Boston - Eine unzerstörbare Barriere
Boston - Eine unzerstörbare Barriere
Willkommen ihr Lieben!
In Friggs Palast Fensalir erhält Alex eine Einweisung der besonderen Art.
Sie wird ihre Kinder schützen, aber nicht so, wie sie es sich vorgestellt hat.
Der Abschied rückt näher, die Jackdaw ist bereit und Katalonien wartet
eine gefühlte Ewigkeit entfernt!
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und bleibt gesund!
Ein lieber Gruß
eure MrsHEKenway
Zitat Kapitel 45 - Boston
Kapitel 45
~~~ Eine unzerstörbare Barriere ~~~
Boston – Dezember 1773
Ich starrte auf die fünf Fäden vor mir und dann zu Frigg. Das Spinnrad drehte sich inzwischen gleichmäßig, und die Spindel nahm den Faden auf, als hätte sie nur darauf gewartet, dass ich endlich begriff, was von mir verlangt wurde.
Mir rutschte trotzdem ein genervtes „Was?“ heraus. Frigg hob lediglich eine Braue.
„Du hast mich verstanden, Solveig.“
„Ich fürchte, genau das habe ich nicht.“ Mein Blick fiel wieder auf die Fäden. Yannick, Edward, Florence, Helena und meiner dazwischen. „Du sagst mir, ich soll weben, nachdem du mir gerade erklärt hast, dass ich das Schicksal meiner Kinder nicht verändern darf.“
„Ihr Schicksal wirst du auch nicht neu weben.“ Frigg trat näher an das Rad. „Aber du kannst verändern, welchen Anspruch ein anderer darauf erhebt.“
Die Worte brauchten einen Moment, bis sie sich in meinem Kopf festsetzten. Mein Blick glitt zu jener Stelle im Gewebe, an der Hrymrs fremde Verbindung eben noch zwischen Florence und Helena gelegen hatte.
„Seinen Anspruch?“
„Ja.“
Die Halle schien um uns herum leiser zu werden. Das Arbeiten der Frauen, das Rascheln von Stoff und selbst das Feuer in den Schalen rückten in den Hintergrund, bis ich glaubte, irgendwo weit entfernt eine Kinderstimme zu hören. Ich fuhr herum.
„Florence?“
Keine Antwort. Nur etwas, das ebenso gut ein Echo hätte sein können. Dann drang ein zweiter Laut durch das Gewebe, heller, kläglicher – und diesmal wusste ich sofort, wen ich hörte. Helena.
Mein Herz zog sich zusammen. Ich streckte die Hände aus, und die fünf Fäden reagierten augenblicklich. Sie fühlten sich weder wie Wolle noch wie Garn an; sie lagen federleicht über meinen Fingern und trugen dennoch etwas in sich, das beinahe wie fünf verschiedene Herzschläge wirkte.
Yannick war weit entfernt und trotzdem fest mit mir verbunden. Edwards Faden vibrierte warm und unruhig. Florence’ Gold war klar und gespannt, fast trotzig, während Helenas hellerer Faden feiner wirkte, aber keineswegs schwach. An seinem Rand lag Dunkelheit wie ein Schatten, der nicht drohte, sondern wachte. Und dazwischen verlief meiner – silbern, rot und schwarz, ohne sich über die anderen zu legen.
Frigg sagte nichts. Sie ließ mich selbst begreifen, was mir das Gewebe zeigte. Meine Kinder gehörten nicht mir; ihr Schicksal war ihres, nicht meines, nicht Odins und ganz sicher nicht Hrymrs. Aber genau deshalb musste ich auch nicht ihr Leben verändern, um seinen Zugriff abzuwehren.
Ich führte die Fäden vorsichtig zusammen. Beim ersten Versuch glitten sie wieder auseinander.
„Nicht festhalten“, sagte Frigg leise.
Ich sah zu ihr.
„Verbinden.“
Der Unterschied war klein und gewaltig zugleich. Dieses Mal zog ich keinen Faden über einen anderen, um ihn dort zu halten. Ich ließ sie umeinanderlaufen, gab jedem Raum und führte sie trotzdem immer wieder zur Mitte zurück. Mein eigener Faden nahm ihre Bewegungen auf, ohne sie zu zwingen.
