Katalonien - Kampf mit Eugene!
Katalonien - Kampf mit Eugene!
Willkommen auf den Klippen von Katalonien!
Wir stehen Eugene kampfbereit gegenüber, gewappnet mit Wissen,
welches er nicht besitzt und mit Hilfe die er nicht sehen kann!
Eugene ist jedoch nicht allein und lässt seine Hunde auf uns los.
Kann ihn aber eine abtrünnige Walküre wirklich helfen oder ist das
erst der Auftakt für eine ganz eigene Geschichte?
Ich wünsche gute Unterhaltung beim Lesen und bleibt gesund!
Liebe Grüße
eure MrsHEKenway
Zitat - Kapitel 51 Katalonien
Kapitel 51
~~~ Kampf mit Eugene ~~~
Katalonien 1773 – Nacht
Für einen Augenblick verstand Eugene nicht, was geschehen war. Das war vielleicht das Schönste daran. Nicht sein Zorn und nicht der Hass, der ihm jede Spur höflicher Überlegenheit aus dem Gesicht riss, sondern dieser winzige Moment, in dem seine Rechnung nicht mehr aufging. Florence stand nicht mehr dort, wo er sie brauchte. Helena lag nicht mehr in Empusas Armen. Seine Hand war leer.
„Nein“, sagte er.
Das Wort galt nicht nur mir. Es galt offenbar der Welt, die es gewagt hatte, ihm zu widersprechen.
„Doch“, sagte ich. „Gewöhn dich daran.“
Hinter mir krachte etwas gegen Stein. Typhon hatte Haytham erreicht.
Diesmal gab es keinen eleganten Ausweg. Haytham fing den ersten Schlag mit der Klinge ab, aber die Wucht zwang ihn fast bis an die Felskante. Sein verletztes Knie gab sichtbar nach. Er fing sich, drehte die Klinge aus der direkten Drucklinie und stieß Typhons Arm seitlich weg.
Typhon lächelte. Es war kein menschliches Lächeln. Zu viel Freude an der eigenen Kraft, zu wenig Verständnis dafür, dass jemand ihn nicht einfach fürchtete.
„Du bist kleiner, als ich erwartet habe“, sagte Haytham trocken.
Typhon schlug erneut zu. Haytham sprang zur Seite. Die Faust traf den Fels und riss ein Stück aus der Kante.
„Aber leider nicht schwächer.“
Ich hätte gelacht, wenn Eugene nicht im selben Moment auf mich zugekommen wäre. Seine Klinge traf meine mit solcher Wucht, dass der Stoß bis in meine Schulter fuhr. Er war stärker als ich. Nicht Typhon-stark, aber genug, dass ein stumpfes Kräftemessen ausgesprochen kurz geworden wäre.
Also machte ich keines daraus.
Andarta hatte mich nie gelehrt, stärker zu sein als jeder Gegner. Sie hatte mich gelehrt, zu beobachten, mich anzupassen und den Rhythmus eines anderen gegen ihn zu benutzen.
Eugene schlug von rechts. Ich gab nach, statt zu blocken, ließ ihn einen halben Schritt zu weit kommen und traf ihn mit dem Ellenbogen an der Seite.
Er knurrte.
„Du hast meine Töchter angefasst.“
„Ich habe ihnen nichts getan.“
„Du hast sie entführt.“
Ich schlug erneut zu. Diesmal traf der Knauf meiner Klinge seine Lippe. Blut erschien.
Eugene fuhr mit der Zunge darüber. „Und Ihr seid gekommen.“
„Ja.“ Ich trat näher. „Aber nicht allein. Das ist der Teil, den du nie verstehst.“
Die Fackeln begannen zu flackern und ich sah wie Nyx die Hand hob.
Dunkelheit fiel nicht einfach über das Plateau. Sie zog sich hinein. Das war schlimmer. Der Fackelschein blieb sichtbar, wirkte aber plötzlich weiter weg, und Geräusche verloren ihre Richtung. Haythams Klinge klang links, dann rechts. Connor sagte etwas zu Florence, doch seine Stimme kam scheinbar aus der Mauer hinter mir.
Eine kalte Schwere legte sich auf meine Schultern.
„Lauf“, flüsterte jemand.
Nicht Nyx. Nicht Eugene. Meine eigene Stimme.
