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Katalonien - Der Vorhang unter den Klippen!

Die Fäden, Die Uns Halten! - Part Iii Der Schicksalhaften Zeitreisen — www.fanfiktion.de · All chapters

Katalonien - Der Vorhang unter den Klippen!

Willkommen ihr Lieben!

Ein letztes Geheimnis, ein letzter Raum, ist noch nicht in Augenschein

genommen worden. Alex hat Kälte gespürt und etwas was wie Schnee

aussah, als sie den geheimen Gang geöffnet hatten.

Doch wohin führt dieser Weg und was offenbart er Alex und Haytham?

Ich wünsche euch gute Unterhaltung beim Lesen und bleibt gesund.

Liebe Grüße eure MrsHEKenway

Zitat Kapitel 57 - Katalonien

Kapitel 57

~~~ Der Vorhang unter den Klippen ~~~

Katalonien – Dezember 1773

Am folgenden Morgen erwachte Helena noch vor der Jackdaw. Sie gab dieses unzufriedene kleine Geräusch von sich, das inzwischen zuverlässig bedeutete, dass die Welt ihre Vorstellungen vom richtigen Tagesbeginn nicht ausreichend berücksichtigte. Als ich mich über die Wiege beugte, waren ihre Augen kaum geöffnet, trotzdem fand ihre Hand sofort meinen Finger und hielt ihn fest.

„Min lille solstråle“, murmelte ich und hob sie hoch.

Sie hatte erst vor wenigen Stunden getrunken und suchte diesmal nicht ernsthaft nach meiner Brust. Wärme genügte ihr. Ihr Kopf passte unter mein Kinn, eine winzige Hand blieb in meinem Hemd verfangen, und für einige Minuten saß ich mit ihr auf der Bettkante und hörte dem Schiff beim Aufwachen zu. Über uns liefen die ersten Schritte über Deck, irgendwo schlug Holz gedämpft gegen Holz, Taue wurden durch Blöcke gezogen und von draußen drangen die Stimmen der Männer herauf, die eines der Boote vorbereiteten.

Haytham stand bereits am Tisch unserer Kajüte. Michael hatte sein Knie neu verbunden und den zweiten Verband, den mein Mann später angeblich nicht benötigen würde, gut sichtbar neben seine Handschuhe gelegt. Vor Haytham lagen Edwards Zeichnung der Schublade und die Abschrift jener Buchseite, die im Arbeitszimmer offen vorgefunden worden war. Die beiden geborgenen Bücher selbst befanden sich im Kartenraum und waren seit ihrer Bergung nicht weiter geöffnet worden.

Ich sah zu den Papieren und anschließend zu ihm. „Du hast nicht vor, vor dem Frühstück noch ein unbekanntes Buch aufzuschlagen, oder?“

„Nein.“ Er zog seinen Mantel glatt. „Ich wollte nur sehen, was wir tatsächlich wissen, bevor wir uns von dem leiten lassen, was wir gern wissen würden.“

„Das klingt so nervig vernünftig.“

„Michael hat mir heute Morgen bereits erklärt, mein Knie zwinge mich zu neuen Charakterzügen.“

Vom kleinen Tisch neben der Wand kam ein leises Schnauben. Michael stand dort noch mit zusammengelegten Tüchern und tat nicht einmal so, als hätte er die Bemerkung überhört. „Ich sagte lediglich, dass ein Mann gelegentlich sitzen kann, ohne dadurch seine Autorität einzubüßen, Master Kenway.“

„Eine höchst theoretische Behauptung.“

„Die wir bei Gelegenheit prüfen können.“

Ich lächelte über Helenas Kopf hinweg. Haytham bemerkte es, ließ mir den Triumph aber nicht lange. „Du bist auffallend amüsiert für jemanden, der in einer halben Stunde in ein Boot steigen will.“

Damit waren wir bei dem Grund, weshalb die Jackdaw bereits vor Sonnenaufgang unruhiger wirkte als sonst.

Der geheime Gang im Keller des Anwesens war bisher genau das geblieben: ein Gang, den wir vom Keller aus gesehen, aber nicht betreten hatten. Die kalte, salzige Luft war aus seiner Dunkelheit gekommen, ebenso jener flüchtige Eindruck von etwas Hellem, den ich nicht hatte einordnen können.

Nur seine Richtung ließ sich wenigstens grob bestimmen.

Haytham hatte am Abend die Lage des Kellers noch einmal mit dem Grundriss des Hauses verglichen. Die ersten sichtbaren Meter des geheimen Ganges führten zur seeseitigen Klippe. Zusammen mit dem Salzgeruch war das genug gewesen, um eine Möglichkeit zu prüfen, aber nicht genug, um sie zur Tatsache zu erklären. Von oben ließ sich an der Felswand nichts erkennen. Also wollten wir heute mit den Booten unterhalb des Anwesens entlangfahren und nachsehen, ob sich dort überhaupt eine äußere Öffnung finden ließ.

Es klopfte. Sybill trat ein, bereits angezogen und mit einer zusätzlichen Decke über dem Arm. „Soll ich Miss Helena nehmen, Mistress Kenway?“

Ich küsste meine Tochter auf die Stirn und gab sie ihr nur widerwillig. „Bleib mit ihr an Deck, solange das Wetter hält. Wenn es kälter wird, bring sie in unsere Kajüte.“

„Natürlich.“

Helena protestierte kurz gegen den Besitzerwechsel, bis Sybill sie höher an ihre Schulter legte. Dann schloss sie die Finger um den Rand ihrer Decke und akzeptierte vorläufig, dass auch andere Menschen Wärme besaßen.

Michael nahm den zweiten Verband vom Tisch und legte ihn Haytham demonstrativ in die Hand. „Für später, Sir.“

Haytham betrachtete das Stück Stoff, als habe es ihn persönlich beleidigt. „Ich werde versuchen, den heutigen Tag zu überstehen, ohne mein Bein an einem Felsen zurückzulassen.“

„Das würde mir die Arbeit erleichtern.“

„Dann haben wir ausnahmsweise dasselbe Ziel.“

Michael verbeugte sich mit vollkommen unbewegtem Gesicht und verließ hinter Sybill die Kajüte.

