6❤️
6❤️
Regeln am Drachentisch
Als die anderen den Speisesaal betraten, saß Jungkook bereits am Tisch.
Als wäre vor wenigen Minuten nicht ein gigantischer Schattendrache mitten im Innenhof gelandet.
Als hätte er nicht gerade Wooyoung am Kragen gepackt.
Als hätte nicht der halbe Innenhof unter seiner Landung gebebt.
Er saß einfach da.
Ein Bein leicht nach vorne gestreckt, komplett in Schwarz, Tattoos sichtbar, Piercings im Gesicht, während er auf sein Handy sah.
Wooyoung blieb kurz in der Tür stehen.
San lief beinahe in ihn hinein.
„Weiter.“
„Ich gehe ja.“
„Du stehst.“
„Jetzt nicht mehr.“
Jungkook hob nicht einmal den Blick.
„Setzt euch.“
Wooyoung sah San an.
San grinste.
„Kein Wort“, murmelte Wooyoung.
Der Tisch war riesig.
Und voll.
Jin hatte definitiv nicht übertrieben, als er gesagt hatte, dass er viel gekocht hatte.
Mehrere Platten mit Steaks standen auf einer Seite. Unterschiedlich gegart, teilweise bereits aufgeschnitten. Dazu Beilagen, Gemüse, Reis, verschiedene Saucen.
Auf der anderen Seite standen mehrere Fischgerichte.
Gebraten.
Gedämpft.
Gegrillt.
Dazu Suppen, Meeresfrüchte und ebenfalls mehrere Beilagen.
Und natürlich genug Essen für BTS selbst.
Changbin blieb stehen.
„Jin-hyung.“
Jin sah aus der Küche.
„Hm?“
Changbin zeigte auf den Tisch.
„Ich nehme alles zurück, was ich jemals Schlechtes über diese drei Monate gedacht habe.“
Chan sah ihn an.
„Du bist seit einer Stunde hier.“
„Und?“
Jin lachte.
„Setz dich.“
Alle verteilten sich langsam um den Tisch.
Jin kam noch einmal mit einer Schüssel aus der Küche.
Jungkook sah sofort auf.
„Jin-hyung, brauchst du Hilfe?“
„Nein.“
Jin stellte die Schüssel ab.
„Bleib sitzen, kooki.“
Stille.
Mehrere Köpfe drehten sich.
Jungkook blinzelte.
Wooyoungs Mund öffnete sich.
San packte sofort seinen Oberschenkel unter dem Tisch.
Wooyoung zuckte zusammen und sah ihn an.
Sans Gesicht sagte eindeutig:
Wage es nicht.
Jin bemerkte davon nichts oder ignorierte es.
„So. Jetzt müsste alles da sein.“
Jungkook legte sein Handy weg.
„Bevor ihr anfangt.“
Changbin sah auf das Steak vor sich.
Sein Gesicht fiel.
Jungkook ignorierte das.
„Es gibt Regeln.“
Sein Blick wanderte über beide Gruppen.
„Ihr haltet euch an die Regeln.“
Die Stimmung veränderte sich etwas.
Nicht unangenehm.
Aber aufmerksamer.
Jungkook lehnte sich zurück.
„Erstens: Der Südflügel gehört uns.“
Er deutete mit zwei Fingern in die entsprechende Richtung.
„Da geht ihr nicht rein.“
Chan nickte.
Hongjoong ebenfalls.
„Eure Zimmer sind im Ost- und Westflügel. Ihr habt genug Platz. Wenn ihr einen von uns braucht, schreibt, ruft oder wartet, bis wir irgendwo auftauchen. Aber der Südflügel ist privat.“
„Verstanden“, sagte Seonghwa.
Jungkook nickte einmal.
Dann wurde sein Gesicht ernster.
„Zweitens.“
Kurze Pause.
„Der Nordflügel wird überhaupt nicht angefasst.“
Hongjoong Blick ging kurz zu Namjoon.
Der sagte nichts.
Jungkook sprach weiter.
„Ihr geht nicht rein. Ihr versucht nicht reinzukommen. Ihr öffnet keine Tür, die dorthin führt. Ihr klettert nicht über irgendeinen Balkon. Ihr versucht es nicht von außen. Ihr fliegt nicht hin, ihr schwimmt nicht irgendwo hin und ihr sucht auch keinen anderen Weg.“
Wooyoung runzelte die Stirn.
„Was ist—“
Jungkooks Blick traf ihn.
Wooyoung verstummte.
„Nein.“
„Ich wollte nur—“
„Nein.“
Jungkook beugte sich ein Stück nach vorne.
