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Kapitel 6: Das Privileg der Macht

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Kapitel 6: Das Privileg der Macht

Es waren weitere zwei Tage vergangen, in denen die Luft in der Zelle so dick geblieben war, dass jedes Atmen Überwindung kostete. Das silberne Artefakt lag unberührt auf dem kleinen Mauervorsprung, genau dort, wo Loki es platziert hatte. Es war eine stumme Provokation aus poliertem Metall, eine Brücke zwischen zwei unversöhnlichen Welten. Kara hatte die meiste Zeit damit verbracht, das Objekt anzustarren. In ihrem Inneren tobte ein heftiger Konflikt. Das Angebot des asgardischen Prinzen war eine Demütigung, ein Pakt mit dem Teufel, der alles verriet, woran sie jemals geglaubt hatte. Und doch spürte sie, wie die chronische Schwäche an ihrer Substanz zehrte. Ihre Zellen hungerten. Aber mehr noch als nach physischer Erholung sehnte sie sich nach etwas anderem: Sie wollte ihn sehen, wenn die Machtverhältnisse sich verschoben. Sie wollte wissen, ob seine hochmütige Eleganz standhielt, wenn sie nicht mehr die Wehrlose in Ketten war.

Loki hatte die Festung in diesen achtundvierzig Stunden kaum verlassen. Seine Diener tuschelten bereits in den finsteren Korridoren über die ungewöhnliche Abwesenheit ihres Herrn. Er vernachlässigte seine Pläne, das kleine Reich zu vergrößern; er ignorierte die Berichte über die Bewegungen der kosmischen Fraktionen. Seine gesamte Existenz hatte sich auf diese eine, unterirdische Kammer verengt. Seine Besessenheit von Kara Zor-El hatte eine Intensität erreicht, die ihn selbst erschreckte. Er, der Gott der Lügen, der Meister der mentalen Schachtzüge, war Gefangener seiner eigenen Faszination geworden. Er wollte nicht mehr nur ihre Geheimnisse; er wollte ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Das Wissen, dass sie über seine Worte nachdachte, dass sie seine Nähe ebenso intensiv registrierte wie er die ihre, berauschte ihn mehr als jeder asgardische Wein.

Als das schwere Eisentor an diesem Tag aufschritt, gab es kein Zögern mehr in seinen Schritten. Er trat mit einer beinahe feierlichen Langsamkeit in den Raum. Er trug keine Rüstung, keine goldenen Beschläge, nur eine schlichte, schwarze Tunika, die seine schmale, aber sehnige Statur betonte. Seine grünen Augen suchten sofort die ihren.

„Die Frist ist verstrichen, Kara“, sagte er leise, und seine Stimme besaß ein tiefes, raues Zittern, das die mühsam aufrechterhaltene Distanz sofort vaporisierte. „Hast du dich entschieden? Wählst du die stolze Agonie oder das Privileg der Macht?“

Kara stand auf. Sie tat es ohne das übliche, mühsame Abstützen an der Wand. Sie trat vor, bis die Uru-Ketten straffgezogen waren, griff nach dem silbernen Gehäuse und hielt es ihm entgegen. Ihre blauen Augen brannten mit einer kalten, unberechenbaren Entschlossenheit.

„Ich wähle die Wahrheit, Loki“, erwiderte sie, und ihre Stimme war flüsterleise, aber von einer enormen Tragweite. „Mal sehen, ob dein Versprechen so viel wert ist wie dein Stolz.“

Sie drückte ihren rechten Daumen auf die glatte, matricierte Oberfläche des Artefakts. Für einen Herzschlag passierte nichts. Dann flammte eine feine, neonblaue Linie entlang der Bruchkanten des Metalls auf. Ein leises, melodisches Summen ertönte, als das Gehäuse Karas kryptonische DNS registrierte. Es gab ein mechanisches Klicken, und das Objekt öffnete sich wie eine metallische Blüte, um einen kleinen, perfekt geschliffenen Kristall freizugeben.

Gleichzeitig erhob Loki die Hand. Er sah sie unverwandt an, während seine Finger eine komplexe, fließende Geste in die Luft zeichneten. Seine asgardische Magie, ein schimmernder Nebel aus smaragdgrünem Licht, schoss aus seinen Fingerspitzen und legte sich über die blutroten Runen an den Wänden. Mit einem tiefen, fast schmerzhaften Seufzen des Steins erlosch die künstliche Strahlung der roten Sonne. Das matte Rosa verblasste zu einem leblosen Grau.

Die Veränderung war augenblicklich und monumental.

Kara keuchte auf. Es war kein Schmerzensschrei, sondern das Geräusch einer Ertrinkenden, die nach Wochen an der Oberfläche die Lungen mit Sauerstoff füllt. Ihre Augen weiteten sich, die Pupillen verengten sich scharf, als die kosmische Energie in ihren Körper zurückschoss. Das Uru-Erz und die Magie, die sie gefesselt hielten, reichten nicht mehr aus, um den plötzlichen Überdruck an biologischer Macht zu dämmen. Ihre Haut begann in einem subtilen, fast unmerklichen weißen Licht zu glimmen, während sich ihre Muskeln anspannten.

Mit einer einzigen, fließenden Bewegung ihrer Unterarme riss sie nach vorn. Das massive Uru-Erz, das selbst Götter im Zaum halten konnte, hielt der rohen, ungefilterten Kraft einer Kryptonierin nicht stand. Mit einem ohrenbetäubenden, metallischen Knallen zersprangen die Glieder der Ketten in tausend Stücke, die wie Schrapnelle gegen die schwarzen Steinwände flogen.