Kaum war die Tür zu, öffnete sie sich erneut. Edward stand davor, Mr Al Din Issa dicht hinter ihm, Walka war selbstverständlich an seiner Seite. Unser Sohn trug eine Wachstuchmappe unter dem Arm und versuchte so zu wirken, als wäre es das Natürlichste der Welt, vor Sonnenaufgang für eine Untersuchung unter den Klippen bereit zu sein. Walka hingegen gab sich gar nicht erst die Mühe. Sie prüfte Haytham, mich und schließlich die Papiere auf dem Tisch, bevor sie sich wieder neben Edwards Stiefel setzte.

„Wir sind bereit“, sagte Edward.

Haytham sah auf die Mappe. „Was befindet sich darin?“

„Leeres Papier, Kreide, ein Bleistift und zwei Bögen, die Mr Al Din Issa gegen Wasser verpackt hat.“

„Keine Bücher?“

Edward sah beleidigt aus. „Nein, natürlich nicht.“

Mr Al Din Issa neigte den Kopf. „Ich habe den Inhalt geprüft, Sir. Master Edward führt nichts mit sich, das uns bei einer falschen Bewegung töten, verfluchen oder in ein anderes Jahrhundert schicken könnte.“

„Das schränkt die Auswahl erfreulich ein.“

Edward war sich einen Augenblick lang nicht sicher, ob er lachen durfte. Ich ersparte ihm die Entscheidung. „Dein Vater meint damit, dass du mitfahren darfst.“

Sein Gesicht hellte sich auf.

Haytham hob einen Finger. „Im zweiten Boot. Bei Mr Al Din Issa. Ob du irgendeinen Teil der Felsöffnung betrittst, entscheide ich vor Ort. Wenn ich sage, dass ihr wartet, wartet ihr.“

Edward nickte. „Ja, Vater.“

„Und wenn Walka nicht weiterwill?“ Mein Templer verstand es, auf Nummer sicher zu gehen.

Sein Blick ging sofort zu der Hündin. „Dann gehe ich auch nicht weiter.“

Das kam ohne Diskussion. Genau deshalb sagte Haytham nichts mehr dazu.

Florence erschien im Gang, noch bevor Edward sich umdrehen konnte. Sophia stand hinter ihr und hielt bereits eine Decke bereit, obwohl meine Tochter offensichtlich beschlossen hatte, dass sie keine brauchte. Ihre Locken waren noch feucht vom Waschen, und die Schatten unter ihren Augen waren schwächer geworden, aber nicht verschwunden.

„Du fährst wirklich mit?“, fragte sie ihren Bruder.

„Nur im zweiten Boot.“

Florence sah zu Walka. „Und sie?“

„Auch.“

„Dann sagst du mir später, was du gesehen hast.“

Edward blickte kurz zu Haytham, bevor er antwortete. „Wenn ich es dir sagen darf.“

Das war so vernünftig formuliert, dass Haytham ihm beinahe misstrauisch ansah. Florence hingegen akzeptierte die Einschränkung und trat einen Schritt näher. „Dann zeichne ordentlich.“

Edward hob die Wachstuchmappe. „Das hatte ich vor.“

„Ich weiß.“

Sophia legte Florence die Decke um die Schultern, und ich strich meiner Tochter über die Wange. Sie lehnte sich einen Moment in meine Hand, dann richtete sie sich wieder auf.

„Ihr geht aber nicht durch den Gang vom Keller“, sagte sie.

„Nein“, versprach ich. „Wir suchen nur von außen.“

Damit konnte sie leben. Zumindest genug, um mit Sophia nach oben zu gehen.

Eine halbe Stunde später standen wir an Deck. Der Dezembermorgen war blass und kalt, aber die See lag tatsächlich ruhig genug, um dicht an die Felsen fahren zu können. Über uns thronte das beschädigte Anwesen auf der Klippe. Im frühen Licht wirkte es weniger wie ein Haus als wie etwas, das sich nur noch aus Gewohnheit gegen den Einsturz wehrte. Ein weiterer Teil der östlichen Mauer hatte sich in der Nacht gelöst. Niemand durfte das Haupthaus mehr betreten.

Mr Hargreaves wartete bei den Booten. Er hatte zwei Männer vorausgeschickt, die vom sicheren unteren Plateau aus die Felswand betrachtet hatten. Gefunden hatten sie nichts. „Von oben ist zu viel Schatten, Captain. Wenn dort eine Spalte liegt, sehen wir sie nur vom Wasser aus. Das ablaufende Wasser hilft uns vielleicht.“

Haytham blickte zur Klippe. „Wir fahren langsam an der Wand entlang. Niemand springt irgendwohin, nur weil ein dunkler Fleck interessant aussieht.“

„Aye.“

„Und falls wir eine Öffnung finden, bleibt das zweite Boot zurück, bis wir wissen, was dahinter liegt.“

Edward hörte jedes Wort. Er sagte nichts.

Wir stiegen ein.

◆ ◆ ◆

Das erste Boot nahm Haytham, Connor, zwei Männer der Aquila, zwei Matrosen der Jackdaw und mich auf. Im zweiten saßen Edward, Mr Al Din Issa, Walka und vier weitere Männer. Die Ruder tauchten fast gleichzeitig ins Wasser, und nach wenigen Schlägen lag die Jackdaw hinter uns.

Von unten wirkte die Klippe majestätischer, als sie es vom Deck aus getan hatte. Schwarzer Fels stieg aus dem Wasser, an manchen Stellen glatt, an anderen von Rissen und schmalen Vorsprüngen durchzogen. Über uns ragten Mauerreste des Anwesens aus dem Winterlicht. Wo früher eine Galerie gestanden hatte, hing jetzt ein Teil der Konstruktion schief über dem Abgrund. Jeder stärkere Windstoß ließ kleine Steinchen herabfallen, die lange genug unterwegs waren, um uns zu erinnern, weshalb niemand mehr von oben suchen wollte.

