Atlantik - Das Portal
Atlantik - Das Portal
Hallo ihr Lieben!
Es ist soweit! Die Jackdaw ist an ihrem Ziel angekommen und
Alex kann ein Portal öffnen! Zum ersten Mal muss es riesig sein
und es muss stabil sein!
Jemand versucht jedoch mit aller Kraft genau diese Stabilität
zu stören und Alex zu verwirren!
Ich wünsche gute Unterhaltung beim Lesen und bleibt gesund.
Ein lieber Gruß
eure MrsHEKenway
Zitat Kapitel 47 - Atlantik
Kapitel 47
~~~ Das Portal ~~~
Atlantik – Dezember 1773, gegen zwei Uhr nachts
Der Wind hatte in den letzten Stunden weiter nachgelassen. Hargreaves und Faulkner hatten die Segelfläche auf beiden Schiffen entsprechend angepasst, ohne Jackdaw und Aquila ihre Steuerfähigkeit zu nehmen. Seit wir die vereinbarte Formation eingenommen hatten, lag die Aquila leicht achterlich an Steuerbord – nah genug, um gemeinsam mit uns durch die Schwelle zu gehen, aber mit ausreichend Abstand, damit eine falsche Bewegung nicht zwei Schiffe ineinanderschob. Alles war vorbereitet, und gerade deshalb klang jedes Knarren der Taue und jedes Schlagen eines Segels in der Nacht viel zu laut.
Die Jackdaw lag schwer auf dem dunklen Wasser. Mondlicht glitt über die Planken und die ruhiger gewordenen Wellen, sprang hinüber zur Aquila und ließ ihre Silhouette für einen Moment beinahe friedlich wirken. Auf beiden Decks standen die Männer an ihren Stationen. Niemand musste ihnen erklären, dass dies keine gewöhnliche Nachtfahrt war. Am Heck brannte zunächst nur eine Laterne – das vereinbarte Zeichen dafür, die Position zu halten.
Ich stand etwas vor dem Achterdeck und hatte die Finger so fest um meinen Armreif geschlossen, dass sich die Kanten des Metalls in meine Haut drückten. Edward war bei mir; Mr Al Din Issa hielt sich einige Schritte hinter ihm und hatte meinen Sohn ebenso gut im Blick wie den Rest des Decks. Haytham stand links von mir, nah genug, dass ich seine Anwesenheit spürte, ohne nach ihm suchen zu müssen.
„Mi sol“, sagte er leise.
Mehr brauchte es nicht. In diesen zwei Silben lagen die Frage, ob ich bereit war, und die Erinnerung daran, dass ich hier nicht allein stand. Vielleicht auch die Bitte, nicht wieder zu versuchen, zehn Dinge gleichzeitig auf meinen Schultern zu tragen.
„Ich weiß“, antwortete ich.
Meine Stimme klang ruhiger, als ich mich fühlte. Vor uns lag nur der Atlantik, schwarz und kalt unter dem Dezemberhimmel. Keine Küste, keine Lichter, kein anderes Schiff außer der Aquila. Irgendwo in dieser Dunkelheit musste ich einen Weg finden, der nicht auf einer Karte verzeichnet war.
Solange ich nach der richtigen Verbindung suchte, durfte die Schwelle nicht fest vor unserem Bug stehen. In diesem unsteten Zustand blieb sie an mich und den Armreif gebunden und hielt ihren Abstand zur Jackdaw, während wir uns weiter über das Wasser bewegten. Erst wenn ich sicher war, dass der Weg stimmte, konnte ich sie zu uns heranziehen und an einer Stelle festsetzen. Dann würde sie nicht länger meiner Bewegung folgen. Dann mussten die Schiffe zu ihr.
Ich hob den Arm. Für einen Atemzug geschah nichts, dann begann der Armreif zu glühen.
Das vertraute grünliche Licht kroch durch die Linien des Metalls und schoss mir mit einer Kälte durch den Arm, die nichts mit dem Dezemberwind zu tun hatte. Ich presste die Lippen aufeinander und richtete meinen Blick auf die Dunkelheit vor dem Bug. Zwei Schiffslängen vor uns flackerte ein dünner türkisfarbener Schnitt über dem Wasser auf, so schmal wie eine Messerklinge. Für einen Moment hielt er sich, dann zitterte die Linie, bog sich in sich selbst und erlosch.
