Katalonien - Nach dem Rauch!
Katalonien - Nach dem Rauch!
Hallo ihr Lieben!
Ich heiße euch zu einem neuen Kapitel zum Feierabend ein.
Eugene ist verschwunden und hinterlässt ein heilloses Durcheinander
auf seinem Anwesen. Nicht nur seine Bediensteten wissen nicht wohin,
auch seine Wachen sind verunsichert.
Werden die Kenways dieses Haus bald ihr Eigen nennen oder werden
sie weiterziehen?
Zuerst sollte man aber Ordnung machen, nicht wahr?
Ich wünsche gute Unterhaltung und bleibt gesund.
Liebe Grüße eure MrsHEKenway
Zitat Kapitel 52 - Katalonien
Kapitel 52
~~~ Nach dem Rauch ~~~
Katalonien – Dezember 1773, Nacht
Der Rauch hing noch immer über den Klippen. Er war dünner geworden, seit Eugenes Gefolgsleute verschwunden waren, aber schwer genug, ,dass jede Fackel einen trüben Lichtschein bekam und die Mauern oberhalb von uns nur stückweise aus der Dunkelheit traten.
Dort oben hatte das Kanonenfeuer ganze Arbeit geleistet. Ein Teil der äußeren Mauer war aufgerissen, aus mehreren Fenstern quoll Rauch, und irgendwo hinter dem Tor knirschte Holz in einem Rhythmus, der mir überhaupt nicht gefiel.
Hargreaves und Faulkner hatten verdammt gut gezielt. Das untere Felsplateau, auf dem wir gekämpft und unsere Töchter zurückgeholt hatten, war von ihren Geschützen verschont geblieben. Weiter oben sah das Anwesen dagegen aus, als hätte jemand beschlossen, Eugene seine Vorliebe für uneinnehmbare Festungen persönlich auszutreiben. Ich hätte den Gedanken beinahe befriedigend gefunden, wenn Florence sich nicht noch immer an mich geklammert hätte.
Sie zitterte nicht mehr. Zumindest nicht so, dass man es aus einigen Schritten Entfernung gesehen hätte. Ihre Finger hielten meinen Mantel aber mit einer Kraft fest, die der Stoff vermutlich noch Wochen später beleidigt in Erinnerung behalten würde. Ihr Gesicht lag an meiner Schulter, und jedes Mal, wenn irgendwo über uns ein Stein fiel oder ein Mann rief, spannte sich ihr kleiner Körper wieder an.
Ich strich ihr über das Haar. Langsam. Immer wieder dieselbe Bewegung, weil mir nichts Klügeres einfiel und weil sie nicht nach Worten fragte. Sieben Jahre alt. Sieben. Nicht Brünhild, nicht eine kleine Heldin, nicht das tapfere Mädchen, das Eugene lange genug beschäftigt hatte, damit Connor sie erreichen konnte. Nur meine Tochter, die viel zu lange hatte stark sein müssen.
Haytham stand einen Schritt neben uns und hielt Helena. Unsere Kleine war fast vollständig in ihre Decke eingewickelt. Nur die Spitze ihrer Nase, eine verrutschte Haube und eine winzige Hand waren zu sehen. Sie hatte aufgehört zu schreien, aber ihr Atem ging noch unruhig. Haytham hielt sie so dicht an seiner Brust, als könnte er allein durch die Entfernung zwischen seinem Körper und ihrem jeden weiteren Zugriff auf sie verhindern.
Sein Blick passte nicht zu dieser Zärtlichkeit. Er wanderte über das Tor, die beschädigte Mauer, den oberen Weg und wieder zurück. Die Klinge steckte noch nicht in der Scheide. Blut trocknete an seinem Ärmel, und sein verletztes Knie zwang ihn zu einer Haltung, die wahrscheinlich nur mir auffiel. Für jeden anderen stand dort Haytham Kenway, Großmeister, kontrolliert und gefährlich. Ich sah den Vater darunter, der sein Baby keine Sekunde länger als nötig aus den Augen lassen wollte.
Connor stand etwas seitlich vor uns. Die Pistole hatte er weggesteckt, die Klinge jedoch noch in der Hand. Sein linker Ärmel war dort dunkler, wo Ambers Schuss ihn gestreift hatte. Er tat so, als sei das nicht erwähnenswert, was ihn in diesem Moment erschreckend deutlich als Sohn seines Vaters auswies. Seine Aufmerksamkeit lag auf den letzten Stufen zum oberen Anwesen und auf den Männern, die sich dort im Fackellicht bewegten.
Keiner von ihnen kam herunter. Es war nicht die Ruhe eines Hinterhalts. Dafür hatte sich zu viel verändert.
