Katalonien - Die Felsen von Katalonien!
Katalonien - Die Felsen von Katalonien!
Hallo ihr Lieben!
Wir sind in Katalonien angekommen und sehen oben auf den
Klippen Eugene siegessicher mit Florence und Helena stehen.
Was er aber nicht weiß ist, dass Alex NIE alleine irgendwo erscheint
und schon gar nicht unvorbereitet. Noch hat Eugene nicht verstanden,
was sich zwischen den Kindern und Alex verändert hat.
Ich wünsche gute Unterhaltung beim Lesen und bleibt gesund!
Ein lieber Gruß
eure MrsHEKewnay
Zitat Kapitel 48 - Katalonien
Kapitel 48
~~~ Die Felsen von Catalonien ~~~
Katalonien 1773 – Nacht
Das erleichterte Lachen nach Mr Hargreaves’ Bemerkung über die schlechteste Kutschenstraße seines Lebens hielt nicht lange an. Kaum hatte sich der letzte grüne Schimmer des Portals über den Planken verloren, erinnerte uns die Dunkelheit vor der Jackdaw daran, weshalb wir überhaupt hier waren.
„Fahrt rausnehmen. Lot aus.“ Hargreaves’ Stimme schnitt durch die Nacht. „Und keiner bewundert die Landschaft, bevor ich weiß, ob sie uns den Kiel aufschlitzt.“ Mehrere Männer antworteten gleichzeitig, Taue liefen durch Blöcke, Segel wurden kleiner genommen. Auf der Aquila geschah dasselbe mit einem kurzen Versatz, als müsste das zweite Schiff erst wieder begreifen, dass Wasser sich tatsächlich wie Wasser verhielt.
Die beiden Schiffe lagen in einer dunklen, felsigen Einbuchtung, deren genaue Form ich aus unserer Position kaum erkennen konnte. Links und rechts stiegen schwarze Wände aus dem Meer. Dazwischen schlug die Brandung weiß gegen Stein, verschwand in Spalten und tauchte an anderer Stelle wieder auf. Es gab keinen Hafen, keinen Kai und schon gar nichts, das nach einer freundlichen Einladung aussah. Nur Fels, Wasser und Nacht.
Hoch über uns zeichnete sich etwas gegen den Himmel ab. Mauern, vielleicht Teile eines größeren Anwesens, vielleicht eine Befestigung. In der Dunkelheit war das schwer zu unterscheiden. Ich sah nur kantige Linien auf einem breiten Felsrücken und darüber einen Himmel, der mir plötzlich viel zu weit weg vorkam.
Der Mutterknoten zog tief in mir. Nicht wie eine Hand, die mich irgendwohin zerrte, und nicht wie eine Karte. Eher wie ein Wissen, das sich nicht mehr wegdiskutieren ließ. Florence und Helena waren dort oben.
Edward stand dicht an meiner rechten Seite. Seine Finger lagen noch immer um meinen Unterarm. Seit dem Übergang hatte er mich kaum losgelassen, und ich wollte ihm gerade sagen, dass alles gut war, als mir einfiel, wie lächerlich dieser Satz gewesen wäre.
„Das ist es“, sagte er leise. „Die Felsen. Das Wasser. Alles. So war es in der Vision.“ Seine Stimme wurde fester, obwohl sein Gesicht blass blieb.
Haythams Hand lag noch immer an meinem Rücken. Nicht fest, nur dort. Ich konnte beinahe hören, wie sein Verstand arbeitete, Entfernungen maß, Höhen abschätzte und aus jeder dunklen Linie eine mögliche Gefahr machte. Sein Blick blieb dabei nicht lange an einem Punkt. Fels. Wasser. Mauer. Aquila. Jackdaw. Wieder Fels.
Auf dem anderen Schiff stand Connor am Steuer. Die Aquila hatte gerade eine Schwelle durchquert, die jeder vernünftigen Beschreibung von Seefahrt widersprach, und war nun in unbekanntem Wasser zwischen Felsen gelandet. Connor sah einmal zu uns herüber und dann wieder nach vorn. Er war angespannt, aber seine Hände blieben ruhig am Steuer.
