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Kapitel 10

Der Unerwünschte Zusammenhang Von Sex Und Liebe — www.fanfiktion.de · All chapters

Kapitel 10

Hallo zusammen,

heute geht es wieder ganz regulär weiter. Keine Sorge, auch diejenigen, die das letzte Kapitel übersprungen haben, werden wissen, was passiert ist. ;-)

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Kapitel 10:

Unwillig murrend, will sich Darius zur Seite drehen, weil ihn ein vorwitziger Sonnenstrahl an der Nase kitzelt, aber irgendwie geht das nicht. Etwas Schweres liegt auf seiner Schulter, weshalb er blinzelnd die Augen öffnet und auf den schlafenden Steve blickt, der ihn als Kopfkissen benutzt.

Verwirrt runzelt er die Stirn, um sich an die vergangene Nacht zu erinnern, stöhnt dann aber vor Verzweiflung unterdrückt auf. Hatte er sich nicht noch am Mittwoch geschworen, dass er sich Steve aus dem Kopf schlagen und die Nacht mit ihm vergessen würde?

Vorsichtig versucht er, sich von ihm zu lösen, ohne ihn aufzuwecken.

Dann schlingt sich plötzlich ein Arm um ihn und Steve öffnet verschlafen die Augen. »Wo willst du denn hin? Es ist doch noch früh«, murmelt er mit vom Schlaf heiserer Stimme und richtet sich langsam auf. Dabei verzieht er das Gesicht, als ein ungewohnter Schmerz durch seinen Körper rast.

»Ich wollte nur auf’s Klo«, erwidert Darius schon beinahe schnippisch, während er sich auf die Bettkante setzt, mustert Steve aber besorgt, als er dessen schmerzverzerrtes Gesicht bemerkt. »Alles in Ordnung?«, fragt er ihn mit einem plötzlich schlechten Gewissen, hat er doch nicht wirklich viel Rücksicht auf die Unerfahrenheit seines Partners genommen, als die Lust mit ihm durchging.

Mit einem Seufzen lässt sich Steve wieder auf die Matratze fallen. »Ich spüre jeden einzelnen Muskel in meinem Unterleib und mein Hintern brennt wie Feuer. Verdammt, was haben wir gestern Nacht nur getrieben? Und sag jetzt nicht, dass wir gevögelt haben. Das weiß ich selbst!«

Ein erleichtertes Lachen unterdrückend, entspannt sich Darius wieder. »Wir haben gevögelt – ohne Gleitmittel. Darum brennt dein Hintern so. Du bist es offensichtlich nicht gewohnt, wenn man dich so richtig hart durchfickt«, neckt er Steve und beugt sich über ihn. »Aber es war geil«, raunt er heiser und haucht ihm einen schnellen Kuss auf die weichen Lippen. Nur, um sich dann ruckartig aufzurichten. »Aber jetzt muss ich aufs Klo.« Er springt aus dem Bett und verschwindet im Bad.

Dort starrt er sprachlos die Ausstattung aus edlem Porzellan und rosa Marmor an. Das Bad ist zwar klein und verfügt nur über eine Dusche, aber es ist deutlich luxuriöser, als er es von anderen Hotels kennt. Leer schluckend geht er in die Dusche, wo er vergeblich den Duschkopf sucht. Schließlich zuckt er mit den Schultern und stellt sich das Wasser auf eine angenehme Temperatur ein. Als er es aufdreht, starrt er sprachlos an die Decke, aus der es aus winzigen Öffnungen auf ihn herunterregnet. »Eine Regendusche!«, rutscht es ihm ungläubig raus. Unwillkürlich fragt er sich, wie viel dieses Zimmer kostet.

Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend verlässt er, nur mit einem Handtuch bekleidet, das Badezimmer, um dann schon wieder sprachlos stehenzubleiben: Neben dem kleinen Tisch, der vor einem der beiden schmalen Fenster steht, befindet sich jetzt ein Servierwagen mit einem reichhaltigen Frühstück. Kurz wandern seine Augen zu der herrlichen Aussicht auf die Bucht von Ninechurch, bevor er zu Steve blickt, der in Shorts und offenem Hemd dasitzt und einen Kaffee trinkt.

»Wann ist denn das gekommen?«, möchte er ungläubig wissen und zieht sich seine schwarzen Shorts an, bevor er sich ihm gegenüber hinsetzt.

»Vor fünf Minuten. Ich dachte, dass ich genauso gut das Frühstück bestellen kann, während du im Bad bist und dich frisch machst.« Mit einer vorsichtigen Bewegung greift Steve nach der Kaffeekanne und füllt die Tasse neben Darius’ Teller.

»Sag mal, wie viel kostet das alles hier eigentlich? Ich meine, das hier schreit doch geradezu nach mindestens fünf Sternen. Das kann ich mir doch niemals leisten! Auch wenn ich nur die Hälfte bezahle.«

Erstaunt stellt Steve seine gerade angehobene Kaffeetasse wieder ab. »Wie kommst du darauf, dass du die Hälfte von dem Zimmer hier bezahlen musst? Schließlich hast du mir gesagt, dass du keinen Führerschein besitzt und ich habe dennoch zu viel getrunken, um noch fahren zu dürfen. Außerdem habe ich dich eingeladen. Habe ich dir das nicht gesagt?« Ehrlich verwirrt mustert er Darius, der ihn sprachlos anstarrt. Sich aber dann räuspert.

»Ja, zum Essen, aber doch nicht für die Übernachtung. Ich will auch nicht, dass du das alles allein bezahlst. Du hast schon im Uranus …«, mitten im Satz bricht er ab und greift nach seinem Kaffee, um seine plötzliche Verlegenheit zu überspielen.