Ein Raunen ging über das Deck. Auf der Aquila rief jemand etwas, doch die Worte gingen im Knarren des Holzes unter. Einige Männer am Bug der Jackdaw hatten mitten in ihrer Bewegung innegehalten; einer hielt ein Tau so fest, dass seine Knöchel im Mondlicht hell hervortraten. Hargreaves' kurzer Befehl schnitt durch die Unruhe, und die Hände setzten sich wieder in Bewegung. Die Angst blieb, aber die Arbeit ging weiter.
„Noch einmal“, sagte Edward.
Es klang nicht wie eine Aufforderung. Eher wie die ruhige Feststellung, dass die Schwelle nicht verschwunden war, nur weil der erste Versuch misslungen war. Ich nickte und wandte meine Aufmerksamkeit wieder dem Armreif zu.
Beim zweiten Versuch suchte ich nicht zuerst nach Katalonien. Ich suchte nach Florence und Helena.
Der Mutterknoten lag tief in mir, nicht als Gegenstand und nicht als Wegweiser mit einer eindeutigen Richtung. Trotzdem spürte ich seine fünf Fäden. Yannick war da, fern und vertraut. Edward stand neben mir und war zugleich als warmer, lebendiger Zug im Geflecht vorhanden. Mein eigener Faden hielt die Verbindung zusammen. Und zwei Fäden traten deutlicher hervor als die anderen, weil sie die waren, nach denen ich suchte: Florence und Helena.
Ich folgte diesem Zug, so weit ich konnte, und der Armreif antwortete. Das Licht kehrte zurück, diesmal stärker. Der Riss öffnete sich handbreit, dann armlang. Dunkelgrün und Türkis liefen ineinander wie Wasser, das senkrecht in der Luft stand. Solange ich die Verbindung hielt, glitt die Schwelle mit der Jackdaw über den Atlantik und bewahrte ihren Abstand.
Für einen flüchtigen Augenblick sah ich dahinter einen Gang aus Stein, Kerzenlicht und Mauern. Mein Herz machte einen schmerzhaften Satz.
„Florence …“
Das Bild verzerrte sich. Aus dem kalten Kerzenlicht wurde warme Sonne, aus Stein helles Holz. Plötzlich roch es nach unserem Haus in Virginia. Grüne Vorhänge bewegten sich in einer Brise, die auf diesem Deck nicht existieren konnte, und durch das Fenster fiel der Sonnenuntergang über den James River.
Ich sah Helenas Wiege und Florences Bett. Darauf lag die Patchwork-Decke aus kleinen bestickten Quadraten mit Blumen und Kräutern, die ich unter hundert anderen erkannt hätte. Ihr Buch lag leicht geöffnet daneben, als hätte sie es gerade erst aus der Hand gelegt. Alles wirkte warm und heil – und war falsch.
Mein Magen zog sich zusammen. Für einen einzigen Herzschlag wollte ich trotzdem hinein. Ich wollte einfach wieder zu Hause sein, mit Helena in meiner Nähe und Florence auf ihrem Bett, mit Edward irgendwo auf dem Flur und Haytham hinter einer Tür, die niemand verriegelt hatte. Eine Welt, in der niemand meine Töchter aus einer Herberge getragen hatte.
Das Bild traf genau dort, wo es treffen sollte. Eugene kannte meine Angst gut genug, um ihr ein Zuhause zu geben.
„Das ist nicht der Weg“, sagte ich heiser.
Haytham rückte einen halben Schritt näher. „Was siehst du?“
„Unser Haus.“
Mehr musste ich nicht erklären. Seine Haltung veränderte sich sofort. Im selben Augenblick wurde der Armreif heiß und das Bild im Portal flackerte. Eine kleine Hand erschien auf Florences Bettdecke, dann eine zweite. Kinderfinger tasteten über den Stoff, als suchten sie nach mir.
„Mama …“
Mein Brustkorb wurde eng. Mein Körper wollte auf diese Stimme reagieren, lange bevor mein Verstand die Lüge benennen konnte. Genau darin lag ihre Kraft. Sie zog an meiner Angst und an meiner Schuld, an dem Teil von mir, der jede Regel gebrochen hätte, wenn Florence und Helena wirklich auf der anderen Seite gewartet hätten.
Edward machte einen Schritt nach vorn. Haythams Hand schloss sich sofort um seinen Oberarm.
„Nicht.“
Edward blieb stehen.
Ich schloss die Augen und suchte erneut nach den fünf Fäden. Yannick. Edward. Mein eigener Faden. Florence und Helena. Die beiden Jüngsten lagen nicht hinter diesem warmen Zimmer. Ihre Verbindung führte weiter, hinter das Bild, hinter die Lüge.