Dann hörte ich Helena weinen. Links. Nein, rechts.
Die Felsmulde war verschwunden. Stattdessen sah ich einen dunklen Gang und eine Tür am Ende. Dahinter weinte mein Baby. Mein Fuß bewegte sich bereits, bevor ich begriff, was ich tat.
Stein.
Die vertraute Mauer in meinem Kopf.
Ich setzte einen Stein auf den nächsten. Nicht gegen den Anblick, sondern gegen den Zugriff dahinter. Nyx durfte mir Bilder geben. Sie durfte mir nicht sagen, was sie bedeuteten.
„Nicht echt“, sagte ich.
Eugene schlug zu. Ich hörte die Klinge diesmal rechtzeitig und duckte mich.
„Was ist nicht echt?“ fragte er.
„Deine Chancen.“
Ich trat ihm gegen das Knie. Die Dunkelheit zuckte, und für einen Herzschlag sah ich wieder den wirklichen Fels.
Haytham hatte inzwischen aufgehört, Typhon überhaupt direkt blocken zu wollen. Er führte ihn. Jeder Schritt des großen Wesens brachte es näher an eine enge Stelle zwischen zwei Mauervorsprüngen, bis Typhon zu spät merkte, dass seine eigene Kraft ihm dort kaum Platz ließ.
Haytham wich zurück und ließ dessen nächsten Angriff durchlaufen. Typhons Gewicht traf die schmale Stelle. Der Untergrund brach nicht vollständig weg, aber genug, dass eines seiner Beine bis zum Knie zwischen zwei Platten rutschte.
Haytham setzte ihm die Klinge an den Hals. Typhon packte die Klinge mit bloßer Hand. Blut lief über seine Finger, und trotzdem lächelte er.
„Unangenehm“, sagte Haytham.
Dann zog Typhon ihn mit einer einzigen Bewegung nach vorn. Haytham verlor das Gleichgewicht.
Ein Windstoß kam quer über die Klippe. Nur einer. Er traf Haytham an der Schulter und gab ihm gerade genug Richtung, dass er nicht in Typhons Griff, sondern seitlich auf den Fels fiel. Seine Klinge blieb in der Hand.
Tyr, dachte ich.
Nicht mehr. Haytham musste den Rest selbst tun.
Rechts von mir schrie jemand.
Geryon. Oder einer von ihm.
Zum ersten Mal verstand ich, was Odin gemeint hatte. Es waren nicht drei vollkommen getrennte Männer. Es war ein Wesen, das sich in drei versetzten Körpern bewegte. Einer stürmte auf die beiden Matrosen zu, die mit uns heraufgekommen waren. Ein zweiter tauchte näher bei Connor auf. Der dritte blieb an der Mauer und hob einen Speer.
Wenn man einen ansah, bewegten sich die anderen im Augenwinkel.
„Connor!“
Er hatte es längst gesehen.
Er stand vor der Felsmulde, Helena in Florences Armen hinter sich. Offenbar hatte er ihr das Baby gegeben, um beide Hände frei zu haben. Florence saß tief im Schutz des Steins, hielt ihre Schwester fest und machte sich so klein, wie ein siebenjähriges Kind sich in einem Kampf nur machen konnte.
Der Geryon vor Connor schlug zu. Connor wich zur Seite, zog ihn weg von der Mulde und traf ihn mit der Klinge an der Schulter. Zur selben Zeit schleuderte die Gestalt an der Mauer den Speer.
„Runter!“
Connor warf sich auf ein Knie. Der Speer strich über ihn hinweg und schlug in den Fels. Alle drei Gestalten zuckten gleichzeitig.
Nicht drei Gegner. Drei Körper, ein Schmerz.
„Connor! Dieselbe Wunde!“
Er verstand sofort. Der nächste Schnitt galt nicht einfach dem Körper vor ihm. Connor traf genau die Stelle, an der der Speerwerfer zuvor die Schulter verzogen hatte. Alle drei Geryons taumelten.
„Das ist ausgesprochen unfair“, murmelte ich.
Eugene nutzte meine Ablenkung. Seine Hand schloss sich um mein Handgelenk, und Schmerz schoss durch den Arm genau dort, wo der goldene Reif lag.
