Kapitel 11
Kapitel 11
Ich sage mal nicht allzu viel. Vermutlich liest das hier eh keiner ;-)
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Kapitel 11:
Bestens gelaunt betritt Darius nach dem wirklich schönen Wochenende und einem tollen Abend mit Alessio die STM. Er ist heute früh dran, aber sollte der leere Empfang nicht trotzdem schon besetzt sein? Eine Weile sieht er auf den verwaisten Platz, aber dann zuckt er mit den Schultern und geht zum Treppenhaus. Vielleicht musste Mary ja auf Toilette oder etwas erledigen.
Als sich die Verbindungstür hinter ihm schließt, hört er ein paar wütende Stimmen aus der Richtung des Haupteinganges. Es interessiert ihn aber nicht genug, dass er deswegen noch einmal zurückgehen würde. Vor sich hinpfeifend geht er die Treppe nach oben. Heute könnte ihm nicht mal Jones die Laune vermiesen, der sich für den Wochenbeginn sicher eine neue Bösartigkeit ausgedacht hat.
In seiner Etage angekommen, schlendert Darius zu seinem Büro, wobei er die Hände in den Taschen der Jeans vergräbt. Dabei bemerkt er das Tuscheln hinter den zum Teil offenen Türen und ist schon kurz davor nachzufragen, was denn los sei, als ihm die weit offenstehende Tür von Jones’ Büro auffällt, die sonst immer geschlossen ist.
Nun wirklich neugierig, betritt er sein eigenes Büro und stellt die Tasche auf den Tisch. Harold ist schon da, während der Platz von Sebastian noch nicht besetzt ist.
»Harold, was ist hier los? Ich habe unten laute Stimmen gehört und jetzt ist die Tür von Jones Büro offen. Dabei schließt er sie doch sogar ab, wenn er nur schon aufs Klo geht«, wendet er sich an seinen älteren Kollegen.
Der sieht ihn breit grinsend an und lehnt sich sogar in seinem Stuhl zurück, dabei die Hände hinter dem Kopf verschränkend. »Du hast ein tolles Schauspiel verpasst, hättest nur fünf oder zehn Minuten früher da sein müssen.«
Die linke Augenbraue hochziehend, lehnt sich Darius nun rücklings an seinen Schreibtisch, statt sich in den Stuhl zu setzen. »Aha. Muss ich dir jetzt alles aus der Nase ziehen? Oder sagst du mir auch so was passiert ist?« Auffordernd sieht er Harold mit verschränkten Armen dastehend an.
»Sie haben Jones entlassen. Nicht fristlos, aber per sofort freigestellt.«
»Sag das noch mal«, rutscht es ihm beinahe quietschend heraus, während er seinen Kollegen mit weit aufgerissenen Augen ungläubig anstarrt.
»Sie haben Jones heute Morgen ent-las-sen«, trällert Harold. »Mitchell war sogar persönlich hier unten und hat zusammen mit der Security dafür gesorgt, dass er nur seine persönlichen Sachen mitnimmt und alle Schlüssel bei Mary abgibt.« Mit einem Glitzern in den Augen beugt sich Harold vor. »Er hat ihn sogar zusammen mit den beiden Sicherheitsleuten zu den Fahrstühlen begleitet. Wenn du nicht wie immer die Treppe genommen hättest, dann wären sie dir über den Weg gelaufen. Die gute Mary ist jetzt in seinem Büro und sortiert den übrig gebliebenen Mist in den Schubladen und Regalen aus«, erzählt er mit einem schadenfrohen Grinsen.
Darius ist zwischen Schock, Erleichterung und Schadenfreude hin und hergerissen. Steve hat Jones wirklich entlassen? Hatte er das schon vorher geplant? Warum hatte er ihm denn nichts gesagt? Woher sollen sie denn auf die Schnelle einen neuen Abteilungsleiter bekommen? Die Aufträge verteilen sich ja nicht von selbst und auch sonst muss ja viel organisiert werden.