Haytham saß mir gegenüber und hielt sein verletztes Bein etwas weiter ausgestreckt. Das Boot lag ruhig, aber selbst kleine Bewegungen reichten aus, um seine Hand fester um den Rand greifen zu lassen.

Mein Blick glitt zu seinem Knie und prompt kam ein „Nein.“ von meinem Templer.

„Ich habe nichts gesagt.“

„Du hast nachgedacht.“

„Entschuldige! Das tue ich gelegentlich.“

Connor blickte zur Felswand, doch der kaum sichtbare Zug um seinen Mund verriet, dass er zuhörte.

Aus dem zweiten Boot kam Edwards Stimme. „Ist Vater verletzt?“

Ich hob die Brauen. Haytham schloss für einen Moment die Augen.

„Dein Vater ist ein schwieriger Patient“, rief ich zurück.

„Ich bin kein Patient.“

„Michael hat einen zweiten Verband eingepackt.“ Ich sah meinen Templer triumphierend an.

Edward lachte. Einer der Männer der Aquila verwandelte seine Reaktion hastig in ein Husten. Selbst Connor musste nicht mehr sehr angestrengt auf die Felswand sehen.

Die kurze Leichtigkeit verging, als wir in den Schatten unterhalb des Anwesens gerieten.

Die Luft wurde merklich kälter. Zuerst hielt ich es für den Schatten, doch die See lag beinahe ruhig und der Wind kam von der anderen Seite. Trotzdem strich etwas Kaltes aus der Felswand über das Wasser. Mein Armreif blieb still, aber das Metall fühlte sich schwerer an meinem Handgelenk an.

„Hier“, sagte Connor.

Er hatte etwas entdeckt, das nicht ganz zu den übrigen Felsen passte.

Zwischen zwei schwarzen Vorsprüngen hing dunkles Pflanzenwerk bis knapp über die Wasserlinie. Aus der Entfernung hätte ich es für Tang gehalten. Erst als die nächste kleine Welle zurückwich, öffnete sich dahinter ein schmaler Schatten, der vorher nicht zu sehen gewesen war.

Mr Hargreaves hatte recht gehabt. Von oben hätten wir ihn nie entdeckt.

Die Ruder wurden langsamer. Connor beugte sich vor, während unser Boot parallel zur Wand glitt. Eine weitere Welle kam, hob uns an und verdeckte den Schatten fast vollständig. Als sie zurücklief, erschien die Spalte wieder. Diesmal sah ich, dass sie tiefer in den Fels führte.

„Das könnte ein natürlicher Riss sein“, sagte ich.

„Oder der Ausgang des Ganges“, antwortete Haytham.

Das zweite Boot kam näher. Walka stand auf, noch bevor einer der Männer das Ruder einholte.

Ihr Knurren war nicht laut. Gerade deshalb spürte ich es bis in die Fingerspitzen.

Edward legte ihr eine Hand auf den Rücken. „Walka?“

Die Hündin reagierte nicht auf ihn. Ihre Augen blieben auf die Felsspalte gerichtet. Als das Boot sich dem schmalen natürlichen Vorsprung näherte, trat sie vor Edward und stellte sich so zwischen ihn und den Rand, dass er nicht hätte aussteigen können, ohne über sie hinwegzuklettern.

Mr Al Din Issa sah erst sie, dann Edward an. „Ich glaube, ihre Meinung ist eindeutig, Sir.“

Edward atmete ein. Ich kannte diese eine Sekunde, in der sein Sturkopf noch mit seinem Verstand rang. Dann ließ er die Hand auf Walkas Rücken liegen und nickte.

Connor sprang als Erster auf den Vorsprung und prüfte den Halt. Der Stein war nass, aber breit genug, um uns nacheinander aufzunehmen. Er half mir aus dem Boot. Haytham bestand darauf, ohne Unterstützung zu folgen. Sein Gesicht verriet nichts, doch als er das Gewicht auf das verletzte Bein verlagerte, zitterte der Muskel kurz.

Ich hatte es bemerkt, doch Haythams Blick ließ mich fürs Erste schweigen.

Zwei Männer blieben bei den Booten. Connor ging voran, Haytham hinter ihm, ich zuletzt. Die Spalte war anfangs so niedrig, dass wir uns ducken mussten, selbst ich. Wasser stand in flachen Mulden, Muscheln klebten an den Wänden, und an mehreren rostigen Eisenringen hingen alte Seile. Einige waren so morsch, dass sie bei einer Berührung vermutlich zerfallen wären. Andere endeten mit hellen, sauberen Schnittflächen.

Connor ging in die Hocke. „Die sind noch nicht alt.“

Haytham führte seine Laterne näher heran. „Dieser Zugang wurde vor nicht allzu langer Zeit benutzt oder vorbereitet.“

Nach einigen Schritten veränderte sich der Fels. Die Wände blieben natürlich, doch jemand hatte an einzelnen Stellen nachgearbeitet und Kanten geglättet. Ein schmaler Gang stieg landeinwärts an. Er war nicht breit genug für eine Trage oder eine Kiste, aber breit genug für einen Menschen. Weiter oben versperrten herabgefallene Steine den Blick.

Haytham blieb stehen und sah zurück zum Meer, dann in die Richtung des Anstiegs. „Wenn unsere Einschätzung des Kellers stimmt, führt dieser Arm ungefähr unter das Haus.“

Connor trat an die Wand und legte die Hand dicht neben eine Reihe alter Werkzeugspuren. „Dann könnte das die Verbindung sein.“

„Könnte“, wiederholte Haytham. „Wir räumen hier heute nichts frei.“

Mir war das ausgesprochen recht. Wir hatten den Ausgang nicht deshalb gesucht, um uns nun von der anderen Seite wieder in ein einstürzendes Gebäude zu graben.

Der zweite Gang führte tiefer in die Klippe.

