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Katalonien - Der Keller unter dem Keller

Die Fäden, Die Uns Halten! - Part Iii Der Schicksalhaften Zeitreisen — www.fanfiktion.de · All chapters

Katalonien - Der Keller unter dem Keller

Willkommen ihr Lieben!

Jetzt heißt es das Anwesen zu durchsuchen. Was hat Eugene wirklich hinterlassen?

Wege? Ziele? Artefakte? Seine Pläne um Familie Kenway zu vernichten?

Nein! Er hat einen Namen auf einer Karte hinterlassen, der Alex erstarren lässt!

Yannick!

Ich wünsche gute Unterhaltung beim Lesen und bleibt gesund.

Liebe Grüße eure MrsHEKenway

Zitat Kapitel 53 - Katalonien

Kapitel 53

~~~ Der Keller unter dem Keller ~~~

Katalonien – Dezember 1773

Der schmale dunkle Spalt hinter der beschädigten Wand blieb, wo er war. Haytham ließ ihn noch einen Moment lang im Licht der Laterne liegen, ohne auch nur einen Schritt näherzugehen. Dann schob er den Degen vollständig in die Scheide und wandte sich zu einem der Männer der Jackdaw, die inzwischen im Flur standen.

„Niemand berührt diese Wand“, sagte er. „Niemand versucht herauszufinden, ob dahinter ein Gang, ein Hohlraum oder etwas anderes liegt. Zwei Männer bleiben hier, bis wir zurück sind.“ Der Matrose nickte, und Haytham sah zu Edward. „Das gilt auch für dich.“

Unser Sohn hob bereits die Hände, bevor sein Vater den Satz beendet hatte. „Ich habe nichts vor.“

„Das beruhigt mich nur mäßig.“

Edward verzog den Mund. Mr Al Din Issa blieb, mit einem wissenden Ausdruck im Gesicht, dicht hinter ihm, die Laterne in der Hand. Ich sah noch einmal zur beschädigten Verkleidung. Eugene hatte uns gerade genug gezeigt, um neugierig zu werden, und das allein reichte mir als Grund, ihm nicht sofort zu geben, was er wollte.

Wir teilten uns danach nur so weit auf, dass wir einander noch hören konnten. Mehr Abstand wollte ich in diesem Haus niemandem zumuten. Connor nahm mit zwei Männern der Aquila den linken Gang, während Haytham, Edward, Mr Al Din Issa und ich die Räume auf der rechten Seite kontrollierten. Spanische Stimmen mischten sich mit englischen und gelegentlich französischen, während Matrosen der Jackdaw die abgelegten Waffen einsammelten im Hof. Der Kampf war vorbei, aber Ruhe klang anders.

Der erste Raum war klein und für meinen Geschmack enttäuschend gewöhnlich. Ein Tisch lag auf der Seite, mehrere Gläser waren auf den Steinfliesen zerschellt, und im Kamin glommen noch Papiere. Der Rauch darin war dünn, doch genug davon zog in den Raum, um mir den Hals trocken werden zu lassen.

Haytham trat zur Feuerstelle, nahm den Eisenhaken vom Kamin und zog die halb verbrannten Blätter auseinander, bevor er die letzten Glutnester mit Asche erstickte. Als er Edward heranwinkte, war Mr Al Din Issa bereits neben unserem Sohn und reichte ihm ein gefaltetes Tuch.

„Nicht mit bloßen Händen, Master Edward.“

Edward nahm es mit einer Würde entgegen, als wäre ihm dieser Gedanke selbstverständlich selbst gekommen. „Das hatte ich nicht vor.“

„Dann sind wir uns erfreulicherweise einig.“

Ich ließ die beiden bei Haytham und trat an das Fenster. Von dort oben konnte ich einen Teil des unteren Aufgangs sehen. Zwischen den Felsen standen Fackeln, Männer bewegten sich auf dem gesicherten Weg, und weiter unten lagen Jackdaw und Aquila als dunkle Umrisse auf dem Wasser. Die Laternen an Bord wirkten winzig von hier, aber ihr warmes Licht zog meinen Blick sofort an.

Dort unten waren auch Florence und Helena. Bei Sophia und Sybill, mit Magda und Michael in ihrer Nähe und Männern zwischen ihnen und jedem, der noch auf die dumme Idee kommen konnte, Eugene die Treue zu beweisen. Mein Verstand wusste, dass der untere Bereich gesichert war. Mein Körper sah trotzdem nur, dass meine Töchter noch immer auf Eugenes Grund waren, unter einem beschädigten Anwesen, das knirschte, rauchte und uns viel zu viele Geheimnisse entgegenhielt. Sie waren nicht auf der Jackdaw. Ich war nicht bei ihnen. Das genügte, damit sich Sicherheit noch wie ein Wort anfühlte, das wir uns erst verdienen mussten.