»Hat Mitchell denn schon gesagt, wie es weitergeht? Ich meine, wir stehen jetzt ohne Abteilungsleiter da und wissen alle, was das für ein Chaos bedeutet, bis wir uns neu organisiert haben.«
Nun hebt Harold die Hände, während er gleichzeitig mit den Schultern zuckt. »Keine Ahnung. Er hat zumindest nichts gesagt. Außerdem ist das Ganze ja noch nicht mal eine Stunde her. Aber er wird schon wissen, was er tut, und vermutlich schon jemanden im Hinterkopf haben, dem er den Posten anbieten kann, wenn er nur halbwegs so wie sein Vater tickt.
Nachdenklich lässt sich Darius auf seinen Stuhl sinken. Irgendwie erinnern ihn Harolds Ausführungen an etwas, was Steve mal zu ihm gesagt hat, aber er kommt gerade nicht drauf. »Na ja, wie auch immer. Auch ohne Jones haben wir genug zu tun«, murmelt er. »Wo ist eigentlich Sebastian? Er ist doch sonst auch immer schon vor mir da.«
Schlagartig wird Harolds Blick besorgt. »Er ist krank. Hat sich irgendwie den Magen verdorben«, erwidert er, kann sich aber ein kleines Grinsen trotz seines Mitgefühls nicht verkneifen. »Zu schade, dass er das Ganze hier verpasst hat. Es ist ein Wunder, dass die Leute nicht noch applaudiert haben, als Jones zu den Fahrstühlen gebracht wurde.« Mit einem wirklich bedauernden Seufzen sieht er zu dem leeren Platz.
»Der Arme. Dann wünsche ich ihm später per WhatsApp gute Besserung«, erwidert Darius. Ihm ist nicht wohl dabei, Schadenfreude zu empfinden. Jones würde auf der Insel wohl keinen Job mehr bekommen.
Anscheinend sind ihm seine Gedanken am Gesicht abzulesen, denn auf einmal steht Harold vor ihm, beugt sich zu ihm runter und sieht ihn, ihm die Hände auf seine Schultern legend, ernst an. »Du wirst jetzt aber sicher kein Mitleid mit dem Scheißkerl haben, oder? Verdammt, der hat versucht, dich aus der Firma zu ekeln. Es ist ein Wunder, dass der dich nicht deinen Job gekostet hat! Er hat’s schon allein deswegen verdient und wer weiß, was er sonst noch angestellt hat!«
So als würde er sich ergeben wollen, hebt Darius die Hände und weicht etwas zurück. »Ist ja schon gut. Du hast recht. Dennoch ist es nie schön, wenn jemand entlassen wird. Sogar bei so einem Stinkstiefel wie Jones. Immerhin kannten wir ihn und seine Art und wer weiß, wie der neue Chef sein wird.« Versucht er in Worte zu fassen, was ihm durch den Kopf geht.
Harold sieht ihn nur kopfschüttelnd an. »Darius. Normalerweise würde ich dir recht geben, aber ganz sicher nicht in diesem Fall. Egal, wie schlimm der Neue sein wird. Schlimmer als Jones geht nicht und das weißt du. Immerhin hatte er dich schon dazu gebracht, über eine Kündigung nachzudenken. Ich gebe zu, für seine Lieblinge ist es sicher kein Freudentag, aber das sind gerade mal zwei Leute in einer Abteilung von gut zwanzig Personen. Damit kann ich gut leben.«
Weil Darius spürt, dass sein Kollege ihn nicht verstehen kann oder will, nickt er nur. »Du hast ja recht. Ich bin wohl einfach noch zu überwältigt davon, dass ich den Arsch nicht mehr ertragen muss.« Mit einem schiefen Grinsen sieht er Harold an, der den Blick einige Sekunden lang erwidert, bevor er die Hände von Darius’ Schultern nimmt und zurück zu seinem eigenen Schreibtisch geht.