Ich durfte sie nicht so fest an mich binden, dass aus Schutz Besitz wurde. Ich durfte sie nicht ersticken, nur weil ich Angst hatte, sie zu verlieren. Aber ich würde ebenso wenig zulassen, dass jemand von außen zwischen uns griff und diese Verbindung für sich beanspruchte.
Nach und nach fanden die Fäden einander. Zwischen meinen Händen entstand kein harter, enger Knoten, sondern ein Geflecht, das nachgab, wenn einer von ihnen sich bewegte, und sich zugleich schloss, sobald etwas Fremdes dazwischen zugreifen versuchte. Ich spürte fünf unterschiedliche Rhythmen darin, und für einen Augenblick schienen sie sich zu einem gemeinsamen Takt zu fügen.
Etwas in meiner Brust wurde ruhiger – bis ein Schrei durch die Halle schnitt.
Ich zuckte zusammen. Es waren weder Florence noch Helena. Der Laut war tief, wütend und so voller Frustration, dass ich im selben Augenblick wusste, wem er gehörte.
Hrymr.
Die fremde Hand im Gewebe fuhr zurück. Sie war nicht verschwunden oder vernichtet worden, aber sie war zurückgedrängt. Gleichzeitig leuchtete der Knoten zwischen unseren Fäden heller auf.
„Ist das …?“
Frigg trat neben mich. „Jetzt weiß er, dass du seinen Zugriff gefunden hast.“
Mein Magen sackte ab. „Dann weiß er auch, dass ich komme.“
„Das wusste er längst.“
Natürlich wusste er das. Eugene hatte meine Töchter nicht entführt, weil er hoffte, ich würde höflich in Boston sitzen bleiben und ihm viel Freude mit ihnen wünschen. Neu war für ihn nur, dass ich seinen Zugriff im Gewebe erkannt hatte und ihm dort entgegengetreten war.
„Und wenn er es jetzt anders versucht?“
„Dann wird er andere Wege suchen.“
Mir gefiel die Antwort überhaupt nicht, und Frigg sah es mir an. „Ich habe dir keine Unverwundbarkeit versprochen, Solveig. Er kann Florence und Helena noch immer festhalten. Er kann ihnen Angst machen und versuchen, ihnen körperlich weh zu tun. Aber er kann ihren Platz in diesem Geflecht nicht mehr für sich beanspruchen. Er kann sie nicht von dir lösen und eure Bindung durch seine eigene ersetzen.“
Ich sah wieder auf die fünf Fäden. „Er kann sie also nicht gegen mich wenden.“
„Nicht auf diese Weise.“
Zum ersten Mal seit ihrer Entführung gelang es mir, wirklich tief Luft zu holen.
Frigg legte die Fingerspitzen an den Knoten, der mit einem warmen Puls antwortete. „Du hast einen Mutterknoten gewoben.“
Das Wort fühlte sich fremd und gleichzeitig vollkommen richtig an. „Einen was?“
Ein leichtes Lächeln lag um ihren Mund. „Einen Mutterknoten. Keine Kette und keine Fessel. Eine Verbindung.“
„Unzerstörbar?“ fragte ich.
Frigg neigte den Kopf. „Von außen nicht zu brechen, solange ihr selbst diese Verbindung tragt.“
Mein Blick blieb bei Florence und Helena hängen. „Dann wird er sie nicht behalten.“
„Er hat sie gerade in seiner Gewalt“, erwiderte Frigg ruhig. „Das ist nicht dasselbe wie besitzen. Vergiss diesen Unterschied nicht.“
Tränen liefen mir über die Wangen, diesmal nicht nur aus Angst. Ich flüsterte ein leises „Danke“, doch Friggs Lächeln wurde lediglich weicher.
„Dank mir noch nicht. Dank mir, wenn du verstanden hast, was du getan hast.“
Ich wollte fragen, was das nun wieder bedeuten sollte, aber Fensalir begann bereits, sich um mich herum aufzulösen.
