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Boston - Infiltration der Garnison (XXL Kapitel) *Hrymrs Sicht*

Die Fäden, Die Uns Halten! - Part Iii Der Schicksalhaften Zeitreisen — www.fanfiktion.de · All chapters

Boston - Infiltration der Garnison (XXL Kapitel) *Hrymrs Sicht*

Da bin ich wieder!

Ich hoffe, ihr habt mich und meine Leute vermisst?

Heute wollen wir mal schauen, wie man mit ein paar gut

platzierten bösen Worten in den Köpfen der Menschen, eine

Garnison aufmischt und Soldaten zum Kämpfen bringt.

Ich wünsche gute Unterhaltung!

Hrymr aka Eugene

PS: Ich glaube, meiner Erzfeindin geht es - noch - gut.

Falls das überhaupt jemanden interessiert.

Zitat Kapitel 40 - Boston

Kapitel 40 XXL

~~~ Infiltration der Garnison ~~~

Hrymrs Sicht

Boston – Dezember 1773, am Tag nach der Tea Party

Empusa glitt durch die letzten Schatten der Nacht, als gehörten sie zu ihr. Boston half ihr dabei. Die Stadt roch noch nach Rauch, kaltem Hafenwasser, verschüttetem Ale und all dem menschlichen Überschwang, der nach einem geglückten Aufstand zwangsläufig in Erschöpfung überging. In den Gassen lagen vereinzelte Männer an Hauswänden oder auf Treppenstufen und schliefen ihren Triumph aus. Irgendwo sang jemand mit heiserer Stimme ein Lied gegen die Krone, traf dabei vermutlich keinen einzigen Ton und ließ sich trotzdem nicht davon abhalten. Empusa mochte Menschen in solchen Nächten. Sie waren unvorsichtig, glücklich, müde und fest davon überzeugt, etwas Großes erreicht zu haben – und damit herrlich leicht zu erschrecken. Vor der Unterkunft ihrer kleinen, inzwischen erstaunlich bunten Gemeinschaft stand Typhon unter dem Vordach und sah in die dunkle Straße hinaus. In seiner menschlichen Gestalt wirkte er beinahe gewöhnlich, wenn man nicht wusste, was sich unter dieser Haut verbarg.

Als Empusa näher kam, hob er nur eine Braue.

„Na?“

„Na was?“

„Hat sie gezuckt?“

Empusa blieb vor ihm stehen und grinste.

„Mehr als das.“

Damit war seine Neugier geweckt. Er öffnete ihr die Tür und folgte ihr hinein. Der Raum dahinter war warm, stickig und viel zu klein für all die Persönlichkeiten, die Eugene inzwischen um sich geschart hatte. Amber stand am Fenster und schob mit zwei Fingern den Vorhang ein Stück beiseite. Nyx saß auf der Kante des großen Tisches, schwang gelangweilt ein Bein und ließ eine kleine schwarze Flamme über ihre Fingerspitzen wandern. Geryon hatte sich mitsamt einem Becher in eine Ecke zurückgezogen. Er sah aus, als würde er schlafen, doch Empusa wusste inzwischen, dass er dabei meistens mehr mitbekam als alle anderen zusammen. Eugene selbst stand vor dem Kamin. Oder besser gesagt: Er lief davor auf und ab.

Drei Schritte nach links, eine Drehung, vier nach rechts und wieder zurück. Seine rechte Hand lag immer wieder auf dem fünften Armreif, als müsse er sich vergewissern, dass das dunkle Schmuckstück noch da war. Im Schein des Feuers wirkte das Metall merkwürdig; es spiegelte keine Flammen. Für einen Augenblick hätte Empusa schwören können, darin einen anderen Himmel zu sehen, vielleicht sogar eine andere Zeit – oder auch nur Eugenes Größenwahn. Bei ihm wusste man das nie so genau.

„Und?“, fragte er, ohne sich umzudrehen. „Hast du etwas Interessantes erfahren oder bist du nur zurückgekommen, um uns beim Schlafen zu stören?“

„Ihr schlaft doch sowieso nicht.“

Nyx kicherte.

Eugene blieb stehen und drehte sich langsam zu Empusa um.

„Also?“

Sie ließ ihn einen Moment warten, nur weil sie wusste, wie sehr er das hasste.

„Sie wissen von Euch.“

Sein Blick wurde schärfer.

„Wie viel?“

„Nicht genug.“ Empusa trat näher. „Aber genug, um Mistress Kenway den Rest der Nacht zu verderben.“

Jetzt hatte sie seine ungeteilte Aufmerksamkeit.

„Wie hat sie reagiert?“

„Sie hat versucht, gar nicht zu reagieren.“

„Das war nicht meine Frage.“

„Ich weiß.“

Typhon verschluckte hinter ihr ein Lachen. Empusa genoss die kleine Pause noch einen Herzschlag länger, ehe sie sich erbarmte.

„Sie ist erstarrt, als Haytham Euren Namen ausgesprochen hat.“

Eugene sagte nichts. Nur seine Mundwinkel zuckten ein wenig nach oben. Es war kein Jubel und nicht einmal echte Freude, eher die selbstgefällige Zufriedenheit eines Mannes, der gerade bestätigt bekommen hatte, dass er noch immer irgendwo im Kopf seiner Feindin wohnte, ohne Miete zu zahlen.

„Gut“, sagte er schließlich.

Nyx hörte auf, ihr Bein zu schwingen.

„Gut?“ Sie legte den Kopf schief. „Du hast monatelang davon gesprochen, ihr wieder unter die Haut zu gehen. Jetzt erstarrt sie bei deinem Namen, und alles, was du zustande bringst, ist gut?“

„Was soll ich tun? Tanzen?“

„Das würde ich gern sehen“, warf Geryon aus seiner Ecke ein.

„Du hältst dich da raus.“

„Ich sitze hier.“

Empusa grinste. Genau deshalb gefiel ihr diese Gesellschaft langsam. Niemand schien besonders beeindruckt davon zu sein, dass Eugene sich für den zukünftigen Herrscher über Zeit, Welten und vermutlich irgendwann auch das Wetter hielt. Amber ließ den Vorhang los und wandte sich zu ihnen um.

„Und Haytham?“

Empusa hätte beinahe die Augen verdreht. Alexandra, Connor und die Kinder waren Amber in diesem Moment völlig gleichgültig; ihre Gedanken landeten wie immer bei Haytham. Empusa verschränkte die Arme vor der Brust.

„Wütend.“

Amber lächelte bereits.

„Gedemütigt.“

Das Lächeln wurde breiter.

„Und?“

„Deine Gerüchte haben funktioniert. Er hat Männer wiedergetroffen, die ihn aus seiner Lehrzeit kannten. Früher haben sie wohl gemeinsam trainiert. Heute schossen sie lieber auf ihn, als auch nur eine einzige Erklärung abzuwarten.“

Ambers Augen begannen regelrecht zu leuchten.

