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Boston / Atlantik - Zermürbende Stunden auf der Jackdaw

Die Fäden, Die Uns Halten! - Part Iii Der Schicksalhaften Zeitreisen — www.fanfiktion.de · All chapters

Boston / Atlantik - Zermürbende Stunden auf der Jackdaw

Willkommen ihr Lieben!

Die Jackdaw ist auf ihrem Weg und neben ihr segelt Connor mit seiner

Aquila in Richtung Katalonien! Die Stunden dehnen sich wie zähes

Kaugummi und Ablenkung ist nicht in Sicht.

In Alex´ Kajüte bekommt sie unerwarteten Besuch und eine Warnung!

Ich wünsche gute Unterhaltung beim Lesen und bleibt gesund!

Ein lieber Gruß

eure MrsHEKenway

Zitat Kapitel 46 - Boston / Atlantik

Kapitel 46

~~~ Zermürbende Stunden auf der Jackdaw ~~~

Atlantik – Dezember 1773

Den restlichen Tag lief ich über das Deck der Jackdaw, als könnte ich die Entfernung nach Katalonien mit jedem Schritt ein wenig verkürzen. Vom Achterdeck bis zum Hauptmast, zurück zur Reling, vorbei an Kisten, aufgerollten Tauen und Männern, die mir irgendwann nur noch mit einer Mischung aus Nachsicht und vorsichtiger Aufmerksamkeit auswichen. Niemand sagte etwas. Vermutlich wusste inzwischen jeder an Bord, dass es klüger war, mich laufen zu lassen.

Das Meer kümmerte sich nicht um meine Ungeduld. Die Jackdaw lag ruhig im Wind, die Aquila hielt sich an Steuerbord in unserer Nähe, und Stunde um Stunde glitt graublaues Wasser an uns vorbei.

Mehr als einmal wanderte meine Hand zu meinem Armreif. Ein kleines Portal. Nur für Haytham und mich. Ein Sprung, ein einziger Versuch, vielleicht schon jetzt näher an Florence und Helena heranzukommen.

Jedes Mal ließ ich die Hand wieder sinken.

Eugene war nicht dumm. Ich wusste nicht, was er über seinen Armreif wahrnehmen konnte, und ich würde ihm nicht aus Ungeduld verraten, aus welcher Richtung wir kamen. Außerdem hatten Haytham und ich diese Diskussion bereits geführt. Mit einem Ergebnis, das vernünftig war.

Vernünftig war nur leider ein ausgesprochen schlechter Ersatz für schnell.

„Mama, kannst du nicht einfach mal stehen bleiben?“

Ich blieb tatsächlich stehen und drehte mich um.

Edward stand hinter mir. Walka saß neben ihm und sah mich mit jenem Ausdruck an, der bei ihr irgendwo zwischen Geduld und der Frage lag, ob Menschen grundsätzlich ein wenig begriffsstutzig waren. Erst jetzt fiel mir auf, dass die beiden mir offenbar schon eine ganze Weile folgten.

Mein schlechtes Gewissen traf zuverlässig.

Ich setzte mich auf eine der kleineren Kisten und streckte die Hand nach meinem Sohn aus. „Komm her.“

Edward zögerte nur kurz, dann trat er zwischen meine Knie. Ich legte die Arme um ihn und spürte, wie angespannt sein Rücken war.

„Es tut mir leid“, sagte ich leise. „Ich habe dich den ganzen Vormittag angesehen und trotzdem nicht gefragt, wie es dir eigentlich geht.“

Seine Arme schlangen sich fester um mich. Als er antwortete, tat er es so leise, dass die Männer wenige Schritte weiter nichts hören konnten.

„Nicht gut.“

Mehr kam zunächst nicht. Dann drückte er das Gesicht an meine Schulter. „Aber ich will nicht, dass die anderen denken, ich wäre ein Schwächling, wenn ich weine.“

Mir zog sich das Herz zusammen. Das achtzehnte Jahrhundert verlangte Jungen früh genug ab, sich wie Männer zu benehmen. Haltung, Mut, Selbstbeherrschung – Dinge, die Edward lernen musste und die auch Haytham ihm beibrachte. Nur war mein Sohn zehn Jahre alt. Zehn. Manchmal vergaß die Welt um ihn herum nur allzu leicht, dass ein Junge in diesem Alter trotz Degen, Unterricht und großer Worte noch immer ein Kind war.

Und auch wir Kenways lebten nicht außerhalb unserer Zeit, nur weil wir manches innerhalb unserer Familie anders hielten.

Ich strich ihm über den Hinterkopf. „Dann bleib einen Moment einfach hier. Wir müssen niemandem beweisen, dass wir uns gerade gut fühlen.“

Edward nickte gegen meine Schulter.

