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Boston - Planung, Abschied und ein Spinnrad

Die Fäden, Die Uns Halten! - Part Iii Der Schicksalhaften Zeitreisen — www.fanfiktion.de · All chapters

Boston - Planung, Abschied und ein Spinnrad

Willkommen liebe Leserschaft!

Es wird ernst und wir planen die Rettung meiner Töchter Florence und Helena.

Vorher heißt es aber Abschied nehmen von meiner Schwester im Geiste.

Wer weiß, wann wir uns das nächste Mal wiedersehen werden.

Die Ungewissheit und Angst nagt an Haytham genauso stark wie an mir.

Doch ich bin entschlossen, unsere Töchter aus den Händen von diesem

Widerling zu befreien.

Ein Traum in dieser Nacht, bringt mich an einen fast schon magischen Ort!

Finde ich dort den entscheidenden Hinweis, wie ich meine Kinder schützen kann?

Ich wünsche gute Unterhaltung beim Lesen!

Ein lieber Gruß

eure MrsHEKenway

Zitat Kapitel 44 - Boston

Kapitel 44

~~~ Planung, Abschied und ein Spinnrad ~~~

Boston – Dezember 1773, später Abend

Die letzten Bilder der Fäden lagen mir noch vor Augen, obwohl ich längst wieder auf die zerkratzte Tischplatte starrte. Friggs Name hing unausgesprochen zwischen Haytham und mir, und für ein paar Atemzüge wusste ich nicht, ob mir die Ahnung Hoffnung gemacht oder nur eine weitere Möglichkeit gegeben hatte, mir Sorgen zu machen.

Irgendwann musste man trotzdem anfangen, etwas zu tun.

Ich hob den Kopf. „Wir sollten packen. Und wir müssen uns noch verabschieden.“

Edward, der neben mir saß und inzwischen wieder so müde aussah, wie ein Zehnjähriger nach diesem Tag eigentlich aussehen durfte, runzelte die Stirn. „Von wem?“

Mein Blick glitt durch die Wirtsstube. Charles und Thomas saßen noch am anderen Ende des Tisches, Gouverneur Tryon ebenfalls. Von ihnen musste ich mich nicht groß verabschieden. Charles würde vermutlich froh sein, wenn ich für eine Weile außer Reichweite war, und Thomas besaß genug Überlebensinstinkt, um sich diesem Gedanken nicht laut anzuschließen.

Nein. Mir war erst jetzt aufgefallen, wer fehlte.

„Von Tante Faith zum Beispiel.“ Ich sah wieder zu Edward. „Ich möchte nicht einfach verschwinden, ohne sie noch einmal gesehen zu haben. Und vermutlich würden Faith und Shay ganz gern erfahren, was hier passiert ist, bevor sie es morgen von irgendeinem Bostoner hören, der behauptet, fünfzig Männer hätten die Garnison mit Kanonen gestürmt.“

Edward sah sich um, als könne er die Cormacs allein durch entschlossenes Suchen zwischen den wenigen Gästen hervorlocken. „Stimmt. Ich habe sie heute auch noch nicht gesehen.“

„Um diese Cormacs braucht man sich nun wirklich nicht zu sorgen“, setzte Charles verächtlich schnaubend an. „Besser, sie sind einfach—“

Haythams flache Hand traf die Tischplatte.

Gläser klirrten. Tryon zuckte zusammen. Thomas blickte sofort sehr interessiert auf seinen Krug.

„Ihr geht mir jetzt aus den Augen, Charles.“ Haythams Stimme blieb leise. Gerade deshalb war sie unangenehmer als jedes Anschreien. „Und Ihr nehmt Thomas gleich mit.“

Charles öffnete den Mund.

Haytham sah ihn nur an.

Das genügte. Charles schloss ihn wieder.

Thomas erhob sich bereits und murmelte etwas, das entfernt wie eine Entschuldigung klang. Charles folgte ihm mit einer Miene, als habe man ihm gerade persönlich das Recht auf freie Meinungsäußerung entzogen. Ich war zu müde, um mich darüber zu freuen. Fast.

