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Boston - Die leere Herberge

Die Fäden, Die Uns Halten! - Part Iii Der Schicksalhaften Zeitreisen — www.fanfiktion.de · All chapters

Boston - Die leere Herberge

Willkommen liebe Leserschaft!

Ich bin zurück! Zurück in dieser leeren Herberge, aus der man

meine Kinder entführt hat. Es wird Eugene noch leid tun!

Wer mir meine Kinder nimmt, sollte ab jetzt lieber mit offenen Augen schlafen.

Wir werden sie wiederholen! So wahr ich Alexandra Kenway heiße und

wenn es das Letzte ist, was ich tue!

Ich wünsche gute Unterhaltung beim Lesen meiner ersten Zeilen

- nach einer gefühlten Ewigkeit-!

Ein lieber Gruß

MrsHEKenway

Zitat Kapitel 43 - Boston

Kapitel 43

~~~ Die leere Herberge und eine Ahnung ~~~

Boston – Dezember 1773, am Abend

Connor stand noch hinter mir, als ich mich von Haytham löste. Seit unserer Rückkehr hatte er kaum etwas gesagt, und für einen Moment fragte ich mich, ob es an der merkwürdigen Stille in der Herberge lag oder daran, dass wir alle einfach zu erschöpft waren, um noch die richtigen Worte zu finden.

Normalerweise hätte die Wirtsstube um diese Zeit vor Stimmen beinahe gebrummt. Krüge hätten auf Holz geschlagen, irgendwo hätte jemand gelacht, ein Stuhl wäre über die Dielen geschoben worden, und aus der Küche wären Gerüche gekommen, die mich spätestens jetzt daran erinnert hätten, dass ich seit Stunden kaum etwas gegessen hatte. An diesem Abend war alles anders. Nur wenige Gäste waren geblieben, und selbst die sprachen gedämpft miteinander, als wüssten sie, dass in den oberen Zimmern etwas geschehen war, über das man besser nicht zu laut redete.

Vielleicht wussten sie es tatsächlich. Das Chaos in der Garnison dürfte sich längst durch halb Boston gesprochen haben. Bis zum Morgen würden aus ein paar manipulierten Soldaten vermutlich fünfzig Aufständische, drei Kanonen und ein Angriff auf die Krone persönlich geworden sein. Normalerweise hätte mich der Gedanke an diese Art von Gerüchten wenigstens kurz amüsiert.

Jetzt hörte ich nur, was fehlte.

Keine Florence, die irgendwo eine Frage stellte, auf die sie die Antwort eigentlich längst wusste. Kein empörtes Kinderstimmchen, weil Edward sie wieder geärgert hatte. Kein leises Quengeln aus Helenas Wiege. Nicht einmal das vertraute Rascheln einer Decke über mir.

Die Herberge war nicht leer. Aber sie fühlte sich so an.

Ich wollte mich gerade an den großen Tisch setzen, an dem Charles, Thomas und Gouverneur Tryon bereits Platz gefunden hatten, als neben mir ein leises Zischen erklang. Haytham hatte die Luft scharf durch die Zähne gezogen.

Ich sah sofort zu ihm.

Für jeden anderen war sein Gesicht beinahe ausdruckslos. Vielleicht etwas blasser als gewöhnlich, vielleicht müder. Mehr hätte Charles vermutlich nicht bemerkt, und Thomas wäre klug genug gewesen, nicht nachzufragen. Ich kannte meinen Mann besser. Der Winkel seines Mundes war zu hart, die rechte Schulter hielt er eine Spur zu steif, und als er sich am Tisch abstützte, spannte sich sein Kiefer an.

„Mi amor, du siehst gar nicht gut aus.“ Ich strich mit der Hand über seinen Arm und spürte unter dem Stoff die Anspannung.

Haytham sah mich mit Augen an, in denen die Erschöpfung längst nicht mehr zu verbergen war. „Mir geht es gut, mi sol. Es wird schon.“ Sein Blick wanderte kurz zu Edward und dann zurück zu mir. „Wir haben im Augenblick etwas Wichtigeres zu erledigen. Oder nicht?“