„Und wenn du weinen musst, dann weinst du.“

„Aber nicht vor allen.“

„Dann eben nicht vor allen.“ Ich küsste sein Haar. „Wir können uns auch sehr diskret gegenseitig bemitleiden.“

Das brachte ihm tatsächlich ein leises Lachen ab. Nicht viel, aber genug, dass sich die Spannung in seinen Schultern etwas löste.

Als ich über ihn hinweg zur anderen Seite des Decks sah, bemerkte ich Haytham. Er stand bei Michael und hörte ihm offenbar nur noch mit halbem Ohr zu. Sein Blick lag auf Edward und mir.

Sofort spannte sich etwas in mir an.

Da war sie wieder, diese dumme Bereitschaft, in seinem Gesicht den Vater zu sehen, der seinen Sohn zu Stärke und Tapferkeit erziehen wollte und vielleicht im falschen Augenblick daran erinnerte, dass ein Kenway Haltung zu bewahren hatte. Dabei wusste ich es inzwischen besser. Haytham verlangte viel von Edward, ja. Aber er war nicht Reginald Birch, und Edward war nicht der kleine Junge, den man aus seiner Familie herausbrechen musste, um ihn zu formen.

Trotzdem bereitete ich mich innerlich auf eine Diskussion vor.

Walka stupste Edward mit der Schnauze an. Er löste sich von mir, wischte sich mit dem Ärmel über die Augen und sah sie an.

„Danke, Mama.“

„Immer.“

„Komm, Walka!“

Im nächsten Moment rannte er los. Walka schoss hinter ihm her, und zwei Matrosen wichen lachend aus, bevor beide in Richtung Vorschiff verschwanden.

Ich erhob mich und trat an die Reling. Die Aquila glitt neben uns durchs Wasser, schön und stolz, ihre Segel ruhig im Wind. Connor und Mr Faulkner hatten bei der Restauration ganze Arbeit geleistet. Selbst aus dieser Entfernung war zu sehen, wie sauber das Schiff auf Kurs lag.

„Mi sol.“

Haytham war an meine linke Seite getreten.

Sein Ton war nicht friedlich genug für meinen bereits überreizten Kopf.

Ich sah zu ihm und kam ihm zuvor. „Auch Edward braucht Trost. Nicht nur du oder ich. Es sind seine kleinen Schwestern, und als großer Bruder fühlt er sich für sie mit verantwortlich.“

Haytham blinzelte einmal.

„Das war nicht, was ich sagen wollte.“

Ich schloss den Mund.

„Aber danke für die Belehrung.“

Er lehnte sich neben mich an die Reling. Für einige Sekunden sagte keiner von uns etwas, und diesmal lag die Unbequemlichkeit eindeutig auf meiner Seite.

Großartig, Alex.

Ich hatte meinen Mann gerade für einen Vorwurf zurechtgewiesen, den er nicht einmal ausgesprochen hatte.

Haytham sah weiterhin zur Aquila. „Edward muss lernen, seine Fassung zu bewahren. Das weißt du.“

„Ja.“

„Aber das bedeutet nicht, dass er sie jede Minute besitzen muss.“ Sein Blick wanderte kurz über das Deck, dorthin, wo unser Sohn verschwunden war. „Und er hat keinen Grund, sich vor mir dafür zu schämen, dass er seine Schwestern vermisst.“

Damit hatte er mir den letzten Rest Wind aus den Segeln genommen.

Ich schob meine Hand unter seine und verschränkte unsere Finger. „Was wolltest du eigentlich sagen?“

„Dass Hargreaves den Kurs noch einmal berechnet. Der Wind hat gedreht und ist günstiger geworden.“

„Wie viel günstiger?“

„Das wollte ich dir mitteilen, bevor du beschlossen hast, meine Erziehungsmethoden zu analysieren.“

„Ich war emotional vorbereitet.“

„Das habe ich bemerkt.“

Sein Mundwinkel bewegte sich kaum sichtbar. Dann wurde er wieder ernst.

„Alex, ich muss dich trotzdem etwas fragen.“

„Das klingt nie gut.“

„Hast du schon einmal ein Portal geöffnet, das groß genug war, zwei Schiffe hindurchzubringen?“

Die Frage traf genau dort, wo meine Ungeduld ohnehin schon saß.

„Nein. Bisher war es auch nicht notwendig.“

Schärfer, als ich beabsichtigt hatte.

Haytham reagierte nicht darauf. Sein Blick glitt über die Jackdaw, dann zur Aquila. „Die Masten, die Segel, die Besatzungen. Connor hat noch nie ein Portal gesehen, geschweige denn eines mit seinem Schiff durchquert. Wenn etwas an der Öffnung anders ist als erwartet, muss er trotzdem entscheiden, bevor er Zeit hat, darüber nachzudenken.“

Ich wollte etwas Säuerliches erwidern. Dann sah ich sein Gesicht richtig.