„Er hat von mir gesprochen?“

„Er hat deinen Namen genannt.“

„Ich wusste es!“ Sie stieß sich vom Fensterbrett ab. „Mein Plan ist aufgegangen. Er hat mich nicht vergessen.“

Für einen Moment herrschte Stille. Nyx warf Empusa einen Blick zu, Empusa wiederum Typhon, während Geryon sehr langsam einen Schluck aus seinem Becher nahm und Eugene sich über die Stirn rieb.

„Amber“, begann er mit einer Geduld, die so dünn war, dass man fast hindurchsehen konnte. „Der Mann würde dich vermutlich mit bloßen Händen erwürgen, wenn er die Gelegenheit dazu bekäme.“

„Aber er erinnert sich an mich.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Für den Anfang reicht es.“

Nyx lachte so plötzlich auf, dass sogar Geryon grinste.

Eugene schüttelte den Kopf.

„Wie auch immer. Dass er sich erinnert, spielt uns immerhin in die Hände.“

Er trat zum Tisch und legte beide Hände auf die Platte. Das Herumlaufen hatte aufgehört. Das war meistens ein Zeichen dafür, dass in seinem Kopf aus all den losen Gedanken endlich etwas entstanden war, das er für einen Plan hielt.

„Haytham wird zur Garnison gehen. Tryon sitzt dort, die Hinrichtung steht im Raum, und unser Templer kann unmöglich zulassen, dass ihm jemand eine Angelegenheit der Krone und der Armee aus der Hand nimmt.“

„Und Lee wird ihm wie ein treuer Hund folgen“, sagte Nyx.

„Lee folgt jedem, der ihm das Gefühl gibt, wichtig zu sein“, erwiderte Eugene.

Typhon lehnte sich etwas vor. „Was ist mit Hickey?“

„Der folgt Haytham, weil Haytham sein Großmeister ist und weil er im Gegensatz zu Lee wenigstens weiß, wann er besser den Mund hält.“

„Manchmal“, murmelte Geryon aus seiner Ecke, worauf Eugene ihm einen kurzen Blick zuwarf.

„Manchmal“, räumte er ein und strich mit den Fingern über den dunklen Armreif. „Mehr müssen wir nicht wissen. Sobald Kenway dort ist, kümmern sich Nyx, Amber und Geryon darum, dass die Garnison ihn nicht so schnell wieder gehen lässt.“

Empusa hob eine Braue. „Und ich?“

Eugene brauchte nichts zu sagen. Ein einziger Blick genügte, damit sie verstand, was er von ihr erwartete.

„Ach“, machte sie gedehnt.

Nyx grinste. „Ach.“

Empusa seufzte theatralisch. „Die Mutter.“

„Die Mutter“, bestätigte Eugene.

„Ich hoffe, ich darf wenigstens ein bisschen kreativer sein als gestern besprochen.“

„Solange du das Ziel nicht vergisst.“

Empusas Mundwinkel zuckten. „Welches der beiden?“

Eugene sah sie lediglich an, bis sie beschwichtigend beide Hände hob. „Schon gut. Ich werde überzeugend sein.“

Amber musterte sie skeptisch. „Du weißt, wie Alexandra mit ihren Töchtern spricht?“

Empusa schenkte ihr einen beleidigten Blick. „Ich habe sie oft genug beobachtet. Ich kann laufen wie sie, sprechen wie sie, aussehen wie sie und sogar diesen besonderen Blick nachmachen, den sie bekommt, wenn jemand ihren Kindern zu nahe kommt.“

„Das klingt beruhigend“, bemerkte Typhon trocken.

Empusa sah zu ihm. „Für uns oder die Kindermädchen?“

„Für niemanden.“

Nyx sprang vom Tisch und rieb sich erwartungsvoll die Hände. „Wunderbar. Dann ist ja alles geklärt. Darf ich jetzt endlich zur Garnison?“

Eugene betrachtete sie einen Moment lang. „Du sollst Chaos verursachen, nicht Boston abreißen.“

„Du kennst mich doch.“

„Eben deshalb sage ich es.“

Nyx schenkte ihm ihr unschuldigstes Lächeln, das so wenig zu ihr passte, dass es beinahe schon wieder glaubwürdig wirkte. „Ich werde mich benehmen.“

Eugene schnaubte. „Das glaube ich dir nicht einmal, wenn du es auf einen Runenstein meißelst.“

„Dann sind wir uns ja einig.“

♦ ♦ ♦

Nyx liebte Garnisonen.

Uniformen langweilten sie, Waffen waren lediglich notwendig, weil menschliche Körper so erschreckend leicht kaputtgingen, und die viel gepriesene militärische Ordnung reizte sie nur aus einem Grund: weil man sie zerstören konnte. Menschen bauten Mauern, stellten Wachen davor, verteilten Befehle auf Papier und redeten sich anschließend ein, damit hätten sie die Welt unter Kontrolle. Dabei genügte meistens ein falscher Satz oder ein einziger Verdacht.

Es konnte ein Mann sein, der glaubte, sein Nebenmann habe ihn verraten, ein Offizier mit Angst vor der falschen Entscheidung oder ein Gouverneur, der plötzlich an einem Ort auftauchte, an dem er gar nicht sein sollte. An diesem Morgen bot die Bostoner Garnison ihr alles davon gleichzeitig. Die Tea Party hatte Spuren hinterlassen, und zwar längst nicht nur im Hafen. Einige Soldaten waren noch immer blass um die Nase und hielten sich verstohlen den Bauch. Andere wirkten übernächtigt, gereizt oder schlicht beleidigt darüber, dass der gestrige Abend sich ihrer Kontrolle entzogen hatte. Dazu kamen Gerüchte über Verräter, gestohlene Papiere, Patrioten, vergiftete Getränke und einen Gouverneur, der angeblich gemeinsame Sache mit dem Widerstand machte.

Herrlich.

Nyx glitt unsichtbar durch den Hof und musste sich beherrschen, nicht laut vor Freude zu seufzen.

Tryon war bereits dort und äußerlich wieder ganz er selbst.

Eugene hatte ihn nur lange genug getragen, um den Mann an den richtigen Ort zu bringen, die richtigen Gesichter sehen zu lassen und in den Köpfen der Garnison genügend Spuren zu hinterlassen. Danach hatte er seinen Körper freigegeben – fast.

Nyx sah es Menschen gern an, wenn jemand in ihrem Geist herumgewühlt hatte. Ein winziges Zögern im Blick. Bewegungen, die einen Hauch zu spät kamen. Gedanken, die sich anfühlten wie Möbel, die jemand nachts heimlich umgestellt hatte. Tryon stand inmitten eines solchen inneren Zimmers und wusste nicht einmal, dass etwas nicht an seinem Platz war. Er saß unter Bewachung und versuchte zum wiederholten Male einem Soldaten zu erklären, wer er sei.

„Ich bin Gouverneur William Tryon. Ihr könnt mich nicht einfach…“

Der Soldat sah ihn an, als hätte er behauptet, der König persönlich zu sein. Nyx trat hinter den Mann und legte ihm zwei Finger an die Schläfe.