Erst als er sich hingesetzt hat, blickt er noch einmal zu ihm rüber. »Mach dir nicht zu viele Gedanken. Und wer weiß? Vielleicht wird ja einer von uns der neue Abteilungsleiter werden.«
»Ja, wer weiß«, stimmt ihm Darius zu. Allerdings nur, damit er seine Ruhe hat und endlich mit dem Werbeplakat für ein neues Fast-Food-Restaurant weitermachen kann, das in Ninechurch die erste Filiale auf Tonum eröffnet. – Als hätten sie mit KFC, Burger King, McDonalds, Subway und Pizza Hut nicht schon genug schlechtes Essen in der Stadt. Da hilft es in seinen Augen auch nicht, dass die Neuen sich Gourmetburger nennen. Warum gehen die denn nicht auf die andere Seite der Insel nach Newhouse? Dort ist es schließlich auch ganz schön und noch nicht so von solchen Läden überlaufen. Aber Auftrag ist Auftrag und er wird diesen, wie alle anderen auch, nach bestem Wissen und Gewissen erfüllen.
Zunächst sieht er aber nach den E-Mails. Es sind mal wieder mehr, als er erwartet hatte und es dauert eine ganze Weile, bis er alle erledigt hat. Gerade als er das Programm schließen will, kommt eine Nachricht von Steve rein: Komm heute um 15 Uhr in mein Büro. Ich muss etwas mit dir besprechen. Gruß, Steve.
Die Stirn runzelnd liest er die wenigen Worte noch ein zweites Mal. Sie hatten sich doch erst gestern am späten Abend voneinander verabschiedet und eine private Nachricht hätte er sicher per WhatsApp bekommen, also muss es wohl etwas Geschäftliches sein, aber was? Er kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, was das sein könnte.
Extrem neugierig bestätigt er den Termin und verzichtet schweren Herzens darauf nachzufragen.
***
Es ist kurz vor zwölf, als Harold aufsteht und sich neben Darius hinstellt. »Kommst du? Sonst müssen wir in der Kantine wieder ewig lange anstehen und darauf habe ich ehrlich gesagt keine Lust.«
»Moment«, murmelt Darius und speichert seine Arbeit ab, ehe er den PC durch das Drücken der Windowstaste sperrt und aufsteht. Dann erst fällt ihm auf, dass das ja eigentlich nicht mehr nötig wäre.
Während sie zur Kantine gehen, sieht er Harold mit einem wissenden Blick an. »Dir geht es doch gar nicht um die Schlange vor der Essensausgabe. Du willst doch nur wissen, ob es schon etwas Neues gibt.«
Ertappt kratzt sich dieser am Hinterkopf. »Erwischt. Es ist doch auch wirklich spannend. Noch hat uns Mitchell ja nur per Mail mitgeteilt, dass Jones entlassen wurde, aber nicht, wie es jetzt weitergehen soll.«
Als er den verwirrten Gesichtsausdruck von Darius sieht, verdreht Harold die Augen. »Du solltest deine Mails nicht nur alle zwei Stunden überprüfen und das Programm zwischendurch auch gar nicht erst ausschalten. Dann siehst du wenigstens, wenn was reinkommt, auch wenn du es nicht gleich lesen willst.«
»Warum denn? Alles Wichtige kommt eh immer rein, wenn wir anfangen oder schon am Abend vorher. Da reicht es doch wirklich, wenn ich alle zwei Stunden mal nachschaue. Außerdem habe ich für die allgemeinen Rundmails doch dich und Sebastian.« Grinst Darius breit.
Als sie die Kantine erreichen, rammt er Harold den Ellbogen in die Rippen. »Es hatten wohl alle die gleiche Idee, wie du«, lacht er auf, als er den überfüllten Raum sieht.
Mit einem Tablett bewaffnet, stellt er sich neben Harold ans Ende der Schlange und wartet geduldig, dass sie an der Reihe sind. Sie erfahren jedoch nichts Neues, sondern nur, dass keiner etwas weiß.
