Kapitel 5: Die Symmetrie der Einsamkeit
Kapitel 5: Die Symmetrie der Einsamkeit
Es waren drei Tage vergangen, seit sie sich die bitteren Wahrheiten ihrer Herkunft wie geschliffene Klingen entgegengeworfen hatten. Drei Tage, in denen die Kälte der Zelle nicht nachgelassen hatte, sich jedoch die Natur der Stille grundlegend veränderte. Es war kein leeres Schweigen mehr. Es war das dichte, geladene Warten zweier Raubtiere, die im Unterholz lauern und den Atem des anderen durch die Dunkelheit spüren.
Kara saß mit dem Rücken an die feuchte Steinwand gelehnt. Das matte Rosa der gedimmten Runen warf schwache Schatten auf ihre angewinkelten Knie. Sie beobachtete ihre eigenen Hände. Die Haut um ihre Handgelenke war vom Uru-Erz aufgescheuert, doch der permanente, lähmende Schmerz in ihren Muskeln war abgeflacht. Sie spürte die Nahrung, die er ihr brachte; sie spürte, wie ihr Körper die biologische Substanz nutzte, um sich gegen die anhaltende Schwäche zu stemmen. Aber da war noch etwas anderes. Eine schleichende, beunruhigende Veränderung in ihren Gedanken. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie nicht mehr nur die brennenden Kuppeln von Krypton oder das Gesicht ihres Vaters. Sie sah grüne, eisige Augen. Sie hörte das samtige, gefährliche Raunen einer Stimme, die sie zutiefst verabscheute – und die sie dennoch psychisch herausforderte wie nichts zuvor in ihrem Leben. Sie fand diesen asgardischen Prinzen faszinierend. Seine scharfkantige Intelligenz, die Art, wie er seinen Schmerz in Grausamkeit verwandelte, und die unnahbare Eleganz, mit der er sich durch seine eigene Finsternis bewegte. Es war eine toxische, kühle Faszination, die sie sich selbst nicht verzeihen wollte.
Das schwere Eisentor schwang auf. Es gab kein lautes Knallen mehr; Loki öffnete es mittlerweile mit einer beinahe lautlosen Präzision, als wolle er die Schwingungen des Raumes nicht unnötig stören.
Er trat herein, und dieses Mal blieb er nicht am Eingang stehen. Er ging direkt auf sie zu. Seine Schritte waren langsam, bedächtig, getrieben von einer Unruhe, die er hinter einer vollendeten, königlichen Maske verbarg. In den vergangenen drei Tagen außerhalb dieser Zelle hatte er versucht, sich mit den Trümmern ihres Schiffes abzulenken. Er hatte die kryptonischen Datenkristalle analysiert, die asgardischen Runen neu kalibriert und die Grenzen seines kleinen Reiches abgeschritten. Doch seine Gedanken waren unaufhaltsam in diese Tiefen zurückgekehrt. Zu ihr.
Es war eine leise, giftige Besessenheit, die in den schattigen Winkeln seines Verstandes Wurzeln geschlagen hatte. Er ertappte sich dabei, wie er die Stunden zählte, bis er wieder zu ihr hinabsteigen konnte. Es war nicht mehr nur der Hunger nach den Koordinaten. Es war der Hunger nach ihrer Präsenz. Er war umgeben von Dienern und seelenlosen Kreaturen, die vor ihm kuschten, doch hier unten saß eine gefallene Göttin, deren Verachtung reiner und ehrlicher war als alles, was er je in den goldenen Hallen von Asgard erlebt hatte. Ihr Stolz, ihre unbezähmbare Aura und die physische Perfektion ihrer Gestalt, die selbst unter dem Schmutz der Gefangenschaft strahlte, zogen ihn mit einer unsichtbaren, unbarmherzigen Schwerkraft an. Er wollte sie brechen, ja – aber er wollte auch, dass sie ihn sah. Wirklich sah.
Loki blieb nur einen Meter vor ihr stehen. Er trug eine dunkle, lederne Weste über einem feinen Hemd, die Ärmel bis zu den Ellbogen zurückgerollt, was den Blick auf die blassen, sehnigen Unterarme freigab. In seiner Hand hielt er einen Becher mit warmem, duftendem Tee und ein frisches Stück Fleisch, das mit Gewürzen aus Midgard zubereitet war.