◆ ◆ ◆
„Mi sol?“ Haythams Stimme war das Erste, was zu mir zurückkehrte, dicht gefolgt von seiner Hand an meiner Schulter. „Alex. Was ist los?“
Ich riss die Augen auf. Unser Zimmer lag im fahlen Mondlicht, Haytham saß neben mir im Bett, die Decke halb zurückgeschlagen und das Haar ungeordnet. Sein Gesicht war so angespannt, dass ich nicht erst nachfragen musste, wie ich gerade ausgesehen hatte.
Mein Atem ging stoßweise. Vor meinem Mund entstanden kleine Wölkchen, und erst da begriff ich, wie kalt das Zimmer geworden war.
„Ich … Florence und Helena.“ Meine Stimme versagte kurz, bevor ich sie wiederfand. „Sie sind geschützt.“
Haythams Hand schloss sich fester um meine Schulter, doch er drängte mich nicht. Also erzählte ich ihm von Fensalir, Friggs Spindel und den fünf Fäden – Yannick, Edward, Florence, Helena und mir. Als ich von dem Knoten sprach, sah ich immer wieder auf meine Hände, als müsste irgendwo zwischen meinen Fingern noch ein Rest davon glimmen.
Haytham hörte bis zum Ende zu. „Was genau schützt er?“
So typisch für ihn, dass ich trotz allem beinahe lächeln musste. Er fragte nicht, ob nun alles gut sei oder ob die Mädchen sicher wären. Er wollte wissen, was dieser Schutz tatsächlich konnte.
„Unsere Verbindung. Hrymr kann sie nicht von mir lösen und diesen Platz nicht für sich beanspruchen. Er kann sie auf diese Weise nicht gegen uns wenden.“
Etwas in Haythams Haltung gab nach. „Dann kann er ihnen zumindest das nicht nehmen.“
„Nein.“ Es tat gut, das auszusprechen, auch wenn die Erleichterung nur wenige Atemzüge hielt. „Aber sie sind immer noch bei ihm, mi amor. Er kann ihnen immer noch weh tun.“
Haytham zog mich an sich, und ich schloss die Augen, während seine Hand langsam über meinen Rücken strich. „Sie sind nicht allein. Florence ist ein starkes Mädchen, und Brünhild ist bei ihr. Helena hat Azrael und Ifrith. Was immer sie genau sind und wie wenig ich davon verstehe – wir haben beide gesehen, dass sie auf die Kleine reagieren.“
„Das heißt nicht, dass ich aufhören kann, Angst zu haben.“
„Das verlange ich auch nicht.“
Ich löste mich gerade weit genug von ihm, um sein Gesicht sehen zu können. Im Mondlicht wirkte er blass, unter seinen Augen lagen dunkle Schatten, und die Müdigkeit hatte längst auch seine sonst so aufrechte Haltung erreicht.
„Wie machst du das eigentlich?“
Haytham runzelte die Stirn. „Wie mache ich was?“
„Nicht zusammenbrechen.“
Er sah mich lange an. Ich strich ihm über die Wange und zählte nicht auf, um ihm Vorwürfe zu machen, sondern weil ich selbst kaum begriff, wie viel auf ihm lag: seine Verletzung, die fehlende Nacht, unsere entführten Töchter, Edward mitten in diesem Wahnsinn und Connor, der ebenfalls seit Stunden funktionierte, weil jemand funktionieren musste.
Haytham legte seine Hand über meine. „Vielleicht tue ich das nur deshalb, weil mich gerade der Gedanke zusammenhält, dass ich es nicht allein tun muss.“
Sein Daumen strich über meine Finger. „Du bist hier. Edward ist hier. Und Connor … nun, Connor ist tatsächlich auch hier.“
Ich schnaubte leise. „Sag ihm das morgen. Er wird sich freuen.“
„Ganz sicher nicht.“
Für einen Moment lag sogar etwas Wärme zwischen uns. Dann wurde Haytham wieder ernst und lehnte seine Stirn an meine. „Wir sind Familie, mi sol. Und wir schaffen das gemeinsam.“
„Gemeinsam“, wiederholte ich.
◆ ◆ ◆
Schlafen konnten wir trotzdem nicht. Wir versuchten es eine ganze Weile, bis ich mich zum wiederholten Mal herumdrehte und Haytham neben mir seufzte.
