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Katalonien - Die Nacht auf der Jackdaw

Die Fäden, Die Uns Halten! - Part Iii Der Schicksalhaften Zeitreisen — www.fanfiktion.de · All chapters

Katalonien - Die Nacht auf der Jackdaw

Hallo ihr Lieben!

Das Anwesen ist gesichert, die Wachen sind eingeteilt und Familie Kenway

kann sich auf die Jackdaw zurückziehen. Die letzten Kisten mit wichtigen

Dokumenten und Artefakten werden verstaut.

Die warme Kajüte wartet und mit ihr Florence und Helena, die endlich in

Sicherheit sind! Die Familie kann sich für diese Nacht etwas ausruhen und

ein klein wenig entspannen!

Ich wünsche gute Unterhaltung beim Lesen und bleibt gesund!

Liebe Grüße eure MrsHEKenway

Zitat Kapitel 55 - Katalonien

Kapitel 55

~~~ Die Nacht auf der Jackdaw ~~~

Dezember 1773

Der Weg hinab kam mir länger vor als der Aufstieg. Die vergangenen Stunden steckten mir in den Knochen, und bei jedem Schritt dachte ich daran, wie nah ich meinen Töchtern endlich wieder war. Hinter uns krachte ein weiteres Stück des Anwesens in sich zusammen. Das Geräusch rollte über die Klippen, gefolgt vom Rieseln brechenden Mauerwerks. Wir gingen weiter. Für diese Nacht hatten wir dort oben genug gesehen.

Edward drehte sich einmal um. In seinem rußverschmierten Gesicht lagen Erschöpfung, Neugier und etwas, das ich nicht genauer benennen konnte. Er hatte mehr gesehen, als ich ihm je gewünscht hätte. Unter all dem Ruß und trotz der Verantwortung, die er übernommen hatte, war er immer noch mein Junge. Haytham bemerkte seinen Blick ebenso wie ich.

„Achte auf den Weg“, sagte er ruhig.

Edward wandte sich wieder nach vorn. „Ja, Vater.“

Als der Pfad an einer Stelle breiter wurde, legte Haytham ihm kurz die Hand in den Nacken und führte ihn an einem aus dem Fels ragenden Stein vorbei. Die Berührung war kaum länger als ein Atemzug, doch Edward richtete sich darunter ein wenig auf.

Am Fuß der Klippen wartete weder ein richtiger Anleger noch ein Strand. Dunkle Felsen ragten aus dem Wasser, dazwischen schäumte die Brandung. Die Boote der Jackdaw kamen einzeln so nah heran, wie Wind und Strömung es zuließen. Die Männer hielten sie mit Rudern und Bootshaken von den Steinen fern, während die Geretteten einstiegen und die geborgenen Kisten verladen wurden. Alles, was wir oben hatten bergen können, gelangte auf diesem Weg hinunter zum Schiff. Ich wollte nur endlich selbst an Bord sein.

Haytham stieg zuerst ins Boot. Sein verletztes Knie zwang ihn zu einer steiferen Bewegung, als ihm lieb war, und ich sah, wie seine Finger sich für einen Moment fester um den Bootsrand schlossen. Zwischen nassem Stein und schwarzem Wasser war es nicht der richtige Ort, ihn darauf hinzuweisen. Michael würde später ohnehin bessere Argumente haben als ich.

Edward setzte sich neben Mr Al Din Issa. Unser Sohn hielt keine Schreibtafel mehr in der Hand, keine Liste und keine Aufgabe, an der er sich festhalten konnte. Seine Finger öffneten und schlossen sich deshalb immer wieder auf seinen Knien, als suchten sie nach etwas, das noch erledigt werden musste. Mr Al Din Issa bemerkte es schweigend. Er rückte nur so weit näher, dass Edward seine Schulter fast berührte.

Vor uns lag die Jackdaw. Ihre Laternen zeichneten warme Kreise auf das schwarze Wasser, und je näher wir kamen, desto deutlicher hörte ich das vertraute Arbeiten des Schiffes: knarrendes Holz, Taue, die über Blöcke liefen, gedämpfte Rufe an Deck. Die Männer arbeiteten konzentriert weiter. Erst wenn alle an Bord waren, konnten wir diese Nacht hinter uns lassen.

Als wir längsseits kamen, erschien Mr Hargreaves über der Reling. „Captain!“

„Die Mädchen?“, rief ich hinauf, bevor er noch etwas anderes sagen konnte.

Sein Gesicht wurde weicher. „In Eurer Kajüte. Mrs Wallace ist bei Miss Helena, Miss Sophia bei Miss Florence. Magda hat Brühe und Brot bereitstellen lassen. Michael ist bei Lionel in der kleinen Gästekajüte gegenüber. Der Junge schläft endlich. Einige der Bediensteten aus dem Anwesen sind ebenfalls mit herübergekommen. Die Frauen und Verletzten haben wir auf der Jackdaw und der Aquila verteilt.“

Ich schloss für einen Moment die Augen. Alle da. Alle lebendig. Alle nah genug, dass ich sie in wenigen Minuten berühren konnte.

„Und die Wachen oben?“

„Auf den eingeteilten Posten, Captain. Die Bergungsmannschaften ziehen sich mit den letzten Booten zurück. Niemand geht mehr ins Haupthaus.“

„Gut. Von jetzt an bleibt es dabei. Die Posten halten Remise, Hof, Kellerzugang und unteren Aufgang. Alles andere beobachten wir vom Wasser aus.“

„Aye, Captain.“

Haytham war bereits auf halber Höhe der Strickleiter. Nicht hastig, aber ohne einen Blick nach rechts oder links. Edward folgte zwischen Mr Al Din Issa und mir. Als ich selbst über die Reling stieg, schlug mir der Geruch der Jackdaw entgegen: Salz, Teer, nasses Tauwerk und Rauch, der sich in unseren Kleidern festgesetzt hatte. Darunter lag Brühe, warmes Brot und dieser unverwechselbare Geruch nach Holz, das seit Jahren mehr Zuhause war, als ein Schiff eigentlich sein durfte.

