Katalonien - Die Rettung beginnt
Katalonien - Die Rettung beginnt
"Die Rettung beginnt"
Hallo ihr Lieben!
Alex und Haytham sind endlich an ihrem Ziel angekommen
und die Rettungsaktion kann beginnen.
Es wird nicht einfach, aber wann ist schon mal etwas einfach in
der Familie Kenway? Das wichtigste ist, dass Florence und Helene
endlich in Sicherheit kommen.
Der Rest? Das sehen wir ja dann!
Ich wünsche viel Vergnügen beim Lesen und bleibt gesund.
Liebe Grüße
eure MrsHEKenway
Zitat Kapitel 50 - Katalonien
Kapitel 50
~~~ Die Rettung beginnt! ~~~
Katalonien 1773 – Nacht
Die letzten Stufen waren breiter als die darunterliegenden, doch nicht weniger feucht. Ich setzte den Fuß auf die oberste, zog mich am rauen Stein hoch und stand endlich wieder auf einer Fläche, auf der zwei Stiefel nebeneinander Platz hatten, ohne dass einer davon bereits über dem Abgrund hing.
Vor uns öffnete sich eine breite Felsterrasse. Sie lag unmittelbar vor der äußeren Mauer und dem Tor, unregelmäßig aus dem Kliff herausgeschlagen, groß genug für mehrere Männer und doch an drei Seiten vom dunklen Fels begrenzt. Links zog sich der Rand hinter einem Vorsprung weiter und verschwand zwischen Gischt, Gestrüpp und der Mauer. Rechts fiel der Stein steiler zum Meer ab.
Eugene hatte uns genau hier erwartet.
Florence stand auf der anderen Seite der Terrasse. Empusa mit Helena etwas näher an der Mauer. Und hinter ihnen begann sich die Dunkelheit zu bewegen.
Die Schatten hinter Eugene lösten sich nicht wie Männer aus einer Deckung. Sie traten hervor, als hätten sie die ganze Zeit nur darauf gewartet, dass wir nah genug waren.
Typhon erkannte ich jetzt sicher. Er war größer, als ich ihn vom Schiff aus eingeschätzt hatte, und seine Schultern wirkten unter dem dunklen Stoff beinahe zu breit für einen menschlichen Körper. Geryon stand weiter hinten, doch selbst aus dieser Nähe war es schwer, ihn festzuhalten. Einmal sah ich einen Mann, dann zwei versetzte Konturen, dann wieder nur eine. Nyx musste nicht hervortreten. Die Dunkelheit zu Eugenes linker Seite war zu dicht, zu aufmerksam. Empusa stand mit Helena nahe der Mauer.
Und zwischen ihnen Florence.
Haythams Hand schloss sich um mein Handgelenk. Nicht weil er glaubte, ich würde zusammenbrechen. Weil er denselben Drang spürte, den ich kaum beherrschen konnte.
„Nicht jetzt“, sagte er.
Ich nickte.
Connor stand rechts von ihm. Sein Blick ging nicht zuerst zu Eugene. Er prüfte Abstände. Typhon zu Florence. Empusa zur Mauer. Nyx zum Tor. Eine schmale seitliche Kante links von uns, halb verborgen von Gischt und Gestrüpp.
Mein Templer sah dieselbe Kante. Ihre Blicke trafen sich.
Haythams Hand hob sich kaum sichtbar. Links.
Im nächsten Augenblick war er nicht mehr neben uns.
Eugene bemerkte es offenbar nicht sofort. Oder er tat so. „Wie rührend. Die ganze Familie ist gekommen.“
„Du wolltest doch ein Publikum.“
Sein Lächeln wurde schmaler. „Ich wollte Euch.“
„Dann sieh mich gefälligst an.“
Das tat er.
Haytham blieb einen halben Schritt hinter mir. Genau dort, wo er mit einem einzigen Schritt jede Richtung erreichen konnte.
„Ihr habt meine Einladung erstaunlich ernst genommen“, sagte Eugene.
„Du hast meine Töchter. Was dachtest du, würde ich tun? Fliehen? Sie vergessen?“
„Ja.“
Nur das eine Wort. Es traf härter als jede seiner kleinen Reden.
Ich zwang mich, nicht zu reagieren. „Dann weißt du auch, warum ich hier bin.“
„Natürlich. Aber Ihr versteht offenbar noch immer nicht, dass Ihr Euch in keiner Verhandlungsposition befindet.“
Florence atmete sichtbar ein. Sie stand nur wenige Schritte von uns entfernt und wirkte trotzdem unerreichbar.