Staub und Funken wirbelten durch die Zelle. Als sich der Rauch legte, stand Kara frei. Ihre Haltung war perfekt, die Schultern gestrafft, das blonde Haar schien durch die reine Energie, die sie umgab, fast zu schweben. Sie war wieder die unbesiegbare Kriegerin, die Göttin des Lichts. Sie hätte diesen Raum mit einem einzigen Sprung verlassen können. Sie hätte Loki an die Wand schleudern und seinen Schädel zertrümmern können, bevor er überhaupt ein Wort der Magie hätte flüstern können.

Doch sie tat es nicht.

Loki stand vollkommen unbeweglich da. Seine Arme hingen locker an den Seiten, keine schützende Geste, kein Zurückweichen. Seine Brust hob und senkte sich in einem schnellen, flachen Rhythmus. Er hatte sich bewusst der ultimativen, tödlichen Gefahr ausgesetzt. Er wusste, was sie tun konnte. Er wusste, dass sein Leben in diesem Moment an einem seidenen Faden hing, der nur von ihrem Willen gehalten wurde. Und genau dieses Wissen befeuerte seine obsessive Faszination bis zum Äußersten. Das Adrenalin, die pure, ungefilterte Angst, gepaart mit der grenzenlosen Bewunderung für ihre physische Perfektion, ließ ihn innerlich brennen. Er sah sie an, und in seinen Augen lag kein Flehen, sondern ein hungriges, fast wahnsinniges Vergnügen.

„Du bist wunderschön, wenn du mächtig bist“, flüsterte er, und seine Stimme war rau, fast atemlos. Er tat einen langsamen Schritt auf sie zu, stellte sich direkt in den Radius ihrer Reichweite. „Nun? Worauf wartest du, Supergirl? Die Ketten sind zerbrochen. Ich bin ungeschützt. Nimm deine Rache.“

Kara spürte das unbändige Dröhnen der Kraft in ihren Adern, ein berauschendes Gefühl von Freiheit. Doch als sie in seine grünen, abgründigen Augen blickte, spürte sie auch das dichte, unsichtbare Netz, das sie in den letzten Wochen um sie beide gewebt hatten. Die psychologische Bindung war bereits zu tief. Sie verabscheute seine Grausamkeit, doch sie war fasziniert von seiner absoluten Furchtlosigkeit, von seiner Bereitschaft, vor ihr die Kontrolle zu verlieren. Sie waren keine Feinde mehr, die sich in einem sterilen Verlies belauerten; sie waren zwei Wesen, die sich in der Intensität ihres gegenseitigen Verlangens verloren hatten.

Sie trat vor, und ihre Bewegung war so schnell, dass das menschliche Auge sie nicht hätte erfassen können. Sie stoppte erst, als ihre Brust seine berührte. Sie hob die Hand, und ihre Finger, nun wieder von stählerner Härte, schlossen sich fest um seine Kehle. Sie drückte ihn rückwärts, bis sein Rücken mit einem dumpfen Schlag gegen die kalte Steinwand prallte.

Loki keuchte kurz auf, als ihr Griff ihm die Luft abschnitt, doch das Lächeln auf seinen Lippen verschwand nicht. Er legte seine Hände auf ihre Handgelenke, nicht um ihren Griff zu lockern, sondern um die rohe, vibrierende Hitze ihrer Haut zu spüren. Die körperliche Spannung zwischen ihnen explodierte in einer Welle aus purer, dunkler Leidenschaft.

„Du hast keine Angst vor mir“, stellte sie leise fest, und ihre Stimme war ein gefährliches, tiefes Grollen, das direkt an seinem Ohr vibrierte. Ihr Gesicht war nur Zentimeter von seinem entfernt. Sie konnte den rasenden Herzschlag in seiner Halsschlagader spüren. „Ich könnte dein Leben mit einem einzigen Fingerzeig beenden, Asgardianer. Ich könnte dich für alles büßen lassen, was du mir angetan hast.“

„Dann tu es“, raunte er gegen ihre Lippen, und sein Atem vermischte sich mit ihrem. Seine Augen brannten mit einer besessenen, unheilvollen Tiefe. „Brich mich, Kara. Lösche den Schatten aus. Aber du wirst es nicht tun. Weil du genau weißt, dass du in diesem gesamten, gottverlassenen Universum niemanden finden wirst, der deine Finsternis so gut versteht wie ich. Du brauchst mich. Genauso wie ich dich brauche, um zu wissen, dass ich noch lebe.“

Kara starrte ihn an, und für einen unendlich langen Moment wankte ihre Entschlossenheit. Die Anziehungskraft zwischen ihnen war wie ein schwarzes Loch, das jede Vernunft in sich aufsaugte. Sie sah die Symmetrie seiner Züge, das verletzliche, hungrige Raubtier hinter der göttlichen Maske, und sie spürte das brennende Verlangen, diese unerträgliche Distanz endgültig zu vernichten. Ihr Griff um seine Kehle lockerte sich minimal, ihre Finger strichen fast unbewusst über die feine Haut seines Halses, hinterließen eine Spur aus intensiver Wärme.

Sie waren frei von den Ketten der Vergangenheit, frei von den Regeln ihrer Welten. In der totalen Stille des Schattenthron-Archipels existierten nur noch Er und Sie – zwei gefallene Götter, die in der Glut ihres gegenseitigen Hasses die einzige Wahrheit gefunden hatten, die ihnen geblieben war.