Gouverneur Tryon blieb noch einen Augenblick sitzen. Er wirkte unbehaglich, und ich konnte nicht einmal sagen, ob wegen Haythams Stimmung, wegen der Ereignisse in der Garnison oder weil er langsam begriff, dass er in den vergangenen Tagen häufiger als Spielfigur benutzt worden war, als einem Gouverneur lieb sein konnte.

„Master Kenway, ich sollte mich ebenfalls verabschieden.“ Tryon räusperte sich und stemmte sich vorsichtig hoch. Noch immer stand er nicht ganz sicher auf den Beinen. „Ich danke Euch noch einmal für Eure Hilfe und Unterstützung. Ich stehe tief in Eurer Schuld.“

Haytham erhob sich nicht, nickte ihm aber mit jener kontrollierten Höflichkeit zu, die selbst halb verletzt noch nach Großmeister aussah. „Erholt Euch zunächst, Gouverneur. Über Schulden können wir sprechen, wenn Ihr wieder geradeaus gehen könnt.“

Tryon brachte tatsächlich ein schwaches Lächeln zustande.

Hinter ihm bewegte sich plötzlich jemand. Ich schrak zusammen und erkannte erst im zweiten Moment den Mann, der offenbar zu Tryons Dienerschaft gehörte. Er hatte die ganze Zeit so unauffällig hinter ihm gestanden, dass ich ihn vollkommen vergessen hatte.

Haytham hätte vermutlich gesagt, genau so müsse ein guter Diener sein.

Michael würde ihm zustimmen.

Tryon verabschiedete sich noch einmal und verließ mit seinem Diener die Herberge. Danach wurde es am Tisch so ruhig, dass ich wieder jedes Geräusch aus dem Raum bemerkte.

Sybill saß mir gegenüber. Sie sah mich einen Moment lang an, ohne etwas zu sagen.

Dann hörte ich ihre Stimme in meinem Kopf.

Wir müssen sie finden. Aber es wird nicht leicht, Solveig. Ich kann weder Florence noch Helena im Geiste erreichen. Da ist etwas zwischen uns. Er hat sie abgeschirmt. Es tut mir leid.

Mir zog es den Boden unter den Füßen weg, obwohl ich saß.

Ich wusste, dass Sybill nichts dafür konnte. Trotzdem hatte irgendein verzweifelter Teil von mir gehofft, sie würde nur die Augen schließen, nach den Mädchen greifen und mir sagen können, wo genau sie waren, ob sie schliefen, ob Helena weinte, ob Florence Angst hatte.

Stattdessen war da nichts.

Ich nickte nur. Mehr bekam ich nicht zustande, weil mir sofort wieder Tränen in die Augen stiegen.

Haythams Hand legte sich für einen kurzen Moment auf meine Schulter. Danach sah er zu Sybill und Sophia.

„Packt bitte die Habseligkeiten der Mädchen ein.“

Der Satz war schlicht. Sachlich. Genau deshalb traf er mich.

Sophia senkte den Blick. Sybill atmete einmal langsam ein, ehe beide sich erhoben.

Die Habseligkeiten der Mädchen.

Florences Kleider. Ihre Schuhe. Helenas Decken. Die kleinen Dinge, die noch oben lagen, als würden unsere Töchter jeden Augenblick wieder durch die Tür kommen und sich beschweren, dass jemand ihre Sachen falsch zusammengelegt hatte.

Ich schluckte schwer.

Mr Al Din Issa stand ebenfalls auf und legte Edward mit einer selbstverständlichen Ruhe die Hand an die Schulter. „Junger Master Kenway.“

Edward sah erst ihn, dann uns an. Der Protest stand ihm bereits im Gesicht.

„Du gehst nach oben“, sagte Haytham, bevor er ihn aussprechen konnte. „Du ruhst dich aus.“

„Aber—“

„Edward.“

Mein Sohn presste die Lippen zusammen. „Ja, Vater.“

Mr Al Din Issa nickte uns zu und führte ihn zur Treppe. Sybill und Sophia folgten ihnen wenig später.

Connor blieb zurück.

„Ich lasse die Aquila klarmachen“, sagte er. „Und Faulkner kann—“

„Warte.“ Ich rieb mir über die Stirn. „Du brauchst die Aquila nicht unbedingt, wenn du mit uns auf der Jackdaw segelst.“