Mr Hargreaves trat noch einmal zu mir, bevor ich die Kajüte erreichte. „Captain, die rot markierte Kassette aus dem Keller wurde getrennt von den übrigen Funden in den Kartenraum gebracht. Niemand hat sie angerührt.“

„Gut. Sie bleibt dort, bis ich sie selbst in meiner Truhe sichern kann. Danke!“

In der Kassette lag die Bronzescheibe mit ihren neun Punkten. Ich war froh, dass Hargreaves sie getrennt von den übrigen Funden hatte unterbringen lassen. Bis ich sie selbst sichern konnte, blieb sie verschlossen im Kartenraum.

Haytham wartete vor meiner Kajütentür, eine Hand auf der Klinke. Im Laternenlicht sah ich den Ruß an seinem Mantel, die gelösten Haare über seinem Kragen und das leichte Zittern seiner Finger. Er hatte Männer geführt und Entscheidungen getroffen, Stunde um Stunde. Jetzt stand er vor den Menschen, um die er sich in dieser Nacht am meisten gesorgt hatte. Ich konnte sehen, wie müde er war.

Ich legte meine Hand über seine.

„Sie sind da“, sagte ich.

„Ich weiß.“

„Dann geh hinein, mi amor.“

Er atmete langsam aus und öffnete die Tür.

Die Wärme der Kajüte umfing uns sofort. Die Laternen waren niedrig gestellt. Auf dem Tisch standen Brühe, Brot und ein Krug Wasser. Decken lagen über einer Truhe und auf dem Boden. Jemand hatte bereits dafür gesorgt, dass hier alle Platz fanden, ganz gleich, wo sie sonst schliefen.

Sophia saß auf einem Schemel und hielt Florence dicht bei sich. Meine Tochter lehnte an ihr, beide Hände um einen Becher gelegt, aus dem sie offenbar seit einiger Zeit nicht mehr getrunken hatte. Ihr Haar war zerzaust, auf einer Wange klebte noch ein dunkler Rußstreifen, und ihre Augen wirkten viel zu groß in dem schmalen Gesicht.

Sybill stand am Bett und hielt Helena. Unser Baby war in zwei Decken gewickelt. Die Haube saß wieder richtig, ihre Wangen waren wärmer als oben auf den Klippen, doch ihr Mund bewegte sich in kleinen suchenden Bewegungen. Magda stand neben dem Tisch und hatte in der einen Hand bereits einen Becher, als hätte sie nur auf mein Erscheinen gewartet.

Florence bemerkte uns zuletzt. Zuerst bewegten sich nur ihre Augen, dann ihr Kopf. Der Becher kippte in ihren Händen, und Sophia fing ihn gerade noch auf.

„Mama.“

Ich war bei ihr, bevor ich wusste, dass ich mich bewegt hatte. Sophia half ihr auf, und im nächsten Augenblick kniete ich auf den Planken und hielt meine Tochter so fest, wie ich es wagte. Florence presste das Gesicht an meinen Hals und griff genau dort in meinen Mantel, wo sie sich oben auf den Klippen an mir festgehalten hatte.

„Ich dachte, du gehst wieder“, flüsterte sie.

„Ich bleibe bei dir, min lille engel.“ Ich strich ihr über den Rücken und spürte, wie dünn der Stoff unter meinen Fingern war. „Die ganze Nacht, versprochen.“

Ihre Hände blieben fest in meinem Mantel. „Und Papa?“

Haytham stand noch an der Tür, als hätte er uns diesen ersten Augenblick absichtlich überlassen. Florence drehte den Kopf, und ihr leises „Papa?“ brachte ihn endgültig in Bewegung. Er kam zu uns und ging trotz seines Knies in die Hocke. Ich sah die kurze Spannung in seinem Gesicht, doch Florence sah nur ihren Vater. Sie löste sich von mir und warf sich ihm entgegen.

Er fing sie auf.

Eine Hand lag in ihrem Haar, die andere fest an ihrem Rücken. Florence begann an seiner Schulter zu weinen, nicht laut, sondern tief und erschöpft, als hätte sie sich die Tränen bis zu diesem Augenblick aufgehoben.

„Ich bin hier“, murmelte Haytham rau und hielt sie fester. „Du bist wieder bei uns, mein Engel.“

Hinter mir machte Helena einen kleinen unzufriedenen Laut.

Ich drehte mich um. Sybill war bereits näher gekommen, und als ich die Arme nach meiner jüngsten Tochter ausstreckte, änderte sich Helenas Gesicht. Sie hörte auf zu suchen, sah mich für einen Moment mit diesem ernsten, viel zu wachen Blick an und machte dann ein Geräusch, das irgendwo zwischen Beschwerde und Erleichterung lag.

„Gib sie mir.“

Sybill legte sie mir in die Arme. Helena war warm. Warm genug, dass ich erst jetzt begriff, wie sehr mich ihre Kälte oben auf den Klippen erschreckt hatte. Ihr Kopf passte genau unter mein Kinn, und kaum lag sie an meiner Brust, schob sie das Gesicht gegen meinen Mantel und begann mit einer Entschlossenheit zu suchen, die keine Erklärung brauchte.

Meine Brust schmerzte seit Stunden. Ich hatte es während des Kampfes, im Keller und zwischen den Kisten erfolgreich ignoriert. Mein Körper offenbar nicht.

Sybill verstand meinen Blick. „Miss Helena hat seit unserer Rückkehr etwas getrunken, Mistress Kenway, aber nur wenig. Die Amme aus dem Anwesen hat geholfen. Ich fürchte allerdings, Eure Tochter hat sehr genaue Vorstellungen davon, was sie jetzt möchte.“

Ich musste an die Frau denken, von der Sybill mir bereits erzählt hatte. Ihren Namen kannte ich noch immer nicht. Sie hatte mein Baby versorgt, während ich es nicht konnte, und dafür hätte ich ihr am liebsten persönlich gedankt. Später würde ich nach ihr fragen. Jetzt lag Helena in meinen Armen und suchte nach mir.

