Katalonien - Was aus dem Rauch gerettet wird
Katalonien - Was aus dem Rauch gerettet wird
Hallo ihr Lieben!
Der Kampf ist vorbei, Eugene ist fort und Alex und Haytham beginnen
mit der Durchsuchung des langsam in sich zusammenbrechenden Anwesens.
Was sie aber finden, wird gerade Alex noch eine Weile beschäftigen!
Eugenes perfide Pläne werden jetzt immer klarer und vor allem greifbarer!
Ich wünsche euch gute Unterhaltung beim Lesen und bleibt gesund!
Liebe Grüße eure MrsHEKewnay
Zitat Kapitel 54 - Katalonien
Kapitel 54
~~~ Was aus dem Rauch gerettet wird ~~~
Katalonien – Dezember 1773, Nacht
Das Haus antwortete auf meine Worte mit einem mahnenden Knirschen. Über uns rieselte irgendwo Mörtel aus einer Fuge, und Connor hob den Blick zur Decke, ohne den Gefangenen aus den Augen zu lassen. Offenbar hatte das Anwesen eine eigene Meinung dazu, wie viel Zeit wir noch besaßen.
Haytham schwieg. Das war selten beruhigend. Sein Blick ging über die Karten, die beiden Kisten, den Tisch und die schmale Öffnung hinter dem verschobenen Regal, aus der noch immer diese kalte, salzige Luft strich. Er rechnete bereits. Menschen, Wege, Funde, Zeit – und vermutlich auch mit der Wahrscheinlichkeit, dass uns das ganze verdammte Haus irgendwann auf den Kopf fiel.
„Wir bleiben nicht länger als nötig.“
Ich sah ihn an. „Das hattest du bereits erwähnt.“
„Dann betrachte es als Wiederholung mit Nachdruck.“
Einer dieser typischen Sätze meines Gatten. Ich hätte sogar darüber gelächelt, wenn der Staub auf meiner Zunge nicht nach Rauch, altem Stein und Eugene geschmeckt hätte.
Connor zog den Mann am Boden weiter von dem offenen Gang fort und kontrollierte noch einmal dessen Fesseln. „Wie lange gibst du dem Haus?“
Haytham sah zur Decke. „Lange genug, um die unmittelbaren Gefahren zu sichern und die wichtigsten Funde zu bergen. Nicht lange genug für Neugier.“
„Das ist viel zu ungenau.“
„Es ist ein einsturzgefährdetes Anwesen, Connor. Wenn du eine präzise Uhrzeit möchtest, musst du das Haus fragen.“
Connor ließ ein kurzes, trockenes Geräusch hören, das beinahe ein Lachen war. Danach wandte sich Haytham an einen der Männer, die inzwischen an der Kellertür warteten. Zwei Gefangene waren bereits nach oben gebracht worden; der dritte stand unter Bewachung, und der vierte kniete noch bei Connor.
„Bringt ihn zu den anderen. Getrennt von den Bediensteten und getrennt von jenen, die ihre Waffen freiwillig niedergelegt haben.“ Haytham deutete anschließend auf den Treppenaufgang. „Und holt Master Edward mit Mr Al Din Issa. Nur die beiden. Sie kommen bis zu diesem Tisch und keinen Schritt weiter.“
Der Matrose nickte und verschwand nach oben.
Ich hob eine Braue. „Du holst ihn tatsächlich wieder herunter.“
„Der Raum ist gesichert. Die Männer sind entwaffnet. Connor bleibt am Gang, und unser Sohn hat bewiesen, dass er eine Anweisung befolgen kann, auch wenn sie ihm nicht gefällt.“ Haythams Blick glitt zu den Karten. „Außerdem brauchen wir jemanden, der lesen, vergleichen und notieren kann, ohne gleichzeitig eine Waffe in der Hand halten zu müssen.“
„Du könntest ihm einfach sagen, dass du seine Hilfe möchtest.“
„Das tue ich gerade.“
„Nein. Du erklärst mir, warum du seine Hilfe möchtest.“
Haytham sah mich an, als wäre dieser Unterschied rein theoretischer Natur. Ich ließ ihn damit davonkommen. Für den Augenblick.
Die Karte mit Yannicks Namen lag noch immer vor mir. Ich zwang mich, nicht wieder daran hängen zu bleiben. Der Name war da. Das änderte sich nicht, wenn ich ihn hundertmal ansah, und im Moment konnte ich meinem Sohn in der Zukunft mehr helfen, indem ich Eugenes Ordnung auseinander nahm, als indem ich mich von einem einzigen Wort auf Papier lähmen ließ.
Als Schritte auf der Treppe zu hören waren, erschien Edward zuerst. Mr Al Din Issa folgte unmittelbar hinter ihm und hielt die Laterne so, dass unser Sohn den unebenen Boden sehen konnte. Edward blieb an der unteren Tür stehen, obwohl Haytham ihn noch gar nicht daran erinnert hatte.
„Bis zum Tisch“, sagte Haytham. „Nicht zum Gang.“
Edward nickte ernst und kam näher. In seinem Gesicht stand dieselbe Mischung aus Müdigkeit und konzentrierter Neugier, die ich inzwischen nur zu gut kannte. Er sah die Kisten, die Karten und den Mann, den Connor gerade einem Matrosen übergab, ohne nach Einzelheiten zu fragen.
Mr Al Din Issa trat an seine Seite. „Master Edward wird bei mir bleiben, Sir.“
„Das setze ich voraus.“ Haytham wies auf die freie Ecke des Tisches. „Du liest nur, was wir dir geben. Du fasst nichts an, das verschlossen ist. Kein Siegel wird gelöst, kein Buch geöffnet, keine Markierung abgekratzt. Wenn etwas ungewöhnlich warm, kalt, beweglich oder auf andere Weise interessant wird, sagst du es, bevor du entscheidest, dass du dich geirrt hast.“
Edward hörte so aufmerksam zu, als würde sein Vater ihm gerade die Regeln für ein Duell erklären. „Und wenn ich mir nicht sicher bin?“
Haytham sah ihm direkt in die Augen. „Dann bist du dir nicht sicher. Das genügt als Grund, es nicht anzufassen.“
Edward nickte langsam. Mir gefiel diese Lektion. Klugheit zeigte sich nicht immer darin, mutig genug zu sein, etwas anzufassen. Manchmal lag sie genau darin, die Finger davon zu lassen.