Nachdem sie ihr Essen erhalten haben, gehen sie zu ihrem Stammplatz und setzen sich hin. Heute bereut es Darius, dass er seinem Kollegen versprochen hat, sich mit ihm zusammen vegetarisch zu ernähren. Dabei hätte es heute doch leckere Kohlwickel mit Hackfleischfüllung gegeben, dazu die hausgemachten Gnocchi und als Dessert Schokoladenkuchen mit Sahne. Und er … sitzt vor einer vegetarischen Lasagne und einem Fruchtsalat mit Wassermelonenstücken drin. Dabei hasst er jede Art von Melonen wie kaum etwas anderes auf der Welt. Gut, Sojasauce und japanisches Essen. Das ist in seinen Augen noch schlimmer…
Als die eigentlich ganz leckere Lasagne aufgegessen ist, nimmt Darius den Fruchtsalat und fängt an die Trauben, Erdbeeren, Kiwis und auch die Apfelstücke aus dem Schälchen zu fischen. Dabei versucht er möglichst unauffällig, nicht zu viel von der Wassermelone zu erwischen. Möchte er doch vermeiden, dass Harold schon wieder ein schlechtes Gewissen bekommt, weil er FREIWILLIG auf das andere Essen verzichtet.
»Warum hast du nicht den Kuchen genommen? Du hasst doch Fruchtsalat, wenn sie Melonen mit reintun.«
Ertappt zuckt Darius zusammen und sieht zu seinem Kollegen, der den Blick mit einem wissenden Gesichtsausdruck erwidert.
»Nein, ist schon gut. Ich wollte es sowieso mal wieder probieren, ob ich nicht doch noch auf den Geschmack kommen könnte. Immerhin sind die ja gesund«, redet er sich mit einem leichten Lächeln raus und steckt sich demonstrativ ein Stück Wassermelone in den Mund. Igitt … wie kann man das nur essen?! Schießt es ihm durch den Kopf, als er sich zum Runterschlucken zwingt. »Ist gar nicht so schlimm. Ich muss mich nur an den Geschmack gewöhnen.«
Kopfschüttelnd sieht Harold ihn an. »Tu nicht so. Nur Sojasauce und japanisches Essen ist für dich noch schlimmer. Ich bin kein Kind mehr. Natürlich schätze ich es und bin dir auch dankbar, dass du wegen mir vegetarisch isst und auf gewisse Desserts verzichtest, aber wenn du es nicht magst, dann nimm dir ruhig das andere Essen. Ich halte das schon aus. Keine Sorge.«
Darius schüttelt nun seinerseits den Kopf. »Wir sind Kollegen und die helfen einander. Also lass mich einfach und so schlimm ist es wirklich nicht.«
Nach dem Essen begleitet Darius Harold ausnahmsweise noch zu dessen obligatorischer Zigarette in den Raucherbereich, der sich auf der Terrasse neben der Kantine befindet. Wie immer um diese Zeit ist es extrem voll, da die Hälfte der Angestellten Raucher sind und die andere Hälfte die noch angenehmen Temperaturen genießen möchte. Zudem gilt dieser Ort als die heimliche Singlebörse der STM.
Schon nach ein paar Minuten dezent von der Enge genervt, sieht sich Darius um und gönnt sich auch einen der Glimmstängel, den er bei Harold stibitzt.
»Ich wusste ja gar nicht, dass du rauchst?« Verwundert beobachtet Harold, wie Darius einen tiefen Zug nimmt.
»Ich bin Gelegenheitsraucher. Eine Packung reicht in der Regel für einen ganzen Monat«, erwidert Darius grinsend und sieht sich um. »Immer noch Partnerbörse hier«, murmelt er, als er einige der ihm bekannten Singles beim mehr oder weniger offensichtlichen Flirten beobachtet.