Da war keine Arroganz.

Da war Angst.

Nicht die laute, panische Sorte. Haytham Kenway konnte selbst Angst noch aussehen lassen wie eine taktische Überlegung. Aber sie war da. Er fragte nicht, ob ich fähig genug war. Er wollte wissen, was mit uns allen geschah, wenn meine Fähigkeit diesmal nicht ausreichte.

Meine Stimme wurde ruhiger. „Ich weiß nicht, wie lange das Portal stabil bleibt, wenn es diese Größe hat. Deshalb dürfen die Schiffe nicht nacheinander mit großem Abstand hindurch. Sie müssen fast gleichzeitig an die Schwelle kommen.“

„Fast gleichzeitig?“

„Nicht Bug an Bug.“ Ich deutete zwischen den Schiffen hindurch. „Leicht versetzt. Dicht genug, dass Connor nur wenige Sekunden hinter uns ist. Sobald wir hineinfahren, muss er folgen. Er kann nicht warten, ob wir auf der anderen Seite wieder auftauchen.“

Haytham hob beide Hände an sein Gesicht und atmete langsam aus.

„Ich weiß, dass wir das schaffen“, sagte er nach einem Moment. „Und ich vertraue dir. Versteh mich bitte trotzdem richtig.“

Ich drückte seine Hand.

„Gemeinsam, mi amor.“

Als er mich ansah, war die Härte aus seinen Zügen verschwunden. „Gemeinsam.“

Ehe ich mich versah, zog er mich an sich. Nicht stürmisch, sondern fest genug, dass ich begriff, wie sehr auch er gerade etwas brauchte, das sich nicht bewegte, nicht verschwand und keine gefühlte Ewigkeit entfernt lag.

„Ich liebe dich, mi amor“, murmelte ich an seiner Brust.

Sein Kuss auf meine Stirn war erst sanft. Der zweite auf meinen Mund ebenso.

„Ich liebe dich, mi sol.“

Ein Räuspern erinnerte uns daran, dass wir uns auf einem voll besetzten Schiff befanden.

Mr Hargreaves stand wenige Schritte entfernt, die Kartenrolle unter einem Arm und einen Ausdruck im Gesicht, der sich sehr darum bemühte, nichts gesehen zu haben.

„Captain. Master Kenway. Ich störe wirklich nur ungern.“

„Natürlich nicht“, sagte ich und löste mich von Haytham.

Sein Blick verriet, dass er genau wusste, dass ich log.

Hargreaves breitete die Karte auf einer Kiste aus und beschwerte sie mit einem kleinen Messinggewicht. „Ich habe die angegebenen Koordinaten mit unserem Kurs abgeglichen. Wenn sich Wind und See so halten, erreichen wir die Position in ungefähr dreizehn Stunden.“

Dreizehn Stunden.

Ich sah auf das Wasser, als könnte ich dort irgendwo sechs oder sieben davon ertränken.

Haytham zog seine goldene Taschenuhr hervor. „Dann wären wir ungefähr gegen zwei Uhr in der Nacht dort.“

„So genau, wie man es auf See versprechen kann“, bestätigte Hargreaves.

Er machte keine Anstalten zu gehen.

Haytham bemerkte es ebenfalls. „Was beschäftigt Euch noch, Mr Hargreaves?“

Der erste Maat sah zum Großmast hinauf. „Dieses Portal. Wie genau muss ich mir die Öffnung vorstellen? Die Masten sind höher als jedes Tor, durch das ich bisher ein Schiff gesteuert habe. Und was die Segel angeht: Wenn ich zu viel reffe, verlieren wir Fahrt und Steuerwirkung. Wenn ich zu viel stehen lasse und die Aquila langsamer ist, laufen wir ihr davon.“

Das war die vernünftigste Frage, die mir zu diesem Thema bisher jemand gestellt hatte.

„Die Höhe sollte kein Problem sein“, erklärte ich. „Wenn ich die Öffnung forme, muss sie die gesamte Silhouette beider Schiffe aufnehmen. Der Übergang selbst fühlt sich nicht an wie ein Zusammenstoß. Eher wie eine sehr schlechte Straße unter einer Kutsche.“

Schotterpiste und Auto hätte ich ihm nur schwer erklären können.

