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Katalonien - Der falsche sichere Tag!

Die Fäden, Die Uns Halten! - Part Iii Der Schicksalhaften Zeitreisen — www.fanfiktion.de · All chapters

Katalonien - Der falsche sichere Tag!

Willkommen liebe Leserschaft!

Heute müssen wir ein etwas schwieriges Gespräch führen.

Und zwar mit Connor! Er plant aufzubrechen, braucht aber

noch einen entscheidenden Hinweis von Alex bezüglich

William Johnson.

Darüber hinaus muss sich die Familie jetzt auch den Unterlagen

aus dem Anwesen widmen und stolpert dabei über Informationen,

die über Jahrhunderte gesammelt wurden. Namen, Orte ...

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und bleibt gesund!

Liebe Grüße eure MrsHEKenway

PS: In diesem Kapitel lege ich übrigens einen anderen Handlungsbogen als

#AssassinsCreedIII ihn vorgesehen hatte an!

Zitat Kapitel 58 - Katalonien

Kapitel 58 (XXL)

~~~ Der falsche sichere Tag ~~~

Katalonien – 21. Dezember 177 3

Der Morgen roch nach Salz, nassem Holz und der Asche, die der Wind noch immer von den Klippen herübertrug. Durch das kleine Fenster unserer Kajüte fiel blasses Licht auf den Tisch. Dort lagen nicht die beiden Bücher selbst, sondern nur Edwards Zeichnungen, einige Abschriften und die schmalen Papierstreifen, mit denen Mr Al Din Issa die bisher bekannten Stellen markiert hatte. Die Originale blieben im Kartenraum. Seit wir sie aus Eugenes Arbeitszimmer geborgen hatten, war keine weitere Lage geöffnet worden.

Helena hatte gerade getrunken und lag satt an meiner Schulter. Eine Hand hielt noch immer einen Zipfel meines Hemdes fest, obwohl ihre Augen bereits zufielen. Ich löste ihre Finger vorsichtig aus dem Stoff und strich ihr einmal über den Rücken. Sie atmete ruhig, ich konnte denken, und für einen Morgen war das beinahe luxuriös.

Haytham saß auf der anderen Seite des Tisches. Freiwillig hätte ich das bemerkenswert gefunden. Mit Michaels frisch angelegtem Verband um sein Knie und dem Kammerdiener, der dicht daneben stand, war die Sache weniger geheimnisvoll.

Michael prüfte den Sitz des Verbandes mit einer Ruhe, die nur dadurch verdächtig wurde, dass Haytham beim letzten Zug scharf einatmete. „Ihr bleibt mindestens bis zum Frühstück sitzen.“

Als Michael zufrieden war, sammelte er die gebrauchten Tücher ein. „Ich lasse Euch beide für den Augenblick allein. Das bedeutet nicht, dass ich vergessen habe, dass Ihr später noch einmal nach dem Knie sehen lasst.“

„Ich bin zutiefst beruhigt.“

„Das war meine Absicht.“

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Ich wartete einen Moment und sah dann wieder zu den Papieren. „Du willst sie heute vollständig öffnen.“

Haytham legte die Hand auf eine der Abschriften. „Ja. Gestern hatten wir einen Vorhang vor uns, der auf dich reagierte, eine Warnung auf Englisch und das Zeichen eines Bechers. Das ist mehr als genug, um unsere bisherige Vorsicht neu zu bewerten.“

„Das klingt erstaunlich vernünftig für einen Mann, der gestern noch jeden gefalteten Blattrand wie eine geladene Pistole behandelt hat.“

„Ich beabsichtige nicht, heute weniger vorsichtig zu sein.“ Sein Blick ging kurz zu Helena und dann zurück zu mir. „Aber wir haben inzwischen Fragen, die wir mit den geöffneten Seiten allein nicht beantworten können.“

Damit hatte er recht. Die Stellen, die Eugene offen zurückgelassen hatte, enthielten Namen, Zeichen und Hinweise auf Wege. Edward hatte daraus bereits genug erkannt, um zu wissen, dass einzelne Symbole durch Ergänzungen verändert werden konnten. Mehr aber nicht. Wir wussten weder, wie die Namen mit den Wegen zusammenhingen, noch was der Becher unter den Klippen bedeutete, und schon gar nicht, weshalb ein Stück Stoff mir einen verschneiten Ort und ein einziges Wort hatte zeigen können.

„Dann im Kartenraum“, sagte ich. „Mit Abschriften, offenen Türen und genügend Händen in Reichweite, um jedes Buch wieder in eine Kiste zu werfen, falls es beschließt, sich an der Unterhaltung zu beteiligen.“

„Mr Hargreaves hat zwei Wachen eingeteilt. Mr Al Din Issa führt für jede geöffnete Lage ein Verzeichnis. Edward arbeitet zunächst nur mit Abschriften. Florence ebenfalls.“

Ich sah ihn über Helenas Kopf hinweg an. „Du hast also alles entschieden, bevor du mich gefragt hast.“

„Ich erinnere mich nicht, behauptet zu haben, dass ich fragen wollte.“

Sein Mundwinkel verriet ihn.

Ich wollte gerade antworten, als es klopfte. Sybill trat ein, blieb aber nahe der Tür, damit Helena nicht durch eine unnötige Bewegung wieder wach wurde.

„Master Connor lässt fragen, ob Ihr ihn vor seiner Abreise sprechen möchtet, Mistress Kenway.“

Da war es also. Connor hatte gestern entschieden, am heutigen Morgen aufzubrechen. Ich hatte die Information durchaus gehört. Mein Kopf hatte nur beschlossen, sie bis zu diesem Klopfen in einen Schrank zu sperren.

„Sag ihm, er soll hereinkommen“, bat ich. „Und sieh bitte nach Florence. Wenn sie noch schläft, sag Sophia, dass sie sie noch nicht wecken soll. Die Aquila wird ohnehin nicht in den nächsten Minuten ablegen.“

Sybill nickte. Ihr Blick fiel auf meinen halb leeren Becher und anschließend auf mich. „Mistress Kenway, Magda bat mich auszurichten, dass ein Getränk nicht als Frühstück gilt.“

„Das war erstaunlich feige von ihr.“

„Sie sagte, Ihr würdet das behaupten.“

Sybill nahm mir Helena ab, als wäre auch das Teil einer längst eingespielten Ordnung, und verließ die Kajüte. Ich hörte noch, wie sie draußen leise mit jemandem sprach, dann wurde es wieder ruhig.

Haytham wartete, bis wir allein waren. „Du willst mit Connor über William sprechen.“

„Das hatte ich vor, ja.“ Ich setzte mich wieder und fuhr mit dem Daumen über den Rand meines Bechers. „Und ich weiß noch immer nicht, wie ich es sagen soll, ohne dass es wie ein Auftrag klingt.“

„Indem du ihm genau sagst, woran du dich erinnerst und wo deine Erinnerung endet.“

„Du lässt das sehr einfach klingen.“

„Das ist es auch nicht“, erwiderte er. „Ich weiß, wie schwer dir das fällt.“

Ich stand auf und ging zum Fenster. Draußen lag die Aquila etwas weiter steuerbord. Männer verzurrten Wasserfässer, eine beschädigte Stelle an der Reling war mit frischem Holz und Segeltuch gesichert worden, und an einem Spant arbeiteten noch zwei Zimmerleute. Connor würde vor Mittag aufbrechen können, wenn nichts Neues dazwischenkam. In unserer Familie war das ein bemerkenswert großer Vorbehalt.