»Hast du was anderes erwartet? Es gibt Dinge, die sich nie ändern. Hier wird wie immer geflirtet und der neueste Klatsch ausgetauscht. Du müsstest uns halt öfter hierher begleiten, dann wüsstest du die Neuigkeiten auch immer gleich aus erster Hand«, lacht Harold. »Der neueste Klatsch neben Jones ist übrigens, dass sich Mitchell nicht nur scheiden lässt, sondern anscheinend auch bi sein soll. Hast du das gewusst?«
Für einen kurzen Moment erstarrt Darius. »Aha? Also das mit der Scheidung ist wohl schon ein alter Hut. Aber wie kommst du darauf, dass er bi ist?« Um seine plötzliche Nervosität zu überspielen, nimmt er einen tiefen Zug.
Harold zuckt nur mit den Schultern. »Es ist nur ein Gerücht. Angeblich hat ein Bekannter einer Freundin von der Frau von Snow, also dem aus der Technik, Mitchell am Samstag beim Tonum mit einem Kerl rumknutschen sehen. Du weißt ja, was man von solchen Geschichten halten darf – meistens stimmt mindestens die Hälfte nicht. Am Ende war es kein Kerl, den Mitchell angeblich geküsst hat, sondern eine Frau mit kurzen Haaren … wenn es denn überhaupt Mitchell gewesen ist. Fotos hat der Typ nämlich keine gemacht. Dabei wäre das doch die Chance gewesen, in die Tonum Lune zu kommen und das sogar auf der Titelseite.« Über so viel Stümperhaftigkeit schüttelt er den Kopf, während er die Zigarette ausdrückt. »Kommst du wieder mit rein? Die Zigarette scheint dir nicht wirklich gutzutun, so weiß, wie du plötzlich geworden bist.« Besorgt mustert Harold Darius. Aber der schüttelt nur den Kopf und drückt seine Zigarette nun auch aus. »Es ist alles in Ordnung. Ich habe nur später noch einen Termin mit Mitchell und der bereitet mir ehrlich gesagt schon etwas Bauchschmerzen«, erklärt er hastig und grinst dann schief. »Wer weiß? Vielleicht bin ich ja der Nächste, der gehen muss, nachdem er schon Jones geschasst hat.« Während er redet, drückt er sich an Harold vorbei, um möglichst schnell zu der verglasten Terrassentür zu kommen, die er ihm dann zuvorkommend aufhält.
Als sie wieder im Innern sind, legt ihm Harold den Arm um die Schultern. »Ach was. Sicher bietet er dir den Posten des Abteilungsleiters an. Verdient hättest du es jedenfalls. So gut, wie du bist.« Er sieht Darius dabei so ernst an, dass sich dieser jeden weiteren Kommentar verkneift, während sie zurück zum Büro gehen.
Dort angekommen, setzen sie sich wieder an ihre Arbeit. Nach einer Weile meint Darius schließlich: »Du hättest es genauso verdient, wenn nicht sogar noch mehr. Schließlich bist du seit gut zwanzig Jahren hier.«
»Darius Harper. Ich bin seit fünfundzwanzig Jahren in diesem Laden und sage dir eins: Ich habe keinerlei Ambitionen, eine Führungsposition zu übernehmen. Ich mach Plakate und Flyer, von mir aus auch mal ein Magazincover, das ist für mich schon Stress genug«, erklärt er ernst und verschränkt dabei sogar die Arme. »Du hingegen hast jedes Mal, wenn wir ohne Abteilungsleiter dastanden, spontan einen Großteil von dessen Aufgaben übernommen und so das schlimmste Chaos verhindert. Und ich bin sicher, dass das auch irgendwo in deiner Personalakte steht.« Er will noch mehr sagen, aber als er Darius verkniffenen Gesichtsausdruck bemerkt, schweigt er lieber.
Als Harold endlich still ist, atmet Darius auf. Er weiß ja selbst, dass sein Kollege rein theoretisch recht hat und noch vor ein paar Wochen hätte er die Chance vermutlich genutzt und sich für die Stelle beworben. Aber das geht jetzt nicht mehr. Außerdem kann Steve ihn nicht zum Abteilungsleiter machen, solange sie etwas miteinander haben. Dieses Etwas will er vertiefen und nicht wegen einer Position, die ihn vielleicht auf Dauer nicht einmal ausfüllen wird, aufs Spiel setzen.