„Du bewegst dich.“
„Du atmest.“
„Das hatte ich eigentlich noch eine Weile vor.“
„Sehr rücksichtslos.“
Es war kein richtiger Scherz, aber er machte die Stille für einen Moment leichter. Schließlich schlug ich die Decke zurück. „Komm. Wenn ich noch länger hier liege, reiße ich irgendwann die Vorhänge herunter.“
Haytham sah zu den Vorhängen. „Das wäre bedauerlich. Sie sind ganz ordentlich.“
„Dann rettest du sie besser.“
Wir zogen uns an und sahen auf dem Weg nach unten zuerst nach Edward. Mr Al Din Issa saß auf einem Stuhl neben dem Bett und hob sofort den Kopf. Ein stummes Nicken genügte zwischen uns. Edward schlief tief, halb im Kissen verschwunden, während Walka an seinem Fußende zusammengerollt lag wie ein viel zu großer und erheblich zu gefährlicher Bettvorleger. Sie öffnete ein Auge, musterte uns kurz und begann nach wenigen Augenblicken wieder zu schnarchen. Trotz allem musste ich lächeln, bevor ich die Tür leise schloss.
Die Wirtsstube war unten leer. Es roch nach kaltem Rauch, abgestandenem Ale und den Resten des Abendessens. Ein paar Stühle standen schief, auf einem Tisch war ein Krug vergessen worden; ohne Stimmen wirkte der Raum größer als sonst. Wir gingen durch die Hintertür hinaus, und die kalte Nachtluft traf mich so deutlich, dass ich erst einmal tief einatmete.
Haytham machte nur wenige Schritte in die Gasse, bevor er abrupt stehen blieb. Seine Haltung veränderte sich – diese besondere Stille, die ich inzwischen kannte, wenn seine Wahrnehmung über das hinausging, was ich sehen konnte.
„Was?“ fragte ich.
Er antwortete erst nach einigen Atemzügen. „Spuren.“
Sein Blick folgte etwas Unsichtbarem die Gasse hinunter. „Eine Frau kommt aus der Hintertür. Sie trägt Helena.“
Mir wurde augenblicklich schlecht.
„Florence ist bei einem Mann. Er hält sie fest. Eugene wartet weiter draußen im Schatten und tritt erst zu ihnen, als sie die Herberge verlassen.“
Ich zwang mich, die Bilder nicht selbst weiterzudenken. „Die Frau – war das die mit meinem Gesicht?“
Haytham nickte. „Wenn Sybill und Sophia richtig gesehen haben, ja.“
„Dann war es nicht Amber.“
„Nein.“
Er ging noch ein Stück weiter und blieb erneut stehen. Später seien weitere Personen hinzugekommen, sagte er – drei, wenn er die überlagerten Spuren richtig las. Eine der Spuren gehörte eindeutig zu Amber Donovan. Wichtig war nur, dass Eugene nicht allein war.
An einer Stelle mitten in der Gasse endeten die Spuren abrupt. Haytham blickte auf das gewöhnliche Pflaster, als könnte er es mit genügend Misstrauen dazu zwingen, seine Geheimnisse preiszugeben.
„Hier verschwinden sie.“
„War es ein Portal?“
„Oder etwas, das demselben Zweck dient.“ Seine Stimme wurde rauer. „Danach ist nichts mehr.“
Die Enttäuschung in seinem Gesicht war so offen, dass ich sie kaum ertrug. Dann drehte er sich zu mir und legte beide Hände an meine Schultern.
„Alex. Bitte. Öffne einfach ein Portal. Wir wissen doch, wo er ist.“
Für einen kurzen Moment brach die Kontrolle in seinem Gesicht auf. Nicht genug, dass ein Fremder viel gesehen hätte, aber genug für mich. Da stand kein Großmeister vor mir, sondern ein Vater, der seine Töchter irgendwo auf der anderen Seite des Atlantiks wusste und zwei Tage wie eine Zumutung empfand.