„In meiner Zeit steht William Johnsons Tod am 11. Juli 1774 in den Aufzeichnungen“, sagte ich schließlich. „Das Datum selbst erinnere ich klar. So klar, wie man sich eben an einen Eintrag erinnert, den man gelesen hat, ohne damals zu wissen, dass man eines Tages mit den Menschen aus diesem Eintrag am selben Tisch sitzen würde.“

Haytham sagte nichts. Er kannte diese Art von Unsicherheit. Nicht die Frage, ob ich überhaupt etwas wusste, sondern ob das Wissen, das ich aus meiner Zeit mitgebracht hatte, noch genauso auf diese passte.

„Das Problem ist nicht nur mein Gedächtnis“, fuhr ich fort. „In meinem Jahrhundert sind historische Daten häufig vereinheitlicht. Ein Historiker schreibt einen Tag so auf, dass ein moderner Leser ihn versteht. Aber die Menschen, die damals gelebt haben, haben ihre Daten nicht immer so notiert, wie sie später in unseren Büchern stehen. In England und den Kolonien wurde 1752 der Kalender umgestellt, und in älteren englischen Aufzeichnungen konnte selbst der Jahresanfang anders angesetzt werden. Spätere Historiker übertragen solche Angaben teilweise oder kennzeichnen sie als alten und neuen Stil. Wenn ich heute nur noch die fertige Datumszeile im Kopf habe, weiß ich nicht automatisch, welche Rechnung ursprünglich dahinterstand.“

Haytham lehnte sich ein wenig zurück. „Für William ist der Wechsel allerdings bereits mehr als zwanzig Jahre her.“

„Genau. Deshalb halte ich den 11. Juli bei ihm für sehr wahrscheinlich. Aber ich habe die Quelle nicht vor mir. Ich weiß nicht mehr, ob ich das Datum aus einer modernen Chronik kenne, aus einer übertragenen älteren Angabe oder aus einer Darstellung, die den ursprünglichen Zusammenhang bereits für heutige Leser geglättet hatte.“ Ich legte beide Hände um meinen Becher. „Und genau das ist mein Problem: Ich erinnere mich an das Ergebnis, aber nicht mehr an jede Fußnote, die erklärt hat, wie man dorthin gekommen ist.“

Haytham betrachtete mich lange. „Du fürchtest weniger, dass du den 11. Juli vergessen hast, als dass du einen modernen Eintrag für eine unveränderliche Uhr hältst.“

„Ganz genau. Und selbst wenn das Datum stimmt, haben wir bereits genug verändert. Menschen leben noch, die nach meiner Erinnerung anders hätten sterben sollen. Entscheidungen wurden anders getroffen, Informationen kamen früher oder später an. Ich kann wissen, dass William Johnson in meiner Geschichte im Juli 1774 gestorben ist, und trotzdem nicht wissen, welcher Weg uns von hier dorthin führt.“

„Oder ob derselbe Weg überhaupt noch existiert.“

„Genau.“ Ich atmete aus. „Und Connor darf aus meinem Wissen nicht ableiten, dass er diesen Weg herstellen muss.“

Haythams Gesicht wurde ernster. „Das wird er nicht.“

„Ich will nur nicht, dass Connor aus dem Datum die falsche Schlussfolgerung zieht“, sagte ich. „William ist für ihn nicht einfach ein Feind, den es irgendwann zu beseitigen gilt. Connor wird bei dieser Zusammenkunft ohnehin dabei sein. Aber genau deshalb muss er wissen, was ich weiß – und ebenso deutlich, was ich nicht weiß. In den Aufzeichnungen meiner Zeit steht Johnsons Tod am 11. Juli 1774. Das heißt noch lange nicht, dass diese Versammlung tatsächlich an genau diesem Tag stattgefunden hat. Vielleicht wurde später nur sein Tod so datiert. Vielleicht liegen die Ereignisse auseinander. Und nachdem wir bereits so vieles verändert haben, kann ich nicht einmal sicher sein, dass alles noch in derselben Reihenfolge geschieht.“

Haytham legte die Hände ruhig auf den Tisch. „William kauft Land nicht, weil er die Mohawk aus ihrem Gebiet treiben will. Er glaubt, dass er es durch einen kontrollierten Erwerb vor Männern sichern kann, denen weder ihre Verträge noch ihre Grenzen etwas bedeuten. Er hält Besitz in den falschen Händen für gefährlicher als Besitz in seinen.“

„Was für Connor trotzdem wie dasselbe aussehen kann.“

„Und William selbst ist ein Teil des Problems.“ Haythams Stimme blieb nüchtern. „Seine Absicht ist schützend. Seine Methode verlangt dennoch, dass die Menschen, deren Land er schützen will, ihm vertrauen, dass er besser weiß, was mit diesem Land geschehen soll. Connor hat jedes Recht, das zu hinterfragen.“

Ich nickte. Genau das war der Unterschied, den ich Connor nicht nehmen wollte. Johnson war weder der geldgierige Landräuber, zu dem eine zu kurze Erzählung ihn machen konnte, noch ein Heiliger, nur weil sein Ziel nicht grausam war.

„Dann sage ich ihm beides“, entschied ich. „Was ich über das Datum weiß und warum du Johnsons Absicht anders beurteilst. Und dass ich nicht will, dass er ihn rettet, nur weil ich weiß, dass er sterben wird. Aber genauso wenig will ich, dass er glaubt, er müsse ihn töten, weil meine Geschichte es einmal so erzählt hat.“

„Du gibst ihm Wissen, keine Aufgabe.“

„Das ist der Plan.“

„Dann solltest du ihm genau das sagen.“

„Manchmal bist du ausgesprochen lästig, wenn du recht hast.“

„Eine meiner beständigeren Eigenschaften.“

Diesmal klopfte es nur einmal. Connor trat ein, den Mantel bereits geschlossen, das Haar im Nacken gebunden. Der Geruch nach kalter Luft und Teer kam mit ihm herein. Er sah zuerst zu Haytham, dann zu mir und schließlich zu den Papieren auf dem Tisch.

„Die Aquila ist beinahe bereit“, sagte er. „Der Spant hält. Wir nehmen noch Wasser und Verbände an Bord, dann können wir vor Mittag aufbrechen.“

Connor zog einen Stuhl heran und setzte sich zu uns.

„Für deine Rückkehr nach Boston kann ich ein Portal öffnen“, sagte ich. „Allerdings könnte Eugene den Übergang bemerken.“

Haytham sah mich an. „Und du willst das Risiko trotzdem eingehen?“

„Ja. Für Connor mache ich das.“

Connor betrachtete mich einen Augenblick. „Danke, Alex.“

„Bevor du gehst, muss ich dir noch etwas sagen.“ Meine Stimme klang vermutlich bedrohlicher als sie sollte.

Sein Blick wurde aufmerksam. „Was?“

„William Johnson.“

Haytham blieb neben mir, und für einen Augenblick war da nur das Knarren des Schiffes unter uns.

„In den historischen Aufzeichnungen meiner Zeit stirbt Johnson am 11. Juli 1774“, begann ich. „Das ist die Information, der ich vertraue. Aber ich kann dir nicht versprechen, dass ich jeden Zusammenhang dazu genauso sicher erinnere. Ich kann dir nicht sagen, welche Entscheidungen unmittelbar davor fallen, welcher Brief rechtzeitig oder zu spät ankommt oder ob das, was wir inzwischen verändert haben, den Ablauf bereits verschoben hat.“

Connor runzelte die Stirn. „Das Datum kann sich ändern?“