„Mi sol.“

Haythams Stimme holte mich vom Fenster zurück. Er stand am Kamin und hielt ein verkohltes Blatt vorsichtig am äußersten Rand. Die Ränder waren schwarz und brüchig, doch in der Mitte hatte ein Teil eines Siegels überlebt.

Ich trat zu ihm. Ein Kreis war zu erkennen, darin eine Linie und etwas, das wie ein gebrochener Stern aussah. Mein Armreif wurde warm, dass ich meine Hand unwillkürlich drehte. Es fühlte sich jedoch nicht nach einer Warnung an.

„Das kenne ich nicht“, sagte ich.

Haytham betrachtete das Fragment länger. „Ich ebenfalls nicht.“ Seine Stimme klang nicht enttäuscht, sondern auf jene stille Art unzufrieden, die bedeutete, dass ihm eine Ordnung fehlte, auf die er sich verlassen konnte.

Edward beugte sich etwas vor, hielt den Abstand aber ein, den sein Vater ihm angewiesen hatte. „Ist es ein Templerzeichen?“

Mein Templer legte das Blatt auf den Tisch und drehte es so, dass das Licht besser darüber fiel. „Nicht direkt.“

„Aber ähnlich genug, dass man es dafür halten könnte?“

„Ähnlich genug, um absichtlich so zu wirken.“

Das gefiel mir noch weniger als ein unbekanntes Zeichen. Ein fremdes Siegel war nur fremd. Ein Zeichen, das sich an etwas Bekanntes anlehnte, wollte etwas von dem Menschen, der es sah. Vertrauen vielleicht. Oder eine falsche Schlussfolgerung.

„Er legt Spuren“, sagte ich leise. „Nicht nur Verstecke. Er legt echte Spuren und falsche nebeneinander und wartet darauf, dass wir entscheiden, welche davon uns gefällt.“

Haytham sah mich kurz an. „Dann entscheiden wir vorsichtig.“

Aus dem linken Gang kam ein dumpfer Schlag. Es klang als würde etwas gegen Holz gestoßen. Danach hörte ich Connors Stimme, ruhig, deutlich und so nah, dass wir uns sofort bewegten.

„Legt das Messer weg.“

Als wir in den Flur traten, stand dort eine junge Frau mit weißem Gesicht und einem Küchenmesser in der Hand. Hinter ihr kauerten zwei weitere Bedienstete in der offenen Speisekammer: eine ältere Frau und ein Junge, der kaum älter als Edward sein konnte.

Connor hatte seine Klinge nicht gezogen. Das fiel mir als Erstes auf. Seine Hände waren sichtbar, die Haltung angespannt, aber nicht drohend. Einer der Männer der Aquila stand einige Schritte hinter ihm, der andere hielt den Zugang zum Hof frei.

„Sie haben sich hier versteckt“, erklärte Connor, ohne die junge Frau aus den Augen zu lassen. „Ich glaube nicht, dass sie kämpfen will.“

Die Spitze des Küchenmessers zitterte so stark, dass sie kleine Kreise in die Luft zeichnete. Ich brauchte keine Übersetzung für die Angst in ihrem Gesicht.

„Niemand wird euch etwas tun“, sagte ich und wartete, bis Haytham meine Worte auf Spanisch wiederholt hatte. Die Frau sah erst zu mir, dann zu Connor und blieb schließlich an meinem Mann hängen. Ich konnte es ihr nicht verdenken. Haytham sah in diesem Moment nicht aus wie ein Versprechen auf Sicherheit. Er sah aus wie eine sehr gut gekleidete Konsequenz.

Ich trat einen halben Schritt vor ihn, damit sie mich wieder ansehen musste. „Die Kinder sind gerettet. Eugene ist fort. Wer hier nicht für ihn kämpft, wird von uns nicht wie ein Feind behandelt. Legt das Messer weg, dann reden wir.“

Haytham übersetzte ruhig. Die junge Frau hielt sich noch einen Atemzug an dem Griff fest, als wäre das Messer das Einzige, was zwischen ihr und der letzten Stunde stand. Dann öffneten sich ihre Finger. Die Klinge fiel klirrend auf die Fliesen.

Connor hob sie auf und legte sie auf einen Seitentisch außer Reichweite. Erst danach trat die ältere Frau aus der Speisekammer. Sie begann sofort zu sprechen, schnell und überschlagen, und deutete immer wieder in Richtung des hinteren Flurs.

Haytham hörte ihr aufmerksam zu. Sein Gesicht veränderte sich kaum, doch seine Augen wurden schärfer.