Hargreaves verzog das Gesicht. „Eine Kutsche mit Masten.“

„Im Wesentlichen.“

„Beruhigend.“

„Nicht alle Segel reffen“, fuhr ich fort. „Wir brauchen genug Fahrt, damit beide Schiffe sauber auf Kurs bleiben. Aber ich möchte auch nicht, dass eines in die Öffnung schießt und das andere zurückbleibt.“

Hargreaves nickte bereits und dachte sichtbar in Leinen, Segelfläche und Abstand. „Dann nehme ich oben etwas Tuch weg, sobald wir näherkommen. Nicht zu früh. Wir halten die Jackdaw steuerfähig und bringen die Aquila leicht versetzt an Steuerbord. Wenn Captain Kenway dort dasselbe tut, erreichen beide Schiffe die Schwelle beinahe gleichzeitig.“

Ich sah zur Aquila. „Connor muss das von uns hören. Nicht nur, dass ein Portal kommt, sondern was er in dem Augenblick tun soll, in dem es vor ihm erscheint.“

„Das habe ich ihm selbstverständlich erklärt“, begann Haytham.

Hargreaves hob höflich eine Hand. „Mit Verlaub, Master Kenway – erklärt ist nicht dasselbe wie gesegelt.“

Für einen Augenblick war es vollkommen still.

Dann musste ich lachen.

Haytham sah Hargreaves an. „Ein bemerkenswert mutiger Einwand.“

„Ich hänge an beiden Schiffen, Sir.“

Hargreaves ließ die Aquila durch ein Signal näher an unsere Seite bringen. Sie kam nicht gefährlich dicht, aber nahe genug, dass die Stimmen mit einem Sprachrohr über das Wasser getragen werden konnten. Connor trat mit Mr Faulkner auf das Achterdeck. Schon seine Haltung sagte mir, dass Haytham ihm zwar das Grundsätzliche erklärt hatte, der praktische Teil aber noch fehlte.

„Was genau geschieht, wenn die Öffnung erscheint?“ rief Connor nach der ersten Erklärung zurück.

„Du hältst den Kurs“, antwortete ich. „Nicht ausweichen, nicht abbremsen und vor allem nicht warten, sobald die Jackdaw hineinfährt.“

Connor sah kurz zu Faulkner, der bereits mit einem seiner Männer über die Segel sprach. „Und wenn die Öffnung kleiner ist als erwartet?“

„Dann fahren wir beide nicht hinein.“

„Woran erkenne ich, dass du sie für stabil hältst?“

Das war die nächste Frage, an die ich bisher nicht gedacht hatte.

Hargreaves übernahm, bevor mein Gesicht zu deutlich verriet, wie sehr mir das gefiel. Gemeinsam mit Faulkner legte er einfache Signale fest. Solange die Laterne am Heck der Jackdaw allein brannte, hielt die Aquila Position. Zwei Laternen bedeuteten, dass beide Schiffe in die vereinbarte Formation gingen. Erst auf das Hornsignal hin sollte Connor den letzten Abstand schließen. Falls die Öffnung instabil wirkte, würde Hargreaves kein Signal geben und beide Schiffe blieben auf ihrem Kurs, bis ich es erneut versuchte.

„Und sobald das Horn kommt?“ fragte Connor.

„Dann vertraust du mir“, rief ich zurück.

Er sah mich über das Wasser hinweg an. „Das tue ich.“

Es war eine einfache Antwort. Gerade deshalb blieb sie einen Moment länger bei mir.

Haytham neben mir sagte nichts, doch als ich zu ihm sah, lag etwas Warmes in seinem Blick.

Hargreaves und Faulkner besprachen noch Geschwindigkeit, Segelfläche und den versetzten Abstand. Die Aquila sollte nicht exakt neben uns in die Schwelle gehen, sondern leicht achterlich bleiben. Nah genug, um innerhalb weniger Sekunden zu folgen; weit genug, dass eine unerwartete Bewegung die beiden Schiffe nicht ineinandertrieb.

Als die Aquila schließlich wieder auf ihre Position zurückging, wusste jeder, was er zu tun hatte. Das half.

Leider machte es die Zeit nicht schneller.

Die nächsten Stunden dehnten sich wie warmer Teer. Ich zwang mich, etwas zu essen, sprach mit Hargreaves über den Kurs, kontrollierte Dinge, die längst kontrolliert waren, und erwischte mich immer wieder dabei, zur Aquila hinüberzusehen. Connor hielt sein Schiff ruhig auf unserer Höhe. Einmal hob er die Hand, als er meinen Blick bemerkte. Ich erwiderte die Geste.

Später erwähnte Haytham, dass wir wenigstens hoffen konnten, auf der anderen Seite keine Stürme vorzufinden.

„Also Thor meint, es hat ihn niemand verärgert“, erklärte Edward, der zufällig in Hörweite stand.

Haytham sah zu ihm. „Das beruhigt mich außerordentlich.“

Edward grinste. „Sollte es auch.“

Das Abendessen kam, ging und hinterließ sechs weitere Stunden.

Sechs.

