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Katalonien - Die Schublade des Russen!

Die Fäden, Die Uns Halten! - Part Iii Der Schicksalhaften Zeitreisen — www.fanfiktion.de · All chapters

Katalonien - Die Schublade des Russen!

Willkommen ihr Lieben!

Wir öffnen heute die Schublade des Russen. Darin befinden sich Unterlagen,

die nicht nur Alex sprachlos werden lassen, sondern auch Haytham

verdeutlichen, dass seine Familie seit Jahren ausspioniert wurde.

Jetzt heißt es Jennifer und Yannick vor den Machenschaften Eugenes zu warnen.

Selbst aus seinem "Exil" ist er eine Gefahr wie es scheint!

Ich wünsche gute Unterhaltung beim Lesen und bleibt gesund!

Liebe Grüße eure MrsHEKenway

Zitat Kapitel 56 - Katalonien

Kapitel 56

~~~ Die Schublade des Russen ~~~

Katalonien – Dezember 1773

Der Morgen machte das Anwesen nicht weniger hässlich. Er nahm ihm nur die Gnade der Dunkelheit.

Vom Deck der Jackdaw aus sah ich die Masia* über den Klippen liegen, grau im frühen Licht und an mehreren Stellen offen wie eine Wunde. Ein Teil der östlichen Mauer war in der Nacht weiter abgesackt. Wo gestern noch ein Fenster zwischen Rauch und Stein gestanden hatte, klaffte nun ein schiefer Riss, und der obere Flügel lehnte so sichtbar gegen sich selbst, dass jeder auf Deck unwillkürlich den Kopf hob, sobald irgendwo dort oben Mauerwerk nachgab.

Die Jackdaw antwortete darauf mit ihrem eigenen vertrauten Geräuschen. Holz arbeitete unter meinen Füßen, Taue knarrten in den Blöcken, von der Kombüse her roch es nach warmer Brühe und Brot. Männer wechselten die Wachen, andere bereiteten Boote für die letzten Bergungen vor. Nach allem, was in der Nacht zwischen den Klippen geschehen war, bedeutete mir dieses alltägliche Geräusch mehr als jede Versicherung, dass wir für den Augenblick sicher waren.

Helena hatte noch einmal bei mir getrunken, als es gerade zu dämmern begann und schlief jetzt satt in Sybills Arm. Ich ertappte mich trotzdem dabei, immer wieder zu ihr hinüberzusehen. Vier Monate waren nicht genug, um irgendeine Form von Unabhängigkeit zu verlangen, und zwei Tage in fremden Händen verschwanden nicht nur deshalb aus meinem Körper, weil ich mein Kind wiederhatte. Wenn Helena sich bewegte, wusste ich es, bevor ich bewusst hinsah. Wenn sie einen kleinen Laut machte, spannte sich etwas in mir an, selbst wenn Sybill sie bereits beruhigte. Offenbar hatte niemand meinen Instinkten mitgeteilt, dass die Entführung vorbei war.

Florence saß auf einer zusammengerollten Decke neben einem Fass und hielt ihren Becher mit beiden Händen, während Sophia vorsichtig die Knoten aus ihren Locken löste. Dass meine Tochter diese Prozedur widerspruchslos über sich ergehen ließ, sagte mehr über ihre Müdigkeit als ihre blasse Haut. Nahe der Großluke saß Lionel zwischen Michaels Knien. Michael hatte einen Arm um seinen Sohn gelegt und behielt gleichzeitig Haythams bandagiertes Knie im Blick. In dieser Nacht hatte niemand in unserem Haushalt nur eine einzige Rolle gehabt.

Edward stand mit Walka an der Reling. Die Bluthündin lag dicht an seinen Füßen und hielt die Nase in Richtung der Klippen, während unser Sohn so tat, als interessiere ihn ausschließlich der Zustand des Anwesens. Ich kannte ihn gut genug. Er wartete darauf, ob Haytham ihm erlauben würde, bei der Öffnung der Schublade dabei sein zu dürfen.

Mein Mann stand neben mir, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er mochte eine Stunde geschlafen haben, vielleicht auch etwas mehr, doch seine Haltung war zu gerade für einen erschöpften Mann und sein Gesicht zu kontrolliert für jemanden, dessen Knie bei jeder falschen Bewegung protestierte.

„Wenn du den Klippenweg heute dreimal gehst, wird dein Knie dir spätestens heute Abend eine sehr klare Meinung dazu mitteilen“, sagte ich leise.

Er sah mich von der Seite an. „Mein Knie besitzt nach Auffassung meiner Familie bereits einen erstaunlich ausgeprägten Charakter.“ Ein leichtes Lächeln umspielte seinen Mund, als ich die Braue hochzog. „Und bevor du fragst: Nein. Ich habe nicht vor, dreimal dort hinaufzugehen.“

„Das ist die vernünftigste Sache, die du seit Sonnenaufgang gesagt hast.“

„Dann solltest du den Augenblick genießen, Mistress Kenway.“

Seine absichtlich förmliche Anrede passte so wenig zu dem Rußrest an seinem Kragen, dass ich lächeln musste. „Ich werde es mir für meine nächste Ehe merken.“

Noch bevor Haytham darauf antworten konnte, krachte es oben am Anwesen. Das dumpfe Brechen ging in ein langes Rutschen über. Mehrere Männer hielten mitten in ihrer Arbeit inne. Edward richtete sich auf, Florence hob den Kopf, Walka stand sofort. Helena regte sich in Sybills Armen, wurde aber Odin sei Dank nicht richtig wach.