An seiner rechten Wand lagen zwischen Salzkrusten und Moos drei eingeritzte Zeichen. Ein Haus. Ein offener Bogen. Davor ein kurzer, gerader Strich.

Ich hielt die Laterne näher. „Der Strich ist zu sauber für einen Kratzer.“

Haytham betrachtete die Anordnung. „Er gehört zumindest absichtlich hierher. Aber könnte er etwas ändern?“

Das Haus und der Bogen kamen mir bekannt genug vor, um an die Schublade zu denken, aber dort hatte neben ihnen ein Kreis mit einer Linie gestanden. Hier fehlte der Kreis vollständig.

Ich blickte zum Boot zurück. Edward hatte sein Papier auf den Knien liegen und begann, die Umrisse des Klippeneingangs zu zeichnen. Mr Al Din Issa hielt ihm die Laterne über das Blatt.

Wir folgten dem Gang und je weiter das Licht vom Meer hinter uns zurückblieb, desto weniger gefiel mir die Kälte. Sie verhielt sich nicht wie Winterluft. Sie lag im Stein, in den feuchten Wänden, im Atem selbst und selbst mein Armreif kühlte unangenehm ab.

Nach einer Biegung öffnete sich der Gang zu einer runden Kammer. Der Raum war ursprünglich natürlich entstanden und später erweitert worden. In den Wänden lagen neun Nischen. Zwei waren leer, in einer standen zerbrochene Tonkrüge, in einer weiteren lagen kleine Haken und Klammern aus dunklem Metall. Von der Decke hingen feuchte Fäden herab, manche hell wie altes Segeltuch, andere so dunkel, dass das Licht ihre Ränder kaum fand.

Und in der Mitte der Kammer hing etwas, für das mir zunächst kein besseres Wort einfiel.

Ein Vorhang.

Die Fäden endeten wenige Fingerbreit über dem Boden und bewegten sich, obwohl kein Wind ging. Sie glänzten feucht, klebten aneinander und lösten sich wieder, als würde das Gebilde atmen. Es war nicht wie eines meiner Portale.

Er hing da, als hätte jemand ihn in die Kammer genäht und anschließend beschlossen, dass Zeit allein genügen würde, ihn am Leben zu halten.

„Das gefällt mir nicht“, sagte ich.

„Eine bemerkenswert milde Beschreibung“, erwiderte Haytham.

Connor stellte sich so, dass er die Nischen hinter uns im Blick behalten konnte. Haytham hob eine Hand und hielt mich zurück, bevor ich unbewusst näherkam. „Wir sollten zuerst Boden und Wände prüfen.“

„Ich wollte gar nicht näher.“

Sein Blick sagte mir, dass er das anders gesehen hatte.

Wir umrundeten den Raum, ohne den Fäden zu nahe zu kommen. Der Boden war feucht, aber nicht uneben. Nichts lag dort, worüber man stolpern konnte. Genau das machte es schlimmer. Der Weg zum Vorhang war beinahe einladend frei.

Ich zwang mich, nicht durch die Zwischenräume der Fäden zu sehen.

Es gelang mir ungefähr fünf Atemzüge lang.

Dann wurde hinter ihnen etwas hell.

Schnee.

Nicht viel. Nur ein schmaler Weg, weiß genug, dass mir die Augen wehtaten. Kahle Bäume standen zu beiden Seiten, dahinter eine niedrige Mauer. Das Bild flackerte und wurde von einem Flur verdrängt, der in kaltem, modernem Licht lag. Glatte Wände. Eine gerade Decke. Etwas an der Seite, das wie Metall aussah.

Mein Herz schlug einmal zu hart.

Wj…

Ich musste an die abgeschabten Buchstaben auf einem der Metallplättchen aus Eugenes Keller denken.

Der Schnee kehrte zurück.

Dann kam der Laut.

Leise. Fast zu leise, um ein Wort zu sein.

„Mom.“

Mein Körper reagierte schneller als mein Verstand. Ein halber Schritt. Mehr war es nicht.

Haythams Hand schloss sich um meinen Oberarm und zog mich zurück.

Der Schnee brach auseinander.

Für einen Moment blieb nur der Vorhang, dunkel und feucht, als hätte er nie etwas anderes gezeigt.

Ich atmete ein und merkte erst dann, dass ich die Luft angehalten hatte.

„Das war nicht Yannicks Stimme“, sagte ich.

„Es musste nicht seine Stimme sein“, antwortete Haytham. Seine Hand blieb an meinem Arm. „Es musste nur das richtige Wort wählen.“

Connor betrachtete die Fäden. „Kann das Ding uns sehen?“

„Das werden wir nicht herausfinden, indem wir ihm geben, was es will“, sagte Haytham.

Ich sah ihn an. „Du klingst, als würdest du es am liebsten verhaften.“

„Ich prüfe derzeit, ob eine Anklage praktisch durchsetzbar wäre.“

Der trockene Ernst in seiner Stimme traf mich so unerwartet, dass ich lachen musste. Nur kurz. Gerade genug, um wieder Luft in meine Lungen zu bekommen.

Aus dem Gang drang Walkas Knurren bis zu uns. Tief, gleichmäßig, ohne Pause.

Der Vorhang reagierte.

Einige Fäden zitterten, obwohl in der Kammer weiterhin kein Wind ging. Die Kälte an meinem Armreif nahm zu.

Haytham wandte den Kopf zum Ausgang. „Edward bleibt, wo er ist.“

„Das wird Walka schon übernehmen“, sagte Connor.

Haytham ließ meinen Arm los. Er schloss für einen Moment die Augen und suchte die Kammer mit dem Adlerblick ab.

Boden. Nischen. Wände. Vorhang.

Seine Stirn zog sich zusammen.

„Hier stimmt etwas nicht.“

Connor ging in die Hocke. „Was?“

„Es müsste Spuren geben.“

Ich verstand sofort, was er meinte. Menschen hatten den äußeren Zugang benutzt. Die Seile waren frisch durchtrennt. Irgendjemand hatte Material in diese Kammer gebracht, Haken angebracht, Nischen geleert oder gefüllt. Trotzdem sah Haytham nichts Verlässliches, das eine Bewegung bis hierher fortsetzte.