Connor musterte mich einen Moment. „Ich würde mein Schiff lieber dabeihaben. Falls wir getrennt werden oder ich woanders gebraucht werde, bin ich mit der Aquila beweglicher.“

Das war ein vernünftiger Einwand. Leider war Vernunft an diesem Abend etwas, das alle anderen dauernd besaßen und ich nur noch in unregelmäßigen Abständen.

„Gut. Dann nimm die Aquila mit. Lass beide Schiffe für den Morgen vorbereiten.“

Connor nickte.

Haytham wollte sich ebenfalls erheben und verzog dabei kaum sichtbar das Gesicht.

Ich zeigte sofort mit dem Finger auf ihn. „Du gehst nach oben.“

Seine Braue hob sich.

„Das war kein Vorschlag, mi amor.“

„Alex—“

„Michael bringt dich nach oben, du lässt dein Knie versorgen und du ruhst dich aus. Ich hinterlasse Faith eine Nachricht und komme dann nach.“

Er sah mich an, als überlege er ernsthaft, ob sich ein Streit noch lohnte.

Offenbar entschied er sich dagegen.

„Sehr wohl.“

Ich hätte dieses gehorsame Sehr wohl beinahe verdächtiger gefunden als Widerstand.

Michael trat bereits zu ihm und bot ihm unauffällig den Arm an, so diskret, dass Haytham so tun konnte, als brauche er ihn gar nicht. Gemeinsam gingen sie zur Treppe.

Connor verabschiedete sich kurz darauf ebenfalls, um zum Hafen zu gehen.

Damit blieb ich für einen Augenblick allein am Tisch zurück.

◆ ◆ ◆

Die wenigen Gäste in der Wirtsstube unterhielten sich weiterhin gedämpft. Jemand schloss die Tür vorsichtig, statt sie wie sonst mit Schwung ins Schloss fallen zu lassen. Ein Mann am Fenster nahm sogar seinen Krug hoch, bevor ein anderer am Tisch vorbeiging, als fürchte er, das Klirren könnte jemanden stören.

Diese Rücksichtnahme war fast schlimmer als neugierige Blicke.

Wussten sie bereits, was geschehen war? Wussten sie, dass zwei Kinder aus den oberen Zimmern verschwunden waren? Oder sahen sie einfach nur eine Familie, die aussah, als sollte man sie heute besser nicht ansprechen?

Ich schüttelte den Gedanken ab und ging zum Tresen.

Der Wirt polierte einen zinnernen Krug, ohne wirklich hinzusehen. Als ich ihn ansprach, fuhr er zusammen.

„Oh. Mistress Kenway.“ Er stellte den Krug beiseite. „Wie kann ich Euch helfen?“

„Falls Lady Cormac heute Abend oder morgen früh hier erscheint, würdet Ihr ihr bitte eine Nachricht von mir geben?“

„Natürlich.“

Ich hielt mich kurz. Dass Florence und Helena verschwunden waren. Dass wir am nächsten Morgen zum Hafen wollten. Dass Faith und Shay nicht auf uns warten sollten, falls sie uns verpassten. Wir würden uns wiedersehen. Spätestens in Virginia.

Der Wirt hörte zu, ohne eine einzige neugierige Frage zu stellen.

Dafür war ich ihm dankbar.

Ich hatte mich gerade wieder der Treppe zugewandt, als die Tür zur Wirtsstube aufging.

Kalte Luft strömte herein, gefolgt von Faith, Shay und ihrem Gefolge.

Natürlich traten sie nicht einfach irgendwo ein. Cormacs konnten selbst nach einem völlig gewöhnlichen Abend noch wirken, als hätten sie beschlossen, die gesamte Aufmerksamkeit des Raumes mitzubringen. Unter anderen Umständen hätte ich Faith dafür aufgezogen.

Heute ging ich einfach zu ihr.

„Alex?“

Mehr brauchte sie nicht zu sagen. Sie sah mein Gesicht und wusste sofort, dass etwas geschehen war.

Die Worte kamen aus mir heraus, bevor ich sie sortieren konnte. Die Garnison. Eugene. Die falsche Frau. Florence. Helena. Edwards Vision. Katalonien. Ich erzählte nicht alles schön der Reihe nach; ich war froh, wenn die Sätze überhaupt dort ankamen, wo sie sollten.