»Was habe ich im Uranus?«, fragt Steve sanft und beugt sich dabei leicht nach vorn. Bei dem plötzlichen Ziehen in seinem Hintern muss er sich allerdings beherrschen, um nicht das Gesicht zu verziehen. »Den Champagner übernommen? Darius, ich habe dich dort einfach eingeladen, ohne dich zu fragen, ob du das überhaupt willst, und ja, ich habe es gestern wieder getan. Und ich bereue es nicht. Weder, dass ich dich zum Essen und Trinken eingeladen habe, noch die beiden Nächte mit dir«, stellt er leise, aber dafür eindringlich klar. »Auch wenn ich in den nächsten Tagen ein Hemd mit etwas höherem Kragen tragen muss.« Verschmitzt grinsend deutet er auf den deutlich sichtbaren Knutschfleck an seinem Hals. »Zum Glück sitzt er nicht weiter oben, sonst müsste ich noch mit einem Schal rumlaufen und das wäre bei den Temperaturen dann doch etwas auffällig.«

Darius betrachtet die deutlich verfärbte Stelle und kann sich ein Gefühl des Stolzes nicht verkneifen. »Ich habe dich markiert und das ist auch gut so!« Todernst sieht er Steve in die Augen, der den Blick mit Unverständnis erwidert. »Du glaubst doch nicht, dass ich dich so schnell wieder gehen lasse? Normalerweise schlafe ich nie mehr als einmal pro Jahr mit dem gleichen Kerl.« Bewusst langsam streckt er seinen Arm aus und legt die Hand in Steves Nacken, zieht ihn so weit wie möglich zu sich, um ihn kurz, aber dafür besitzergreifend zu küssen. »Du gehörst mir. Oder siehst du das anders?«, möchte er mit einem Blitzen in den Augen wissen.

Steve erschauert. »Nein, ich sehe das nicht anders. Aber ist dir bewusst, dass es nicht leicht für dich werden wird, wenn das rauskommt?« Ernst sieht er Darius an, der sich nun wieder entspannt zurücklehnt, ohne dabei den Blickkontakt zu unterbrechen.

»Ja, das ist mir bewusst, aber von Schwierigkeiten habe ich mich noch nie abhalten lassen.«

Steve seufzt erleichtert. »Gut, dann wagen wir es.« Er lächelt warm und greift wieder nach seiner Tasse. Gleich darauf spürt er Darius’ Finger auf den seinen.

»Ich nenne dir jetzt meine einzige Bedingung, sonst vergessen wir die beiden Nächte und machen so weiter, als wäre nichts gewesen.« Ernst sieht Darius in Steves Gesicht, das ihm das Wechselbad von dessen Gefühlen verrät. »Wir werden auch weiterhin Beruf und Privat streng trennen. In der Firma bin ich dein Angestellter und du bist der CEO, mein oberster Chef. Nicht mehr und nicht weniger. Privat will ich mich möglichst wenig über das, was in der Firma passiert, unterhalten«, stellt er in einem Tonfall klar, der Steve unwillkürlich leer schlucken lässt.

»Einverstanden. Anders geht es auch gar nicht.«

Steves Hand wieder loslassend, lehnt sich Darius zurück. »Gut. Da wir das jetzt geklärt haben … ich habe Hunger und der Kaffee wird kalt. Außerdem will ich nicht mit leerem Magen aus dem Zimmer geworfen werden.« Er greift nach einem noch warmen Brötchen und füllt seinen Teller mit Rührei und gebratenen Pilzen.

Schon nach dem ersten Bissen schließt Darius voller Genuss die Augen. »Herrlich. Die machen auch das Frühstück nahezu perfekt.«

Als Steve Darius Reaktion sieht, kann er sich ein warmes Lächeln nicht verkneifen. »Ja, die haben mehrere Michelinsterne. Vier oder Fünf, wenn ich mich nicht täusche und der Chefkoch hat schon auf der halben Welt gearbeitet«, meint Steve versonnen. »Wenn du also mal richtiges Sushi oder originales chinesisches Essen probieren willst, musst du nur früh genug Bescheid geben, dann bereitet er dir das zu.«

Erstaunt blickt Darius über den Tisch hinweg zu Steve. »Und woher weißt du das jetzt schon wieder? Ach ja, weil du den Chefkoch kennst«, fällt ihm ein.

»Genau, ich bin mit Gareth zur Schule gegangen. Ich stelle ihn dir gern mal vor, wenn du möchtest.«

»Ja, stimmt«, murmelt Darius und beißt sich auf die Lippen, bis er Steves Finger auf seiner Wange spürt.

»Nicht, sonst beißt du dir die Lippe noch blutig«, raunt dieser ihm zu und zieht dann die Hand wieder zurück. Aber nicht, ohne dabei mit den Fingerspitzen sanft über die weiche und zugleich feste Haut zu streicheln.

Ein angenehmes Kribbeln bleibt auf Darius’ Haut zurück, wo Steve ihn gerade gestreichelt hat. »Danke, für den Hinweis«, erwidert er mit seltsamerweise heiserer Stimme, ehe er sich räuspert und nach seiner Tasse greift, um noch einen Schluck von dem wirklich guten Kaffee zu nehmen. »Also, eins ist klar …«

»Und was?«, fragt Steve neugierig.

