5❤️
5❤️
Der Innenhof
Es dauerte am Ende natürlich länger als fünf Minuten.
Als ATEEZ schließlich wieder aus dem Westflügel kam und Stray Kids beinahe gleichzeitig aus dem Ostflügel auftauchte, wartete Jimin bereits unten in der Eingangshalle.
Taehyung stand neben ihm.
„Endlich“, sagte Jimin.
Wooyoung zog die Augenbrauen hoch. „Du hast fünf Minuten gesagt.“
„Ja.“
„Das waren fast fünf Minuten.“
„Das waren zwölf.“
„Fast fünf.“
Jimin starrte ihn an.
Hongjoong-hyung ging einfach an Wooyoung vorbei.
„Diskutier nicht.“
Taehyung stieß eine der großen Türen auf, die nicht zurück zum Vorplatz führte, sondern auf die andere Seite des Schlosses.
„Hier entlang.“
Sie traten hinaus.
Und landeten im Innenhof.
Selbst Chan blieb stehen.
„Fuck.“
Der Innenhof war gigantisch.
Von außen hatte man überhaupt nicht erfassen können, wie groß das Schloss tatsächlich war. Vier massive Gebäudeflügel umschlossen eine freie Fläche aus dunklem Stein und Rasen. Breite Wege führten durch den Hof, dazwischen standen alte Bäume, und in der Mitte befand sich ein großer steinerner Brunnen.
Vor allem aber war da diese enorme freie Fläche.
Keine Dächer.
Keine Überdachungen.
Nichts.
Nur offener Himmel.
Yunho blickte nach oben.
„Für euch?“
Taehyung nickte.
„Landungen.“
Das eine Wort reichte.
Natürlich.
Drachen mussten irgendwo landen können.
Jimin ging weiter.
„Durch den Innenhof kommt ihr übrigens schneller von einem Flügel zum anderen. Ihr müsst nicht jedes Mal durch die Eingangshalle.“
Die Gruppe verteilte sich etwas.
Felix betrachtete den Brunnen. Hyunjin blieb bei Chan. Mingi und Yunho liefen etwas weiter voraus.
Jeongin blieb bei Han und Seungmin.
Wooyoung wiederum hatte offenbar innerhalb der letzten zwölf Minuten beschlossen, dass Ruhe vollkommen überbewertet war.
„I.N.“
Jeongin drehte den Kopf.
„Was?“
„Hast du mein Ladegerät aus meinem Koffer genommen?“
Jeongin starrte ihn an.
„Warum sollte ich dein Ladegerät nehmen, Wooyoung-hyung?“
„Weil meines weg ist.“
„Und deswegen war ich es?“
„Du standest vorhin neben meinem Koffer.“
„Ja, weil dein Koffer mitten im Gang stand.“
„Und jetzt fehlt mein Kabel.“
Jeongin verzog das Gesicht.
„Dann such richtig.“
Wooyoung blieb stehen.
„Hab ich.“
„Offensichtlich nicht.“
Han begann bereits zu grinsen.
Chan sah zu ihm.
„Nicht.“
Han hob beide Hände.
„Ich mache nichts.“
Wooyoung ging zwei Schritte auf Jeongin zu.
„Du bist ganz schön frech.“
Jeongin verschränkte die Arme.
„Und du nervst.“
„Was hast du gesagt?“
„Dass du nervst.“
Wooyoung verengte spielerisch die Augen.
„Yah.“
Er machte einen weiteren Schritt.
Es war nichts Ernstes.
Nicht einmal annähernd.
Wooyoung war genervt, Jeongin gab zurück, und vermutlich wäre die Sache in dreißig Sekunden vorbei gewesen.
Aber Wooyoung war ein Leviathan.
Und selbst in menschlicher Gestalt konnte etwas von diesem Wesen durchbrechen.
Sein Blick wurde schärfer.
Seine Haltung veränderte sich.
Nur minimal.
Jeongin bemerkte es trotzdem.
Sein Wolf ebenfalls.
Der jüngste Schattenwolf zuckte unwillkürlich zusammen.
Chan wurde sofort ernst.
„Wooyoung.“
Gleichzeitig sagte Hongjoong-hyung scharf: „Wooyoung.“
Doch noch bevor Wooyoung reagieren konnte, veränderte sich das Licht.
Ein Schatten fiel über den Innenhof.
Riesig.
So groß, dass er innerhalb von Sekunden über den Stein wanderte und mehrere von ihnen gleichzeitig verschluckte.
Jimin blickte nach oben.
Taehyung ebenfalls.
„Oh“, sagte Jimin.
Ein gewaltiges Geräusch durchschnitt die Luft.
WUMM.
Flügel.
Han riss den Kopf hoch.
Felix’ Augen wurden groß.
Und dann sahen sie ihn.
Schwarz.
Hoch über dem Schloss.
Jungkook.
Der Schattendrache zog einen gewaltigen Kreis über ihnen.
Und selbst nachdem sie ihn vorhin hinter dem Schloss gesehen hatten, war das hier etwas vollkommen anderes.
Jetzt war nichts zwischen ihnen.
Kein Dach.
Keine Entfernung.
Keine Mauer.
Der schwarze Drache zog seine Flügel ein Stück an den Körper und sank.
„Heilige Scheiße“, flüsterte Changbin.
Jungkook breitete die Flügel wieder aus.
Mit einem einzigen gewaltigen Schlag wurde Luft durch den Innenhof gedrückt.
Kleidung flatterte.
Haare wurden zurückgerissen.
Wooyoung hob einen Arm vor das Gesicht.
Jeongin wich einen Schritt zurück.
Dann landete Jungkook.
BOOM.
Der Boden bebte.