Als ich die Augen wieder öffnete, löste sich zwischen mir und der falschen Wärme etwas Helles aus dem Geflecht. Es nahm die Form einer schmalen, beinahe durchsichtigen Hand an, die sich schützend vor mir spreizte. Mein erster Gedanke war Frigg. Dann erkannte ich die Bewegung. Es war dieselbe, mit der ich meine Kinder hinter mich gezogen hätte. Frigg hatte mir gezeigt, wie man webte; diese Bewegung aber gehörte mir.
Der grüne Schein des Portals brach daran wie Licht an Glas. Das falsche Zimmer erzitterte. Die Wiege zog sich in die Länge, Florences Bett wurde schmaler, der James River zerfiel in schmutzige Farbstreifen. Die Wärme kippte in ein krankes Gelb, und dahinter bewegte sich etwas Dunkles.
Es beobachtete mich.
Ein tiefes Grollen lief durch das Wasser, als läge irgendwo unter uns etwas Gewaltiges und Unzufriedenes. Mehrere Matrosen wichen zurück; einer bekreuzigte sich hastig.
„Bei Gott …“
Hargreaves' Stimme schnitt über das Deck. „Auf Position bleiben! Hände an die Leinen! Niemand verlässt seinen Posten!“
Die Männer gehorchten. Auch auf der Aquila wurden Befehle gerufen. Connor stand auf dem Achterdeck, vom grünlichen Licht erfasst, und starrte einen Moment lang in die Schwelle. Dann richtete er sich auf und wandte sich an seine Mannschaft. Der Augenblick des Staunens war vorbei; der Kapitän übernahm wieder.
„Er will uns nicht durchlassen“, sagte Edward leise.
Ich sah ihn an. In seinem Gesicht lag weniger Angst als das Erstaunen darüber, dass Widerstand nicht immer eine Klinge oder ein Gewehr brauchte.
„Nein“, sagte ich. „Will er nicht.“
Das falsche Zimmer versuchte sich wieder zusammenzusetzen. Helenas Wiege flackerte auf, Florences Decke erschien für einen Atemzug. Doch nun konnte das Bild mir erzählen, was es wollte. Der Mutterknoten sagte etwas anderes.
Ich hob die freie Hand. „Du bekommst sie nicht.“
Das Grollen wurde lauter. Haytham sah mich an, und in seinem Gesicht lag diese kalte Ruhe, die bei ihm immer dann erschien, wenn Angst sich in Entscheidung verwandelte.
„Gemeinsam“, sagte er.
Ich nickte. Edward trat näher, ohne Trotz und ohne den Versuch, irgendwem etwas zu beweisen. Seine Aufmerksamkeit blieb auf der Schwelle, bis er plötzlich scharf die Luft einzog.
„Mama. Da ist es wieder.“
„Was?“
„Das, was ich schon gesehen habe. Hinter dem Zimmer.“ Er sprach schneller, aber seine Stimme blieb klar. „Wasser. Felsen. Etwas Hohes. Mauern. Die sind da. Weiter dahinter.“
Katalonien. Seine Vision.
Mein Herz schlug so hart, dass es schmerzte. Ich griff nach dem Bild, nach Edwards Worten und nach den Fäden, die mich mit meinen Kindern verbanden. Florence. Helena. Edward. Der Mutterknoten gab mir keine Karte, aber er gab mir etwas, das die falsche Wärme nicht besaß: eine Verbindung, die sich richtig anfühlte.
Das Zimmer vor uns riss auseinander wie morscher Stoff unter zu viel Spannung. Dahinter kam zuerst Dunkelheit zum Vorschein, dann Wasser und schließlich Stein. Gleichzeitig bäumte sich die See auf. Wellen schlugen gegen die Bordwände, Taue spannten sich, Holz ächzte, und beide Schiffe reagierten fast im selben Augenblick auf die Bewegung.
Befehle flogen über die Decks. Hargreaves und Faulkner hielten ihre Mannschaften zusammen, und die Männer arbeiteten weiter, obwohl manche von ihnen vermutlich lieber weit weg von diesem Licht gewesen wären. Ihre Hände kannten die Leinen auch dann, wenn ihr Verstand noch versuchte zu begreifen, was vor ihnen geschah.
Das Licht vor uns schwoll in Türkis und Dunkelgrün an, kalt wie große Tiefe. Der Riss wurde breiter und höher, bis die Schwelle groß genug war, um beide Schiffe aufzunehmen. Noch immer folgte sie der Jackdaw in gleichbleibendem Abstand, weil ich sie noch nicht gesetzt hatte. Dahinter standen nun Felsen, dunkles Wasser und Mauern, verzerrt, aber unverkennbar realer als das Haus in Virginia.