»Ich muss mehr Kaffee kaufen. Damit ich auch genug da habe, wenn du bei mir übernachtest«, erklärt er breit grinsend, ehe er sich wieder seinem Essen widmet. »Ach ja. Du hast mir noch nicht verraten, bis wann wir hier raus sein müssen.«

»Wir können uns Zeit lassen«, meint Steve schmunzelnd.

Erleichtert nickt Darius und legt sich noch zwei knusprige Speckstreifen auf den Teller. Während er isst, sieht er sich das Zimmer nun das erste Mal richtig an: Die Wände sind in einem warmen Ton gestrichen, der ihn an die Farbe erinnert, die die Sonne am Morgen in den Nebel zaubert. Zudem sind sie auch nicht wirklich flach verputzt. Es sieht eher so aus, als hätte der Innenarchitekt gerade genug Putz auftragen lassen, dass die schlimmsten Ecken und Kanten geglättet sind und die Wände gestrichen werden können. Das breite Bett ist aus einem dunklen Holz gefertigt und sollte eigentlich durch seine Größe viel zu massiv wirken, aber irgendwie ist es so filigran gestaltet, dass es sich zusammen mit den beiden ebenfalls dunklen Nachttischchen an den Seiten sehr gut in das Gesamtbild einfügt. Der runde Tisch, an dem sie jetzt sitzen, ist gerade groß genug, dass zwei Personen bequem auf den mit beigem Stoff bezogenen Stühlen sitzen und essen können. Das einzige weitere Möbelstück ist ein kleiner Sekretär, auf dem ein ebenso kleiner Fernseher steht. Einen Balkon hat das Zimmer nicht, dafür können sie durch das schmale Fenster, das entfernt an eine Schießscharte erinnert, direkt auf die Bucht blicken und das Meer im Morgenlicht glitzern sehen. Darius genießt die Stille und die Aussicht, wobei er Steve innerlich dankt, dass er diesen Moment auch zu würdigen scheint.

Es ist kurz vor elf, als sie das Zimmer verlassen und den leicht gekrümmten Gang entlanggehen. Erst jetzt fällt Darius auf, dass die Wände hier weder gestrichen noch verputzt sind. Im Gegenteil sie sind so nackt wie die Außenwände und so kann er deutlich die Struktur der etwa kopfgroßen Vulkangesteinquader erkennen, deren Farbe von einem marmorierten Grau bis zu einem leichten Braunton reicht. Er legt einen Finger auf eine der hellgrauen Fugen und überlegt, mit was diese wohl aufgefüllt worden sind. Für ihn sieht es wie eine Kalksteinmischung aus, aber er hat von Architektur und allem, was damit zusammenhängt, leider überhaupt keine Ahnung und auch noch nie darüber nachgedacht, wie der Tonum einst erbaut wurde.

»In diesen Gängen war ich noch nie. Sind die der Öffentlichkeit überhaupt zugänglich?«, spricht er gedankenverloren seine Überlegungen aus und zuckt erschrocken zusammen, als er plötzlich Steves Hand auf seiner Schulter spürt.

»Gareth hat mir mal erzählt, dass dieser Teil der Festung nur für Gäste des Restaurants reserviert ist, die auch hier übernachten. Buchen kann man die Zimmer nicht. Es ist wirklich nur ein Service, den sie anbieten, wenn man hier zu Abend isst und nicht mehr nach Hause fahren möchte. Es ist also ein richtiger Geheimtipp.«

Über die Schulter blickend, hört Darius fasziniert Steves Worten zu. »Darum habe ich noch nie davon gehört, dass man hier oben übernachten kann …«

Noch ein paar Sekunden versinken ihre Blicke ineinander, ehe Steve seine Hand zurückzieht und sich in Richtung der Restauranttür umwendet.

»Lass uns gehen und dann schauen wir mal, was wir heute noch so machen können. Oder was meinst du?« Mit einem unsicheren Blick sieht Steve noch einmal zu ihm, bevor er einfach weitergeht.

Darius schmunzelt, als er ihm gemächlich folgt und dabei die Aussicht genießt – damit meint er nicht den Blick durch die Schießscharten, die auf beiden Seiten das Licht in den Gang lassen.

Als Steve den Zimmerschlüssel abgibt und dafür die Quittung erhält, stellt Darius sich neben ihn und versucht, einen Blick auf den Betrag zu erhaschen, doch er kann gerade mal das Logo des Stronghold erkennen, ehe das Papier zusammengefaltet in Steves Portemonnaie verschwindet.

***

Als sie draußen auf der Zugbrücke stehenbleiben, zieht Darius tief die würzige Morgenluft in seine Lungen. Hier oben dominiert der Duft von nassem Laub, Fichtennadeln und Blumen, während näher an der Küste der salzige Geruch des Meeres unverkennbar ist. »Darf ich wissen, wie viel dich das alles gekostet hat?«, wendet er sich zu Steve um, lächelt ihn aber trotz der Frage warm an.

Seufzend ergreift Steve Darius’ Hand und streichelt mit dem Daumen über den Handrücken, während er ihm tief in die Augen sieht. »Es ist nicht wichtig. Das, was ich für das Essen und das Zimmer ausgegeben habe, ist nicht mehr, als ich bei einer einzigen Geschäftsreise an Spesen abrechne. Reicht dir das als Antwort?« Mit einem um Verständnis bittenden Blick hebt er die Hand an die Lippen und haucht ihm einen kleinen Kuss auf die Knöchel.

