Boston - Die Entführung von Florence und Helena *Hrymrs Sicht*
Boston - Die Entführung von Florence und Helena *Hrymrs Sicht*
Herzlich Willkommen!
Es ist soweit und mein Plan ist aufgegangen. Sie alle haben sich
ablenken, lenken und manipulieren lassen. Die Kindermädchen
konnten überzeugt werden, dass Mistress Kenway tatsächlich
vor ihnen steht.
Doch dann ...
Ich wünsche gute Unterhaltung beim Lesen dieser - meiner letzten - Zeilen!
Hrymr aka Eugene Avdeyev
Zitat Kapitel 42 - Boston
Kapitel 42
~~~ Die Entführung von Florence und Helena ~~~
Hrymrs Sicht
Boston – Dezember 1773, bei Einbruch der Dunkelheit
Sophia sah auf, noch bevor es an der Tür klopfte. Das Geräusch war kaum mehr als zwei kurze Schläge gegen das Holz, zurückhaltend und doch bestimmt. Sie kannte diesen Rhythmus inzwischen gut genug.
So klopfte Mistress Kenway. Die Bediensteten warteten gewöhnlich länger, bevor sie eintraten, und Master Kenway fragte nur selten nach Erlaubnis, wenn es um seine Familie ging. Mistress Kenway hingegen klopfte, als wolle sie Rücksicht nehmen und sich zugleich nicht länger als unbedingt nötig aufhalten lassen.
Sybill drehte sich von der Wiege um. „Mistress Kenway?“
Die Tür öffnete sich einen Spalt, und Alexandra Kenway stand im Türrahmen. Draußen war die Dämmerung bereits dabei, in die frühe Nacht überzugehen. Das schwache Licht aus dem Flur reichte dennoch aus, damit Sophia das etwas hastig zusammengebundene dunkelblonde Haar unter dem Dreispitz erkannte, den dunklen Umhang über den Schultern und dieses angespannte Gesicht einer Mutter, die so tat, als sei sie weder müde noch beunruhigt.
„Verzeiht“, sagte sie leise. „Ich wollte Helena nicht erschrecken.“
Sophia erhob sich sofort. „Ist etwas geschehen?“
Mistress Kenway trat ein und schloss die Tür hinter sich. „In der Garnison herrscht noch immer große Unruhe. Nichts, was Euch jedoch ängstigen müsste.“ Die Worte kamen ein wenig zu schnell. Nicht viel, nur gerade genug, dass Sophia ein unangenehmes Ziehen im Magen spürte.
„Wo ist Master Kenway?“
„Bei den anderen.“ Mistress Kenways Blick glitt zuerst zu Helena.
Genau wie immer. Sophia merkte, wie die Anspannung in ihren Schultern ein wenig nachließ. Zuerst Helena, dann Florence. Bei der Kleinen sah Mistress Kenway beinahe automatisch nach, ob sie ruhig war; bei Florence genügte ihr meist ein Blick, weil das Mädchen sich ohnehin gern so gab, als brauche man sich um sie nicht zu sorgen.
„Er möchte, dass die Kinder vorerst verlegt werden“, fuhr Mistress Kenway fort. „Ein Zimmer näher zur Hintertreppe. Von dort aus können wir sie schneller fortbringen, falls es nötig werden sollte.“
Sybill runzelte die Stirn. „Mistress Kenway, jetzt? Die Kleine ist gerade erst ruhig geworden.“
Mistress Kenway trat an die Wiege. Ihre Hand schwebte einen Moment über Helena, ohne sie zu berühren.
Sophia sah das Zögern. Es war kaum mehr als ein Herzschlag, aber irgendetwas daran störte sie. Sie hätte nicht sagen können, was genau. Vielleicht war es nur die Unruhe aus der Garnison, die inzwischen selbst hier oben im Zimmer zu liegen schien.
„Gerade jetzt“, antwortete Mistress Kenway mit fester Stimme. „Wenn wir warten, wird es nur noch schwieriger.“
Florence hob den Kopf. Das Buch war längst auf ihren Knien zusammengesunken, ohne dass sie auch nur eine Seite umgeblättert hatte. „Mama?“
In ihrer Stimme lag keine verschlafene Unaufmerksamkeit. Florence Kenway klang selbst in ihrer Unsicherheit wachsam, als müsse sie erst entscheiden, ob die Welt ihre volle Aufmerksamkeit überhaupt verdiente. Mistress Kenway wandte sich zu ihr.