Eugene war fort. Nyx, Typhon, Geryon, Empusa und Amber waren ebenfalls verschwunden. Hinter den beschädigten Mauern standen noch bewaffnete Männer, aber sie hatten gesehen, was auf diesem Felsen geschehen war. Sie hatten außerdem gesehen, was Jackdaw und Aquila aus Eugenes sicherem Anwesen gemacht hatten. Im Augenblick schien niemand den Wunsch zu verspüren, herauszufinden, ob wir noch Kraft für eine weitere Auseinandersetzung hatten.
Mir war das nur recht.
Von unten kam ein Ruf. Es war eine kurze Meldung, die von Fels zu Fels weitergetragen wurde. Connor wandte den Kopf, und wenige Augenblicke später tauchte eine Laterne auf dem unteren Weg auf.
Zuerst sahen wir einen Matrose der Jackdaw. Hinter ihm erkannte ich Sophia, Sybill, Magda und Michael. Alle vier sahen erschöpft aus, aber sie kamen erstaunlich zügig über den letzten Abschnitt herauf.
„Captain“, sagte der Matrose, als er uns erreichte. „Mr Hargreaves hat von der Jackdaw aus weiter westlich eine ruhigere Stelle zwischen den Felsen ausmachen lassen. Mit den Booten kommen wir dort näher heran. Der Weg von dort ist geprüft und gesichert.“
Ich sah an ihm vorbei zu den anderen. Das erklärte zumindest, warum sie nicht denselben halsbrecherischen Aufstieg hinter sich hatten wie wir.
Sophia war direkt hinter ihm. Ihr Rock war am Saum dunkel vom Wasser, ihr Haar hatte sich aus der Haube gelöst, und sie sah aus, als hätte sie seit Stunden nicht richtig geatmet. Sybill kam hinter ihr, eine zusätzliche Decke über dem Arm. Magda trug einen kleinen Korb und Michael hatte offenbar beschlossen, dass selbst eine Entführung kein Grund war, Haythams Handschuhe und einen Verband zurückzulassen.
Als Sophia die letzten Schritte zu uns machte, blieb sie abrupt stehen. Ihr Blick fiel auf Florence, dann auf mich. Ich sah, wie ihre Lippen bebten, doch sie kam nicht einfach näher. Dafür hätte ich sie in diesem Augenblick küssen können. Sie kniete sich nur einige Schritte entfernt auf den Fels und wartete.
Florence hob den Kopf an meiner Schulter. Ihre Augen waren rot, die Wange mit Ruß verschmiert. Für einen Moment sah sie Sophia nur an, als müsste sie sich vergewissern, dass auch diese vertraute Gestalt wirklich dort war. „Sophia.“
Sophia öffnete die Arme. Florence hielt meinen Mantel noch einen Atemzug länger fest, dann lockerten sich ihre Finger. Es dauert einen winzigen Augenblick, ehe sie sich ganz von mir löste. Erst legte sie beide Hände an mein Gesicht, sah mich mit einer Ernsthaftigkeit an, die mir die Kehle zuschnürte, und flüsterte: „Du gehst nicht wieder weg?“
„Nicht ohne dich, min lille engel.“ Ich küsste ihre Stirn. „Und nicht, ohne dass du weißt, wo ich bin.“
Das schien gerade genug zu sein. Florence drehte sich um und ging zu Sophia. Die fing sie auf, ohne sie an sich zu reißen. Erst als Florence selbst die Arme um ihren Hals legte, schloss Sophia sie fest um mein Kind. Florence weinte nicht wieder. Sie sank einfach gegen sie, plötzlich so müde, dass ich mich fragte, wie sie überhaupt noch stehen konnte.
Sybill war währenddessen vor Haytham stehen geblieben. Sie sagte nichts und streckte auch nicht die Hände nach Helena aus. Sie kannte meinen Mann lange genug, um zu wissen, dass ein falscher Schritt in diesem Augenblick ungefähr so sinnvoll gewesen wäre, wie einem verwundeten Wolf sein Junges abzunehmen.
„Sie ist kalt“, sagte Haytham schließlich leise.
Sybill nickte. „Dann sollte sie aus dem Wind, Sir.“
Sein Blick glitt zu der Decke über ihrem Arm. Erst danach sah er Sybill an. „Sie hat kaum geschlafen.“
„Dann sorge ich dafür, dass sie jetzt zur Ruhe kommt, Sir.“
Ich hätte fast gelächelt. Sybill sprach mit ihm in genau jenem ruhigen Ton, den man für störrische Kinder und sehr große Templer gleichermaßen gebrauchen konnte.
Haytham senkte den Blick auf Helena. Seine Finger strichen einmal über ihre Wange. Erst dann löste er den Arm ein wenig und ließ Sybill näherkommen. Sie legte erst die zusätzliche Decke um das Baby, prüfte mit einem Fingern ihre Wange und wartete, bis Haytham selbst bereit war, ihr unser Baby zu übergeben.