Connor prüfte den feuchten Boden, ohne ihn zu berühren. „Keine Abdrücke.“

„Nicht einmal alte“, sagte Haytham.

„Dann hat jemand mehr beseitigt als sichtbare Fußspuren.“

Die Frage die sich mir stellte war: WIE? Das war der wichtige Teil.

Die fehlende Spur sagte uns lediglich, dass wir uns auf den Boden ebenso wenig verlassen konnten wie auf die Bilder hinter dem Vorhang.

Ich trat an die linke Wand, weit genug von den Fäden entfernt. Zwischen Salz, Kratzern und alten Werkzeugspuren lagen weitere eingeritzte Zeichen. Kreise, Linien, kleine Haken. Einige waren kaum noch sichtbar. Andere hatte jemand mit einer dunklen Substanz nachgezogen.

Zwischen den Kratzern erkannte ich eine kurze Warnung auf Englisch. Sie war älter als viele der übrigen Markierungen und teilweise abgeschabt worden, doch die Worte ließen sich noch lesen.

Do not pass through the cloth.

Darunter war ein kleiner Becher eingeritzt.

Connor trat näher. „Eine Warnung.“

„Oder ein Teil davon“, sagte Haytham.

Mein Blick blieb noch einmal an der englischen Warnung hängen, bevor er zu dem kleinen Becher darunter wanderte.

„Dann gehen wir nicht durch den Stoff.“

„Das war ohnehin nicht vorgesehen.“

„Ich weiß. Es tut trotzdem gut, wenn eine Wand deiner Meinung ist.“

Sein Mundwinkel bewegte sich kaum. Anschließend sah er auf den Becher. „Der bleibt ungeklärt.“

„Die beiden Bücher aus dem Arbeitszimmer könnten etwas dazu enthalten.“

Haytham schwieg einen Moment. Bis gestern hatten wir nur die offen vorgefundenen Seiten gelesen, weil wir nicht wussten, ob Namen, Zeichen oder Berührungen etwas auslösen konnten. Nach dieser Kammer war die Unwissenheit selbst zu einem Risiko geworden.

„Dann prüfen wir sie auf der Jackdaw“, entschied er. „Vollständig. Mit Abschriften und Wachen. Nicht hier.“

Der Vorhang bewegte sich erneut.

Hinter den Fäden erschien diesmal kein Schnee. Nur ein kurzer heller Streifen, als würde eine Tür irgendwo aufgehen. Ich sah eine Hand an einer Steinwand, ein Handgelenk, an dem Metall aufblitzte. Ring, Klammer oder schmaler Reif – ich konnte es nicht unterscheiden.

Dann war das Bild fort.

Walka bellte draußen einmal scharf.

Von der Decke rieselte Staub.

Connor sah zum Ausgang. „Genug.“

Haytham nickte. „Genug.“

Diesmal widersprach ich nicht.

Wir gingen langsam zurück. Niemand drehte dem Vorhang länger als nötig den Rücken zu. Schon hinter der ersten Biegung wurde die Luft weniger kalt, obwohl wir uns weiterhin tief im Fels befanden. Mein Armreif verlor die eisige Schwere erst, als das Licht vom Meer wieder vor uns auftauchte.

Edward stand noch immer im zweiten Boot.

Walka hatte sich quer vor ihn gestellt, den Körper angespannt, die Lefzen leicht gehoben. Mr Al Din Issa hielt eine Hand an Edwards Schulter, ohne ihn festzuhalten. Unser Sohn saß mit seiner Wachstuchmappe auf den Knien ruhig da.

„Ich bin im Boot geblieben“, sagte er, sobald wir den Vorsprung erreichten.

Haytham sah zuerst zu Walka und dann zu ihm. „Das sehe ich.“

Edward hielt seinem Blick stand. „Sie wollte nicht näher heran.“

„Und damit hatte sie recht.“

Haytham ließ sich die Mappe reichen. Auf dem Blatt hatte Edward die Felsspalte, den Vorsprung und die sichtbaren Eisenringe festgehalten.

„Das ist dir gut gelungen, Edward“, sagte Haytham und betrachtete die Zeichnung.

„Danke, Vater.“

Edward versuchte, das Lob mit angemessener Ruhe hinzunehmen. Der kurze Glanz in seinen Augen verriet ihn trotzdem. Mr Al Din Issa wandte sich mit bewundernswerter Diskretion zur Felswand.

Ich ging vor Walka in die Hocke, blieb aber außerhalb ihrer direkten Linie zur Höhle. „Gutes Mädchen.“

Sie sah mich kurz an. Dann wandte sie den Kopf sofort wieder zur Spalte.

Edward legte ihr die Hand zwischen die Schultern. Erst als er leise mit ihr sprach, hörte sie auf, die Zähne zu zeigen.

Haytham gab den Männern seine Anweisungen vom Vorsprung aus. Zwei Wachen sollten zunächst außerhalb der Spalte bleiben, ohne die Höhle zu betreten. Der Zugang wurde mit Balken und einer einfachen Sperre versehen, die deutlich genug war, um neugierige Fischer oder Kinder abzuhalten, aber keine schweren Schläge gegen den Fels erforderte. Feuer und Schwarzpulver waren untersagt.

„Und wenn jemand die Sperre entfernt?“, fragte einer der Matrosen.