„Mi amor …“
„Zwei Tage“, sagte er heiser. „Du willst noch zwei Tage segeln, obwohl wir vielleicht jetzt zu ihnen könnten.“
Jedes Wort traf mich, weil ich seit Stunden denselben Gedanken hatte. Trotzdem legte ich meine Hände auf seine und zwang mich zur Ruhe. „Wir brauchen die Jackdaw. Als Rückzugsort, falls dort alles schiefgeht, und als sicheren Punkt, wenn wir danach weiter müssen. Wir wissen nicht, wohin diese Sache noch führt.“
„Wir wissen, wo unsere Töchter sind.“
„Nur ungefähr.“
Er schwieg, und ich drückte seine Hände. „Ich weiß nicht, was Eugene über seinen Armreif wahrnehmen kann. Ich will ihm jedenfalls keinen zusätzlichen Hinweis geben. Wenn er darauf wartet, dass ich von Boston aus direkt nach Katalonien springe, möchte ich ihm diesen Gefallen nicht tun.“
Haytham schloss für einen Moment die Augen. Der Widerstand in seinen Händen ließ langsam nach. „Ich weiß“, sagte er schließlich. „Ich weiß es ja.“
Plötzlich sah er einfach nur müde aus. Ich nahm seine Hand. „Komm.“
„Wohin?“
„Zum Hafen. Wenn du die Jackdaw siehst, kannst du sie wenigstens persönlich dafür verantwortlich machen, dass wir noch nicht in Katalonien sind.“
Ein winziger Zug ging über seinen Mund. „Du glaubst, das hilft?“
„Nein. Aber wir laufen.“
◆ ◆ ◆
Der Hafen lag stiller da als am Tag, aber keineswegs verlassen. Auf mehreren Schiffen brannten Laternen, irgendwo schlug Holz gegen Holz, und aus der Dunkelheit kamen gedämpfte Rufe. Die Masten zeichneten sich schwarz gegen den Nachthimmel ab, während ihre Spiegelbilder auf dem ebenso dunklen Wasser schwankten.
Meine Jackdaw lag weiter links. Schon aus der Entfernung sah ich Licht an Deck und Schatten, die sich zwischen den Aufbauten bewegten. Sie wurde vorbereitet – für uns, für die Reise, für Florence und Helena.
Nachts sieht sie sogar noch ein wenig majestätischer aus, findet ihr nicht?
Edward Seniors Stimme erschien so unvermittelt in meinem Kopf, dass ich stehen blieb. Haytham tat neben mir dasselbe. Mein Schwiegervater klang beinahe beiläufig, aber ich kannte ihn inzwischen gut genug, um zu hören, was er dahinter verbarg.
Sie wird euch zu meinen Enkelinnen bringen. Und dann bringt ihr sie wieder nach Hause.
Danach herrschte einen Moment lang Stille. Ich war mir ziemlich sicher, ein Schniefen gehört zu haben, hätte aber nicht im Traum gewagt, danach zu fragen. Edward Senior zog sich zurück, bevor einer von uns antwortete, und Haytham drückte nur meine Hand.
Als wir näher kamen, entdeckte uns Mr Hargreaves an Deck und winkte so energisch, dass ich kurz fürchtete, er könne dabei noch einen Mann über Bord stoßen. „Mistress Kenway! Master Kenway!“
Dann sah er unsere Gesichter, und seine Hand sank. „Wir sind noch gar nicht fertig. Ist … ist etwas passiert?“
Mr Hargreaves war ein hervorragender Seemann. Gefühle in vollständigen Sätzen gehörten weniger zu seinen bevorzugten Fachgebieten. Ich erklärte ihm deshalb nur, dass wir nicht schlafen konnten und uns die Beine vertreten wollten. Er sah von mir zu Haytham, nickte erleichtert und entschied offenbar, dass dies genug Information für diese Nacht war.
Wir gingen für einige Minuten an Bord. Ich ließ meine Hand über das Holz gleiten, sprach mit den Männern der Wache und sah zu, wie Taue, Fässer und Vorräte ihren Platz fanden. Es beruhigte mich auf eine beinahe lächerliche Weise. Ein Tau war richtig belegt oder nicht. Ein Fass stand fest oder nicht. Ein Segel war vorbereitet oder nicht. Schicksalsfäden und entführte Kinder hielten sich an keine so freundlichen Regeln.
„Bis in ein paar Stunden“, rief Hargreaves uns nach, als wir wieder von Bord gingen. Auf dem Rückweg wirkte Haytham tatsächlich ruhiger. Nicht gut und ganz sicher nicht ausgeruht, aber wieder ein wenig mehr wie er selbst.