Darius’ Herz macht einen Sprung, als er den Kuss spürt, und sein Mund wird schlagartig trocken. »Steve«, murmelt er und muss sich doch tatsächlich räuspern, ehe er weitersprechen kann. »Ich will nicht, dass du alles bezahlst. Ich will nicht, dass du glaubst, dass ich mich nur wegen deines Geldes mit dir abgebe. Es ist mir nämlich scheißegal, wie reich du bist. Verstehst du?«

Die neugierigen Blicke der wenigen Besucher ignorierend, legt Steve seine Hand auf Darius’ Wange und haucht ihm einen Kuss auf die Lippen. »Gut, dann werde ich dich in Zukunft nicht mehr einladen«, raunt er ihm mit einem verschmitzten Grinsen zu, das seine Worte Lügen straft.

Resigniert murmelt Darius leise: »Du wirst es wieder tun, das sehe ich dir an. Nur lass mich dich auch ab und zu mal einladen. Dann lernst du die Küche der einfachen Leute kennen. Es sind nämlich keine Michelinsterne nötig, um gut essen zu können.«

Er wendet sich nun zum Gehen um, lässt dabei Steves Hand aber nicht los, sodass sie händchenhaltend dem schmalen Pfad, der neben dem Hauptweg hinunter zum Parkplatz führt, entlangschlendern.

»Den Weg kannte ich bis jetzt noch gar nicht«, sagt Steve nach einer Weile leise, als würde er den Frieden des Waldes um sie herum nicht durch zu laute Worte stören wollen.

»Tja, das ist der inoffizielle Weg, den kaum ein Tourist jemals gehen wird, weil er nirgendwo eingezeichnet ist und man ihn nur am Anfang und am Ende des Hauptweges sieht. Das ist auch gut so, denn sonst könnte ich das hier nicht machen.«

Mehr Vorwarnung bekommt Steve nicht, schon wird er an einen Baumstamm gepresst und spürt Darius’ Lippen auf den seinen. Der Kuss ist langsam und sinnlich und sie schnappen beide nach Luft, als sie sich wieder voneinander lösen. Tief sehen sie sich in die Augen, als der plötzlich erklingende Ruf eines Raubvogels sie nach oben blicken lässt.

»Ein Falke …«, murmelt Darius mit einem versonnenen Lächeln, ehe er etwas zurücktritt und Steve wieder zurück auf den schmalen Pfad zieht.

Doch dem ist das Händchenhalten auf einmal nicht mehr genug, weshalb er seinen Arm um die Schultern des etwas kleineren Mannes legt und ihn so sanft an sich zieht, während sie weiter dem schmalen Pfad nach unten folgen. Nicht einmal die Freitag-Tasche, die so gar nicht zum Anzug passt und deren Riemen Darius sich quer über die Schultern gelegt hat, stört ihn dabei. Er könnte ewig so weiterspazieren, aber da taucht auch schon der Parkplatz zwischen den Bäumen auf, was ihn dazu bringt, seinen Arm zurückzuziehen und die Hände in den Taschen zu vergraben.

Über das plötzlich distanzierte Verhalten verwirrt, mustert Darius ihn von der Seite. Liegt es daran, dass sie nun auf Leute stoßen könnten? Oben auf der Zugbrücke war es ihm doch auch egal gewesen. Er öffnet schon den Mund, um etwas zu sagen, schließt ihn dann aber wieder und geht schweigend weiter.

Als sie dann auf dem Parkplatz ankommen, kann er beobachten, wie Steve nicht nur die Hände aus den Taschen nimmt, sondern sich dazu noch mehr aufrichtet, sodass er mit kerzengeradem Rücken und einer unnahbar wirkenden Ausstrahlung das Auto ansteuert.

Dort zögert Darius. »Soll ich lieber allein nach Hause fahren? Das ist wirklich kein Problem. Ich kann ja bis zur nächsten Bushaltestelle laufen und …«

»Steig einfach ein. Ich erkläre es dir, wenn wir allein sind. Okay?« Um Verständnis bittend sieht er ihn an, während er gleichzeitig die Fahrertür öffnet.

Nachdenklich mustert Darius ihn, bevor er nickt und einsteigt.

Nachdem sie sich beide angeschnallt haben, legt Steve ihm kurz die Hand auf den Oberschenkel und drückt für den Bruchteil einer Sekunde dankbar zu, ehe er den Motor startet und das Auto über den, sich langsam mit Besuchern füllenden Parkplatz, zur Straße lenkt.

Die Fahrt verläuft schweigend und Darius fragt sich, ob er wohl diesmal nach Hause kommt oder ob sie zu dem ominösen Hotel fahren, von dem gestern die Rede war. Irgendwie ist er dann schon irgendwie überrascht, als sie den Mosergarden erreichen und Steve sich ihm zuwendet.

»Ist es für dich okay, wenn ich mich erst umziehen gehe, bevor ich zu dir hoch komme? So in ein oder zwei Stunden? Ich muss auch noch eine Kleinigkeit erledigen, die ich ganz vergessen hatte.«

Darius hatte bis eben zum Haus gesehen, wendet sich nun aber Steve zu und nickt. »Okay. Ich muss sowieso noch einkaufen gehen und Wäsche waschen«, meint er leise und öffnet die Tür. »Falls ich nicht da sein sollte: Der Schlüssel liegt vor meiner Wohnungstür unter der Fußmatte.« Aus einem plötzlichen Bedürfnis heraus beugt er sich rüber und haucht einen schnellen Kuss auf die weichen Lippen, bevor er aussteigt.

Lange sieht Steve ihm nach, bevor er das Auto nach einem prüfenden Blick in den Rückspiegel zurück auf die Straße lenkt und in sein Hotel fährt.

