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Kapitel 4: Der Geschmack von Asche und Verrat

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Kapitel 4: Der Geschmack von Asche und Verrat

Das Brot schmeckte nach nichts. Es war trocken, schwer und lag wie ein Fremdkörper in Karas ausgedörrtem Mund. Dennoch zwang sie sich, jeden Bissen hinunterzuschlucken. Sie nutzte die wenigen Zentimeter Bewegungsfreiheit, die ihr die leicht gelockerten Uru-Ketten boten, um mit zitternden Fingern nach den dunklen Früchten von Vanaheim zu greifen. Die süße, kühle Flüssigkeit der Beeren brannte auf ihrer rissigen Zunge. Sie hasste jede Sekunde davon. Sie hasste die Tatsache, dass ihr Körper Nahrung brauchte, dass sie biologisch im Nachteil war, solange diese künstliche, rote Sonne ihre Zellen verpästete. Doch noch mehr hasste sie den Gedanken, dass Loki recht behalten würde. Sie brauchte die Substanz. Wenn sie sterben würde, würde das Geheimnis der Koordinaten mit ihr begraben – und damit die letzte Hoffnung auf das, was sie im tiefen Kosmos zu finden gehofft hatte.

Als das schwere Eisentor exakt vierundzwanzig Stunden nach seinem letzten Besuch aufschritt, saß Kara auf dem kalten Steinboden. Sie hatte sich so weit zusammengerollt, wie die Ketten es erlaubten. Das silberne Tablett war leer.

Loki trat in die Zelle. Er trug wieder die schlichte, dunkelgrüne Tunika, die Hände locker in den Taschen seiner Hose vergraben. Sein Blick wanderte sofort zu dem leeren Teller, und ein kurzes, fast unmerkliches Aufblitzen von Zufriedenheit veränderte die Linien um seine Augen. Er brachte keinen Hocker mit. Stattdessen lehnte er sich mit einer Beiläufigkeit, die an absolute Arroganz grenzte, gegen die kalte, schwarze Steinwand direkt gegenüber von ihr.

„Du hast Vernunft angenommen“, stellte er leise fest. Seine Stimme hallte matt von den feuchten Wänden wider. „Ich hatte befürchtet, der kryptonische Märtyrertod wäre dir lieber als eine einfache Mahlzeit.“

„Ich bin keine Märtyrerin“, erwiderte Kara. Ihre Stimme war durch das Wasser und die Nahrung deutlich kräftiger als am Vortag, besaß wieder jenen stählernen, unnachgiebigen Unterton, der ihn so faszinierte. Sie hob das Kinn und sah ihn direkt an. „Ich bin eine Überlebende. Das ist ein Unterschied. Ich esse, um die Kraft zu haben, dich zu verabscheuen.“

Loki lachte leise auf – ein tiefes, ehrliches Amüsement, das jedoch sofort wieder in eine kühle, kalkulierende Miene überging. „Ein hervorragender Grund. Motivation ist alles in der Isolation.“ Er stieß sich von der Wand ab und tat zwei langsame Schritte auf sie zu, hielt jedoch respektvoll Distanz. Er wusste, dass sie wie ein eingesperrtes Raubtier war; selbst geschwächt war sie unberechenbar. „Wir haben eine Vereinbarung, Kara. Eine Stunde. Ein Austausch von Geschichten. Wo sollen wir beginnen? Bei den glorreichen, weißen Türmen deiner Heimat, die nun als interstellare Trümmer durch das Nichts treiben? Oder bei den Lügen, die man dir an den Höfen deines Vaters erzählt hat?“

„Mein Vater hat mich nicht belogen“, entgegnete sie scharf. Ihre Finger ballten sich um die Glieder der Uru-Ketten, sodass das Metall leise klirrte. „Zor-El war ein Wissenschaftler. Er sah den Untergang voraus. Er hat versucht, sein Volk zu retten. Er war kein König, der sich hinter goldenen Mauern versteckt und seine Familie als politische Schachfiguren benutzt hat.“

Loki hielt inne. Seine Augen verengten sich zu zwei schmalen, grünen Schlitzen. Die Erwähnung von Vätern und politischen Schachfiguren traf einen Nerv, den er sorgfältig hinter Mauern aus Zynismus verborgen hatte. Er verschränkte die Arme vor der Brust, und die entspannte Haltung von eben wich einer starren, königlichen Disziplin.

„Ah, eine Anspielung auf den Allvater“, raunte er, und seine Stimme sank in eine gefährliche, eisige Tiefe. „Odin. Der große, gerechte Beschützer der Neun Reiche. Weißt du, was mein Vater getan hat, Kara? Er hat mich nicht belogen, nein. Er hat mir mein gesamtes Leben gestohlen. Er fand mich als Säugling auf den eisigen Felsen von Jotunheim. Ein kleines, schreiendes Monster, zurückgelassen von meinem leiblichen Vater Laufey, weil ich zu klein war, zu schwach für ein Volk von Frostriesen. Odin nahm mich mit. Nicht aus Gnade. Nicht aus Liebe. Sondern als Werkzeug. Eine politische Geisel, die er eines Tages auf den Thron von Jotunheim setzen wollte, um einen brüchigen Frieden zu sichern.“

Er trat noch einen Schritt näher, und die Kälte, die von ihm ausging, war nun keine Einbildung mehr. Es war die psychologische Kälte eines Mannes, der seine eigene Identität in den Ruinen des Verrats verloren hatte.