Helena gab einen verschlafenen, tief empörten Laut von sich. „Ja“, murmelte Sybill und legte sie an ihre Schulter. „Das ist eine berechtigte Beschwerde.“
Etwas in Haythams Gesicht entspannte sich. Nicht viel. Gerade genug, dass ich es bemerkte.
Magda war inzwischen bei mir. Sie sah zuerst mein Gesicht an, dann meine Hände, anschließend mein Knie und zuletzt den Riss in meinem Ärmel. Ihre Miene veränderte sich auf eine Weise, die mir verriet, dass sie in Gedanken bereits eine Liste anlegte.
„Mistress Kenway.“
„Es sieht schlimmer aus, als es ist.“
„Das sagt Ihr immer, wenn es schlimm aussieht.“ Sie stellte den Korb auf den Fels, nahm meine rechte Hand und drehte sie vorsichtig ins Licht. In meiner Handfläche steckten kleine Splitter und feiner schwarzer Schmutz. „Ihr habt Euch am Fels aufgerissen.“
„Der Fels hat angefangen.“
Magda hob den Blick. „Dann werde ich ihn später tadeln.“
Sie zog ein sauberes Tuch aus dem Korb, goss etwas Wasser darüber und begann, meine Hand zu säubern. Ihre Finger waren schnell und sicher. Keine Magie, kein göttlicher Schutz, kein Armreif. Nur eine Frau, die mich seit Jahren kannte und offenbar der Meinung war, dass selbst eine Norne gelegentlich gewaschen und verbunden werden musste.
Michael hatte sich Haytham vorgenommen. Er hielt ihm zuerst die Handschuhe hin. Als mein Mann sie ignorierte, wechselte Michael ohne sichtbare Enttäuschung zum Mantel.
„Der Ärmel ist aufgerissen, Sir.“
„Das sehe ich.“
„Euer Knie ebenfalls.“
Haytham sah nach unten. „Mein Knie ist nicht aufgerissen.“
„Das beruhigt mich außerordentlich.“ Michael ging in die Hocke, ohne um Erlaubnis zu bitten, und betrachtete die Schwellung durch den Stoff. Haythams Blick wurde schmal. Michael reagierte darauf mit der gelassenen Höflichkeit eines Mannes, der diese Art von Widerstand offenbar schon zu oft erlebt hatte. „Ihr könnt noch auftreten.“
„Eine bemerkenswerte Entdeckung.“
„Dann werde ich sie später vertiefen.“
Ich musste lachen. Es war nur ein kurzer Laut, erschöpft und viel zu nahe am Weinen, aber er war da. Haytham sah zu mir und verlor für einen Herzschlag ebenfalls etwas von seiner strengen Haltung.
Magda drückte mir das Tuch fester in die Hand. „Nicht bewegen.“
„Ihr seid heute alle ausgesprochen befehlshaberisch.“
„Man passt sich dem Haushalt an.“
Im Korb befanden sich Brot, Käse und ein kleiner verschlossener Krug mit Brühe. Magda schenkte Florence etwas davon in einen Becher, den sie ebenfalls mitgebracht hatte. Sophia hielt ihn zunächst, bis Florence beide Hände darum legte.
„Nur ein wenig“, sagte ich.
Florence schüttelte den Kopf. Haytham sah sie an. Meine Tochter sah zurück, und in ihrem Gesicht erschien für einen kurzen Moment etwas von dem vertrauten Trotz. Das war das Schönste, was ich seit Stunden gesehen hatte.
„Ein wenig“, wiederholte Haytham ruhig.
Florence nahm einen Schluck. Danach noch einen. Sophia hielt nur ihre Schulter, während sie trank.
Ich ging zu Sybill. Helena lag jetzt warm zwischen zwei Decken und hatte die Augen halb geöffnet. Als ich ihre Wange berührte, bewegte sich ihre kleine Hand aus dem Stoff und schloss sich um meinen Finger. Der Griff war kaum stärker als der einer müden Katze und traf mich gerade deshalb bis ins Herz.
„Mama ist da“, flüsterte ich.
Helena antwortete mit einem leisen Seufzen und ließ die Augen wieder zufallen. Ich küsste ihre Stirn. Der Geruch nach Rauch hing noch in ihrer Haube, darunter war aber wieder dieser vertraute warme Geruch meines Babys. Für einige Atemzüge vergaß ich das Anwesen über uns vollständig.
Als ich mich aufrichtete, stand Connor noch immer an derselben Stelle. Florence hatte ihn entdeckt. Sie löste eine Hand vom Becher und streckte sie in seine Richtung. „Connor?“
Er kam näher und ging vor ihr in die Hocke. Sein verwundeter Arm blieb dabei etwas steifer, doch er ließ es sich nicht anmerken.