Natürlich. Wie typisch Haytham. Solange er noch stehen konnte, war nach seiner persönlichen Definition offenbar alles bestens.

Bevor ich ihm erklären konnte, was ich von dieser Definition hielt, stand Gouverneur Tryon auf und zog einen der Stühle zurück. „Mistress Kenway, auch Ihr seht ausgesprochen blass aus. Bitte, setzt Euch.“ Seine Stimme war leise, aber der warme Bariton darin blieb deutlich.

„Danke, Gouverneur.“ Ich ließ mich auf den Stuhl sinken, mehr weil meine Knie gegen jede weitere Diskussion protestierten als aus echter Einsicht. Haytham setzte sich ebenfalls. Langsamer, als er vermutlich beabsichtigt hatte.

„Mama!“

Edward stand zwischen Haytham und Connor, die Arme vor der Brust verschränkt und den ganzen Körper voller aufgestauter Wut. „Werden wir jetzt nach Spanien segeln? Ich will meine Schwestern wiederhaben, und Hrymr werde ich gehörig in den A…“

Haytham hob nur den Blick.

Mein Sohn brach mitten im Wort ab. Einen Herzschlag lang starrten Vater und Sohn einander an.

„Er hat es aber verdient“, murmelte Edward schließlich.

Unter anderen Umständen hätte ich gelacht. Vermutlich hätte selbst Haytham es getan, sobald Edward außer Hörweite gewesen wäre. Jetzt brachte ich nur ein mattes Lächeln zustande.

Edwards Kleidung sah aus, als hätte man ihn durch eine Garnison geprügelt – was, wenn ich ehrlich war, der Wahrheit erschreckend nahekam. Seine Jacke war an mehreren Stellen eingerissen, am rechten Ärmel klebte Blut, und sofort zog sich etwas in mir zusammen.

Ich streckte die Hand nach ihm aus. „Komm einmal her.“

Edward trat zu mir. Meine Finger glitten vorsichtig über seinen Arm und die Schulter. Er zuckte nicht zurück, doch das beruhigte mich nur teilweise. Für eine gründliche Untersuchung würde Mr Al Din Issa später sorgen müssen, notfalls gemeinsam mit einem Arzt. Im Augenblick brauchte ich vor allem die Gewissheit, dass mein Sohn vor mir stand, atmete und mich ansah.

„Wir werden Florence und Helena bald wieder bei uns haben“, sagte ich und zwang meine Stimme ruhig zu bleiben. „Dank deiner Vision haben wir sogar einen Anhaltspunkt. Ich bin so stolz auf dich, min …“

Ich fing mich gerade noch rechtzeitig.

„… mein Sohn.“

Edward bemerkte es natürlich. Sein Mundwinkel zuckte.

Den Vortrag kannte ich inzwischen auswendig: Ich bin zu alt dafür, Mama. Zumindest in der Öffentlichkeit. Das hatte er mir mit so geschwollener Brust erklärt, dass ich mich damals hatte zusammenreißen müssen, ihn nicht gerade deshalb an mich zu drücken und dreimal min lille skat zu nennen.

Heute ließ ich es. Er hatte genug geleistet, um wenigstens diesen Wunsch ernst genommen zu bekommen.

Connor stand noch immer am Tisch und machte keinerlei Anstalten, sich ebenfalls zu setzen. Auch er sah aus, als könne er eine Nacht Schlaf gebrauchen – oder drei. Trotzdem war seine Aufmerksamkeit wach und bei uns.

„Alexandra, soll ich die Schiffe schon klarmachen lassen?“

Ich dachte an Edwards Bilder, an Haythams Erinnerung an die Berge, an das spanischsprachige Anwesen irgendwo in Katalonien. Ein Teil von mir wollte genau das. Sofort zum Hafen. Segel setzen. Jetzt. Alles andere später.

Doch wir wussten noch nicht genug.

„Noch nicht.“ Ich schüttelte den Kopf und sah zur Treppe. „Kannst du bitte Sybill und Sophia herunterbitten? Mehr fürs Erste nicht. Ich muss wissen, was hier geschehen ist.“