„Das tat gut, mi sol.“
„Die kalte Dezemberluft macht den Kopf frei.“
„Und die Jackdaw.“
„Vor allem die Jackdaw.“
Zurück in der Herberge krochen wir noch einmal unter die Decke. Diesmal schliefen wir tatsächlich – zwei Stunden vielleicht, drei, wenn die Götter ungewöhnlich großzügig gewesen waren.
◆ ◆ ◆
Als Magda und Michael am Morgen in unser Zimmer kamen, kämpfte sich bereits fahles Sonnenlicht durch den Nebel. Magda hatte kaum begonnen zu erklären, dass sie alles zurechtgelegt hatte, als ihr Blick auf meine Kleidung fiel, die vom nächtlichen Spaziergang ziemlich lieblos über einem Stuhl hing.
„Wir waren noch spazieren“, erklärte ich.
Sie sah erst mich, dann Haytham an. Michael tat mit bemerkenswerter Hingabe so, als hätte er überhaupt nichts gehört. „Natürlich“, sagte Magda.
Ich wusste ganz genau, was dieses Natürlich bedeutete. Nach einer schnellen Wäsche half sie mir in mein warmes Winterornat, Michael kümmerte sich um Haytham, und kurze Zeit später gingen wir gemeinsam nach unten.
Edward kam wenig später, ließ sich auf seinen Stuhl sinken und murmelte ein verschlafenes „Gudn morn“.
Haytham sah ihn an. „Wo sind deine Manieren, mein Sohn?“
Edward griff nach einer Scheibe getoastetem Brot. „Guten Morgen.“ Der Tonfall sagte etwas deutlich weniger Höfliches.
Bevor daraus eine Diskussion werden konnte, erschien Mr Al Din Issa hinter seinem Schützling. Sein Blick wanderte einmal an Edward hinunter und blieb an dessen Kleidung hängen.
„Junger Master Kenway. Ich hatte Euch gesagt, Ihr sollt die warmen Hosen und die warme Weste anziehen.“
Edward sah an sich hinunter. „Mir ist nicht kalt.“
Mr Al Din Issa zog den Stuhl zurück. „Das war keine Frage.“
Mein Sohn suchte meinen Blick. Ich hob beide Hände. „Da bin ich ausnahmsweise vollkommen unschuldig.“ Haytham presste die Lippen zusammen, und ich konnte nicht entscheiden, ob er genervt war oder sich ein Lächeln verbiss. Edward stand schließlich auf und ließ sich von Mr Al Din Issa wieder nach oben führen.
„Er ist launisch. Schließlich sind es seine beiden Schwestern“, sagte ich.
„Das ist noch lange kein Grund, so schlampig bei Tisch zu erscheinen“, erwiderte Haytham.
„Das eine schließt das andere nicht aus.“
Nach und nach kamen Faith, Shay und die übrigen Cormacs herunter. Niemand versuchte noch einmal, uns umzustimmen, wofür ich dankbar war. Wir sprachen darüber, wie lange wir vermutlich fortbleiben würden, und ich gab keine besonders hilfreichen Antworten, weil ich selbst keine hatte. Ein paar Tage, hoffte ich. Im Augenblick zählte ohnehin nur, Florence und Helena zurückzubringen.
Edward erschien erneut, diesmal warm genug angezogen und offenbar mit einem Appetit, der in der kurzen Zwischenzeit beschlossen hatte, den gesamten Frühstückstisch zu vernichten. Wo er zuvor lustlos an seinem Brot geknabbert hatte, schlang er jetzt beinahe alles hinunter, was in Reichweite kam.
„Langsamer. Keiner nimmt dir etwas weg“, sagte Haytham.
Edward kaute daraufhin so betont gründlich, dass ich wegsehen musste, bevor einer von beiden bemerkte, dass ich lächelte.
Draußen wurden bereits die letzten Truhen auf Karren verladen. Meine gesicherte Truhe kam getrennt von den übrigen Gepäckstücken nach unten, dazu Kleidung, Vorräte und die Sachen der Kinder. Als ich Helenas kleine Decke sah, musste ich für einen Moment wegsehen. Dann stand ich auf.