„Alles ist gut, min lille engel.“
Das passte. Auch das. Sophia kannte diese Worte, kannte den Klang, mit dem Mistress Kenway Florence so nannte. Für einen Moment verlor ihr Misstrauen wieder an Schärfe.
Florence schob langsam die Beine vom Bett. „Wo ist Vater?“
„Bei der Garnison.“
„Warum kommt er nicht selbst?“
Mistress Kenway lächelte. Sophia kannte dieses Lächeln: liebevoll, weich und zugleich von jener eigenartigen Entschlossenheit getragen, die sich bei ihr selbst in ruhigen Augenblicken nie ganz verlor. Es sah richtig aus. Fast beruhigend. Und doch suchte etwas in Sophia weiterhin nach einem Fehler.
„Weil dein Vater im Moment deutlich einschüchternder wirkt als ich und dort gebraucht wird“, sagte Mistress Kenway.
Das passte zu ihr. Sybill atmete leise aus, beinahe erleichtert. Sophia hingegen bemerkte, wie Florence’ rechte Hand unmerklich unter das Kissen glitt. Dort lag der kleine Dolch, den ihr Vater ihr für die eigene Sicherheit gegeben hatte.
„Mistress Kenway“, sagte Sophia langsam, „soll ich die Mädchen ankleiden?“
„Nur Mantel, Schuhe für Florence und eine Decke für Helena. Es bleibt keine Zeit für mehr.“
Sybills Blick wurde wieder aufmerksamer. „Keine Zeit?“
Mistress Kenway sah sie an. Für einen kurzen Moment lag etwas in ihren Augen, das Sophia beinahe für Ungeduld gehalten hätte. Dann war es verschwunden.
„Sybill, bitte. Holt Helenas Decke und Florence’ Umhang. Sophia, helft mir mit der Kleinen.“
Es war die Art von Anweisung, die eigentlich nicht wie ein Befehl klingen sollte. Sybill gehorchte beinahe sofort; nicht aus Blindheit, sondern aus jahrelanger Gewohnheit und Vertrauen. Sie verschwand im Nebenzimmer, in dem die Reisetruhen der Mädchen standen.
Sophia blieb zurück.
„Mistress Kenway?“
Mistress Kenway hatte Helena nun doch berührt, nur mit den Fingerspitzen an der Schulter. Im selben Augenblick riss die Kleine die Augen auf.
Für den Bruchteil einer Sekunde geschah gar nichts. Dann zog Helena scharf die Luft ein. Es war nur ein winziger Atemzug, so leise, dass Sophia ihn beinahe hätte überhören können. Doch sie hörte ihn.
Mistress Kenway beugte sich über die Wiege. „Still, min lille solstråle. Ich bin es.“
Helena starrte sie an. Ihre kleinen Finger schlossen sich fester um den Anhänger an ihrem Hals, als wäre er plötzlich das Einzige im Raum, an dem sie sich festhalten konnte. Dann begann ihre Unterlippe zu zittern.
Florence war augenblicklich aufmerksam. „Leni?“
Mistress Kenways Hand verharrte auf Helenas Schulter. Nur einen Hauch zu fest.
Sophia trat näher. „Mistress Kenway, vielleicht sollte ich …“
Alexandra wandte den Kopf.
Sophia vergaß, was sie hatte sagen wollen. Der Raum schien sich für einen Augenblick zu verschieben, nicht sichtbar, sondern irgendwo hinter ihren Augen. Weiche Wärme legte sich über ihre Gedanken. Lavendel. Seife. Der vertraute Geruch von Alex’ Kleidern, wenn sie am Morgen zu den Mädchen kam, vertraute Hände und eine Stimme, die schon oft versichert hatte, dass alles gut sei.
Der Zweifel war noch da. Er wurde nicht ausgelöscht. Er rückte nur weiter fort, hinter eine weiche Wand aus Vertrautheit, bis Sophia ihn nicht mehr greifen konnte.
„Alles ist gut“, sagte Mistress Kenway.
Sophia nickte langsam. „Natürlich, Mistress Kenway.“
Florence sah zwischen ihnen hin und her. Ihre Augen wurden größer. „Sophia?“
In diesem Moment kam Sybill mit den Kleidungsstücken zurück. „Ich habe nur den blauen Umhang gefunden, der andere ist …“
„Der blaue genügt“, fiel ihr Mistress Kenway ins Wort.