Meine Stimme zitterte bei den letzten Worten. Ich hasste es, weil es sich anfühlte, als würde mir mein eigener Körper ständig verraten, wie wenig Kontrolle ich gerade noch hatte.

Connor nickte nur und ging.

Sie hatten nichts falsch gemacht. Dieser Gedanke war so klar, dass ich ihn beinahe laut aussprechen musste, obwohl die beiden Frauen noch gar nicht vor mir standen. Sie traf keine Schuld. Nicht Sybill. Nicht Sophia. Niemand erwartete, dass die eigene Herrin zur Tür hereinkam und in Wahrheit etwas anderes unter ihrem Gesicht steckte.

Was hatte diese Frau mit Sophia und Sybill gemacht? Wie hatte sie es geschafft, beide auszuschalten und mit meinen Mädchen die Herberge zu verlassen?

Ich brauchte Antworten.

Und während ich auf die beiden wartete, setzte sich das Bild der vergangenen Stunden erneut in meinem Kopf zusammen. Nicht als plötzliche Erkenntnis; dafür hatte ich schon in der Garnison zu viel begriffen. Aber hier, in dieser stillen Herberge, lag der Plan auf einmal so offen vor mir, dass mir davon beinahe schlecht wurde.

Tryon. Die falschen Befehle. Haytham in Ketten. Das Chaos unter den Soldaten. Alles hatte uns beschäftigt, uns gebunden und vor allem fort gelockt.

Die Garnison war nie das eigentliche Ziel gewesen.

Ich hatte es rechtzeitig verstanden, um loszurennen – und zu spät, um meine Töchter noch zu erreichen.

Genau das war der Unterschied, der wehtat.

Etwas Dunkles brach in mir auf. Nicht plötzlich und nicht mit einem Knall. Die Wut kam langsam, heiß und schwer, kroch durch meine Brust und spannte sich um meine Rippen, bis ich kaum noch wusste, ob ich zittern oder schreien wollte.

Tief in mir antwortete Andarta mit einem dunklen Grollen. Auch Thyra war noch da, nicht mehr so nah wie zuvor und doch deutlich genug, dass ich ihre Gegenwart spürte. Beide hielten gegen etwas in mir, das am liebsten die ganze Stadt auseinandergenommen hätte, nur um darunter meine Kinder wiederzufinden.

Für einen ausgesprochen unvernünftigen Augenblick stellte ich mir vor, wie ich diese Herberge Stein für Stein zerlegte.

Das hätte natürlich niemandem geholfen. Vor allem nicht dem Wirt.

Der Gedanke war so absurd, dass beinahe ein Lachen in mir aufstieg. Es kam nicht weit.

Haythams Hand legte sich auf meine. „Wir werden sie finden.“

Die Worte waren gepresst, fast zu ruhig. Ich hob den Blick zu ihm und sah endlich, was er vor allen anderen verbarg. Nicht nur Schmerz von der Garnison. Angst.

Um Florence.

Um Helena.

Um unsere Mädchen.

Und plötzlich waren es nicht Hrymr, Katalonien, Schiffe oder irgendwelche göttlichen Fähigkeiten, die meinen Kopf füllten.

Wer würde Helena stillen, wenn sie Hunger bekam?

Wer nahm sie hoch, wenn sie in einer fremden Umgebung erschrak? Wer sang ihr etwas vor? Sie mochte bestimmte Melodien inzwischen lieber als andere, und wenn sie müde war, legte sie den Kopf immer auf dieselbe Weise an meine Brust. Wusste irgendjemand dort, wie sie gehalten werden wollte? Würde sie überhaupt jemanden an sich heranlassen?

Und Florence?

Tat sie gerade so, als habe sie keine Angst, weil sie glaubte, auf ihre kleine Schwester aufpassen zu müssen? Hatte man ihr den Dolch weggenommen? Hatte sie versucht, Helena zu beschützen und dafür etwas abbekommen? Rief sie nach mir? Nach Haytham? Nach Edward?