Als ich endlich schwieg, lag in Faiths Gesicht so viel Mitgefühl, dass ich beinahe wieder angefangen hätte zu weinen.

„Können wir euch helfen?“ fragte sie. Die Frage kam sofort. Natürlich kam sie sofort.

Ich schloss kurz die Augen.

Ein Teil von mir wollte Ja sagen. Faith einfach mitnehmen. Shay auch. Jeden, der kämpfen konnte. Am besten halb Boston, Odin, Frigg und sämtliche Wesen, die Eugene jemals schlechte Träume bereitet hatten.

Der vernünftige Teil war dagegen.

„Nein, Faith.“ Ich nahm ihre Hände. „Diesen Weg muss ich ohne dich gehen.“

Etwas in ihrem Gesicht wurde still.

Ich drückte ihre Finger. „Nicht weil ich dir nicht vertraue. Das weißt du. Aber Eugene wartet auf mich. Wenn plötzlich noch mehr Leute auftauchen, mit denen er nicht rechnet, könnte er glauben, wir hätten ihn durchschaut oder wollten ihn überrennen. Ich weiß nicht, was er dann mit Florence und Helena tut.“

Faith nickte langsam. Sie mochte es nicht. Das musste sie auch nicht.

„Ich will dieses Risiko nicht eingehen“, sagte ich leiser. „Nicht mit den Mädchen.“

Dann zog ich sie an mich.

Sie war meine Schwester im Geiste. Genau deshalb tat es weh, sie zurückzulassen.

Faith hielt mich fest, ohne mir einzureden, dass alles gut werden würde. Dafür liebte ich sie in diesem Moment noch ein wenig mehr.

Shay trat näher. „Wenn Ihr uns doch braucht—“

„Dann wissen Haytham und ich, wo wir euch finden.“ Ich ließ Faith los und nahm auch ihn kurzerhand in den Arm. „Und glaubt mir, allein der Gedanke hilft schon.“

„Wann brecht ihr auf?“ fragte Faith.

„Morgen früh. Connor lässt die Aquila und die Jackdaw vorbereiten.“

Sie zog die Stirn kraus. „Warum benutzt du nicht den Armreif? Wenn ihr Katalonien bereits eingrenzen könnt—“

„Weil ich nicht weiß, ob Eugene genau darauf wartet.“

Faith schwieg.

Ich fuhr fort, bevor sie nachfragen musste. „Wir nehmen die Schiffe. In ungefähr zwei Tagen können wir eine Position erreichen, die abgelegen genug ist, um ein Portal zu versuchen, ohne dass halb Europa oder irgendein neugieriger Kapitän zusieht. Und ich will die Jackdaw bei uns haben.“

„Als Rückzugsort“, sagte Shay.

Ich nickte. „Und weil ich nicht weiß, wohin uns das danach führt. Vielleicht funktioniert der Armreif. Vielleicht nicht. Vielleicht müssen wir weitersegeln. Ich möchte nicht irgendwo in Katalonien stehen und feststellen, dass mein einziger Plan aus Hoffnung bestand.“

Shay sah mich einen Moment an. „Oder du fürchtest, Avdeyev könnte das Portal bemerken.“

„Auch das.“

Es kostete mich Überwindung, es auszusprechen.

„Ich weiß nicht, was er über seinen Armreif wahrnehmen kann. Ich will ihm jedenfalls keinen zusätzlichen Hinweis geben.“

Faiths Daumen strich einmal über meinen Handrücken. „Dann kommt zurück. Mit den Mädchen.“

Ich schluckte und nickte. „Das werden wir.“

Sie sah mich an. „Ich weiß.“

Ich brachte ein müdes Lächeln zustande. „Wir sehen uns am Hafen.“

„Wir kommen.“

Mehr konnten wir einander im Augenblick nicht geben.

Als ich mich von ihnen löste, spürte ich zum ersten Mal, wie schwer meine Beine geworden waren. Die Erschöpfung saß nicht mehr nur in meinem Kopf. Sie lag in meinen Schultern, in den Knien, sogar in meinen Händen.

Schlaf.

Ich brauchte wenigstens ein paar Stunden Schlaf.

◆ ◆ ◆

Oben war es still.