Der Gouverneur lügt.

Sein Blick wurde härter.

Sie ging weiter.

Beim nächsten genügte ein Flüstern.

Kenway wird kommen, um ihn zu holen.

Die Hand des Mannes schloss sich fester um sein Gewehr.

Noch einer.

Wenn du ihn laufen lässt, wirst du dafür hängen.

Er schluckte und richtete sich gerader auf. Menschen waren so dankbar für Angst. Gab man ihnen nur genug davon, erledigten sie den Rest meistens selbst. Amber stand im Schatten eines Bogengangs und beobachtete den Hof mit deutlich weniger Begeisterung. Neben ihr wartete Geryon. Er wirkte in dieser Umgebung fast gelangweilt, doch Nyx spürte, wie seine Macht zwischen den Soldaten lag wie eine schwere Hand auf ihren Schultern. Vor einem Gebäude stand Gabriel Gragory Fowler und hielt einen Stapel Papiere in den Händen. Sein Kopf war bereits so rot, dass Nyx sich fragte, ob er irgendwann einfach platzen würde. Vielleicht später; jetzt brauchten sie ihn noch.

Amber trat zu ihm.

„Leutnant Major.“

Fowler fuhr herum.

„Ma’am?“

„Ihr erwartet Besuch.“

„Wir erwarten heute viele unerwünschte Besucher.“

„Diesen werdet Ihr erkennen.“

Sie nickte in Richtung des Tores.

Dort erschienen drei Männer.

Haytham Kenway ging in der Mitte. Charles Lee klebte beinahe an seiner rechten Seite und Thomas Hickey hielt sich links etwas zurück. Genau wie Eugene gesagt hatte. Nyx musste ihm widerwillig zugestehen, dass der Russe manchmal tatsächlich wusste, wovon er sprach. Amber veränderte sich neben ihr. Es war kaum sichtbar. Ihre Schultern richteten sich etwas auf. Ihr Kinn hob sich. Selbst ihre Finger glitten über den Stoff ihres Kleides, als müsse sie prüfen, ob alles an ihr so saß, wie es sollte.

Nyx grinste. „Nicht nervös werden.“

Amber warf ihr einen giftigen Blick zu. „Ich bin nicht nervös.“ Nyx grinste nur noch breiter.

Haytham bemerkte sie fast sofort. Sein Blick glitt über den Hof, registrierte die Stellung der Wachen, Fowler, die geöffneten Türen und diese viel zu gespannte Ruhe, die längst nicht mehr zu einer gewöhnlichen Garnison passte. Schließlich blieb er an Amber hängen. Nur einen Augenblick, doch Amber bemerkte diesen Moment sofort.

„Mrs Donovan“, sagte Haytham kühl und höflich, als wäre ihr Name etwas, das ihm gerade auf der Zunge verdorben war.

Amber lächelte trotzdem. „Master Kenway.“

Nyx hätte beinahe die Augen verdreht. Die Frau sah tatsächlich zufrieden aus, nur weil er sie erkannt hatte. Offenbar genügte ihr bereits das.

Charles Lee blickte irritiert von Haytham zu Amber und wieder zurück. „Was hat das zu bedeuten?“

„Später, Charles.“ Haythams Stimme blieb leise, doch etwas in seiner Haltung hatte sich verändert. „Wir gehen.“

Nyx beobachtete ihn genauer. Er hatte etwas gespürt – vielleicht nicht die ganze Falle und noch nicht genug, um sie benennen zu können, aber eindeutig genug, um verschwinden zu wollen.

Schade für ihn.

Nyx strich im Vorbeigehen einem Soldaten über den Nacken.

Er flieht.

Der Mann hob sein Gewehr. Der erste Schuss krachte über den Hof und schlug unmittelbar vor Haythams Stiefeln in den Boden. Staub spritzte auf.

Für einen Herzschlag geschah gar nichts. Dann bewegten sich alle gleichzeitig. Hickey fluchte so ausführlich, dass Nyx fast beeindruckt war, während er seine Pistole zog. Lee griff ebenfalls nach seiner Waffe, blieb dabei mit dem Ärmel an seinem eigenen Gehrock hängen und riss sich mit einem wütenden Ruck frei. Haytham dagegen verschwendete keine einzige Bewegung. Seine Klinge war draußen, noch ehe der zweite Soldat richtig angelegt hatte.

„Zurück“, sagte er.

Es klang nicht laut, musste es auch nicht; Lee und Hickey reagierten sofort. Nyx fand das interessant.

Nyx hatte schon viele Männer gesehen, die Autorität spielten. Haytham Kenway spielte sie nicht. Er erwartete Gehorsam, und meistens bekam er ihn. Ein Soldat stürmte auf ihn zu. Haytham wich zur Seite, fing den Arm des Mannes ab und drehte ihn so hart nach hinten, dass etwas knackte. Im selben Augenblick trat er einem zweiten gegen das Knie und schickte ihn zu Boden.

Hickey schoss, und ein Mann ging mit einer Kugel im Oberschenkel schreiend zu Boden. „Einer weniger!“

„Thomas, links!“

Hickey duckte sich gerade rechtzeitig unter einem Gewehrkolben hinweg. Lee hatte weniger Glück. Er parierte einen Säbelhieb, schaffte es sogar, seinen Gegner gegen einen Pfeiler zu stoßen, drehte sich triumphierend zu Haytham um – und bekam von einem anderen Mann den Kolben an die Schulter.

„Verdammter Bastard!“

Er stolperte, fing sich aber wieder.

Nyx musste lachen.

Lee kämpfte, wie er lebte: mit einer bemerkenswerten Überzeugung davon, dass die Welt gefälligst Platz für ihn zu machen hatte. Wenn sie es nicht tat, wurde er laut. Immerhin konnte er sich wehren. Das musste man ihm lassen. Hickey war weniger elegant, dafür praktisch. Er trat, schoss, fluchte und nahm, was gerade greifbar war – einen Gewehrriemen, einen Stuhl, einmal sogar Fowler selbst, den er mit einer Schulterbewegung aus dem Weg schob. Haytham hielt die drei vorerst zusammen.

Nyx ging zwischen den Kämpfenden hindurch und setzte hier einen Gedanken, dort einen kleinen Stoß. Einem Soldaten pflanzte sie ein, Haytham wolle ihm die Waffe nehmen, und er schlug zu früh. Beim nächsten genügte die Angst vor dem eigenen Nebenmann, damit er zur falschen Seite auswich. Einem dritten flüsterte sie ein, Kenway halte ihn für schwach.

Ein dritter brüllte und warf sich mit solcher Wucht auf Haytham, dass beide gegen die Mauer prallten. Haytham stieß ihn von sich und schlug ihm den Griff seiner Klinge ins Gesicht. Blut spritzte, der Mann taumelte zurück – und kam wieder. Haythams Blick veränderte sich kaum merklich, doch Nyx sah es. Er hatte begriffen.