Der erste Tropfen landete auf meinem Handrücken, bevor ich überhaupt merkte, dass ich weinte.

Ich wischte ihn nicht weg.

Edward tat es.

Seine Finger strichen vorsichtig über meine Wange. Er sagte zunächst gar nichts. Sein Lächeln war klein, unsicher und so bemüht tapfer, dass es mir fast noch mehr das Herz brach.

„Ich vermisse meine Schwestern auch“, sagte er leise.

Ich zog ihn ohne nachzudenken an mich.

Edward legte die Arme um meinen Nacken und hielt sich fest. Erst da hörte ich, wie er leise die Nase hochzog. Mein mutiger, sturer Junge, der vor wenigen Stunden noch mit einem Schwert gegen erwachsene Soldaten gekämpft hatte und nun versuchte, nicht vor allen anderen zu weinen.

Ich drückte ihn nur fester.

Haytham sah uns an.

Sein Gesicht war wieder beinahe vollkommen ruhig. Früher hätte ich vielleicht geglaubt, darin nichts lesen zu können. Inzwischen wusste ich es besser. Die Ruhe war keine Leere. Sie war Arbeit. Kontrolle. Jeder Muskel seines Gesichts schien damit beschäftigt, etwas darunter festzuhalten, das er sich gerade nicht erlauben konnte.

Er war verletzt. Seine Töchter waren verschwunden. Sein Sohn stand blutverschmiert vor ihm und seine Frau hing irgendwo zwischen Wut, Angst und völliger Erschöpfung.

Und trotzdem saß er da, weil einer von uns im Moment stark bleiben musste.

◆ ◆ ◆

Connor kam wenig später zurück. Sybill und Sophia folgten ihm, und schon an ihrer Haltung sah ich, dass beide am liebsten wieder umgedreht wären.

Sophia war blass. Ihre Hände hielten sich so fest ineinander, dass die Knöchel hell hervortraten. Sybill wirkte gefasster, aber auch bei ihr lag etwas Starres um den Mund. Ihr Blick glitt zuerst zu mir und dann, nur ganz kurz, zu Haytham.

Ich löste mich von Edward und richtete mich etwas auf.

„Setzt euch bitte.“ Als Sophia zögerte, schüttelte ich sofort den Kopf. „Und bevor ihr irgendetwas sagt: Niemand hier macht euch Vorwürfe. Niemand.“

Haytham bewegte sich neben mir kaum merklich. Ich spürte, dass auch er etwas sagen wollte, doch er ließ mir den Moment.

„Sie sah aus wie Ihr“, sagte Sybill schließlich.

Ihre Stimme war rauer als sonst.

Ich wartete, bis beide Frauen saßen, und legte meine Hände auf die Tischplatte, damit niemand sah, wie sehr sie zitterten. „Erzählt mir bitte alles, woran ihr euch erinnert. Auch wenn es euch unwichtig erscheint.“

Sophia schluckte. „Es begann mit einem Klopfen.“

Sybill nickte langsam. „So, wie Ihr klopft, wenn Ihr zu den Kindern kommt.“

Mir wurde kalt.

„Sie wusste, wie ich klopfe?“

„Ja.“

Sophia sah mich an. „Und sie sah zuerst nach Helena. Danach nach Florence.“

Auch das.

Eugene hatte uns nicht nur beobachtet. Jemand hatte unsere Gewohnheiten studiert – die kleinen, belanglosen Dinge, auf die man selbst nicht achtete, weil sie zum Alltag gehörten.

„Was hat sie gesagt?“ Haythams Stimme war so ruhig, dass Sophia zusammenzuckte.

Ich legte meine Hand auf seinen Unterarm, mehr für Sophia als für ihn. „Es ist in Ordnung. Erzählt einfach weiter.“

„Sie sagte, in der Garnison sei es schlimmer als erwartet“, begann Sybill. „Die Kinder sollten näher an die Hintertreppe gebracht werden, damit man sie schneller fortbringen könne.“

Genau der Satz, den eine besorgte Mutter sagen konnte. Genau die Art von Vorsicht, die niemand verdächtig gefunden hätte, solange draußen tatsächlich Chaos herrschte.