Edward schlief bereits im Zimmer nebenan. Mr Al Din Issa hatte seinen Platz bei ihm eingenommen und würde in dieser Nacht dortbleiben. Nach allem, was geschehen war, musste niemand erklären, warum.

Haytham lag in unserem Bett, halb aufgerichtet gegen die Kissen. Michael hatte ihm geholfen, sich zu waschen, ihn frisch rasiert und das Knie versorgt. Edward hatte zuvor getan, was er mit seinen Fähigkeiten tun konnte – bei seinem Vater und bei sich selbst –, bis selbst sein Sturkopf gegen die Erschöpfung verloren hatte.

Haytham sah besser aus.

Das war nicht dasselbe wie gut.

Er starrte geradeaus, als wäre die Wand vor ihm interessanter als alles andere im Zimmer. Ich blieb einen Moment an der Tür stehen und beobachtete ihn.

Diese Ruhe kannte ich inzwischen.

Nach allem, was ich inzwischen hinter dieser Ruhe erkannt hatte, hätte ich sie nicht mehr für Leere gehalten.

Sie war Arbeit.

Kontrolle.

Er hielt etwas in sich fest, weil er glaubte, es gerade nicht loslassen zu dürfen.

Magda trat zu mir, bevor ich etwas sagen konnte. Sie hielt mein Nachthemd über dem Arm und hatte einen Krug mit frischem Wasser bereitgestellt.

„Kommt“, sagte sie nur leise.

Ich widersprach nicht.

Die Katzenwäsche war nichts Besonderes. Kaltes Wasser im Gesicht, Hände, Nacken, die schlimmsten Spuren des Tages fort. Und trotzdem fühlte es sich an, als würde ich Schicht für Schicht wieder in meinen eigenen Körper zurückfinden.

Danach setzte ich mich vor den Spiegel, und Magda begann, meine Haare zu lösen.

Die Bürste glitt langsam durch die langen Strähnen.

Ein Zug.

Noch einer.

Kein Plan. Keine Vision. Kein Hrymr.

Nur Magdas vertraute Hände, das leise Geräusch der Bürste und das beruhigende Wissen, dass sie seit Jahren genau wusste, wann sie reden und wann sie einfach schweigen musste.

„Wir brechen morgen früh auf“, sagte ich irgendwann.

„Ich weiß.“

Natürlich wusste sie es.

„Ich packe Eure Sachen fertig.“

Ich sah sie im Spiegel an. „Danke.“

Magda legte mir kurz eine Hand auf die Schulter. Dann nahm sie das Nachthemd, half mir hinein und ließ mich mit Haytham allein.

Er hatte sich keinen Millimeter bewegt.

Ich ging zum Bett, schlug die Decke zurück und setzte mich vorsichtig auf die Kante.

„Mi sol.“

Seine Stimme war so leise, dass ich sofort zu ihm sah.

Haytham blickte noch immer nicht zu mir. „Was, wenn er Florence und Helena bereits völlig in seinen Bann gezogen hat?“

Mir wurde kalt.

„Was?“

Jetzt wandte er den Kopf. In seinem Gesicht lag nichts von der Sicherheit, mit der er unten noch versprochen hatte, wir würden unsere Töchter finden.

„Wir wissen nicht, was er mit Menschen tun kann.“ Seine Stimme blieb ruhig, aber nur knapp. „Wir haben gesehen, wie er Körper und Gedanken benutzt. Was, wenn wir dort ankommen und sie uns nicht mehr erkennen? Was, wenn wir an sie herankommen und er—“

„Nein.“

Das Wort kam schärfer aus mir heraus, als ich beabsichtigt hatte.

Haytham hielt inne.

Die Angst traf mich mit solcher Gewalt, dass ich sie sofort in Wut verwandelte. Wut war leichter. Wut konnte ich wenigstens benutzen.

„Wir werden sie finden“, sagte ich. Meine Stimme wurde lauter. „Und wir holen sie zurück. Wenn es das Letzte ist, was ich je tue.“

Haytham sah mich an, als hätte ich ihm eine Ohrfeige gegeben.

„So war das nicht gemeint.“ Jetzt lag auch in seiner Stimme ein harter Rand. „Aber wir können nicht so tun, als gäbe es diese Möglichkeit nicht.“

„Ich will gerade nicht an Möglichkeiten denken.“