Diese Männer kämpften nicht normal. Schmerz bremste sie kaum. Vernunft noch weniger. Einer hielt sich den aufgeschlitzten Unterarm und griff trotzdem erneut an. Ein anderer spuckte Blut aus, nachdem Hickey ihm den Pistolenknauf ins Gesicht geschlagen hatte, und grinste dabei wie ein Betrunkener.

Haytham sah zu Amber. Sie stand noch immer offen im Bogengang, wo er sie unmöglich übersehen konnte. Genau das wollte sie.

„Was habt Ihr getan?“, fragte er.

Amber lächelte.

„Ich?“

„Spart Euch das Schauspiel.“

„Dabei hatte ich gehofft, Ihr würdet Euch über unser Wiedersehen freuen.“

„Das würde voraussetzen, dass ich Euch vermisst hätte.“

Nyx biss sich auf die Innenseite der Wange, um nicht laut loszulachen. Ambers Lächeln fror für einen winzigen Moment ein. Nyx sah genau, wie der Treffer saß – und dafür hatte Haytham nicht einmal ein Schwert gebraucht.

„Ich habe Euch offenbar genug beschäftigt, dass Ihr meinen Namen noch kennt.“

Haytham hätte vermutlich geantwortet, doch schon gingen zwei weitere Soldaten auf ihn los und drängten die drei Männer weiter zurück.

„Sir!“ Lee keuchte und wischte sich Blut aus den Augen. „Wir müssen…“

„Ich weiß.“

„Dann wäre jetzt ein ausgezeichnet…“

Noch bevor Lee den Satz beenden konnte, traf ihn ein Gewehrkolben seitlich an der Schläfe. Seine Knie gaben nach.

Hickey machte einen Satz zu ihm, doch zwei Soldaten trennten sie voneinander.

Haytham wollte ebenfalls hin.

Genau darauf hatte Nyx gewartet. Sie hauchte dem Mann hinter ihm nur ein einziges Wort in den Geist: Jetzt.

Etwas Schweres traf Haytham zwischen die Schulterblätter und riss seinen Körper nach vorn. Er fing sich, doch der zweite Schlag kam tiefer und zwang ihn auf ein Knie. Noch immer ließ er die Klinge nicht fallen.

„Bei allen Göttern“, murmelte Geryon neben Amber. „Bleibt der Mann irgendwann einmal liegen?“

„Nein“, sagte Amber, und in ihrer Stimme lag ein Stolz, der dort wirklich nichts verloren hatte.

Nyx warf ihr einen Seitenblick zu.

„Du klingst beeindruckt.“

„Ich kenne ihn.“

„Du wünschtest, du würdest ihn kennen.“

Amber funkelte sie an.

Ein dritter Soldat hob den Gewehrkolben.

„Genug“, sagte sie scharf.

Der Mann hörte nicht.

Geryon hob nur zwei Finger. Der Soldat erstarrte mitten in der Bewegung. Auch die anderen hielten inne. Plötzlich war der Hof erfüllt von schwerem Atmen, leisem Stöhnen und dem metallischen Klirren fallender Waffen. Haytham kniete noch immer auf einem Bein. Blut lief ihm von der Schläfe über die Wange. Sein Gehrock war an der Schulter eingerissen. Die Hand um seine Klinge zitterte kaum sichtbar vor Anstrengung. Trotzdem sah er Amber an, als wäre sie diejenige, die gerade auf dem Boden lag.

„Wenn das Eure Vorstellung eines Sieges ist, Mrs Donovan“, sagte er ruhig, „habt Ihr Euch seit unserem letzten Zusammentreffen kaum verbessert.“

Amber wurde rot, und Nyx war sich nicht sicher, ob dahinter nur Wut steckte. Sie liebte diesen Mann gerade ein kleines bisschen dafür.

„Kettet ihn an“, sagte Amber.

„Sie“, verbesserte Fowler hinter ihnen tonlos.

Er trat vor, schweißnass, mit glasigen Augen und einem Ausdruck, als habe jemand seinen eigenen Willen in eine Schublade gelegt und abgeschlossen.

„Haytham Kenway. Charles Lee. Thomas Hickey.“

Hickey hob den Kopf.

„Jetzt kommt’s.“

„Ihr seid wegen Angriffs auf die Garnison, Störung der militärischen Ordnung und versuchter Entführung des Gouverneurs festzusetzen.“

Für einen Moment sah selbst Nyx überrascht zu Fowler.

Hickey blinzelte.

„Versuchter was?“

„Habt Ihr den Verstand verloren?“ Lee war inzwischen wieder halb auf den Beinen. „Ich bin Major! Ich diene seiner Majestät!“

„Das hat Euch vorhin auch nicht geholfen“, bemerkte Hickey.

„Haltet den Mund!“

„Ihr zuerst.“

Haytham schloss für einen Moment die Augen. Vielleicht fragte er sich gerade, warum er ausgerechnet diese beiden Männer mitgenommen hatte. Nyx hätte es ihm beantworten können. Die Antwort war simpel: Lee und Hickey folgten ihm, wohin er sie auch führte. Genau deshalb waren sie hier.

„Ketten“, befahl Fowler.

Die Soldaten gehorchten.

♦ ♦ ♦

Die Zelle roch nach kaltem Stein, Blut, altem Stroh und Angst.

Nyx fand es gemütlich.

Tryon hing ganz links an der Wand. Seine Handgelenke steckten in schweren Eisenfesseln, die so fest saßen, dass die Haut darunter bereits wund war. Er wirkte, als sei er gerade aus einem Albtraum erwacht und habe feststellen müssen, dass die Wirklichkeit sich keinerlei Mühe gab, angenehmer zu sein.

Neben ihm hingen, der Reihe nach, Haytham, Lee und Hickey.

Geryon hatte sich wieder in den Hintergrund zurückgezogen. Amber stand nahe genug an Haytham, um jede seiner Regungen beobachten zu können, aber weit genug entfernt, dass er sie nicht mit einem Fußtritt erreichte. Ein vernünftiger Abstand; vielleicht lernte sie doch noch etwas.

Tryon hob den Kopf.

„Bitte“, sagte er heiser. „Ich verstehe nicht, warum… Ich bin Gouverneur…“

„Das erzählt Ihr seit Stunden“, knurrte einer der Soldaten.

„Weil es die Wahrheit ist!“

Nyx trat hinter den Mann und legte ihm nur einen Gedanken in den Kopf: Er verspottet dich. Die Faust traf Tryon im Gesicht. Sein Kopf schlug gegen die Wand, ein abgebrochener Laut entwich ihm und etwas Kleines, Helles fiel ins Stroh. Es war ein Zahn.

„Lasst ihn in Ruhe“, sagte Haytham leise. Das genügte Nyx, um zu lächeln.

Sie trat zum nächsten Soldaten und flüsterte auch ihm einen Gedanken ein: Er gibt dir Befehle. Schon wieder. Glaubt er, er sei dein Vorgesetzter? Der Mann drehte sich zu Haytham um und schlug ihm mit dem Handrücken ins Gesicht. Haythams Kopf ruckte zur Seite.