Mr Hargreaves kam vom Achterdeck zu uns. „Der östliche Flügel verliert weiter Mauerwerk, Captain. Die Posten melden, dass Hof und unterer Zugang noch zu halten sind. Ins Haupthaus würde ich heute niemanden mehr schicken, der nicht einen verdammt guten Grund hat.“

„Dann schicken wir niemanden hinein“, sagte ich. „Nur noch bergen, was außerhalb oder in den bereits gesicherten Bereichen liegt. Keine neue Durchsuchung.“

Haytham nickte. „Und keine Versuche, etwas zu retten, nur weil es teuer aussieht. Was unter einer einstürzenden Decke liegt, bleibt dort.“

Edward wartete genau bis zu diesem Punkt. „Und die Schublade?“ Sein Blick glitt zur Luke. „Die ist bereits an Bord.“

„Das stimmt“, bestätigte Haytham. „Du darfst zusehen. Du bleibst bei Mr Al Din Issa.“

Edward öffnete den Mund. Hinter ihm räusperte sich Mr Al Din Issa mit vollendeter Höflichkeit. Kurzerhand überlegte es sich unser Sohn anders. „Ich bleibe ununterbrochen bei Mr Al Din Issa.“

„Ich werde Master Edward so ununterbrochen begleiten, wie es einem Menschen möglich ist, Sir“, versicherte sein Kammerdiener.

„Das beruhigt mich ungemein.“

Florence stellte ihren Becher ab. Ihr Blick ging erst zu Edward, dann zum Anwesen. „Ich will da nicht wieder hinein.“ Ihre Stimme war leise, aber fest.

Ich ging vor ihr in die Hocke. „Das musst du auch nicht.“

Sie betrachtete ihre Hände. „Aber wenn Edward nach Zeichen sehen darf, will ich auch helfen.“

Sophia hielt in ihren Haaren inne. Ich sah Haytham an und erkannte seinen ersten Impuls sofort. Nach der vergangenen Nacht hätte er am liebsten beide Kinder in Decken gewickelt und erst in Virginia wieder aus den Augen gelassen. Florence brauchte aber jetzt die Gewissheit, dass sie weiterhin denken und vor allem helfen durfte.

„Edward zeichnet den Mechanismus ab“, sagte ich. „Wenn dort etwas ist, das sich gefahrlos auf Papier übertragen lässt, darfst du dir seine Zeichnung hier an Deck ansehen. Du gehst weder in den Kartenraum noch zurück zum Haus.“

Florence dachte darüber nach. „Und wenn an der Zeichnung etwas falsch ist?“

„Dann sagst du uns, was dir auffällt.“

Das genügte ihr. Sie nickte und griff wieder nach ihrem Becher, während ihr Kindermädchen sich an die nächste widerspenstige Locke machte.

Connor kam wenig später an der Steuerbordseite über die Leiter an Bord. Er hatte die Nacht auf seinem Schiff verbracht und sah aus, als hätte er seinen eigenen Rat über Ruhe ebenso erfolgreich ignoriert wie sein Vater.

„Sie hat kaum geschlafen.“ Edward strich seiner Hündin über den erhobenen Kopf, als Haythams Sohn zu ihm ging. „Jetzt hört sie nur noch hin.“

Connor folgte Walkas Blick zu den Klippen. „Dann sollten wir dasselbe tun.“

Bevor wir unter Deck gingen, küsste ich Florence auf die Stirn und nahm für einen Moment Helenas kleine Hand in meine. Mein Templer hob unsere jüngste Tochter aus Sybills Armen, drückte sie kurz an sich und gab sie wieder zurück. Edward versprach Florence mit feierlichem Ernst, ihr nur das zu zeigen, was wirklich ungefährlich war.

Michael erhob sich und legte Lionel kurz die Hand auf die Schulter. „Master Kenway, falls Ihr Eure neu gewonnene Vernunft verliert und doch noch den Klippenweg nehmen wollt, erinnere ich Euch gern an Euer Knie.“

Haytham seufzte. „Ich beginne zu vermuten, dass dieses Knie inzwischen mehr Aufsicht genießt als der Großmeister selbst.“

„Dann erfüllt es immerhin einen nützlichen Zweck, Sir.“ Michael legte Lionel wieder den Arm um die Schultern. „Wir bleiben hier.“

◆ ◆ ◆

Vor dem Kartenraum standen zwei Wachen. Die flache Transportkiste lag auf dem großen Kartentisch, noch immer in den Tüchern und Leinen, mit denen sie aus dem Anwesen gebracht worden war. Haythams dunkles Wachssiegel war unversehrt. Dieses vertraute Knarren des Schiffes unter unseren Füßen ließ das fremde Stück Holz auf dem Tisch noch auffälliger wirken.

Connor blieb zunächst an der Tür. Mr Al Din Issa führte Edward hinein und hielt ihn tatsächlich so nahe bei sich, dass zwischen ihnen kaum eine Armlänge blieb. Walka legte sich neben Edwards Stiefel.

Haytham prüfte zuerst Siegel, Knoten und Kistenrand, dann öffnete er die Transportkiste. Unter den Decken lag die herausgezogene Schublade. Helle Splitter klebten noch an ihren Seiten, dort, wo sie aus dem Schreibtisch gebrochen worden war. Das Holz war dunkel, schwer und fast schmucklos. Von außen sah sie wieder beinahe gewöhnlich aus.