„Bleibst du?“ fragte Florence.
Für einen Moment sah er aus, als hätte sie ihm eine Frage gestellt, auf die es keine sichere Antwort gab. Dann legte er die Hand über ihre kleine Faust. „Ja. Ich bleibe noch ein bisschen.“
Florence nickte. Mehr verlangte sie nicht.
◆ ◆ ◆
Gerade als Haytham die Kinder zum unteren, geschützten Bereich bei den Booten bringen lassen wollte, erschienen erneut Schritte auf dem Weg. Diesmal schneller. Unvorsichtiger. Jung.
Edward kam die letzten Stufen herauf und blieb stehen, sobald er uns sah. Mr Al Din Issa folgte ihm zwei Schritte dahinter mit einer Laterne in der Hand. Ein Matrose der Jackdaw, der sie bis zur sicheren Stelle begleitet hatte, wandte sich bereits wieder nach unten.
Edward sah nicht zuerst zu uns. Er sah Florence.
Meine Tochter stellte den Becher ab. Sophia ließ sie los, noch bevor Florence darum bitten musste. Sie ging Edward entgegen, und er kam ihr gleichzeitig entgegen. Beide blieben kurz voreinander stehen, als wüssten sie nicht, ob sie einander anfassen durften. Dann legte Florence die Arme um seine Mitte.
Edward schloss die Augen. Seine Hand lag an ihrem Hinterkopf. „Du bist da.“
„Du auch.“
„Ich habe aufgepasst.“
„Ich weiß.“
Es war vermutlich das längste Gespräch, das sie in diesem Augenblick führen konnten. Edward hielt sie noch kurz fest und ging danach zu Sybill. Er beugte sich über Helena, ohne sie aus der Decke zu holen, und strich nur mit einem Finger über ihre winzige Faust. Helena bewegte die Hand, als wolle sie auch ihn beschimpfen, hatte dafür aber offenbar nicht mehr genug Energie.
Haytham wartete, bis Edward wieder vor uns stand.
„Du solltest auf der Jackdaw bleiben.“ Seine Stimme war nicht scharf, aber unser Sohn richtete sich trotzdem sofort auf.
„Ich bin geblieben. Bis Mr Hargreaves das Feuer eingestellt hatte und gesagt hat, dass der Weg gesichert ist.“ Edward sah kurz zu Mr Al Din Issa. „Und ich bin nicht allein gegangen.“
Sein Kammerdiener neigte den Kopf. „Mr Hargreaves hatte keine Einwände, Sir. Der Weg war gesichert, und ich bin bei ihm geblieben.“
Haytham sah erst ihn, dann Edward an. Unser Sohn versuchte, seinen Blick ruhig zu halten. Ich sah trotzdem, wie viel davon abhing.
„Du hast gewartet, obwohl du es nicht wolltest“, sagte Haytham nach einem Moment. „Du hast Mr Hargreaves gehorcht, deine Aufgabe erfüllt und dich nicht selbst in Gefahr gebracht, nur weil deine Schwestern hier oben waren.“
Edward schluckte.
Haytham legte ihm die Hand auf die Schulter. „Gut gemacht.“
Es waren zwei Worte. Bei jedem anderen Vater wären sie vielleicht klein gewesen. Bei Haytham Kenway konnten sie einem zehnjährigen Jungen offenbar den gesamten Brustkorb mit Stolz füllen.
Edward bemühte sich so sehr, nicht zu strahlen, dass es beinahe rührender war, als wenn er es einfach getan hätte.
„Er war sehr gewissenhaft“, sagte Mr Al Din Issa.
Haytham nahm die Hand von Edwards Schulter. „Dann bleibt Ihr weiterhin bei ihm.“
„Selbstverständlich, Sir.“
Edward sah zum beschädigten Anwesen. „Kann ich helfen?“
Haythams Blick ging sofort zu mir, noch bevor ich etwas sagen konnte.
„Nicht vorne“, sagte ich. „Und du betrittst keinen Raum, bevor wir ihn freigegeben haben. Aber wenn wir Papiere, Karten oder Bücher finden, brauchen wir jemanden, der sie ordentlich zusammenhält und erkennt, wenn etwas nicht gewöhnlich aussieht.“
Edward richtete sich noch etwas auf.
„Mit Mr Al Din Issa“, ergänzte Haytham.
„Natürlich.“
Mr Al Din Issa nickte. „Das erscheint mir eine sinnvolle Verwendung seiner Aufmerksamkeit.“
„Meiner Aufmerksamkeit?“ Edward klang leicht beleidigt.