Ich betrachtete diese Zahl beinahe persönlich beleidigt.

An Schlaf dachte ich nicht einmal. Stattdessen zog ich mich kurz in meine Kajüte zurück, wusch Gesicht und Hände und wechselte in wärmere Kleidung. Die Nacht auf Deck würde kalt werden, und wenn ich schon vor Sorge fror, musste der Atlantik nicht auch noch nachhelfen.

◆ ◆ ◆

Ich hatte gerade den Verschluss meines warmen Oberteils geschlossen, als sich die Luft hinter mir veränderte. Der Geruch nach Holz, Salz und Lampenöl wich feuchter Erde, Äpfeln und jenem kaum greifbaren Hauch, den ich inzwischen mit meinem Vater verband.

„Solveig, mein Kind.“

Ich drehte mich um.

Odin stand neben dem Kartentisch und sah mich ernster an, als mir lieb war.

„Wenn du mir jetzt sagst, ich soll ruhig bleiben, werfe ich dich eigenhändig aus der Kajüte.“

Sein Mundwinkel zuckte. „Dann werde ich mir diesen ausgesprochen nutzlosen Rat sparen.“

Er trat näher. „Dieses Portal wird sich anders anfühlen als die meisten, die du bisher geöffnet hast. Nicht weil es eine andere Art von Schwelle wäre, sondern weil du diesmal nicht nur einen Ort suchst. Dein Knoten wird auf die Nähe deiner Kinder reagieren.“

Meine Hand legte sich unwillkürlich über den Armreif. „Frigg hat dir davon erzählt.“

„Frigg ist meine Frau.“

„Das beantwortet meine Frage nicht.“

„Es beantwortet sie vollständig genug.“

Ich verdrehte die Augen. „Natürlich.“

Sein Gesicht wurde wieder ernst. „Der Mutterknoten hat Hrymr in Rage gebracht. Er weiß nicht, wie viel du verstanden hast, aber er weiß, dass du seinen Zugriff gefunden hast. Wir werden im Hintergrund bleiben, wenn du die Schwelle öffnest. Je deutlicher wir uns zeigen, desto eher könnte er spüren, wer sich mit dir bewegt.“

„Du glaubst also, er wartet auf uns.“

„Ich glaube, er wartet auf dich.“

Das war nicht besser.

Odin nahm meine Hand und betrachtete mich einen Moment schweigend. Gerade diese Ruhe machte mich nervöser als jede Warnung.

„Muss ich noch etwas wissen?“ fragte ich.

„Ja.“

„Das klang eben noch sehr nach Nein.“

„Ich habe meine Meinung geändert.“

„Beeindruckend schnell.“

Er ignorierte den Kommentar. „Hrymr ist nicht allein. Du kennst Amber Donovan. Die anderen, die er um sich geschart hat, stammen aus einer anderen Mythologie als der, mit der du aufgewachsen bist.“

Ich hob eine Braue. „Ich bin im zwanzigsten Jahrhundert aufgewachsen, Vater. Ich habe durchaus Bücher gelesen.“

„Du hast griechische Mythologie studiert?“

„Nein.“

„Dann hör zu.“

Unverschämterweise hatte er damit einen Punkt.

„Die Frau, die Snotra und Sophia in deiner Gestalt gesehen haben, heißt Empusa.“

Allein der Name ließ meine Finger kalt werden.

„Empusa“, wiederholte ich. Irgendwo tief in meinem Gedächtnis regte sich etwas. Ein Name aus einem Buch, vielleicht aus einer Dokumentation, aus einem jener Texte, die man gelesen und wieder vergessen hatte, weil das eigene Leben damals noch keine griechischen Nachtwesen enthielt.

„Gestaltwandlerin?“

„Unter anderem. Die Geschichten nennen sie Dämon, Gespenst, Verführerin. Namen ändern sich mit den Jahrhunderten. Wichtig für dich ist etwas anderes: Sie kann Vertrautheit tragen. Gesicht, Stimme, Haltung – genug, um einen Menschen einen Augenblick länger zweifeln zu lassen, als ihm guttut.“

Mein Magen verkrampfte sich.

Empusa hatte mein Gesicht getragen. Meine Stimme. Sie hatte Florence mit min lille engel angesprochen und Helena mit min lille solstråle. Worte, die in unserem Haus Wärme bedeuteten, waren in ihrem Mund zu Werkzeugen geworden.