Nicht ein bisschen.
Er bebte tatsächlich.
Die massiven Hinterbeine trafen zuerst auf den Stein, unmittelbar darauf die Vorderläufe.
Seine Krallen schlugen mit einem scharfen Geräusch auf.
Die Flügel blieben noch einen Moment vollständig ausgebreitet.
Schwarz.
Gigantisch.
Sie nahmen einen absurden Teil des Innenhofs ein.
Und dann kam seine Aura.
Etwas, das man auf keinem Video sehen konnte.
Etwas, das kein Foto einfing.
Macht.
Uralt.
Dunkel.
Raubtier.
Selbst die Schattenwölfe wurden augenblicklich still.
Chan spürte seinen eigenen Wolf reagieren.
Lee Know richtete sich auf.
Changbins Kiefer spannte sich an.
Felix bewegte sich keinen Zentimeter.
ATEEZ stand genauso ruhig.
Hongjoong-hyung beobachtete Jungkook aufmerksam.
San sagte nichts mehr.
Nicht einmal Wooyoung.
Der riesige schwarze Kopf senkte sich.
Jungkooks Augen lagen direkt auf ihnen.
Dann auf Jeongin.
Und schließlich auf Wooyoung.
Ein tiefes Geräusch vibrierte in seiner Brust.
Nicht einmal ein richtiges Knurren.
Nur eine Warnung.
Und jetzt verstand ATEEZ, was Jimin vorhin gemeint hatte.
Man hörte Jungkook nicht nur.
Man spürte ihn.
Das Grollen ging durch den Boden, durch die Luft und direkt in den Brustkorb.
„Das“, murmelte Jimin hinter ihnen, „ist Jungkook.“
Wooyoung schluckte.
Der Drache setzte sich in Bewegung.
Ein Schritt.
Noch einer.
Dann begann sich sein Körper zu verändern.
Die gigantische Form zog sich zusammen.
Schwarze Schuppen verschwanden.
Flügel lösten sich auf.
Klauen wurden zu Händen.
Der lange Hals verkürzte sich.
Innerhalb weniger Augenblicke stand dort kein Drache mehr.
Jungkook.
Schwarze, weite Hose.
Schwarzes Shirt.
Schwere Boots.
Die Tattoos über seinem Arm vollständig sichtbar.
Piercings.
Dunkle Haare, leicht durcheinander von der Verwandlung.
Genau der Jungkook, den Millionen Menschen kannten.
Nur dass gerade niemand im Innenhof vergessen konnte, was vor wenigen Sekunden an derselben Stelle gestanden hatte.
Jungkook ging los.
Direkt auf Wooyoung zu.
„Jungkook“, sagte Jimin.
Jungkook reagierte nicht.
Wooyoung richtete sich auf.
„Jungkook-hyung—“
Jungkooks Hand schoss vor.
Er packte Wooyoung am Kragen.
Nicht brutal genug, um ihn zu verletzen.
Aber eindeutig genug, dass Wooyoung sofort verstummte.
San machte einen Schritt.
Hongjoong-hyungs Arm ging vor seine Brust.
„Warte.“
Jungkook zog Wooyoung ein Stück näher.
Seine Stimme war ruhig.
Fast zu ruhig.
„Bleib weg vom Jüngsten.“
Wooyoung sah ihn an.
Jungkooks dunkler Blick ließ ihn keine Sekunde los.
„Haben wir uns verstanden?“
„Jungkook-hyung, wir haben nur—“
„Sehe ich noch einmal, dass du ihn so angrinst—“
Jungkooks Griff zog sich leicht zusammen.
„—oder irgendeiner von euch krümmt ihm auch nur ein Haar, findet man euch nicht so schnell wieder.“
Absolute Stille.
Jeongin stand hinter Chan und starrte Jungkook an.
„Jungkook-hyung…“
Jungkook blickte nicht zu ihm.
Seine Augen blieben auf Wooyoung.
Und dann knurrte er.
Tief.
Dunkel.
Nicht menschlich.
Das Geräusch begann irgendwo tief in seiner Brust und wurde so tief, dass Wooyoung es durch Jungkooks Hand an seinem Kragen beinahe körperlich spüren konnte.
ATEEZ erstarrte.
Felix’ Augen wurden größer.
Han sah langsam zu Jimin.
Jimin hob lediglich die Augenbrauen.
Genau dieses Geräusch hatte er gemeint.
Wooyoung hob beide Hände ein Stück.
„Verstanden, Jungkook-hyung.“
Noch zwei Sekunden hielt Jungkook ihn fest.
Dann ließ er seinen Kragen los.
Wooyoung trat zurück und richtete sein Shirt.
Jungkook sah einmal über die gesamte Gruppe.
Dann zu Jeongin.
Sein Gesicht veränderte sich kaum.
Aber seine Stimme schon.
„Alles okay?“
Jeongin nickte.
„Ja, Jungkook-hyung.“
„Gut.“
Jungkook wandte sich wieder um.
Wooyoung sah ihm hinterher.
San trat neben ihn.
„Du bist seit nicht mal einer Stunde hier.“
Wooyoung sah ihn an.
„Halt die Fresse.“
San grinste.
„Du wurdest vom größten Drachen der Welt am Kragen gepackt.“
„San.“
„Nicht mal eine Stunde.“
„San.“
Jimin ging an ihnen vorbei.
„Und jetzt wisst ihr auch, wie Jungkook klingt.“
Wooyoung sah ihm hinterher.
„Ja, danke, Jimin-hyung.“
Jimin grinste.
„Gerne.“
Taehyung öffnete bereits die nächste Tür.
„Essen.“
Und dieses Mal diskutierte tatsächlich niemand.