Aber nur beinahe, denn ihr Inhalt war alles andere als das!

Haytham löste den Mechanismus, den er bereits im Arbeitszimmer gefunden hatte, und zog die Schublade diesmal vollständig auf. Das Weiß des Papiers traf mich sofort. Daneben lag noch immer die flache dunkle Kassette mit ihren viel zu sauberen Kanten, und auf den Blättern das Bild, von dem ich in der Nacht nur einen Bruchteil gesehen hatte.

Jetzt sah ich es ganz.

Mein Wohnzimmer. Das Sofa, das ich neu kaufen musste, nachdem sie bei Yannicks kleiner Party jemand fast in Brand gesteckt hatte. Das Bücherregal am Fenster. Der kleine Tisch. Sogar die Pflanze stand dort, die regelmäßig kurz vor dem Tod gewesen war, weil ich das Gießen vergaß und es anschließend zu gut meinte. Ich hatte mich im Anwesen nicht getäuscht. Jemand hatte in meiner anderen Welt gestanden und einen Teil meines Zuhauses festgehalten.

Haytham sah erst auf das Foto und dann zu mir. „Deine Wohnung?“

Ich nickte. „Ja.“ Mehr brachte ich im ersten Moment nicht heraus.

Auf einem der weißen Blätter wies ein Pfeil auf die untere Ecke des Regals. Daneben stand in nüchterner Schrift: „Ordner unten links. Versicherungen, Verträge, Nachweise.“ Ein Foto, das für mich aus Erinnerungen bestand, war für jemand anderen zu einer Wegbeschreibung geworden.

Haytham berührte weder Papier noch Kassette mit bloßen Händen. Mr Al Din Issa reichte ihm ein sauberes Tuch, und gemeinsam legten sie die sichtbaren Blätter sowie das Foto auf den Kartentisch. Die dunkle Kassette blieb als letztes zurück.

„Die war gestern schon da“, sagte Edward leise.

Ich betrachtete die glatte Oberfläche. „Und sie gehört genauso wenig in dieses Jahrhundert wie das Papier.“

Haytham nahm sie mit dem Tuch heraus. An einer Schmalseite saß ein kleiner Verschluss, den ich eher aus meiner Zeit als aus seiner kannte. Es war ein einfacher und sauber gefertigter Mechanismus. Ich zeigte ihm, wo er ansetzen musste, und er öffnete die Kassette vorsichtig.

Darin lag eine Mappe.

Auf der Lasche stand in gedruckten Großbuchstaben ALEXANDRA.

Mein Vorname, so wie er in meiner anderen Welt auf Formularen, Rechnungen, Versicherungen und Briefen gestanden hatte. Inzwischen trug ich den Familiennamen Kenway, und mein Vater hatte mir den Namen Solveig gegeben. Doch hier, mitten in Eugenes Unterlagen, begegnete mir ein Stück meines früheren Lebens.

Für einen Moment hörte ich die Jackdaw nicht mehr.

Haytham öffnete die Mappe. Darin lagen weitere Aufnahmen meiner Wohnung, diesmal aus anderen Winkeln und mit Anmerkungen versehen. Auf einem Bild war der Flur vor meiner Tür zu sehen, nah genug, dass man die Nummer, das Schloss und sogar den kleinen Kratzer im Rahmen erkennen konnte, über den ich mich jahrelang geärgert hatte. Daneben stand, der Zugang solle nur bei Abwesenheit geprüft werden und keine sichtbaren Spuren hinterlassen.

Ich starrte auf die Seiten und hatte plötzlich nicht mehr das Gefühl, eine alte Wohnung zu sehen. Jemand hatte mein Zuhause in einzelne Möglichkeiten zerlegt: Tür, Schloss, Fenster, Ordner, Abwesenheit. Alles, was für mich Alltag gewesen war, war für Eugene oder seine Leute nur Zugang gewesen.

Edward stand sehr still. Er konnte viele Dinge auf den Bildern kaum einordnen, aber er verstand mein Gesicht. Das genügte.

Unter den Fotografien lagen Ausdrucke von E-Mails. Betreffzeilen, Terminabsprachen, kleine Nachrichten, Dinge, die in meiner Erinnerung keine besondere Bedeutung getragen hatten, bis jemand sie gesammelt und mit Randnotizen versehen hatte.

Dann sah ich Yannicks Namen.

Direkt darunter stand Tobias.

Es waren keine geheimen Pläne. Eine Nachfrage nach Unterlagen, ein Termin, eine scherzhafte Bemerkung, die damals vermutlich nur wenige Sekunden unseres Tages beansprucht hatte. In dieser Mappe war die Wärme daraus verschwunden. An den Rändern standen Beobachtungen in anderer Handschrift: Yannick reagiere auf jeden Bezug zu seiner Mutter. Tobias sei technisch versiert und müsse beobachtet werden. Die Verbindung über das Tagebuch dürfe nicht zerstört werden. Yannick solle nicht unmittelbar angegriffen werden, solange der Weg zu mir offenbleibe.

Meine Hand traf den Tisch so hart, dass Edward zusammenzuckte. Ich sah es und bereute den Laut sofort, aber nicht meine Wut. „Eugene war in meiner Wohnung.“

Haytham legte die Blätter sorgfältig ab. Seine Stimme wurde leiser, gerade deshalb schärfer. „Oder jemand, der in seinem Auftrag handelte.“

„Das macht es nicht besser.“ Ich musste meinen Zorn arg zügeln um nicht laut zu werden.