„Eurer Neugier wäre die unhöflichere Bezeichnung.“
Florence gab ein kleines, erschöpftes Kichern von sich. Edward drehte sich zu ihr und hob eine Braue, aber auch sein Gesicht wurde weicher.
Für einen winzigen Moment sahen sie wieder aus wie Geschwister, die sich über eine Bemerkung stritten, und nicht wie Kinder, die gerade eine Entführung überlebt hatten.
Haytham ließ den Augenblick zu. Dann sah er zum oberen Weg.
„Sophia, Sybill, Magda. Ihr bleibt bei den Mädchen. Zwei Männer der Aquila gehen mit euch bis zu den Booten und bleiben dort. Niemand bringt sie auf die Jackdaw zurück, bevor das obere Plateau gesichert ist.“
Michael trat einen halben Schritt vor. „Und ich, Sir?“
Haytham betrachtete ihn. Für einen Moment glaubte ich, er würde seinen Kammerdiener mitnehmen, nur damit Michael sein Knie nicht aus den Augen ließ. Stattdessen deutete er zu Magda und den Kindern.
„Ihr geht mit ihnen. Wenn sich die Lage verändert, bringt Ihr alle auf die Jackdaw. Sofort.“
Michael nickte ohne Zögern. „Ja, Sir.“
Sein Blick wanderte noch einmal zu Haythams Bein. „Und wenn Ihr zurückkommt, sehe ich mir Euer Knie an.“
„Das war kein Teil des Befehls.“
„Nein, Sir.“ Michael klang vollkommen respektvoll. „Das war eine Ankündigung.“
Connor senkte den Kopf. Ich hätte schwören können, dass er lächelte.
Magda trat zu mir und zog den Knoten an meinem provisorischen Handverband noch einmal fest. „Und Ihr kommt ebenfalls zurück.“
„Das hatte ich vor.“
„Gut.“ Sie nahm den Korb wieder auf. „Dann kann ich Euch später erklären, weshalb Blut auf einem Ärmel kein geeignetes Muster ist.“
Ich küsste sie spontan auf die Wange. Magda erstarrte. „Mistress Kenway.“
„Beschwer dich bei deinem Mann. Er hat angefangen, uns zu bevormunden.“
Michael sah ausgesprochen unschuldig aus.
Florence kam noch einmal zu mir. Diesmal musste sie sich nicht festklammern. Sie legte nur beide Arme um meine Taille und hielt mich. Ich schloss sie an mich und wartete, bis sie selbst losließ.
„Wir sind da oben“, sagte ich und deutete zum Anwesen. „Du bleibst bei Sophia. Helena bleibt bei Sybill. Michael und Magda sind bei euch. Wenn etwas passiert, hört ihr auf die Männer der Aquila.“
„Und du kommst wieder runter.“
„Ja.“
Sie betrachtete mich, als würde sie prüfen, ob ich die Wahrheit sagte. Dann nickte sie.
Sybill zog Helenas Decke dichter. Sophia nahm Florence an die Hand. Magda ging an ihre andere Seite, Michael hinter ihnen. Zwei Männer der Aquila schlossen sich an. Der Matrose der Jackdaw führte die Gruppe zurück über den gesicherten Abschnitt.
Ich sah ihnen nach, bis die Laterne tiefer zwischen den Felsen stand.
Erst dann drehte ich mich um. Haytham hatte die Klinge inzwischen gesäubert. Connor prüfte seine Pistole. Edward stand mit Mr Al Din Issa etwas hinter ihnen und sah zum oberen Tor.
Der Familienkreis hatte sich geöffnet. Jetzt kam die Arbeit.
◆ ◆ ◆
Der letzte Aufstieg zum eigentlichen Anwesen war kürzer als der Weg vom Meer, aber nicht angenehmer. Die Stufen wurden breiter, je höher wir kamen, und gingen schließlich in einen gepflasterten Zugang über, der auf das obere Plateau führte. Dort hatte das Kanonenfeuer deutliche Spuren hinterlassen. Ein Teil der äußeren Mauer war nach innen gebrochen, und zwischen den Steinen lag ein umgestürzter Wachstand. Rauch zog durch die Lücke hinaus aufs Meer.
„Hargreaves wird unerträglich zufrieden mit sich sein“, murmelte ich.
„Er hat präzise gearbeitet“, sagte Haytham.
„Das meinte ich.“
Connor ging vor uns. Es brauchte kein lautloses Anschleichen sein. Die Männer oben wussten längst, dass wir kamen. Trotzdem blieb jeder seiner Schritte kontrolliert. Sein Blick prüfte zuerst den Torbogen, danach die Brüstung und schließlich den Hof dahinter.
Zwei Wachen standen unmittelbar im Zugang. Dahinter sah ich weitere Männer zwischen Mauerresten und einem niedrigen Nebengebäude. Keiner von ihnen hielt seine Waffe auf uns gerichtet.
