12❤️
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Je höher Jungkook stieg, desto ruhiger wurde sein Flug.
Das war wahrscheinlich das Erste, was Felix auffiel.
Nach Jungkooks Auftreten am Boden hätte man vielleicht erwartet, dass er genauso flog, wie er manchmal auftrat: schnell, wild, mit abrupten Bewegungen, vielleicht sogar ein bisschen provozierend.
Aber nichts davon.
Jungkook flog vollkommen ruhig.
Sicher.
Jeder Schlag seiner riesigen schwarzen Flügel war gleichmäßig und kraftvoll. Keine unnötigen Bewegungen, keine plötzlichen Kurven. Er hielt seinen Körper so stabil, dass die vier auf seinem Rücken nach den ersten Minuten merkten, dass sie sich nicht annähernd so verkrampft festhalten mussten wie beim Start.
Felix hob langsam den Kopf.
Der Wind zog durch seine Haare.
„Oh mein Gott.“
Han saß hinter ihm und sah nach unten.
Sehr weit nach unten.
„Felix.“
„Was?“
„Wir sind verdammt hoch.“
„Ich weiß!“
„Nein, ich meine verdammt hoch.“
Wooyoung sah über Jungkooks Flanke hinweg nach unten.
Das Schloss war inzwischen weit unter ihnen.
Und erst jetzt begriffen sie wirklich, wie groß es war.
Von unten war es gewaltig gewesen.
Von hier oben wirkte es beinahe wie das Zentrum einer eigenen kleinen Welt.
Wälder.
Felder.
Berge.
Der See.
Und immer wieder Wald.
Unfassbar viel Wald.
Yeosang sah schweigend nach unten.
Selbst Wooyoung sagte für einige Sekunden nichts.
Jungkook flog weiter.
Ruhig.
Seine riesigen Flügel trugen ihn scheinbar mühelos durch die Abendluft.
Felix streckte vorsichtig eine Hand etwas zur Seite und spürte den Wind durch seine Finger ziehen.
„Hannie.“
„Hm?“
„Das ist das Coolste, was ich jemals gemacht habe.“
Han grinste.
„Okay. Ja.“
„Nur okay?“
„Nein.“
Han sah wieder nach unten.
„Das ist fucking unglaublich.“
Unter ihnen wechselte die Landschaft.
Sie flogen über riesige Felder.
Nicht ein paar Wiesen hinter dem Schloss.
Kilometerweite Flächen.
Jungkook hielt seine Richtung, zog einen langen Bogen und folgte einer Linie, die von oben zunächst kaum zu erkennen war.
Dann sah Han die schwarzen Markierungen.
„Da!“
Felix folgte seinem Blick.
In regelmäßigen Abständen standen die dunklen Grenzsteine.
Jungkook knurrte zustimmend.
„Unsere Grenze.“
Seine Stimme in dieser Form war anders. Tiefer, vibrierend, mehr Grollen als menschlicher Klang.
Wooyoung blickte nach unten.
„Das geht alles bis dahin?“
„Ja.“
Jungkook flog weiter.
„Überall, wo ihr unser Wappen seht, ist Schluss.“
Sie überflogen die nächsten Markierungen.
Und die nächsten.
Und die nächsten.
Nach einer Weile verlor Han vollkommen das Gefühl dafür, wie lange sie bereits unterwegs waren.
Das Absurde daran war: Sie flogen Luftlinie.
Keine Wege.
Keine Kurven um Berge oder Wälder.
Jungkook flog einfach darüber hinweg.
Und trotzdem nahm das Gelände kein Ende.
„Wie groß ist euer Gebiet bitte?“, fragte Felix.
Ein tiefes, zufriedenes Grollen vibrierte durch Jungkooks Körper.
„Groß.“
Han lachte.
„Danke für die genaue Angabe, Jungkook-hyung.“
Jungkook flog weiter.
Dann kam der See wieder in Sicht.
Aber nicht so, wie ATEEZ ihn vom Westflügel aus gesehen hatte.
Wooyoung richtete sich sofort weiter auf.
„Yeosang.“
„Ich sehe es.“
„Das ist doch nicht derselbe See.“
Jungkook grollte.
„Doch.“
Wooyoung starrte nach unten.