„Der Tag in meiner Erinnerung muss nicht falsch sein. Aber historische Daten sind komplizierter, als sie in einem modernen Buch aussehen. England und die Kolonien rechnen seit 1752 nach dem neuen Stil; ältere englische Quellen können anders datiert sein und sogar den Jahresanfang anders setzen. In meiner Zeit haben Historiker solche Angaben oft vereinheitlicht oder entsprechend gekennzeichnet. Wenn ich nur eine Zahl im Kopf habe, fehlt mir manchmal genau die Erklärung daneben, die sagt, wie diese Zahl zustande gekommen ist.“

Connor sah zu Haytham. „Für Johnson dürfte das nicht gelten.“

„Wahrscheinlich nicht“, sagte Haytham. „1774 wird in den Kolonien längst nach dem neuen Stil gerechnet.“

„Deshalb glaube ich dem 11. Juli“, sagte ich. „Ich behandle ihn nur nicht wie einen Befehl der Zeit. Vor allem nicht, nachdem wir so viel verändert haben.“

Connor schwieg kurz. „Und warum sagst du es mir?“

Die Frage war nicht misstrauisch. Er wollte wissen, welche Verantwortung ich ihm damit übergab. Genau deshalb musste die Antwort sauber sein.

„Weil du zurückkehrst und Johnson begegnen könntest. Wenn ich schweige und du später in eine Situation gerätst, in der dieses Wissen wichtig gewesen wäre, hätte ich dir bewusst etwas vorenthalten. Aber ich sage es dir nicht, damit du dafür sorgst, dass er stirbt. Und auch nicht, damit du ihn um jeden Preis rettest.“

Connor lehnte die Unterarme auf die Knie. „Vater hat mir erklärt, weshalb Johnson Land erwerben will.“

Haytham antwortete selbst. „William glaubt, dass er Gebiete durch Kauf vor Spekulanten und Siedlern schützen kann, die sich weder um die Mohawk noch um bestehende Abmachungen kümmern würden. Seine Absicht ist nicht, sie zu vertreiben.“

Connor sah ihn an. „Aber die Verträge sehen von außen wie dieselben Verträge aus, mit denen andere Männer Land nehmen.“

„Ja.“ Haytham wich der Einwendung nicht aus. „Und wenn William erwartet, dass man allein seiner Absicht vertraut, ohne dass er sie jenen erklärt, die den Preis seiner Entscheidung tragen, ist das sein Fehler.“

Connor nickte langsam. „Dann ist seine Absicht ein Grund, hinzusehen. Kein Grund, ihm blind zu glauben.“

„Genau“, sagte ich. „Und mein Datum ist ein Grund, aufmerksam zu sein. Kein Grund, einen Mann zu töten.“

Er wandte sich wieder mir zu. „Du sagst mir das also nicht, weil du erwartest, dass ich etwas tun muss, damit dieses Datum eintritt.“

„Nein.“ Ich hielt seinem Blick stand. „Genau das will ich verhindern. William Johnson wird nach den Aufzeichnungen meiner Zeit sterben. Das macht ihn aber nicht zu einem Feind, den du beseitigen musst.“

Connor schwieg, und ich fuhr fort. „Du wirst bei dieser Zusammenkunft ohnehin dabei sein. Sieh dir an, was Johnson tatsächlich tut. Wenn er den Mohawk schadet, dann beurteilst du ihn nach seinen Taten. Wenn er wirklich versucht, das Land vor Männern zu schützen, denen nur Besitz und Gewinn wichtig sind, dann behandelst du ihn nicht wie einen Feind, nur weil ich seinen Namen mit einem Todesdatum verbinde.“

„Und wenn die Zusammenkunft gar nicht am 11. Juli stattfindet?“

„Dann wäre genau das einer der Gründe, warum ich dir nur sagen kann, was in meinen Aufzeichnungen steht. Nicht, wie dieser Tag tatsächlich verlaufen wird.“

Connor ließ sich mit der Antwort Zeit. Dann nickte er. „Ich werde ihn nicht wegen eines Datums verurteilen. Ich werde sehen, mit wem er verhandelt, was er unterschreibt und ob seine Handlungen zu dem passen, was Vater über ihn weiß.“

Der Knoten in meiner Brust wurde kleiner. Nicht weg. Das wäre bei mir vermutlich medizinisch bedenklich gewesen.

„Mehr wollte ich nicht.“

„Doch.“ Connors Mundwinkel hob sich. „Du willst außerdem, dass ich vorsichtig bin, regelmäßig schreibe, genug schlafe und mich von jeder Gefahr fernhalte, die größer ist als ein schlecht gelaunter Hund.“

Aus dem Gang kam ein tiefes Schnauben. Walka saß offenbar irgendwo vor der Tür und nahm Vergleiche persönlich.

„Ich würde niemals verlangen, dass du dich mit einem schlecht gelaunten Hund anlegst“, sagte ich. „Ich bin nicht verantwortungslos.“

Haytham sah zwischen uns hin und her. „Das Urteil darüber überlasse ich anderen.“

Connor grinste. Für einen Augenblick war er nicht Captain, nicht Assassine und nicht der Mann, der in meiner alten Geschichte so viele Namen auf einer Liste hatte. Nur Connor.

Als wir wenig später an Deck kamen, war Florence inzwischen wach. Sophia hatte sie in eine warme Decke gepackt, die Locken noch halb ungeordnet. Edward stand mit Mr Al Din Issa nahe der Großluke, Walka dicht an seinem Bein. Lionel saß bei Michael und löste mit ernster Miene einen Knoten aus einem kurzen Tauende, als hinge die Sicherheit des gesamten Schiffes davon ab.

Florence sah Connor an der Reling und ging direkt zu ihm. „Du reist wirklich ab.“

Connor ging vor ihr in die Hocke. „Ja. Die Menschen zu Hause wissen nicht, wo ich bin.“

„Kommst du wieder?“

„Sobald ich kann.“

Sie prüfte sein Gesicht, als könnte sie dort feststellen, wie belastbar dieses Versprechen war, und legte dann die Arme um seinen Hals. Connor hielt sie fest, bis sie sich selbst wieder löste.

Edward trat danach zu ihm. Bei zehnjährigen Jungen, die beide nicht gern zu viel vor anderen zeigten, fiel der Abschied kürzer aus. Connor legte ihm die Hand an die Schulter. „Hör auf Mr Al Din Issa.“

Edward verzog den Mund. „Das tue ich.“

Mr Al Din Issa stand hinter ihm und sagte trocken: „In einem erfreulich weiten Sinn, Master Edward.“

Connor lachte leise. „Dann übst du weiter.“

Kurz vor Mittag stieg er in das letzte Boot. Haytham begleitete ihn bis zur Leiter und fasste seinen Unterarm. Connor erwiderte den Griff.

„Schreib, sobald du die Kolonien erreicht hast“, sagte Haytham.

„Das werde ich, Vater. Und lass Michael das Knie ansehen, bevor du wieder in eine Höhle steigst.“

Haytham sah ihn mit unbewegter Miene an. „Ich hatte nicht vor, heute noch eine Expedition zu beginnen.“

„Dann wird es dir leichtfallen.“

Ich umarmte Connor, bevor er hinunterkletterte. „Das Datum ist eine Warnung, kein Wegweiser.“

„Ich habe dich verstanden.“

„Das hoffe ich.“

„Du könntest versuchen, mir zu vertrauen.“

„Ich vertraue dir. Ich misstraue nur der Zeit.“

Er nickte, stieg ins Boot und ließ sich zur Aquila rudern. Florence hielt meine Hand, Edward stand an meiner anderen Seite, und Haytham blieb so dicht hinter uns, dass seine Schulter meine berührte. Erst als Connor an Bord war und die Aquila ihre Segel setzte, hob ich den Arm.

Der Armreif blieb zunächst kühl. Ich konzentrierte mich nicht auf eine Sehnsucht, nicht auf irgendein Bild, sondern auf die Strecke, die ich kannte, und auf das Schiff vor mir. Der grün-türkise Riss öffnete sich breit über dem Wasser mit einem klaren Weg.