***
Kurz vor fünfzehn Uhr erinnert sein Kalenderalarm ihn an den Termin mit Steve. Eigentlich will Darius gar nicht hingehen, aber er hat ja keine andere Wahl.
»Bis später oder morgen«, ruft er Harold zu, nachdem er seine Arbeit gespeichert und den PC gesperrt hat.
Harold zeigt ihm den hochgereckten Daumen, ohne von seiner Arbeit aufzusehen.
Nach dieser kleinen Geste fühlt sich Darius seltsamerweise etwas ruhiger, weshalb er mit schon beinahe lockeren Schritten zu den Aufzügen geht und dort geduldig wartet, dass der Aufzug kommt.
Kaum steht er in der Kabine, rückt er sich das dunkelblaue Shirt zurecht und zwinkert sich selbst im Spiegel zu, bevor sich die Türen öffnen und er an drei Anzugträgern vorbei aus dem Fahrstuhl tritt. Offensichtlich haben die es eilig, so rücksichtlos, wie sie sich an ihm vorbeidrängen. Er muss sich zusammenreißen, um die Typen deswegen nicht anzufahren. Dennoch funkelt er sie wütend an, ehe er sich umwendet und durch den inzwischen auch mit Bildern dekorierten Flur zu Samanthas Vorzimmer geht.
Die Tür steht offen, dennoch klopft Darius gegen den Türrahmen, bevor er eintritt. Er will schon einen frechen Spruch raushauen, als er ihr blasses Gesicht sieht. Sofort eilt er auf sie zu und gießt ihr ein Glas Wasser ein. »Samantha, was ist denn los? Ist irgendwas passiert?«, fragt er besorgt, während er ihr das Glas reicht.
»Es ist alles in Ordnung.« Sie bemüht sich, sich ihre Aufregung nicht weiter anmerken zu lassen und trinkt einen Schluck von dem kühlen Wasser. »Es gab nur einen lautstarken Streit zwischen Mitchell und seinem Vater, weil er Jones entlassen hat, ohne sich vorher um einen Nachfolger zu kümmern. Er steckt deswegen wohl ziemlich in der Tinte und hat von seinem Vater ein Ultimatum gestellt bekommen«, sagt sie sehr leise. »Aber das weißt du nicht von mir.« Flehend sieht sie ihn mit großen Augen an.
Darius legt ihr kurz die Hand auf die Schulter und lächelt sie beruhigend an. »Keine Sorge, ich schweige wie ein Grab und sicher ist es nicht so schlimm, wie es sich angehört hat.« Obwohl er wirklich versucht, möglichst überzeugt zu klingen, kann er die Sorge nicht aus Samanthas Gesicht vertreiben.
»Ich hoffe, dass du recht hast. Wir sind noch auf das Geld von Mitchell Industries angewiesen, da vieles erneuert werden muss, wenn wir konkurrenzfähig bleiben wollen. Die STM kann diese Investitionen nicht allein stemmen«, erzählt sie ihm flüsternd und steht dann auf, um ihn zu Steve zu bringen.
Als Darius das Büro betritt, hebt Steve den Blick und sieht zu Samantha. »Machen Sie uns bitte einen Kaffee und bringen Sie uns auch Gebäck«, bittet er sie mit einem leichten Lächeln.
»Natürlich, Mister Mitchell.«
Noch bevor Darius sagen kann, dass er eigentlich gar keinen Kaffee möchte, ist sie auch schon verschwunden. Er geht mit einem schiefen Grinsen zu Steves Schreibtisch, wo er sich auf den Stuhl sinken lässt. »Was ist …«, beginnt er, wird aber gleich mit einer erhobenen Hand unterbrochen.
»Warten wir auf den Kaffee.«
Schon kommt Samantha mit einem Tablett herein, und stellt zwei gefüllte Tassen und einen Teller mit Keksen ab.