„Du glaubst, du verstehst sie?“ zischte er. „Du verstehst gar nichts.“
„Das höre ich heute erstaunlich oft.“
Sein eigener Armreif wurde unter dem Ärmel warm. Ich spürte ihn, bevor ich ihn sah. Dunkel, krank und falsch vertraut.
Der fünfte Reif.
Ein Ruck ging durch meinen Arm. Nicht körperlich. Etwas griff nach dem Mutterknoten. Florence schreckte hinter Connor auf, Helena begann zu weinen, und Eugene lächelte.
„Da seid Ihr ja.“
Wut schoss durch mich, aber diesmal war sie kein Befehl. Ich stellte mir die Fäden nicht als Seile vor, an denen ich ziehen durfte, sondern als Verbindung, die keinen Besitzer brauchte. Die helle Hand erschien im Gewebe und legte sich gegen Eugenes Zugriff.
Er drückte weiter. Der Schmerz in meinem Arm wurde schlimmer.
„Du kannst sie nicht haben“, sagte ich.
„Ich brauche sie nicht.“
„Lügner.“
Ich rammte ihm das Knie in den Bauch. Sein Griff lockerte sich, und ich riss meinen Arm frei.
Links krachte Typhon gegen eine Mauer. Haytham hatte den engen Raum endgültig zu seinem Vorteil gemacht. Typhon konnte dort seine Kraft nicht voll ausspielen; jeder breite Schlag traf Stein. Haytham blieb dicht an ihm und setzte kurze, präzise Stiche in Schulter, Seite und Oberschenkel. Keine davon würde ein solches Wesen sofort töten, aber sie zwangen es, sich zu bewegen.
Weg von uns. Weg von den Kindern.
Nyx’ Dunkelheit wurde dichter.
„Alexandra“, flüsterte sie jetzt mit Haythams Stimme.
Ich drehte mich nicht um.
„Mi sol. Hilf mir.“
Verdammt. Es klang perfekt.
Mein Herz setzte einen Schlag aus, aber die mentale Mauer hielt. Haytham würde in einem Kampf niemals so rufen. Nicht so, nicht wenn er wusste, dass ich Eugene gegenüberstand.
„Du kennst ihn schlecht“, sagte ich in die Dunkelheit.
Nyx lachte. Der Klang kam von überall.
Dann wechselte die Stimme.
„Mama?“
Florence.
„Mama, bitte.“
Mein Körper wollte sich drehen. Ich zwang ihn stehen zu bleiben.
„Zu viel Gefühl“, sagte ich. „Florence würde versuchen, tapfer zu klingen.“
Hinter mir hörte ich tatsächlich ein empörtes „Mama!“ aus der Felsmulde. Diesmal echt.
Trotz allem musste ich lachen, und irgendwo in Nyx’ Dunkelheit riss etwas auf. Das Lachen hatte ihr nicht gefallen.
Eine Frau trat aus dem Rauch auf Haytham zu.
Amber.
Sie war nicht wie die anderen. Auf den ersten Blick war sie nur Amber Donovan: dieselbe Frau, die Haytham seit Jahren mit einer Beharrlichkeit verfolgte, die längst jedes vernünftige Maß verloren hatte.
Aber ich wusste seit Boston, dass dieser erste Blick eine Lüge war.
„Haytham!“ rief sie.
Er hörte sie und ignorierte sie.
Amber blieb stehen, als hätte er sie geschlagen. Dann sah sie zu mir.
Oh, hervorragend.
„Das alles wegen ihr“, sagte sie.
„Nicht jetzt, Amber“, erwiderte Haytham, ohne den Blick von Typhon zu nehmen.
Das war vermutlich die denkbar schlechteste Antwort. Amber hob ihre Pistole. Nicht auf Haytham. Auf mich.
Eugene bemerkte es und lächelte wieder. Ich sah die Bewegung zu spät, weil er mich im selben Augenblick angriff.
Ein Schuss fiel. Der Stein neben meinem Fuß splitterte.
Amber fluchte. Sie hatte nicht daneben geschossen. Der Wind hatte den Lauf im letzten Augenblick um kaum mehr als einen Fingerbreit verschoben.
„Das warst nicht du“, sagte ich zu Eugene.
„Leider nicht.“
Amber griff nach der zweiten Pistole, hielt aber mitten in der Bewegung inne.