Der erste Mann im Tor sah Haytham, dann Connor, dann mich und schließlich die Männer hinter uns. Sein Säbel fiel auf den Stein. Eine ausgezeichnete Entscheidung wie ich fand.
Der zweite traf eine schlechtere.
Vielleicht war es Angst. Vielleicht Loyalität. Vielleicht hatte er einfach zu viele Geschichten darüber gehört, was Eugene mit Menschen tat, die sich ergaben. Er schrie etwas auf Spanisch, hob seine Waffe und stürmte vor.
Haytham fing den Hieb ab, ohne einen Schritt zurückzuweichen. Sein Knie mochte protestieren; sein Degen tat es nicht. Connor kam von der Seite, setzte dem Mann den Fuß hinter die Ferse und nahm ihm das Gleichgewicht. Einen Atemzug später lag die Wache auf dem Bauch, Connors Knie zwischen den Schulterblättern und Haythams Klingenspitze so nahe an ihrem Hals, dass jeder weitere Gedanke an Tapferkeit ausgesprochen unpraktisch geworden wäre.
„Das war die letzte unnötige Bewegung dieser Nacht“, sagte Haytham auf Spanisch.
Der Mann verstand sowohl die Worte als auch den Ton.
Hinter ihm legten zwei weitere Wachen ihre Waffen nieder. Einer zog seinen Kameraden am Ärmel zurück, bevor der überhaupt entscheiden konnte, ob er noch eine Meinung haben wollte.
„Vernunft ist offenbar ansteckend“, sagte ich.
Connor nahm dem Mann am Boden die Waffe ab und ließ ihn aufstehen. „Manchmal.“
Ich wandte mich an den ersten Wachmann. „Dient Ihr Eugene aus Treue oder aus Angst?“
Mr Al Din Issa hatte meine Frage bereits ins Spanische übertragen, bevor Haytham ansetzen konnte. Ruhig, höflich und vollkommen ohne Drohung. Der Mann sah ihn überrascht an, dann zu Haytham und schließlich wieder zu mir.
Seine Antwort kam stockend. „Für Lohn“, übersetzte Mr Al Din Issa. „Und aus Angst, nachdem der Lohn unregelmäßig wurde.“
„Das ist eine ausgesprochen schlechte Personalpolitik“, murmelte ich.
Haytham ignorierte die Bemerkung. „Wie viele bewaffnete Männer sind noch im Haus?“ fragte er selbst auf Spanisch.
Der Wachmann sah zum Haupthaus. Durch eine offene Galerie dahinter trugen zwei Männer bereits einen Verletzten. Weiter rechts standen mehrere Bedienstete an einer Mauer und beobachteten uns mit jener vorsichtigen Reglosigkeit, die Menschen entwickeln, wenn jede falsche Bewegung von jemand anderem als Entscheidung ausgelegt werden könnte.
Der Mann antwortete. Haytham hörte bis zum Ende zu.
„Er weiß es nicht genau“, sagte er zu mir und Connor. „Einige Wachen. Männer im Hof. Bedienstete. Stallknechte. Möglicherweise weitere Bewaffnete im Inneren. Nach dem Beschuss hat niemand mehr einen Überblick darüber, wer geflohen ist, wer sich versteckt und wer noch auf Befehle wartet.“
„Dann sollten wir ihnen einen einfacheren Befehl geben.“
Ich trat so weit vor, dass auch die Männer hinter dem Tor mich sehen konnten. Mr Al Din Issa blieb nahe genug, um zu übersetzen.
„Hört gut zu. Wer die Waffen niederlegt, wird nicht angegriffen. Wer hilft, Verwundete, Bedienstete und andere Unbewaffnete aus den gefährlichen Teilen des Hauses zu bringen, bekommt Schutz. Wer weiter für Eugene kämpft, wird wie Eugenes Mann behandelt.“
Die Worte gingen auf Spanisch über den Hof. Es genügte sie in einem ruhigen Tonfall zu sprechen. Die Menschen dort hörten ohnehin jedes Geräusch.
Ein weiterer Säbel fiel zu Boden. Dann noch einer.
Haytham trat neben mich. Seine Stimme war ruhiger und kälter. „Alle Waffen werden gesammelt. Niemand verlässt das obere Plateau, bis die Zugänge geprüft sind. Niemand betritt Räume, die wir noch nicht gesichert haben. Wer lügt, hilft weder sich noch den anderen.“
Der erste Wachmann nickte so schnell, dass ich um seinen Nacken fürchtete.
Connor sah über die Menschen im Hof. „Du kannst sie nicht einfach übernehmen.“
„Das war auch nicht mein Plan.“ Ich blickte zum Haupthaus. „Wer möchte dieses Ding denn freiwillig?“
Ein Teil der Dachrinne löste sich genau in diesem Augenblick und schlug einige Schritte weiter auf den Stein.