„Sie hat also wenigstens ein bisschen Ruhe gefunden?“

„Ein wenig, Mistress Kenway. Aber im Augenblick dürfte sie mit Euch noch einiges zu besprechen haben.“

Fast hätte ich gelacht. Helena unterstrich Sybills Einschätzung, indem sie mit der Faust gegen meinen Mantel drückte.

„Das ist immerhin eindeutig.“

Ich setzte mich auf die Bettkante und zog eine der Decken über meine Schulter und Helena, während ich die Schnürung meines Mieders löste. Meine Hände zitterten plötzlich stärker als im Keller. Ich spürte das Gewicht meiner kleinen Tochter, ihre ungeduldigen Bewegungen, ihre Wärme. Nach all den Stunden konnte ich sie endlich wieder stillen.

Helena brauchte keine zweite Einladung. Die ersten Züge taten weh, dann ließ der Druck langsam nach. Ihr schneller Atem wurde ruhiger. Eine ihrer kleinen Hände lag gegen meine Haut, die Finger zuerst angespannt, dann weich.

Ich strich über ihre Wange. „Da bist du ja, min lille solstråle.“

Ihre Antwort bestand aus einem zufriedenen Schlucken.

Neben mir hatte Haytham sich auf die Kante der Truhe gesetzt, Florence noch immer dicht an seiner Seite. Meine Tochter wischte sich mit dem Ärmel über die Nase und beobachtete Helena, als müsse sie selbst sicherstellen, dass ihre kleine Schwester wirklich trinken konnte.

„Sie hatte Hunger“, nuschelte Florence und beobachtete ihre kleine Schwester.

„Ja, mein Engel.“ Ich strich Helena über die Wange. „Und jetzt darf sie so lange trinken, wie sie möchte.“

Florence sah zu Sybill. „Aber vorher hat sie auch etwas bekommen, oder?“

„Ja, Miss Florence. Ich habe gut auf sie aufgepasst“, erwiderte Sybill ruhig.

Das schien Florence wichtig zu sein. Ihre Schultern sanken ein wenig, und sie lehnte sich wieder an Haytham.

Edward stand noch mit Mr Al Din Issa im Türrahmen. Ich hatte ihm beim Eintreten nur einen flüchtigen Blick zugeworfen, weil Florence und Helena mich sofort gebraucht hatten. Jetzt sah ich, wie still er dort wartete. Seine Hände hingen an den Seiten herab, und er blickte von den Mädchen zu Haytham und schließlich zu mir. Da wurde mir schmerzlich bewusst, wie lange er selbst schon auf einen ruhigen Augenblick mit uns wartete.

„Kann ich zu euch?“

„Edward, mein Schatz, komm her.“ Ich streckte ihm die freie Hand entgegen. „Du musst doch nicht fragen. Ich möchte dich genauso gern bei mir haben wie deine Schwestern.“

Florence hob den Kopf. Ihr Gesicht war noch nass und gerötet. „Und du sollst neben mir sitzen“, fügte sie hinzu. Sie löste sich von Haytham und rutschte von der Truhe auf die Decken zu seinen Füßen.

Edward kam zu uns, blieb einen Augenblick vor Florence stehen und sah sie ernst an. „Ich habe aufgepasst, so wie ich es versprochen hatte.“

„Das weiß ich.“ Florence griff nach seiner Hand. „Ich wollte trotzdem, dass du wiederkommst.“

„Ich bin ja da“, erwiderte er leise und setzte sich neben sie.

Florence rückte näher an ihn heran, bis ihre Schulter seinen Arm berührte. Edward ließ ihre Hand nicht los. Haytham, der direkt neben ihnen auf der Truhe saß, legte unserem Sohn die Hand auf die Schulter.

Mein Mann sah von Edward und Florence zu Helena an meiner Brust. Sein Gesicht wurde weicher. Unsere Kinder waren wieder bei uns, und für einen Augenblick konnte ich kaum etwas anderes ansehen als die drei.

Ich hätte ihn gern berührt. Im Augenblick hatte ich allerdings beide Hände voll mit einem sehr kleinen Menschen, der entschieden hatte, dass meine gesamte Aufmerksamkeit ihr gehörte.

Magda nutzte die Gelegenheit. Sie drückte mir den Becher in die freie Hand.

„Trinkt, Mistress Kenway.“

„Ich habe Helena noch im Arm.“

„Das sehe ich. Und trotzdem habt Ihr eine Hand frei.“

„Magda—“

„Trinkt.“

Es war erstaunlich, wie viele Menschen in meinem Haushalt Haythams Ton beherrschten, sobald sie mich für unvernünftig hielten. Ich gehorchte. Die Brühe war zu heiß, zu salzig und in diesem Augenblick das Beste, was ich je geschmeckt hatte.

◆ ◆ ◆

Helena trank nicht lange. Vielleicht war sie zu müde, vielleicht hatte die fremde Milch ihren Hunger bereits weit genug gedämpft. Irgendwann löste sie sich von selbst, blinzelte mich einen Moment lang an und ließ den Kopf an meine Brust sinken.

Ich hätte sie so vermutlich bis zum Morgen gehalten.

Sybill kam erst näher, als ich selbst die Decke ordnete und Helena höher an meine Schulter legte. Sie wartete ruhig ab, ohne mir mein Kind gleich wieder abnehmen zu wollen. Dafür war ich ihr dankbar.

„Sie wird später wieder Hunger haben“, sagte sie leise.

„Dann bringst du sie mir.“

„Selbstverständlich, Mistress Kenway.“

Ich küsste Helenas Stirn. Sie roch nach Milch, Stoff, ein wenig Rauch und nach sich selbst. Das war genug, um mir die Kehle erneut eng werden zu lassen.

Haytham streckte schließlich die Arme aus. „Darf ich?“

Ich sah ihn an. „Du fragst?“

Sein Blick wurde trocken. „Ich bemühe mich um die Regeln auf deinem Schiff.“

„Merkwürdig. Ich sollte den Tag im Kalender markieren.“

Trotzdem gab ich ihm Helena.