Connor stand am Heck der Aquila und hob eine Hand. Florence winkte mit beiden Armen. Dann glitt das Schiff durch die Schwelle. Ich hielt sie offen, bis das letzte Stück des Hecks verschwunden war, und schloss sie erst, als vor uns wieder nur Meer lag.

Haytham legte die Hand an meinen Rücken. „Er wird aufpassen.“

„Ich weiß.“

Diesmal genügte mir die Antwort. Nicht weil meine Sorge verschwunden war, sondern weil Connor sie nicht brauchte, um vorsichtig zu sein.

◆ ◆ ◆

Im Kartenraum hatte Mr Al Din Issa inzwischen aus dem großen Tisch eine Arbeitsfläche gemacht, die selbst Haythams Zustimmung fand. Die beiden Bücher lagen getrennt voneinander auf dunklen Tüchern. Dazwischen standen kleine Messinggewichte, leere Bögen, zwei Lupen, ein flaches Messer zum Lösen verklebter Seiten und das Kästchen mit den Metallplättchen. Die Fenster waren geöffnet. Vor der Tür warteten zwei Wachen. Mr Hargreaves hatte außerdem eine flache Metallkiste mit Sand bereitstellen lassen, falls Papier plötzlich eine Meinung zu Feuer entwickeln sollte.

Magda stellte Brot, Käse und Haferbrei auf einen Seitentisch. „Wer lesen kann, kann auch kauen.“

Haytham zog seinen Stuhl heran. „Eine bestechend einfache Form der Aufsicht.“

„Bei Euch muss sie das sein.“

Michael wandte sich ab. Seine Schultern verrieten ihn trotzdem. Lionel saß neben ihm auf der Bank und tat so, als hätte er nichts bemerkt. Ich beschloss, Magda nicht daran zu erinnern, dass sie vor zehn Jahren noch deutlich vorsichtiger mit dem Großmeister gesprochen hatte. Man musste Entwicklungen auch würdigen können.

Florence nahm mit Sophia am Seitentisch Platz. Vor ihr lagen Edwards Abschriften und ein unbeschriebenes Blatt. Sybill hatte Helena inzwischen wieder bei sich und setzte sich mit ihr nahe ans Fenster. Die Kleine war bereits wieder eingeschlafen.

Edward saß neben Mr Al Din Issa. Walka legte sich dicht an Edwards Füße, den Kopf auf einen seiner Stiefel. Ihre Augen blieben wach und folgten jeder Bewegung am Tisch.

Haytham wartete, bis Mr Al Din Issa das Datum oben auf sein Verzeichnis geschrieben hatte. „Wir beginnen mit dem schmaleren Band. Jede Lage wird vollständig geprüft, gelesen und abgeschrieben, bevor wir zur nächsten gehen. Unbekannte Namen werden nicht laut ausgesprochen. Reagiert ein Zeichen, wird die Seite abgedeckt. Niemand berührt etwas ohne Ansage.“

Edward hob zwar nicht die Hand, stellte seine Frage aber trotzdem. „Und wenn nichts reagiert?“

„Dann lesen wir weiter.“

„Das klingt ziemlich enttäuschend.“

„Ich verspreche dir, dass ich mit Enttäuschung leben kann.“

Mr Al Din Issa löste den ersten Lederriemen. Das Leder war alt und an einer Stelle so spröde, dass es eher brach als nachgab. Darunter lagen dicht beschriebene Blätter, deren Ränder Feuchtigkeit gewellt hatte. Auf der ersten Seite stand kein sauberer Titel. Nur ein Symbol aus Kreis, Linie und vier kurzen Strichen und darunter eine Überschrift: Gefahr des Registers.

„Welches Registers?“, fragte Florence.

„Das finden wir hoffentlich heraus, bevor wir es missverstehen“, sagte Haytham.

Die ersten Absätze machten die Sache nicht freundlicher. Sie warnten davor, einen Namen für harmlos zu halten, nur weil er aus Tinte bestand. Namen wurden dort nicht wie Personenlisten behandelt, sondern wie Bezugspunkte. Neben ihnen standen Zeichen für Blut, Orte, Gegenstände, Schwüre, Schutz, Täuschung und Schwellen. Einige Symbole waren uns inzwischen vertraut. Andere kannte niemand von uns.

Mr Al Din Issa schrieb jede Form ab, ohne sie zu deuten. Edward übernahm die kleinen Zeichnungen. Florence verglich die Wiederholungen und meldete sich nur, wenn ihr etwas auffiel. Es dauerte nicht lange, bis ich begriff, dass diese Arbeit mehr Geduld als Mut verlangte. Das war vermutlich der Grund, weshalb sie mir deutlich schwerer fiel.

Auf einer späteren Seite stand ein Satz größer als der übrige Text: Nicht der Name bindet. Die Antwort bindet.

Ich las ihn zweimal. „Das klingt, als wäre der Name nur der Auslöser.“

„Oder der Hinweis darauf, wonach gesucht wird“, sagte Haytham.

Edward schob zwei Abschriften nebeneinander. „Bei diesen beiden steht derselbe Ort, aber ein anderes Zeichen dahinter.“

Mr Al Din Issa beugte sich zu ihm. Beim ersten Namen war neben dem Ort ein Auge eingezeichnet, beim zweiten eine kleine Flamme. Die Randnotizen beschrieben unterschiedliche Reaktionen: Der eine hatte Stimmen gehört, die andere Hitze gespürt.

„Dann entscheidet der Ort allein nicht, was jemand wahrnimmt“, sagte Edward.

„Nein.“ Haytham zog eine dritte Abschrift heran. „Und der Name allein ebenso wenig.“

Ich sah wieder auf den Satz. Nicht der Name bindet. Die Antwort bindet. „Es geht um Resonanz.“

Florence legte den Kopf schief. „Was heißt das?“

„Dass zwei Menschen vor derselben Tür stehen können und die Tür bei beiden etwas anderes versucht“, erklärte ich. „Weil sie nicht auf die Buchstaben ihres Namens reagiert, sondern auf etwas, das zu ihnen gehört. Eine Erinnerung. Angst. Ein Versprechen. Vielleicht ein Mensch.“

Florence dachte darüber nach. „So wie der Geist wusste, dass ich dich sehen wollte?“

Ich brauchte einen Herzschlag, um zu verstehen, wen sie meinte: die Frau, die wie ich ausgesehen hatte. „Ähnlich. Nur dass wir hier noch nicht wissen, ob das Buch selbst etwas tut oder nur beschreibt, wie andere Dinge reagieren.“

Haytham nickte knapp. „Diese Unterscheidung behalten wir bei.“

Das war wichtig. Einige Formulierungen im Buch klangen, als könne ein Eintrag selbst gefährlich werden. Andere beschrieben nur bestehende Bindungen. Wer auch immer die Seiten zusammengestellt hatte, trennte Beobachtung und Anwendung nicht immer sauber. Vielleicht absichtlich.

Je weiter wir kamen, desto unterschiedlicher wurden die Handschriften. Manche Abschnitte waren in einer älteren deutschen Schrift geschrieben, andere auf Französisch oder Englisch ergänzt. Randnotizen lagen über noch älteren Randnotizen. Einzelne Jahreszahlen reichten weit zurück. Nicht bis in irgendeine mythische Vorzeit, aber weit genug, dass Eugene unmöglich jede Zeile selbst verfasst haben konnte.

„Er hat gesammelt“, sagte ich leise.

Haytham sah auf eine Datierung, die mehr als zwei Jahrhunderte zurücklag. „Oder sammeln lassen.“

„Das macht ihn mir definitiv nicht sympathischer.“

„Das sollte es auch nicht.“

Dann kamen die Namen, die uns etwas bedeuteten.

Mein eigener stand nicht versteckt. Alexandra Kenway. Daneben mehrere Bezeichnungen, als hätte jemand Schwierigkeiten gehabt, sich für die richtige zu entscheiden: Frau aus der falschen Zeit. Solveig. Norne der Zukunft. Trägerin des rechten Armreifs.