Haytham senkte die Stimme. „Halte ihn bei dir.“
Ich wusste genau, was er meinte.
„Du hast recht“, sagte ich laut.
Haytham wurde neben mir sehr still. Eugene neigte den Kopf.
„Ach?“
„Ich bin in keiner Verhandlungsposition.“ Ich machte einen kleinen Schritt nach vorn. „Ich habe nichts mitgebracht, was dich wirklich interessiert. Keine Krone. Kein Bündnis. Kein Artefakt, das du nicht längst stehlen würdest, wenn du könntest.“
Eugenes Lächeln erstarrte. „Vorsicht.“
„Da ist das Wort wieder. Was passiert, wenn ich es nicht bin? Bedrohst du meine Kinder? Erledigt. Lockst du mich in eine Falle? Erledigt. Erklärst du dich für mächtiger als einen Menschen? Eugene, diese Rede kenne ich inzwischen.“
Das Grollen kam aus Typhon, aus dem Fels oder aus beidem.
Empusa drehte den Kopf leicht nach links.
Mein Herz setzte aus. Hatte sie Connor gesehen?
Eine Welle schlug unten gegen die Klippe. Gischt stieg hoch und zog als helle Wolke über den seitlichen Fels. Für einen Augenblick verschwand die linke Kante vollständig.
Haytham zog seine Klinge langsam aus der Scheide. Einer von Eugenes Männern reagierte zu früh.
Er kam von rechts, schnell und mit einer Wucht, die einen gewöhnlichen Menschen vermutlich aus den Stiefeln gehoben hätte. Haytham fing den Schlag nicht stumpf ab. Er wich aus der Linie, führte den Arm des Angreifers an sich vorbei und nutzte dessen eigenes Gewicht. Der Mann prallte seitlich gegen den Fels.
Ein zweiter kam sofort hinterher.
Damit war die Stille vorbei.
Typhon trat vor. Nicht auf mich. Auf Haytham.
Haytham sah ihn kommen und änderte nur die Stellung seiner Füße.
„Das wird unangenehm“, murmelte ich.
„Sehr wahrscheinlich.“
Typhons erster Schlag traf Haythams Klinge mit einem Klang, der mehr nach Hammer auf Amboss als nach Schwertkampf klang. Mein Mann wurde zwei Schritte zurückgedrängt. Nicht weil er falsch blockte. Weil Typhon schlicht zu viel Kraft in die Bewegung legte.
Eugene sah endlich zur Seite.
Mehr brauchte Connor nicht.
Links löste er sich aus der Gischt.
Florence hatte ihn gesehen. Ich wusste es an der Art, wie ihr Blick für einen Herzschlag an Eugene vorbeiging. Sie rief nicht und hob keine Hand.
Sie stolperte.
Nur einen kleinen Schritt. Genau glaubwürdig genug, dass der Mann neben ihr instinktiv zugriff.
Connor war da, bevor die Hand sie richtig erreichte. Eine kurze Bewegung aus dem Schatten. Seine Klinge blitzte, der Griff an Florence löste sich und Connor schob sich zwischen sie und den Angreifer.
„Runter.“
Florence gehorchte sofort. Mein Kind, das zu allem eine Frage hatte, duckte sich hinter den Felsvorsprung, ohne eine einzige zu stellen.
Eugene fuhr herum
Ich ging einen Schritt nach vorn und zwang seine Aufmerksamkeit zurück. „Ich dachte, du wolltest mich.“
Hinter ihm griff Typhon erneut an. Haytham wich seitlich aus, aber die Faust des Wesens traf den Fels dort, wo Sekunden zuvor seine Schulter gewesen war. Stein splitterte.
„Haytham!“
„Beschäftige deinen Gegner!“ rief er zurück.
„Das tue ich doch!“
Unten auf dem Wasser blitzte ein Licht auf. Der erste Kanonenschuss donnerte durch die Bucht.
Hargreaves hielt sich an Haythams Befehl. Die Kugel traf einen äußeren Mauervorsprung weit hinter Eugene, dort, wo sich kurz zuvor mehrere bewaffnete Männer durch einen Zugang nach vorn gedrängt hatten. Stein brach nach außen weg. Der Weg wurde nicht zerstört, aber schmal genug, dass die Verstärkung zurückwich.
Ein Signalhorn antwortete von der Jackdaw.