»Bedien dich, Darius«, fordert Steve ihn mit einem ernsten Lächeln auf, während er sich in seinem Stuhl zurücklehnt und den Kaffee vorerst ignoriert.
Samantha zieht sich dezent zurück und schließt die Tür.
Darius ahnt, dass Steve erst anfangen wird zu reden, wenn er sich einen von den Keksen genommen und Milch in den Kaffee getan hat. Darum kommt er Aufforderung nach und macht es sich dann mit seiner Tasse und einem Nussplätzchen bequem. »Also, was ist los? Warum sollte ich herkommen?«
Steve lächelt amüsiert, als er die Ungeduld aus Darius’ Stimme heraushört. Er lässt ihn noch ein paar Atemzüge lang warten, bis er sich räuspert: »Wie du ja sicher weißt, habe ich heute Jones entlassen. Ich sage nur so viel, dass er für die Firma nicht mehr tragbar war und das ist eigentlich schon mehr, als du wissen dürftest.« Ernst sieht er Darius an, der nickt.
»Das ist mir schon bewusst. Aber darum bin ich doch nicht hier, oder?«
Minimal nickt Steve. »Ja und nein. Du bist hier, weil ich dich für den Posten des Abteilungsleiters im Auge habe.« Als Darius etwas einwenden will, hebt er die Hand. »Lass mich erst ausreden«, bittet er, woraufhin Darius den Mund wieder schließt. »Also … ich weiß, dass es für dich überraschend kommen muss, aber ich hatte dir ja gesagt, dass ich aufgrund meiner persönlichen Probleme besonders den personellen Teil der Firmenübernahme vernachlässigt habe, denn eigentlich hätte ich Jones schon nach dieser wirklich ungerechtfertigten Bewertung entlassen müssen. Das habe ich nicht getan, weil ich einerseits nicht dazu gekommen bin, was an sich schon schlimm genug ist, und andererseits, weil ich erst nach einem möglichen Nachfolger suchen wollte. Und da kommst du ins Spiel. Ich hatte dich schon während unserer Zusammenarbeit für den Job vorgesehen, nur habe ich gezögert, weil ich nicht wusste, wie es sich auf unser privates Verhältnis auswirken würde. Aber dass du professionell bist, hast du ja zur Genüge bewiesen.«
Er sieht Darius schweigend an.
»Und was ist, wenn ich den Job nicht will? Ich bin mit meiner Arbeit zufrieden und außerdem … Wie stellst du dir das vor? Wir würden viel enger zusammenarbeiten«, wendet Darius ein und atmet dann tief durch. »Kannst du denn dann mit mir auch so eng zusammenarbeiten, wenn wir privat mal Streit haben sollten? Weißt du, ich muss ehrlich zugeben, dass ich das, was sich zwischen uns entwickelt, nicht so einfach aufs Spiel setzen möchte, nur weil du mich zum Abteilungsleiter befördern willst.«
Steve senkt kurz den Blick auf seine Hände, sieht Darius dann aber direkt in die Augen. »Ich will es auch nicht aufs Spiel setzen. Und ja, es wird sicher nicht leicht werden, wenn wir so eng zusammenarbeiten, wie es dieser Posten vor allem am Anfang verlangt, bis du die Abläufe wirklich kennst. Aber eins weiß ich: Ich kann dir vertrauen. Du hast die Qualifikation für den Posten und ich bin mir sicher, dass wir auch bei einem möglichen Streit professionell miteinander umgehen können.«
Nun ist es an Darius, den Blick abzuwenden. Er starrt durch das Fenster hinter Steves Schreibtisch nach draußen und denkt nach. Soll er es wirklich riskieren? Sie sind ja noch nicht richtig zusammen und …