Helena begann zu weinen. Zunächst leise, dann mit jedem Atemzug entschiedener. Der Laut aus ihrer kleinen Brust war nicht einfach nur erschrocken; er war voller Abwehr, so eindeutig, dass Sophia das Blut in den Adern gefror.
Auch Sybill erstarrte. Die weiche Wärme in Sophias Gedanken bekam Risse. Zweifel, die eben noch unerreichbar gewesen waren, drängten zurück und brachten etwas mit sich, das sich nicht länger fortschieben ließ.
Mistress Kenway hob Helena aus der Wiege.
Das Kind wand sich sofort gegen sie. Winzige Fäuste stießen gegen den Stoff ihres Umhangs, das Gesicht lief rot an, und der kleine Körper spannte sich so steif an, als wolle jede Faser von ihr fort.
Florence war vom Bett aufgesprungen. Sie stand mit erhobenem Kinn vor der Frau, den kleinen Dolch fest in der Hand und den Blick auf ihre Schwester gerichtet.
„Lasst sie los!“, rief sie.
Für einen Bruchteil eines Augenblicks war Alex’ Gesicht nicht mehr Alex’ Gesicht. Die Schatten unter den Wangen wurden zu tief, der Mund fremd, die Augen viel zu alt. Sophia sah es. Sybill sah es ebenfalls.
Dann war es wieder verschwunden.
„Florence“, sagte die Gestalt mit Alex’ Stimme. „Komm her.“
Florence wich einen Schritt zurück. Angst mochte da sein, aber sie bekam keinen Platz in ihrer Haltung. Das Kinn blieb oben, die Finger fest um den Dolch geschlossen.
„Nein.“
Ein Geräusch zog durch das Zimmer, sehr leise und tief. Es erinnerte an das Knurren eines Tieres, das noch weit entfernt war und trotzdem bereits die Zähne zeigte. Die Kerzenflamme bog sich von Helena und der Frau, die sie trug, fort.
Der Blick der Gestalt glitt zum Anhänger an Helenas Hals. Zum ersten Mal wirkte sie nicht nur angespannt, sondern offen verärgert.
Sophia griff nach dem kleinen Messer auf dem Tisch, das eigentlich nur zum Schneiden von Obst diente. „Gebt mir das Kind.“
Die Gestalt sah sie an und lächelte. Diesmal war nichts von Alexandra in diesem Lächeln.
„Tapfer und mutig zugleich“, sagte sie leise, fast anerkennend und doch voller Warnung. „Das ehrt Euch.“
Sybill trat ebenfalls einen Schritt vor. Ihr Gesicht war bleich geworden. „Solveig?“
Der Name war keine gewöhnliche Anrede und fiel auch nicht aus Gewohnheit. Er war leise, beinahe vorsichtig, wie ein Ruf über eine Schwelle, die nur zwei Menschen kannten.
Für einen Augenblick verzerrte sich das Gesicht der Frau. Nicht genug, um die Täuschung vollständig zerbrechen zu lassen. Aber genug.
Sybill wurde noch blasser. „Ihr seid nicht sie“, flüsterte sie.
Dann schrie sie.
Sie kam nicht weit genug, um die ganze Herberge zu alarmieren. Der Schatten im Zimmer bewegte sich schneller, als Sophias Blick folgen konnte. Im nächsten Moment sank Sybill gegen die Wand und rutschte zu Boden. Kein Blut, keine sichtbare Wunde – nur diese plötzliche Kraftlosigkeit, als hätte jemand die Fäden durchschnitten, die ihren Körper aufrecht hielten.
„Sybill!“ Florence stürzte nach vorn.
Ihre helle Stimme war laut. Viel zu laut.
Die Gestalt in Mistress Kenways Körper streckte die freie Hand aus.
Florence blieb stehen.
Nicht freiwillig. Ihr ganzer Körper zitterte vor Widerstand, die Hand umklammerte noch immer den Dolch und ihre Augen waren voller Zorn. Nur ihre Füße gehorchten ihr nicht mehr.
Helena schrie inzwischen so laut, dass der ganze kleine Körper davon bebte.