„Sie hat meine Kinder mit meiner eigenen Stimme aus der Herberge gelockt.“

„Sie hat es versucht“, korrigierte Odin ruhig. „Helena hat sie zurückgewiesen. Florence ebenfalls.“

Stolz und Schmerz trafen gleichzeitig. „Ich weiß.“

„Dann vergiss das nicht. Empusa kann eine Gestalt kopieren. Sie ist nicht du.“

Ich atmete langsam aus. „Wer noch?“

„Nyx.“

Den Namen kannte ich tatsächlich. „Die Nacht.“

„Eine sehr vereinfachte menschliche Beschreibung.“

„Entschuldige, dass mein Studium nicht mehrere Jahrtausende göttliche Familiengeschichte umfasste.“

Diesmal lächelte er kurz. „Nyx ist alt. Sehr alt. Sie arbeitet nicht wie Empusa. Erwarte bei ihr weniger das vertraute Gesicht als den Zweifel, den du selbst mitbringst. Dunkelheit ist nicht nur das Fehlen von Licht, Solveig. Sie macht Dinge größer, die man nicht sehen kann.“

Das war vage genug, um eindeutig von meinem Vater zu stammen, aber deutlich genug, dass ich verstand, worauf er hinauswollte. Nyx würde nicht zwingend mit Gewalt beginnen. Sie würde beobachten. Warten. Den Punkt suchen, an dem Angst und Unsicherheit bereits ihre Arbeit erledigt hatten.

„Also sollte ich ihr nicht jedes Wort glauben, das sie mir im Dunkeln zuflüstert.“

„Das wäre ein vernünftiger Anfang.“

„Typhon?“ fragte ich, bevor er den nächsten Namen nennen konnte. „Den kenne ich zumindest dem Namen nach. Irgendetwas mit Zeus, Monstern und einer sehr ungesunden Menge Zerstörung.“

„Die alten Geschichten sind schlechte Feldhandbücher.“

„Das merke ich.“

„Aber in diesem Punkt liegen sie nicht völlig falsch. Typhon ist Gewalt. Kraft. Er wird nicht versuchen, dich durch Feinheit zu beeindrucken.“

Florence.

Haytham hatte die Spur eines Mannes gesehen, der sie festgehalten hatte.

„Er hatte meine Tochter.“

Odin nickte.

Ich musste die Finger öffnen, weil ich sie so fest zur Faust geschlossen hatte, dass die Nägel in meine Handflächen schnitten.

„Dann wird er lernen, dass ich ebenfalls nicht nur aus Feinheit bestehe.“

Mein Vater ließ mir den Satz. Erst danach sagte er: „Geryon ist schwieriger. Die Menschen erzählen von mehreren Leibern, mehreren Gestalten, einem Wesen, das nicht so einfach zu lesen ist, wie ein einzelner Gegner. Wie viel davon wörtlich ist, hängt davon ab, welche Gestalt er gerade trägt.“

Ich starrte ihn an. „Das soll mir helfen?“

„Es soll verhindern, dass du annimmst, du hättest ihn verstanden, nur weil du ihn einmal gesehen hast.“

„Das ist immerhin konkreter.“

Vier Namen. Empusa. Nyx. Typhon. Geryon.

Nicht Götter im gleichen Sinn, nicht alle dasselbe, nicht einmal nach denselben Regeln zu beurteilen. Und irgendwo zwischen ihnen Eugene.

Dann sagte Odin den fünften Namen.

„Amber Donovan ist ebenfalls bei ihnen.“

Meine Faust traf den Kartentisch, bevor ich darüber nachdenken konnte. Die darauf liegende Messingdose sprang ein Stück zur Seite.

„Dieses Miststück.“

Odin hob eine Braue.

„Was? Du kennst sie nicht so wie ich.“

„Ich wollte nichts sagen.“

„Du hattest dieses Gesicht.“

„Welches Gesicht?“

„Das väterliche.“

„Ich bin dein Vater.“

„Leider kannst du es deshalb besonders gut.“

Der Ärger tat fast gut. Er war klarer als Angst.

Odin ließ meine Hand los und stellte sich etwas gerader hin. „Unterschätze keinen von ihnen. Nicht, weil jeder stärker wäre als du, sondern weil sie verschieden sind. Du kannst nicht Empusa begegnen, als wäre sie Typhon. Du kannst Nyx nicht mit denselben Mitteln antworten wie Amber. Und du darfst Hrymr nicht erlauben, dich so wütend zu machen, dass du vergisst, weshalb du dorthin gehst.“

„Florence und Helena.“

„Genau.“

Ich sah auf meine Hände.

Verschieden.

Das Wort blieb hängen.

Andarta hatte mir nie beigebracht, jede Gefahr mit derselben Kraft zu beantworten. Sie hatte mir beigebracht, zuzuhören – auf meinen Körper, auf Magie, auf das, was sich veränderte. Nicht kopieren. Nicht blind widerstehen. Anpassen.

Ich hob den Kopf. „Aber ich kann mich ihnen anpassen.“

Odin wurde still.