„Fangen wir mit der Kiste an, die nicht versucht, uns einzuladen“, sagte ich.
Edward sah von mir zu der flachen, lederbezogenen Kiste. „Die andere versucht das wirklich?“
„Ich weiß nicht, ob versuchen das richtige Wort ist.“ Ich trat näher, ohne sie zu berühren. „Aber sie wartet. Oder sie möchte, dass jemand glaubt, sie würde warten.“
„Kisten warten nicht“, sagte Edward vorsichtig.
„Gewöhnliche nicht. Da hast du recht.“
Haytham stellte sich ganz selbstverständlich so, dass er zwischen Edward und der flachen Kiste stand. Sein Blick ging kurz zu seinem Vater und anschließend wieder zum Deckel.
„Dann öffnen wir sie nicht“, entschied Edward.
Haytham sah ihn an. „Das ist eine gute Entscheidung.“
Edward richtete sich unwillkürlich ein wenig auf. Mr Al Din Issa sagte nichts, aber in seinem Gesicht lag jene höfliche Ruhe, hinter der sich vermutlich ein zufriedenes Lächeln verbarg.
Die größere Kiste aus dunklem Holz wirkte dagegen fast beruhigend gewöhnlich. Aber nur fast. Haytham untersuchte das schwarze Wachssiegel, die Beschläge, Scharniere, den Boden und die Kanten mit einer Gründlichkeit, die jeden anderen Menschen wahnsinnig machen konnte – mich zum Beispiel – und gerade deshalb in dieser Nacht wahrscheinlich Leben rettete.
Connor kam aus dem Gang zurück, nachdem der letzte Gefangene abgeführt worden war, und hockte sich auf der anderen Seite der Kiste hin. „Keine Drähte.“
„Zumindest keine sichtbaren“, ergänzte Haytham nachdenklich.
Connor nickte. Sie prüften weiter, bis mein Armreif selbst nach mehreren Atemzügen still blieb. Ich hielt die Hand wenige Fingerbreit über das Holz. Kein Ziehen, kein Brennen, keine fremde Kälte.
„Sie ist wirklich still“, sagte ich.
Edward runzelte die Stirn. „Bedeutet das, dass sie harmlos ist?“
„Es bedeutet, dass sie entweder harmlos ist oder besser lügt als die andere.“
Connor sah mich an. „Sehr beruhigend.“
„Ich bemühe mich.“
Haytham löste schließlich das Siegel. Der Deckel knarrte trocken, als er ihn anhob. Darunter lagen Mappen, sauber gebündelt und mit Schnüren zusammengehalten. Einige waren versiegelt, andere nur beschriftet. Die Handschriften wechselten von ordentlich zu hastig, von groß zu so klein, dass die Buchstaben beinahe wie Insekten über das Papier krochen.
Edward beugte sich ein wenig vor, ohne Haythams Grenze zu überschreiten. „Namen.“
Auf der obersten Mappe standen zwei Worte: Gebundene Linien.
Mein Magen zog sich zusammen. Nach der Karte mit ihren Wegen, Namen und Verbindungen gefiel mir dieser Titel überhaupt nicht. Er klang nicht nach einer Sammlung zufälliger Aufzeichnungen, sondern nach dem Versuch, Dinge miteinander zu verknüpfen, die vielleicht besser getrennt geblieben wären.
Mein Templer betrachtete zunächst nur das Siegel und ließ den Blick anschließend über die übrigen Bündel in der Kiste wandern.
„Der Titel sagt uns leider nicht, was darin liegt“, sagte er.
„Nein. Aber Eugene hatte bisher selten ein Talent für beruhigende Überschriften.“
Edward zeigte mit dem Kinn auf eine kleine Markierung am Rand. „Das Zeichen dort kenne ich.“
Ich folgte seinem Blick. „Woher?“
„Aus dem Buch im Arbeitszimmer. Von den Seiten, die offen lagen.“ Er sagte es sofort, bevor Haytham fragen konnte. „Ich habe nichts umgeblättert. Mr Al Din Issa war dabei.“
„Das stimmt, Sir“, bestätigte sein Kammerdiener. „Ich hielt es für weniger gefährlich, Master Edward eine bereits offene Seite lesen zu lassen, als ihn im Flur stehen zu lassen und sich auszumalen, was er verpasst.“
Haytham atmete langsam durch die Nase aus. „Eine vernünftige Einschätzung.“
Edward wurde sichtbar größer, ohne sich auch nur einen Zoll zu bewegen. Ich kannte dieses Kunststück inzwischen.
„Was bedeutet das Zeichen?“ fragte ich.
Er brauchte einen Moment. Seine Augen wurden schmal, als würde er die Seite in Gedanken noch einmal vor sich sehen. „Nicht öffnen, wenn der zweite Teil fehlt. Es war kein Verbot. Eher eine Warnung. Ein Zeichen allein kann einen Weg zeigen, der nur sicher aussieht. Erst zwei zusammen sagen, ob er wirklich vollständig ist.“
Haytham betrachtete die Markierung erneut. „Dann fehlt uns die Ergänzung.“
„Oder sie liegt absichtlich an einem anderen Ort“, sagte ich. Der Gedanke passte viel zu gut zu Eugene. Dinge trennen. Bekanntes imitieren. Menschen dazu bringen, selbst die falsche Verbindung herzustellen.