„Sie sagt, einige Männer seien kurz vor Eugenes Flucht nach unten gegangen“, übersetzte er. „Keine Bediensteten. Bewaffnete. Vier, vielleicht fünf. Sie haben Kisten getragen.“

Connor sah zum Ende des Ganges. „In den Weinkeller?“

Haytham stellte die Frage auf Spanisch. Die Frau schüttelte heftig den Kopf und schlug ein Kreuz vor der Brust, bevor sie antwortete.

„Nicht in den Weinkeller“, sagte Haytham. „Tiefer.“

Ich schloss für einen Moment die Augen. Natürlich hatte Eugene einen Keller, der tiefer lag als der Keller.

Connor atmete leise durch die Nase aus. „Wie kommt man hinunter?“

Die Frau erklärte es. Eine Treppe hinter dem Vorratsgang, dann ein zweiter Zugang, der normalerweise verschlossen war. Sie wusste nicht, was darunter lag. Bedienstete sollten dort nicht arbeiten und erst recht keine Fragen stellen.

Haytham sah zu Edward. Unser Sohn kannte diesen Blick inzwischen und zog bereits die Schultern zurück.

„Du bleibst hier.“

Edward öffnete den Mund, bekam aber nicht einmal sein erstes Wort vollständig heraus. Haythams Stimme blieb ruhig, gerade deshalb ließ sie keinen Raum für Verhandlungen.

„Du hilfst Mr Al Din Issa bei den Menschen hier oben. Namen, Aufgaben, wer für das Haus gearbeitet hat und wer zu Eugenes bewaffneten Männern gehörte. Du fasst nichts an, was verschlossen, versiegelt oder verborgen ist, und du gehst nicht in den Keller.“

Edward sah zu mir. In seinem Blick lag keine kindliche Bitte, eher die Hoffnung, ich würde eine Ausnahme entdecken, die seinem Vater entgangen war. Leider war Haytham in diesem Punkt nicht nur stur, sondern vernünftig.

„Er hat recht“, sagte ich.

Das traf ihn sichtbar mehr als Haythams Anweisung. Edward presste die Lippen zusammen, sah noch einmal zum hinteren Gang und nickte schließlich. „Ja, Mutter.“

Mr Al Din Issa trat an seine Seite. „Wir werden uns darum kümmern, dass die Menschen hier oben geordnet erfasst werden. Und ich werde darauf achten, dass Master Edward keine Heldentat versehentlich mit Verwaltungsarbeit verwechselt.“

Unser Sohn warf ihm einen beleidigten Blick zu. Mein Mann dagegen klang beinahe zufrieden. „Sehr beruhigend.“

Beleidigt war besser als verletzt. Und wesentlich besser als tot.

◆ ◆ ◆

Connor kam mit uns. Die beiden Männer der Aquila blieben im oberen Flur zurück, einer bei den Bediensteten, der andere am Zugang zum Hof. Je weiter wir in den hinteren Teil des Hauses gingen, desto weniger erreichte uns von draußen. Stimmen wurden zu einem undeutlichen Murmeln, das Klirren gesammelter Waffen verschwand, und selbst das Meer war irgendwann nur noch als tiefer Rhythmus unter dem Stein zu erahnen.

Die Treppe in den ersten Keller war breit genug für zwei Menschen nebeneinander. Weinregale standen dort, Fässer lagen in gemauerten Nischen, und in einer Ecke roch es nach verschüttetem Essig. Nichts daran wäre ungewöhnlich gewesen, wenn die ältere Frau oben nicht von einer zweiten Tür hinter dem Vorratsgang erzählt hätte.

Haytham ging voraus. Das gefiel seinem Knie nicht. Er war zu stolz um zu humpeln, aber ich sah, wie er das Gewicht auf den letzten Stufen vorsichtiger verlagerte. Einmal zog er scharf Luft durch die Nase, so leise, dass Connor es vermutlich überhört hätte. Ich nicht.

„Sag nichts“, murmelte Haytham, ohne sich umzudrehen.

„Ich habe gar nichts gesagt.“

„Du hast gedacht.“

„Dagegen gibt es noch kein Gesetz.“

„Bedauerlicherweise.“

Connor sah über die Schulter zu uns. Sein Mundwinkel bewegte sich. Mehr Kommentar bekam er nicht, weil der Gang vor uns enger wurde.

Die zweite Tür passte nicht zu diesem Teil des Hauses. Zu neues Holz, zu schwere Eisenbeschläge, ein Riegel, der nicht dafür gedacht war, Wein vor neugierigen Bediensteten zu schützen. Dahinter hörten wir Stimmen. Mehrere Männer, gedämpft und hastig. Etwas Schweres schabte über den Boden, hielt an und wurde wieder bewegt.