„Nein.“ Er sah wieder auf die Notizen. „Es bedeutet nur, dass wir nicht behaupten sollten, was wir nicht wissen. Sicher ist: Er hatte Zugang zu deinem Zuhause, deinen Unterlagen und Informationen über Yannick.“

Edward war bleich geworden. „Wir müssen ihn warnen.“

Ich sah zu meinem Sohn. Zehn Jahre alt, müde und völlig sicher darin, dass sein Bruder in einer anderen Zeit trotzdem zu unserer Familie gehörte. „Das werden wir.“

Erst als er die modernen Unterlagen geordnet neben die dunkle Kassette gelegt hatte, schloss er die Mappe. Dann wandte er sich wieder der nun leeren Schublade zu.

Edward sah ebenfalls hinein. Seine Stirn legte sich in Falten. „Da ist noch etwas.“

Er trat nicht näher, sondern zeigte auf die innere Seitenwand. Dort, wo vorher Papier und Kassette den Blick verstellt hatten, saßen drei winzige Punkte aus Metall neben einer eingeritzten Leiste. Der mittlere wirkte stärker abgerieben als die beiden anderen, unter dem rechten verlief ein feiner Kratzer nach innen.

„Der mittlere ist heller“, sagte Edward. „Dort hat öfter etwas gedrückt. Und unter dem rechten ist ein Kratzer.“

Haytham beugte sich näher heran. „Gut beobachtet.“

Edward bemühte sich, die Freude darüber nicht offen zu zeigen. Es gelang ihm ungefähr so gut wie mir, wenn Edward Senior mir einmal recht gegeben hatte.

Haytham zog ein flaches Werkzeug aus seinem Ärmel. Ich sah es an und anschließend ihn. „Hast du für jedes unmögliche Schloss ein passendes Werkzeug bei dir?“

„Nur für jene, denen ich zu begegnen erwarte.“

„Das erklärt erschreckend wenig.“

Mit der Spitze des Werkzeugs fuhr er vorsichtig an der Leiste entlang. Zwei kaum hörbare Klicks antworteten. Ein schmaler Holzstreifen löste sich ein Stück und gab darunter drei kleine Zeichen frei: links ein Haus, in der Mitte einen offenen Bogen und rechts einen Kreis, durch den ein einzelner Strich lief.

Edward beugte sich so weit vor, wie Mr Al Din Issas Hand an seiner Schulter erlaubte. „Das Haus verstehe ich. Der Bogen könnte ein Durchgang sein.“ Er sah zum dritten Zeichen. „Beim Kreis weiß ich es nicht.“

„Ich auch nicht“, sagte Connor. „Noch nicht.“

Haytham prüfte die Rückseite des gelösten Streifens und die kleinen Vertiefungen hinter den Zeichen. „Es sind keine bloßen Verzierungen. Jeder Punkt bewegt einen eigenen Stift im Inneren.“

„Und einer wurde häufiger benutzt“, sagte Edward. Mehr fügte er nicht hinzu.

Ich hielt mein Handgelenk näher an die Zeichen. Beim Haus geschah nichts. Beim offenen Bogen blieb der Armreif ebenfalls kühl. Erst als ich mich dem Kreis mit dem Strich näherte, wurde das Metall an meiner Haut langsam wärmer.

Haytham sah sofort zu mir. „Was?“

„Der Armreif reagiert auf dieses Zeichen.“ Ich hielt die Hand still und wartete. Die Wärme blieb gleichmäßig, ohne Ziehen oder Schmerz.

„Dann ist das auch alles, womit wir arbeiten“, sagte er.

Edward betrachtete den Kratzer unter dem rechten Punkt. „Wenn der Armreif dort reagiert und genau darunter jemand angesetzt hat, könnte dieser Punkt zuerst benutzt worden sein. Wirklich sicher bin ich mir aber nicht.“

Haytham nickte. „Eine Vermutung mit einem sichtbaren Grund. Mehr machen wir nicht daraus.“

Connor trat näher an den Tisch und ließ den Blick über die Kanten der Schublade wandern. „Kann der Mechanismus zurückgesetzt werden, wenn die Reihenfolge falsch ist?“

Haytham prüfte die seitliche Fuge. „Vermutlich. Ich sehe zumindest nichts, das auf eine gespannte Feder hinweist. Das ist nur leider keine Garantie.“

„Die haben wir bei Eugene ohnehin selten“, murmelte ich.

Haytham setzte das Werkzeug am rechten Metallpunkt an. „Alle zurück.“

Wir gehorchten. Mr Al Din Issa nahm Edward noch einen Schritt mit sich. Haytham drückte den rechten Punkt nur so weit, bis er nachgab. Ein leises Klicken kam aus der Rückwand, und der Punkt blieb unten.

Nach mehreren Atemzügen war noch immer nichts geschehen. Haytham nahm den mittleren Punkt. Ein zweites, tieferes Klicken antwortete. Als er zuletzt den linken drückte, bewegte sich die Rückwand der Schublade. Ein schmaler Streifen über dem Boden löste sich, die Wand glitt um einen Fingerbreit nach unten und gab ein zweites, flaches Fach frei.