Dann ging über uns ein Licht an.
Nicht nah und nicht hell genug, um viel zu zeigen. Nur eine Fackel, deren Flamme plötzlich aus der Dunkelheit sprang. Wenige Herzschläge später folgte eine zweite, dann eine dritte. Sie entzündeten sich nacheinander, als würde jemand eine Linie über den Fels ziehen.
„Wie freundlich“, murmelte ich.
Haythams Blick wurde schmaler. „Er hat gewartet.“
„Das überrascht mich jetzt wirklich.“
„Deine Fähigkeit zu Sarkasmus nach einem Portalübergang ist beeindruckend.“
„Ich habe viele Talente.“
Edward machte neben mir ein Geräusch, das unter anderen Umständen vielleicht ein Lachen geworden wäre. Diesmal nicht.
Mit jeder Fackel gewann die Höhe über uns ein wenig Kontur. Ich erkannte eine Mauer, einen vorspringenden Felsabsatz und dunkle Gestalten, die sich nicht bewegten, obwohl der Wind an ihren Mänteln zog. Noch konnte ich keine Gesichter erkennen. Dafür war die Entfernung zu groß und die Nacht zu tief. Aber ich brauchte nicht für alles ein Gesicht.
Etwas in mir spannte sich an. Nicht der Mutterknoten. Etwas Älteres. Instinkt vielleicht, wenn man Instinkt großzügig genug definierte. Die Walküre in mir erkannte Macht, bevor mein Verstand ihr Namen gab. Die Norne spürte Fäden, die nicht zu gewöhnlichen Menschen gehörten. Und dank meines Vaters hatte ich seit wenigen Stunden eine ausgesprochen unangenehme Liste im Kopf.
Der breite Schatten etwas seitlich hinter der mittleren Gestalt stand so schwer auf dem Fels, als wäre er selbst ein Teil davon. Typhon, dachte ich. Nicht weil ich sein Gesicht sah, sondern weil die Kraft, die von ihm ausging, fast körperlich zu spüren war.
Weiter hinten verschluckte die Dunkelheit eine Gestalt, obwohl das Fackellicht sie hätte streifen müssen. Dort war jemand, und gleichzeitig schien die Nacht selbst zu entscheiden, wie viel davon sichtbar wurde. Nyx. Der Name schob sich kalt durch meinen Kopf.
Bei einem dritten Schatten war ich mir noch weniger sicher. Sein Umriss wirkte einen Augenblick schmal, im nächsten breiter, als lägen mehrere Körper nicht ganz sauber übereinander. Geryon vielleicht. Odins Warnung, nicht zu glauben, man hätte dieses Wesen nach einem einzigen Blick verstanden, erschien mir plötzlich ausgesprochen vernünftig.
Dann trat die mittlere Gestalt einen halben Schritt vor.
Eugene Avdeyev. Hrymr. Der Mann, der meine Töchter genommen hatte.
Die Wut kam nicht als Feuer. Sie kam kalt und legte sich um mein Herz wie eine Klinge. Vielleicht war das gut so. Feuer hätte mich nach vorn getrieben. Diese Kälte hielt mich dort, wo ich stand.
Neben Eugene bewegte sich etwas Kleineres und mein Atem stockte.
Ich konnte Florence nicht so sehen, wie ich sie sehen wollte. Keine Augenfarbe, keine einzelnen Haarsträhnen, kein Gesicht, das ich lesen konnte. Nur ihre Gestalt im dunkelblauen Umhang, klein zwischen all den Erwachsenen. Trotzdem erkannte ich sie. Der Faden meldete sich im selben Augenblick so deutlich, dass meine Knie weich wurden.
„Florence“, sagte Edward.
Ich nickte nur.
Eine zweite Gestalt trat aus dem Schatten. Weiblich, schlanker. Auf dem Arm trug sie ein kleines Bündel, das im Fackellicht für einen Augenblick hell wurde.
Helena.
Ich machte einen Schritt, bevor mein Verstand überhaupt daran beteiligt war.