Edward nickte. „Damit nur jemand öffnet, der beides kennt.“
„Dann wird diese Mappe nicht geöffnet“, entschied Haytham. „Sie bleibt in der Kiste. Wir versiegeln alles neu und bringen es auf die Jackdaw. Dort wird es dokumentiert und unter Bewachung verwahrt.“ Sein Blick wanderte zu Edward. „Und niemand liest darin, nur weil Neugier sich als Forschungsdrang verkleidet.“
Edward hob die Hände. „Ich habe nichts gesagt.“
„Ich kenne dich.“
Edward verzog den Mund. „Das ist trotzdem ungerecht.“
„Das nennt man elterliche Erfahrung“, sagte ich.
Edward öffnete den Mund, sah erst mich und dann seinen Vater an und entschied sich mit bemerkenswerter Vernunft dagegen. Connor wandte den Kopf zur Seite. Sein Mundwinkel verriet ihn trotzdem.
Das Haus knirschte erneut und nahm uns den kleinen Moment, bevor er zu bequem werden konnte.
Wir arbeiteten weiter. In der ersten Kiste lagen Bücher, die sich zur Abwechslung tatsächlich wie Bücher verhielten, dazu Rechnungen, Schiffsvermerke, versiegelte Briefe und ein kleines Kästchen mit dünnen Metallplättchen. Auf ihnen standen Ortsnamen: Wien. Bristol. Venedig. New York. Frankreich. Virginia.
Eine Prägung war so stark abgeschabt, dass kaum mehr als „Wj…“ zu erkennen war.
Ich sah einen Atemzug zu lange darauf. Mein Armreif wurde unangenehm schwer.
Haytham bemerkte es. Natürlich. „Nicht jetzt, mi sol.“
Ich legte das Plättchen zurück mit den Worten, dass es mir durchaus bewusst ist. Sein Blick verriet deutlich, was er von meiner Überzeugung hielt. „Ich arbeite daran“, fügte ich hinzu.
Die flache Lederkiste blieb geschlossen. Haytham ließ ein Stück roten Stoff holen und legte es über den Deckel. Rot bedeutete ab diesem Moment: nicht berühren, nicht öffnen, nicht zu den Kindern bringen. Ein einfacher Code, den jeder Matrose verstand, ohne wissen zu müssen, warum eine Kiste warten konnte.
Eine kleine Bronzescheibe mit einem eingeritzten Kreis und neun Punkten erhielt dieselbe Markierung, nachdem sie sich in Connors Hand von selbst ein winziges Stück gedreht hatte. Connor legte sie sehr langsam auf das Tuch zurück und hielt die Finger noch einen Moment darüber, als traue er selbst seiner Wahrnehmung nicht.
„Ich habe sie nicht bewegt.“
„Das glaube ich dir“, sagte ich.
Edward betrachtete die neun Punkte aus sicherer Entfernung. „Warum macht sie das?“
„Vielleicht weil sie wollte, dass wir bemerken, dass sie es kann.“
Haytham griff bereits nach dem nächsten roten Tuch. „Dann hat sie ihren Zweck erfüllt. Sie bleibt hier.“
Ich sah von ihm zur Scheibe. „Die würde ich nur ungern unter einem einstürzenden Haus begraben lassen. Wenn diese neun Punkte irgendwann etwas bedeuten, ärgern wir uns später darüber, dass wir nur noch unsere Erinnerung daran besitzen.“
Sein Blick wurde schärfer. „Du willst sie auf die Jackdaw bringen.“
„Nur bis zu meiner Truhe.“ Ich deutete auf die Scheibe, ohne mich ihr zu nähern. „In einen der gesicherten Innenbehälter. Sobald sie dort eingeschlossen ist, kann sie nichts mehr anstellen. Genau dafür ist die Truhe da.“
Haytham kannte die große Metalltruhe aus meiner Zeit ebenso gut wie ich. Er wusste, was bereits darin verwahrt wurde und wusste auch, dass ich sie nicht als gewöhnlichen Aufbewahrungsort benutzte. Seine Aufmerksamkeit blieb noch einen Moment auf der Bronzescheibe liegen, bevor er nickte.
„Dann nehmen wir sie mit, aber nicht zwischen den übrigen Funden. Bis sie in deiner Truhe liegt, bleibt sie rot markiert, wird nicht mit bloßen Händen berührt und reist in einer eigenen versiegelten Kassette.“
„Damit kann ich leben.“
Haytham schob das rote Tuch vorsichtig unter die Scheibe, ohne das Metall selbst anzufassen, und schlug die Enden darüber. Eine kleine verschließbare Transportkassette wurde dafür beiseite gestellt. An Bord sollte sie ohne Umweg in den gesicherten Kartenraum und von dort später in meine Metalltruhe gebracht werden, damit ich die Bronzescheibe dort in einen der gesicherten Innenbehälter legen konnte.
Die Entscheidung galt nur für die Bronzescheibe. Die flache Lederkiste, der schmale Rahmen, in dem einmal ein Spiegel gesessen haben mochte, und das Bündel schwarzer Schnüre blieben zurück. Die Schnüre knisterten für mich in jenem kaum hörbaren Ton, den ich inzwischen mit Dingen verband, die aus einer wesentlich älteren Welt stammten, als sie aussahen.
„Diese Kammer wird verschlossen“, sagte Haytham. „Wenn das Haus darüber zusammenfällt, fällt es über diesen Dingen zusammen.“
Ich sah zur Decke. „Du hast eine erstaunlich pragmatische Beziehung zu archäologischen Funden.“
„Ich ziehe meine Familie archäologischen Funden vor.“
„In diesem Fall stimme ich deiner Prioritätensetzung zu.“
Zwei Männer der Jackdaw kamen mit leeren Transportkisten herunter, die Mr Hargreaves geschickt hatte. Sie sahen aus, als hätten sie lieber Kanonenkugeln getragen als Bücher aus einem halb zerstörten Keller. Ich konnte es ihnen nicht verdenken.
