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Kapitel 8: Das Zittern der Festung

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Kapitel 8: Das Zittern der Festung

Der Atem der Dunkelheit lag schwer zwischen ihnen, als sich ihre Lippen voneinander lösten. Das leise, unbarmherzige Summen der toten Runen war das einzige Geräusch, das die Stille der Kammer durchschnitt, doch in Karas Ohren dröhnte das Echo ihres eigenen Herzschlags wie das Donnern eines sterbenden Planeten. Ihre Stirn lag noch immer an der seinen. Sie konnte die intensive, kühle Feuchtigkeit auf Lokis Haut spüren, das unregelmäßige Heben und Senken seiner Brust, das so perfekt auf ihren eigenen, rasanten Rhythmus abgestimmt war. Seine Hände ruhten noch immer an ihrer Taille, die Finger tief in den zerrissenen Stoff ihres Anzugs gekrallt, als würde er befürchten, dass sie sich in Luft auflösen könnte, wenn er den Griff lockerte.

Doch die Hitze der Ekstase, die sie eben noch wie flüssiges Sonnenlicht durchflutet hatte, begann mit erschreckender Geschwindigkeit einer eisigen Erkenntnis zu weichen.

Kara blinzelte. Das weiße Glühen auf ihrer Haut, das Zeichen ihrer wiedererwachten kryptonischen Macht, flackerte und erlosch, bis nur noch das fahle, graue Dämmerlicht des Raumes ihre Züge erhellte. Ein plötzlicher, heftiger Schock durchfuhr ihr gesamtes Nervensystem – kein physischer Schmerz, sondern eine mentale Erschütterung, die das Fundament ihres Wesens ins Wanken brachte.

Was habe ich getan?

Der Gedanke schlug ein wie ein Meteor. Sie, Kara Zor-El, die Tochter von Krypton, die Hüterin der Hoffnung, hatte sich den Armen eines Gottes hingegeben, der vor wenigen Tagen noch ihr Peiniger gewesen war. Sie hatte den Mann geküsst, der sie in Ketten gelegt, ihre Zellen mit dem Gift einer roten Sonne infiziert und sie wie eine Trophäe in der Dunkelheit bewundert hatte. Und das Schlimmste daran war nicht die Tat an sich – es war die Tatsache, dass sie es gewollt hatte. Dass jede Faser ihres Körpers nach seiner Berührung geschrien hatte. Sie hatte nicht kapituliert; sie war über ihn hergefallen mit einem Verlangen, das so ungezähmt und rücksichtslos gewesen war, dass es sie zutiefst erschreckte. Sie hatte die Kontrolle verloren. Vor ihm.

Mit einer plötzlichen, fast gewaltsamen Bewegung stieß sie sich von seiner Brust ab. Ihre neu gewonnene Kraft ließ Loki zwei Schritte zurücktaumeln, bevor er das Gleichgewicht wiederfand. Seine Hände glitten leer durch die Luft, und für den Bruchteil einer Sekunde blitzte ein Ausdruck von nacktem, verletztem Hunger in seinen grünen Augen auf, bevor die vertraute, unnahbare Maske des asgardischen Prinzen wieder über sein Gesicht glitt.

Kara wich zurück, bis ihre Waden gegen das zerbrochene Uru-Erz der Ketten stießen, die auf dem Boden lagen. Sie atmete schwer, hielt die Hand vor ihren Mund, als könnte sie den Geschmack seiner Lippen so ungeschehen machen. Ihre Augen waren weit aufgerissen, erfüllt von einer tiefen, inneren Panik.

„Geh weg von mir“, flüsterte sie, und ihre Stimme zitterte – nicht vor Schwäche, sondern vor dem blanken Entsetzen über sich selbst.

Loki stand vollkommen unbeweglich da. Seine Arme hingen locker an den Seiten, doch seine Finger ballten sich langsam zu Fäusten. Seine Augen waren dunkler denn je, die Pupillen so weit geöffnet, dass das Smaragdgrün fast vollständig verschwunden war. Seine Besessenheit von ihr hatte durch diesen Kuss keine Linderung erfahren; sie war zu einer unkontrollierbaren Flamme geworden. Er sah ihre Panik, sah, wie sie sich vor ihrer eigenen Leidenschaft fürchtete, und ein kaltes, besitzergreifendes Gefühl der Befriedigung mischte sich unter sein Verlangen. Sie konnte seine Macht brechen, sie konnte seine Ketten zerreißen – aber sie konnte die Bindung nicht mehr leugnen, die sie im Dunkeln geschmiedet hatten.