„Wir sollten gehen.“
◆ ◆ ◆
Am Hafen herrschte inzwischen reges Treiben. Boston räumte noch immer die Spuren der Tea Party auf, während Handelsschiffe beladen wurden und andere längst wieder ausliefen. Karren rumpelten über das Pflaster, Matrosen riefen einander Befehle zu, Taue wurden gelöst und Segel geprüft. Mitten darin lagen die Jackdaw und die Aquila bereit.
Connor wartete bereits bei seinem Schiff. Er hatte die Nacht bei Stephan Chapheau und seinen eigenen Leuten verbracht und sah kaum ausgeschlafener aus als wir. Mr Hargreaves entdeckte uns ebenfalls sofort.
„Alles bereit, Captain!“ rief er.
Dieses eine Wort half mehr, als es vermutlich sollte. Captain war etwas, das ich kannte. Etwas, das ich sein konnte, ohne darüber nachdenken zu müssen, ob ich als Mutter versagt hatte oder als Norne gerade erst anfing zu verstehen, was fünf Schicksalsfäden in meinen Händen bedeuteten.
Faith trat neben mich. Ich sah sie an und wusste plötzlich nicht, was ich sagen sollte. „Dann heißt es jetzt wohl …“ Mehr brachte ich nicht heraus.
Faith ersparte mir den Versuch und zog mich einfach in die Arme. Ich hielt sie fest. Große Versprechen brauchten wir nicht mehr; wir hatten gestern alles gesagt.
„Dann kommt zurück“, murmelte sie an meiner Schulter. „Mit den Mädchen.“
Ich schluckte und nickte. „Das werden wir.“
Als sie mich losließ, stand Shay ein Stück dahinter. Haytham trat zu ihm und schaffte es selbst jetzt, einen Teil seines Kopfes an etwas zu binden, das nicht unmittelbar vor ihm lag.
„Master Cormac. Hört Euch in nächster Zeit weiter nach der Schatulle um. Wir brauchen sie noch immer. Ich gebe ungern zu, dass auch ich diese Angelegenheit in den vergangenen Jahren vernachlässigt habe.“
Shay nickte ernst. „Ich kümmere mich darum.“
Es war Haythams Fähigkeit, selbst in diesem Augenblick noch Aufgaben zu ordnen und weiterzugeben, keine Gefühllosigkeit. Vielleicht war genau das eine seiner Methoden, nicht auseinanderzufallen.
Edward stand bereits an der Planke der Jackdaw. Mr Al Din Issa war bei ihm, und Walka wartete so geduldig, wie ein Wesen ihrer Größe überhaupt warten konnte. Ich ging an Bord und legte im selben Moment, in dem meine Stiefel das Deck berührten, die Hand auf die Reling. Die Angst kam zurück, zusammen mit der Wut und der Ohnmacht, die ich für den Abschied kurz zur Seite geschoben hatte.
Florence und Helena waren irgendwo hinter dem offenen Wasser. Vielleicht würden wir in zwei Tagen eine abgelegene Position erreichen, von der aus ich den Armreif benutzen konnte. Ich hoffte etwas früher, wenn Wind und Strömung mitspielten. Zwei Tage konnten vernünftig klingen, bis man wusste, dass die eigenen Kinder am anderen Ende davon warteten.
Haytham trat neben mich, ohne etwas zu sagen. Auf der Aquila gab Connor bereits Befehle, während am Kai Faith und Shay zurückblieben. Ich hob die Hand und winkte, als die Leinen losgemacht wurden und die Jackdaw langsam vom Anleger fortglitt. Faith erwiderte die Geste, bis die Gesichter am Hafen kleiner wurden und Boston hinter Masten, Nebel und grauem Morgenlicht zurückblieb.
Ich konzentrierte mich auf diese eine Bewegung und auf meinen Atem, bis ich nicht mehr unterscheiden konnte, wer am Kai stand. Neben uns nahm die Aquila Fahrt auf, vor uns lag das offene Wasser, und irgendwo dahinter waren meine Töchter.
In ungefähr zwei Tagen würden wir ihnen näher sein. Und diesmal würde ich nicht zu spät kommen.