Mehr bekam Nyx nicht: keinen Schrei, nicht einmal einen Fluch.

„Wie enttäuschend“, murmelte sie.

„Er wird dir nichts geben“, sagte Amber.

„Jeder gibt irgendwann etwas.“

„Nicht er.“

Nyx erkannte diesen Ton inzwischen sofort. „Du verteidigst ihn erstaunlich oft für eine Frau, die ihn ruinieren will.“

„Ich verteidige gar nichts.“ Nyx hob lediglich eine Braue. Sie glaubte ihr kein Wort.

Nyx wandte sich Charles Lee zu.

Der war wesentlich ergiebiger.

Er hing mit halb geschlossenen Augen in den Fesseln, das dunkle Haar vom Kampf zerzaust und an seiner Schläfe hatte sich eine dunkle Schwellung gebildet. Trotzdem versuchte er, Haltung zu bewahren. Menschen wie Lee klammerten sich an Würde, wenn ihnen sonst nichts mehr blieb. Das machte es besonders reizvoll, sie ihnen wegzunehmen. Nyx trat so nah an ihn heran, dass ihre Lippen beinahe sein Ohr berührten.

„Du warst ihnen nie genug.“

Lee zuckte sichtbar zusammen und öffnete langsam die Augen.

„Nicht Washington“, fuhr Nyx beinahe sanft fort. Sie ließ ihm gerade genug Zeit, die Worte zu verstehen, ehe sie nachsetzte. „Nicht Haytham. Und wenn du ganz ehrlich zu dir selbst wärst, wüsstest du, dass du nicht einmal deinen eigenen Ansprüchen genügst.“

Sein Atem stockte. Mit einem wütenden Ruck zog er an den Ketten, als könne er sich damit nicht nur aus den Fesseln, sondern auch aus ihrer Stimme befreien.

„Hört auf“, presste er hervor.

Hickey, der bislang mit halb gesenktem Kopf neben ihm gehangen hatte, drehte sich irritiert zu ihm. „Ich hab nichts gesagt.“

„Nicht Ihr!“, fauchte Lee und zerrte erneut an seinen Fesseln.

Hickey betrachtete ihn einen Moment, offenbar zu erschöpft, um sich ernsthaft über den Tonfall zu ärgern. „Dann redet auch nicht mit mir.“

Aus Lees Kehle brach plötzlich ein kurzes, viel zu hohes Lachen. Es verstummte ebenso abrupt, nur um einen Augenblick später erneut hervorzubrechen.

Nyx lächelte zufrieden. Langsam bekam sie ihn dorthin, wo sie ihn haben wollte.

Hickey war schwieriger. Nicht, weil er weniger Angst hatte, sondern weil er sie anders verarbeitete. Er fluchte, biss die Zähne zusammen und versuchte, jede Demütigung in Wut zu verwandeln. Also ließ Nyx einen Soldaten auf ihn los.

„Was glotzt Ihr so?“, knurrte Hickey.

Der Mann schlug zu. Hickey spuckte Blut und den Rest eines Zahnes ins Stroh, verzog kurz das Gesicht und sah wieder zu seinem Peiniger auf. „Ihr schlagt wie meine Großmutter.“

Der nächste Schlag fiel härter aus. Dieses Mal blieben mehr als nur ein Zahn und etwas Blut zurück. Nyx hob anerkennend die Brauen. „Der gefällt mir fast.“

„Du hast einen merkwürdigen Geschmack“, bemerkte Geryon.

„Sagt der Mann mit den roten Stieren.“

„Die haben wenigstens Stil.“

Während die beiden sich noch gegenseitig musterten, zog Haytham erneut an seinen Ketten. Das Eisen ächzte unter der Belastung. Nicht viel, aber genug, dass Amber sofort zu ihm hinübersah.

„Lasst das“, warnte eine der Wachen, doch Haytham ignorierte ihn vollständig.

„Master Kenway“, sagte Amber schließlich.

Jetzt hob er den Kopf. „Mrs Donovan.“

Wieder dieser Ton. Kühl, beherrscht und mit gerade genug Abneigung darin, dass Nyx Ambers Gesicht beinahe interessanter fand als Haythams. Die Walküre sah aus, als hätte sie ihn am liebsten gleichzeitig geschlagen und geküsst. Inzwischen kannte Nyx diesen Blick nur zu gut, und er wurde mit jedem Mal unterhaltsamer.

„Ihr solltet Eure Kräfte sparen“, sagte Amber.

„Sorgt Ihr Euch um mich?“

„Bildet Euch nichts darauf ein.“

„Das tue ich ganz sicher nicht.“

Amber presste die Lippen zusammen. Zweiter Treffer. Nyx beschloss, sich auch diesen für später zu merken.

Draußen verging die Zeit, und mit ihr wurde die Garnison lauter. Befehle hallten über den Hof, Türen schlugen, irgendwo begann ein Gefangener zu schreien, dass er unschuldig sei. Ein anderer stimmte ein, kurz darauf ein dritter, bis sich aus den einzelnen Stimmen ein ganzer Chor aus Wut, Angst und Verzweiflung erhob. Nyx schloss für einen Moment die Augen und genoss das Durcheinander.

Wunderschön.

Dann veränderte sich etwas, nicht im Raum selbst, sondern in der Luft. Eine feine Spannung zog durch die Mauern, so schwach, dass ein Mensch sie vermutlich nur für einen kalten Luftzug gehalten hätte. Geryon richtete sich auf, Amber sah zur Tür und Nyx öffnete langsam wieder die Augen.

„Da kommt sie.“

Amber brauchte nicht zu fragen, wen sie meinte. Von draußen drang bereits eine Frauenstimme durch den Hof.

„Was ist hier los? Mein Mann ist dort drinnen!“

Nyx lächelte langsam.

Da war sie also: Mistress Alexandra Kenway – und wie fast immer nicht allein.

Diese Familie bewegte sich selten irgendwohin, ohne mindestens die Hälfte ihres Stammbaums und ein paar übernatürliche Begleiter mitzunehmen. Nyx trat an eines der kleinen vergitterten Fenster. Vor dem Tor stand Alexandra mit Connor, Edward und einem weiteren Mann, den Nyx inzwischen als den Kammerdiener des Jungen einordnete. Mr Al Din Issa, wenn sie sich richtig erinnerte. Der Wachposten hielt Alexandra auf – mutig, wenn auch nicht besonders klug.

Nyx konnte nicht jedes Wort verstehen, doch das musste sie auch nicht. Sie sah, wie sich Alexandras Blick veränderte und ihre Aufmerksamkeit sich auf den Mann vor ihr legte. Sie griff nicht grob oder wahllos in seinen Geist, sondern suchte gezielt.