Haythams Hand schloss sich um meinen Arm. „Nicht.“
Nur dieses Wort. Keine Erklärung, keine Härte. Ich hörte den Vater darin, und deshalb blieb ich stehen.
Empusa hielt Helena nicht grob. Gerade das machte den Anblick schlimmer. Sie trug mein Baby so selbstverständlich, als wäre es nichts Besonderes. Als hätte sie nicht bereits mein Gesicht getragen, meine Stimme benutzt und sich mit meinen Worten in das Vertrauen meiner Kinder geschlichen. Jetzt hielt sie Helena beinahe vorsichtig und demonstrierte damit etwas, das ich ihr am liebsten aus den Händen gerissen hätte.
Ich griff nach der Reling. Das Holz biss in meine Handfläche.
Auf der Aquila hatte Connor die Gestalten ebenfalls entdeckt. Trotzdem blieb er am Steuer. Seine Mannschaft brauchte ihn dort, und noch waren wir an Bord unserer Schiffe in unbekannter Strömung zwischen Felsen. Sein anderer Moment würde kommen. Jetzt war er Captain.
Der Wind drehte leicht.
Eugenes Stimme kam über das Wasser. Die Felsen nahmen sie auf und trugen sie weiter, sodass sie klarer bei uns ankam, als mir lieb war.
„Schau an. Mistress Kenway.“
Ich hasste diese höfliche Ruhe. Sie war schlimmer als jedes Brüllen. Er klang, als hätte er einen Empfang vorbereitet und wir wären endlich pünktlich genug gewesen, um ihn nicht länger zu langweilen.
„Ich hatte mich gefragt, ob Ihr den Weg finden würdet.“
Ich atmete einmal tief durch. Nicht losstürmen. Nicht schreien. Nicht ihm geben, worauf er wartete.
„Du hast meine Töchter entführt“, rief ich zurück. „Du darfst davon ausgehen, dass ich mir Mühe gebe.“
Ein leises Lachen kam von oben. „Und Ihr habt Gesellschaft mitgebracht.“
Sein Kopf wandte sich zu Haytham, dann zu Edward und schließlich zur Aquila. Natürlich wusste er, dass ich nicht allein gekommen war. Die Frage war nicht, ob er es bemerkte. Die Frage war, ob er begriff, was es bedeutete.
Der Mutterknoten regte sich erneut. Florence und Helena traten darin hervor, lebendig, verbunden, nicht frei und nicht sicher, aber auch nicht in seinem Besitz. Im Gewebe flackerte für einen Augenblick die helle Form meiner eigenen Hand auf. Nicht über der wirklichen Klippe und nicht als körperlicher Schild. Sie legte sich auf die Verbindung, dorthin, wo etwas Fremdes nach den Fäden meiner Töchter griff.
Ich schloss innerlich die Finger. Der fremde Zugriff wich zurück.
Oben veränderte sich Eugenes Haltung. Nur wenig. Ein kaum sichtbares Zögern. Aber ich kannte ihn zu lange, um es zu übersehen.
„Du spürst es“, sagte ich.
Haytham wandte den Kopf zu mir, sagte jedoch nichts.
„Du kannst sie festhalten“, rief ich. „Du kannst ihnen Angst machen. Du kannst sie benutzen, um mich hierherzulocken. Aber du kannst sie nicht zu deinen machen.“
Die Worte blieben zwischen uns hängen. Ich musste nicht sehen, wie Florence darauf reagierte. Der Faden verriet mir genug. Er wurde fester. Nicht stärker, weil sie mir gehörte. Sondern weil sie wusste, dass ich da war.
Eugenes Antwort kam einen Moment später. „Ihr solltet vorsichtiger sein, Alexandra. Ihr versteht noch immer nicht, mit welcher Macht Ihr Euch anlegt.“
Da war sie. Die Wut unter seiner Höflichkeit.
Ich hob das Kinn. „Vorsicht ist nicht dasselbe wie Angst, Eugene.“
Sein Kopf neigte sich ein wenig.
