18❤️
18❤️
Draußen schlug ihnen sofort die kalte Nachtluft entgegen.
Yoongi zog die Tür hinter ihnen leise zu.
„Ab jetzt seid ihr still.“
Minho sah ihn an.
„Du redest.“
Yoongi drehte langsam den Kopf zu ihm.
„Willst du wieder rein?“
Minho machte demonstrativ den Mund zu.
San grinste und ging die ersten Schritte über den dunklen Weg.
Das Schloss lag hinter ihnen fast vollständig im Dunkeln. Nur hier und da brannte noch Licht hinter einem Fenster. Vor ihnen begann nach wenigen Metern bereits der Wald.
Yoongi ging voraus.
San folgte.
Minho bildete das Schlusslicht.
Keiner von ihnen benutzte Licht.
Sie brauchten es nicht.
Yoongi bewegte sich sicher durch die Dunkelheit. Minho sowieso. Und San konnte zumindest genug erkennen, um nicht über jede Wurzel zu stolpern.
Nach einigen Minuten war vom Schloss kaum noch etwas zu sehen.
Nur noch die Spitzen einiger Türme ragten hinter den Bäumen hervor.
Minho lief erstaunlich leise.
So leise, dass San sich irgendwann umdrehte.
Niemand.
San blieb stehen.
„Minho-hyung?“
Eine Stimme direkt neben seinem Ohr:
„Ja?“
San fuhr herum.
„Fuck!“
Minho stand direkt neben ihm.
San schlug ihm gegen den Oberarm.
„Mach das nicht!“
Minho grinste.
Yoongi drehte sich einige Meter vor ihnen um.
„Was ist los?“
„Der Geisteridiot.“
„Ich habe gar nichts gemacht.“
„Du warst plötzlich neben mir!“
„Ich bin gelaufen.“
„Wie ein verdammter Geist!“
Minho hob beide Hände.
„Geisterwolf.“
Yoongi schloss kurz die Augen.
„Ich nehme euch beide an die Leine.“
„Du bist kein Wolf“, sagte Minho.
Yoongi drehte sich um und ging weiter.
„Leider.“
San folgte ihm.
Minho schloss sich wieder an.
Nach und nach veränderte sich der Boden. Die Bäume standen weiter auseinander und durch die Stämme hindurch wurde etwas sichtbar.
Schwarz.
Der See.
Je näher sie kamen, desto ruhiger wurden alle drei.
Der Humor verschwand von selbst.
Das Wasser lag vollkommen still vor ihnen.
Keine Wellen.
Nur leichte Bewegungen dort, wo der Nachtwind über die Oberfläche strich.
San blieb am Ufer stehen.
Yoongi neben ihm.
Minho einen Schritt dahinter.
Einige Sekunden sagte niemand etwas.
San betrachtete das Wasser.
„Von hier sieht es wirklich normal aus.“
Yoongi nickte.
„Genau das ist das Problem.“
Minho blickte über den See.
„Wo wart ihr?“
Yoongi zeigte hinaus.
„Weiter westlich. Richtung Grenze.“
Minho folgte seinem Finger.
„Das ist ein ganz schönes Stück.“
„Deswegen sind wir nicht gelaufen.“
San sah ihn an.
„Was?“
Yoongi trat ein paar Schritte zurück.
„Wir fliegen.“
Minho sah zu ihm.
Dann zu San.
Dann wieder zu Yoongi.
„Wir?“
„Ja.“
„Auf dir?“
Yoongi sah ihn ausdruckslos an.
„Nein, ich baue jetzt ein Flugzeug.“
San lachte leise.
Minho ignorierte ihn.
„Ich bin noch nie auf einem Drachen geflogen.“
„Dann Glückwunsch.“
„Jungkook wäre wahrscheinlich bequemer.“
Yoongi erstarrte.
San biss sich sofort auf die Unterlippe.
Minho blickte völlig unschuldig.
Yoongi zeigte auf ihn.
„Noch ein Satz.“
Minho schwieg.
Yoongi trat weiter zurück.
„Abstand.“
San und Minho gingen mehrere Meter zurück.
Für einen Moment stand Yoongi einfach da.
Dann veränderte sich seine Gestalt.
Dunkle Schuppen brachen über seine Haut, sein Körper wuchs innerhalb weniger Augenblicke gewaltig an. Arme und Beine wurden zu mächtigen Gliedmaßen, Krallen gruben sich in den Boden. Ein langer Schwanz schlug durch die Luft, während sich riesige Flügel entfalteten.
Dunkles Grün.
Fast schwarz in der Nacht.
Wo Licht auf seine Schuppen traf, schimmerte es tiefgrün.
Minhos Gesicht veränderte sich augenblicklich.
Das Grinsen verschwand.
Er hatte Jungkook gesehen.
Natürlich.
Aber ein weiterer vollständig verwandelter Drache direkt vor ihm war trotzdem etwas anderes.
Yoongi senkte seinen massiven Kopf.
Seine Augen lagen auf Minho.
„Sag.“
Minho blinzelte.
„Was?“
Ein tiefes Grollen.
San grinste.
„Er wartet darauf, dass du sagst, Jungkook-hyung wäre bequemer.“
Minho sah zu Yoongis Rücken.
Dann zu seinen Flügeln.
Dann wieder in sein Gesicht.
„Ich möchte meine Aussage vorläufig zurückziehen.“
Yoongi schnaubte.