„Ihr müsst nicht wissen, was dort ist.“
Jetzt war selbst Wooyoung still.
Jungkooks Stimme sank.
„Und damit das vollkommen klar ist: Solltet ihr auch nur versuchen, unerlaubt in den Nordflügel zu kommen, sorge ich eigenhändig dafür, dass ihr dort nicht mehr lebend rauskommt.“
Stille.
Hoseok sah Jungkook an.
„Kooki.“
„Was?“
„Vielleicht minimal weniger Morddrohungen beim ersten gemeinsamen Essen.“
Jungkook zeigte auf ATEEZ und Stray Kids.
„Dann sollen sie nicht in den Nordflügel gehen.“
Yoongi nahm vollkommen unbeeindruckt sein Glas.
„Eigentlich ziemlich einfache Lösung.“
Jin setzte sich.
„Können wir wenigstens anfangen zu essen, während ihr denen Angst macht?“
„Ich mache niemandem Angst.“
Han sah Jungkook an.
Dann demonstrativ auf seinen Teller.
Felix musste sich ein Lachen verkneifen.
Jungkook ignorierte beide.
„Nächster Punkt.“
Er sah zu Stray Kids.
„Ihr Wölfe habt nicht umsonst Zimmer mit Blick auf den Wald bekommen.“
Chan blickte auf.
„Der Wald gehört zum Gelände. Tobt euch aus.“
Das überraschte mehrere von ihnen sichtbar.
Jungkook deutete Richtung Fenster.
„Lauft. Jagt. Verwandelt euch. Macht, was ihr machen müsst. Ihr müsst hier nicht drei Monate in menschlicher Gestalt rumlaufen.“
Lee Know fragte: „Komplettes Waldgebiet?“
„Namjoon-hyung zeigt euch nachher die Grenzen.“
Jungkook sah anschließend zu ATEEZ.
„Dasselbe gilt für euch. Ihr habt den Westflügel wegen des Sees bekommen. Benutzt ihn.“
Yunho sah sofort interessiert auf.
„Auch nachts?“
„Mir egal.“
Mingi grinste.
„Gut.“
„Aber ebenfalls nur bis zur Grenze, die Namjoon-hyung euch zeigt. Dahinter beginnt ein anderer Bereich. Ihr bleibt diesseits davon.“
Hongjoong nickte.
„Kein Problem.“
„Gut.“
Jungkook nahm sein Glas.
Trank.
Stellte es wieder hin.
„Und jetzt der wichtigste Punkt.“
Jimin begann bereits zu grinsen.
Taehyung ebenfalls.
Jungkook sah einmal langsam über alle sechzehn neuen Bewohner.
„Nervt nicht.“
Stille.
„Ich meine es ernst.“
Sein Blick wanderte weiter.
„Nervt einfach nicht.“
Hoseok presste die Lippen zusammen.
Jungkook zeigte leicht auf sie.
„Benehmt euch. Seid erwachsen. Räumt euren Scheiß weg. Wenn ihr etwas benutzt, stellt es zurück. Wenn jemand schläft, schreit nicht durchs Schloss. Wenn ihr euch streiten wollt, macht nicht das halbe Gebäude kaputt.“
Sein Blick blieb einen winzigen Moment länger an Wooyoung hängen.
„Und nervt einfach nicht.“
Wooyoung hob die Hände.
„Ich hab nichts gesagt, Jungkook-hyung.“
„Sehr gut.“
Jungkook nickte zufrieden.
„Mach genau so weiter.“
San verschluckte sich beinahe an seinem Wasser.
Wooyoung trat ihm unter dem Tisch gegen das Bein.
„Aua.“
„Selbst schuld.“
Jungkook lehnte sich zurück.
„Wenn ihr diese eine Sache schafft, werde ich euch drei Monate lang super dankbar sein.“
Dann zeigte er auf Namjoon.
„Namjoon-hyung. Deine Regeln.“
Namjoon, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte, legte sein Besteck hin.
„Meine Regeln klingen nach Jungkooks wahrscheinlich ziemlich langweilig.“
„Gut“, sagte Chan.
Namjoon lächelte leicht.
„Erstens: Keine Kämpfe in verwandelter Form innerhalb des Schlosses.“
San hob eine Augenbraue.
„Das musste als Regel festgelegt werden?“
Yoongi sah ihn an.
„Jetzt schon.“
San erwiderte den Blick.
„Yoongi-hyung.“
„San.“
Hongjoong sah zwischen ihnen hin und her.
„Nein.“
Beide schwiegen.
Namjoon fuhr fort.