„Du hast nicht geschlafen“, sagte er. Es war keine Frage, sondern eine präzise Beobachtung. Seine Augen scannten die feinen, dunklen Schatten unter ihren blauen Irisen.
Kara sah langsam an ihm hoch. Die Nähe zwischen ihnen war intensiv, fast erdrückend. Sie konnte den schwachen Geruch von Leder und asgardischer Magie wahrnehmen, der ihn umgab. „In diesem Loch gibt es keinen Rhythmus, Loki. Tag und Nacht sind Luxusgüter, die du mir vorenthältst.“
„Und dennoch bist du wacher als die meisten Wesen, die das Privileg des Sonnenlichts genießen“, erwiderte er, ging elegant in die Hocke und stellte das Essen vor ihr ab. Dabei bewegte er sich mit einer kalkulierten Langsamkeit, die es ihr erlaubte, jede seiner Sehnen zu beobachten. Als er den Becher absetzte, streiften seine Finger für den Bruchteil einer Sekunde die Haut ihres Unterarms.
Es war eine flüchtige, minimale Berührung, doch sie wirkte wie ein elektrischer Schlag in der eiskalten Zelle. Kara zuckte nicht zurück. Sie hielt seinem Blick stand, während ihre Atmung flacher wurde. Sie spürte die Hitze seiner Haut – eine Überraschung für jemanden, der behauptete, im Eis geboren zu sein.
„Du suchst immer noch nach einer Schwachstelle in mir, nicht wahr?“, flüsterte sie, und ihre Stimme besaß einen rauen, intimen Unterton, der die Distanz zwischen ihnen augenblicklich auflöste.
Loki hielt inne, die Hand noch immer in der Nähe ihres Arms. Sein Blick glitt über ihre Lippen, hoch zu ihren Augen, und die Kälte in seinen grünen Pupillen schien für einen Moment von einem dunklen, hungrigen Feuer verzehrt zu werden. Seine Besessenheit von ihr war kein rationaler Plan mehr; sie war ein Verlangen, das ihn kontrollierte. Er fand die Unbeugsamkeit ihrer Seele so atemberaubend, dass es ihn fast schmerzte.
„Ich suche nicht nach einer Schwachstelle, Kara“, erwiderte er, und seine Stimme sank in ein tiefes, hypnotisches Raunen, das von den Wänden widerhallte. „Ich beobachte das Fundament. Ich möchte wissen, woraus eine Kryptonierin gemacht ist, wenn man ihr alles nimmt. Ihre Welt, ihre Kräfte, ihre Sonne. Und doch sitzt du hier und siehst mich an, als wäre ich derjenige, der in Ketten liegt.“
„Vielleicht bist du das auch“, sagte sie leise. Sie beugte sich ein Stück vor, sodass ihr Gesicht nur noch Handbreit von seinem entfernt war. Sie konnte die feinen Linien um seine Augen sehen, die Perfektion seiner Züge, die eine dunkle, gefährliche Anziehungskraft ausstrahlten. Sie verabscheute seine Taten, doch die schiere Intensität seines Wesens faszinierte sie auf eine Weise, die sie terronisierte. „Du bist an deine Vergangenheit gekettet, Loki. An die Enttäuschung deines Vaters, an den Ruhm deines Bruders. Du läufst im Kreis in diesem finsteren Palast, den du dir gebaut hast, und tust so, als wärst du frei. Aber du besuchst mich jeden Tag, weil ich die Einzige bin, die dir die Wahrheit sagt. Du bist einsam.“
Lokis Kiefermuskeln spannten sich an. Das Wort einsam hing zwischen ihnen wie eine physische Barriere, schwer und unbarmherzig. Er spürte den Drang, aufzustehen, sie anzuschreien, die Runen hochzudrehen, bis sie um Gnade flehte – doch die wachsende, obsessive Faszination für sie hielt ihn fest. Er wollte nicht gehen. Er wollte tiefer in diesen Abgrund blicken, den sie vor ihm öffnete.