Einer von Eugenes Männern war wenige Schritte von ihr entfernt unter einem Säbelhieb zusammengebrochen. Ich hatte nicht gesehen, wer ihn getroffen hatte. Jetzt lag er reglos zwischen zwei Fackeln, das Gesicht halb im nassen Stein.
Etwas veränderte sich in Amber.
Nicht ihre Kleidung. Nicht wirklich ihr Körper. Trotzdem schob sich für einen Atemzug eine andere Gestalt durch die Frau, die ich kannte: der Umriss einer gerüsteten Kriegerin, alt und kalt, und hinter ihren Schultern Schatten, die an zusammengefaltete Flügel erinnerten.
Sváfa.
Der Name kam nicht als Gedanke. Ich erkannte ihn mit demselben Teil von mir, der den Augenblick spürte, in dem eine Seele begann, sich vom Körper zu lösen.
Und genau darauf hatte Amber gewartet.
Sie wandte Haytham, Eugene und sogar mir den Rücken zu und streckte die freie Hand nach dem Gefallenen aus. Über dem Toten flimmerte die Luft. Kein Geist erhob sich vollständig aus ihm, nichts so Einfaches. Es war eher ein Zug, ein kaum sichtbarer heller Rest, der sich in ihre Richtung spannte.
In meinem Kopf hörte ich plötzlich wieder das Rascheln von Seiten.
Boston.
Das schwarze Leder.
Das Buch der Rekruten.
Damals hatten Namen sich selbst geschrieben, waren abgehakt oder durchgestrichen worden. Jetzt verstand ich zum ersten Mal, wie sich einer dieser Haken anfühlte.
Sváfa sammelte nicht nach dem Kampf.
Sie begann schon mitten darin.
„Noch einer“, sagte Amber leise.
Es lag keinerlei Trauer in ihrer Stimme. Nur Befriedigung.
Mein Magen drehte sich um.
Hinter Connor keuchte Florence auf.
Nicht wegen Amber. Wegen des Toten.
Sie sah dorthin, wo ich diesen hellen Zug spürte, und stand auf, bevor Connor sie erreichen konnte. Helena lag noch immer in ihren Armen.
„Florence, nein!“
Mein Kind machte nur einen Schritt aus der Mulde. Ihr Gesicht war kalkweiß, doch ihr Blick hing nicht an der Pistole in Ambers Hand. Er hing an dem, was zwischen dem Gefallenen und Sváfa geschah.
„Sie zieht ihn weg“, flüsterte Florence.
Amber sah zu ihr.
Und lächelte.
Dieses Lächeln war schlimmer als die Pistole.
„Du kannst sie also wirklich hören“, sagte sie.
Da begriff ich, was sie tat. Sie rekrutierte nicht nur einen Toten. Sie zeigte Florence absichtlich, dass sie es konnte. Sie zog an einer Seele, weil sie wusste, dass ein Kind mit Brünhilds Bindung diesen Zug nicht ignorieren würde.
Sie benutzte selbst die Toten noch als Köder.
Connor war bei Florence, bevor ich ihren Namen noch einmal rufen konnte. Er schob sich zwischen sie und Amber, eine Hand an Florences Schulter, die andere an seiner Klinge.
„Zurück.“
Florence gehorchte nicht sofort. Ihr Blick blieb auf dem Gefallenen.
Dann wurde das Fackellicht hinter ihr warm.
Kein flammendes Heer erschien. Keine göttliche Armee stürmte über die Klippe. Nur ein goldener Schein legte sich um Florences schmale Gestalt, und darin zeichnete sich eine Frau ab. Gesenkte Klinge. Schwerer Blick. Eine Ruhe, die weder freundlich noch grausam war.
Brünhild.
Amber erstarrte.
Ihre menschliche Miene fiel für einen Augenblick von ihr ab. Die zweite Gestalt hinter ihr wurde deutlicher, die Schattenflügel öffneten sich um kaum mehr als eine Handbreit.
„Brünhild.“
Die goldene Gestalt hob den Kopf.
„Sváfa.“
Es war nur ein Name. Trotzdem schien selbst Nyx’ Dunkelheit für einen Atemzug stillzustehen.
Amber hob das Kinn. „Du bist weit von deinen Hallen entfernt.“
Brünhilds Antwort war ruhig. „Und du weit von deiner Aufgabe.“
Der helle Zug zwischen dem Toten und Amber spannte sich stärker.