Sophia presste die Lippen aufeinander. „Etwas war trotzdem merkwürdig. Nur … ich konnte nicht sagen, was.“

„Sie sprach zu schnell“, fügte sie nach einer Weile hinzu. „Nur einmal. Und als sie Helena berühren wollte, hat sie gezögert.“

Mein Blick wanderte zu Sybill.

„Ich dachte, sie wäre einfach erschöpft“, sagte sie. „Ihr wart alle in der Garnison. Es hätte gepasst.“

Natürlich hätte es gepasst.

Genau deshalb war die Täuschung so gut gewesen.

„Florence hat Fragen gestellt“, sagte Sophia. Trotz allem zuckte etwas an ihrem Mund, beinahe wie Stolz. „Nach Master Kenway. Warum er nicht selbst gekommen sei.“

Das klang so sehr nach meiner Tochter, dass ich für einen Moment die Augen schließen musste.

„Und die Frau?“

„Sie antwortete, Master Kenway wirke im Augenblick deutlich einschüchternder als sie und werde dort gebraucht.“

Thomas hustete in seine Faust. Charles sah sehr plötzlich auf die Tischplatte. Sogar in mir regte sich für einen Herzschlag etwas, das unter anderen Umständen ein Lachen geworden wäre.

Haytham hob langsam eine Braue.

„Das hätte von dir sein können“, murmelte er.

„Ich weiß.“ Genau das machte mir Angst.

Sybill senkte den Blick. „Sie kannte noch mehr.“

Etwas in ihrer Stimme ließ meinen Magen erneut verkrampfen.

„Was?“

Sybill sah mich direkt an. „Sie nannte Florence min lille engel.“

Niemand am Tisch sagte etwas.

„Und Helena“, fuhr Sophia leise fort, „min lille solstråle.“

Haythams Hand unter meiner wurde hart.

Für einen Augenblick hörte ich nichts außer meinem eigenen Blut in den Ohren.

Diese Namen waren keine geheimen Zauberworte. Natürlich hatten andere Menschen sie gehört. Familie, Freunde, Bedienstete. Aber sie gehörten zu uns. Zu meinem Alltag mit den Mädchen. Zu diesen kleinen Augenblicken, in denen ich nicht darüber nachdachte, ob jemand mithörte.

Und jemand hatte genau hingehört.

„Helena hat ihr trotzdem nicht geglaubt“, sagte Sophia.

Ich sah sofort zu ihr.

„Was ist passiert?“

Sophias Hand zitterte, als sie sie an den Mund hob. „Diese Frau hat Helena zuerst nur an der Schulter berührt. Die Kleine hat die Augen aufgerissen und sie angesehen. Danach hat sie ihren Anhänger festgehalten.“

Der Anhänger.

Mein Herz machte einen schmerzhaften Satz.

„Und dann?“

„Dann hat sie angefangen zu weinen. Erst nur leise. Aber sie wollte nicht zu ihr. Überhaupt nicht.“ Sophia atmete zittrig ein. „Als die Frau sie hochgenommen hat, hat Helena geschrien und sich gewehrt, als … als würde sie etwas sehen, was wir nicht sehen konnten.“

Sybill nickte. „Im Zimmer war plötzlich dieses Geräusch. Ein Knurren. Sehr weit weg, aber ich habe es gehört.“

Haytham und ich sahen einander an.

Der schwarze Wolf und der weißgoldene Vogel. Ifrith und Azrael. Der Gedanke schoss mir durch den Kopf, ohne dass ich ihn laut aussprach.

„Florence hatte ihren Dolch“, sagte Sophia.

Ein Stich aus Stolz und blanker Angst traf mich gleichzeitig.

„Sie hat sich vor Helena gestellt und verlangt, dass die Frau sie loslässt. Und dann …“ Sophia stockte.

„Dann war ihr Gesicht falsch“, übernahm Sybill.

„Falsch?“ fragte Connor.

Sybill suchte nach Worten. „Nur für einen Augenblick. Die Augen, der Mund … alles war noch an derselben Stelle, aber es war nicht mehr Solveig.“

Bei dem Namen zog sich meine Kehle zu.

Haytham wurde neben mir vollkommen still.