Aus der Tiefe kam ein zweites Grollen. Diesmal spürte ich darin keine Verlockung, sondern Wut – Eugenes Wut darüber, dass seine Lüge mich nicht bekommen hatte.
Meine Knie wurden weich. Haythams Hand lag im selben Moment an meinem Rücken, mit gerade genug Druck, dass ich mein Gewicht für einen Atemzug an ihn abgeben konnte. Er hielt mich nicht fest; er war einfach da.
„Es ist offen“, sagte Edward.
Das Staunen in seiner Stimme ließ ihn für einen Moment wieder ganz und gar zehn Jahre alt klingen. Ich sah zur Aquila. Connor stand noch immer am Achterdeck, das Portallicht auf dem Gesicht. Er wirkte nicht furchtlos, aber bereit. Das genügte.
Hargreaves wartete auf mich, Faulkner auf Hargreaves, Connor auf das Signal, das wir Stunden zuvor festgelegt hatten. Bevor ich es geben konnte, drückte sich eine Stimme durch den Riss – tief, verzerrt und fern, als käme sie durch Wasser und Stein.
„Sie sind vergangen.“
Mein Atem stockte. Das Licht am Rand der Schwelle flackerte.
„So wie die Zeit, in der du jetzt lebst. Und was tust du? Du änderst sie.“
Yannicks Gesicht erschien vor meinem inneren Auge. Nicht, weil Eugene es mir zeigte, sondern weil seine Worte eine Erinnerung aufrissen: mein altes Leben, meine verlorene Zeit, all das, was sich nicht zurückholen ließ. Für einen Augenblick bebte der Portalrand mit meinem Atem.
Ich kannte diese Art von Angriff. Also begann ich, die vertraute Barriere in meinem Kopf aufzurichten. Stein für Stein schloss ich den Raum, den Eugene zu erreichen versuchte, während ich den Armreif oben hielt und die Schwelle nicht aus meiner Wahrnehmung ließ.
Haytham hob leicht den Kopf. Unsere Blicke trafen sich, und ich wusste, dass er verstand. Er kannte diese Mauer; er konnte sie selbst errichten. Seine Nähe baute sie nicht für mich, aber sie erinnerte mich daran, dass ich nicht allein gegen diese Stimme stand.
Eugene drückte erneut. Die Mauer hielt. Der Zug am Armreif ließ ein wenig nach, als hätte ich ihm einen Teil des Zugriffs genommen. Hrymr war noch irgendwo hinter dieser Schwelle und würde uns den Weg nicht freiwillig schenken, aber er war nicht mehr in meinem Kopf.
„Kannst du es halten?“, fragte Haytham leise.
Meine Hand zitterte. Ich ballte sie kurz zur Faust, öffnete die Finger wieder und zwang meinen Atem in einen ruhigeren Rhythmus.
„Lange genug.“
Haytham nickte. Dafür brauchten wir kein blindes Vertrauen. Er kannte meine Grenzen ebenso wie meine Sturheit und wusste, wann ich ihm die Wahrheit sagte.
Edward sah zwischen uns hindurch auf die Schwelle. „Dann holen wir sie jetzt zurück?“
Ich folgte seinem Blick.
Zur Dunkelheit dahinter.
Zu den Felsen.
Zu dem Ort, an dem Florence und Helena warteten.
Meine Angst war noch da. Sie war weder kleiner noch schwächer geworden.
Aber sie hatte eine Richtung.
„Ja“, sagte ich.
Meine Stimme war diesmal fest.
„Jetzt holen wir sie zurück.“
◆ ◆ ◆
Die Schwelle stand noch immer in sicherer Entfernung vor uns und bewegte sich mit der Jackdaw, weil ich sie noch nicht gesetzt hatte. Jetzt jedoch kannte ich den Weg. Hinter dem Licht lagen Katalonien, die Felsen, die Mauern – und meine Töchter.
Langsam drehte ich das Handgelenk. Der Armreif wurde heiß, und die Schwelle reagierte. Sie wuchs nicht weiter, sondern glitt auf uns zu. Meter um Meter kam der senkrechte Wasserspiegel über das dunkle Meer näher, bis der Abstand stimmte.
Ich hielt die Verbindung fest. Für einen Atemzug stemmte sich etwas gegen mich, als wolle die Schwelle ihrer bisherigen Bewegung weiter folgen. Dann ging ein kurzes, hartes Ziehen durch den Armreif – und das Portal blieb stehen, während die Jackdaw weiterlief.
„Jetzt“, sagte ich.