Mir wurde kalt, obwohl das Fenster offenstand und die Luft mild war.

Haytham legte zwei Finger auf den Rand der Seite, ohne die Schrift zu berühren. „Weiter.“

Unter Art der Bindung standen Blut, Zeit, Schwelle und Artefakt. Die Randnotiz war kürzer: Nicht zurückrufen. Sie antwortet nicht auf die Vergangenheit allein.

„Das klingt fast wie eine Warnung an ihn selbst“, murmelte ich.

„Oder an jeden, der das Register benutzt.“ Haythams Stimme blieb kontrolliert. „Wir wissen nicht, wer diese Zeile geschrieben hat.“

Das nächste Profil gehörte ihm. Großmeister. Sohn zweier Ordnungen. Tyr-nah. Darunter: Eid, Ordnung, Blutlinie, Urteil. Die Randnotiz war unangenehm präzise. Nicht über Glauben brechen. Über Pflicht prüfen.

Ich sah zu Haytham. „Das mag ich überhaupt nicht.“

„Ich ebenso wenig.“

„Das war weniger empört, als ich gehofft hatte.“

„Soll ich die Handschrift beleidigen?“

„Später vielleicht.“

Edward hatte aufgehört zu zeichnen. Sein Blick lag auf der nächsten Seite, obwohl Mr Al Din Issa sie noch nicht vollständig freigegeben hatte. Sein Name stand dort ebenfalls.

Erbe des Hauses. Vom Donner berührt. Noch wachsend.

Edward schluckte. Neben seinem Namen standen Blutlinie, Schutzinstinkt und väterliches Erbe. Darunter eine Bemerkung, die ich sofort hasste: Kinder binden schneller, als Männer schwören.

Haythams Gesicht wurde sehr still.

„Das ist keine Regel über dich“, sagte ich zu Edward, bevor mein Mann überhaupt sprechen konnte. „Das ist die Art, wie derjenige denkt, der solche Menschen beobachtet.“

Edward nickte, ohne den Blick von der Seite zu nehmen. „Er wollte wissen, worauf ich reagiere.“

„Ja.“

„Dann hat er mich schon länger beobachtet.“

Darauf hatte ich keine tröstliche Antwort. Also gab ich ihm die ehrliche. „Wahrscheinlich.“

Florence’ Eintrag war kaum weniger unangenehm. Mädchen mit dem offenen Blick. Brunhilds Schatten. Seele, Befreiung, Mut, Erinnerung. Bei ihr stand: Sie sieht nicht alles. Aber sie sieht genug.

Meine Tochter las die Abschrift, die Mr Al Din Issa ihr gab, mit zusammengezogenen Brauen. „Das klingt, als wäre ich ein Fenster.“

„Du bist Florence“, sagte Haytham. „Der Rest ist die Art, wie jemand versucht hat, dich in eine Zeile zu pressen.“

Sie sah zu ihm und nickte. Dann zog sie die Decke enger um ihre Schultern und las weiter.

Bei Helena wurde die Handschrift plötzlich sparsamer. Kind der Schwelle. Bewacht. Nicht nehmen. Mehrere Zeichen daneben waren uns unbekannt, andere erinnerten an Übergänge und Schutz. Eine Randnotiz lautete: Der Zugang antwortet nicht dem Dieb.

Ich sah automatisch zu Sybill. Helena schlief in ihrem Arm und kümmerte sich mit bewundernswerter Konsequenz nicht darum, dass irgendein jahrhundertealtes Register sie für ein Problem hielt.

„Damit wusste Eugene von ihrem Schutz“, sagte ich.

„Zumindest wusste jemand, dass sie nicht einfach zu behandeln ist wie ein unbewachtes Kind“, erwiderte Haytham. „Mehr lässt sich daraus nicht ableiten.“

Sein Ton war bewusst nüchtern. Ich nahm es ihm nicht übel. An diesem Tisch brauchten wir Grenzen dringender als dramatische Möglichkeiten.

Connor fand sich einige Seiten später. Sohn des Waldes. Zwischen zwei Fronten. Feuererinnerung. Die Randnotiz darunter war so kurz, dass sie fast härter wirkte: Sein Schmerz ist kein Schlüssel. Er ist eine Warnung.

Edward sah zur Tür, als könnte Connor noch immer draußen stehen. „Er weiß das gar nicht.“

„Noch nicht“, sagte ich. „Und er muss es auch nicht in dem Augenblick erfahren, in dem er gerade abreist. Wir schreiben es für ihn ab.“

Mr Al Din Issa markierte die Seite entsprechend.

Danach folgten viele Namen, die uns nichts sagten. Manche waren mit Orten verbunden, andere mit Dingen, die ich nicht einmal kannte. Einige Einträge waren durchgestrichen, einige mit einem Schutzzeichen versehen, andere mit einem kleinen Auge, das für Täuschung stand. Wir lasen nichts davon laut vor, wenn wir nicht mussten.

Erst nahe der Mitte des Buches erschien die Bezeichnung, nach der wir gesucht hatten. Sie stand über einer Schlüsselübersicht, sauberer geschrieben als die meisten Randnotizen: Register der gebundenen Namen.

Edward hob den Kopf. „Dann heißt es wirklich so.“

„Offenbar“, sagte Haytham.

Ich betrachtete die Seiten, die inzwischen über den Tisch verteilt lagen. „Und gebunden bedeutet nicht automatisch gefangen.“

„Nein“, sagte Mr Al Din Issa. „Manche Bindungen sind Schutz. Andere Herkunft. Manche Schwur oder Ort. Gefährlich wird das Register dadurch, dass jemand diese Antworten ordnet und wiederfinden kann.“

Haytham sah zu ihm. „Ein Verzeichnis von Hebeln.“

„Und von Schutzstellen“, ergänzte ich. „Je nachdem, wer es benutzt.“

Das war vielleicht das Unheimlichste daran. Das Buch war nicht böse, weil eine Seite meinen Namen trug. Es war gefährlich, weil jemand beschlossen hatte, aus dem, was Menschen liebten, fürchteten oder bewahrten, ein sortierbares System zu machen.

Ich dachte an den Vorhang unter den Klippen. Schnee. Modernes Licht. Ein einziges Wort: Mom.

„Der Vorhang brauchte Yannick nicht“, sagte ich.

Edward sah sofort zu mir. „Nur das, was du bei ihm fühlst.“

„Ja.“ Ich zog meine Abschrift näher. „Wenn dieses System stimmt, musste auf der anderen Seite weder mein Sohn stehen noch meine Wohnung wirklich existieren. Jemand musste nur wissen, welche Verbindung stark genug ist, damit ich auf ein Bild reagiere.“

Haytham nickte. „Damit behandeln wir alles, was der Vorhang gezeigt hat, als erzeugte Reaktion. Nicht als Beweis für einen tatsächlichen Ort.“

Der Gedanke machte den Schnee nicht harmlos. Er nahm ihm nur das Recht, sich als Wahrheit auszugeben. Das genügte mir vorerst.

Wir lasen weiter, bis die Seiten von Namen zu Zahlen wechselten. Orte wurden nun nicht ausgeschrieben, sondern mit römischen Ziffern und Folgen aus kurzen und langen Kerben bezeichnet. Einige Reihen waren umkreist, andere durchgestrichen. Neben wenigen stand ein kleines Haus. Bei einer Folge war ein Becher eingezeichnet.

Edward beugte sich über die Abschrift. „Das sieht aus wie die Rückseiten der Plättchen.“

Haytham ließ das Kästchen öffnen. Wien, Bristol, Venedig und Frankreich lagen nebeneinander. Das stark abgenutzte Stück trug weiterhin nur Wj… auf der Vorderseite. Auf den Rückseiten wirkten die Kerben zunächst wie Gebrauchsspuren. Unter der Lupe sah man, dass sie zu regelmäßig waren, um zufällig zu sein.