„Dann trifft er auf die Wachen“, antwortete Haytham. „Bevor wir Katalonien verlassen, entscheiden wir, ob sich die äußere Spalte kontrolliert stärker verschließen lässt. Die Kammer selbst wird nicht angerührt.“

Connor stieg als Letzter wieder ins Boot. „Du willst also doch einen Teil des Felsens schließen.“

„Den sichtbaren Zugang, falls es nötig und möglich ist.“

„Das klingt weiterhin nach einem Einsturz.“

Ich setzte mich vorsichtig neben Haytham. „Bei ihm klingt vieles freundlicher, solange man das entscheidende Wort vermeidet.“

„Ich vermeide gar nichts.“

„Natürlich nicht.“

Connor griff nach einem Riemen und schüttelte den Kopf. „Ihr streitet auf eine bemerkenswert ruhige Art.“

„Wir sind seit vielen Jahren verheiratet“, erklärte ich. „Die gefährlichen Streitigkeiten erkennen Außenstehende kaum noch.“

Haytham sah mich an. „Das ist eine Übertreibung.“

„Welche Hälfte?“

Er gab keine Antwort. Connors kurzes Lächeln war deutlich zu sehen.

Auf der Rückfahrt blieb Edward still. Walka lag dicht an seinen Beinen, ohne sich vollständig zu entspannen. Er hielt eine Hand auf ihrem Rücken und sah zur Felswand, bis die Spalte hinter einer Biegung verschwand.

Dann wandte er sich zu mir. „Habt ihr etwas gefunden?“

„Ja. Einen Durchgang und eine Warnung.“

„Was war dahinter?“

Haytham antwortete, bevor ich nach den richtigen Worten suchen musste. „Etwas, das niemand von uns benutzen wird. Alles Weitere besprechen wir an Bord.“

Edward nickte. Er fragte nicht weiter.

Ich betrachtete ihn einen Moment und dachte daran, wie oft wir Erwachsenen glaubten, Mut zeige sich darin, irgendwo hineinzugehen. Heute hatte mein Sohn bewiesen, dass es manchmal schwieriger war, sitzen zu bleiben.

◆ ◆ ◆

Als wir die Jackdaw erreichten, wartete Florence neben Sophia an der Reling. Michael stand mit Lionel bei der Großluke. Sein Blick ging zuerst zu Haythams Knie und anschließend zu mir, als müsse er nur entscheiden, wer von uns beiden leichter zum Reden zu bringen war. Sybill hielt Helena im Arm. Die Kleine schlief und bewegte im Traum den Mund.

Magda drückte mir einen Becher mit warmer Brühe in die Hand, kaum dass ich die Leiter hinaufgestiegen war.

„Trinken, Captain.“

„Guten Morgen auch.“

„Der Morgen ist vorbei. Trinken.“

„Ich habe dich vermisst.“

„Das glaube ich Euch, wenn der Becher leer ist.“

Michael trat bereits auf Haytham zu. „Master Kenway.“

„Der Verband ist trocken“, sagte Haytham.

„Das war nicht meine Frage.“

Haytham hob eine Braue. „Ihr habt noch gar keine gestellt.“

„Dann habt Ihr mir erfreulicherweise Zeit gespart“, erwiderte Michael.

Haytham sah zu mir. Ich hob den Becher und trank demonstrativ. Verrat konnte viele Formen annehmen.

Florence wartete, bis Edward mit Walka an Deck war. „Habt ihr etwas gefunden?“

Edward stellte sich vor seine Schwester. „Das musst du Mutter fragen. Ich habe vom Boot aus den Eingang gezeichnet.“

Florence sah sofort zu mir. „War es gefährlich?“

„Ja. Deshalb sind wir wieder gegangen und lassen den Zugang bewachen.“

Ihr Blick glitt zu Edwards Mappe. „Darf ich deine Zeichnung sehen?“

Edward hielt sie ihr hin.

Florence betrachtete sie einen Moment. „Und die Bücher aus dem Haus?“

Haytham trat neben uns. „Die bleiben heute geschlossen. Morgen sehen wir uns an, ob sie eine Antwort enthalten.“

Sie akzeptierte das leichter, als ich erwartet hatte. Vielleicht weil sie inzwischen verstanden hatte, dass eine geschlossene Sache nicht automatisch eine verlorene Sache war.

Dann fiel ihr Blick auf Walka.

Die Hündin stand weiterhin so dicht bei Edward, dass ihre Schulter sein Bein berührte.

Florence sah von Walka zu mir. Ihre Stimme klang ängstlich. „Ist der Geist wieder da? Die Frau, die so aussah wie du?“

Ich ging vor ihr in die Hocke. „Nein, min lille engel. Die Frau ist nicht hier. Was wir unter den Klippen gefunden haben, ist etwas anderes. Und das ist dort geblieben.“

„Es kommt nicht mit aufs Schiff?“

„Nein.“

Ihre Schultern sanken ein wenig.

Sie kam ohne Zögern zu mir und legte die Arme um meinen Nacken. Ich stellte den Becher ab und hielt sie fest. Ihr Gesicht verschwand in meinem Mantel.

„Ich wollte nicht, dass Edward da hineingeht“, sagte sie leise.

„Das ist er nicht. Er hatte seine eigene Aufgabe und ist genau dort geblieben, wo dein Vater ihn haben wollte.“

Edward hörte es. „Walka hat entschieden, dass es weit genug war.“

Florence löste sich ein Stück von mir und sah zur Hündin. „Dann hat sie auch geholfen.“

Walka setzte sich neben Edward, als ginge sie diese Feststellung nichts an. Ihre Ohren blieben jedoch in Richtung der Klippen gedreht.

Sybill trat näher. Helena war inzwischen wach und betrachtete mich mit der ernsten Unzufriedenheit eines Kindes, das offenbar erfahren hatte, dass seine Mutter ohne schriftliche Genehmigung ein Boot benutzt hatte.

Ich nahm sie sofort.

Ihre Hand legte sich an meinen Kragen. Dann schmiegte sie die Wange an meine Brust und atmete aus.

„Sie war ganz zufrieden, während Ihr fort wart“, sagte Sybill.

„Dann möchte sie also nur kontrollieren, ob ich wieder vollständig bin.“

Sybill lächelte. „Das trifft es vermutlich.“

Florence legte einen Finger in Helenas Hand. Unsere Jüngste schloss Ihre Finger sofort darum.