Er nahm sie mit einer Vorsicht, die bei einem Mann seiner Größe jedes Mal beinahe absurd wirkte. Helena regte sich kurz, schob die Wange gegen seine Brust und blieb dort. Florence rückte sofort näher an ihn. Haytham betrachtete erst die Kleine in seinem Arm, dann unsere Große, die sich vertrauensvoll an ihn lehnte. Er lächelte müde und küsste Florence ins Haar.

Ich liebte ihn dafür mehr, als ich in diesem Augenblick sagen konnte.

Edward saß noch immer auf dem Boden. Seine Augen fielen immer wieder zu, und jedes Mal riss er sie mit beleidigter Entschlossenheit wieder auf.

„Du darfst ruhig schlafen, Edward“, sagte ich. „Heute musst du auf niemanden mehr warten.“

„Ich wollte nur sehen, ob Florence auch wirklich einschläft“, erklärte er, obwohl seine Augen bereits wieder zufielen.

Haytham sah ihn über Helenas Haube hinweg an. „Du kannst dich darauf verlassen, dass wir bei euch bleiben.“

Edward nickte, richtete sich aber noch einmal auf, als wolle er beweisen, dass er durchaus wach bleiben konnte.

Florence schniefte. „Du bist doch selbst kaum noch wach.“

„Ich habe auf die Kanonen geachtet“, erwiderte Edward. „Ich wollte wissen, wann alles vorbei ist und ob ich noch helfen muss.“

„Ich weiß.“ Florence hielt seine Hand noch immer fest. „Du hast aufgepasst. Jetzt bin ich froh, dass du hier bist.“

Unser Sohn sah sie an. Erst nach einem Moment ließ er die Schultern sinken. „Ich bin auch froh, dass du wieder da bist.“

Florence rückte ein Stück zur Seite. „Dann kannst du dich nachher neben mich legen. Aber wehe, du nimmst mir die ganze Decke weg.“

Edward schnaubte leise, aber er rückte näher. Magda beschäftigte sich auffällig eingehend mit dem Brot auf dem Tisch. Ich sah, wie Haytham lächelte, als Florence noch ein Stück näher an ihren Bruder rückte.

Mr Al Din Issa trat näher. „Miss Florence hat in einem wichtigen Punkt recht, Master Edward. Wer seine Aufgaben so ernst nimmt wie Ihr, sollte sich anschließend auch ausruhen. Morgen braucht Ihr einen klaren Kopf.“

Edward sah zu ihm auf. „Ich hatte gehofft, wenigstens Ihr würdet mich verstehen.“

„Das tue ich, Master Edward. Deshalb rate ich Euch ja zum Schlafen.“

Florence lächelte zufrieden und lehnte den Kopf gegen ihren Bruder.

Edward suchte Haythams Blick. Sein Vater nickte ihm zu. „Du hast deine Pflicht erfüllt. Du hast gewartet, gehorcht und geholfen, als ich dich darum gebeten habe. Darauf kannst du stolz sein. Und jetzt ist es meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass du zur Ruhe kommst.“

Edward seufzte. „Das klingt verdächtig nach einem Befehl.“

„Dann hast du mich richtig verstanden“, erwiderte Haytham ruhig.

„Ja, Vater.“ Diesmal klang es eher erleichtert als widerwillig.

Sophia breitete Decken auf dem Boden aus. Magda holte Kissen aus der Truhe, während Mr Al Din Issa einen zusammengerollten Mantel beisteuerte. Innerhalb weniger Minuten entstand ein Schlafplatz, der vermutlich gegen jede Regel verstieß, die Haytham jemals für ein ordentliches Kinderzimmer aufgestellt hatte.

Er erhob keinen Einwand.

Florence wollte zuerst sehen, dass Helena bei uns blieb. Danach trank sie endlich aus ihrem Becher und aß einen Bissen Brot, weil Haytham sie lange genug ansah.

Als Florence schließlich fertig gegessen hatte, nahm sie Edward bei der Hand und zog ihn auf den vorbereiteten Schlafplatz. Unser Sohn legte sich neben sie, und meine Große rückte zufrieden an ihn heran. Offenbar hatte sie beschlossen, dass ihr Bruder heute Nacht möglichst nah bei ihr bleiben sollte.

Kinder setzten eine erschütterte Welt auf ihre eigene Weise wieder zusammen. In dieser Nacht nahm ich jede ihrer kleinen Bedingungen ernst.

Es klopfte leise. Michael trat mit zwei weiteren Decken ein. Sein Haar war feucht, die Ärmel hochgekrempelt, und in seinem Gesicht lag dieselbe Müdigkeit wie in unser aller Gesichtern.

Magda sah sofort zu ihm. „Lionel?“

„Schläft in der Gästekajüte gegenüber. Mit den Stiefeln an und einer Hand um meinen Ärmel.“

„Du hast ihm die Stiefel nicht ausgezogen?“

„Ich wollte meinen Arm behalten.“

Magda musterte ihn einen Herzschlag lang. „Ich sehe gleich nach ihm.“

Michael nickte. Seine Hand berührte kurz ihren Rücken, bevor er sich an Haytham wandte. „Die Männer aus dem letzten Boot sind an Bord, Master Kenway. Mr Hargreaves lässt die Boote sichern. Die Wachen oben haben Signal gegeben. Dort ist alles ruhig.“

„Danke, Michael. Geh zu deinem Sohn.“

„Sobald ich Euren Mantel versorgt habe.“

Haytham sah an sich hinunter. „Mein Mantel überlebt.“

Michael betrachtete den zerrissenen Ärmel. „Das wird sich erst noch zeigen.“

Er verbeugte sich und ging. Magdas Blick folgte ihm zur Tür. Erst als sie sich wieder zu uns umdrehte, bemerkte ich, wie fest sie eine der Decken an sich gedrückt hatte.

„Geh zu Lionel“, sagte ich. „Wir sind hier genug.“

Magda zögerte. Ihre Pflicht stritt sichtbar mit der Mutter in ihr.

„Du hast Lionel die ganze Nacht vermisst“, fügte ich leiser hinzu. „Geh nur, Magda. Wir kommen hier zurecht.“

Sie kam zu mir, legte für einen Moment die Hand an meine Schulter und nickte. „Dann gehe ich zu meinem Sohn.“

„Gut.“

Als sie die Kajüte verließ, entspannte sich ihre Haltung ein wenig. Endlich konnte auch sie nach ihrem Kind sehen.