Meine Hände zitterten.

„Ich will Florence wieder hören, wie sie mich mit irgendeiner Frage verfolgt, bis ich ihr antworte. Ich will Helena wieder in meinen Armen haben. Ich will mein Kind stillen und mich darüber beschweren, dass ich seit Tagen nicht richtig geschlafen habe. Ich will mich darüber ärgern, dass Edward seine Schwestern provoziert und Florence ihm dafür gegen das Schienbein tritt.“

Die Tränen kamen, bevor ich den Satz beenden konnte.

„Ich will sie einfach zurück.“

Haythams Wut verschwand.

Nicht, weil seine Angst weg war. Sondern weil er meine endlich sah.

Er legte einen Arm um meine Schultern und zog mich an sich. Seine andere Hand fand meine.

„Ich auch, Alex“, sagte er. „Ich auch.“

Sein Daumen strich langsam über meinen Handrücken. Meine Stirn lag an seiner Brust, seine Wange auf meinem Scheitel.

Eine Weile sagte keiner von uns etwas.

Wir versuchten nicht, den anderen zu überzeugen.

Wir versuchten nur, uns gegenseitig daran zu hindern, auseinanderzufallen.

Irgendwann wurde mein Atem ruhiger. Vielleicht seiner auch.

Ich weiß nicht mehr, wann ich eingeschlafen bin.

Ich weiß nur noch, dass ich Haythams Hand hielt.

◆ ◆ ◆

Als ich die Augen wieder öffnete, war das Bett verschwunden.

„Solveig, da bist du ja.“

Die Stimme kannte ich.

Frigg.

Ich richtete mich auf – oder glaubte zumindest, es zu tun. Vor mir stand Odins Gattin und betrachtete mich mit einem ruhigen Lächeln, als hätte sie nicht gerade beschlossen, mich mitten in der Nacht aus meinem Bett an einen Ort zu ziehen, den ich noch nie gesehen hatte.

„Wo …?“

Mein Blick wanderte durch die Halle.

Fensalir war groß, aber nicht kalt. Gold schimmerte an Schnitzereien und Beschlägen, ohne den Raum in Prunk zu ertränken. Stoffbahnen hingen zwischen hohen Säulen, Feuer brannten in flachen Schalen und irgendwo weiter hinten arbeiteten Frauen an Garn, Wolle und Geweben. Eine trug einen Korb, eine andere stellte Getränke auf einen Tisch. Niemand wirkte überrascht, mich hier zu sehen.

An der Kopfseite der Halle erhob sich ein goldverzierter Sitz.

Davor stand ein Spinnrad.

Ich blieb stehen.

Von allem in diesem Raum war ausgerechnet dieses Rad beinahe unscheinbar. Helles Holz, eine schlichte Form, nichts daran schrie nach göttlicher Macht. Neben dem Rad lag eine Spindel, ebenso zurückhaltend – und doch blieb mein Blick daran hängen, als hätte jemand einen Faden von meiner Brust direkt zu ihr gespannt.

„Keine Angst“, sagte Frigg. „Du bist in Sicherheit. Das hier ist Fensalir , mein Wohnsitz.“

„Haytham?“

„Schläft.“

„Meine Kinder?“

Friggs Lächeln wurde schmaler. „Darum bist du hier.“

Sie machte eine einladende Bewegung und ging langsam auf den Thron zu.

Ich folgte ihr.

Mit jedem Schritt wurde das Spinnrad deutlicher. Nicht größer. Nicht eindrucksvoller. Nur schwerer zu ignorieren.

„Du weißt tief in dir, warum du hier bist“, sagte Frigg.

Ich sah auf das Rad. Dann auf die Spindel.

„Ich kenne Fäden“, flüsterte ich.

Meine Finger kribbelten.

„Ich kenne das Ziehen eines Gewebes. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn eine Möglichkeit sich gegen eine andere spannt.“

Frigg wartete.

„Aber das hier ist nicht mein Webstuhl.“

„Nein.“ Sie trat neben mich. „Das Werkzeug ist meines.“

Ihr Blick glitt zu mir.

„Die Gabe nicht.“

Bevor ich fragen konnte, was genau sie damit meinte, erschienen die Fäden.