Was dort verborgen lag, unterschied sich sofort von dem Inhalt darüber. Kein weißes Papier aus meiner Zeit, keine Fotografien und keine glatte Kassette. Das Papier war rauer, teilweise vergilbt und eindeutig älter. Mehrere Briefe, Notizen und kleine Kartenbündel lagen dicht nebeneinander, auf Russisch, Französisch und Englisch. Viele Namen waren nur durch Initialen ersetzt.

Mr Al Din Issa betrachtete die erste Lage. „Das hier wurde nicht zusammen mit den anderen Unterlagen abgelegt.“

„Nein“, sagte Haytham. „Und genau deshalb sehen wir es uns getrennt an.“

Haytham nahm eines der älteren Blätter heraus und wurde still. Nicht auf die kontrollierte Art, mit der er einen unbekannten Bericht las. Etwas darauf kannte er.

„Was ist?“ fragte ich.

Er legte das Blatt flach auf den Tisch. „Die Handschrift.“ Sein Blick blieb einen Moment darauf liegen. „Simpkin.“

Der Name brachte London zurück. Sechs Jahre waren vergangen, seit wir in den Ledermappen die Berichte über die Familie Kenway gefunden hatten: Finanzen, Besucher, Tagesabläufe, Einkäufe und Bewegungen im Haus. Mr Simpkin hatte jahrzehntelang für Edward Senior gearbeitet und seine Stellung gleichzeitig genutzt, um Informationen weiterzugeben.

Ich trat näher. Auch dieses Blatt enthielt nichts Übernatürliches. Ausgaben, Lieferungen, Besucher des Hauses und Zeiten, zu denen einzelne Mitglieder der Familie fort gewesen waren. Gerade diese Banalität machte es so eindeutig. Es war dieselbe Art von Beobachtung, die wir damals schon gelesen hatten.

Nur lag dieser Bericht jetzt nicht in London.

Er lag in Eugenes Geheimfach.

Connor trat näher an den Tisch. „Ihr habt damals angenommen, Birch stecke dahinter?“

„Wir wussten, dass Simpkin Informationen verkaufte“, sagte Haytham. „Und dass Reginald in diesen Unterlagen als Märtyrer dargestellt wurde. Das war naheliegend. Es sagte uns jedoch nie, wer Simpkins Berichte am Ende tatsächlich erhielt.“

Unter dem eigentlichen Bericht stand eine kurze Notiz in einer anderen Handschrift. Haytham las sie zuerst schweigend, dann noch einmal laut: „S. weiterhin brauchbar. Bezahlt für Haushalt, Finanzen und Bewegungen. Kennt den unteren Zugang nicht. Nicht einweihen.“

Mir wurde kalt. Edward Senior hatte damals noch erleichtert festgestellt, dass Simpkin nie vom Keller und seinem Zugang erfahren hatte. Jemand anderes hatte genau diese Wissenslücke festgehalten.

„Dann wusste Eugene von ihm“, sagte ich.

Haytham hob den Blick. „Zumindest hatte er Zugang zu seinen Berichten. Mehr können wir aus diesem Blatt noch nicht beweisen.“

Das genügte mir fürs Erste. Birch konnte beteiligt gewesen sein oder nur einen Teil derselben Informationen benutzt haben. Simpkin konnte geglaubt haben, an verschiedene Auftraggeber zu verkaufen. Aber einer seiner Berichte war Jahrzehnte später in einer verborgenen Schublade auf Eugenes Anwesen gelandet. Der Kreis war größer gewesen, als wir 1767 verstanden hatten.

Auf einem einzelnen Blatt standen J.S. und E.K. neben Hinweisen auf ein Haus in England. Darunter hatte jemand notiert, die Schwesterlinie dürfe vorerst nicht offen berührt werden. Jennifer Scott trage den Namen ihrer Mutter Caroline, ihre Abstammung von Edward Kenway sei jedoch bekannt.

Haytham las länger, als es für bloße Initialen nötig gewesen wäre.

„Jenny“, sagte er schließlich.

Edward blickte zu ihm. „Tante Jenny?“

„Mit großer Wahrscheinlichkeit.“ Haytham tippte mit einem Finger neben die Hinweise. „Nicht wegen der Buchstaben allein. Der Rest passt zu ihr.“

Ich dachte an Jenny, an Daniel Mormon-Scott und an alles, was zwischen ihr und Haytham erst mühsam wieder zu Familie geworden war. Jenny trug den Namen ihrer Mutter, Scott, nicht den ihres Vaters. Eugene hatte trotzdem verstanden, wohin sie gehörte. Das war das Widerwärtige an seiner Sammlung: Namen waren für ihn keine Menschen. Sie waren Linien, die er verfolgen konnte.

„Wenn er von Jenny und Daniel weiß, warnen wir sie ebenfalls“, sagte ich.

Haytham faltete das Blatt nicht. Er legte es glatt auf den Tisch, als wäre schon die kleinste Unachtsamkeit zu viel. „Ja. Aber zuerst Yannick. England erreichen wir auf gewöhnlichem Weg, und bis dahin bereiten wir alles vor.“

Von den Klippen kam ein weiterer dumpfer Schlag. Connor sah zur Decke, obwohl wir weit genug draußen lagen, dass uns kein Stein erreichen konnte. „Wir sollten die Unterlagen nicht länger offen lassen als nötig.“

Haytham stimmte zu. Die modernen Papiere kamen getrennt von den älteren Briefen in eine kleine Truhe. Jennys Hinweise erhielten eine eigene Mappe. Nichts davon wurde mit den Artefakten aus dem Keller vermischt. Edward durfte gemeinsam mit Mr Al Din Issa den Mechanismus der Schublade abzeichnen: die drei Metallpunkte, die verborgenen Zeichen, den beweglichen Streifen und die Reihenfolge, die den zweiten Boden geöffnet hatte. Mehr nicht.