In der Ferne begann ein Hund zu bellen. Einen Herzschlag später antwortete ein zweiter.
◆ ◆ ◆
Draußen auf der Straße hob Eugene den Kopf.
Er hatte es gespürt. Nicht Helenas Schrei, sondern den Widerstand, der sich mit einem Mal um das Kind zusammengezogen hatte. Für einen Augenblick flammte etwas Weißgoldenes auf, breit und schimmernd wie die Schwingen des Vogels vom vergangenen Abend. Gleich darauf folgte Schwarz, tief und gewaltig wie ein Maul voller Nacht. Der Wolf.
Beides schnellte nach Empusa, und nur weil sie noch schneller reagierte, schloss sich der Angriff ins Leere.
Eugene trat tiefer in den Schatten der Gasse. Das lief zu früh, zu laut und vor allem zu unordentlich. Doch Unordnung war noch kein Scheitern. Nicht solange Empusa das Zimmer verließ und niemand ihr den Weg abschnitt.
Die Hintertür der Herberge öffnete sich.
Empusa trat heraus, Helena auf dem Arm. Florence ging neben ihr, blass im Gesicht, aber hellwach, Zorn und Angst so dicht beieinander, dass Eugene sie kaum voneinander trennen konnte. Hinter ihnen taumelte Sophia bis in den Türrahmen. Eine Hand hielt sich am Holz fest, als müsse sie sich aus einem Traum zurück in die Wirklichkeit ziehen.
„Mistress Kenway …“, flüsterte sie.
Empusa drehte sich nicht um. Florence schon.
In ihrem Blick lag ein Versprechen, das mit kindlicher Hilflosigkeit nichts zu tun hatte. Ein Kenway-Versprechen.
Eugene bemerkte es und musste lächeln.
„Da bist du ja“, sagte er leise und trat aus den Schatten.
Florence’ Blick traf seinen. Sie erkannte ihn nicht. Das musste sie auch nicht. Etwas in ihr verstand offenbar auch ohne Namen, dass der Mann vor ihr Gefahr bedeutete.
Sehr gut. Sie war klug. Beinahe ärgerlich klug, genau wie ihre Mutter.
Typhon trat ebenfalls aus der Seitengasse. Er packte Florence nicht grob, doch sein Griff um ihren Arm war endgültig genug, dass jeder weitere Fluchtversuch fürs Erste aussichtslos wurde.
Helena weinte noch immer. Sie presste das Gesicht gegen Empusas Schulter, weil ihr kaum etwas anderes blieb, während jede Bewegung ihres kleinen Körpers verriet, wie sehr sie diese Nähe ablehnte.
Empusas Mund verzog sich zu einem boshaften Grinsen. „Nein“, murmelte sie, während Helena sich schluchzend gegen sie wand. „Heute bist du nicht bei ihr.“
Eugene hob die Hand. Der Armreif an seinem Handgelenk wurde unvermittelt kalt.
Vor ihnen öffnete sich kein großes Tor und kein gleißender Riss, der halb Boston auf sie aufmerksam gemacht hätte. Nur ein schmaler Spalt in der Dunkelheit, schwarz und still, als hätte jemand einen Schnitt in die Nacht gesetzt.
Aus der Herberge drang endlich Lärm. Sophia hatte geschrien.
Das wurde auch Zeit, dachte Eugene.
Er sah hinauf zum oberen Fenster. Im Licht bewegten sich Schatten, hastig und suchend. Ganz gleich, wie schnell Alexandra nun zurückkehrte – sie kam zu spät.
„Gehen wir“, sagte er und lächelte.
Florence stemmte sich gegen Typhons Griff. „Meine Mutter wird Euch finden.“
Eugene blieb stehen.
Langsam wandte er sich zu ihr um. Für einen Moment dachte er an Alexandra: an ihren Zorn, ihre Hartnäckigkeit, ihre erstaunliche Gabe, aus jedem Verlust eine Waffe zu machen. Vor allem aber dachte er an diesen unerträglichen Faden Zukunft, der sich seinem Zugriff immer wieder entzog und dennoch jedes Mal wieder vor ihm auftauchte.
Er beugte sich zu Florence hinunter, gerade weit genug, dass sie ihm direkt in die Augen sehen konnte.
„Das hoffe ich“, sagte er.
Dann richtete er sich wieder auf und führte sie durch den Riss.