Mr Al Din Issa ordnete die Metallstücke nach den Folgen im Register. Wien passte zu einer umkreisten Reihe. Venedig ließ sich einem weiteren Eintrag zuordnen. Beim Bristol-Plättchen zählten wir acht sichtbare Kerben.

Florence hatte bis dahin geschwiegen. Sie saß mit der Decke um die Schultern neben Sophia und betrachtete Edwards vergrößerte Zeichnung. „Da ist noch eine.“

Edward sah zu ihr. „Wo?“

Sie zeigte auf einen dunkleren Fleck am Rand. „Da. Die ist nur schief.“

Mr Al Din Issa nahm die Lupe. Er kratzte nichts ab, sondern änderte lediglich den Winkel zum Licht. Unter dem Belag erschien tatsächlich eine neunte, schräg angesetzte Kerbe und verschwand wieder, sobald er das Plättchen zurückdrehte.

„Neun“, sagte Edward und ergänzte die Linie auf seiner Zeichnung.

Florence lehnte sich zufrieden zurück, und ich musste lächeln. Sie hatte einfach genauer hingesehen als wir.

Die passende Folge im Register stand neben der römischen IX. Daneben war ein kleiner Becher eingezeichnet.

Ich holte unsere Aufzeichnung aus der Höhle hervor. Der Becher unter der englischen Warnung war nicht identisch bis zum letzten Strich, aber Form und Henkel entsprachen einander deutlich genug, dass niemand am Tisch lange nach einer anderen Erklärung suchte.

„Bristol, neun und der Becher gehören zusammen“, sagte ich.

Haytham schob die drei Abschriften nebeneinander. „Sie gehören mit hinreichender Sicherheit in dieselbe Folge. Was diese Folge bedeutet, wissen wir erst, wenn wir das zweite Buch gelesen haben.“

„Du hast das Bedürfnis, jeden schönen Moment zu beschädigen.“

„Ich nenne es Ordnung.“

Magda erschien genau in diesem Augenblick wieder und stellte fest, dass der Haferbrei beinahe unberührt geblieben war. Damit endete die erste Hälfte unserer Forschung unter Bedingungen, die sie für wesentlich vernünftiger hielt.

◆ ◆ ◆

Wir machten tatsächlich Pause. Nicht lang, aber lang genug, dass Haytham aß, ohne dabei eine Seite umzublättern, Edward seine Finger ausschüttelte und Florence mit Lionel über die Frage stritt, ob eine schiefe Kerbe absichtlich schief sein müsse. Helena wurde unruhig, Sybill reichte sie mir, und ich zog mich für eine Weile mit ihr in unsere Kajüte zurück. Als ich zurückkam, hatte niemand ein neues Mysterium entdeckt. Offenbar konnte die Welt zwanzig Minuten ohne mich auskommen. Ich war gleichzeitig erleichtert und etwas beleidigt.

Das zweite Buch wartete noch immer auf dem Tisch. Sein Einband war an einer Ecke angesengt, das Leder dunkler als beim ersten. Mehrere Seiten klebten so fest zusammen, dass Mr Al Din Issa sie nur mit dem flachen Messer lösen konnte.

Auf der ersten vollständig freigelegten Seite stand in großer Schrift: Von den falschen Türen.

Ich setzte mich neben Haytham. „Nun. Wenigstens dieses Buch macht aus seinem Thema kein Geheimnis.“

„Das wäre bei falschen Türen vermutlich übertrieben.“

Die ersten Seiten wirkten beinahe enttäuschend weltlich. Schein-Türen. Druckmechanismen. Schwenkwände. Verborgene Riegel. Bücherregale, die Treppen freigaben. Unechte Fugen im Mauerwerk. Falltüren. Gegengewichte. Hinweise auf Staubschichten, abweichende Sockelleisten und Stellen, an denen ein Schloss nur von einer Seite erkennbar war.

Edward rückte mit seinem Stuhl ein wenig näher. „Dann muss man sie zusammen lesen.“

„Der Erbauer will nicht verhindern, dass man die Tür findet. Er will verhindern, dass man sie als Tür erkennt“, las ich aus einer Randnotiz. „Das ist unangenehm vernünftig.“

„Und sehr menschlich“, sagte Haytham.

Weiter hinten änderte sich das Buch. Die Zeichnungen wurden weniger mechanisch. Zwischen Türen und Mauern tauchten Zeichen auf, die wir aus dem Register kannten. Eine Seite trug die Überschrift Spiegelpforte und Schwellenzeichen. Darunter war ein großer Spiegel gezeichnet, in dessen Fläche nicht der Raum vor ihm, sondern ein anderer Gang zu sehen war.

Florence rückte auf ihrem Stuhl näher an Sophia. „So wie der Vorhang?“

„Vielleicht“, sagte ich. „Aber nicht dasselbe.“

Wir lasen die Beschreibung gemeinsam. Eine Spiegelpforte zeigte einen Ort, der wie ein Ziel wirkte, musste aber nicht dorthin führen. Einige Seiten warnten vor falschen Reflexen: fehlenden Narben, verkehrten Bewegungen, Schatten, die zur falschen Seite fielen, Räume, deren Reihenfolge nicht stimmte. Andere erwähnten Prüfzeichen an Türrahmen und Schwellen.

„Das hier ist älter als Eugene“, sagte Haytham nach einer Weile.

Er zeigte auf eine Tabelle mit Archivnotizen. Mehrere Einträge waren auf 1470, 1472 und 1473 datiert. Namen von Schreibern standen daneben, einige lateinisch, einige deutsch. Spätere Hände hatten Kommentare ergänzt. Das Buch war kein Werk eines einzelnen Mannes. Es war eine Sammlung von Beobachtungen über Jahrhunderte.

„Dann hat er auch diese Regeln nicht erfunden“, sagte Edward.

„Das können wir aus dem Alter der Einträge schließen“, antwortete Haytham. „Nicht, wie viel er davon selbst verändert hat.“

Ich dachte an das Siegel im Keller, an Templerformen, die gerade ähnlich genug gewesen waren, um eine falsche Schlussfolgerung zu provozieren. Eugene musste nicht alles erschaffen. Es reichte ihm offenbar, vorhandene Systeme zu verstehen, umzudeuten und an den Stellen zu verändern, an denen Menschen glaubten, etwas wiederzuerkennen.

„Er sammelt nicht nur Menschen“, sagte ich. „Er sammelt Regeln.“

„Und verwendet sie, wenn sie ihm nützen“, sagte Haytham.

Einige Seiten später fanden wir eine Einteilung, die wesentlich näher an unserem Problem lag. Gewöhnliche Schwellen verbanden tatsächlich Orte oder Zustände. Gebundene Wege reagierten auf Namen oder auf etwas, das mit einem Namen verknüpft war. Falsche Türen dagegen ahmten ein erwartetes Ziel nach. Sie mussten nicht wie eine Tür aussehen. Entscheidend war, dass der Reisende glaubte, einen Durchgang vor sich zu haben, und die Reaktion stark genug war, ihn zum Betreten zu bewegen.

Ich spürte, wie sich alles vom Vortag an seinen Platz schob. „Der Vorhang.“

Haytham sah auf dieselbe Zeile. „Eine Fläche statt eines Türflügels. Ein erzeugtes Ziel. Eine Bindung, auf die es reagieren konnte.“

„Und das Wort Mom .“

„Der kürzeste Weg zu deiner Reaktion.“

Mir gefiel die Nüchternheit der Erklärung. Sie machte den Vorhang nicht weniger gefährlich, aber sie nahm ihm den Anschein, etwas völlig Neues und Unbegreifliches zu sein. Er gehörte zu einer Art von Wegen, die Menschen schon vor Jahrhunderten beschrieben hatten. Eugene hatte ihn nicht aus dem Nichts erfunden. Er hatte eine alte Methode in einem Raum unter seinen Klippen benutzt.