Für einige Atemzüge standen wir einfach zusammen. Edward neben uns, Walka an seinem Bein, Florence dicht an meiner Seite und Helena in meinen Armen. Hinter uns arbeitete die Mannschaft. Vor uns erstreckte sich die Küste mit dem beschädigten Anwesen oberhalb der Klippen.

Michael hatte Haytham inzwischen auf eine Bank gesetzt. Mein Mann hielt noch immer den Ausdruck eines Menschen, der theoretisch jederzeit wieder aufstehen könnte, wenn er wollte. Michael kniete vor ihm und öffnete bereits den Verband.

„Ihr habt Gewicht darauf verlagert“, stellte er fest.

„Das geschieht beim Gehen.“

„Mehr als nötig.“

Ich nahm meinen Brühebecher wieder auf und leerte ihn. Magda, die einige Schritte entfernt stand, nickte zufrieden.

Haytham Blick glitt zu mir. „Erstaunlich, wie leicht du Anweisungen befolgst, wenn sie von deiner Zofe kommen.“

„Magda hat keine militärische Rangordnung nötig.“

„Das erklärt einiges.“

„Und Michael?“

„Michael missbraucht seit Jahren ein persönliches Vertrauensverhältnis.“

Michael zog den neuen Verband fest genug, dass Haytham kurz scharf einatmete. „Mit Erfolg, Sir.“

Connor hatte sich währenddessen an die Reling gestellt und sah zurück zu den Klippen. Ich trat mit Helena an meiner Schulter zu ihm.

„Du glaubst, die Spalte gehört zum Kellergang“, sagte ich.

„Sehr wahrscheinlich“, antwortete Haytham neben uns, ohne den Blick von der Küste zu lösen. „Der aufsteigende Arm führte in die richtige Richtung. Aber ich würde ihn nicht freiräumen, nur um es zu beweisen.“

„Ich auch nicht“, sagte Connor. „Der andere Weg war wichtiger.“

Ich wusste sofort, welchen er meinte. „Der Vorhang.“

Connor nickte. „Er hat auf dich reagiert.“

„Oder auf das, was jemand über mich wusste“, erwiderte ich. Gerade darin lag für mich der entscheidende Unterschied. Connor schien ihn ebenfalls zu sehen und nickte langsam.

Ich dachte an das Foto meiner Wohnung, an die Notizen über Yannick und Tobias, an Simpkins Berichte, die Jahrzehnte zuvor in einem ganz anderen Haus begonnen hatten. Eugene musste nicht in jedem Raum persönlich stehen. Er brauchte Informationen und etwas, das wusste, wie man sie gegen einen Menschen verwendete.

Helena bewegte sich und drückte die Stirn gegen meine Schulter.

Ich küsste ihr Haar.

„Morgen lesen wir die Bücher“, sagte Connor, ohne besonders glücklich darüber zu klingen.

„Du klingst unglaublich begeistert.“

„Ich bevorzuge Gegner, die sich bewegen.“

„Papier kann erstaunlich lebhaft werden“, gab ich zurück. „Du warst schließlich nicht dabei, als wir die Kisten geöffnet haben.“

Connor sah mich einen Moment lang an. „Dann hoffe ich, dass es diesmal liegen bleibt.“

Dem konnte ich mich nur anschließen.

◆ ◆ ◆

Am Nachmittag wurde die Jackdaw ruhiger. Die beiden Wachen an der Felsspalte meldeten keine Veränderung. Mr Hargreaves ließ zusätzliches Holz und Eisen vorbereiten, ohne etwas an der Höhle selbst anzurühren. Die Männer auf dem Anwesen arbeiteten nur noch in den sicheren äußeren Bereichen. Niemand betrat das Haupthaus.

Florence blieb bei Sophia. Das Kräuterbuch lag auf ihren Knien, doch sie schrieb kaum. Immer wieder sah sie zu Edward, der mit Mr Al Din Issa seine Zeichnungen ordnete. Lionel saß in Michaels Nähe und versuchte so unauffällig wie möglich mitzulesen, bis Magda ihm eine eigene Rechenaufgabe hinlegte.

„Ich kann gleichzeitig rechnen und zuhören“, behauptete er.

„Dann wirst du eine außergewöhnlich gute Rechnung abgeben“, sagte Magda.

Lionel sah auf die Zahlen. „Das war nicht, was ich meinte.“

„Ich weiß.“

Edward grinste. Mr Al Din Issa tippte mit dem Ende seiner Feder auf Edwards Blatt. „Eure Aufmerksamkeit besitzt ebenfalls eine erstaunliche Reichweite, Master Edward.“

„Ich höre nur, was in meiner Nähe passiert.“

„Dann sollte Euch Eure Nähe im Augenblick nicht von Euren Aufgaben ablenken.“

Edward seufzte und beugte sich wieder über seine Zeichnung.

Es tat gut, ihnen zuzusehen. Nicht weil alles wieder normal war. Das war es nicht. Florence erschrak noch bei bestimmten Geräuschen. Edward kontrollierte Walka häufiger, als er selbst bemerkte. Michael ließ Lionel kaum aus den Augen, wenn fremde Männer an Deck kamen. Ich hörte Helena selbst dann, wenn sie nur im Schlaf schmatzte.

Aber unser Alltag war wieder stark genug, sich zwischen die Angst zu schieben.

Später lagen Edwards Zeichnung des Klippeneingangs und unsere Abschrift der Warnung im Kartenraum. Die Worte waren sauber übertragen.

Nicht durch den Stoff.

Darunter der Becher.

Die beiden Bücher aus Eugenes Arbeitszimmer lagen geschlossen auf der anderen Seite des Tisches. Eines kannte Edward nur von den Seiten, die im Arbeitszimmer bereits offen gelegen hatten. Wir hatten daraus einzelne Hinweise gesehen, nicht seine Ordnung verstanden. Das zweite hatten wir noch weniger untersucht.

Haytham stand zunächst am Tisch, bis Michael in der Tür erschien.

Mein Mann setzte sich.

Michael verschwand wieder und ich hätte schwören können, er hätte zufrieden gelächelt.