Haytham ging in die Hocke, soweit sein Knie es zuließ, und betrachtete Schloss, Rahmen und die Stelle, an der der Riegel sitzen musste. Dann wurde sein Blick still.

Ich erkannte den Wechsel sofort. Seine Aufmerksamkeit blieb nicht länger an der Tür hängen, sondern glitt durch Holz und Stein, weiter in den Raum dahinter.

Vier Gestalten zeichneten sich für uns ab. Keine von ihnen stand zufällig dort herum. Zwei hielten sich nahe der Tür, eine bewegte sich zwischen Tisch und Kisten, die vierte weiter hinten an der Wand. Keine Spur von einem verängstigten Bediensteten, keiner, der nur Schutz gesucht hatte.

Connor legte den Kopf leicht schief. Auch sein Blick hatte sich verändert. „Vier.“

Haytham nickte. „Die Frau hatte recht.“

Ich konzentrierte mich auf die hinterste Gestalt. Sie bewegte sich anders als die anderen, nicht zur Tür, sondern entlang der Rückwand. Gleichzeitig schabte etwas Schweres über Stein.

„Der dort hinten arbeitet an etwas“, sagte ich leise.

Connor folgte meiner Aufmerksamkeit. „An der Wand.“

Haythams Blick wurde wieder scharf und gewöhnlich. „Dann sollten wir ihm nicht mehr Zeit geben.“

Haytham richtete sich auf und hob zwei Finger. Dieses Zeichen brauchte keine Erklärung. Connor glitt nach links an die Wand, ich nahm die rechte Seite, und Haytham blieb vor der Tür. Für einen Moment hörte ich nur das Holz, das hinter der Wand über Stein kratzte, und meinen eigenen Atem.

Er versuchte es nicht mit einem Tritt. Dafür hätte ich ihn vermutlich später persönlich Michael ausgeliefert. Stattdessen deutete Haytham auf einen kurzen Eisenhebel, der neben einem Fass lehnte. Connor nahm ihn, setzte ihn zwischen Tür und Rahmen an und prüfte den Winkel.

„Beim Riegel“, sagte Haytham leise. „Nicht am Scharnier.“

Connor nickte. Gemeinsam drückten sie. Das Holz ächzte, hielt aber. Haytham verlagerte das Gewicht auf sein gesundes Bein und setzte die Schulter gegen den Rahmen. Beim zweiten Versuch splitterte etwas hinter dem Beschlag.

Drinnen brach lautes Fluchen aus.

„Noch einmal.“

Connor setzte neu an. Ich legte die freie Hand an die Kante, mehr um die Tür nach dem Brechen kontrollieren zu können als um Kraft beizusteuern. Beim dritten Druck sprang der Riegel aus dem Holz.

Die Tür gab schwer und widerwillig nach, bis Connor sie mit dem Hebel weit genug nach innen gedrückt hatte, dass wir hindurchkonnten.

Der Raum dahinter war niedrig und voller Staub. Zwei Kisten standen nahe der hinteren Wand. Auf einem Tisch brannte eine Laterne neben einem Bündel Karten. Vier Männer waren im Raum. Der fünfte, falls es ihn gegeben hatte, war bereits fort oder hatte nie existiert.

Einer griff nach einer Pistole.

Connor war schneller. Er schlug den Lauf zur Seite, bevor der Mann richtig zielen konnte. Der Schuss fuhr in die Decke. In einem gesunden Haus wäre das unangenehm gewesen. In einem Gebäude, das seit Stunden unter Kanonenfeuer gelitten und bereits Teile seiner Mauern verloren hatte, war das eine ausgesprochen schlechte Idee.

Der Knall war kaum verklungen, da rieselte Staub in einer breiten Wolke auf uns herab. Irgendwo über uns antwortete Holz mit einem tiefen Knacken. Für einen Augenblick sah ich Haythams Blick nach oben springen. Dann griff der nächste Mann mich an.

Ich duckte mich unter seinem Hieb weg und rammte ihm den Dolchgriff gegen die Schläfe. Er taumelte gegen die Wand. Sein zweiter Versuch kam langsamer, und diesmal fing ich sein Handgelenk ab, drehte es nach außen und stieß ihn mit der Schulter gegen den Tisch. Die Laterne schwankte gefährlich. Ich packte sie mit der freien Hand und stellte sie auf den Boden, bevor der ganze Keller noch beschloss, Feuer sei die einzige Katastrophe, die uns fehlte.

Haytham entwaffnete den dritten Mann mit einer Bewegung, die beinahe beleidigend elegant gewesen wäre, wenn sein Knie dabei nicht einen kurzen Verrat begangen hätte. Sein Stand brach für einen Herzschlag ein, kaum sichtbar. Er fing sich über die Hüfte, verlagerte das Gewicht und setzte die Klinge dem Mann an die Kehle, als wäre genau das sein Plan gewesen.