Als er dort auf die Rezeption zugeht, lächelt ihm der Hotelangestellte schon entgegen und greift nach unten, um einen großen Umschlag hervorzuholen, dessen Anblick Steve erleichtert aufatmen lässt. Sich kurz umblickend öffnet er ihn noch an der Rezeption und überfliegt kurz den Inhalt des Schreibens, bevor er um einen Kugelschreiber bittet und die Papiere unterschreibt. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, schiebt er sie in den beiliegenden Umschlag und verschließt diesen sorgfältig.

»Wenn Sie dafür sorgen können, dass der Brief meinen Anwalt in London noch heute erreicht, bekommen Sie ein großzügiges Trinkgeld.« Er notiert die Adresse auf einem Blatt Papier.

»Natürlich, Mister Mitchell. Ich rufe gleich einen Kurier, der den Brief noch heute per Flugzeug nach London bringt. Soll ich das Porto auf Ihre Rechnung setzen?«

»Natürlich schreiben sie es auf meine Zimmerrechnung«, erwidert Steve die Stirn runzelnd. Was soll diese blöde Frage?

Eilig geht er zu den Aufzügen. Er will aus dem Anzug raus und zu Darius fahren, um ihm alles zu erklären, bevor dieser irgendwas über ihn hört, was ihm ein falsches Bild vermitteln könnte.

***

Darius konnte sich kaum bequeme Sachen anziehen und die Waschmaschine einschalten, als nach einem kurzen Klingeln auch schon seine Wohnungstür aufgerissen wird. »Schätzelchen? Bist du da? Wo warst du denn die ganze Zeit?«

Er verdreht genervt aufstöhnend die Augen und kommt aus dem Bad. »Alessio, meinst du nicht, dass es besser wäre zu warten, bis ich dich reinlasse?«, fragt er ihn, die Hände in die Seiten stützend, als sein Freund auch schon auf ihn zustürmt und ihm die Tonum Lune unter die Nase hält. »Hast du gewusst, dass dein schnuckeliger Boss mitten in einem Scheidungskrieg steckt? Und das mit niemand Geringerem als dem Supermodel Amanda Silver?«

Das Insel-Klatschblatt ergreifend, überfliegt Darius die Schlagzeile des Tages. »Nein, das wusste ich nicht. Warum sollte es mich auch interessieren? Steve Mitchell ist ja schließlich nur mein Boss«, sagt er lahm. Warum hat Steve ihm nicht gesagt, dass er verheiratet ist und mitten in der Scheidung steckt? Hat er ihm noch mehr vorenthalten? Will er darum nachher mit ihm reden? Und hat er sich darum in der Nähe des Parkplatzes so seltsam verhalten?

Darius merkt, dass Alessio auf irgendwas zu warten scheint und ihn mit aufdringlich-wissendem Blick ansieht. Er zwingt sich zu einem entspannten Grinsen. »Wie gesagt, es ist mir egal. Ich muss jetzt einkaufen gehen. Können wir morgen darüber reden? Ich bekomme gleich noch Besuch und will rechtzeitig wieder zurück sein.« Er schiebt Alessio zur Tür, die immer noch weit offensteht.

»Aber Schätzelchen, ich … du bekommst Besuch? Sag das doch gleich«, empört sich dieser und dreht sich im Hausflur zu Darius um. »Ich komme morgen vorbei und dann musst du mir erzählen, wo du gewesen bist. Ich habe mir Sorgen gemacht, als du gestern nach der Arbeit nicht nach Hause gekommen bist. Hast du etwa vergessen, dass wir deine Präsentationen immer miteinander besprechen? Ich habe auf dich gewartet, Schätzelchen.« Tadelnd sieht er ihn, die Hände in die Seiten stützend, an.

»Ja, mach ich. Entschuldige, dass ich dir nicht geschrieben habe, aber ich bin gestern überraschend zum Essen eingeladen worden.« Als Alessio etwas sagen will, hebt er die Hand. »Ich erzähl’s dir morgen und auch, wie die Präsentation gelaufen ist. Versprochen.« Noch bevor sein Freund etwas sagen kann, schließt er die Tür und lehnt sich mit wild klopfenden Herzen dagegen. Sein Blick fällt wieder auf die Zeitung, die er immer noch in der Hand hält, nun aber entschlossen auf den Schuhschrank legt.

Steve soll ihm nachher alles erklären. Außerdem muss er jetzt wirklich Einkaufen gehen, wenn er später noch etwas kochen möchte. Halbwegs mit seiner Entscheidung zufrieden, schnappt sich Darius seine Jeansjacke und holt ein paar Einkaufstüten, bevor er sich wieder seine Freitag-Tasche quer über die Schulter hängt und die Wohnung nach einem prüfenden Blick durch den Türspion verlässt. Wie versprochen legt er den Wohnungsschlüssel unter die Fußmatte, bevor er zur Treppe geht und das Haus mit einem Abstecher zum Briefkasten verlässt.

Zu seinem Verdruss scheinen heute irgendwie alle um die gleiche Zeit einzukaufen. Der Tesco ist so voll, dass Darius, sogar an der sonst nur noch wenig genutzten, bedienten Kasse eine ganze Weile warten muss, bis er endlich bezahlen und den Laden wieder verlassen kann.

Schwer bepackt eilt er zurück nach Hause, aber obwohl er deutlich länger als eine Stunde weg gewesen ist, liegt der Schlüssel immer noch unter der Fußmatte.

Dennoch ruft er nach Steve, als er den Flur betritt, aber wie erwartet, ist dieser noch nicht da. Etwas enttäuscht zieht sich Darius die Schuhe aus und schlüpft in seine geliebten Crocs, ehe er in die Küche geht und die Einkäufe wegräumt. Es waren einige ungeplante Lebensmittel wegen ablaufender Haltbarkeit im Angebot, an denen er nicht vorbeigehen konnte. Ein paar davon friert er lieber gleich ein.