„Andarta hat es mir beigebracht. Nicht ihre Kräfte übernehmen. Aber mein Körper muss nicht auf jede dieser Mächte gleich reagieren. Wenn ich erkenne, womit ich es zu tun habe, kann ich Widerstand aufbauen. Ich bin ihnen nicht schutzlos ausgeliefert.“

Zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs wurde mein Vater sichtbar erleichtert.

„Nein“, sagte er. „Das bist du nicht.“

Meine Angst war nicht verschwunden. Sie hatte nur ihre Form verändert. Aus einem dunklen, formlosen Berg waren einzelne Gefahren geworden, Namen, Eigenheiten, Dinge, auf die ich reagieren konnte.

Das war nicht dasselbe wie Sicherheit.

Aber es war Handlung.

Odin legte beide Hände an meine Schultern. „Versprich mir trotzdem, dass ihr vorsichtig seid. Wir können nicht offen an deiner Seite stehen. Das weißt du.“

„Ich weiß.“

„Solveig.“

Ich sah ihn an.

„Ich verspreche es.“

Sein Blick blieb noch einen Moment auf mir, als würde er gern etwas hinzufügen und wüsste selbst, dass es nichts gab, was eine Mutter in meiner Lage noch hören wollte. Schließlich beugte er sich vor und küsste meine Stirn.

„Ich glaube an dich, mein Kind.“

„Das solltest du.“

„Da ist sie wieder.“

„Wer?“

„Meine Tochter.“

Der Duft nach Äpfeln wurde schwächer. Einen Herzschlag später war er fort.

Ich blieb allein in der Kajüte zurück und sah auf den Kartentisch, auf die leicht verrutschte Messingdose und meine Hand, die immer noch zur Hälfte zur Faust geschlossen war.

Empusa. Nyx. Typhon. Geryon. Amber.

Dann dachte ich an Florence und Helena.

Die Namen der anderen waren wichtig.

Ihre waren wichtiger.

◆ ◆ ◆

Als ich wieder an Deck kam, war es vollständig dunkel. Laternen warfen warme Kreise über das Holz, darüber standen Masten und Tauwerk als schwarze Linien gegen den Himmel. Die Aquila hielt weiterhin ihre Position an Steuerbord. Von Zeit zu Zeit sah ich dort Licht über das Achterdeck wandern.

Edward bewegte sich zwischen zwei Matrosen im unteren Bereich der Takelage. Einer erklärte ihm, wie eine Leine geführt wurde, der andere hielt ihn mit einem Blick im Auge, der keinen Zweifel daran ließ, dass mein Sohn heute ganz sicher nicht weiter hinaufklettern würde. Edward half, wo man ihn ließ, fragte dazwischen vermutlich hundert Dinge und war damit wenigstens beschäftigt.

Walka hatte sich einen anderen Platz gesucht. Sie lag vor Haytham auf dem Deck, während mein Mann auf der Stufe zum Achterdeck saß, in einen dicken Umhang gehüllt. Eine kleine Laterne stand neben ihm. Auf seinen Knien lag ein Buch.

Ich blieb kurz stehen.

Er las nicht.

Zumindest nicht wirklich. Als ich näherkam, erkannte ich, dass sein Daumen noch immer an derselben Stelle zwischen den Seiten lag wie vor einer ganzen Weile, als ich ihn das letzte Mal von der Kajütentür aus gesehen hatte.

Seine Art, das Deck nicht ebenfalls wund zu laufen.

Als er mich bemerkte, schloss er das Buch ohne jede Eile und lächelte. „Was hat so lange gedauert, mi sol?“

„Mein Vater.“

„Das erklärt vieles und nichts.“

„Vor allem erklärt es, warum ich jetzt eine Liste griechischer Wesen im Kopf habe, die ich wirklich nie für meinen praktischen Alltag vorgesehen hatte.“

Haytham hob den Rand seines Umhangs. Ich setzte mich auf die Stufe vor ihn, und er zog mich zwischen seine Beine zurück an seine Brust. Der Stoff schloss sich um uns beide. Walka musste dafür ein Stück zur Seite rücken, seufzte tief über die Rücksichtslosigkeit der Menschen und legte den Kopf wieder auf die Pfoten.

Ich erzählte Haytham alles. Nicht in Odins Reihenfolge, sondern in der, in der es mir wieder einfiel: Empusa und was sie mit meinem Gesicht tun konnte, Nyx, Typhon, Geryon und zuletzt Amber. Bei Empusa wurde Haythams Arm um meine Taille fester. Bei Typhon sah er automatisch zu Edward hinüber, als könnte er durch bloßes Hinsehen überprüfen, ob wenigstens dieses Kind noch dort war, wo es hingehörte.

Als ich geendet hatte, stieß er langsam den Atem aus.