Sybill nahm Helena kurz, damit Haytham seinen Mantel ablegen konnte. Genau dabei sah ich sein Knie richtig. Die Schwellung war unter dem Stoff deutlicher geworden, und als er das Bein bewegte, spannte sich sein Kiefer.

„Setz dich ordentlich hin.“

Haytham sah mich an. „Ich sitze.“

„Du thronst. Das ist etwas anderes.“

Edward, der sich gerade unter eine Decke legte, gab ein verdächtiges Geräusch von sich und wurde sofort sehr beschäftigt damit, den Stoff glattzustreichen.

Ich kniete vor Haytham. Sybill reichte mir wortlos ein warmes Tuch.

„Alex“, begann er, als ich das Tuch um sein Knie legte.

„Falls du mir erklären möchtest, dass diese Schwellung morgen von selbst verschwunden sein wird, spar dir die Mühe, mi amor. Ich sehe doch, wie vorsichtig du das Bein bewegst.“

Haytham sah mich an. „Ich wollte dir sagen, dass das Tuch ausgesprochen angenehm ist.“

Ich hielt inne und musste lächeln. „Das wäre tatsächlich einmal eine überraschende Antwort von dir.“

Florence beobachtete uns schläfrig. „Papa ist genauso stur wie du, Mama.“

„Eine sehr genaue Beobachtung, Florence“, entgegnete Haytham.

Edward hob den Kopf aus seiner Decke. „Dann habt ihr beide recht. Das kommt selten vor.“

„Edward, du wolltest doch schlafen“, erinnerte sein Vater ihn.

„Ich versuche es ja. Florence hat angefangen.“

Meine Große kicherte und zog ihre Decke höher. Ich schüttelte lächelnd den Kopf, während Haytham seinem Sohn einen vielsagenden Blick zuwarf.

Für einen Moment klang Florences Lachen wieder so vertraut, dass mir warm ums Herz wurde.

Ich legte das warme Tuch vorsichtig um Haythams Knie. Er zog das Bein nicht fort, obwohl ich spürte, wie angespannt die Muskeln darunter waren.

„Michael wird sich das morgen noch einmal ansehen“, sagte ich und legte den warmen Stoff vorsichtig zurecht.

„Ich werde ihm die Entscheidung wohl überlassen müssen“, erwiderte Haytham.

„Das klingt nach einer vernünftigen Übereinkunft.“

Seine Hand legte sich über meine. „Mit dir ist Verhandeln ein zunehmend theoretisches Konzept.“

„Dafür kümmerst du dich nicht allein um dein Knie.“

Er drückte meine Hand. „Darüber könnte ich mich kaum beklagen.“

Ich lächelte und ließ seine Hand einen Moment auf meiner liegen.

Vor der offenen Tür bewegte sich Connor. Walka hob kurz den Kopf, als er näher kam, blieb aber ruhig liegen.

Florence entdeckte ihn zuerst. „Connor?“

Er blieb im Türrahmen stehen. „Ich wollte euch nicht stören.“

„Warum stehst du draußen?“

Connor sah in die Kajüte, als würde er die Zahl der Menschen tatsächlich überprüfen. „Weil der Raum bereits überzeugend besetzt aussieht.“

Haytham deutete auf die freie Bank neben der Tür. „Dann ist es ein Glück, dass Alex in ihrer Kajüte noch einen Sitzplatz besitzt. Komm herein.“

Ich sah ihn an. Er sah völlig unschuldig zurück.

Connor trat ein. Die sichtbaren Waffen hatte er abgelegt; seine Hände waren leer. Er setzte sich auf die Bank und streckte die Beine aus.

Florence blickte zu Walka. „Sie knurrt nicht mehr.“

Connor folgte ihrem Blick. „Nein.“

„Dann warnt sie gerade vor nichts?“

„Im Augenblick nicht.“

Florence schien die Antwort zu beruhigen. Sie legte sich auf die Seite und zog Edward an der Hand näher.

Er blieb sitzen, bis ihre Augen zufielen. Erst dann legte er sich hin, steif genug, um den Eindruck zu erwecken, Schlaf sei nur eine weitere Aufgabe, die er widerwillig korrekt erledigen würde. Sophia zog ihm die Decke bis zum Kinn. Edward öffnete noch einmal die Augen, bemerkte es und ließ es geschehen.

Mr Al Din Issa wartete, bis unser Sohn wirklich still lag. „Ich ziehe mich zurück, Mistress Kenway. Master Edward hat für heute genügend Aufgaben erfüllt.“

„Danke.“

Er sah noch einmal zu Edward. „Sollte er innerhalb der nächsten fünf Minuten behaupten, nicht zu schlafen, widersprecht ihm bitte nicht. Ich fürchte, er könnte versuchen, es zu beweisen.“

Connor senkte amüsiert den Kopf. Haytham lächelte, und selbst Sophia musste sich ein Lachen verkneifen.

Mr Al Din Issa verließ die Kajüte.

Sophia blieb auf ihrem Schemel in der Ecke. Sybill setzte sich neben die Tür zu Connor, Helena wieder in ihren Armen. In der Kajüte wurde es allmählich still.

Ich hörte das Meer gegen den Rumpf schlagen und Edwards gleichmäßiger werdenden Atem.

Nach einigen Minuten gab Sybill mir Helena zurück. Die Kleine war nicht wach, öffnete aber die Hand, sobald ich sie an mich nahm, und legte die Finger gegen meinen Hals. Ich setzte mich neben Haytham und lehnte die Schulter an seine.

„Sie wird heute Nacht vermutlich noch öfter trinken wollen“, sagte ich leise.

„Dann bleiben wir eben eine Weile wach“, erwiderte Haytham.

„Wir?“, fragte ich und lehnte mich ein wenig fester an seine Schulter.