„Jahrhundertelang bin ich in seinem Schatten gewachsen“, fuhr Loki fort, seine Finger strichen fast mechanisch über den Stoff seiner Tunika. „Ich glaubte, ich sei sein Sohn. Ich glaubte, ich hätte ein Anrecht auf den Thron. Und während er Thor – diesen arroganten, stumpfsinnigen Muskelprotz – feierte, sah er in mir immer nur das Monster, das er im Eis gefunden hatte. Als ich die Wahrheit erfuhr, brach das Fundament meiner Welt zusammen. Also erzähl mir nichts von Vätern, Kryptonierin. Väter sind die Architekten unserer größten Traumata.“

Kara beobachtete ihn intensiv. Sie sah die kaum unterdrückte Wut, den tiefen, unheilbaren Schmerz, der aus jeder seiner Silben sprach. Sie verstand Isolation. Sie verstand, was es bedeutete, festzustellen, dass die Welt, an die man geglaubt hatte, eine Illusion war. Doch wo sie Trauer und den Wunsch nach Bewahrung empfand, sah sie bei Loki nur die zerstörerische Sucht nach Vergeltung.

„Und deshalb tust du das hier?“, fragte sie leise, ohne die Schärfe, aber mit einer schneidenden Klarheit. „Weil Odin dich belogen hat, sperrst du mich in ein Verlies? Weil du als Geisel gehalten wurdest, nimmst du dir selbst eine Geisel? Du glaubst, du rächst dich an deiner Vergangenheit, Loki. Aber die Wahrheit ist viel erbärmlicher.“

Loki zog eine Augenbraue hoch, doch in seinem Blick lag eine unheilvolle Warnung. „Erleuchte mich.“

„Du wirst genau zu dem Monster, vor dem Odin dich angeblich gewarnt hat“, sagte sie und erhob sich langsam, bis sie ihm auf Augenhöhe gegenüberstand. Die Uru-Ketten strafften sich, doch sie ignorierte den Zug an ihren Handgelenken. „Er sah in dir einen Verräter, einen Intriganten, jemanden, dem man nicht trauen kann. Und was tust du? Du bestätigst ihn. Jedes Mal, wenn du unschuldige Welten angreifst, jedes Mal, wenn du jemanden wie mich in Ketten legst, flüsterst du dir selbst zu, dass du mächtig bist. Aber du bist nicht mächtig. Du bist nur gehorsam. Du erfüllst die dunkelsten Prophezeiungen, die man über dich geschrieben hat, weil du nicht den Mut hast, etwas anderes zu sein als der Bösewicht in Odins Geschichte.“

Die Stille, die diesen Worten folgte, war absolut.

Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Kara, sie hätte die Grenze überschritten. Das matte Rosa der Runen flammte für einen Herzschlag lang hellrot auf, als würde Lokis innere Bewegung die Magie des Raumes direkt beeinflussen. Seine Züge versteinerten. Es war kein wütender Ausbruch, kein Zischen wie am Vortag. Es war die totale, mörderische Stille eines Gottes, der kurz davor war, ein Urteil zu fällen. Er sah sie an – sah die unnachgiebige, reine Kraft in ihren blauen Augen, die absolute Abwesenheit von Angst. Er fand sie in diesem Moment unerträglich attraktiv. Ihre scharfe Zunge, ihr messerscharfer Verstand, der seine sorgfältig aufgebauten Lügenkonstrukte mit wenigen Sätzen sezierte. Sie war kein Opfer. Sie war eine Richterin. Und das hasserfüllte Feuer in seiner Brust wurde von einer dunklen, fast obsessiven Faszination genährt.

Loki trat so nah an sie heran, dass sich ihre Kleidung fast berührte. Er senkte den Kopf, sodass seine Lippen nur Zentimeter von ihrem Ohr entfernt waren.

„Du glaubst, du kennst mich, Kara Zor-El“, flüsterte er, und seine Stimme war so leise, dass sie unter dem Summen der Runen fast unterging. „Du glaubst, du hast mein Wesen entschlüsselt. Aber du vergisst eines: Der Bösewicht überlebt die Geschichte meistens. Während die Helden, die moralisch Überlegenen, die stolzen Führer... sie enden alle wie dein Vater. Als Asche im Vakuum des Weltalls.“

Er trat zurück, und die Maske des unnahbaren Gottes der Lügen war wieder perfekt an ihrem Platz. Das spöttische, kalte Lächeln kehrte auf seine Lippen zurück.

„Unsere Stunde ist um“, sagte er glatt und wandte sich mit einer fließenden Bewegung um. Er schritt auf das Tor zu, ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen. „Morgen um dieselbe Zeit. Ich werde dafür sorgen, dass das Essen etwas mehr... Geschmack hat. Schließlich wollen wir nicht, dass meine Lieblingsgeisel die Lust am Reden verliert.“

Das Eisentor schloss sich mit einem dumpfen Knallen. Kara sackte langsam wieder auf den Boden, ihr Atem ging unregelmäßig. Das Gift seiner Nähe verfehlte seine Wirkung nicht. Sie spürte, wie die Kälte der Zelle tiefer in ihre Knochen kroch, während das Echo seiner Worte noch lange in der Dunkelheit nachhallte.