Nyx spürte den Weg, den sie durch seine Gedanken nahm, wie eine fremde Hand in einem Netz, das sie selbst mitgeknüpft hatte. Alexandra folgte den Spuren der Manipulation, fand die Angst, die Befehle und den Hass, der nicht ganz dem Soldaten gehörte, bis ihre Suche schließlich bei der Zelle endete – bei Haytham, Tryon, Lee und Hickey.

Alexandras Gesicht wurde blass.

„Sie sieht es“, murmelte Nyx.

Amber trat neben sie.

„Gut.“

„Du klingst, als würdest du dich freuen.“

„Je schneller sie hier ist, desto schneller ist sie nicht bei ihren Töchtern.“

Da war sie wieder, die Frau, die tatsächlich noch wusste, weshalb sie hier waren. Der Soldat am Tor taumelte und griff sich an den Kopf. Kurz darauf öffnete sich die Schlupfpforte. Edward half seiner Mutter dabei. Der Junge sah sogar stolz aus.

Nyx stöhnte leise.

„Wie reizend. Jetzt manipulieren sie schon gemeinsam.“

„Familienbeschäftigung“, sagte Geryon hinter ihr.

„Andere Menschen spielen Karten.“

Im Hof stellte sich ihnen ein weiterer Soldat entgegen.

Alexandra trat zu ihm, legte eine Hand auf seinen Unterarm und sprach leise mit ihm. Es waren nur wenige Worte, begleitet von einem Blick, der deutlich mehr zwischen ihnen sagte, als Nyx hören konnte.

Kurz darauf führte der Mann sie durch die Garnison, als hätte er sein ganzes Leben auf diesen Augenblick gewartet.

Nyx verzog den Mund.

„Sie macht uns wirklich Konkurrenz.“

Amber schnaubte.

„Sie hat nur noch nicht verstanden, wie gern sie diese Macht eigentlich benutzt.“

Nyx sah zu ihr.

„Das war beinahe klug.“

„Danke.“

„Beinahe.“

Sie folgten der kleinen Gruppe in ausreichend großem Abstand. Fowler saß wieder an seinem Schreibtisch und sah aus, als habe jemand seine Welt angezündet und ihn anschließend aufgefordert, den Brand in dreifacher Ausfertigung zu protokollieren. Sein Kopf war hochrot. Seine Perücke saß noch ordentlich. Nyx nahm das als persönlichen Angriff.

Fowler bestand prompt darauf, mit seinem Rang angesprochen zu werden, bevor Alexandra sich als Mistress Alexandra Kenway, Ehefrau des inhaftierten Master Haytham Edward Kenway, vorstellte. Männer wie er legten offenbar selbst beim Untergang noch Wert darauf, dass die richtige Anrede auf ihrem Grabstein stand. Nyx musste zugeben, dass er dabei erstaunlich konsequent war. Dann hörte sie ihn sagen:

„Bringt sie zu diesem Gesindel.“

Der Soldat mit den Schlüsseln grinste bereits, bevor sie die Zelle erreichten. Er wedelte mit dem Bund vor den Gefangenen herum.

„Wir wissen, wie man solche Strolche zum Reden bringt.“

Nyx mochte ihn nicht besonders. Grausamkeit allein beeindruckte sie nicht; der Mann hielt sich lediglich für wichtiger, als er war. Und das war Lees Aufgabe. Alexandra stand vor der Zelle, und ihr Blick fiel zuerst auf Haytham.

Nyx beobachtete sie aufmerksam. Kein Aufschrei, kein Zusammenbrechen, kein großes Theater – nur dieses plötzliche Erstarren ihres Körpers. Ihre Finger schlossen sich langsam zur Faust, ihr Kiefer wurde fest und der Zorn stieg in ihr hoch, blieb jedoch unter einer erschreckend dünnen Schicht Kontrolle. Gerade diese mühsam gewahrte Beherrschung fand Nyx wesentlich interessanter als jedes große Theater.

Der Soldat neben ihr feixte weiter. Alexandras rechte Hand zuckte kaum sichtbar. Nyx hätte darauf gewettet, dass irgendwo unter Stoff und Leder bereits eine versteckte Klinge auf ihren Einsatz wartete. Dann hob Haytham den Kopf, und seine Augen fanden Alexandra sofort. Zwischen ihnen spannte sich etwas wie ein dünner Faden, der plötzlich straff gezogen wurde: Gedanken, Nähe, etwas Eigenes, das weder Nyx noch Amber einfach betreten konnten. Haythams Lippen bewegten sich nicht, Alexandra antwortete ebenso wenig, und trotzdem veränderte sich ihr Gesicht.

„Er warnt sie“, sagte Amber.

Nyx legte den Kopf schief. Die Worte selbst entglitten ihr. Sie konnte den Faden spüren, aber nicht ohne Weiteres hören, was darüber lief.

Es ärgerte sie.

„Dann unterbrich es“, sagte sie.

„Wie?“

„Du bist doch die Frau, die er nicht vergessen kann.“

Amber wollte ihr gerade etwas entgegenschleudern, als plötzlich ein Licht in der Zelle aufflammte. Nyx spürte sofort, wem diese Energie gehörte, noch bevor sich Eugenes Einfluss deutlich im Raum bemerkbar machte.

Er konnte es einfach nicht lassen, seinen Auftritt zu bekommen. Das Licht breitete sich gleißend über den Stein aus. Die Soldaten wichen zurück. Tryon schrie zuerst, Lee unmittelbar danach, und Hickey fluchte, ehe auch seine Stimme in einem Schmerzenslaut brach. Haytham zog scharf die Luft ein und presste die Zähne zusammen. Stur, dachte Nyx anerkennend.

Durch das Licht kroch Eugenes Stimme.

„Du hast also gedacht, du bist mich los? Nein … ich bin immer da und werde bekommen, was ich will!“

Dann erklang Eugenes Lachen, schrill und viel zu zufrieden mit sich selbst. Nyx rollte die Augen. „Er liebt Auftritte.“

„Du nicht?“, fragte Geryon trocken.

„Meine sind besser.“

Alexandra reagierte zunächst überhaupt nicht. Sie stand vollkommen still, und Nyx konnte beinahe dabei zusehen, wie sich die einzelnen Ereignisse in ihrem Kopf miteinander verbanden: Tryon und seine angebliche Hinrichtung, die falsche Ärztin, die Diebe, Amber, Eugenes Rückkehr und schließlich Haytham, der hier in Ketten hing.

Nichts davon war ein einzelner Angriff gewesen. Gemeinsam bildeten diese Ereignisse einen Weg, und dieser führte nicht nur in die Garnison, sondern vor allem fort von der Herberge und damit fort von ihren Kindern.

Alexandras Augen weiteten sich.

Nyx erkannte den Augenblick sofort. Darauf hatten sie gewartet. Es war nicht länger nur die Sorge um Haytham, die sie antrieb, sondern etwas, das wesentlich tiefer saß: die Angst einer Mutter, die plötzlich begriff, dass sie sich am falschen Ort befand.