Aus der Luft erkannte man erst die tatsächlichen Ausmaße.
Der Bereich vor dem Westflügel war nur ein Teil davon.
Das Gewässer zog sich weit zwischen den Wäldern entlang, wurde an einigen Stellen schmaler und öffnete sich dann wieder zu riesigen Wasserflächen. Felsen ragten an mehreren Seiten aus dem Wald, und weiter hinten verschwanden Teile des Wassers beinahe zwischen den Bergen.
Und Jungkook flog.
Und flog.
Und sie waren immer noch über dem Bereich, den Namjoon ihnen zuvor als erlaubt gezeigt hatte.
Yeosang sah lange nach unten.
Dann sagte er vollkommen ernst:
„Oh wow.“
Wooyoung sah zu ihm.
Yeosang deutete nach unten.
„Da passen wir alle ja fünfmal nebeneinander rein.“
Jungkook knurrte.
Diesmal klang es fast amüsiert.
„Ja. Ich weiß.“
Wooyoung grinste.
„Das ist riesig.“
„Ist ein sehr großer See.“
Jungkook neigte sich leicht in die nächste Kurve.
So sanft, dass keiner von ihnen auch nur ins Rutschen kam.
„Ihr werdet genug Platz haben.“
Yeosang betrachtete weiter das Wasser.
Für acht vollständig verwandelte Leviathane war Platz eines der wichtigsten Dinge überhaupt.
Und hier?
Hier mussten sie sich offensichtlich keine Gedanken darum machen.
Jungkooks Stimme vibrierte erneut unter ihnen.
„Aber bleibt von den Sirenen fern.“
Wooyoung nickte sofort.
„Machen wir, Jungkook-hyung.“
„Und von den Phönixen.“
Felix sah nach vorne.
„Auch wir.“
„Besonders wenn ihr im Wald unterwegs seid.“
Jungkook schlug kräftiger mit den Flügeln und gewann wieder etwas Höhe.
„Ihr Wölfe habt ebenfalls mehr als genug Platz zum Austoben.“
Han sah unter sich.
„Das habe ich inzwischen gemerkt.“
Denn der Wald, den Namjoon ihnen gezeigt hatte, war ebenfalls nur ein Teil des Ganzen.
Das Schloss war von Wald umgeben.
Nicht nur auf einer Seite.
In beinahe jede Richtung erstreckten sich riesige dunkle Baumflächen.
Jungkook flog weiter entlang der Außengrenzen.
Immer wieder tauchten die schwarzen Zeichen des Drachenclans unter ihnen auf.
Manchmal auf hohen Steinen.
Manchmal an Felswänden.
An anderen Stellen standen sie zwischen den Bäumen.
„Überall an den Grenzen sind unsere Wappen“, erklärte Jungkook.
Felix blickte nach unten.
„Die sieht man sogar von hier.“
„Soll man auch.“
Jungkook zog wieder einen weiten Bogen.
„Bis dahin. Dann stoppt ihr.“
„Verstanden, Jungkook-hyung“, sagte Han.
Jungkook flog weiter.
„Und bevor ihr euch wundert: Ihr müsst natürlich nicht in euren Clanformen unterwegs sein. Wenn ihr Leviathane durch den Wald wollt, könnt ihr da genauso als Menschen entlanglaufen.“
Wooyoung schnaubte.
„Gut, ich wollte gerade fragen, ob wir ab jetzt nur noch im See existieren dürfen.“
Jungkook grollte.
„Nein, Nervensäge.“
„Ich heiße Wooyoung.“
„Weiß ich.“
Yeosang grinste.
Wooyoung sah ihn an.
„Du brauchst gar nicht so zu grinsen.“
Jungkook flog weiter.
Die Dunkelheit nahm inzwischen deutlich zu.
Und damit geschah etwas Merkwürdiges.
Je dunkler es wurde, desto weniger schien Jungkook selbst gegen den Himmel aufzufallen.
Seine schwarzen Schuppen reflektierten kaum Licht.
Teilweise verschwammen die Ränder seiner gewaltigen Flügel regelrecht mit dem Nachthimmel.
Felix bemerkte es als Erster.
„Krass.“
Han sah ihn an.