„Meine Aufgabe?“ Amber lachte kurz. „Ich finde Gefallene. Ich wähle, wer noch Verwendung findet.“
Brünhilds Klinge hob sich ein wenig.
„Du führst keine Gefallenen mehr. Du lieferst sie aus.“
Amber verzog das Gesicht.
„An einen König, der sie braucht.“
„An Hrymr.“
„An den, der gewinnen wird.“
Die Spitze von Brünhilds Klinge berührte nichts Sichtbares. Trotzdem riss der helle Zug entzwei. Nicht mit Gewalt, sondern so sauber wie ein Faden, der an der richtigen Stelle gelöst wurde.
Die Spannung über dem Gefallenen verschwand.
Amber stieß einen Laut aus, der viel zu wütend für einen einzigen verlorenen Rekruten war.
„Nein.“
Jetzt verstand auch Florence, was geschehen war. Sie drückte Helena enger an sich und sah Amber mit einer Mischung aus Angst und Abscheu an.
„Du darfst das nicht.“
Amber fuhr zu ihr herum.
„Du weißt überhaupt nicht, was ich darf, kleines Mädchen.“
Sie hob die Pistole erneut. Diesmal war das Ziel nicht ich.
Connor stellte sich vollständig vor Florence.
„Amber!“ Haythams Stimme schnitt über das Plateau.
Sie sah zu ihm.
Nur einen Augenblick. Aber bei ihr reichte Haytham immer für einen Augenblick.
„Sie ist nicht deine Familie“, rief Amber. „Keine von ihnen hätte dir je geben können, was ich dir gegeben hätte.“
Haytham hatte Typhons nächsten Angriff gerade zur Seite gezwungen. Er war blutverschmiert, sein Knie zitterte und seine Geduld war endgültig aufgebraucht.
„Du hast mir vor allem sehr viele Gründe gegeben, Abstand zu halten.“
Selbst in dieser Nacht, mitten zwischen Göttern, Rauch und Blut, schaffte Haytham es, Amber mit einem einzigen Satz aussehen zu lassen, als hätte man ihr eine Tür vor der Nase zugeschlagen.
Ich hätte ihn dafür küssen können.
Später.
Amber schoss unvermittelt auf Connor.
Er riss Florence hinter den Fels und drehte sich gleichzeitig. Die Kugel streifte seinen linken Oberarm, statt seine Brust zu treffen. Connor prallte mit der Schulter gegen den Stein, blieb aber zwischen Amber und den Mädchen.
Florence schrie auf.
Etwas in Brünhild veränderte sich.
Ihre Haltung wurde fester.
Die goldene Klinge hob sich vollständig. Amber wich einen Schritt zurück, als hätte sie plötzlich begriffen, dass die Grenze vor Florence keine Warnung gewesen war.
„Noch einmal“, sagte Brünhild, „und du wirst dich daran erinnern, warum wir die Gefallenen führen und nicht jagen.“
Für einen Herzschlag zeigte Amber Angst.
Dann wurde sie wieder zu Amber, und Angst verwandelte sich in Hass.
„Das ist noch nicht vorbei.“
„Das sagt heute jeder“, keuchte ich.
Eugene nutzte genau diesen Moment und griff erneut an. Ich parierte zu spät. Seine Klinge schnitt durch meinen Ärmel und riss die Haut am Oberarm auf.
Der Schmerz machte die Welt plötzlich klar. Keine Dunkelheit, keine Stimmen, keine fremden Fäden. Nur Eugene.
Gut.
Ich ging in seinen nächsten Schlag hinein, näher, als er erwartet hatte. Sein Arm konnte die volle Bewegung nicht mehr ausführen. Ich stieß meine Schulter gegen seine Brust, trat ihm auf den Fuß und rammte den Knauf meiner Klinge unter sein Kinn.
Er taumelte.
„Du kämpfst schmutzig“, sagte er.
„Ich habe nie behauptet, höflich zu kämpfen.“
Er lachte kurz. „Darin seid Ihr Eurem Mann ähnlicher, als Ihr glaubt.“
„Sag ihm das. Er wird gerührt sein.“
Links hörte ich Haytham: „Nein.“
Das Wort galt Typhon.