„Du hast sie so genannt?“ fragte ich.

Sybill nickte. „Ich wusste nicht, warum. Vielleicht weil ich prüfen wollte, ob …“ Sie brach ab und schüttelte den Kopf. „Ich sagte nur: Solveig?“

Ich wusste genau, was sie meinte. Sybill nannte mich so nicht vor anderen. Nicht beiläufig. Der Name gehörte zu etwas anderem zwischen uns, etwas, das eine Fremde nachahmen konnte, aber nicht automatisch verstand.

„Sie hat reagiert“, flüsterte Sybill. „Nur ganz kurz. Ihr Gesicht verzerrte sich. Da wusste ich es.“

Ihre Finger krampften sich ineinander.

„Ich sagte: Ihr seid nicht sie.“

Ein kalter Schauder lief mir über die Arme.

„Danach wollte ich schreien. Ich weiß noch, dass ich Luft geholt habe.“ Sybills Blick verlor sich für einen Moment. „Dann war da nur noch etwas Dunkles. Und im nächsten Augenblick … nichts mehr. Ich bin später auf dem Boden wieder zu mir gekommen.“

Also kein gemeinsamer Bann. Keine einfache Form von Willenlosigkeit.

Was immer diese Frau getan hatte, sie hatte Sophia und Sybill auf unterschiedliche Weise außer Gefecht gesetzt.

Ich wandte mich an Sophia. „Und bei dir?“

Sie schloss für einen Moment die Augen. „Bei mir war es wie Nebel. Schon vorher. Als ich Zweifel hatte, sah sie mich an und plötzlich … roch alles vertraut. Lavendel. Seife. Eure Kleidung.“

Ich spürte, wie Haytham mich ansah.

„Es war, als wüsste ich noch, dass etwas nicht stimmt“, fuhr Sophia fort, „aber der Gedanke war zu weit weg. Ich kam nicht mehr an ihn heran.“

Das war schlimmer, als ich erwartet hatte.

Nicht, weil Sophia ihr geglaubt hatte. Sondern weil irgendjemand sie dazu gebracht hatte, ihren eigenen Instinkten nicht mehr zu trauen.

„Ich sehe noch die Hintertreppe“, sagte sie. „Florence ging vor mir. Diese Frau hatte Helena auf dem Arm. Ich weiß nur noch, dass Florence so steif wirkte, als würde sie gegen jeden Schritt ankämpfen. Dann wurde mir schwindelig. Alles wurde grau.“

Ihre Stimme brach.

„Und dann wart Ihr da.“

Zu spät.

Das Wort stand sofort in meinem Kopf.

Zu spät für Florence. Zu spät für Helena. Zu spät um zu verhindern, dass irgendein Wesen mit meinem Gesicht meine Kinder aus der Herberge trug.

Mein Stuhl schrammte über die Dielen, bevor ich überhaupt begriff, dass ich aufgestanden war. Er kippte hinter mir um und schlug so laut auf den Boden, dass die wenigen Gäste im Raum erschrocken zu uns sahen.

„Alex.“

Haytham war ebenfalls auf den Beinen. Seine Hand schloss sich um meinen Arm.

„Wir müssen los.“ Meine Stimme klang fremd. „Jetzt. Wir wissen, wo sie sind. Katalonien. Wir können nicht hier sitzen und—“

Der Raum schwankte.

Nur ganz leicht. Gerade genug, dass ich einen Schritt falsch setzte.

Haythams Griff wurde fester.

„Setz dich.“

„Ich werde mich ganz bestimmt nicht setzen.“

„Doch.“

Seine Stimme wurde nicht lauter. Das musste sie nicht.

„Unsere Töchter sind irgendwo in Katalonien bei Eugene und wer weiß wem noch. Sag mir nicht, ich soll mich hinsetzen!“

„Ich sage dir, dass du dich hinsetzt, bevor du hier ohnmächtig wirst.“ Haytham zog den Stuhl mit dem Fuß wieder heran und brachte mich mit einer Entschlossenheit darauf zurück, gegen die ich in meinem Zustand erstaunlich wenig auszurichten hatte. „Bewusstlos hilfst du Florence und Helena überhaupt nicht.“

Ich wollte ihn anschreien.

Wirklich.

Dann sah ich sein Gesicht.