„Ich kann sie dir immerhin bringen und anschließend wieder halten. Das überlässt du hoffentlich mir.“

„Das lässt sich einrichten, mi amor.“

Er sah zu Helena, die gerade die Finger an meinem Mieder öffnete. „Ich hätte sie alle gern früher hiergehabt.“

Ich verstand, was ihn beschäftigte. Zwei Tage waren vergangen. Florence trug noch den Ruß auf der Wange, und Edward hatte auf den Klippen mehr gesehen, als uns lieb war. Ich spürte selbst noch, wie sich die Sorge in meinem Körper festgesetzt hatte.

Ich legte meine Hand über seine. „Jetzt sind sie hier. Wir dürfen sie endlich wieder festhalten.“

Haytham schloss die Finger um meine. „Ja, mi sol.“

◆ ◆ ◆

Über uns gingen Wachen ihre Runden. Männer verstauten die letzten geborgenen Dinge, und einmal hörte ich Mr Hargreaves mit gedämpfter Schärfe erklären, eine versiegelte Dokumentenkiste werde auch vorläufig nicht neben Fässern mit Fisch gelagert. Während an Deck gearbeitet wurde, rückten die Kinder auf ihren Decken näher zusammen.

Connor saß noch auf der Bank. Haytham hatte Helena inzwischen wieder übernommen, nachdem ich meinen Arm ausschütteln musste. Die Kleine schlief in seiner Armbeuge und hatte eine Hand in den Rand seines Hemdes gekrallt.

„Du wirst sie irgendwann ablegen müssen, mi amor“, sagte ich leise.

„Ich ziehe diesen Zeitpunkt vorläufig nicht in Betracht.“

„Dein Arm wird einschlafen. Und dein Knie braucht Ruhe.“

Haytham sah auf Helenas kleine Hand, die sich an seinem Hemd festhielt. „Für meine Tochter nehme ich einen eingeschlafenen Arm in Kauf.“

Connor senkte den Kopf. Ich sah trotzdem, dass er lächelte.

„Du findest das amüsant, Connor?“

„Ein wenig“, gab er zu. „Aber ich würde sie vermutlich genauso halten.“

Haytham sah zu ihm hinüber, und für einen kurzen Augenblick verstanden sich die beiden ohne weitere Worte.

Edward gab im Schlaf ein leises Geräusch von sich. Florence rückte noch näher an ihn, ohne aufzuwachen. Für eine Weile sprachen wir nicht mehr.

Haytham schloss die Augen.

„Versuch du auch etwas zu schlafen“, murmelte ich.

„Sobald Helena mir gestattet, meine Haltung zu verändern.“

„Du würdest sie vermutlich noch bis morgen Mittag halten, wenn sie dich ließe.“

„Du sprichst, als wäre das ein Nachteil.“

Ich strich Helena sanft über den Rücken. „Überhaupt nicht. Ich sehe nur, wie müde du bist. Und das Knie wird dir morgen genug Schwierigkeiten machen.“

„Dann werde ich mich morgen eben langsamer bewegen.“

Ich lächelte. „Ausnahmsweise wäre das sogar eine gute Idee.“

Er betrachtete Florence und Edward auf den Decken, dann Helena in seinem Arm. Als sein Blick zu mir zurückkehrte, wirkte er ein wenig entspannter.

„Er war tapfer“, sagte er nach einer Weile und sah zu Edward.

„Ja. Er hat viel Verantwortung übernommen, und trotzdem bleibt er unser Junge“, erwiderte ich leise.

Haytham schwieg länger, bevor er fortfuhr. „Ich hätte ihn nicht hinaufkommen lassen sollen.“

Ich wusste, an welchen Augenblick Haytham dachte. Edward war erst hinaufgekommen, nachdem die Mädchen in Sicherheit gewesen waren und das Kanonenfeuer aufgehört hatte. Trotzdem hatte er die letzten kurzen Kämpfe mitbekommen und mehr von diesem Anwesen gesehen, als ich ihm zugemutet hätte. Haytham sah lange zu ihm hinunter. Ich hätte gern gewusst, wie schwer ihm diese Entscheidung noch auf der Seele lag.

„Vielleicht“, sagte ich und legte meine Hand auf Haythams Arm. „Aber als Edward dort war, hat er gewartet. Er hat geholfen, ohne sich größer zu machen, als er ist. Er hat nichts angerührt, was er nicht anrühren sollte, und er hat auf dich gehört, obwohl er Angst hatte. Du hast ihm vertraut. Das zählt auch.“

Haytham nickte langsam. „Ja. Und er hat mich nicht enttäuscht.“

„Er wird sich trotzdem morgen beschweren, wenn Mr Al Din Issa ihm Unterricht gibt.“

„Dann weiß ich wenigstens, dass er sich erholt.“

Connor erhob sich langsam. „Ich sehe nach den Wachen auf der Aquila.“

„Warte.“

Er blieb stehen.

„Danke, Connor“, sagte ich, als er sich zu mir umwandte. „Für alles, was du heute Nacht für uns getan hast. Und versuch bitte, selbst ein wenig auszuruhen.“

Er lächelte müde. „Ich werde es versuchen, Alex.“

Haytham streckte die Hand aus und fasste kurz Connors Unterarm. „Nicht zu viel später, Sohn.“

Connor erwiderte den Griff. „Ich gebe mir Mühe, Vater.“

Dann ging Haythams großer Sohn hinaus.

Sybill löschte eine der Laternen. Der Raum wurde dunkler, die Kanten weicher. Sophia war auf ihrem Schemel eingeschlafen, den Kopf gegen die Wand gelehnt. Sybill blieb wach; bei ihr hätte mich in dieser Nacht alles andere überrascht.

Ich hörte auf, Haytham um Helena zu bitten, und legte den Kopf an seine Schulter.

Überall lagen Spuren dieser Nacht. Mein Kleid roch nach Rauch, Haythams Hemd war am Ärmel zerrissen. Florence hatte noch immer einen Rußstreifen auf der Wange, und Edward lag halb unter seiner Decke und halb daneben. Aus der Kajüte gegenüber drang Lionels verschlafene Stimme. Michaels ruhige Antwort folgte, dann Magdas leises Schimpfen darüber, dass Stiefel nicht in eine Koje gehörten.