„Was?“
„Guck seine Flügel an.“
Han tat es.
Und verstand.
Schwarz auf Schwarz.
Schatten in der Dunkelheit.
Jungkook gehörte hierher.
In die Nacht.
„Die Kontrollrunde kann übrigens bis zu zwei Stunden dauern“, sagte Jungkook.
Wooyoung sah auf.
„Zwei Stunden?!“
„Manchmal.“
„Du fliegst jeden Abend zwei Stunden?“
„Wenn nötig.“
Felix grinste.
„Ich beschwere mich nicht.“
„Ich auch nicht“, sagte Han sofort.
Yeosang nickte.
„Definitiv nicht.“
Wooyoung sah wieder nach unten.
„Okay. Ich auch nicht.“
Jungkook flog weiter.
Wieder über Wald.
Über Felder.
An den Grenzmarkierungen entlang.
Dann führte sein Weg sie erneut über den See.
Diesmal weiter draußen.
Unter ihnen lag nur noch dunkles Wasser.
Jungkooks Flügel bewegten sich gleichmäßig.
Ein Schlag.
Gleiten.
Noch ein Schlag.
Dann—
nichts.
Jungkook hielt plötzlich inne.
Nicht vollständig.
Aber sein Flug veränderte sich.
Felix merkte es sofort.
„Hm?“
Jungkooks Kopf senkte sich.
Seine Flügel breiteten sich weiter aus und hielten ihn in einem langsamen Kreis über dem Wasser.
Wooyoung sah nach unten.
„Was ist?“
Keine Antwort.
Jungkook kreiste noch einmal.
Langsamer.
Sein Kopf blieb auf einen bestimmten Bereich des Sees gerichtet.
Yeosang wurde ebenfalls aufmerksam.
„Jungkook-hyung?“
Ein tiefes Grollen.
Diesmal war es nicht amüsiert.
Nicht freundlich.
Nicht einmal eine Antwort.
Es war dieses andere Geräusch.
Das aus dem Innenhof.
Gefahr.
Han richtete sich auf.
„Was stimmt nicht?“
Jungkook begann zu sinken.
Langsam.
Kontrolliert.
Immer tiefer über den See.
Felix sah nach unten, konnte aber nichts erkennen.
Nur schwarzes Wasser.
„Siehst du was?“
Jungkook antwortete nicht.
Sein Körper sank weiter.
Dann geschah etwas mit seinen Schuppen.
Felix blinzelte.
„Hannie.“
„Was?“
„Jungkook.“
Han sah nach vorne.
Und erstarrte.
Jungkooks Konturen verschwanden.
Nicht wie bei normaler Dunkelheit.
Sie verschwanden.
Die Schwärze zwischen seinen Schuppen breitete sich aus, verschmolz mit der Nacht um sie herum. Seine Flügel wurden undeutlich. Sein Hals. Sein Rücken.
Wooyoung sah an sich herunter.
Unter seinen Händen war Jungkook noch da.
Er konnte die Schuppen fühlen.
Aber er konnte sie kaum noch sehen.
„Holy shit.“
Yeosang flüsterte:
„Schattendrache.“
Jungkook verschmolz vollständig mit der Dunkelheit.
Von unten wäre nichts mehr zu erkennen gewesen.
Kein riesiger Drache.
Keine vier Menschen auf seinem Rücken.
Nur Nacht.
Jungkook schlug kein einziges Mal unnötig mit den Flügeln.
Er glitt lautlos tiefer.
Wooyoungs Blick wanderte sofort über das Wasser.
Seine gesamte lockere Haltung war verschwunden.
Er war Leviathan.
Das hier war Wasser.
Und Jungkook hatte mitten während seiner Kontrollrunde etwas bemerkt.
„Jungkook-hyung.“
Diesmal flüsterte Wooyoung nur.
Der riesige Kopf senkte sich noch weiter.
Dann kam Jungkooks Stimme.
So leise, dass sie beinahe mit dem Wind verschmolz.
„Still.“
Alle vier verstummten augenblicklich.
Jungkook glitt weiter über den dunklen See.
Unsichtbar.
Lautlos.
Seine Augen fest auf dieselbe Stelle gerichtet.
Denn irgendetwas stimmte dort unten nicht.