„Und du verwechselst beides seit Jahren mit Gehorsam.“ Ich ließ eine kleine Pause. „Das erklärt einiges.“
Edward stieß neben mir leise Luft durch die Nase aus. Haythams Mundwinkel bewegte sich nicht, aber ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass der Satz angekommen war.
Ich wollte Eugene nicht besiegen. Noch nicht. Ich wollte, dass er redete. Dass er uns ansah. Dass er glaubte, diese Bühne gehöre weiterhin ihm, während wir herausfanden, wie man sie auseinandernehmen konnte.
Die Jackdaw bewegte sich kaum noch. Hargreaves ließ die Tiefe erneut ausrufen. Auf der Aquila wurden letzte Segelstellungen korrigiert. Zwei Schiffe lagen in der schwarzen Bucht und hielten sich voneinander frei. Über uns brannten Fackeln. Meine Töchter standen in der Dunkelheit zwischen Wesen, vor denen selbst Odin mich gewarnt hatte.
Ich hatte Angst. Sie saß in meiner Kehle und in meinen Händen. Sie erinnerte mich daran, wie klein Helena war und wie sehr Florence gerade wahrscheinlich so tat, als müsste sie keine Angst haben. Sie verschwand nicht, nur weil ich Eugene einen bissigen Satz entgegenschleuderte.
Aber sie entschied nicht mehr allein.
Ich sah hinauf zu dem Ort, an dem meine Kinder waren, und dann wieder zu Eugene.
Jetzt mussten wir herausfinden, wie wir zu ihm hinaufkamen.
„Ihr seid tatsächlich gekommen“, rief er schließlich.
„Wir hatten gerade nichts Besseres vor.“
Haytham sah mich von der Seite an. „Alex.“
„Was? Er wollte eine Unterhaltung.“
Eugene lachte leise. „Immer noch dieselbe Zunge.“
„Und du immer noch dasselbe Bedürfnis, dich selbst reden zu hören.“
Das brachte ihm kein Lachen mehr ab.
Neben mir spannte sich Edward an. Seine Aufmerksamkeit lag nicht nur auf Eugene. Er sah immer wieder über dessen Schulter, zu Florence, zu Empusa mit Helena und dann entlang der Felsen. Ich kannte diesen Blick inzwischen. Er suchte Muster.
Haytham bemerkte es ebenfalls. „Was siehst du?“ fragte er so leise, dass Eugene die Worte unmöglich hören konnte.
„Noch nichts.“ Edward blinzelte, als wäre das Eingeständnis eine persönliche Beleidigung. „Aber da stimmt etwas nicht.“
„Das grenzt die Auswahl bei Eugene erstaunlich wenig ein“, murmelte ich.
Oben hob Eugene eine Hand. Typhon trat näher an Florence heran. Nur einen Schritt, ohne Griff und ohne gezogene Waffe. Trotzdem hörte ich meinen eigenen Atem plötzlich zu laut.
„Florence!“ rief ich. „Sieh zu uns.“
Ihr Kopf hob sich. Mehr konnte ich aus der Entfernung kaum erkennen, doch der Mutterknoten antwortete im selben Moment. Sie hatte uns gefunden.
„Sehr gut, min lille engel. Bleib ruhig. Wir sind hier.“
Eugene schnalzte beinahe anerkennend mit der Zunge. „Wie rührend. Die Mutter beruhigt ihr Kind, während sie selbst kaum stillstehen kann.“
Haytham machte einen halben Schritt nach vorn. Diesmal legte ich meine Hand auf seinen Unterarm. Nicht um ihn zu bremsen. Eher weil ich spüren musste, dass wir beide noch auf demselben Deck standen und nicht längst dort oben waren.
„Du redest viel für jemanden, der Kinder zwischen sich und seine Gegner stellt“, rief ich.
„Ich verstecke mich nicht, Alexandra. Ich demonstriere.“
„Was? Schlechte Erziehung?“
Edward hustete verdächtig in seine Faust.