Hargreaves hob sofort die Hand. Am Heck der Jackdaw wurde die zweite Laterne entzündet; auf der Aquila antwortete kurz darauf dasselbe Licht. Die vereinbarte Formation zog sich enger zusammen. Die Aquila kam leicht näher und blieb versetzt achterlich an Steuerbord. Faulkner ließ die Segel anpassen, Hargreaves antwortete, und auf beiden Decks setzten sich Männer in Bewegung, ohne dass die Ordnung zerfiel.
Connor stand am Steuer seines Schiffes und sah ein letztes Mal zu uns herüber. Ich hob die freie Hand als Zeichen, dass ich bereit war. Er erwiderte die Bewegung und wandte sich nach vorn.
Vor uns wartete die Schwelle. Diesmal kam sie uns nicht entgegen. Wir kamen ihr entgegen.
Der Abstand schrumpfte. Grünlich-türkises Licht kroch über die Wasseroberfläche, erreichte zuerst die Bugs und wanderte dann höher über Holz, Wanten und Segel. Ein Matrose neben der Großschot flüsterte ein Gebet; ein anderer murmelte etwas, das vermutlich keines war. Hargreaves hob das Horn, und sein Ton schnitt durch die Nacht.
Auf der Aquila wurden die Befehle weitergegeben. Connor hielt die Linie. Die Jackdaw nahm Fahrt auf, während die Schwelle dort blieb, wo ich sie gesetzt hatte.
Der Bug erreichte den senkrechten Wasserspiegel. Dann glitt der Rand des Portals über uns hinweg, als hätte sich der Atlantik selbst aufgerichtet und beschlossen, uns für einen einzigen Augenblick zu verschlucken.
Kälte traf mein Gesicht, tiefer als Wind. Die Planken unter meinen Füßen bebten, die Masten verschwanden über mir im grünen Licht. Für einen Herzschlag sah ich die Aquila neben uns wie durch mehrere Schichten Wasser: Connor am Achterdeck, Faulkner bei seinen Männern, Segel und Taue verzerrt, aber dort, wo sie sein sollten. Die Formation hielt.
Edward griff nach meinem Unterarm. Haythams Hand blieb an meinem Rücken, während ich den Armreif oben hielt. Hrymr drückte noch einmal gegen meine Mauer, doch ich hielt sie geschlossen und ließ ihn nicht näher.
Dann verschwand der Atlantik.
Zuerst änderte sich das Geräusch. Das Wasser klang näher an Fels, schwerer, von Mauern zurückgeworfen. Danach kam die Luft. Das Salz blieb, doch darunter lagen feuchte Erde, kalter Stein und der Geruch von Regen.
Das grüne Licht zog sich in langen Streifen von der Jackdaw zurück. Die Aquila erschien wieder klar neben uns, unbeschädigt und noch in ihrer Position. Connor sah zuerst zu unserem Schiff und dann zum Land. Ich folgte seinem Blick.
Felsen. Dunkles Wasser. Mauern.
Edwards Vision.
Mein Sohn zog hörbar die Luft ein. „Das ist es.“ Erst jetzt senkte ich den Arm. Der Armreif war heiß auf meiner Haut, meine Schulter schmerzte, und meine Beine fühlten sich an, als gehörten sie jemand anderem. Haytham fing mein Gewicht auf, bevor ich entscheiden musste, wie lange ich noch aus eigener Kraft stehen konnte.
Hinter uns schloss sich die Schwelle. Das letzte Türkis brach auf dem Wasser auseinander und verschwand. Für einige Herzschläge lag eine merkwürdige Stille über beiden Schiffen, als müssten Männer, Holz und Meer gleichzeitig begreifen, dass wir tatsächlich angekommen waren.
Dann hörte ich Hargreaves.
„Nun.“ Er sah zum Wasser, zu den Felsen und schließlich zu mir. „Das war die schlechteste Kutschenstraße, die ich je erlebt habe.“
Ein paar Männer lachten, mehr aus Erleichterung als wegen der Qualität des Witzes. Auch mir entkam ein erschöpftes Geräusch, das als Lachen durchgehen konnte, und neben mir bewegte sich Haythams Mundwinkel.
Edward sah nur nach vorn. „Mama.“
Ich folgte seinem Blick zu den Mauern und spürte im selben Moment den Zug des Mutterknotens. Zwei Fäden traten deutlicher hervor als die anderen: Florence und Helena. Diesmal lag kein falsches Zuhause zwischen uns. Nur noch der Weg zu ihnen.
Ich richtete mich auf.
„Da sind sie.“