Mr Al Din Issa trat zu ihnen. „Nur, was Master Kenway oder Mistress Kenway freigeben. Rote Markierungen bleiben unangetastet. Die kleine versiegelte Kassette ist die einzige Ausnahme; sie wird getrennt nach oben gebracht und Captain Kenway persönlich übergeben.“
Einer der Männer nickte sofort. Der andere warf Connor einen kurzen Blick zu. Connor musste nichts sagen. Seine hochgezogene Braue genügte, damit auch dieser Mann verstand.
Nach einer Weile standen drei geborgene Kisten bereit: Dokumente, Karten, Siegel und kleinere Gegenstände, die weder auf Wärme noch auf Berührung reagiert hatten. Nichts davon war deshalb harmlos. Es war lediglich sicher genug, um es unter Kontrolle aus dem Keller zu schaffen. Abseits davon stand die kleine versiegelte Kassette mit der Bronzescheibe unter ihrem roten Tuch.
Haytham strich die erste Nummer auf seiner Liste ab. „Nach oben. Getrennt voneinander. Die Kiste mit den gebundenen Linien wird zusätzlich versiegelt. Die kleine Kassette kommt direkt zu Alex’ Truhe, sobald sie an Bord ist.“
Edward nahm die kleine Schreibtafel entgegen, die Mr Al Din Issa ihm reichte, und notierte jede Nummer mit einer Ernsthaftigkeit, als würde das gesamte britische Handelswesen davon abhängen. Vielleicht war genau das der Grund, warum Haytham ihn wieder heruntergeholt hatte. Unser Sohn bekam eine Aufgabe, die wirklich wichtig war, ohne dass irgendjemand dafür so tun musste, er sei bereits ein erwachsener Mann.
◆ ◆ ◆
Der Rückweg durch den Keller fühlte sich anders an, obwohl dieselben Mauern noch an derselben Stelle standen. Nach den Karten, den Namen und den roten Tüchern wirkte jede Fuge wie etwas, das eine zweite Bedeutung verbergen konnte. Ich musste mich mehr als einmal daran erinnern, dass ein Stein auch einfach nur ein Stein sein durfte.
Oben in der Eingangshalle war es lauter geworden. Kein neuer Kampf, sondern Stimmen. Angst hatte ihren eigenen Klang, vor allem wenn viele Menschen gleichzeitig versuchten, nicht aufzufallen.
Drei Bedienstete saßen auf einer Bank und hielten Decken um die Schultern. Die ältere Frau aus der Speisekammer sprach leise mit ihnen. Zwei Männer, die ihre Waffen abgelegt hatten, knieten nahe der Wand, die Hände gebunden, während ein Matrose der Aquila zwischen ihnen und den anderen stand. Ein Junge trug mit einem Seemann einen Eimer Wasser vorbei und sah mich an, als rechne er noch immer damit, dass jeder Befehl in diesem Haus gegen ihn gerichtet sein konnte.
Ich schenkte ihm ein kleines Lächeln. Er erwiderte es nicht, aber seine Schultern sanken einen Hauch tiefer. Für den Moment genügte mir das.
Ein Matrose der Jackdaw trat zu Haytham. „Neun Bedienstete, Sir. Vier Wachen haben die Waffen niedergelegt. Zwei Männer haben sich im Stall gewehrt. Einer ist tot, der andere verletzt.“
„Der Verletzte wird versorgt, sobald er entwaffnet und gefesselt ist. Die bewaffneten Männer bleiben getrennt von den Bediensteten. Niemand verhört hier irgendwen zwischen Tür und Treppe.“
Der Matrose blinzelte. „Versorgt, Sir?“
Haythams Blick wurde kälter. „Das sagte ich bereits.“
„Ja, Sir.“
Als der Mann davonlief, sah ich zu meinem Gatten. Haytham bemerkte es, ohne den Kopf sofort zu drehen. „Was?“
„Nichts. Ich bewundere nur deine ausgesprochen fürsorgliche Art.“
„Ein toter Gefangener beantwortet keine Fragen.“
„Da ist er wieder“, murmelte ich. „Der Großmeister, der unbedingt beweisen muss, dass jede vernünftige Handlung ausschließlich praktische Gründe hat.“
Sein Blick traf meinen. Für einen Moment lag darin etwas, das beinahe Müdigkeit war. „Wenn dir diese Erklärung hilft, mich heute Nacht erträglicher zu finden, darfst du sie behalten.“
Damit ließ ich es gut sein. Ich wusste längst, dass Haythams Härte und seine Menschlichkeit nicht gegeneinander arbeiteten. Er brauchte nur gelegentlich eine sehr umständliche Begründung dafür, dass beides gleichzeitig existieren durfte.
Ein Matrose der Aquila kam aus Richtung Hof in die Halle. An seinem Ärmel klebte dunkles Blut, nicht alles davon seins.
„Drei Männer sind entkommen, bevor wir den Hof vollständig schließen konnten“, berichtete er. „Sie sind in verschiedene Richtungen gelaufen. Keine geordnete Flucht.“
„Amber oder Nyx?“ fragte ich.
„Niemand hat die beiden gesehen, Mistress Kenway.“
Mein Blick ging zu Connor und anschließend zu Haytham. Ein Bericht genügte mir nicht. Nicht bei diesen beiden.
Diesmal wartete niemand erst auf den anderen. Connor ließ seinen Adlerblick über den Hof und die offenen Zugänge gleiten. Ich tat dasselbe. Die gewöhnliche Welt verlor für einen Moment ihre feste Oberfläche; Bewegungen, Absichten und zurückgebliebene Lebensspuren traten deutlicher hervor. Die Bediensteten wirkten anders als die bewaffneten Männer, nicht weil irgendeine Farbe mir ihre Moral erklärte, sondern weil Angst, Fluchtbereitschaft und feindliche Aufmerksamkeit verschiedene Muster hinterließen.