Haytham ignorierte uns beide. „Er will eine Reaktion.“
„Er bekommt eine.“
„Die richtige.“
„Das versuche ich gerade.“
Das Grollen unter den Felsen kehrte zurück. Es war tief genug, dass die Reling unter meinen Händen vibrierte. Einige Männer auf der Jackdaw sahen instinktiv nach unten. Hargreaves brauchte nur einen Blick, um sie wieder an ihre Arbeit zu erinnern.
Auf der Aquila stand Connor noch immer am Steuer. Faulkner war inzwischen dicht neben ihm, und beide sahen abwechselnd zu den Felsen und auf das Wasser. Connor hob einen Arm und deutete kurz nach links, dann nach rechts. Er kartierte die Küste aus der Distanz, genau wie Haytham.
Eugene breitete die Arme aus. „Ich will Euch, Alexandra. Allein. Ihr kommt an Land, und vielleicht dürfen Eure Töchter atmen, bis Ihr bei mir seid.“
Edward machte ein Geräusch, das eher ein Knurren als ein Wort war. Haythams Hand schloss sich sofort um seinen Oberarm.
„Nein.“
Nicht laut. Endgültig.
Alles in mir schrie, dass ich zustimmen sollte. Jeder Teil von mir, der Mutter war, wollte über die Reling, ins Wasser, über die Felsen und hinauf zu meinen Mädchen. Eugene wusste das. Genau deshalb verlangte er es.
Ich sah zu Helena. Mehr als ihr helles Bündel konnte ich nicht erkennen. Empusa hielt sie dichter an sich, als wollte sie die Bewegung unterstreichen.
Nicht nach seinen Regeln.
„Nein“, rief ich.
Oben wurde es still. Selbst aus dieser Entfernung sah ich, wie Eugene den Kopf ein wenig hob.
„Nein?“
„Ich komme nicht allein.“
„Dann überschätzt Ihr Eure Position.“
„Nein.“ Meine Hände zitterten, also legte ich sie flach auf die Reling. „Ich habe sie gerade erst verstanden.“
Die helle Form meiner Hand tauchte im Gewebe erneut auf und schob sich gegen Eugenes Zugriff. Sie löste nichts vollständig, hielt ihn aber davon ab, sich tiefer an den Fäden meiner Töchter festzusetzen.
Edward starrte hinauf. „Er kann sie nicht richtig halten.“
„Was meinst du?“
Er suchte nach Worten. „Es ist wie ein Netz. Aber es rutscht ab. Immer wieder.“
Haythams Blick wurde schärfer. „Dann ist sein Druckmittel weniger zuverlässig, als er behauptet.“
„Noch“, sagte ich.
„Genau.“
Eugene schien unser leises Gespräch nicht zu mögen. „Ihr habt Euch also wirklich an den Fäden versucht.“
„Nicht versucht.“
„Wie mutig.“
„Du meinst vermutlich töricht.“
„Beides.“
„Und doch stehst du da oben und verlangst immer noch, dass ich nach deinen Regeln zu dir komme.“
Wieder diese kleine Pause.
Haytham hörte sie ebenfalls. „Er braucht Zeit.“
„Wofür?“
„Um dich zu einer Entscheidung zu zwingen. Oder um herauszufinden, warum sein Zugriff nicht funktioniert.“
„Dann kann er gern beides erfolglos versuchen.“
Auf der Aquila hob Connor plötzlich den Arm. Seine Stimme trug nur bruchstückhaft herüber. „Linke Seite … Felsen!“
Haytham drehte den Kopf kaum merklich. Ich folgte der Richtung. Zuerst sah ich nur Schwarz. Dann bewegte sich etwas oberhalb der Wasserlinie. Ein schmaler Schatten. Vielleicht Männer, vielleicht Bogenschützen, vielleicht etwas, das nicht menschlich genug war, um sich um solche Begriffe zu kümmern.
„Der sichtbare Zugang wird gedeckt“, sagte Haytham.
„Welcher sichtbare Zugang?“
„Genau.“
Edward beugte sich ein Stück vor. „Rechts.“
Haytham und ich sahen ihn gleichzeitig an.