„Es ist ein wenig spät für Reue, findest du nicht, Kara?“, raunte er, und seine Stimme war so tief und rau, dass sie wie physischer Druck auf ihre Haut wirkte. Er tat keinen Schritt auf sie zu, doch seine Präsenz füllte den Raum vollständig aus. „Du hast mich an diese Wand gepresst. Du hast dir genommen, was du seit Wochen begehrst. Such die Schuld nicht bei mir, nur weil dir die Intensität deiner eigenen Natur Angst macht.“

„Schweig!“, stieß sie hervor, und in ihren blauen Irisen flammte für einen kurzen Moment ein bedrohliches, rotes Glühen auf – das erste Zeichen ihrer Hitzevision, das durch ihre emotionale Instabilität getriggert wurde. Sie presste die Hände an die Schläfen, versuchte, das Chaos in ihrem Kopf zu ordnen. „Das war ein Fehler. Ein schwacher, erbärmlicher Fehler. Du hast mich manipuliert. Das ist es, was du tust, oder? Du bist der Gott der Lügen. Du hast die Strahlung gesenkt, du hast mir dieses... dieses Artefakt gebracht, nur um mich genau dorthin zu treiben, wo du mich haben willst!“

Loki lachte leise auf – ein trockenes, freudloses Geräusch, das von den feuchten Steinwänden widerhallte. Er trat einen langsamen Schritt vor, und die unnahbare Eleganz seiner Bewegungen war wieder perfekt, auch wenn seine Augen eine ganz andere, hungrige Sprache sprachen.

„Glaubst du das wirklich?“, fragte er leise, und ein gefährlicher Spott schwang in seinen Worten mit.

„Glaubst du ernsthaft, ich könnte eine Kryptonierin dazu zwingen, mich so zu küssen, als gäbe es kein Morgen mehr? Ich mag der Meister der Illusionen sein, Kara, aber das eben... das war die reinste Realität, die diese Festung je gesehen hat. Du hast mich nicht geküsst, weil ich dich belogen habe. Du hast mich geküsst, weil du genauso einsam und ausgehungert bist wie ich. Weil du das Raubtier in mir erkennst und weißt, dass niemand sonst im Universum die Kraft hat, dich zu halten.“

„Ich bin kein Raubtier!“, rief sie, und ihre Stimme brach. Sie wandte sich von ihm ab, starrte auf das silberne Artefakt, das noch immer geöffnet auf dem Mauervorsprung lag. Der kleine, glänzende Kristall in seinem Inneren schien sie stumm anzuklagen. Sie fühlte sich beschmutzt von ihren eigenen Gefühlen, betrogen von der Chemie ihres eigenen Körpers. Sie war Kara Zor-El. Sie sollte für Gerechtigkeit stehen, für Reinheit. Wie konnte sie sich nach der Dunkelheit sehnen, die dieser Mann verkörperte?

Loki beobachtete sie von hinten. Er sah das leichte Zittern ihrer Schultern, die Anspannung in ihrem Rücken. Seine Obsession trieb ihn dazu, die Distanz wieder zu vernichten, sie von hinten zu umarmen, seine Lippen wieder auf ihren Hals zu setzen und sie so lange zu halten, bis sie aufhörte zu kämpfen. Doch er hielt sich zurück. Die kühle, defensive Distanz, die sie nun aufbaute, war eine Herausforderung, die sein strategisches Denken herausforderte. Er verstand ihren Schock; er wusste, wie es war, wenn das eigene Selbstbild in Stücke brach. Er hatte dasselbe erlebt, als er von seiner wahren Herkunft erfahren hatte.

„Du kannst die Mauern wieder hochziehen, wenn es dir Trost spendet“, sagte er leise, und die Schärfe verschwand aus seiner Stimme, ersetzt durch eine unheimliche, fast zärtliche Ernsthaftigkeit. „Du kannst dir einreden, dass da nichts ist. Aber wir beide wissen, dass der Pakt geschlossen ist. Die Runen sind für drei Tage erloschen, Kara. Du hast deine Macht zurück. Du könntest mich jetzt töten. Du könntest diese Festung in Schutt und Asche legen.“

Kara drehte sich langsam wieder zu ihm um. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, ihr Atem hatte sich etwas beruhigt, doch der Schock saß tief in ihren Augen. Sie sah ihn an – sah den Mann, der sich ihr ohne Schutz auslieferte, obwohl er wusste, dass sie ihn vernichten konnte. Diese absolute Furchtlosigkeit, diese obsessive Hingabe an das Risiko faszinierte sie auf eine Weise, die sie innerlich vernichtete.

„Warum tust du das?“, fragte sie flüsterleise. „Warum riskierst du dein Leben für... dafür?“

Loki trat bis auf einen Meter an sie heran. Er sah ihr direkt in die Augen, und für einen flüchtigen Moment fiel jede Maske von seinem Gesicht. „Weil es das erste Mal seit Jahrhunderten ist, dass ich mich nicht wie ein Geist fühle, Kara. In deiner Gegenwart bin ich kein Schatten. Ich bin nicht der zweite Sohn. Ich bin einfach nur ich. Und wenn der Preis dafür ist, dass ich von einer Göttin des Lichts vernichtet werde... dann ist es ein Preis, den ich bereit bin zu zahlen.“

Die Worte hingen zwischen ihnen wie ein ungeschriebenes Gesetz, schwer, düster und von einer Intensität, die Karas inneren Widerstand langsam, aber unaufhaltsam erodieren ließ. Der Schock über sich selbst war noch da, doch darunter begann das Verlangen erneut zu keimen – eine dunkle, unaufhaltsame Macht, die sie beide tiefer in den Abgrund reißen würde.