Ich tat so, als hätte ich das nicht bemerkt.

Connor lehnte an der Wand nahe dem Fenster. Edward war nicht mehr bei uns. Haytham hatte entschieden, dass für heute genug untersucht worden war. Mr Al Din Issa hatte ihn mitgenommen, und Walka war selbstverständlich gefolgt. Florence befand sich bei Sophia und Helena schlief nach dem Stillen in ihrer kleinen Hängemulde in unserer Kajüte, während Sybill versprach, mich beim kleinsten Laut zu holen.

Zum ersten Mal seit Tagen saßen nur Erwachsene um einen Tisch.

Haytham legte die Fingerspitzen auf den Einband des ersten Buches. „Wir öffnen sie heute nicht.“

Ich sah ihn an. „Ich wusste, dass dein Knie etwas mit deinem Charakter macht.“

„Ich will morgen genügend Zeit haben, jede Seite zu verzeichnen, bevor wir die nächste öffnen.“

Connor betrachtete noch einmal die Abschrift der Warnung. „Glaubt ihr, dass sie nur für den Vorhang gilt?“

„Das würde ich gerne herausfinden“, erwiderte ich und sah zu den beiden Büchern. „Vielleicht finden wir darin einen Hinweis.“

Haytham betrachtete die Abschrift. „Dann wissen wir wenigstens, wonach wir suchen.“

Ich hob die Brauen. „Du hast einen Plan.“

„Das soll gelegentlich vorkommen.“

Seine Hand blieb auf dem geschlossenen Einband liegen. Ich wusste, wie sehr es ihn reizte, die Antwort sofort zu suchen. Vielleicht reizte es mich noch mehr. Der Schnee hinter dem Vorhang hatte sich in meinen Kopf gesetzt, ebenso der moderne Flur und das Wort Mom.

Aber genau deshalb durfte ich nicht diejenige sein, die die erste Seite aus Ungeduld aufriss.

Connor nahm die Abschrift aus der Höhle und las den Satz noch einmal. „Nicht durch den Stoff.“

Sein Finger blieb neben dem Becher stehen. „Und das hier?“

„Bleibt vorerst eine Frage“, sagte Haytham.

Ich sah auf das kleine Zeichen.

Es war beinahe lächerlich unscheinbar. Ein paar Linien unter einer beschädigten Warnung. Kein Leuchten, keine göttliche Stimme, kein Weg, der sich von selbst öffnete.

Und trotzdem hatte jemand versucht, diese Worte von der Wand zu kratzen.

„Der Becher war älter als viele der anderen Markierungen“, sagte ich. „Oder wirkte zumindest so.“

Haytham nickte. „Das halten wir fest. Nicht mehr.“

„Manchmal bist du wirklich anstrengend.“

„Du hast mich geheiratet.“

„Unter anderen Voraussetzungen.“

Connor legte die Abschrift zurück. „Morgen werde ich euch daran erinnern, dass ihr beide diesen Teil bereits besprochen habt.“

„Das wäre freundlich“, sagte ich.

Connor schwieg einen Moment, ehe er zu Haytham sah. „Ich werde morgen aufbrechen.“

Haytham hob leicht die Brauen. „Du hast es also bereits entschieden.“

„Ja.“

Die Leichtigkeit verschwand nicht vollständig, wurde aber stiller.

Connor nickte. „Die Aquila ist bereit genug. Meine Leute können die restlichen Arbeiten auf See beenden. In den Kolonien wissen sie seit Tagen nicht, wo wir sind.“

Ich hatte gewusst, dass dieser Moment kam. Trotzdem mochte ich ihn nicht.

„Dann lesen wir vorher?“

„Wenn die Abfahrt es zulässt“, sagte Haytham. „Oder danach.“

Connor sah mich an. „Die Bücher laufen nicht fort.“

„Sag das nicht zu laut.“

Auf seinem Gesicht breitete sich ein leichtes Grinsen aus.

Durch die Decke hörten wir Schritte und das dumpfe Rollen eines Fasses. Die Jackdaw bewegte sich sanft unter uns. Draußen war das Meer grau geworden, und über der Klippe lag das beschädigte Anwesen wie ein dunkler Schatten.

Meine Gedanken wanderten noch einmal zur Felsspalte.

Gestern war sie nur eine Möglichkeit gewesen, die aus einem kalten Luftzug, Salz und der Richtung eines Ganges entstanden war. Heute wussten wir, dass sie existierte. Wir wussten, dass Menschen sie benutzt hatten. Wir wussten, dass sich in einer Kammer dahinter etwas befand, das Bilder zeigte, die nicht dort sein konnten.

Wj… blieb Wj…

Der Schnee blieb Schnee.

„Mom“ blieb ein Wort, das genau dort getroffen hatte, wo es sollte.

Und der Becher blieb ein Becher.

Ich nahm die Abschrift und legte sie zwischen die beiden geschlossenen Bücher.

„Morgen“, sagte ich.

Haytham sah zu mir. „Morgen.“

Diesmal fühlte sich das Warten nicht wie Untätigkeit an.

Als wir den Kartenraum verließen, war das Deck bereits in das blasse Licht des späten Nachmittags getaucht. Florence saß mit Edward nahe der Großluke. Er zeigte ihr seine Zeichnung der äußeren Felsspalte. Walka lag zwischen ihnen und hatte den Kopf auf Edwards Stiefel gelegt. Lionel saß daneben und behauptete offensichtlich, nur zufällig in Hörweite zu sein.

Sybill kam mir entgegen und legte mir Helena in die Arme. „Sie wird gleich wach.“

Meine Tochter bewegte sich, noch bevor ich etwas erwidern konnte, und suchte mit geschlossenen Augen nach meiner Wärme. Ich hielt sie näher an mich.

Morgen würden wir in den beiden Büchern nach Antworten suchen. Heute war ich froh, meine Kinder in Reichweite zu wissen und Haytham auf seinem eigenen Bein stehen zu sehen.

Damit konnte ich leben.