„Nicht oben.“ Edward deutete an der Felslinie entlang. „Unten. Da bewegt sich das Wasser anders.“
Ich brauchte mehrere Herzschläge, bis ich verstand, was er meinte. Zwischen zwei schwarzen Felszähnen lag eine Kerbe, die ich zunächst für einen tiefen Schatten gehalten hatte. Wenn eine Welle hineindrückte, verschwand ihr Weiß für einen Moment und kam seitlich wieder hervor.
Eine schmale Wasserpassage. Zu eng für die Jackdaw und viel zu eng für die Aquila. Aber nicht für Boote.
„Da kommt man näher an den Fels“, sagte Edward. „Nicht bis nach oben. Nur hinein. Vielleicht gibt es dort irgendwo Halt.“
Haytham sah lange genug hin, dass ich wusste, wie viele Möglichkeiten er bereits durchging.
Auf der Aquila hatte Connor dieselbe Stelle entdeckt. Er übergab das Steuer für einen Moment an Faulkner, trat zwei Schritte zur Seite und deutete einem seiner Männer die Kerbe. Dann nahm er das Steuer wieder zurück und sah zu uns.
Haytham hob nur zwei Finger. Connor antwortete mit einem kurzen Neigen des Kopfes.
Keine großen Gesten und keine Familienrede über mehrere Schiffslängen. Nur zwei Männer, die verstanden hatten, dass sie denselben Gedanken hatten.
Eugene bemerkte die Bewegung. „Plant Ihr schon Eure kleine Landung?“
„Nein“, rief ich zurück. „Wir diskutieren, ob deine Gastfreundschaft noch schlechter werden kann.“
„Ihr solltet mich ernst nehmen.“
„Das tue ich. Leider.“
Typhons Hand legte sich nun tatsächlich auf Florences Schulter. Mein Herz schlug einmal so hart, dass mir schwindelig wurde. Haythams Atem veränderte sich nur ein wenig.
„Nimm deine Hand von ihr“, sagte ich.
Typhon reagierte nicht. Eugene schon. „Ihr seid nicht in der Position, Forderungen zu stellen.“
„Doch. Denn wenn du wirklich sicher wärst, würdest du nicht reden. Du würdest nicht warten. Du würdest sie nicht vor uns aufstellen und hoffen, dass ich mich selbst ausliefere.“
Das Grollen wurde stärker. Eugene trat einen Schritt in Richtung Florence.
Im Gewebe spannte sich die helle Hand über ihren Faden. Nicht als Wand vor ihrem Körper, sondern als Grenze gegen seinen Zugriff.
Eugene blieb stehen.
Da war er wieder. Dieser winzige Riss in seiner Sicherheit.
„Du kannst nicht näher an sie heran“, sagte ich. Es war keine Frage.
Sein Lächeln kehrte zurück, aber es saß nicht mehr richtig. „Ich kann vieles, Alexandra.“
„Aber nicht alles.“
Florence drehte langsam den Kopf in seine Richtung. Sie sagte nichts. Sie musste nichts sagen. Ihr Trotz war selbst aus der Entfernung zu erkennen.
Haytham beugte sich zu mir. „Wir nehmen nicht den Weg, den er uns zeigen will.“
„Nein.“
„Boote.“
„Ja.“
Er sah zu Hargreaves. Der Erste Maat war bereits näher gekommen.
„Mr Hargreaves. Wir setzen mit kleinen Booten über. Die Jackdaw bleibt unter Ihrem Kommando. Kein Schuss ohne klares Ziel und keinen, solange die Mädchen im Wirkungsbereich stehen.“
Hargreaves nickte. „Verstanden, Sir.“
Edward sah sofort zu seinem Vater. Ich kannte diesen Blick. Wir würden gleich die nächste Schlacht führen, und zwar nicht gegen Eugene.
Oben breitete Hrymr die Arme aus. „Dann spielt, Mistress Kenway.“
Ich sah zu meinen Töchtern. Dann zu der dunklen Kerbe im Fels.
„Gern“, sagte ich. „Aber nicht dein Spiel.“