„Der Innenhof ist groß genug für Drachenlandungen, aber nicht dafür gedacht, dass dreiundzwanzig Clanwesen dort aufeinander losgehen. Wenn ihr Probleme miteinander habt, klärt sie menschlich.“
„Und wenn das nicht funktioniert?“, fragte Minho.
„Dann kommt zu mir.“
Chan nickte.
Das gefiel ihm deutlich besser.
„Zweitens: Wenn ihr euch vollständig verwandelt, sagt wenigstens einem eurer Mitglieder Bescheid, wo ihr seid. Das Gelände ist riesig. Ich will nicht nachts feststellen, dass jemand fehlt und keiner weiß, ob derjenige im Wald liegt, im See schwimmt oder das Gelände verlassen hat.“
Hongjoong nickte.
„Machen wir sowieso.“
Chan ebenfalls. „Wir auch.“
„Gut. Drittens: Das Gelände könnt ihr grundsätzlich frei benutzen. Wald und See bekommt ihr nachher genau gezeigt. Die Trainingsräume, Studios, Bibliothek, Kino, Pool und Gemeinschaftsräume sind für alle.“
Hyunjin sah auf.
„Ihr habt ein Atelier?“
Taehyung antwortete sofort.
„Ja.“
Hyunjin sah ihn an.
„Richtiges Atelier?“
„Ja.“
„Mit Leinwänden?“
Taehyung nickte.
„Zeige ich dir nachher.“
Hyunjin lächelte zum ersten Mal, seit sie angekommen waren, wirklich.
„Danke, Taehyung-hyung.“
Namjoon fuhr fort.
„Wenn irgendwo eine Tür abgeschlossen ist, bleibt sie abgeschlossen. Keine Diskussion.“
Seungmin nickte.
„Logisch.“
„Und bevor irgendjemand auf die Idee kommt: Das gilt auch für Geisterwölfe.“
Mehrere Köpfe drehten sich zu Minho.
Der sah Namjoon vollkommen unschuldig an.
„Warum gucken alle mich an?“
Chan schnaubte.
Namjoon grinste kurz.
„Durch eine abgeschlossene Tür zu gehen zählt trotzdem als Reingehen.“
„Schade.“
„Minho-hyung“, murmelte Jeongin.
„War ein Witz.“
„Bei dir weiß man nie.“
Namjoon nahm sein Glas.
„Ansonsten behandelt ihr das Schloss einfach vernünftig. Ihr seid Gäste, aber ihr sollt hier drei Monate leben. Ihr müsst also nicht jedes Mal fragen, ob ihr euch etwas zu trinken nehmen dürft oder ob ihr euch aufs Sofa setzen könnt.“
Hoseok hob sofort einen Finger.
„Und eigentlich wollten wir diese komplette Tour vor dem Essen machen.“
Er sah zu Jungkook.
Dann zu Jin.
Dann auf den vollgedeckten Tisch.
„Aber offenbar machen wir heute alles rückwärts.“
Jin schob ihm eine Schüssel hin.
„Das Essen war fertig.“
„Ich beschwere mich nicht, Jin-hyung.“
„Klang aber so.“
„Nein.“
Hoseok nahm sich etwas.
„Also essen wir jetzt. Danach gibt’s die Schlossführung.“
Er sah zu ATEEZ und Stray Kids.
„Und dabei zeigen wir euch die Grenzen draußen richtig. Nicht nur ‘da irgendwo ist Schluss’, sondern so, dass ihr euch auch verwandelt nicht versehentlich im falschen Gebiet wiederfindet.“
„Danke, Hoseok-hyung“, sagte Felix.
„Gerne.“
Jin zeigte mit seinen Stäbchen auf die beiden Gruppen.
„Und während wir essen, schreibt ihr mir irgendwann eure Essenslisten. Nicht jetzt sofort. Esst erst.“
Changbin hatte bereits ein Steak vor sich.
„Jin-hyung.“
„Ja?“
„Ich liebe dich.“
Jin nickte zufrieden.
„Endlich jemand mit Geschmack.“
Jungkook griff nach seinem Essen.
Jimin sah zu ihm.
Dann grinste er.
„kooki.“
Jungkooks Kopf schnellte herum.
„Hyung.“
Wooyoung senkte sofort den Kopf über seinen Teller.
Seine Schultern begannen zu zittern.
San bemerkte es.
„Nicht.“
Wooyoung presste die Lippen zusammen.
Jungkooks Augen verengten sich.
„Wooyoung.“
Wooyoung sah sofort hoch.
„Ja, Jungkook-hyung?“
„Nerv nicht.“
Wooyoung nickte vollkommen ernst.
„Ich gebe mein Bestes.“
Hoseok brach als Erster in Gelächter aus.