Ich fand die frischen Wege der Männer, die den Hof verlassen hatten, die Unruhe der Bediensteten und mehrere Stellen, an denen Blut auf Stein getropft war. Keine Spur fühlte sich nach Eugene an. Nichts zog meinen Blick zu Amber oder Nyx.
Haytham stand still neben mir. Sein Adlerblick griff weiter. Bei ihm war es nie nur die Gegenwart. Sein Blick strich durch die Halle, über Türen, Treppen und den Hof hinaus, als könnte er den Nachhall der Menschen lesen, die dort vor Stunden entlanggegangen waren. Alte Bewegungen lagen über frischen; Angst hing in Räumen, in denen niemand mehr stand, und an der Treppe erkannte er offenbar noch die Reste hastiger Wege, die längst beendet waren.
Als seine Wahrnehmung sich wieder auf die gewöhnliche Welt zurückzog, blieb sein Gesicht angespannt. „Nichts Frisches von Eugene. Keine Spur von Amber. Keine von Nyx.“
Connor sah zum Hof. „Können sie sie vielleicht entfernt oder verwischt haben?“
„Möglich. Oder so verändert, dass wir sie hier nicht mehr lesen können.“
Mein Armreif blieb still. Nach allem, was er in den letzten Tagen getan hatte, war das nicht wirklich beruhigend. Es fühlte sich eher an wie eine Lücke.
Der Gedanke an den Gang unter dem Keller kam trotzdem zurück. Nicht als Fluchtweg. Wir hatten alle gesehen, wie Eugenes beschädigter Armreif ihn fortgerissen hatte, bevor er selbst noch bestimmen konnte, wohin. Aber der kalte, salzige Durchgang gehörte zu diesem Anwesen und damit vielleicht zu demselben System aus Wegen, falschen Zeichen und getrennten Informationen, das sich auf den Karten vor uns ausgebreitet hatte.
Haytham sah mein Gesicht und wusste sofort, wohin meine Gedanken gegangen waren. „Noch nicht, mi sol.“ Ich erinnerte ihn daran, dass ich gar nichts gesagt hatte, was ihn nur zu der trockenen Bemerkung veranlasste, das sei bei mir selten ein Hindernis. Ich sah zur Kellertreppe. „Nur weil ich wissen möchte, wozu dieser Gang gehört, heißt das nicht, dass ich hineingehen werde. Heute Nacht jedenfalls nicht.“
Die Erleichterung in seinen Zügen war so klein, dass jemand anderes sie vermutlich übersehen hätte. Mir entging sie nicht.
Unten an den Booten warteten Florence und Helena. Edward stand wenige Schritte von uns entfernt und hielt immer noch seine Schreibtafel. Es gab Fragen, die einen weiteren Tag überleben konnten. Meine Kinder hatten bereits genug davon beantworten müssen.
Haytham ließ die Bediensteten in der Halle zusammenkommen. Es wurde keine große Versammlung. Dafür waren alle zu müde, und er war ohnehin kein Mann, der zehn Sätze benutzte, wenn vier reichten.
„Dieses Haus steht nicht mehr unter Seníor Avdeyevs Kontrolle“, sagte er auf Spanisch und wiederholte die wichtigsten Punkte anschließend auf Französisch, weil zwei der Männer offenbar damit besser zurechtkamen. „Wer die Waffen niedergelegt hat, wird nicht wie ein Feind behandelt. Wer für ihn gekämpft hat, bleibt unter Bewachung und wird befragt. Wer hier lediglich gearbeitet hat, erhält bis zum Morgen Schutz, Nahrung und die Möglichkeit, zu Verwandten oder an einen sicheren Ort zu gehen.“
Eine junge Frau hob zögernd die Hand und bat darum, am Morgen zu ihrer Schwester nach Tarragona gehen zu dürfen. Haytham versprach ihr keine sofortige Abreise, aber eine Begleitung, sobald die Wege geprüft waren.
Dann fragte ein älterer Mann mit rauen Händen und Ruß an den Ärmeln etwas so leise, dass Haytham ihn bitten musste, es zu wiederholen.
„Gehören wir jetzt Euch?“
Die Frage traf den Raum stärker als jedes Knirschen aus den Mauern. Ich sah, wie mehrere Menschen den Kopf hoben, ohne wirklich aufzusehen.
Haytham antwortete nicht sofort. Als er es tat, war seine Stimme ruhig. „Nein.“
Der Mann blinzelte, als hätte er das Wort nicht erwartet.
„Niemand hier wird gezwungen, einen neuen Herrn anzuerkennen“, fuhr Haytham fort. „Wer bleibt, bleibt vorläufig unter unserer Aufsicht, solange dieses Gelände gesichert wird. Wer gehen möchte, geht, sobald der Weg sicher ist. Wer Eugenes Männern hilft, Menschen zu gefährden oder Funde zu verbergen, wird als Gegner behandelt. Aber dieses Haus macht keinen von euch zu unserem Eigentum.“
Die Veränderung war nicht groß. Niemand jubelte. Doch die junge Frau mit den verbrannten Ärmeln ließ die Luft hörbar aus den Lungen, ein Stallknecht setzte sich endlich auf die Bank, und der alte Mann hörte auf, sich bei jedem Satz zu verbeugen. Das war ehrlicher als jede erklärende Rede über Erleichterung.
Haytham wies an, die Gefangenen für die Nacht in der Remise unterzubringen. Fenster sichern, zwei Wachen innen, zwei außen, keine Waffen im Raum, Wasser ja, Wein nein. Edward hörte zu und zog die Stirn kraus.