Edward verglich die Abschrift mit dem Register. „Dann brauchte die falsche Tür zwei Dinge. Einen Weg und eine Bindung.“

„Mindestens“, sagte Haytham. „Und vermutlich jemanden, der beides miteinander verknüpft.“

„Jemanden wie Eugene.“

„Oder jemanden vor ihm.“

Diese Antwort gefiel mir noch weniger. Sie war trotzdem die richtige.

Wir arbeiteten weiter. Das Buch unterschied sichere, unsichere und gefährliche Wege nicht nach moralischer Absicht, sondern nach Stabilität und bekannten Folgen. Ein Weg konnte sicher funktionieren und trotzdem zu Menschen führen, denen man besser nicht begegnete. Ein anderer konnte freundlich aussehen und den Reisenden in eine Falle schicken. Mehrfach stand sinngemäß derselbe Rat: Nicht jede Tür, die sich öffnet, sollte durchschritten werden.

„Das hätte man vielleicht auf den Einband schreiben sollen“, sagte ich.

„Du hättest ihn trotzdem geöffnet.“

„Natürlich. Aber ich hätte mich besser informiert gefühlt.“

Edward grinste. Haytham ignorierte ihn mit großer Erfahrung.

Dann tauchte der Becher wieder auf.

Nicht auf einer einzelnen Seite, sondern in mehreren Randzeichen. Neben Skizzen von Häusern, Höfen und größeren Eingängen. Einmal stand er an einer Treppe, ein anderes Mal unter einem offenen Bogen. Bei manchen Einträgen war er durchgestrichen. Bei anderen standen kurze Vermerke über Reisende, Aufnahme, Prüfung und Weiterleitung.

Florence legte den Finger auf ihre Abschrift. „Warum ein Becher?“

„Weil man dort etwas trinkt“, sagte Edward, bevor jemand anderes antworten konnte.

„Sehr wissenschaftlich.“

„Aber nicht falsch“, meinte Mr Al Din Issa.

Haytham zog mehrere Seiten zusammen. „Die Einträge sprechen von Orten, an denen Fremde ankommen können, ohne aufzufallen. Reisende werden aufgenommen, geprüft und gegebenenfalls weitergeschickt. Dafür eignen sich keine abgeschlossenen Herrenhäuser.“

„Gasthäuser“, sagte ich.

Edward nickte. „Oder Tavernen.“

Florence sah auf den Becher. „Da bekommt jeder etwas zu trinken.“

Haytham musterte sie. „Im Idealfall.“

„Dann ist der Becher kein Name“, sagte ich. „Er beschreibt die Art des Ortes.“

„Eine Funktion“, bestätigte Haytham. „Und das Buch warnt ausdrücklich davor, sie mit Sicherheit gleichzusetzen.“

Er zeigte auf mehrere durchgestrichene Becher. Daneben standen Bemerkungen, dass Häuser aufgegeben, übernommen oder falsch gekennzeichnet worden waren. Ein Becher bedeutete also nicht: Du bist sicher. Er bedeutete nur: Hier existierte oder existiert ein Ort, der Reisende aufnehmen und an einen Schwellenweg anbinden kann.

„Das erklärt die Warnung in der Höhle“, sagte ich. „Nicht durch den Stoff. Und darunter der Becher. Nicht diese falsche Tür – such den festen Ort.“

Haytham ließ sich einen Moment Zeit. „Das ist die wahrscheinlichste Lesart.“

„Du könntest einmal einfach zustimmen.“

„Dann würdest du misstrauisch werden.“

Leider kannte er mich.

Auf den nächsten Seiten wiederholte sich eine Zahl auffällig oft. Neun. Nicht als bloße Seitennummer. Neun Markierungen um ein Hauszeichen. Neun kleine Punkte um einen Becher. Eine Tabelle mit neun Folgen aus kurzen und langen Kerben. Eine weitere Skizze zeigte mehrere Knoten, von denen acht über Linien zu einem neunten Bezugspunkt führten, ohne dass erklärt wurde, in welcher Reihenfolge oder unter welchen Bedingungen diese Linien tatsächlich benutzt werden konnten.

Edward holte die Plättchenabschriften wieder heran. „Das sind dieselben Folgen wie im Register.“

Mr Al Din Issa legte sie nebeneinander. Es dauerte nicht lange, bis auch die letzten Zweifel verschwanden: Register, Metallplättchen und dieses Buch beschrieben Teile desselben Systems.

„Neun Häuser“, sagte Florence leise.

Niemand korrigierte sie.

Haytham strich mit dem Finger neben eine der Zeichnungen. „Neun feste Schwellenorte. Vermutlich Häuser, die Reisende aufnehmen konnten. Das passt zu den Bechern und zu den Kerbfolgen.“

„Und wir haben Plättchen mit Städtenamen“, sagte Edward. „Dann gehören die Städte zu diesen Häusern.“

„Zu einigen davon“, sagte Haytham. „Wir besitzen nicht alle neun Plättchen.“

„Aber Bristol haben wir.“

Ich zog das Metallstück zu mir. Neun Kerben auf der Rückseite. Die passende Folge im Register. Ein Becher. Eine römische IX. Und hier, im zweiten Buch, dieselbe Folge neben einem offenen Bogen und einem Vermerk über westliche Wege.

Der Text an dieser Stelle war teilweise verbrannt. Mr Al Din Issa hielt das Blatt im schrägen Licht, und gemeinsam bekamen wir genug zusammen, um den Sinn zu verstehen: Der neunte Ort nahm Reisende aus westlichen Wegen auf. Kein Name der Taverne. Keine Straße. Kein Wirt. Nur die Funktion und die Zahl.

„Bristol gehört zur neunten Folge“, sagte ich.

Haytham nickte diesmal ohne Einschränkung. „Ja.“

Ich sah ihn überrascht an.

„Genieß den Augenblick.“

„Ich wusste, dass du lernfähig bist.“

Edward legte beide Hände auf den Tisch. „Dann gibt es dort ein solches Schwellenhaus.“

„Oder es gab eines“, sagte Haytham. „Das Buch zeigt, dass solche Orte verschwinden, übernommen oder beschädigt werden können.“

„Aber der Becher unter den Klippen weist dorthin.“

„Er weist auf diese Art von Zugang“, korrigierte ich. „Und Bristol gehört zur neunten Folge. Mehr wissen wir heute noch nicht.“

Florence runzelte die Stirn. „Das ist doch schon ziemlich viel.“

„Das ist erschreckend viel“, sagte ich. „Vor allem für einen Tag, der bis jetzt so friedlich aussah.“

Das Buch hatte noch weitere Seiten. Wir ließen keine aus. Manche beschrieben Schwellenzeichen, die nur bei schrägem Licht sichtbar wurden. Andere warnten vor Prüfungen, bei denen ein Name gerade nicht ausgesprochen werden durfte. Es gab Hinweise auf Türen, die sich nur von der anderen Seite öffneten, auf Gänge, die in sich zurückführten, und auf Spiegel, deren Schatten nicht zum Raum passten. Vieles davon brauchten wir heute nicht. Aber Mr Al Din Issa schrieb alles ab, und Edward zeichnete, bis seine Finger schwarze Tintenflecken trugen.

Als wir schließlich die hintere Innenseite des Einbands erreichten, stand fest, dass keine Lage mehr verborgen war. Das Buch trug keinen sauberen Titel auf dem Umschlag. Nach den wiederkehrenden Überschriften und der Ordnung im Inneren war die Bezeichnung trotzdem eindeutig genug.

„Buch der falschen Türen“, sagte Edward und schrieb es oben auf seine letzte Abschrift.

Haytham sah auf die Zeile. „Das genügt als Arbeitsbezeichnung.“

„Arbeitsbezeichnung“, wiederholte ich. „Man darf einen Sieg nie zu elegant aussehen lassen.“

„Das ist kein Sieg.“