Erst jetzt geht er ins Bad und holt die Wäsche aus der Waschmaschine. Mit dem gefüllten Korb tritt er auf den Balkon und hängt sie auf den kleinen Ständer.

Als er das letzte Shirt aufhängt, klingelt es an der Tür. »Komme gleich!«, ruft er laut und stellt den Korb zur Seite, bevor er zur Tür eilt und sie öffnet. »Steve, komm rein«, fordert er ihn mit einem leichten Lächeln auf, schielt dabei aber zur gegenüberliegenden Wohnung. Entweder sieht Alessio durch den Türspion oder er ist nicht da. Anders kann er es sich jedenfalls nicht erklären, dass dessen Tür geschlossen bleibt.

In der Hand eine gute Flasche Rotwein, betritt Steve den Flur. Er erstarrt, als er das Klatschblatt auf dem Schuhschrank liegen sieht. Die Schlagzeile kennt er natürlich schon, aber er hatte gehofft, dass Darius dieses Blatt nicht liest. Na ja, beim Einkaufen kommt man wohl zwangsläufig daran vorbei. Er betrachtet das Foto, das kurz nach seiner Hochzeit aufgenommen wurde und jetzt dank Photoshop so aussieht, als wäre es in der Mitte auseinandergerissen worden.

Die Tür schließend wendet sich Darius um und folgt mit gerunzelter Stirn Steves Blick. »Die hat mir mein Nachbar gebracht. Ich kaufe die Tonum Lune so gut wie nie, da sie mir zu viel Klatsch und Tratsch enthält.« Entschuldigend hebt er die Schultern.

Steve reißt sich von dem Foto los. »Du bist nicht sauer, weil ich dir nichts gesagt habe? Ich meine … ich wollte heute mit dir …«

Ein Finger auf seinen Lippen lässt ihn verstummen. »Ich gebe zu, dass ich geschockt war, als ich die Schlagzeile gesehen habe, aber ich will, dass du es mir mit deinen Worten erzählst. Da du das ja offenbar eh vorhast, gehen wir jetzt ins Wohnzimmer und reden. Und dabei kannst du mir auch gleich verraten, was es zu feiern gibt, da du mit einer Flasche Wein hier auftauchst. Nicht, dass das zur Gewohnheit wird.« Mit einem schiefen Grinsen deutet Darius zum Wohnzimmer. »Geh schon mal vor. Ich hole nur noch schnell zwei Gläser und den Korkenzieher.«

Während Steve ins Wohnzimmer geht und schmunzelnd die Wäsche auf dem Balkon betrachtet, geht Darius in die Küche, wo er sich für ein paar Sekunden an den Tisch lehnt und tief durchatmet, ehe er einen der beiden oberen Schränke öffnet und zwei Gläser herausnimmt. Er besitzt keine Weingläser, aber Wassergläser tun’s zur Not auch. Immerhin hat er einen Korkenzieher in der Besteckschublade.

Als er nervös zu Steve geht, steht dieser immer noch an der offenen Balkontür und sieht nach draußen. »Die Aussicht ist nicht so schön, wie beim Tonum, aber für mich reicht sie und wie du siehst, hat der Balkon die perfekte Größe«, sagt er verlegen, weil seine Wäsche dort draußen hängt. »Ich habe leider keine Weingläser«, murmelt er weiter und stockt, als ihm Flasche und der Korkenzieher aus den Händen genommen werden.

»Lass mich das machen. Diese Gläser sind so gut, wie die klassischen Weingläser«, lächelt Steve warm, bevor er geschickt die Flasche entkorkt und den burgunderroten Wein eingießt. »Und nun setz dich bitte, damit wir in Ruhe reden können.« Tief atmet er durch. »Das ist nämlich schon lange überfällig, das ist mir heute Morgen klar geworden.« Mit einer vor Nervosität leicht zitternden Hand reicht er Darius eins der Gläser, ehe er sich auf das bequeme Sofa setzt und darauf wartet, dass Darius es ihm gleichtut.

Einen langen Moment sieht Darius in sein Glas, bevor er sich neben Steve setzt und ihn auffordernd ansieht. »Dann schieß mal los.« Sich betont entspannt zurücklehnend, hält er das Glas mit beiden Händen fest, um einen Halt zu haben.

Steve nimmt erst mal einen Schluck. »Also«, beginnt er langsam und atmet tief ein und aus, »ich bin noch verheiratet, aber wir leben seit über einem Jahr getrennt. In den letzten Monaten bin ich regelmäßig nach London geflogen, um die Scheidung vorzubereiten. Wir haben zwar einen Ehevertrag, aber Amanda wollte deutlich mehr haben, als ihr laut diesem zustehen würde und so gab es im letzten halben Jahr auch noch Gerichtstermine.« Kurz lacht Steve bitter auf. »Die Hälfte der Zeit habe ich von meinem Stadthaus in London aus die STM geleitet. Darum ist auch vieles liegen geblieben. Vor allem, was das Personelle betrifft.«

Schweigend hört Darius zu und nippt dabei ab und an von seinem Wein. »Gut. Und wie ist der Status jetzt? Was hat das alles mit mir zu tun?«, möchte er mit ruhiger Stimme wissen, die nichts von dem Chaos in seinem Innern verrät. Dabei beobachtet er Steve prüfend. Er will keine einzige von dessen Gefühlsregungen verpassen. So fällt ihm auf, wie sich dessen Griff um das Glas so sehr verstärkt, dass die Knöchel weiß werden.