„Und keine Erfindungen im Bericht“, sagte Haytham, als Edward Feder und Papier bekam.

Unser Sohn sah ehrlich empört auf. „Ich erfinde nichts.“

Mr Al Din Issa hob nur eine Braue.

Edward korrigierte sich, ohne dass jemand ein Wort sagen musste. „Nicht in Inventaren.“

„Das ist eine wesentlich belastbarere Aussage“, bemerkte sein Kammerdiener.

Während Edward zeichnete, sichteten wir die restlichen Mappen. Darin lagen weitere Ortsnamen, Kartenfragmente und Hinweise auf verborgene Räume. Nichts erklärte, wohin der beschädigte Armreif Eugene gerissen hatte. Dafür hätte es vermutlich ohnehin keine Notiz geben können. Sein Verschwinden war kein geplanter Reiseweg gewesen. Odin hatte den Reif getroffen, der Riss war außer Kontrolle geraten und Eugene war fortgerissen worden, bevor er selbst noch bestimmen konnte, wohin.

Amber und Nyx tauchten ebenfalls nicht auf. Ihre Abwesenheit beruhigte mich jedoch nicht. Sie bedeutete nur, dass diese Schublade nicht jede Antwort enthielt.

Haytham schloss die letzte Mappe. „Nichts davon sagt uns, wo Eugene jetzt ist.“

„Irgendwo“, murmelte ich. „Das ist bisher die präziseste Ortsangabe, die wir haben.“

Connor verzog kaum sichtbar den Mund. „Und leider eine große.“

Ich sah noch einmal auf das Foto meiner Wohnung. Jemand hatte zwischen Sofa, Regal und Fenster gestanden und aus meinem Zuhause einen Plan gemacht. Diese Erkenntnis war schlimmer als jede leere Stelle auf einer Karte.

◆ ◆ ◆

Als wir wieder an Deck kamen, hatte die Sonne die oberen Steine der Masia erreicht. Warmes Licht lag auf geborstenen Mauern und ließ einen Teil des Anwesens aus der Entfernung beinahe friedlich wirken. Ich empfand das als Beleidigung.

Edward trug seine Zeichnung mit beiden Händen, als handle es sich um einen offiziellen Bericht. Florence bemerkte das Blatt sofort und stand auf, noch bevor wir ganz bei ihr waren.

„Habt ihr Zeichen gefunden?“

Edward sah zuerst zu mir. Ich nickte. „Nur der Mechanismus. Keine Mappen, keine Namen und keine Bilder.“

„Ja, Mutter.“ Er legte das Blatt auf ein kleines Fass, damit Florence es ansehen konnte. „Hier waren drei Punkte aus Metall. Dahinter lagen diese Zeichen. Das Haus, der Bogen und der Kreis mit dem Strich.“

Florence beugte sich über die Zeichnung. „Und was ist der Kreis?“

„Wissen wir nicht sicher“, sagte Edward. „Mutters Armreif wurde warm, als sie nah dran war. Deshalb haben wir diesen Punkt zuerst versucht. Danach den Bogen und zuletzt das Haus.“

„Und dann ging die Schublade auf?“

„Ein Fach unter dem anderen Boden.“

Florence fuhr mit dem Finger dicht über das Papier, ohne es zu berühren. „Dann war das Haus auf der Zeichnung zwar links, aber beim Öffnen kam es zuletzt.“

Edward nickte. „Genau.“

Sie dachte eine Weile nach. „Dann heißt links vielleicht gar nicht zuerst.“

Edward sah wieder auf sein Blatt. „Stimmt. Wir haben die Anordnung gesehen und automatisch angenommen, dass sie auch die Reihenfolge zeigt.“

Florence hob die Schultern. „Hat sie aber nicht.“

Mr Al Din Issa wandte den Blick zur Seite. Seine Höflichkeit reichte nicht ganz aus, um das Lächeln zu verbergen.

Haytham nahm die Zeichnung schließlich an sich. „Damit ist die Untersuchung für diesen Morgen beendet.“

Florence setzte schon zu einem Einwand an, besann sich aber. Stattdessen sah sie zu mir. „War das hilfreich?“

Ich ging vor ihr in die Hocke. „Ja. Weil du dir angesehen hast, was tatsächlich auf dem Blatt stand, und nicht das, was wir hineinlesen wollten.“

Sie suchte kurz in meinem Gesicht, offenbar auf der Suche nach irgendeiner Form von Trostlüge. Als sie keine fand, wurde ihr Ausdruck etwas zufriedener.

„Dann kann Edward die Zeichnung behalten?“

„Wenn dein Vater sie nicht vorher zu einem Staatsdokument erklärt.“

Haytham sah auf das Blatt. „Im Augenblick ist sie Beweismaterial.“

Edward stöhnte leise. Florence grinste zum ersten Mal an diesem Morgen.