Der große Gegner hatte versucht, aus der engen Stelle auszubrechen. Haytham schnitt ihm den Weg ab, aber diesmal reichte Technik allein nicht. Typhon packte ihn am Mantel und hob ihn tatsächlich vom Boden.
Mir blieb das Herz stehen.
Haytham reagierte schneller als ich. Er ließ den Degen fallen, zog den Dolch und stach Typhon in die Hand, die ihn hielt. Typhon brüllte. Haytham fiel, rollte über die Schulter und kam auf einem Knie wieder hoch.
Connor warf ihm seine zweite Klinge zu. Haytham fing sie.
Vater und Sohn sahen sich keine Sekunde an. Sie mussten nicht.
Geryons drei Körper kamen gleichzeitig wieder auf Connor zu. Blut lief ihm inzwischen über den linken Ärmel, aber er stellte sich trotzdem breiter vor die Mulde.
„Nicht die Kinder“, knurrte er.
Zwei Matrosen der Aquila erreichten ihn von der Seite. Einer hielt einen Säbel, der andere eine kurze Feuerwaffe.
„Auf mein Zeichen“, sagte Connor.
Geryon kam näher.
„Jetzt.“
Der Schuss traf nicht den Körper vor ihnen, sondern die Schulter der Gestalt an der Mauer. Alle drei zuckten gleichzeitig. Connor ging auf den vorderen los. Diesmal fiel er, und die anderen beiden brachen mit ihm auf ein Knie.
Ein Hornsignal kam von unten.
Hargreaves.
Dann donnerte eine Kanone. Der Treffer lag weit rechts am äußeren Zugang. Ein Mauerstück brach und schnitt mehreren von Eugenes Männern den Weg nach vorn ab. Keine Kugel kam auch nur annähernd in Richtung der Felsmulde.
Gut gezielt. Gut geführt.
Edward war dort unten und tat genau das, was er tun sollte: beobachten, melden, Signale weitergeben und auf Mr Hargreaves hören. Mr Al Din Issa würde keinen Schritt von seiner Seite weichen. Edward stand nicht auf dieser Klippe, aber er war Teil dessen, was hier geschah, ohne dass jemand ihm dafür ein Schwert in die Hand drücken musste.
Eugene warf einen Blick zur Küste.
Ich nutzte ihn.
Mein Dolch traf seine Seite. Nicht tödlich und nicht tief genug, aber tief genug, dass sein Atem brach. Seine Hand schloss sich erneut um mein Handgelenk.
Diesmal glühte sein Armreif offen unter dem zerrissenen Ärmel. Dunkles Licht lief über Metalllinien, die den meinen ähnlich genug waren, um mir Übelkeit zu verursachen.
„Nein“, sagte ich.
Eugene lächelte blutig. „Doch.“
Hinter ihm begann die Luft zu reißen. Kein sauberer Wasserspiegel wie meiner, kein Portal, das sich an eine Bewegung band und führen ließ. Ein zerfetzter Schnitt sprang auf, krampfte sich zusammen und öffnete sich erneut. Kleine Steine begannen über den Boden zu kratzen.
„Du willst fliehen.“
„Ich überlebe.“
„Feigling.“
„Pragmatiker.“
Er stieß meinen Arm von sich und griff nach dem Dolch in seiner Seite. Mit einer ruckartigen Bewegung zog er ihn heraus und warf ihn über den nassen Fels. Ich taumelte einen Schritt zurück, fing mich aber sofort wieder.
Das Portal hinter ihm wurde größer. Nyx zog sich tiefer in die Dunkelheit zurück. Geryons Körper wankten zur Mauer, während Typhon mit einem wütenden Brüllen endlich aus der engen Stelle brach und Haytham zwang, Abstand zu gewinnen.
Amber stand noch immer Brünhild gegenüber. Der gefallene Mann zu ihren Füßen war für sie verloren; der goldene Schein hatte den Zugriff gelöst. Ihr Blick glitt von Florence zu Haytham und schließlich zu Eugene. Erst da begriff sie offenbar, dass auch Hrymr den Kampf nicht mehr hielt.
Empusa war verschwunden – oder trug inzwischen ein Gesicht, das ich im Rauch nicht erkannte.
Der Rückzug begann nicht geordnet. Er begann wie etwas, das plötzlich gemerkt hatte, dass der Sieg nicht mehr sicher war.