„Einsamkeit ist der Preis für wahre Größe“, stieß er hervor, doch die gewohnte Arroganz in seiner Stimme klang brüchig, fast verteidigend. Er erhob sich langsam, wich jedoch keinen Schritt zurück. Er sah auf sie herab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, um das leichte Zittern seiner Finger zu verbergen. „Die Schwachen rotten sich in Herden zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen. Die Starken stehen allein im Sturm.“
„Und die Betrogenen?“, konterte sie, erhob sich ebenfalls und trat an das Limit ihrer Ketten, bis das Uru-Erz laut klirrend straffgezogen wurde. Sie stand ihm direkt gegenüber, die Brust hob und senkte sich schwer. „Wo stehen die, Loki? Stehen die in den Schatten und fangen Reisende ab, weil sie Angst vor dem Universum haben?“
Ein gefährliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen – ein Lächeln, das von einer tiefen, toxischen Verbundenheit zeugte. Er trat den letzten halben Schritt vor, sodass kein Raum mehr zwischen ihnen war. Er konnte die subtile Wärme ihres Körpers spüren, die trotz der roten Strahlung immer noch gegen die Kälte des Steins ankämpfte.
„Sie fangen keine Reisenden ab, Kara“, flüsterte er, und seine Augen fixierten die ihren mit einer Intensität, die sie fast physisch erzittern ließ. „Sie wählen ihre Gesellschaft sehr sorgfältig aus. Du glaubst, du bist ein Zufall. Du glaubst, dein Absturz war ein Missgeschick. Aber das Universum hat eine seltsame Art, Wesen zusammenzuführen, die dieselbe Sprache des Verlusts sprechen. Du hast niemanden mehr. Ich habe niemanden mehr. Wir sind die letzten Monarchen unserer eigenen Ruinen.“
Kara spürte, wie ihr Herz gegen ihre Rippen schlug. Sie wollte seinen Worten widersprechen, wollte ihm sagen, dass sie niemals wie er sein würde, doch die Wahrheit in seinen Augen war unerbittlich. Sie erkannte den spiegelnden Schmerz, den Stolz, die unnahbare Eleganz, die sie beide isolierte. Die gegenseitige Faszination hatte sich in den letzten Tagen unbemerkt in ein unsichtbares Netz verwandelt, das sie beide tiefer ineinander verstrickte. Sie hasste ihn für das, was er war – und doch gab es in diesem unendlichen, kalten Kosmos im Moment niemanden, der ihr so nah war wie dieser Gott der Lügen.
„Ich bin nicht deine Partnerin, Loki“, sagte sie, doch ihre Stimme verlor an Härte, klang fast wie eine Warnung an sich selbst.
„Nein“, erwiderte er, und seine Hand hob sich langsam, schwebte für einen unendlich langen Moment vor ihrer Wange, bevor er die Finger wieder sinken ließ, ohne sie berührt zu haben. Die Zurückhaltung war eine eigene Form der Folter für seine wachsende Besessenheit. „Du bist meine Gefangene. Und ich bin dein Wärter. Aber das bedeutet nicht, dass wir uns in der Dunkelheit nicht unterhalten können.“
Er wandte sich um, die Bewegung fließend und elegant wie immer, doch seine Schritte zum Tor waren weniger eilig als sonst. Er hielt die Hand auf dem eisernen Griff und blickte noch einmal über die Schulter zurück.
„Iss, Kara“, sagte er leise. „Morgen erwarte ich, dass du mir von den Gärten von Kandor erzählst. Ich möchte wissen, was für Blumen in einer Welt wachsen, die so kalt geworden ist wie die deine.“
Das Tor fiel ins Schloss. Das matte Rosa der Runen fing wieder an zu pulsieren, doch Kara starrte nur auf den Platz, an dem er gerade noch gestanden hatte. Die Kälte des Raumes schien kriechender zu sein als zuvor, und zum ersten Mal spürte sie nicht nur den Hunger nach der Sonne, sondern das dunkle, gefährliche Verlangen nach der Rückkehr ihres Wärters.