„Natürlich nicht. Wir haben nur zwei Bücher verstanden, die ein jahrhundertealtes Netz aus Namen, falschen Wegen und neun Schwellenhäusern beschreiben.“

„Teilweise verstanden.“

„Da ist er wieder.“

Florence kicherte. Edward versuchte, es nicht zu tun. Michael gab sich am anderen Ende des Raumes große Mühe, sein Gesicht neutral zu halten. Magda machte sich nicht einmal die Mühe.

◆ ◆ ◆

Die Sonne stand bereits tief, als Haytham die Bücher schließen ließ. Das Register der gebundenen Namen kam in eine eigene Kiste, das Buch der falschen Türen in eine zweite. Mr Al Din Issa versiegelte beide und legte die Abschriften getrennt davon in den Kartenraum. Das Bristol-Plättchen blieb bei den übrigen Metallstücken, Edwards Zeichnungen kamen in eine flache Mappe. Zwei Wachen sollten über Nacht vor der Tür bleiben.

Wir verstanden längst nicht jede Seite. Aber wir wussten jetzt, was die beiden Bücher waren, was ein gebundener Name bedeutete, warum der Vorhang auf mich reagieren konnte und weshalb ein Becher unter einer Warnung vor einem falschen Weg eingeritzt worden war. Vor allem wussten wir, dass hinter all dem nicht nur eine einzelne Höhle lag. Es gab neun feste Häuser, und Bristol gehörte zur neunten Folge.

Was wir noch nicht wussten, war fast genauso wichtig: wie diese Häuser tatsächlich benutzt wurden, ob sie miteinander verbunden waren, wer sie bewachte, welche noch existierten und weshalb gerade der neunte Ort in den Unterlagen so oft gesondert behandelt wurde. Keine Seite hatte uns einen Tavernennamen gegeben. Ebenso wenig erklärten die Bücher, nach welchen Regeln ein Haus Reisende annahm oder seine Schwelle freigab. Für heute endete die Spur genau dort.

Edward stand noch am Tisch, obwohl Mr Al Din Issa seine Federn bereits eingesammelt hatte. „Fahren wir nach Bristol?“

Haytham sah zu mir, bevor er antwortete. „Wir verlassen Katalonien, sobald die letzten Unterlagen und Artefakte an Bord sind. Morgen wird das Anwesen ein letztes Mal inventarisiert und die noch gesicherten Kisten werden verladen. Danach entscheiden wir, welchen Weg nach England wir verantworten können.“

„Kein Portal?“

„Nicht aufgrund eines Buches, das uns gerade erklärt hat, wie leicht Wege lügen können.“

Ich hob die Hand. „Ausnahmsweise habe ich keinen Einwand.“

„Das sollte ich dokumentieren lassen.“

„Versuch es und du schläfst bei den falschen Türen.“

Edward grinste offen.

„Und Tante Jenny?“, fragte er.

Haythams Miene wurde ernster. „Jenny und Daniel werden unabhängig davon gewarnt. Meine Schwester ist kein Werkzeug für diese Untersuchung. Wenn wir sie nach Bristol oder nach alten Häusern fragen, erklären wir ihr vorher, weshalb.“

„Vielleicht kennt sie trotzdem etwas“, sagte Edward.

„Dann kann sie es uns sagen, nachdem sie selbst entschieden hat, ob sie sich damit befassen will.“

Das war Haytham in einer Form, die man von außen vielleicht nicht sofort verstand. Er konnte Menschen führen, befehlen, Pläne über ihre Köpfe hinweg entwickeln und ganze Räume mit einem Blick dazu bringen, sich vernünftig zu benehmen. Bei seiner Familie zog er die Grenze anders. Jenny sollte keine Spur sein, nur weil Eugene ihren Namen gesammelt hatte.

Magda erschien mit einer großen Schüssel Suppe und erklärte die Forschung für beendet. Niemand widersprach ernsthaft. Michael nahm Lionel mit, Sophia führte Florence in die Kajüte gegenüber, und Mr Al Din Issa wartete, bis Edward wirklich jede Feder abgelegt hatte. Walka erhob sich mit ihm, blieb aber noch einen Moment vor den beiden versiegelten Kisten stehen und schnupperte in ihre Richtung.

„Nichts“, sagte Edward zu ihr. „Die bleiben zu.“

Walka sah ihn an, als hätte sie genau das erwartet, und folgte ihm hinaus.

In unserer Kajüte lag Helena bereits in ihrer kleinen Hängemulde. Sybill hatte sie zugedeckt und zog sich leise zurück, nachdem ich ihr für den Abend frei gegeben hatte. Ich setzte mich mit der Suppe an den Tisch. Haytham nahm mir gegenüber Platz, diesmal ohne Michael, ohne Aufforderung und sogar ohne sichtbaren Protest.

„Ich bin stolz auf dich“, sagte ich.

„Wofür?“

„Du sitzt.“

Er sah mich lange an. „Ich bereue bereits, dir diesen Triumph zu lassen.“

„Zu spät.“

Durch das Fenster waren die Klippen nur noch als dunkle Masse zu erkennen. Irgendwo dort unten hing der Vorhang vor einem Weg, den keiner von uns betreten würde. Weiter oben stand ein halb zerstörtes Anwesen voller Spuren eines Mannes, der nicht einmal dort geblieben war, als sein eigener Armreif außer Kontrolle geraten war. Morgen würden wir die letzten Kisten holen. Danach musste Katalonien uns endlich loslassen.

„Neun Häuser“, sagte ich nach einer Weile.

Haytham hob den Blick von seiner Suppe. „Offenbar.“

„Tavernen oder Gasthäuser. Feste Schwellen. Becherzeichen. Bristol als neunte Folge.“

„Und noch keine einzige Regel, die uns erlaubt, einen dieser Wege zu benutzen.“

„Du könntest mir fünf Minuten geben, in denen ich beeindruckt bin.“

„Du bist seit Stunden beeindruckt.“

„Stimmt.“ Ich lehnte mich zurück. „Es wird langsam anstrengend.“

Sein Mundwinkel hob sich. Dann legte er die Hand über meine, und für einige Atemzüge sprachen wir nicht weiter.

Nebenan hörte ich Florence lachen. Edward erklärte ihr offenbar noch einmal, weshalb die neunte Kerbe auf dem Bristol-Plättchen schräg verlief. Seine Stimme wurde an einer Stelle empörter, Florence lachte lauter, und irgendwo dazwischen sagte Mr Al Din Issa etwas so ruhig, dass ich die Worte nicht verstand, aber beide Kinder sofort stiller wurden.

Helena atmete gleichmäßig. Aus der Kajüte nebenan drang gedämpft das Scharren von Walkas Pfoten über die Planken. Über uns ging eine Wache über Deck, während die Jackdaw sanft in der Dünung arbeitete.

Der Tag hatte tatsächlich sicher gewirkt. Kein Angriff, kein einstürzender Gang, keine Stimme aus einem Vorhang. Connor war fort, ohne dass die Schwelle ihn verschluckt hatte. Meine Kinder hatten über Tinte, Kerben und Becher gestritten, statt um ihr Leben zu kämpfen. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb der Frieden so ungewohnt wirkte.

Im Kartenraum lagen nun zwei versiegelte Bücher und eine Spur nach Bristol. Unter den Klippen wartete weiterhin die falsche Tür. Dazwischen lag nichts, was ich schon einen sicheren Weg nennen wollte.

Ich verschränkte meine Finger mit Haythams und hörte dem Schiff zu. Für heute genügte mir, dass wir endlich wussten, warum der falsche Weg uns gerufen hatte – und dass irgendwo jenseits davon neun echte Häuser auf einer Karte existieren mussten, auch wenn wir noch nicht wussten, was sie von uns verlangten.