Edward. Er war bei Hargreaves, Augen auf den Felsen, Hände an den Signalen, genau wie befohlen.
Eugene blickte für einen Herzschlag nach unten.
Ich rannte in Richtung Empusa.
Sie lächelte, als sie mich kommen sah.
Helena begann nicht zu schreien. Im Gegenteil. Sie wurde vollkommen still.
Empusas Lächeln zuckte.
Dann roch die Luft plötzlich nach Äpfeln. Warm, süß und vollkommen fehl am Platz zwischen Salz, Rauch und Blut.
Helenas kleine Hand schob sich aus der Decke und legte sich gegen Empusas Finger. Meine Kleine spürte die Göttin, die sich gerade unsichtbar um sie und Florence bewegte.
Empusa sah hinunter.
Das reichte.
Connor warf von der Seite eine Klinge, die Typhon zwang, den Kopf wegzudrehen. Haytham nutzte den Herzschlag, löste sich aus dessen Reichweite und war bei Empusa. Seine Klinge lag im selben Augenblick an ihrer Kehle.
„Lass sie los.“
Ich hatte Haythams Stimme oft kalt gehört. So noch nie.
Empusa erstarrte. Nicht aus Angst vor der Klinge allein. Eher aus Überraschung darüber, dass der Mann, den sie vermutlich für berechenbar gehalten hatte, gerade nur ein Ziel kannte.
„Haytham“, sagte ich leise.
Warum, wusste ich selbst nicht. Vielleicht weil seine freie Hand an Helenas Decke zitterte. Nur ich sah es.
Er riss sie Empusa nicht weg. Er wartete, bis ihr Griff sich lockerte, schob seinen Arm sicher unter Helenas Körper und nahm unser Baby an sich.
Helena gab ein empörtes Geräusch von sich. Ein winziger, wütender Laut, als hätte sie beschlossen, dass jetzt wirklich genug war.
Mir schossen Tränen in die Augen. Keine Zeit.
Typhon kam zurück.
Haytham drehte sich mit Helena im Arm weg, und zum ersten Mal sah ich ihn wirklich gefährlich aus dem Gleichgewicht geraten. Nicht weil er nicht kämpfen konnte. Weil er mit einem Baby im Arm nicht kämpfen würde.
„Connor!“
Connor war bereits da. Florence hielt sich hinter ihm. Blut lief ihm über den linken Ärmel, aber sein Griff war sicher, als Haytham unsere Tochter in seinen freien Arm legte.
Vater und Sohn sahen sich einen Atemzug an.
Connor nahm Helena und Florence griff sofort nach der Decke ihrer Schwester.
„Hierher“, sagte Connor.
Er führte die Mädchen hinter eine breite Felsnase, wo der Stein eine natürliche Mulde bildete. Kein bequemes Versteck, aber genug Deckung gegen die direkte Sicht vom Tor. Connor stellte sich davor.
Der Wind strich um den Fels, statt hinein. Der Apfelduft blieb einen Moment länger.
Florence hob den Kopf und sah zu mir.
Sie lebte. Helena lebte. Sie waren nicht mehr in Eugenes Händen.
Etwas in meiner Brust löste sich, ohne dass die Angst völlig verschwand.
Eugene begriff es ebenfalls.
Seine ganze Haltung wurde still.
Unten donnerte ein zweiter Schuss. Wieder Hargreaves, wieder ein Ziel hinter dem Plateau. Ein weiterer Zugang wurde mit Steinschutt gefüllt. Nicht um das Anwesen einzureißen. Um Männer davon abzuhalten, uns von hinten zu überrennen.
Eugene sah nicht mehr zur Küste, nicht zu Empusa und nicht zu Typhon. Zu mir.
Seine Maske fiel.
„Du wagst es!“
Ich trat einen Schritt vor. „Nein. Du hast es gewagt.“
Der Armreif an meinem Handgelenk glühte auf.
Hinter mir traf Typhons Faust erneut auf Stein. Haytham wich aus. Connor stand vor den Mädchen. Nyx’ Dunkelheit begann sich zu bewegen. Geryons Umriss teilte sich an der Mauer. Amber trat rechts aus dem Rauch.
Der eigentliche Kampf hatte noch nicht einmal begonnen.
Aber Florence und Helena waren nicht länger Eugenes Schild.
Ich zog demonstrativ meine Klinge.
„Jetzt“, sagte ich leise, „reden wir über dich.“