Ich setzte den verlorenen Schritt wieder nach vorn.
Eugene wich nicht sofort zurück.
„Nein, Alex!“ rief Haytham.
Ich hörte ihn. Ich blieb trotzdem nicht stehen.
Dann fiel ein Schatten über Eugenes Arm.
Ein Flügelschlag.
Der Rabe schoss aus der Dunkelheit. Für einen Augenblick hatte ich gedacht er hätte es auf sein Gesicht abgesehen.
Nein, es war sein Armreif.
Das Geräusch klang wie Eis, das unter zu großem Gewicht bricht. Eugene schrie auf. Ein feiner Riss lief durch das Metall, dunkles Licht sprang aus dem Takt, und das Portal hinter ihm zuckte so heftig, dass die Luft einen Schlag gegen meine Brust warf.
Für einen Herzschlag sah ich im Rauch einen Mann. Mantel. Ein Auge. Mehr nicht.
Odin.
Dann war er wieder fort.
Eugene hatte ihn ebenfalls gesehen. Zum ersten Mal in dieser Nacht lag echte Angst in seinem Gesicht. Nicht viel, aber genug.
„Nein“, knurrte er.
Der beschädigte Riss hinter ihm schlug aus. Ich wollte nach Eugene greifen, ihn zurückziehen und ihm nicht erlauben, schon wieder zu verschwinden.
Haythams Arm schlang sich um meine Mitte.
„Nicht!“
Der Riss fraß den Raum, in dem ich einen Herzschlag zuvor noch gestanden hätte. Eugene taumelte rückwärts, doch aus dem Taumeln wurde plötzlich ein harter Ruck. Er griff in die Luft, als könnte er sich an der Welt selbst festhalten. Das beschädigte Portal zog stärker, als er erwartet hatte.
„Alexandra!“
Ob mein Name ein Fluch, eine Drohung oder ein Versprechen war, erfuhr ich nicht. Der Riss verschluckte ihn zusammen mit Funken, Staub und einem Stück seines Mantels und brach anschließend so abrupt in sich zusammen, dass nur eine schmutzige Spur auf dem nassen Stein zurückblieb.
Eugene war fort. Wieder einmal.
Die Welt wurde trotzdem nicht still.
Typhon zog sich über den beschädigten Zugang zurück, während Nyx’ Dunkelheit sich in einzelne Schatten auflöste und zwischen den Mauern verschwand. Geryons versetzte Gestalten stolperten hintereinander her und verschmolzen im Rauch schließlich wieder zu etwas, das wie ein einzelner Mann wirkte. Amber hielt Brünhilds Blick noch einen Augenblick stand. Dann wich auch sie zurück, mit einem Hass im Gesicht, der sehr deutlich versprach, dass Sváfa weder den verlorenen Rekruten noch die Demütigung vergessen würde. Von Empusa sah ich nichts mehr.
„Sie ziehen sich zurück!“, rief Connor.
Unten antwortete kein weiterer Kanonenschuss. Mr Hargreaves hatte offenbar dasselbe erkannt und ließ das Feuer einstellen, bevor wir aus einem gewonnenen Augenblick noch eine Katastrophe machten.
Wir hatten nicht Eugene bekommen. Aber das war nicht das Wichtigste.
Wir hatten Florence und Helena.
Erst als dieser Gedanke wirklich in mir ankam, gaben meine Knie beinahe nach. Haytham hielt mich noch immer an der Taille. Sein Atem ging schwer, Blut lief an seiner Schläfe hinab und sein rechtes Knie zitterte inzwischen so sichtbar, dass selbst er es nicht mehr als reine Standfestigkeit verkaufen konnte.
„Mi sol.“
„Ich stehe.“
„Mehr recht als schlecht.“
„Aber es reicht.“
Sein Mundwinkel bewegte sich trotz allem. Nur ein wenig.
Connor kam von der Felsmulde herüber. Der linke Ärmel war dunkel vor Blut, doch er konnte den Arm bewegen und hatte den Blick bereits wieder auf die Mauern gerichtet.
„Er ist weg“, sagte er.
Ich sah auf die Stelle, an der Eugenes Portal gewesen war. Der Fels dort dampfte nicht und glühte nicht. Er sah beinahe gewöhnlich aus, was nach allem, was gerade geschehen war, eine Unverschämtheit für sich war.