„Das ist eine Herausforderung.“

Ich drehte den Kopf ein wenig. „Das ist eine erstaunlich höfliche Zusammenfassung.“

„Ich bemühe mich, vor unserem Sohn nicht die Begriffe zu benutzen, die mir tatsächlich einfallen.“

„Er ist außer Hörweite.“

„Mr Al Din Issa nicht.“

Ich suchte das Deck ab.

Natürlich stand Edwards Kammerdiener keine zehn Schritte entfernt.

Manchmal war dieser Mann tatsächlich ein Geist.

Haythams Blick kehrte zu Edward zurück. „Ich möchte ihn so weit wie möglich im Hintergrund halten, Alex. Er kann mit dem Schwert umgehen, und er hat in den letzten beiden Tagen mehr Mut bewiesen, als ich von einem Zehnjährigen verlangen möchte. Aber gegen solche Wesen …“

„Ich weiß.“

Er sah sofort zu mir, vermutlich weil er mit Widerspruch gerechnet hatte.

„Lass uns in kleinen Schritten denken“, sagte ich. „Und ja, ich weiß selbst, wie merkwürdig das aus meinem Mund klingt.“

Haythams Brauen gingen nach oben.

„Beim Öffnen des Portals muss Edward bei mir sein. Seine Vision ist im Moment die beste Verbindung, die wir zu Florence und Helena haben. Aber sobald wir auf der anderen Seite sind, planen wir neu. Wir wissen noch immer nicht genau, wo sie sich befinden, wie weit wir von ihnen entfernt herauskommen oder was uns dort erwartet. Es bringt nichts, jetzt schon zu entscheiden, an welcher Stelle Edward bei einem Kampf stehen soll, den wir noch nicht einmal sehen können.“

Haytham lehnte sich etwas zur Seite, um mein Gesicht betrachten zu können. In seinem lag echtes Erstaunen.

„Alex.“

„Was?“

„Kleine Schritte?“

„Ja.“

„Aus deinem Mund?“

„Genieß den Augenblick. Er könnte selten bleiben.“

Sein Lachen war leise, aber echt. Zum ersten Mal seit Stunden fühlte ich, wie sich auch in mir etwas löste.

„Ich bin immer wieder für Überraschungen gut“, sagte ich und legte ihm eine Hand an die Wange.

„Das ist eine ausgesprochen zurückhaltende Beschreibung.“

Ich küsste ihn, bevor er eine längere daraus machen konnte.

„Muss das wirklich hier vor allen Leuten sein?“

Wir lösten uns voneinander.

Edward stand vor uns und sah aus, als hätten wir gerade gegen eine sehr grundlegende Regel der Seefahrt verstoßen.

„Ja“, sagte ich. „Ab und zu muss das sein.“

„Bedauerlicherweise“, ergänzte Haytham trocken. „Und du solltest jetzt besser zu Bett gehen.“

„Aber ich bin gar nicht müde.“

„Das war keine Frage“, sagte eine ruhige Stimme hinter ihm.

Edward schloss für einen Augenblick die Augen.

Mr Al Din Issa stand da.

„Ihr müsst vor dem Portal wenigstens ein paar Stunden schlafen, junger Master Kenway“, erklärte er. „Eure Mutter wird Euch rechtzeitig wecken.“

Edward sah zu mir. „Versprochen?“

„Versprochen.“

Er nickte, beugte sich kurz zu Walka und strich ihr über den Kopf. „Gute Nacht, Vater. Gute Nacht, Mama. Vergesst mich nicht.“

„Das wäre schwierig“, sagte Haytham.

Edward grinste und folgte Mr Al Din Issa nach unten.

Walka sah ihm hinterher, entschied dann offenbar, dass einer von uns bei ihr bleiben musste, und legte sich wieder vor unsere Füße.

Ich rückte tiefer unter Haythams Umhang und sah über die Reling zur Aquila. Zwei Laternen bewegten sich dort am Achterdeck. Noch waren sie keine Signale für das Portal. Nur Licht auf einem Schiff, das mit uns durch die Nacht fuhr.

Hargreaves hatte von dreizehn Stunden gesprochen.

Nach dem Abendessen waren es sechs gewesen.

Jetzt waren es weniger.

Zum ersten Mal an diesem Tag machte mich die kleinere Zahl nicht sofort wahnsinnig.

Wir hatten einen Plan. Connor wusste, was er tun musste. Hargreaves und Faulkner hatten die Schiffe aufeinander abgestimmt. Edward würde ein paar Stunden schlafen. Haytham hielt mich fest, und irgendwo hinter der Dunkelheit warteten Florence und Helena.

Die Zeit blieb zermürbend.

Aber sie war nicht mehr leer.