In dem Moment trat Sybill mit Helena näher. Die Kleine war inzwischen wach und sah die Welt mit der ernsten Empörung eines Kindes an, das von niemandem über den Tagesplan informiert worden war. Ich nahm sie aus Sybills Armen und hielt sie an mich. Sofort legte sich ihre Hand an meinen Kragen.

„Hungrig?“, fragte ich.

Sybill schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Nur der Meinung, dass Ihr zu lange außer Reichweite wart.“

„Darin ist sie nicht allein.“

Florence trat einen Schritt näher und legte einen Finger in Helenas Hand. Meine jüngste Tochter schloss sie sofort darum.

Für einige Atemzüge standen wir einfach zusammen. Florence an meiner Seite, Helena in meinen Armen und Edward neben uns. Hinter ihnen das gebrochene Anwesen. Unter uns mein Schiff.

Es war keine Lösung. Aber es half mir, wieder zu wissen, in welcher Richtung ich weiterdenken musste.

◆ ◆ ◆

Später stand die kleine Truhe mit den modernen Unterlagen in meiner Kajüte. Ich hatte sie bewusst getrennt von den Artefakten untergebracht und sorgfältig verschlossen. Für die Papiere genügte dieser Schutz vor neugierigen Händen. Die Bronzescheibe dagegen wollte ich noch in einem der gesicherten Innenbehälter meiner Metalltruhe verwahren.

Sophia hatte Florence zum Essen mitgenommen. Edward war bei Mr Al Din Issa, der vermutlich behauptete, eine warme Mahlzeit gehöre zur sachgerechten Auswertung jedes Mechanismus. Connor blieb an Deck. Sybill war mit Helena im Nebenraum, nah genug, dass ich jedes kleine Geräusch hörte.

Haytham legte die Mappe mit meinen Unterlagen vor mich und blieb anschließend am Fenster stehen. Er wusste, dass er mir gerade nicht helfen konnte, indem er Fragen stellte.

Bevor ich mich an den Schreibtisch setzte, holte ich noch die rot markierte Kassette aus dem Kartenraum. Meine Metalltruhe ließ sich ohnehin nur von mir öffnen, und diesmal war ich froh darüber. Ich löste die Sicherungen, öffnete sie und legte die Bronzescheibe in einen der dafür vorgesehenen Innenbehälter. Erst als dieser geschlossen war, nahm ich das rote Tuch fort.

Nichts geschah. Genau so sollte es sein.

Ich verschloss die Truhe wieder und ließ die Hand einen Moment auf dem kalten Metall liegen. Was immer die neun Punkte bedeuteten, durfte warten.

Ich setzte mich an den Schreibtisch und zog mein Tagebuch aus der Schublade.

Der Einband war vertraut, an den Kanten inzwischen weicher als damals, als ich die ersten Seiten beschrieben hatte. Ich hatte angefangen, diese Bücher für Yannick zu füllen, weil ich ihm mein Leben nicht als eine große Lücke hinterlassen wollte. Wenn ich schon durch Jahrhunderte von ihm getrennt war, sollte er wenigstens meine Stimme haben. Meine Fehler, meine Kinder, Haytham, Edward Senior, die Reisen, die Dinge, über die ich lachen konnte, und die, über die ich auch Jahre später nicht lachen würde.

Mit der Zeit waren aus den Tagebüchern mehr als Erinnerungen geworden. Zwischen Familiengeschichten standen Beschreibungen von Artefakten, Zeichen, Regeln und Warnungen. Welche Dinge auf Namen reagierten. Welche Türen man nicht allein prüfte. Was ich über meine Armreife gelernt hatte und was ich nur vermutete. Eines Tages würde Yannick die große Metalltruhe bekommen, die Bücher darin und alles, was ich für ihn sichern konnte. Wenn ich ihm schon keine normale Mutter in einer normalen Zeit sein konnte, dann wenigstens eine gründliche.

Für einen kurzen Augenblick gingen meine Gedanken zurück ins Fort Arsenal des Jahres 1762. Ich war gerade hier im 18. Jahrhundert angekommen und eine Einladung fürs Weihnachtsfest von meiner Schwester im Geiste führte uns zu Faith und Shay nach New York. Kurz vor unserer inoffiziellen Hochzeit erschien mein Sohn, mitsamt Frau und Sohn! Yannick erzählte mir im Laufe seines Besuches davon, dass er die Truhe bekommen hatte, sie aber in einem desaströsen Zustand gewesen sei. Seitdem hielt er sich an die Anweisungen, die ich hinterlassen hatte.

An diesem Morgen fühlte sich selbst das nicht gründlich genug an.

Ich schlug eine leere Seite auf und schrieb zunächst nur seinen Namen.

Yannick

Meine Hand zitterte. Im Kartenraum hatten Wut, Haythams Gegenwart und Edwards Blick mich aufrecht gehalten. Hier gab es nur Papier, Tinte und die Erkenntnis, dass jemand meine Wohnung betreten und meinen Sohn in eine Akte verwandelt hatte.

Haytham blieb am Fenster. Er sah mich nicht an, bis ich die Feder wirklich ansetzte.

Ich schrieb so klar wie möglich. Nicht über jeden Stein der Masia und nicht über die Schublade als Gegenstand. Yannick brauchte keine dramatische Schilderung. Er musste wissen, dass Eugene oder Menschen in seinem Auftrag Zugang zu meiner Wohnung und meinen Unterlagen gehabt hatten. Dass sein Name und Tobias’ Name in den Aufzeichnungen standen. Dass jemand wusste, wie wichtig das Tagebuch für unsere Verbindung war.