»Es hat viel mit dir zu tun«, murmelt Steve, den Blick gesenkt haltend. Dann hebt er den Kopf und sammelt sich wieder. »Nach unserer ersten Nacht, als ich einfach gegangen bin … Ich musste kurzfristig nach London fliegen, um mit meinem Anwalt, Ross, persönlich zu sprechen. Amanda hatte neue Forderungen gestellt und seit dem Abhörskandal besprechen wir so wichtige Dinge lieber in seinem Büro. Na, ich schweife ab. Also, kurz gesagt: Ich bin ihr entgegengekommen und heute Morgen habe ich die Scheidungspapiere unterschrieben, nachdem sie sie zuerst unterschrieben hatte. Wenn es also nach Plan läuft, dann hält Ross sie noch heute in Händen und ich bin spätestens Mitte nächster Woche offiziell geschieden. So lange sollte ich mich in der Öffentlichkeit noch zurückhalten, um einen Skandal zu vermeiden, wie mein Vater und Ross meinten.« Er wagt es nicht, Darius noch länger in die Augen zu blicken, denn wie man es auch dreht und wendet: Er war immer noch verheiratet, als sie miteinander geschlafen haben.

Lange starrt Darius schweigend vor sich hin. »Warst du heute Morgen darum plötzlich so abweisend?« Stellt er die erste Frage, die seine wild wirbelnden Gedanken zulassen.

Leer schluckend nickt Steve. »Als ich durch die Bäume die ersten Autos sah, wurde mir schlagartig bewusst, dass ein einziges Foto genügen könnte, um den ganzen Scheiß wieder von vorne anfangen zu lassen, wenn Amanda noch nicht unterschrieben hat. Es tut mir wirklich leid. Ich wollte dich nicht verletzen und ich weiß, dass ich es dir schon viel früher hätte sagen sollen, aber irgendwie fand ich nie den richtigen Zeitpunkt und im Büro wollte ich es dir auch nicht sagen. Das wäre unter den damaligen Umständen einfach nur unpassend gewesen.«

Auch wenn es ihm nicht gefällt, sich das einzugestehen, muss Darius zugeben, dass es tatsächlich keine Gelegenheit gab. Gut, das eine Mal, als Steve ihn nach Hause fuhr, da hatte er dessen Erklärung aber nicht hören wollen und ihn einfach stehen lassen. »Okay. Und wie soll es jetzt weitergehen? Mir ist klar, dass wir in den nächsten Tagen eher wenig gemeinsam gesehen werden sollten, aber was ist danach? Willst du etwa, dass wir uns immer nur heimlich treffen?« Er schluckt. Wenn Steve nun darauf besteht, dass sie … Nein, das wäre das sofortige Ende ihrer beginnenden Beziehung.

Seine immer wilder kreisenden Gedanken werden unterbrochen, als Steve den Kopf schüttelt. »Nein, ich will keine Heimlichkeiten. Solange die Scheidung noch nicht offiziell ist, sollten wir es aber schon geheim halten. Danach möchte ich mich auch in der Öffentlichkeit privat mit dir treffen und ich verspreche dir, das werden wir auch. So wie gestern oder im Uranus.«

Als Darius an ihr erstes Aufeinandertreffen denkt, muss er unwillkürlich schmunzeln. »Ach ja, was hast du damals eigentlich im Uranus gemacht? Ich meine, du warst offensichtlich nicht auf der Suche nach einem Abenteuer. Oder irre ich mich da?«

Sich mit der Hand durch die Haare fahrend, lacht Steve auf. »Du hast mich durchschaut. Ich war eigentlich nur da, weil ich mal wieder weggehen wollte, ohne aufpassen zu müssen, in keiner unvorteilhaften Situation fotografiert zu werden.« Mit einem eindeutigen Blick sieht Steve zur Tonum Lune, die auf dem Couchtisch liegt. »Der Friseur, zu dem ich hier in Ninechurch immer gehe, meinte, dass das Uranus zwar eine Schwulenbar sei, aber man dafür zu einhundert Prozent seine Ruhe vor Kameras und Reportern habe. Darum war ich da. Ich wollte einfach mal wieder in Ruhe ein oder zwei Gläser Champagner trinken, nachdem ich in den Tagen zuvor in London von Reportern und Paparazzi regelrecht belagert worden bin. Da war es mir auch egal, dass ich dafür in eine Schwulenbar gehen musste.«

Voller Verständnis mustert Darius Steve und spürt, wie sich der Knoten in ihm endlich vollständig in Luft auflöst. »Darum warst du so kühl und abweisend, als ich dich angesprochen habe.«

Mit einem leichten Lächeln, das seine Augen aber dennoch ein wenig zum Strahlen bringt, nickt Steve. »Mir ist ehrlich gesagt bis zu dieser Nacht nie in den Sinn gekommen, dass ich mich von Männern angezogen fühlen könnte. Irgendwie hast du mich da eiskalt erwischt. Vielleicht war das auch ein Grund, warum ich dir meine Nummer nicht dagelassen habe, als ich gegangen bin. Das tut mir übrigens auch jetzt noch leid. Als du dann in meinem Büro vor mir gestanden hast …«

»Erinnere mich nicht daran. Ich war so was von geschockt und habe mich schon auf der Straße stehen sehen. Vor allem nach der tollen Leistungsbewertung«, unterbricht Darius ihn und greift nach der Weinflasche. »In Zukunft keine solchen Geheimnisse mehr, sonst werden wir uns mehr streiten, als dir lieb ist, okay?« Die Flasche in der Hand sieht er Steve an, kann sich dann aber ein warmes Lächeln nicht verkneifen, als dieser mit offensichtlicher Erleichterung nickt. »Gut. Da wir das jetzt geklärt haben: Willst du auch noch etwas Wein?« Als Steve nickt, füllt er nach und hebt sein Glas. »Auf die Ehrlichkeit, dem wohl höchsten Gut auf dieser Erde.«

Mit einem leisen Klirren treffen die beiden Gläser aufeinander, während sie sich tief in die Augen sehen.