„Sie könnten doch auf der Jackdaw bewacht werden“, sagte er schließlich. „Unter Deck wäre es sicherer.“
Haytham sah ihn einen Moment lang an. „Die Jackdaw ist kein Kerker. Die Aquila ebenso wenig.“
Edward blickte kurz zu mir. Ich nickte. Unsere Schiffe waren Transportmittel, Schutzraum, Zuhause und im Fall der Aquila Connors Verantwortung. Wir würden keinen von beiden Rümpfen in ein Gefangenenschiff verwandeln, nur weil es praktisch erschien.
„Außerdem“, fügte Haytham leiser hinzu, „schlafen dort deine Schwestern.“
Edward verstand. „Ja, Vater.“
Ein stärkeres Beben lief durch den Boden. Diesmal folgte aus dem oberen Stockwerk ein dumpfer Schlag, dann splitterndes Holz. Staub rieselte durch die Treppenöffnung, und eine der Frauen in der Halle schrie auf.
Haytham drehte sich sofort zur Treppe. „Alle aus dem Obergeschoss.“
„Dort sollte niemand mehr sein“, sagte ein Matrose.
„Dann überprüft ihr das und gebt mir Gewissheit.“
Connor war bereits unterwegs, bevor der Satz ganz beendet war. Ich machte aus Reflex einen Schritt hinterher. Haythams Hand schloss sich leicht um meinen Unterarm.
„Nicht du.“
Ich sah auf seine Finger und dann zu ihm. „Sie könnten Hilfe brauchen.“
„Connor nimmt zwei Männer mit. Du bist seit Stunden in Rauch, Blut und Dingen unterwegs, die kein vernünftiger Mensch anfassen sollte. Du gehst nicht in ein einstürzendes Obergeschoss, nur um zu beweisen, dass du noch stehen kannst.“
Es gab Sätze, die einen nur deshalb ärgerten, weil sie wahr waren. Dieser gehörte leider dazu.
„Ich hasse es, wenn du vernünftig bist.“ Haytham erklärte mit vollkommener Ruhe, das sei bedauerlich für mich. „Manchmal bist du wirklich unerträglich.“ – „Das lässt sich vermutlich nicht mehr ändern.“
Sein Daumen strich einmal über die Innenseite meines Handgelenks, kurz genug, dass die Menschen um uns herum nur einen Mann sahen, der seine Frau am Arm hielt. Ich spürte trotzdem alles, was darin lag.
Dann wandte er sich Edward zu. „Zum Arbeitszimmer.“
Unser Sohn sah auf. „Jetzt?“
„Du hast etwas gefunden. Wir sichern es, bevor das Haus entscheidet, den Schreibtisch eine Etage tiefer zu verlegen.“
Edward nahm seine Schreibtafel fester. „Ja, Vater.“
◆ ◆ ◆
Das Arbeitszimmer roch nach dunklem alten Holz, Wachs, kalter Asche und Tinte. Darunter lag noch immer jener trockene, fremde Geruch, den ich nicht einordnen konnte. Zwei Männer standen vor der beschädigten Wandverkleidung, genau dort, wo Haytham sie zurückgelassen hatte.
Edward beachtete die Wand kaum. Er ging nicht einmal in ihre Richtung, sondern zeigte auf den Schreibtisch. „Dort.“
Haytham trat näher und betrachtete das Möbelstück so, als hätte es ihn persönlich beleidigt. Der Schreibtisch war schwer, dunkel und auf eine Weise ordentlich, die zu Eugene passte, wenn er jemand anderem den Eindruck von Kontrolle vermitteln wollte. Haytham zog zuerst die gewöhnlichen Schubladen auf. Eine war leer, in der nächsten lagen Federn, Wachsreste und ein kleines Messer. Die dritte klemmte leicht.
Edward blieb hinter Mr Al Din Issas ausgestrecktem Arm. „Nicht die Vorderseite. Die Seite.“
Er deutete auf das Holz. „Die Maserung läuft dort anders. Nur ein kurzes Stück. Als hätte jemand eine Platte eingesetzt und versucht, sie anzugleichen.“
Haytham beugte sich näher. „Dein Sohn liest Holz.“
„Dein Sohn liest Fallen“, erwiderte ich.
Edward wurde rot. „Ich habe nur hingesehen.“
Haytham hob den Blick zu ihm. „Das ist bereits mehr, als die meisten Menschen tun.“
Ich sah, wie Edward diesen Satz aufnahm und irgendwo in sich verwahrte. Solche kleinen Bemerkungen seines Vaters waren für ihn wertvoller als jedes große Lob, gerade weil Haytham sie nie leichtfertig verteilte.
Der sichtbare Druckpunkt war zu offensichtlich. Haytham ignorierte ihn, tastete die Unterkante des Holzes ab und prüfte anschließend den Griff. Schließlich blieb sein Fingernagel an einem winzigen Widerstand hängen. Ein leises Klicken antwortete.
Die falsche Schublade gab ein Stück nach.
In demselben Augenblick wurde mein Armreif kalt. Kalt wie Metall, das lange im Schnee gelegen hatte.
Meine Hand schloss sich um die Lehne des nächsten Stuhls. Haytham sah sofort zu mir. „Mi sol?“
„Sie ist nicht böse.“ Ich hörte selbst, wie dünn meine Stimme geworden war. „Zumindest fühlt sie sich nicht so an. Aber sie ist falsch. Sie gehört hier nicht hin.“
Haytham zog die Schublade nur so weit heraus, wie nötig war, um hineinzusehen. Darin lag eine flache dunkle Kassette mit einer glatten, matten Oberfläche und Kanten, die zu sauber gearbeitet waren. Daneben befanden sich mehrere Blätter, zu weiß und zu gleichmäßig für dieses Jahrhundert.
Mein Körper erkannte die Wahrheit, bevor mein Verstand sie zulassen wollte: Das hier stammte aus meiner Zeit.