Eine dünne grünliche Wolke entwich seinen Nüstern.
Minho machte sofort einen Schritt zurück.
„War das Gift?“
„Ja“, antwortete San.
Minho sah ihn an.
„Woher weißt du das?“
„Ich rieche es.“
Yoongi senkte einen Flügel.
San ging zuerst hinauf.
Minho blieb einen Moment stehen.
„Das ist jetzt schon irgendwie krass.“
Yoongi knurrte ungeduldig.
„Ja, ja.“
Minho kletterte hinter San auf den Drachen.
„Nicht so hektisch, Yoongi-hyung.“
Das Knurren unter ihnen wurde tiefer.
San drehte sich halb um.
„Du hast wirklich überhaupt keinen Selbsterhaltungstrieb.“
„Doch.“
„Merkt man.“
Yoongi erhob sich.
Seine Flügel öffneten sich vollständig.
„Festhalten.“
Minho griff sofort nach einer der großen Schuppen vor sich.
San ebenfalls.
Dann schlug Yoongi mit den Flügeln.
Einmal.
Der Wind fegte über das Ufer.
Beim zweiten Flügelschlag verloren seine Füße den Boden.
Minho sog scharf die Luft ein.
Beim dritten waren sie bereits über den Baumwipfeln.
„Oh.“
San lachte.
„Was?“
Minho sah hinunter.
„Okay.“
Yoongi gewann weiter an Höhe.
„Okay was?“, fragte San.
„Drachen sind praktisch.“
Yoongi knurrte.
Minho klopfte ihm einmal auf eine Schuppe.
„War ein Kompliment, Yoongi-hyung.“
Sie flogen hinaus über den See.
Das Schloss wurde hinter ihnen kleiner.
Yoongi flog deutlich niedriger als Jungkook am Abend. Er brauchte keine große Höhe. Er wusste, wo er hinwollte.
San wurde mit jedem Meter konzentrierter.
Sein Blick lag auf dem Wasser.
Er suchte nach Veränderungen.
Nach Bewegungen.
Nach irgendetwas.
Minho tat dasselbe.
Schließlich beugte San sich etwas vor.
„Weiter links.“
Yoongis Kopf bewegte sich.
San zeigte.
„Da waren sie.“
Yoongi änderte sofort die Richtung.
Unter ihnen wurde das Wasser dunkler.
Der Mond verschwand hinter Wolken.
Minho blickte nach vorne.
In einiger Entfernung standen die ersten schwarzen Grenzsteine am Ufer.
Yoongi wurde langsamer.
San sah nach unten.
„Hier.“
Yoongi ging tiefer.
„Noch ein Stück.“
Der Drache glitt über das Wasser.
San beobachtete die Oberfläche.
„Stopp.“
Yoongi breitete die Flügel aus und hielt sich über dem See.
San sah lange hinunter.
Dann schloss er kurz die Augen.
Minho bemerkte es.
„Spürst du was?“
San antwortete nicht sofort.
Dann öffnete er die Augen.
„Ja.“
Yoongi grollte fragend.
San deutete nach unten.
„Es ist noch da.“
Sofort wurde Minho ernst.
„Die Strömung?“
„Ja.“
San sah Richtung Grenze.
„Und stärker als vorher.“
Yoongis Kopf hob sich.
Ein tiefes, bedrohliches Knurren vibrierte durch seinen Körper.
San rutschte bereits näher an seine Seite.
„Bring mich runter.“
Yoongi sank.
Langsam.
Zehn Meter.
Fünf.
Drei.
Bis seine gewaltigen Flügel beinahe die Wasseroberfläche berührten.
San sah zu Minho.
„Du bleibst bei ihm.“
Minho nickte.
Kein Witz.
Kein Kommentar.
San sah zu Yoongi.
„Wenn ich zweimal kurz hintereinander an die Oberfläche komme, stimmt etwas nicht.“
Yoongi grollte.
San verstand.
Er drehte sich zum Wasser.
Dann hielt er plötzlich inne.
Sein Kopf ging leicht zur Seite.
„Wartet.“
Yoongi erstarrte.
Minho sah sofort hinunter.
„Was?“
San bewegte sich nicht.
Er lauschte.
Nicht mit seinen Ohren.
Mit etwas anderem.
Mit dem Teil von ihm, der zum Meer gehörte.
Seine Stirn legte sich langsam in Falten.
„Da unten ist etwas.“
Yoongis Körper spannte sich an.
Minho beugte sich minimal vor.
San hob eine Hand.
„Nicht.“
Minho blieb sofort sitzen.
San starrte ins schwarze Wasser.
„Das war vorher nicht da.“
Yoongi knurrte tief.
San sah zu ihm.
„Ich gehe runter.“
Dann glitt er von Yoongis Rücken.
Lautloser als zuvor tauchte San in das dunkle Wasser ein.
Die Oberfläche schloss sich über ihm.
Yoongi blieb darüber.
Minho saß auf seinem Rücken und starrte auf dieselbe Stelle.
Zehn Sekunden.
Zwanzig.
Dreißig.
Nichts.
Minho flüsterte:
„Yoongi-hyung.“
Ein leises Grollen antwortete.
„Ich glaube, deine beschissene Idee gefällt mir langsam nicht mehr.“
Yoongi antwortete diesmal nicht.
Denn tief unter ihnen—
bewegte sich etwas Großes durch die Dunkelheit.