Etwas hatte sich verändert. Nicht die Kontrolle – die hielt er mit derselben erbarmungslosen Disziplin fest wie immer. Es war vielmehr, dass ich plötzlich sah, wie viel Kraft sie ihn kostete.

Seine Finger lagen noch um meinen Arm. Nicht grob. Fest genug, damit ich blieb.

Er hielt nicht nur mich fest.

Er hielt sich selbst fest.

Die Angst um unsere Töchter, die Schmerzen, die Erschöpfung, Edwards Zustand, meine Wut – alles war da. Ich konnte es fast zwischen uns spüren, einen Druck, der ihn von innen auseinanderziehen wollte. Haytham ließ nichts davon nach außen.

Weil er für uns stark sein wollte.

Weil er glaubte, es gerade sein zu müssen.

Edward stand neben ihm und sah zwischen uns hin und her. Dann richtete er die Schultern auf.

„Wir holen sie zurück.“

Er sagte es nicht laut. Gerade deshalb klang es so erwachsen.

Mein Blick fiel auf meinen Sohn. Auf seine zerrissene Jacke, das getrocknete Blut, die Wut in seinem jungen Gesicht. Für einen Moment passte das alles überhaupt nicht zu dem kleinen Jungen, den ich noch immer sah, wenn ich an min lille skat dachte.

Und doch war er hier kein kleines Kind mehr. Nicht in diesem Jahrhundert. Vielleicht durfte ich mir das endlich eingestehen, ohne deswegen aufzuhören, seine Mutter zu sein.

Ich öffnete den Mund, um ihm zu antworten.

Die Welt flackerte.

Bilder schoben sich vor meine Augen, so plötzlich, dass ich mich am Tisch festhalten musste.

„Alex?“ Haythams Stimme war sofort neben mir. „Was ist los?“

„Ich habe etwas gesehen.“

Der Raum kam langsam zurück. Alle am Tisch sahen mich an. Sogar Charles, von dem ich in diesem Moment am wenigsten Anteilnahme erwartet hatte.

Edward trat einen Schritt näher. Hoffnung schoss über sein Gesicht. „Du hast sie gesehen, Mama?“

Ich wollte sofort Ja sagen.

Konnte ich aber nicht.

„Nein.“ Ich schloss kurz die Augen. „Oder vielleicht doch. Ich weiß es nicht.“

Da waren Fäden gewesen.

Drei.

Einer golden.

Einer hell, beinahe weiß.

Der dritte rot, silbern und schwarz zugleich.

Sie hatten sich nicht einfach vor mir ausgebreitet. Sie waren übereinandergeglitten, hatten sich gekreuzt und wieder voneinander gelöst, als würde eine unsichtbare Hand versuchen, daraus etwas zu spinnen, das ich noch nicht erkennen durfte.

Ich atmete zittrig aus und starrte auf die Tischplatte.

Das Holz war voller alter Kratzer. Irgendjemand hatte irgendwann mit einer Messerspitze Linien hineingeritzt, kleine Kerben und Kreise ohne erkennbare Ordnung. Mein Blick blieb an einer Form hängen.

Ein Stern, dachte ich zuerst.

Nein.

Kein Stern.

Ein Rad.

Oder eine Spindel.

Mir lief eine kalte Gänsehaut über den Rücken.

„Frigg“, flüsterte ich.

Haythams Hand fand meine. Seine Finger verschränkten sich mit meinen.

„Was hat sie dir gezeigt?“ Seine Stimme war rau. Die Angst darin hörte vermutlich niemand außer mir.

„Noch nichts.“ Ich schluckte. „Aber ich glaube, sie wird es bald.“

Und genau davor hatte ich plötzlich Angst.

Nicht vor Frigg. Nicht wirklich.

Vor dem, was sie vielleicht von mir verlangen würde. Vor dem Preis, den es kosten konnte, Florence und Helena zurückzuholen. Vor den Wegen, die sich öffneten, wenn Schicksal nicht mehr nur etwas war, das geschah, sondern etwas, das jemand in den Händen hielt.

Fäden, die zu einem Bild gesponnen wurden.

Fäden, die Schicksal miteinander verbanden.

Fäden, die auch ich in den Händen hielt.

Und über allem wachte Frigg.