Gerade deshalb fühlte es sich vollkommen an.

„Ich habe Angst vor morgen“, sagte ich.

Haythams Blick blieb auf Helena. „Ich auch.“

Ich hob den Kopf. Bei meinem Templer war ein solches Eingeständnis etwas Besonderes, und ich sah ihn eine Weile still an.

„Du sagst das selten.“

„Es ist selten zweckmäßig.“

„Und was machen wir jetzt mit dieser Angst?“

Er sah zu den schlafenden Kindern und dann zu mir. „Für heute bleiben wir bei ihnen. Morgen sehen wir uns an, was zu tun ist. Ich werde nicht so tun, als wäre alles bereits vorüber, Alex. Aber unsere Kinder müssen jetzt schlafen dürfen. Und du ebenfalls.“

Ich legte die Hand an seine Wange. Er schloss die Augen und ließ sie dort.

„Morgen sollten wir die Schublade öffnen“, murmelte ich schließlich.

„Zuerst lassen wir prüfen, was vom Haus noch steht“, erwiderte er. „Dann entscheiden wir, wie wir weiter vorgehen.“

„Die Transportkiste steht wenigstens sicher im Kartenraum.“

„Und dort bleibt sie, bis wir uns in Ruhe darum kümmern können.“

„Der Zugang unter den Klippen beschäftigt mich trotzdem.“

Haytham warf einen Blick zu den Schlafenden. „Darüber sprechen wir, wenn wir allein sind. Ich lasse ihn morgen von außen sichern und prüfen. Hineingehen wird vorerst niemand.“

Ich nickte. Für einen Augenblick hatte ich dort Schnee gesehen. Ich wollte mit Haytham darüber sprechen, sobald wir ungestört waren.

„Gut“, sagte ich. „Dann lassen wir die Männer zuerst ihre Arbeit beenden und sehen uns morgen alles bei Tageslicht an.“

„Genau das“, erwiderte er und verschränkte seine Finger mit meinen.

Ich blieb dicht neben ihm sitzen. Die Wärme seiner Hand war vertraut, ebenso das sanfte Gewicht seiner Schulter an meiner.

Ich küsste seine Finger. Sein Daumen strich über meine Hand, während irgendwo über uns eine Leine über Holz lief.

Mit einmal regte Helena sich in seinem Arm.

Wir verstummten beide sofort.

Unser Baby öffnete die Augen nur einen Spalt, sah einen Moment viel zu wach ins gedämpfte Laternenlicht und verzog dann das Gesicht. Der erste Laut war noch leise. Der zweite erklärte bereits der gesamten Kajüte, dass sie mit der gegenwärtigen Situation unzufrieden war.

Florence fuhr hoch. Edward ebenfalls, halb in seiner Decke gefangen.

„Was ist passiert?“, murmelte er.

Florence blinzelte zu Helena. „Sie ist wütend.“

„Auf wen?“

Florence dachte nicht lange nach. „Auf alle.“

Haytham betrachtete das protestierende Bündel in seinem Arm. „Das ist nachvollziehbar.“

Ich nahm Helena zu mir. Diesmal suchte sie nicht lange. Ich zog die Decke wieder über uns, löste die Schnürung und ließ sie trinken. Nach zwei empörten Lauten erkannte sie offenbar, dass die Welt endlich wieder angemessen funktionierte, und ihre Lautstärke sank auf ein zufriedenes Schnaufen.

Edward ließ sich auf seine Decke zurückfallen. „Sie klingt wie Großvater, wenn jemand seine Karten falsch faltet.“

Haytham und ich sahen ihn gleichzeitig an.

Florence kicherte.

Der Laut war klein und müde, aber er war kein Schluchzen. Edward bemerkte es ebenfalls. Sein Gesicht wurde weich, bevor er die Decke wieder über die Schulter zog.

„Stimmt doch“, murmelte er.

Haytham sah ihn noch einen Moment an. „Dein Großvater hätte Karten niemals falsch gefaltet.“

Edward schloss die Augen. „Eben.“

Ich lachte. Florence kicherte noch einmal, und sogar Sybill schüttelte den Kopf. Helena trank weiter, vollkommen unbeeindruckt davon, dass sie gerade eine Familienerinnerung ausgelöst hatte.

Florences müdes Kichern blieb mir noch eine Weile im Ohr. Erst vor wenigen Stunden hatte ich sie auf den Klippen so fest an mich gedrückt, weil ich nicht wusste, wie ich sie jemals wieder loslassen sollte. Jetzt neckte sie ihren Bruder über Großvaters Seekarten. Es war ein kleines Stück Alltag, auf das ich in den vergangenen Tagen verzweifelt gehofft hatte.

Als Helena satt war, blieb sie an meiner Brust liegen. Ihre Finger hatten sich in meinem Hemd verfangen. Ich sank zwischen Bettkante und Truhe auf die Decken, und Haytham setzte sich neben mich, eine Hand in meinem Haar. Florence und Edward schliefen wieder. Sophia atmete langsam, Sybill wachte, und gegenüber waren nun auch Michael, Magda und Lionel still geworden.

Die Jackdaw schaukelte sanft unter uns. Ich hörte Wasser am Rumpf und das leise Knarren der Planken.

Helena lag warm und satt an mir, und Haytham strich mir durchs Haar. Irgendwo neben uns raschelte Florence im Schlaf mit ihrer Decke. Ich ließ die Augen geschlossen und hörte einfach zu.

Irgendwann schlief ich ein, die Wange an Haythams Schulter und Helenas kleinen Atem dicht an meinem Hals.

◆ ◆ ◆

Am Morgen fiel graues Licht durch die kleinen Scheiben meiner Kajüte. Es lag auf dem Tisch, den verstreuten Decken und Edwards zerzaustem Haar. Florence schlief noch dicht neben ihm. Helena ruhte an meiner Brust, eine Hand fest in meinem Hemd, als wolle sie mich für alle Fälle festhalten.