»Wir sind am Samstag gesehen worden. Irgendein Bekannter von einer Freundin und so weiter behauptet, du hättest beim Tonum einen Mann geküsst. Es geht ja nicht nur um mögliche Probleme, wenn wir mal streiten sollten. Was ist, wenn rauskommt, dass wir beide nicht nur auf beruflicher Ebene miteinander verkehren? Es wird doch sofort heißen, dass ich den Job nur habe, weil ich mit dir ins Bett gehe. Und was ist mit deiner Familie? Deinem Vater?« Er bemerkt Steves schockierten Blick. »Nimm Harold. Er arbeitet seit über zwanzig Jahren hier und weiß viel besser als ich, wie es hier läuft.«
Steve schüttelt den Kopf. »Er ist ein guter Mitarbeiter, aber für eine leitende Position überhaupt nicht geeignet. Wie gesagt, ich weiß, dass es nicht leicht werden würde und früher oder später kommt es eh ans Licht, dass ich nicht nur dein Chef bin. Ich verspreche dir aber, dass du sofort deinen alten Job wieder zurückbekommst, wenn es nicht klappen sollte. Lass es uns für eine Probezeit von drei Monaten probieren. Sollten die Probleme zu groß werden, suche ich einen anderen Abteilungsleiter und sobald ich den habe, kannst du deinen alten Job wiederhaben.«
Lange sieht Darius Steve an. Er bemerkt das leichte Flackern in dessen Augen und ihm fällt ein, was Samantha ihm im Vertrauen erzählt hat. Er ringt mit sich und nickt schließlich. »Okay, setze den Vertrag auf. Ich mache den Job unter der Bedingung, dass du dir einen anderen suchst, wenn sich die ganze Sache zu stark auf unser Privatleben auswirkt. So ein Job ist zwar toll, aber es gibt Wichtigeres für mich …« Und das bist du, führt er in Gedanken den Satz weiter, was ihn selbst erstaunt. Wann hat er nur solch intensive Gefühle für Steve entwickelt?
Erleichtert atmet Steve auf und sackt etwas zusammen, als die Anspannung von ihm abfällt. Sein Vater war auf 180 und bereit, die komplette STM aufzulösen und in den Londoner Hauptsitz zu integrieren, weil er das Gefühl hatte, Steve wäre der Sache nicht gewachsen. Und das nur wegen Jones! Manchmal war der Alte einfach … Steve knurrte leise, ohne es zu merken.
»Gut. Ich habe den Vertrag schon vorbereitet. Ich muss nur noch deinen Namen und die anderen Angaben eintragen«, gibt er dann mit einem verlegenen Lächeln zu, als er sich dem Computer zuwendet.
»Warum erstaunt mich das nicht?«, fragt Darius mit einem leicht neckenden Tonfall und nimmt einen Schluck von dem nur noch lauwarmen Kaffee. »Wer waren eigentlich die Anzugträger, die mich am Aufzug beinahe umgerannt haben?«
Einige Sekunden sieht Steve ihn verwirrt an, dann wird ihm klar, wen Darius meint. »Das waren mein Vater und meine beiden Brüder. Sie sind nicht gerade begeistert davon, dass ich Jones ohne Nachfolger entlassen habe und das hat mir mein Vater auch sehr deutlich mitgeteilt.« Steves Gesichtsausdruck sagt noch eindeutiger, als seine Worte, was er vom Verhalten seines Vaters hält.
Darius steht auf und geht um den Schreibtisch herum. Mit einem Lächeln zieht er Steve in seine Arme. »Dann hat er keine Ahnung, wie unfähig Jones ist«, flüstert er und küsst ihn auf die Schläfe. »Und schon sind Privatleben und Beruf vermischt.« Kann er sich den Kommentar nicht verkneifen.
Steve lehnt sich in die Umarmung und lacht unwillkürlich auf. »Das wird es immer wieder geben, das lässt sich auf Dauer einfach nicht vermeiden. Aber ich bin der Meinung, dass das völlig in Ordnung ist.« Mit einem sanften Lächeln sieht er Darius an, bevor er aufsteht und den neuen Vertrag aus dem Drucker holt.
Nachdem er ihn unterschrieben hat, gibt er ihn Darius in die Hand, der sich alles genau durchliest, ehe auch er unterschreibt.
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Das war es jetzt auch schon. Wer ist noch froh, dass Jones weg ist?