Ich merkte mir den Moment für später. Michael würde ihn ohnehin untersuchen. Ich konnte ergänzen, was Haytham ihm zu verschweigen versuchte.

Der vierte Mann hatte währenddessen offenbar entschieden, dass Loyalität zu Eugene nicht einschloss, mit uns im Keller zu sterben. Er rannte zur hinteren Wand. Dort war kein Ausgang, nur ein Regal voller leerer Flaschen und alter Kisten. Erst als er mit der Schulter gegen einen bestimmten Stein drückte, bewegte sich der Rahmen.

Ein Teil des Regals sprang nach vorn.

„Connor!“

Ich hätte mir den Ruf sparen können. Er war bereits unterwegs. Der Mann hatte einen Fuß in der schmalen Öffnung, als Connor ihn am Mantel packte und zurückriss. Beide stießen gegen die Wand. Der Flüchtende schlug um sich, wild und ohne Technik. Connor fing den Arm ab, drehte ihn nach hinten und brachte ihn kontrolliert auf den Boden.

„Da ist ein Gang“, sagte er, während er dem Mann das Knie zwischen die Schulterblätter setzte.

Die Öffnung hinter dem Regal war kaum breit genug für einen Menschen. Dahinter lag Dunkelheit. Keine Fackel, keine Treppe, nur ein schmaler Hohlraum, aus dem mir kalte Luft entgegenstrich.

Ich blieb davor stehen und roch Salz.

Nicht den abgestandenen Geruch dieses Kellers. Frisches, feuchtes Salz. Meer.

„Ein Ausgang?“ fragte Connor.

Haytham trat näher, ohne die Klinge vom Gefangenen zu nehmen. Sein Blick lag auf der Öffnung. „Oder ein Zugang.“

Der Luftzug war kühl genug, dass sich die Härchen an meinen Armen aufstellten. Für einen Moment hatte ich das seltsame Gefühl, dass die Kälte tiefer ging als die katalanische Nacht. Mein Armreif reagierte nicht mit Hitze. Er wurde schwer und still.

Ich wollte einen Schritt nähergehen.

Haytham sagte nur meinen Namen.

Ich blieb stehen. Nicht weil ich plötzlich keine Fragen mehr hatte, sondern weil ich inzwischen genug von Eugenes Wegen kannte, um nicht jedem offenen Spalt sofort zu folgen. Hinter uns lagen vier Männer, zwei Kisten, ein Tisch voller Karten und ein Haus, das sich über unseren Köpfen bereits hörbar überlegte, wie lange es noch stehen wollte.

„Später“, sagte ich.

„Sehr viel später“, erwiderte Haytham.

Connor zog den Gefangenen auf die Knie und fesselte ihm die Hände mit dessen eigenem Gürtel. „Ich bewache den Gang.“

„Niemand geht hinein“, sagte Haytham. „Auch nicht, wenn du dort Stimmen hörst.“

Connor sah kurz in die Dunkelheit. „Verstanden.“

◆ ◆ ◆

Haytham wandte sich erst danach dem Tisch zu. Genau das war so typisch für ihn, dass ich beinahe lachen musste. Hinter einer Wand hatte sich gerade ein verborgener Gang geöffnet, der nach Meer roch, und mein Mann ging zu den Papieren, weil Papier im Augenblick die greifbarere Gefahr darstellte.

„Mi sol.“

Seine Stimme war leise geworden. Ich kannte diesen Ton. Er hatte etwas gefunden, das er nicht laut durch den Raum tragen wollte.

Ich ging zu ihm. Auf dem Tisch lag Europa.

Es war keine einzelne Karte. Mehrere Blätter waren übereinandergelegt, an den Rändern mit dünnen Streifen befestigt und durchzogen von Linien, Nadeln und kleinen Wachspunkten. Einige Wege folgten Straßen oder Küsten. Andere ignorierten jede vernünftige Geografie. Frankreich war markiert, Wien, Preußen, London, Venedig und New York. Weitere Punkte lagen dort, wo ich keinen Namen lesen konnte.

Auf den ersten Blick sah es aus wie ein Netz.

Auf den zweiten noch mehr.

Linien liefen nach Norden, Osten und Westen, kreuzten sich, verschwanden unter anderen Blättern und tauchten an Stellen wieder auf, die keinen offensichtlichen Zusammenhang hatten. Manche Markierungen waren sauber beschriftet. Andere bestanden nur aus Initialen oder Farben. Ich konnte nicht erkennen, was davon tatsächlich einen Weg bezeichnete und was nur Eugenes Vorstellung davon war.

