich mit einer fließenden Bewegung einen hölzernen Hocker heran und setzte sich. Er verschränkte die Beine, stützte das Kinn auf die Hand und sah sie einfach an. Nicht klinisch, sondern mit einer beunruhigenden, ruhigen Neugier.
„Du siehst furchtbar aus“, sagte er schlicht. Seine Stimme besaß nicht mehr die schneidende Schärfe der letzten Tage. Sie klang fast... gelangweilt. Oder schlimmer: nahbar.
Kara verengte die Augen. Das war eine Falle. Jede Faser ihres kryptonischen Instinkts schrie sie an, dass diese plötzliche Mäßigung weitaus gefährlicher war als sein Zepter. „Und du hast deine Verkleidung gewechselt. Ist das die Garderobe für den gnädigen Lord?“
„Es ist die Garderobe für jemanden, der die Monologe müde ist“, erwiderte Loki und goss etwas Wasser in einen silbernen Becher. Das leise Plätschern der Flüssigkeit war in der trockenen Luft der Zelle eine brutale Provokation für Karas ausgedörrte Kehle. Er hob den Becher leicht an, trank jedoch selbst nicht. „Ich habe darüber nachgedacht, was du gesagt hast. Über den 'ewigen zweiten Sohn'. Du dachtest vermutlich, das würde mich in Raserei versetzen. Dass ich die Runen hochdrehe, bis du schreist, um mir selbst etwas zu beweisen.“
Er stellte den Becher ab und sah sie direkt an. Das Rot der Runen spiegelte sich in seinen Augen, doch sein Gesichtsauschnitt blieb vollkommen entspannt.
„Aber so primitiv bin ich nicht. Wenn ich dich breche, indem ich dich foltere, habe ich nur bewiesen, dass asgardische Magie stärker ist als kryptonische Biologie. Das ist eine mathematische Gewissheit, kein intellektueller Sieg. Und ich bevorzuge den intellektuellen Sieg.“
„Du wirst überhaupt keinen Sieg bekommen“, stieß sie hervor. Ihr Blick wanderte unwillkürlich für den Bruchteil einer Sekunde zu dem Wasser. Sie hasste sich sofort selbst für diese Schwäche.
Loki entging diese minimale Augenbewegung nicht. Ein feines, fast unmerkliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen – kein hämisches Grinsen, sondern das wissende Lächeln eines Spielers, der die Karten des Gegners kennt. Er nahm den Becher, stand auf und trat an sie heran. Er hielt den Becher vor ihren Mund, so nah, dass sie die kühle Feuchtigkeit riechen konnte.
„Trink“, sagte er leise.
Kara presste die Lippen zusammen und drehte den Kopf weg, soweit es die Ketten erlaubten. „Ich nehme nichts aus deiner Hand.“
„Es ist kein Gift, Kara. Wenn ich dich tot sehen wollte, müsste ich nur die Luft aus diesem Raum ziehen. Es ist einfach nur Wasser.“ Er bewegte den Becher mit ihrem Kopf mit, seine Hand vollkommen ruhig. „Stolz ist eine feine Rüstung, aber man kann ihn nicht trinken. Wenn du verdurstest, sterben die Koordinaten mit dir. Das nützt mir nichts. Und dir noch viel weniger.“
Ihre Augen trafen sich wieder. Die Kälte zwischen ihnen war immer noch da, aber sie hatte sich verändert. Sie war nicht mehr das laute Aufeinanderprallen von Schwertern, sondern das lautlose, dichte Frösteln einer Winternacht. Kara sah die Makellosigkeit seiner Züge, die scharfe Intelligenz, die hinter seiner Stirn arbeitete, und die seltsame Intimität dieses Moments. Sie verabscheute ihn zutiefst für das, was er ihr antat, und doch spürte sie eine perverse Faszination für seine Hartnäckigkeit. Er war unnachgiebig. Genau wie sie.