***

Knappe zwei Stunden später sitzt Steve in der Küche an dem kleinen Tisch und versucht zum ersten Mal in seinem Leben, Zucchini in gleich dicke Scheiben zu schneiden. »Warum bestellen wir uns nicht einfach etwas beim Lieferdienst? Es gibt doch genug in Ninechurch. Oder etwa nicht?« Verzweifelt sieht er auf seinen jämmerlichen Haufen Zucchinischeiben.

»Ja, es gibt gute Lieferdienste in Ninechurch, aber ich koche gern selbst, wenn ich die Zeit dazu habe, und es geht nichts, aber auch gar nichts über ein selbst gekochtes Ratatouille. So weiß ich nämlich immer was drin ist und dass es auch wirklich frisch ist und nicht aus dem Gefrierfach kommt. Das ist zwar auch gut, aber für gefrorenes Essen, dass nur noch einmal aufgewärmt worden ist, gebe ich sicher kein Geld aus.«, erklärt Darius mit einem amüsierten Blick auf Steves misshandelte Zucchini. Eigentlich sollte er ihn noch etwas schmoren lassen, aber irgendwie tut ihm das Gemüse leid und so greift er über den Tisch und schnappt sich die Paprika, die dieser eigentlich auch schneiden sollte und beginnt diese mit routinierten Handgriffen zu entkernen und in gleich große Stücke zu schneiden. Sekunden später folgen die Möhren und schließlich nimmt er sich auch der restlichen Zucchini an.

»Wo hast du das gelernt?«, fragt Steve erstaunt, als er staunend Darius geübten Handgriffen zusieht.

Ohne aufzublicken, schmunzelt Darius. »Meine Oma hat es mir beigebracht. Wenn ich bei ihr in den Ferien war, durfte ich im Sommer immer mit ihr in ihren kleinen Garten auf der Dachterrasse gehen und das reife Gemüse pflücken. Dann hat sie mir gezeigt, was ich damit alles anstellen kann und Ratatouille ist eines der Gerichte, die ich als Erstes selbst kochen konnte. Da war ich acht oder neun Jahre alt, wenn ich mich nicht täusche.« Die Paprika- und Zucchinistücke in die Pfanne gebend, blickt Darius nun wieder hoch. »Ich habe die Ferien dort geliebt. Ich bin in London aufgewachsen, während meine Großeltern in Glasgow gelebt haben. Ich weiß ja nicht, ob du da schon mal in der Altstadt warst. Die Häuser sind vom Rauch der Schiffe dunkel verfärbt und auch wenn vieles renoviert und geputzt worden ist, erinnert einiges in der Stadt auch heute noch an die Zeit, als auf dem Clyde Schiffe gebaut worden sind. Unter anderem auch der in den Wänden festsitzende Dreck. Du kannst dir also vorstellen, wie toll es für mich immer gewesen ist, wenn ich in den Ferien zu meinen Großeltern fahren durfte. Sie hatten immer ganz frische Milch von einem befreundeten Bauern. Hast du schon mal Milch getrunken, die nur ein paar Stunden zuvor noch im Euter einer Kuh war? Es gibt nichts, das damit vergleichbar wäre. Die Milch aus dem Supermarkt schmeckt dagegen wie Wasser, das mit etwas Milch versetzt wurde.«

Lächelnd hat Steve Darius Erzählung zugehört und dabei beobachtet, wie mit jedem Wort sein Blick verträumter und leuchtender wurde. »Das war sicher eine tolle Zeit. Was ist aus deinen Großeltern geworden? Leben sie noch dort?« Möchte er mit sanfter Stimme wissen. Aber er bereut die Frage, als er den traurigen Blick sieht, der Darius befällt.

»Nein, sie sind beide bei einem Autounfall gestorben, als ich ein Teenager war. Die Wohnung ist verkauft worden und jetzt ist sie, glaube ich, eine Ferienwohnung oder so. Ich bin nach der Testamentseröffnung nicht mehr hingegangen, weil mir das Verhalten meiner Eltern und anderen Verwandten so zuwider war. Die haben sich um jedes einzelne Möbelstück gestritten, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Dabei lagen meine Großeltern erst seit ein paar Tagen unter der Erde und vorher hatten sich die meisten kein bisschen für sie interessiert.« Wieder über das Verhalten seiner Familie enttäuscht, stellt er den Topf etwas zu schwungvoll auf den Herd und tritt einen Schritt zurück, um sich zu beruhigen.

»Entschuldige. Es macht mich nur immer noch wütend, wenn ich daran denke«, murmelt er und versteift sich kurz, als Steve ihn von hinten umarmt.

»Ist schon gut. Das würde mir auch so gehen«, raunt er ihm ins Ohr und festigt den Griff um Darius, als sich dieser mit geschlossenen Augen an ihn lehnt. »Lass uns das Wochenende genießen und die Vergangenheit vergessen. Sanft küsst er Darius’ Hals.

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Das war es jetzt auch schon. Ich hoffe, euch hat das Kapitel gefallen.