Dann sah ich den Namen.

Er stand nicht sauber in einer Kartusche wie die Orte. Nicht mit der gleichen Handschrift und nicht dort, wo ein Mensch einen Städtenamen erwartet hätte. Zwischen zwei Linien, über einer Fläche, auf der eigentlich nur Wasser liegen sollte, hatte jemand ein einziges Wort geschrieben.

Yannick.

Meine Finger wurden kalt, obwohl der Armreif an meinem Handgelenk gleichzeitig warm wurde.

Ich hörte Connor hinter uns mit dem Gefangenen sprechen. Ich hörte irgendwo einen Tropfen fallen. Ich hörte sogar das leise Arbeiten des Hauses über uns. Trotzdem schien alles weiter weg zu rücken, als hätte sich der Raum um diesen Namen zusammengezogen.

Haytham stand schweigend neben mir. Er kannte mich gut genug, um zu wissen, dass manche Dinge erst in meinem eigenen Kopf ankommen mussten, bevor eine Hand half. Sein Blick lag auf der Karte, dann auf meinem Gesicht.

„Er kennt seinen Namen“, sagte ich.

Mehr brachte ich im ersten Moment nicht heraus.

Haytham nickte langsam. „Ja.“

„Nicht nur meinen. Nicht nur uns hier.“ Ich legte die Hand auf die Tischkante, weil sie irgendwohin musste. „Er kennt Yannick.“

Der Name meines Sohnes in Eugenes Handschrift fühlte sich schlimmer an als jede Nadel auf der Karte. Noch wusste ich nicht, was er bedeutete. Ich wusste nicht, ob Eugene Yannick gesehen hatte, ob jemand ihn beobachtete oder ob der Name nur als Ziel, Möglichkeit oder Drohung dort stand. Genau diese Unwissenheit machte es unerträglich.

„Wir wissen noch nicht, was diese Markierung aussagt“, sagte Haytham. Seine Stimme war ruhig, aber nicht beschwichtigend. Er versuchte nicht, den Fund kleiner zu machen. „Nur dass Eugene ihn in dieses System aufgenommen hat.“

„System.“ Ich sah wieder auf die Linien. „Das klingt viel zu ordentlich.“

Haytham strich mit dem Blick über die verschiedenen Karten. „Dann gib ihm einen besseren Namen.“

Ich atmete langsam aus. Das Anwesen über uns war kein einfacher Zufluchtsort gewesen. Zu viele Wege liefen hier zusammen. Zu viele Namen. Zu viele Orte, die Eugene kannte oder kennen wollte.

„Ein Verteilerpunkt“, sagte ich schließlich. Das Wort kam aus meiner Zeit und passte gerade deshalb. „Ein Knotenpunkt. Er sammelt hier Informationen, Wege, vielleicht Menschen. Irgendetwas läuft durch dieses Haus und wieder hinaus.“

Haytham sah auf die dunkle Öffnung hinter Connor. „Dann ist das Anwesen selbst nur die sichtbare Hülle.“

„Ein verseuchter Knoten“, murmelte ich. „Und wir stehen mitten darin.“

Connor hob den Blick vom Gefangenen. „Wenn das ein Knoten ist, können die Linien auch absichtlich falsch gesetzt sein.“

„Davon gehe ich aus“, sagte Haytham.

Ich sah auf die Karten. Mein erster Impuls war trotzdem derselbe. „Wir nehmen alles mit.“

Haytham antwortete nicht sofort. Er zog eine der Nadeln aus dem Papier, hielt sie im Licht der Laterne und betrachtete die dunkle Spitze. „Nein.“

Ich drehte den Kopf zu ihm.

Er legte die Nadel wieder exakt an dieselbe Stelle. „Wir nehmen alles mit, von dem wir sicher feststellen können, dass es echt ist oder zumindest als Fundstück sauber dokumentiert werden kann. Wir reißen nicht wahllos jede Markierung aus ihrem Zusammenhang und bringen sie auf ein Schiff, auf dem unsere Kinder schlafen.“

Das war ärgerlich vernünftig.

Connor blickte auf die Karte. „Und was davon ist falsch?“

Haythams Mundwinkel bewegte sich kaum. „Bei Eugene? Vermutlich genug, um uns Jahre zu beschäftigen.“

Ich ließ den Blick noch einmal über die Linien wandern. „Dann dokumentieren wir zuerst, bevor wir etwas verändern.“

„Genau.“

Der Unterschied zwischen uns war manchmal lächerlich klein. Ich wollte alles sofort mitnehmen, Haytham wollte zuerst festhalten, wo es gelegen hatte, und am Ende würden wir wahrscheinlich dasselbe tun, nur mit mehr Listen.