„Ja.“
Connor folgte meinem Blick. „Er wird wiederkommen.“
„Das wird er.“ Ich lehnte mich für einen Atemzug etwas stärker gegen Haytham. „Aber nicht heute.“
Hinter Connor hörte ich eine kleine Stimme.
„Mama?“
Alles in mir wandte sich diesem einen Wort zu.
Florence stand wenige Schritte entfernt. Schmutz und Salz klebten an ihrem Gesicht, ihr Umhang hing schief und ihre Knie zitterten, obwohl sie offenbar mit aller Kraft versuchte, das nicht zu zeigen. Helena lag in ihren Armen. Connor hatte eine Hand unter das Baby geschoben, damit Florence das Gewicht nicht allein tragen musste.
Ich ging nicht zu ihr. Dafür war zwischen uns viel zu wenig Geduld übrig.
Ich stürzte die letzten Schritte.
Irgendwie fing ich Florence auf, oder sie mich, oder wir beide einander. Ihre Arme schlangen sich um meinen Hals, und erst da merkte ich, wie heftig sie zitterte. Sie roch nach Rauch, Salz und dem Stoff ihres Umhangs. Für einen Moment gab es keinen Kampf mehr, keinen Eugene, keine Götter und keine Felsen voller Blut. Es gab nur mein Kind in meinen Armen.
„Ich hab dich“, flüsterte ich. Meine Stimme brach trotzdem. „Ich hab dich, min lille engel.“
Florence begann erst jetzt richtig zu weinen. Nicht laut und nicht dramatisch. Es war, als würde ihr Körper einfach aufhören, all das festzuhalten, was sie oben bei Eugene hatte verbergen müssen. Ich hielt sie enger, bis sie zwischen zwei Atemzügen nur ein einziges Wort herausbrachte.
„Helena.“
„Ist hier“, sagte Connor sofort.
Er kniete sich zu uns und half Florence, ihre Schwester vorsichtig an mich weiterzugeben. Helena verzog das Gesicht, holte tief Luft und ließ ein erschöpftes, ausgesprochen empörtes Wimmern hören.
Ich lachte und weinte gleichzeitig. Der Apfelduft kehrte für einen winzigen Moment zurück, warm und vollkommen fehl am Platz zwischen Rauch und Meer.
Danke, Idun, dachte ich.
Haytham kam zu uns, langsamer als sonst, aber ohne dass irgendjemand klug genug war, ihn darauf hinzuweisen. Er sagte zunächst nichts. Eine Hand legte er an Florences Hinterkopf, die andere unter Helenas Rücken, und dann berührte seine Stirn für einen Herzschlag meine.
Mehr brauchte ich nicht.
Connor stand einen Schritt daneben. Blut lief noch immer über seinen Ärmel. Er sah zu Florence, zu Helena und schließlich zu seinem Vater, als wäre er sich plötzlich nicht mehr sicher, ob dieser kleine Kreis auch für ihn gedacht war.
Haytham hob den Kopf. „Connor.“ Nur sein Name, kein Befehl und keine Erklärung. Connor zögerte noch einen Augenblick, dann löste Florence eine Hand von meinem Hals und griff nach seinem Ärmel. Damit war die Frage beantwortet. Er trat näher, vorsichtig genug, dass er Helena nicht berührte und Florence trotzdem seine Hand an seinem Arm behalten konnte. Haytham sagte nichts mehr. Ich auch nicht. Zwischen uns passte ohnehin kein vernünftiger Satz mehr.
Hinter uns brannten noch Fackeln, und in den Mauern bewegten sich Männer. Wir mussten zurück zu den Schiffen, Verwundete versorgen und irgendwann herausfinden, wohin Eugenes beschädigter Armreif ihn gerissen hatte. Der Kampf war gewonnen, aber nicht beendet. Vielleicht würde er das noch sehr lange nicht sein.
Für diesen einen Augenblick durfte das warten. Eugenes Hand war leer; unsere nicht. Florence hielt Connor fest, Haytham hielt Helena und mich, soweit seine Arme reichten, und ich hielt meine Töchter, ohne auch nur für eine Sekunde zu glauben, dass sie mir gehörten. Wir hielten einander. Haythams Stimme war kaum mehr als ein Atemzug. „Gemeinsam.“