Auf dem obersten Blatt lag der Rand eines Bildes. Kein Stich, keine Zeichnung. Ein eingefangener Augenblick mit einer Schärfe, die in diesem Raum falsch wirkte. Ich sah nur einen Ausschnitt: eine helle Wand, den Ansatz eines Regals, eine Kante, die mir so vertraut vorkam, dass sich mir beinahe der Magen umdrehte.
Mein Zuhause und ich meine nicht Virginia oder ein Haus dieses Jahrhunderts.
Haytham schob die Schublade langsam wieder zurück, gerade weit genug, dass das Bild verschwand. „Nein.“
Das Wort brauchte keine Erklärung. Dieser Ort, Edwards Anwesenheit und das Haus, das über uns Stück für Stück seine Statik verlor, waren Grund genug, die Schublade sofort wieder zu schließen.
Edward stand vollkommen still. „Was war das?“
Ich brauchte einen Moment, bevor ich antworten konnte. „Etwas aus meiner Zeit.“ Mehr bekam er nicht, und mehr sollte er in dieser Nacht auch nicht bekommen.
Sein Blick wurde ernst. Er fragte nicht weiter. Ob aus Rücksicht, aus Angst oder weil Haythams Gesicht jede weitere Frage bereits untersagte, wusste ich nicht.
„Wir nehmen den gesamten Einsatz mit“, sagte Haytham. „Ungeöffnet. Die Schublade wird vollständig gelöst, in eine eigene Transportkiste gelegt und von mir versiegelt. Niemand sieht hinein, bevor wir auf der Jackdaw sind.“
Mr Al Din Issa nickte. „Ich lasse eine flache Kiste bringen, Sir.“
„Und zwei Männer. Niemand trägt das allein.“
Das war vermutlich die vernünftigste Entscheidung, die mein Mann an diesem Abend im Zusammenhang mit seinem Knie getroffen hatte.
Haytham löste den Einsatz vorsichtig aus dem Schreibtisch, während ich die andere Seite stützte. Einmal verlagerte er das Gewicht ungünstig und sein Mund wurde schmal. Mehr verriet er nicht. Ich merkte es mir trotzdem für Michael.
Die herbeigerufenen Matrosen legten die Schublade in eine flache Transportkiste und polsterten die Seiten mit Tuch aus. Haytham benutzte nicht Eugenes Wachs. Allein der Gedanke hätte mir widerstrebt. Er nahm sein eigenes dunkles Rot, drückte den Ring hinein und prüfte das Siegel, bis es fest war.
„Getrennt von den anderen Dokumenten“, wies er Mr Al Din Issa an. „Keine Lagerung bei den Artefaktkisten. Der Inhalt bleibt unbekannt, bis wir ihn kontrolliert öffnen.“
„Selbstverständlich, Sir.“
Connor kam die Treppe herunter, während die Männer die Kiste anhoben. Staub lag in seinem Haar. „Oben ist alles frei. Ein Teil der Galerie ist eingebrochen. Niemand geht mehr hinauf.“
Haytham nickte. „Dann bleibt es dabei.“
Connor sah zur versiegelten Transportkiste. „Noch mehr Karten?“ Ich schüttelte den Kopf. „Etwas, das ich noch nicht erklären kann.“
Er musterte mein Gesicht und fragte nicht weiter. Dafür war ich ihm dankbar.
Als wir das Arbeitszimmer verließen, kamen wir wieder an der Kellertreppe vorbei. Einer der Männer unten hatte die Tür geschlossen, aber nicht verriegelt, damit Connor und die Wachen jederzeit hinein konnten. Aus der Tiefe stieg ein Hauch von Luft herauf, der nach Salz und Feuchtigkeit roch und eine Kälte mitbrachte, die dort unten nichts verloren hatte. Sie strich über meine Haut und legte sich für einen Herzschlag unter den Armreif. Mr Al Din Issa hob seine Laterne ein wenig höher. Die Flamme bog sich nicht nach links oder rechts. Sie teilte sich.
Nur für einen Atemzug wurden aus dem Licht schmale Fäden, als hätte eine unsichtbare Hand einen Vorhang auseinandergezogen.
Dahinter glaubte ich etwas zu sehen. Nassen schwarzen Stein. Dann Helligkeit. Schnee vielleicht, so schnell, dass ich nicht einmal sicher war, ob mein Kopf das Bild nur ergänzt hatte. Im nächsten Moment war da wieder nur die Treppe.
Meine Hand fand Haythams Arm. Er legte sofort seine darüber. „Was hast du gesehen?“
„Ich weiß es nicht.“ Ich starrte in die Dunkelheit. „Aber da ist nicht nur das Meer.“
Connor trat neben uns. Sein Blick veränderte sich, als er den Adlerblick über die Treppe und die tieferliegenden Mauern schickte. Ich tat es ebenfalls. Wir fanden Stein, die frischen Spuren unserer eigenen Schritte und weiter unten jene leere Stelle, an der Wahrnehmung nicht weiter griff, als wäre etwas aus der Ordnung des Ortes herausgeschnitten.
Haythams Blick ging noch tiefer. Seine besondere Wahrnehmung strich über die alten Lebensreste im Gemäuer, aber auch er fand dort keine klare Person, keine frische Spur, die man hätte verfolgen können.
Edward stand hinter Mr Al Din Issa und flüsterte: „Ein Portal?“
„Keines von meinen“, sagte ich. „Und ich werde es nicht testen, nur um ihm einen Namen geben zu können.“
Die Flamme war längst wieder gewöhnlich. Trotzdem konnte ich das kurze Bild nicht abschütteln. Es fühlte sich nicht an wie eine Tür, die offenstand. Eher wie etwas, das zwei Orte übereinanderlegte und darauf wartete, welcher davon für den Betrachter wichtiger war.