„Wir müssen zurück!“

Im nächsten Moment setzte Alexandra sich in Bewegung. Von Heimlichkeit oder Eleganz blieb nichts mehr; sie wollte nur noch aus dieser Garnison hinaus und zurück zu ihren Kindern.

Die lautlose Eleganz einer Assassine war vergessen. Alexandra bewegte sich wie eine Frau, der jemand ins Herz gegriffen und daran gezogen hatte. Der erste Soldat, der sich ihr in den Weg stellte, landete gegen die Wand. Der zweite schrie auf und hielt sich den Arm, und ein dritter wusste vermutlich selbst nicht, wie er plötzlich auf dem Boden gelandet war.

Connor rief ihr hinterher: „Und was ist mit meinem Vater?“

Alexandra fuhr herum. „Befreie ihn und pass auf Edward auf!“ Mehr brauchte es nicht. Im nächsten Augenblick war sie bereits auf dem Weg hinaus.

Für einen Moment entstand eine ungewöhnliche Stille. Nyx blickte ihr nach. „Beeindruckend.“

Amber schwieg, was Nyx nur noch mehr amüsierte. „Du kannst sie trotzdem nicht leiden, ich weiß.“

„Das hat damit nichts zu tun.“

Nyx schenkte ihr lediglich einen vielsagenden Blick und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Geschehen zu.

Connor stürzte zur Zelle. Edward wollte ihm folgen, doch Mr Al Din Issa hielt ihn am Arm zurück. „Junger Master Kenway.“

Mehr musste er tatsächlich nicht sagen. Der Junge blieb stehen – wenn auch nur ungefähr einen halben Atemzug lang, ehe seine Aufmerksamkeit schon wieder zu dem Kampf wanderte.

Nyx seufzte. „Vernunft hält in dieser Familie wirklich nie lange.“

In diesem Moment ging einer der Soldaten auf Edward los. Der Junge zog ohne Zögern sein Schwert und stellte sich ihm entgegen. Nyx hob überrascht die Brauen. Offenbar hatte der kleine Kenway inzwischen einiges gelernt.

Er war jung, viel zu jung für diesen Ort, doch er hielt die Waffe nicht wie ein Kind, das irgendeinen Erwachsenen nachahmte. Seine Füße fanden automatisch einen sicheren Stand. Auf dem kleinen runden Schild an seinem Arm prangte ein Rabe. Als der Soldat ausholte, wich Edward zurück, und im selben Augenblick flackerte etwas um ihn herum auf – ein warmes, goldenes Leuchten, das Nyx augenblicklich verstummen ließ.

Neben Edward zeichnete sich für einen kurzen Moment eine breite, kraftvolle Gestalt ab. Sie wirkte beinahe massiv genug, um wirklich dort zu stehen, und in ihrer Hand lag unverkennbar ein Hammer.

Nyx blinzelte, doch die Erscheinung verschwand nicht. Sie war lediglich nicht für jeden sichtbar.

Geryon richtete sich neben ihr auf. „Siehst du das auch?“

„Leider.“

Amber folgte ihren Blicken, konnte jedoch offenbar nichts erkennen. „Was?“

Nyx deutete auf Edward. „Der kleine Kenway ist nicht allein.“

„Wer?“

Nyx atmete tief durch und betrachtete den Jungen noch einmal. Warum sollte diese Familie auch nur ein einziges normales Kind hervorbringen?

„Thor.“

Amber fluchte leise.

In diesem Moment schlug der Soldat erneut zu. Edward riss das Schild hoch und fing den Treffer ab. Die Wucht hätte einen Jungen seines Alters eigentlich mehrere Schritte zurückwerfen müssen, doch Edward bewegte sich kaum von der Stelle.

Das goldene Leuchten flammte stärker auf und für einen Augenblick meinte Nyx das tiefe, zufriedene Lachen des Donnergottes zu hören. Der Junge nutzte die Überraschung. Sein Schwert fuhr vor und traf den Mann an der Seite. Der Treffer war nicht tödlich, aber schmerzhaft genug.

„Oh“, sagte Nyx erfreut.

„Was jetzt schon wieder?“, fragte Amber.

„Er lernt.“

Connor riss unterdessen an den Ketten seines Vaters.

„Die Schlösser“, sagte Haytham heiser. „Verschwende deine Kraft nicht am Eisen.“

„Das hatte ich nicht vor.“

„Es sah danach aus.“

Connor warf ihm einen Blick zu, der vermutlich ganze Familiengespräche ersetzen konnte. Haytham antwortete mit einem kaum sichtbaren Heben der Braue.

Nyx musste lachen.

Selbst angekettet fanden die beiden noch Zeit dafür. Mr Al Din Issa hielt ihnen den Rücken frei. Der ruhige Kammerdiener erwies sich dabei als äußerst unangenehme Überraschung. Er bewegte sich ohne Hektik, schrie nicht, sondern tat einfach das Nötige. Ein Soldat kam zu nahe und landete mit verdrehtem Arm auf dem Boden. Ein zweiter bekam einen gezielten Schlag gegen die Kehle. Der dritte wurde von Edward abgefangen.

„Ich nehme alles zurück“, sagte Geryon.

„Was?“

„Der Diener ist interessanter als Lee.“

„Das ist keine hohe Hürde.“

Die Garnison begann auseinanderzubrechen, nicht mit einem einzigen Knall, sondern in unzähligen kleinen Rissen. Ein Soldat blieb mitten in der Bewegung stehen und starrte auf seine blutigen Hände, als gehörten sie jemand anderem. „Was…?“

Ein anderer taumelte zurück. „Warum… warum schlagen wir sie?“ Neben ihm brüllte ein dritter weiter und griff Connor an, weil der fremde Befehl in seinem Kopf noch fest genug saß. Genau diese Unterschiede machten das Chaos vollkommen: Manche wachten auf, andere kämpften weiter, wieder andere gerieten in Panik über das, was sie getan hatten. Bald wusste niemand mehr, wem er eigentlich gehorchen sollte. Fowler stand an seiner Tür und schrie Befehle, die sich gegenseitig widersprachen.

„Haltet die Gefangenen fest! Nein, wartet! Wer hat die Zelle geöffnet? Ihr dort, zum Tor! Warum steht Ihr noch hier? Bei Gott, tut doch irgendetwas Sinnvolles!“

Nyx legte die Hand aufs Herz.

„Er ist beinahe rührend.“

Geryon schnaubte.

Connor bekam das erste Schloss auf, kurz darauf das zweite. Haythams Arm fiel nach unten und er verzog kaum sichtbar das Gesicht, als das Blut wieder richtig hineinlief. Hickey zog an seinen Ketten.

„Wenn Ihr schon dabei seid…“

„Wartet.“

„Ich hänge hier verdammt unbequem!“

„Thomas“, sagte Haytham. Mehr brauchte es nicht; Hickey verstummte.

Lee hingegen dachte gar nicht daran.

„Connor! Beeilt Euch! Das ist ein Befehl!“

Connor drehte langsam den Kopf. Nyx konnte den Gedanken förmlich in seinem Gesicht lesen.

