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Dich einmal noch küssen in deinen offenen Haar`n

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Dich einmal noch küssen in deinen offenen Haar`n

Es roch süßlich nach Tabak und nach Ruß und Staub, so wie immer.

Elic hatte sich am offenen Kamin zu schaffen gemacht und richtete sich erstaunt auf.

Die Szene hinter ihm war wie erstarrt. So als hätte jemand mitten im Stück die Geige abgesetzt und den Kopf geschüttelt und alle hielten nun inne.

Doch die Musik lief weiter. Tönte zu laut, zu wild und zu unerschütterlich durch die festlich geschmückte Halle.

Alles war überladen, wie gewöhnlich. Zu viele Gäste, zu viel zu trinken, zu viel Hemmungslosigkeit.

Eine der halbbekleideten Frauen, die ein Kleid aus der Zeit Marie-Antoinettes trug – oder das, was man heute dafür halten mochte – fasste wagemutig dem Faun ins Haar. Inigo hatte sich das mehrfach streng verbeten. Er tat es stets sanft, fast entschuldigend, so als bedaure er es selbst am meisten.

Im Eifer des Gefechts hatte sie es wohl vergessen.

Inigo wich zurück. Hielt entsetzt inne.

Darius sträubte sich. Fauchte laut und wich ebenfalls zurück.

Eine andere Szene drängte sich in seinen Kopf. Unbestellt und ungewollt.

Zu gut hielt er sie unter Verschluss. Vor sich und vor allen anderen.

So wie Inigo seine Ohren und seine kleinen Hörner.

Man durfte den anderen niemals alles sehen lassen.

Ein paar Karten mussten stets bedeckt bleiben.

Das hatte Kit immer gesagt, wenn jemand zu viele Fragen gestellt hatte.

Wo er denn gestern gewesen war. Wo er heute hinging. Was er noch so vorhatte.

Er hatte keine davon wirklich beantwortet. Konnte es nicht.

War stets ausgewichen. Bis zuletzt.

Einmal hatte Kit ihn zu einem seiner Treffen mitgenommen.

„Wer ist das?“, hatte jemand gefragt.

„Ein Freund!“, hatte Kit mit leisem Spott geantwortet. Dabei war es die Wahrheit.

Sie waren Freunde gewesen. Bis zum Schluss. Aber in diesen Kreisen war die Wahrheit gefährlich.

„Und deine Katze?“, fragte ein anderer.

„Die hat heute schon was vor!“

Alle hatten gelacht.

Darius miaute leise und wich zurück.

Die Erinnerung schmerzte. Auch im Saal lachte man.

„So schüchtern, junger Mann!“, zog die Dame in Brokat und Linnen Inigo auf.

Ihre Brüste hingen halb aus der Schnürung heraus. Den Unterrock hatte sie bis zum Oberschenkel hochgezogen.

Irgendwie hatte sie sich in der Epoche vertan, fand Darius. Er hatte den Rokkoko weniger ungezügelt in Erinnerung, aber vielleicht hatte er das schlimmste verdrängt.

Steifgestärktes Linnen bis zum Knöchel. Das trug Kit immer. Saß mit der Decke bis zum Knie im Bett, ein Schreibbrett darauf.

Darius saß stets daneben und sah zu, wie die Feder über das Papier kratzte.

„Irgendwann kriegen sie dich!“, sagte er leise. Fast warnend.

Kit sah auf. Sah ihn an. Sie waren sich ganz nah. Zu nah.

„Weil ich eine Katze habe?“, murmelte er an Darius Mund. Viel zu nah.

Darius vergrub seine Nase in Kits Haaren.

Es roch süßlich nach Tabak und nach Ruß und Staub, so wie immer.

Zitat

Dich einmal noch küssen in deinen offenen Haar`n

Eiserner Steg, Philipp Poisel, 23.09.2011