Dann schrieb ich die Dinge, die eine Mutter lieber nie schreiben müsste.

„Yannick, wenn diese Worte dich erreichen, sei vorsichtig. Bring meine Unterlagen an einen sicheren Ort und sprich sofort mit Tobias. Prüft gemeinsam die Wohnung, besonders Türen, Fenster und Schlösser, und achtet auf alles, was sich verändert hat oder dort nicht hingehört. Nimm keine unerwarteten Pakete an und öffne keine fremden Datenträger oder anonym zugesandten Bilder. Wenn ihr einen Durchgang findet, der nicht dort sein dürfte, geht nicht hindurch. Nicht allein, nicht aus Neugier und nicht, weil ihr glaubt, eine Spur zu mir gefunden zu haben.“

Bei dem letzten Satz hielt ich inne.

Haytham verließ seinen Platz am Fenster und kam zum Schreibtisch. „Du denkst an den Gang unter dem Keller.“

„An den kalten Luftzug. Und an diesen kurzen Eindruck von Schnee.“ Ich sah auf die feuchte Tinte. „Ich habe ihn selbst gesehen. Nur für einen Moment, aber er war da. Ich weiß nicht, was hinter diesem Gang liegt, und ich weiß nicht, ob das irgendetwas mit meiner Zeit zu tun hat. Aber nach diesen Fotos kann ich nicht mehr so tun, als wären Eugenes Wege sauber voneinander getrennt.“

Haytham legte die Fingerspitzen auf die Tischkante. „Dann untersuchen wir den Zugang gemeinsam und vorbereitet. Nicht heute. Das Haus verliert weiter Mauerwerk, und wir kennen weder den Weg noch das, was dahinter wartet.“

Mein erster Impuls war Widerstand. Nicht, weil er unrecht hatte, sondern weil Yannicks Name auf den Blättern stand und jede Stunde plötzlich wie Zeitverschwendung wirkte. Aus dem Nebenraum hörte ich Helena quengeln. Gleich darauf sprach Sybill beruhigend mit ihr, und irgendwo weiter draußen lachte Florence kurz über etwas, das Edward gesagt hatte.

Neugier war kein Plan. Angst ebenfalls nicht.

„Nicht heute“, sagte ich.

Haytham legte seine Hand neben meine.

Ich schrieb weiter. Ich erklärte Yannick, dass ich nicht wusste, wie viel Zeit zwischen unseren Nachrichten lag und ob alles in der Reihenfolge bei ihm ankam, in der ich es erlebte. Ich bat ihn, keinem Fund zu vertrauen, nur weil er zu gut zu unserer Geschichte passte. Tobias und auch William sollten bei allem dabei sein, was technisch, digital oder schlicht merkwürdig war. Niemand sollte allein versuchen, Eugene zu verfolgen. Schon gar nicht jetzt, da selbst wir nicht wussten, wohin der beschädigte Armreif ihn fortgerissen hatte.

Am Ende schrieb ich einen Satz, den Yannick wahrscheinlich hassen würde.

„Bitte sei nicht mutig, wenn Vorsicht dich retten kann.“

Die Tinte verschwamm an den letzten Worten ein wenig. Ich wartete, bis ich wieder klar sah, und las den Eintrag vollständig durch.

Erst als ich die Feder selbst aus der Hand legte, schob Haytham seine Hand über meine.

„Er wird verstehen, was du meinst.“

„Er wird vermutlich zuerst beleidigt sein.“

„Das schließt Verständnis in unserer Familie selten aus.“

Ich musste lächeln, obwohl mir nicht danach gewesen war.

Draußen wurde ein Boot zu Wasser gelassen. Von den Klippen kamen gedämpfte Rufe herüber, während die Männer zwischen Wachposten, geborgenen Kisten und bröckelndem Stein arbeiteten. Der Tag war noch jung und fühlte sich bereits an, als hätte er zu lange gedauert.

Ich schloss das Tagebuch, ließ die Hand aber noch einen Moment auf dem Einband liegen. In der Schublade des Russen hatte keine Waffe gelegen, kein glühendes Artefakt und nichts, das uns mit einem einzigen falschen Griff hätte töten können. Nur Papier, Bilder, Namen und mein altes Wohnzimmer.

Vielleicht war genau das der Grund, warum der Fund sich so tief unter meine Haut schob. Eine Klinge bedrohte den Menschen, der vor ihr stand. Diese Mappe hatte aus meinem Zuhause, meinem Sohn und den Menschen, die ich liebte, Wege gemacht.

Haytham nahm die Unterlagen zu Jenny und Daniel aus der Truhe und legte sie neben das Tagebuch. England würde warten müssen, ebenso der kalte Gang unter dem Anwesen und der Schnee, den wir dort für einen Augenblick gesehen hatten. Nicht, weil sie unwichtig waren, sondern weil wir endlich gelernt hatten, dass nicht jede offene Frage sofort eine Tür werden durfte.

Helena gab im Nebenraum einen ungeduldigen Laut von sich. Ich stand auf, noch bevor Sybill meinen Namen rufen konnte.

Für diesen Morgen reichte es, dass die Schublade offen war, das Tagebuch geschrieben und meine Kinder nah genug waren, dass ich sie erreichen konnte. Alles andere durfte bis morgen geschlossen bleiben.

*Masia (katalanisch) – Bauernhof, Gutshof, Landhaus