Haytham schloss die Augen.

„Charles.“

„Sir?“

„Schweigt.“

Nyx musste sich an der Wand abstützen, weil sie zu lachen begann.

„Ich nehme es zurück. Er darf bleiben.“

Amber sah sie an, als habe sie den Verstand verloren. Vielleicht hatte sie das tatsächlich.

Das dritte Schloss sprang auf und Haytham war frei – angeschlagen, erschöpft und vermutlich weit davon entfernt, wieder vollständig bei Kräften zu sein, aber immerhin nicht länger in Ketten.

Und das genügte, um die Stimmung im Raum vollkommen zu verändern. Er richtete sich langsam auf. Eine Hand stützte sich kurz an der Wand ab. Sein Blick ging zu Edward, zu Connor, zu Mr Al Din Issa, dann zur Tür, durch die Alexandra verschwunden war. Nyx erkannte den Gedanken dahinter sofort.

Er wollte ihr folgen. Nyx hätte darüber lachen können, wenn es nicht so vorhersehbar gewesen wäre. Ganz gleich, wie vernünftig oder gefährlich die Lage war – bei den Kenways gewann am Ende immer die Familie.

Eugene hatte etwas verstanden, das die Kenways selbst vermutlich für ihre größte Stärke hielten: Man musste sie nicht voneinander trennen, indem man sie zwang. Man musste nur einen von ihnen bedrohen. Der Rest lief freiwillig hinterher.

Haytham ging einen Schritt, doch sein Knie gab beinahe nach und Connor packte ihn am Arm.

„Du bleibst hier, bis du stehen kannst.“

Haytham sah zunächst auf die Hand seines Sohnes und dann in dessen Gesicht. Connor erwiderte seinen Blick vollkommen ungerührt. „Das war keine Bitte.“

Nyx hob langsam eine Braue. „Oh, der gefällt mir.“

„Dir gefällt heute auch wirklich jeder“, murmelte Geryon.

„Lee nicht“, gab sie trocken zurück.

Amber löste sich von der Wand. „Wir sollten gehen. Eugene erwartet uns in der Nähe der Herberge.“

Nyx sah sie enttäuscht an. „Jetzt schon? Ich wollte sehen, wie das hier endet.“

„Es endet damit, dass sie sich befreien. Das sollte dir genügen.“

Nyx musterte sie einen Moment und grinste dann. „Du willst nur nicht dabei zusehen, wie Haytham seiner Frau hinterherläuft.“

Amber drehte langsam den Kopf zu ihr. „Manchmal“, sagte sie sehr leise, „wünschte ich, ich hätte dich in der Unterwelt liegen lassen.“

„Aber dann wäre dein Leben furchtbar langweilig.“

„Es wäre zumindest ruhiger.“

„Eben.“

Hinter ihnen klirrte Metall. Hickey hatte sich inzwischen aus seinen Fesseln befreit, während Lee und Fowler bereits damit beschäftigt waren, sich gegenseitig anzuschreien.

Edward parierte einen weiteren Hieb, und das goldene Leuchten um ihn wurde für einen Moment so stark, dass selbst ein normaler Soldat erschrocken zurückwich, ohne zu wissen, was er gesehen hatte. Mr Al Din Issa zog den Jungen aus der Reichweite eines zweiten Angreifers. Connor hielt Haytham auf den Beinen.

Geryon blickte noch einmal in den Raum. „Soll ich bleiben?“

Amber nickte. „Nur so lange, dass die letzten Befehle nicht sofort vollständig zusammenbrechen. Danach kommst du nach.“

Nyx stieß sich von der Wand ab und seufzte bedauernd. „Schade. Gerade wurde es lustig.“

Amber warf ihr einen fragenden Blick zu, ging darauf jedoch nicht weiter ein. Stattdessen öffnete sie eine unscheinbare Seitentür, hinter der ein schmaler Gang aus der Garnison hinausführte.

Kaum hatten sie ihn betreten, brach hinter ihnen erneut Geschrei aus. Nyx musste sich nicht einmal umdrehen, um zu vermuten, dass Fowler und Lee inzwischen wieder damit beschäftigt waren, sich gegenseitig zu überbieten.

Nyx blieb auf der Schwelle noch einmal stehen. Haytham hatte den Kopf gehoben und sein Blick ging suchend durch den Raum. Für einen winzigen Augenblick glaubte sie, er könne sie sehen.

Er konnte sie nicht wirklich sehen, doch offenbar spürte er, dass noch etwas da war. Nyx hob zwei Finger an die Stirn, grüßte ihn spöttisch und trat hinaus.

♦ ♦ ♦

Draußen war der Nachmittag fast vergangen, und über Boston senkte sich bereits die Dämmerung. Das fahle, graue Licht verlor sich zwischen den Häusern, während die Schatten in den Straßen länger wurden.

Amber legte ein so schnelles Tempo vor, dass selbst Nyx sich beeilen musste, um mit ihr Schritt zu halten. „Du hast es aber eilig.“

„Ja.“

„Wegen Eugene?“

Amber warf ihr einen genervten Seitenblick zu. „Wegen des Plans.“

Nyx grinste nur, worauf Amber warnend ihren Namen sagte. „Nyx.“

„Schon gut.“

Sie bogen in eine schmale Straße ein. Hinter ihnen lag die Garnison wie ein aufgerissener Ameisenhaufen. Männer rannten über den Hof, Befehle überschlugen sich und einige Gefangene hatten bereits bemerkt, dass niemand mehr so genau wusste, wer eigentlich wen bewachen sollte.

Ihre Falle begann auseinanderzubrechen, doch das spielte keine Rolle mehr. Sie hatte lange genug gehalten. Haytham und Alexandra waren von der Herberge fortgelockt worden, Connor und Edward befanden sich noch immer in der Garnison, und ein paar Straßen weiter saßen zwei Mädchen mit ihren Kindermädchen, die vermutlich noch glaubten, das Schlimmste an diesem Tag sei die Abwesenheit ihrer Eltern.

Bei diesem Gedanken lächelte Nyx. „Dann wollen wir doch einmal sehen, ob Empusa ihre Mutterrolle überzeugend spielt.“

„Sie muss nur lange genug überzeugen“, erwiderte Amber.

„Das genügt meistens.“

Amber schwieg einen Moment. „Und wenn die Kindermädchen misstrauisch werden?“

Nyx’ Lächeln wurde breiter. „Dann bekommt Empusa endlich Gelegenheit zu beweisen, dass sie nicht nutzlos ist.“

Amber schnaubte ein Lachen aus. Gemeinsam verschwanden sie zwischen den Häusern. Hinter ihnen kämpfte die Garnison noch immer gegen ein Chaos, das längst keinen Zweck mehr erfüllen musste. Vor ihnen wartete die Herberge. Und dort würde sich zeigen, ob es gefährlicher war, einer Familie die Eltern zu nehmen – oder ihr für ein paar Minuten die falsche Mutter zurückzugeben.