Ich beugte mich über die Karte, ohne sie zu berühren. Neben Wien steckte eine Nadel mit dunklem Wachspunkt. London war mehrfach markiert. Venedig lag an einer Linie, die nicht dort endete, wo ich es erwartet hätte. New York war mit einem kleinen Zeichen versehen, das ich nicht kannte. Nichts davon gab mir eine Antwort auf Yannick.

Das war vielleicht das Schlimmste.

Wenn dort eine klare Drohung gestanden hätte, hätte ich etwas tun können. Wenn dort ein Datum oder ein Ort gestanden hätte, hätte ich handeln können. Stattdessen hatte Eugene nur den Namen meines Sohnes zwischen seine Wege geschrieben und mir damit gezeigt, dass seine Reichweite größer war, als ich bis zu dieser Nacht hatte wahrhaben wollen.

Haytham stand dicht neben mir. „Wir finden heraus, was davon Bedeutung hat.“

„Und wenn die Bedeutung darin besteht, dass er schon viel länger an Yannick herankommt, als wir denken?“

Sein Blick wurde hart. „Dann wissen wir zumindest, wonach wir suchen müssen.“

Ich hätte gern eine tröstlichere Antwort gehabt. Aber eine ehrliche war mir lieber.

Hinter Connor kam wieder der kalte Luftzug aus dem Geheimgang. Die Flamme der Laterne neigte sich kaum merklich. Mein Armreif blieb warm, ohne zu brennen.

„Nicht jetzt“, sagte Haytham leise.

Ich sah ihn an.

„Du schaust schon wieder zum Gang.“

„Ich kann zwei Dinge gleichzeitig beunruhigend finden.“

„Das bezweifle ich nicht.“

Sein Daumen strich einmal über den Rand der Karte, ohne das Papier selbst zu berühren. „Aber wir untersuchen zuerst das, was vor uns liegt.“

Ich nickte. Noch hatte der Gang keinen Namen. Yannick auf der Karte war bereits mehr, als ich für eine Nacht brauchte.

◆ ◆ ◆

Von oben drang eine Stimme durch die Kellertreppe. Erst undeutlich, dann lauter.

„Mutter?“

Ich fuhr herum. Haytham tat dasselbe.

Edward rief ein zweites Mal, blieb aber offenbar oben. Genau dort, wo sein Vater ihn haben wollte.

„Wir sind hier“, antwortete ich.

Mr Al Din Issas Stimme folgte, ruhiger und besser getragen. „Sir, Captain. Master Edward hat im Arbeitszimmer etwas gefunden, das wir für wichtig genug halten, um Euch zu informieren. Wir haben nichts geöffnet oder bewegt.“

Haytham sah zur Karte, zum Geheimgang und schließlich zur Treppe. Ich wusste genau, wie sehr ihm widerstrebte, Edward auch nur in die Nähe dieses Kellers zu lassen. Gleichzeitig hatte er unserem Sohn gerade beigebracht, dass man einen ungewöhnlichen Fund meldete, anstatt selbst daran herumzuprobieren.

„Bis zur unteren Tür“, rief er schließlich. „Mit Mr Al Din Issa. Ihr kommt nicht weiter in den Raum.“

Es dauerte einige Minuten, bis Schritte auf der Treppe zu hören waren. Edward erschien zuerst im Gang, Mr Al Din Issa unmittelbar hinter ihm. Unser Sohn blieb an der Schwelle stehen, noch bevor Haytham ihn daran erinnern musste. Sein Gesicht war blass vom Rauch und der Müdigkeit, seine Augen dagegen hellwach.

„Was hast du gefunden?“ fragte Haytham.

Edward sah kurz zu mir, dann zu seinem Vater. „Im Arbeitszimmer. Der Schreibtisch hat eine Schublade, die nicht zu den anderen passt. Nicht die Griffe. Das Holz.“

Haytham hob leicht die Braue.

„Die Maserung läuft an einer Seite anders“, erklärte Edward. „Als wäre ein Stück eingesetzt worden. Mr Al Din Issa hat es auch gesehen. Wir haben nicht gedrückt und nichts herausgezogen.“

Sein Kammerdiener neigte den Kopf. „Das ist korrekt, Sir. Master Edward hat die Unregelmäßigkeit bemerkt und mich gerufen. Danach haben wir den Bereich nicht mehr berührt.“

„Außerdem ist an der Kante etwas wie ein Siegel“, fügte Edward hinzu. „Oder mehrere. Ich konnte es nicht erkennen, ohne näher heranzugehen, und das sollte ich nicht.“

Haytham ließ einen Moment verstreichen. Edward wurde mit jeder Sekunde angespannter, obwohl er sich sichtbar bemühte, es nicht zu zeigen.