Sie hingen nicht einfach in der Luft. Sie spannten sich durch den Raum, überkreuzten einander, verschwanden in Entfernungen, die es in dieser Halle eigentlich nicht geben konnte. Manche waren so fein, dass ich sie nur sah, wenn ich nicht direkt hinsah. Andere leuchteten wie Morgenlicht.

Und sie waren nicht still.

Sie bebten.

Jeder einzelne, als würde irgendwo weit entfernt ein Herz darin schlagen.

Ich hob die Hand, berührte aber noch nichts.

Friggs Blick ruhte auf zwei schmalen Fäden, die dicht nebeneinander verliefen.

Einer schimmerte warm und golden.

Florence.

Ich wusste es sofort.

Der zweite war heller, beinahe weiß. An seinem Rand lag etwas Dunkles, kein Makel, sondern wie ein Schatten, der mit ihm ging.

Helena.

Mein Atem stockte.

Neben ihnen verliefen zwei weitere Fäden.

Yannick.

Edward.

Vier Kinder.

Vier Leben.

Vier Linien, die auf unterschiedliche Weise mit meiner eigenen verbunden waren, obwohl ich meinen Faden noch nicht sah.

„Sie gehören nicht dir“, sagte Frigg leise.

Ich sah sie scharf an.

„Das weiß ich.“

„Gut.“

Nur dieses eine Wort.

Dann bewegte sich etwas zwischen den Fäden.

Eine fremde Hand griff aus einem Riss im Gewebe.

Langsam.

Geduldig.

Als hätte sie alle Zeit der Welt.

Mir wurde übel.

„Hrymr.“

Die Finger dieser Hand streckten sich nach Florence und Helena aus. Nicht nach ihren Körpern – nach dem, was ihre Wege miteinander verband.

Ich reagierte, bevor ich nachdenken konnte, und schlug nach der fremden Verbindung.

Friggs Hand schloss sich um mein Handgelenk.

„Nein.“

„Lass mich los.“

„Wenn du ihm diesen Weg abschneidest, ohne zu verstehen, was du tust, sucht er einen anderen.“

„Dann zeig mir, wie ich ihn vernichten kann.“

Frigg ließ mein Handgelenk los, trat aber nicht zurück.

„Du bist nicht hier, um ihn zu vernichten.“

Ich fuhr zu ihr herum. „Das sind meine Töchter und meine Söhne.“

„Ja.“

Ihre Stimme war ruhig genug, dass meine Wut daran beinahe zerschellte.

„Darum bist du hier.“

Ich starrte sie an.

Frigg hob die Hand und deutete nicht auf Hrymrs Zugriff, sondern auf die vier Fäden.

„Nicht um seinen Faden zu schneiden. Nicht um das Schicksal deiner Kinder neu zu schreiben.“

Das Spinnrad setzte sich langsam in Bewegung.

„Du bist hier, um zu schützen, was er für sich beanspruchen will.“

Etwas löste sich aus der Dunkelheit.

Ein fünfter Faden.

Silber.

Rot.

Schwarz.

Die Farben liefen ineinander, ohne sich zu vermischen, und noch bevor ich die Hand danach ausstreckte, wusste ich, was ich vor mir hatte. Es war kein fremdes Schicksal, das Frigg mir zeigte. Kein weiterer Weg, den ich erst verstehen musste.

Das war meiner.

Mein eigener Faden lag zwischen denen meiner Kinder und schien auf ihre Nähe zu reagieren. Ein kaum merkliches Ziehen lief durch meine Finger, obwohl ich ihn noch gar nicht berührte. Yannick. Edward. Florence. Helena. Vier Leben, die nicht mir gehörten und doch auf eine Weise mit meinem verbunden waren, die sich nicht leugnen ließ.

Zum ersten Mal lagen alle fünf Fäden vor mir.

Ich sah von ihnen zu Frigg. Sie erklärte nichts mehr. Ihr Blick ruhte zunächst auf meinen Händen und wanderte dann langsam zu meinem Gesicht, als würde sie darauf warten, dass ich selbst verstand, weshalb sie mich hierhergebracht hatte.

Neben uns setzte sich das Spinnrad in Bewegung. Erst langsam, beinahe lautlos. Dann begann auch die Spindel sich zu drehen.

„Und jetzt“, sagte Frigg ruhig.

Meine Finger kribbelten stärker.

„Webe.“