Mein Nacken schmerzte, ein Bein war eingeschlafen, und ich hätte für ein richtiges Bett vermutlich einen kleineren Krieg geführt.

Haytham war nicht gegangen. Er saß neben mir, bleich vor Müdigkeit, aber wach. Sein Kopf lehnte an der Wand. Für einen Mann, der angeblich nicht schlafen wollte, sah er verdächtig danach aus, als hätte er zumindest zeitweise verloren.

„Hast du überhaupt geschlafen?“, flüsterte ich.

„Genug.“

„Das ist Haytham für nein.“

Haytham lächelte müde. „Und du?“

Ich sah auf Helena. „Offenbar mit Unterbrechungen.“

Sybill hatte mir kurz nach dem Aufwachen leise erzählt, was in der Nacht geschehen war. Helena hatte mehrmals getrunken. Einmal hatte Sybill sie übernommen, während ich so tief schlief, dass ich ihre Unruhe nicht bemerkte. Später hatte die Amme aus dem Anwesen noch einmal geholfen, als Helena wieder Hunger bekam und ich sie nicht gleich stillen konnte. Als Sybill sie mir zurückbrachte, war unsere Jüngste satt, warm und offenbar wenig begeistert von den vielen Unterbrechungen.

Ich strich Helena mit dem Daumen über die kleine Hand. Ich war den Frauen dankbar, die mein Baby versorgt hatten, und Sybill, die ohne Zögern Hilfe angenommen hatte. Trotzdem tat es weh, daran zu denken, dass meine Kleine in diesen zwei Tagen so oft nach mir gesucht haben musste. Ich hätte gern jede einzelne Stunde davon bei ihr verbracht.

Haytham bemerkte meinen Blick. „Du denkst noch an die beiden Tage.“

„Ja.“ Ich sah zu ihm auf. „Sybill hat mir gerade erzählt, dass die Amme in der Nacht noch einmal helfen musste. Ich bin ihr so dankbar. Aber ich hätte Helena selbst halten wollen, mi amor. Die ganze Zeit.“

„Das weiß ich.“ Er legte die Hand an meinen Arm. „Du hast alles getan, um sie zurückzubringen. Dass sie bis dahin versorgt wurde, ist etwas, wofür wir diesen Frauen dankbar sein dürfen.“

„Das bin ich. Es macht mir nur die vergangenen Tage nicht leichter.“

„Nein“, antwortete er leise. „Das verstehe ich.“

Ich lehnte mich an ihn und legte meine Hand auf seine. Er zog sie nicht fort, sondern blieb bei mir sitzen, bis Helena sich im Schlaf wieder zurechtrückte.

Durch die Wand hörte ich Schritte an Deck, gedämpfte Stimmen und das ferne Rufen eines Mannes von der Aquila. Dann kam über dem Wasser ein tiefes, müdes Krachen.

Florence bewegte sich im Schlaf. Edward öffnete kurz die Augen und schloss sie wieder.

Haytham sah zum Fenster. „Der östliche Flügel.“

„Vermutlich.“

„Das Haus hält nicht mehr lange.“

„Dann soll es noch warten, bis alle Männer von dort zurück sind.“

Er sah mich von der Seite an. „Eine ungewöhnlich pragmatische Haltung für jemanden, der gestern meine Beziehung zu archäologischen Funden kommentiert hat.“

„Ich entwickle mich.“

„Besorgniserregend schnell.“

Ich hätte ihm geantwortet, doch es klopfte.

Mr Al Din Issas Stimme kam gedämpft durch die Tür. „Master Kenway. Captain.“

„Herein“, antwortete ich so leise wie möglich.

Die Tür öffnete sich nur einen Spalt. Mr Al Din Issa trat nicht vollständig ein, vermutlich weil schon der Anblick der auf dem Boden verteilten Kenways genügend Information über unseren Zustand lieferte.

„Die Wachen melden, dass der östliche Flügel weiter absackt. Der Zugang unterhalb des Hauses ist von außen noch erreichbar, aber nicht sicher genug für eine Untersuchung ohne Vorbereitung. Die Transportkiste mit der Schublade steht unbeschädigt und versiegelt im Kartenraum. Die gesicherten Funde befinden sich ebenfalls an ihren vorgesehenen Plätzen.“

Ich nickte. „Gut.“

Mr Al Din Issa zögerte einen Herzschlag.

„Was noch?“, fragte Haytham.

„Master Edward bat mich vor seinem Einschlafen mehrfach, Euch daran zu erinnern, dass die Schublade noch nicht geöffnet wurde.“

Vom Boden kam eine verschlafene Stimme. „Zweimal.“

Florence öffnete ein Auge. „Dreimal.“

Mr Al Din Issa sah sehr ernst zu Boden. „Meine Erinnerung stimmt mit Miss Florence überein.“

Haytham schloss die Augen.

Ich musste lachen, leise genug, dass Helena nur kurz die Stirn verzog und weiterschlief.

„Morgen“, sagte ich heiser.

Haytham öffnete ein Auge. „Es ist Morgen.“

„Ich hasse dich ein wenig dafür, dass du recht hast.“

„Nur ein wenig?“

Ich sah zu unseren Kindern, zu den Decken auf dem Boden, zu Helena in meinen Armen und zu dem schmalen Streifen grauen Lichts, der über die Planken wanderte. „Für den Augenblick.“

Haytham nahm meine Hand.

Das beschädigte Anwesen, die versiegelte Schublade und der ungewöhnliche Zugang unter den Klippen würden uns bald wieder beschäftigen. Von Deck drangen gedämpfte Schritte und die Rufe der Männer zu uns herunter. Doch Edward war neben Florence wieder eingeschlafen, und Helena lag satt und warm in meinem Arm. Haytham saß dicht bei uns, seine Hand noch immer in meiner.

Ich strich Edward eine zerzauste Strähne aus der Stirn und zog Florences Decke etwas höher. Dann lehnte ich mich wieder an meinen Mann. Für diesen Morgen genügte mir das: meine Kinder, sein vertrauter Atem neben mir und die Jackdaw, die uns ruhig auf dem Wasser trug.