Haytham sah zur Treppe. „Vier Wachen. Zwei hier oben, zwei am unteren Zugang. Niemand geht in den Gang. Niemand folgt einer Stimme, einem Licht oder irgendeiner anderen Einladung. Wenn sich etwas verändert, wird Alarm gegeben und nicht nachgesehen.“
Connor nickte. „Verstanden. Niemand geht hinunter.“
Edward sah noch immer nach unten. „Und wenn dort jemand ist?“
Haythams Antwort kam ruhig, aber hart. „Dann bleibt er dort, bis wir wissen, womit wir es zu tun haben.“
Unser Sohn schluckte und nickte. Es war keine angenehme Antwort. Aber nach allem, was Eugene uns bereits mit Bildern, Namen und falschen Zeichen gezeigt hatte, war angenehm kein brauchbarer Maßstab mehr.
◆ ◆ ◆
Wir verließen das Haupthaus mit den letzten Kisten. Draußen war der Rauch dünner geworden. Der Mond stand blass über dem Meer, und von unten sah ich die warmen Laternen der Jackdaw zwischen den Felsen.
Nach den engen Räumen, der Kälte und dem weißen Papier in Eugenes Schreibtisch wirkte dieses Licht beinahe unwirklich freundlich.
Alles, was wir geborgen und für wichtig genug befunden hatten, war bereits auf dem Weg hinunter zur Jackdaw. Zwischen den Kisten, Papieren und versiegelten Funden blieb nichts mehr, das uns noch länger im Hof halten sollte.
Die Gefangenen brachte man in die Remise. Einer der Verletzten war verbunden worden und saß mit dem Rücken an der Wand, bleich, aber wach. Keine unnötige Gewalt, kein Triumph. Nur Bewachung und die nüchterne Erkenntnis, dass diese Männer für Eugene gekämpft hatten und nun Fragen beantworten würden.
Die Bediensteten kamen in ein unbeschädigtes Nebengebäude. Decken, Wasser und Brot wurden verteilt. Eine der Köchinnen, die selbst noch zitterte, begann nach wenigen Minuten damit, die anderen zu ordnen und eine jüngere Frau dazu zu bringen, wenigstens etwas zu essen. Menschen überlebten manchmal, indem sie sich eine Aufgabe suchten. Ich verstand das besser, als mir lieb war.
Ein weiteres Krachen kam aus dem Haupthaus. Diesmal sahen wir es. Ein Stück des oberen Mauerwerks löste sich und stürzte in den Innenhof. Staub quoll durch einen zerbrochenen Bogen, ein Pferd schrie irgendwo bei den Ställen, und mehrere Männer wichen instinktiv zurück.
Haytham sah dem Staub nach. „Genug für heute.“
Niemand widersprach. Nicht einmal ich.
Er wandte sich an den nächsten Offizier. „Keine weiteren Bergungen aus dem Haupthaus ohne meine ausdrückliche Erlaubnis. Wachen an der Remise, am Kellerzugang, am Hof und am unteren Aufgang. Die Bediensteten bleiben geschützt, bis wir morgen sichere Wege für ihre Abreise festgelegt haben.“
„Ja, Sir.“
Haytham wartete, bis der Mann gegangen war. Dann sah er zu mir, und mit einem Mal war der Großmeister nicht mehr das Erste, was ich in seinem Gesicht erkannte. Da stand der Vater, dessen siebenjährige Tochter noch nach Rauch roch. Der Vater eines Babys, das viel zu lange kalt gewesen war. Der Mann, der seit Stunden funktionierte, weil irgendjemand Entscheidungen treffen musste.
„Lass uns zu den Mädchen gehen“, sagte er leise.
Meine Kehle wurde eng. „Ja.“
Edward stand neben Mr Al Din Issa und sah von den Kisten zum zerstörten Haus und anschließend hinunter zu den Schiffen. „Darf ich mit?“
Ich hätte ihn beinahe gefragt, wohin sonst. Der Ausdruck in seinem Gesicht hielt mich davon ab. Für ihn war in dieser Nacht jede Anweisung eine Grenze gewesen, und offenbar war er sich nicht sicher, ob auch dieser letzte Weg noch eine Aufgabe bedeutete.
Haythams Züge wurden weicher. „Selbstverständlich kommst du mit uns zur Jackdaw.“
Edward atmete aus. „Ja, Vater.“
Mr Al Din Issa nahm ihm die Schreibtafel ab und steckte sie in die Ledermappe. „Für heute dürfte Euer Verzeichnis vollständig genug sein, Master Edward.“
„Nur für heute?“
„Ich halte es für unklug, Euch langfristig falsche Hoffnungen zu machen.“
Edward schnaubte, aber ein kleines Lächeln erschien trotzdem.
Wir setzten uns in Bewegung. Hinter uns arbeitete das Anwesen weiter an seinem eigenen Untergang. Vor uns führte der Weg hinab zu den Booten, zu Florence und Helena und schließlich zur Jackdaw. Männer trugen Kisten mit Namen, Karten und falschen Wegen durch die Nacht, während Haythams Hand meine fand und Edward dicht bei uns blieb.
Ich sah nicht noch einmal zurück. Nicht aus Angst vor dem Haus und auch nicht, weil ich glaubte, damit irgendetwas hinter uns lassen zu können. Eugenes Spuren lagen in den Kisten, in meinem Armreif, in dem Bild, das für einen Herzschlag nach meinem alten Zuhause ausgesehen hatte, und in einem kalten Gang unter den Klippen, den wir noch nicht verstanden.
Aber Florence und Helena warteten vor uns. Edward ging an unserer Seite. Haythams Finger schlossen sich um meine, warm und fest, als wir den ersten Abschnitt des Abstiegs erreichten.
Es gab Dinge, die man aus dem Rauch retten konnte, nicht alle und vielleicht niemals genug. Für diese Nacht musste es genügen, dass unsere Kinder wieder bei uns waren und wir begonnen hatten, aus Eugenes Trümmern wenigstens die Spuren zu bergen, die uns eines Tages zeigen konnten, wohin seine falschen Wege wirklich führten.