Connor sah zu dem Metallstück. „Ein überzeugendes Argument.“
Haytham ließ den Blick über Hof, Mauer und die verängstigten Menschen wandern. „Wir sichern dieses Haus nicht, indem wir die Menschen darin zwingen, einen neuen Herrn anzuerkennen.“
Der Satz traf mich stärker, als ich erwartet hatte.
Nicht jeder Herrschaftswechsel war eine Rettung. Manchmal tauschte ein Haus nur den Namen an der Tür und behielt denselben Käfig dahinter. Das hier würde nicht unseres werden. Ich wollte Eugenes Namen nicht von den Wänden reißen, nur um unseren an seine Stelle zu setzen.
„Wer hier nur gearbeitet hat, soll das auch sagen dürfen“, sagte ich. „Ohne dafür bestraft zu werden.“
Haytham nickte. „Und wer für ihn gekämpft hat, wird getrennt befragt.“
Ordnung statt Besitz. Damit konnte ich leben.
◆ ◆ ◆
Das Haupthaus lag noch einmal einige Schritte höher am anderen Ende des Hofes. Je näher wir kamen, desto deutlicher wurde, wie genau die Schüsse der Schiffe gesetzt worden waren. Die meisten Einschläge lagen an der Außenseite der Befestigung und im oberen Bereich des Gebäudes. Ein Fenster war vollständig herausgebrochen, und über einer Galerie hing ein Stück Mauerwerk in einem Winkel, der mich davon überzeugte, nicht darunter stehen zu bleiben.
Im Hof selbst sammelten Männer der Jackdaw und der Aquila die abgelegten Waffen ein. Einer markierte die sicheren Wege mit Kreide. Ein anderer half einem Stallknecht, eine umgestürzte Truhe aus einem Durchgang zu ziehen. Niemand jubelte. Es fühlte sich nicht wie ein Sieg an, eher wie die ersten Minuten nach einem Sturm, wenn man zu zählen begann, was noch stand.
„Ein verseuchter Knoten“, murmelte ich.
Haytham sah zu mir.
„Kein Zuhause“, erklärte ich. „Kein Ort, an dem ich auch nur eine Nacht länger bleiben möchte. Ein Knoten. Alles läuft hier zusammen und stinkt nach Eugene.“ Ich war so angewidert, dass ich mich bei meinen Worten schüttelte.
„Dann schneiden wir zunächst nur jene Fäden ab, die wir sehen können.“
Ich sah ihn von der Seite an. „Du wirst noch poetisch.“
„Das wäre bedauerlich.“
Die Eingangstür hing schief in den Angeln. Im Inneren roch es nach kaltem Stein, Ruß, nassem Holz und Wachs. Einige Kerzen brannten noch, als hätte niemand daran gedacht, sie zu löschen. Auf dem Boden lag ein Teppich halb unter Schutt begraben, darüber verliefen mehrere Spuren aus Schlamm und Asche.
Edward blieb unmittelbar hinter uns. Mr Al Din Issa hielt die Laterne in einer Hand und blieb dicht hinter Edward.
„Ab jetzt“, sagte Haytham, ohne sich umzudrehen, „fasst du nichts an, was wir nicht freigegeben haben.“
„Ja, Vater.“
„Auch dann nicht, wenn es interessant aussieht.“
Edward seufzte leise. „Gerade dann nicht.“
„Er lernt“, sagte ich.
„Langsam“, erwiderte Haytham.
„Ich stehe direkt hinter euch.“
Connor warf Edward über die Schulter einen kurzen Blick zu. „Das hat noch nie jemanden in dieser Familie geschützt.“
Ich grinste. Haytham nicht. Zumindest nicht sichtbar.
Wir gingen zunächst nur durch die Räume, die direkt an die Eingangshalle grenzten. Es war noch keine gründliche Durchsuchung. Wir wollten wissen, ob sich jemand versteckte, ob Feuer ausgebrochen war und ob ein Teil des Hauses unmittelbar einzustürzen drohte. In einem Salon standen zwei Stühle umgeworfen. Ein Fenster hatte gegen die Druckwelle verloren und Glassplitter über den Boden verteilt. In einem anderen Raum lagen Decken, ein leerer Krug und mehrere Paar Schuhe, als hätten Bedienstete dort Schutz gesucht und den Ort hastig verlassen.
Eugene selbst war nirgends. Das überraschte mich nicht. Trotzdem spürte ich seine Abwesenheit fast körperlich. Er war fort und hatte überall Dinge hinterlassen, die so wirkten, als könnten sie noch nach ihm greifen.