„Gut“, sagte ich.

Edward sah zu mir. Ich lächelte. „Du hast etwas gesehen, du hast es nicht angefasst und du hast jemanden geholt. Genau das solltest du tun.“

Sein Blick wanderte sofort wieder zu Haytham.

Mein Mann ließ ihn nur einen Herzschlag warten. „Sehr gut.“

Edward strahlte nicht. Zumindest war er überzeugt davon. Sein Gesicht wurde trotzdem heller.

„Ihr beide geht wieder nach oben“, sagte Haytham. „Die Schublade bleibt unangetastet. Niemand öffnet sie, bis wir dort sind.“

Edward nickte diesmal ohne jeden Widerspruch. „Ja, Vater.“

Mr Al Din Issa wandte sich mit ihm zum Gehen. Bevor sie die Treppe erreichten, bebte das Haus.

Es war kein einzelner Schlag. Ein langes, tiefes Knirschen lief durch die Wände, als würden irgendwo über uns mehrere Steine gleichzeitig ihren Halt verlieren. Staub rieselte von der Decke und legte sich auf die Karten. Connor zog den Gefangenen instinktiv ein Stück vom Geheimgang weg. Haytham sah nach oben.

„Wir bleiben nicht länger als nötig.“

„Diesmal werde ich dir nicht vorwerfen, dich zu wiederholen“, sagte ich.

Edward blieb auf der Treppe stehen. „Was ist mit den Bediensteten?“

Haytham antwortete, ohne die Decke aus den Augen zu lassen. „Sie werden gesammelt und befragt. Wer nur für das Haus gearbeitet hat, bleibt unter Schutz, bis die Wege sicher sind. Bewaffnete Männer werden getrennt gehalten. Niemand verlässt das Gelände, solange wir nicht wissen, ob draußen noch Eugenes Leute warten.“

Connor zog den Gefangenen endgültig auf die Füße. „Und das Anwesen?“

Ich sah zu Haytham.

Sein Blick wanderte über die Karten, die Kisten, die offene Wand hinter dem Regal und schließlich zurück zu dem Staub, der auf den Tisch gefallen war.

„Ich habe es gerade vorläufig beschlagnahmt.“

Trotz allem musste ich ihn ansehen. „Das klingt erschreckend nach dir.“

„Das war beabsichtigt.“

„Nur damit wir uns verstehen: Wir ziehen hier nicht ein.“

„Darüber bestand meinerseits keine Gefahr.“

Connor ließ ein kurzes Lachen hören. Edward, der noch auf der Treppe stand, sah zwischen uns hin und her, als versuche er zu entscheiden, ob das gerade wirklich der richtige Zeitpunkt für diese Unterhaltung war.

„Vorläufige Kontrolle“, erklärte Haytham. „Kein Eigentumswechsel. Die Waffen, Gefangenen, Bediensteten und Funde bleiben geordnet, bis wir wissen, was hier sicher ist und was nicht.“

Damit konnte ich leben.

Mr Al Din Issa führte Edward wieder nach oben. Erst als ihre Schritte verklungen waren, ging ich zurück zum Tisch.

Yannicks Name stand noch immer dort.

Ich dachte an Florence, die weiter unten bei Sophia vielleicht inzwischen einen zweiten Schluck Brühe genommen hatte, und an Helena, die warm in Sybills Armen lag. An Magda, die vermutlich gleichzeitig Kinder, Verbände und Essen im Auge behielt, und an Michael, der Haythams Knie beim nächsten Wiedersehen ohnehin keine Wahl lassen würde. Ich dachte an Edward, der eben eine falsche Schublade gefunden und tatsächlich die Finger davon gelassen hatte, und an Connor, der trotz seiner eigenen Verletzung den verborgenen Ausgang bewachte.

Vor allem dachte ich daran, dass Eugene verletzt und fort war. Unsere Töchter waren nicht länger in seiner Gewalt, und trotzdem hatte er uns einen Namen auf einer Karte hinterlassen, der mir zeigte, wie wenig wir von seinem eigentlichen Netz verstanden.

Besiegt war er nicht. Nicht einmal annähernd.

Ich zog die erste Karte vorsichtig zu mir, ohne eine Nadel zu verschieben. „Dann fangen wir an.“

Haytham trat an meine Seite. Connor blieb bei dem offenen Gang und dem Gefangenen, während über uns wieder irgendwo Mörtel aus einer Fuge brach. Eugenes Haus begann Stück für Stück auseinanderzufallen. Was er darin verborgen hatte, würden wir in dieser Nacht nicht vollständig begreifen, aber wir konnten anfangen, seine Spuren aus dem Rauch zu ziehen, bevor die Mauern sie mit sich nahmen.