Der Durst siegte schließlich über den Geist. Mit einem wütenden Funkeln in den Augen beugte sie sich leicht vor und trank. Loki hielt den Becher mit bemerkenswerter Geduld, kippte ihn präzise, sodass kein Tropfen verloren ging. Als sie fertig war, trat er sofort wieder zurück, als wolle er ihr den Raum lassen, um ihren Stolz mühsam wieder aufzurichten.
„Besser?“, fragte er und stellte den Becher zurück auf das Tablett.
„Es ändert nichts“, sagte sie, ihre Stimme klang nun etwas fester, auch wenn das Wasser ihren Körper nur schmerzhaft daran erinnerte, wie viel ihr eigentlich fehlte.
„Es ändert alles“, korrigierte er sanft und setzte sich wieder auf den Hocker. „Es zeigt, dass du pragmatisch bist. Du willst überleben. Und wer überleben will, hat etwas, wofür es sich zu leben lohnt. Eine Motivation.“ Er lehnte sich zurück. „Lass uns ein Geschäft machen, Kara Zor-El. Keine Folter mehr. Keine Drohungen. Ich reduziere die Runenstrahlung um genau zehn Prozent. Das wird dir deine Kräfte nicht zurückgeben, aber es wird das permanente Brennen in deinen Muskeln stoppen. Du wirst schlafen können. Du wirst essen können.“
Kara lachte rau auf. „Und der Preis dafür?“
„Ein Gespräch“, erwiderte Loki. „Jeden Tag eine Stunde. Du erzählst mir von Krypton. Nicht von den militärischen Geheimnissen oder den Koordinaten. Erzähl mir von der Kultur. Von der Wissenschaft. Von den Hallen deines Vaters. Und im Gegenzug erzähle ich dir von Asgard. Von den Lügen Odins. Von der Heuchelei des goldenen Reiches.“
Sie starrte ihn an, versuchte, die Täuschung in seinen Worten zu finden. „Du willst, dass ich unachtsam werde. Du glaubst, wenn wir Geschichten austauschen wie alte Freunde, rutscht mir irgendwann ein Detail heraus.“
„Natürlich hoffe ich das“, gab Loki ohne Zögern zu. Seine Offenheit war seine schärfste Waffe. „Ich bin der Gott der Lügen, Kara. Ich spiele dieses Spiel schon länger, als deine Zivilisation gebraucht hat, um sich selbst zu vernichten. Aber im Moment biete ich dir einfach nur einen erträglicheren Käfig an. Du kannst dich entscheiden: Entweder du leidest weiter schweigend in der Dunkelheit, bis dein Verstand verrottet... oder du spielst das Spiel mit mir.“
Er stand auf, nahm das Tablett und trat zum Tor. Er ließ das Brot und die Früchte auf dem Mauervorsprung zurück.
„Zehn Prozent, Kara“, wiederholte er, die Hand bereits auf dem eisernen Griff des Tores. „Ich werde die Runen jetzt herunterfahren. Morgen um dieselbe Zeit komme ich wieder. Wenn das Essen unberührt ist, weiß ich, dass du lieber leidest.“
Mit einem leisen Summen veränderte sich das Licht im Raum. Das blutrote Pulsieren der Runen wurde schwächer, das tiefe, giftige Glühen verblasste zu einem matten Rosa. Sofort spürte Kara, wie der lähmende Druck auf ihre Brust nachließ. Es war kein Strom von Energie, der zurückkehrte, aber es war das Aussetzen der Folter. Ihr Körper sackte schwer in die Ketten, und zum ersten Mal seit zwölf Tagen konnte sie tief und ohne Schmerzensschrei einatmen.
Loki sah sie noch einmal an. Seine Augen fixierten sie im dämmrigen Licht, und für einen flüchtigen Moment lag in seinem Blick kein Hass, sondern das kalte, hungrige Kalkül eines Mannes, der genau wusste, dass er den ersten Keil in ihre Festung getrieben hatte.
Das Tor schloss sich lautlos. Kara blieb allein zurück, den Blick starr auf das Brot gerichtet, während die Kälte des Raumes nun langsam durch eine weitaus gefährlichere psychologische Nähe ersetzt wurde.