Haythams Blick glitt über Schränke und Regale. Connor hingegen prüfte Türen und Ecken. Ich achtete auf den Armreif. Er blieb ruhig, nur gelegentlich warm genug, um mich daran zu erinnern, dass Ruhe nicht dasselbe wie Harmlosigkeit war.
Edward bekam seine erste Aufgabe in einer kleinen Seitennische der Halle. Dort lagen mehrere Papiere auf einem Tisch, offenbar gewöhnliche Rechnungen und Listen. Haytham prüfte sie selbst, bevor er sie freigab.
„Nur zusammenlegen“, sagte er. „Nichts lesen, wenn es versiegelt ist.“
„Ich weiß.“
Mr Al Din Issa stellte eine leere Mappe bereit. „Dann haben wir erfreulicherweise bereits eine gemeinsame Grundlage.“
Edward begann zu sortieren. Nicht hastig. Er strich die Blätter glatt, legte beschädigte getrennt und notierte auf einem kleinen Stück Papier, aus welchem Raum sie stammten. Ich beobachtete ihn einen Moment länger, als nötig gewesen wäre.
Auf der Jackdaw hatte er geglaubt, Zurückbleiben bedeute Nutzlosigkeit. Jetzt stand er in Eugenes Haus und tat genau das, was ein kluger Mensch nach einem Kampf tun sollte: nicht noch einen beginnen, sondern Spuren sichern.
„Mama?“
Ich hatte offenbar zu lange geschaut. „Nichts. Mach weiter.“
Sein Mundwinkel hob sich.
Weiter hinten führte ein breiter Flur in den älteren Teil des Hauses. An der Wand hingen Bilder, einige schief, eines mit einem Riss quer durch die Leinwand. Keine Familienporträts, die ich erkannte. Keine heroischen Darstellungen Eugenes, was mich fast enttäuschte. Ich hätte ihm durchaus zugetraut, sich selbst mit dramatischem Licht malen zu lassen.
Connor blieb an einer Tür stehen. „Hier.“
Der Raum dahinter musste ein Arbeitszimmer gewesen sein. Ein großer Schreibtisch stand nahe der Wand, mehrere Regale zogen sich bis fast unter die Decke, und eine Europakarte hing schief neben einem kalten Kamin. Ein Teil der Holzverkleidung an der rechten Wand war herausgebrochen. Vermutlich hatte eine der Erschütterungen die Befestigung gelöst.
Dahinter sah man keinen gewöhnlichen Stein. Dahinter war Dunkelheit.
Haytham blieb sofort stehen. „Nicht anfassen.“
Edward, der gerade einen halben Schritt näher gekommen war, erstarrte mitten in der Bewegung. Mr Al Din Issa berührte kurz seinen Unterarm. Unauffällig, aber entschieden.
„Es ist hohl“, sagte Edward nach einem Moment. „Zumindest dahinter. Vielleicht ein Gang.“
„Oder nur ein Hohlraum“, sagte Connor.
Ich trat näher, ohne die beschädigte Verkleidung zu berühren. Der Armreif wurde nicht heiß. Das bedeutete wenig. Eugene war inzwischen ausgesprochen gut darin geworden, Dinge zu hinterlassen, die nicht sofort schrien, dass man sie besser ignorieren sollte.
Edward sah mich an. In seinen Augen lag diese vertraute Faszination, die er früher bekommen hatte, wenn Edward Senior von versteckten Karten, versunkenen Schiffen oder einem Schloss erzählt hatte, das eigentlich keines gewesen war. Nur war dies kein Abenteuer.
Unser Sohn wusste das inzwischen ebenfalls. Er trat von selbst wieder einen Schritt zurück.
„Wir öffnen das später“, sagte ich.
„Warum nicht jetzt?“ fragte er, und der Ton war weniger Widerspruch als echte Neugier.
Haytham betrachtete die gebrochene Verkleidung. „Weil ein Mann wie Eugene eine offensichtliche Geheimtür entweder offen lässt, damit man sie findet, oder sichert, damit man bereut, sie gefunden zu haben.“
Edward sah noch einmal auf die dunkle Linie hinter dem Holz. „Also zuerst die anderen Räume.“
„Zuerst die lebenden Gefahren“, sagte Haytham. „Dann die toten.“
Ich verschränkte die Arme. „Und die versteckten?“
Er sah mich an. „Die kommen zuletzt.“
Über uns knirschte das Haus, lang und tief, als wollte es zu dieser Reihenfolge noch eine eigene Meinung anmelden.
Connor sah zur Decke. Edward zog die Mappe mit den ersten Papieren fester an sich. Mr Al Din Issa hob die Laterne ein wenig höher.
Ich blickte noch einmal in den schmalen dunklen Spalt hinter der Wand.
Eugene war fort. Sein Haus hatte dagegen gerade erst angefangen, mit uns zu reden.