Wie der Bäcker den Morgen buk
Wie der Bäcker den Morgen buk
Eines Morgens endete in der Kleinen Schweiz die Nacht genau zur vorgesehenen Zeit.
Nur der Morgen kam nicht.
Um sechs schlug die Uhr am Gemeindehaus.
Ferdinand stieg auf das Stalldach, reckte sich zu seiner vollen Grösse und liess einen einzigen, vollkommen amtlichen Ruf hören.
«Kikeriki!»
Seit der Gemeinderat seine Dienstvorschriften erlassen hatte, nahm Ferdinand es mit seinen Pflichten noch genauer als zuvor.
Nicht vor sechs Uhr.
Keine eigenmächtigen Änderungen des Tagesbeginns.
Ferdinand hatte seine Aufgabe tadellos erfüllt.
Die Sonne nicht.
Über den Bergen hing ein gleichmässig grauer Himmel. Die Strassenlaternen brannten noch, die Fenster blieben dunkel, und selbst die Blumen auf dem Dorfplatz hatten sich nicht geöffnet.
Als Erster bemerkte Heinrich, der Bäcker, dass etwas nicht stimmte.
Er war wie an fast jedem Morgen um vier Uhr in seine Backstube gekommen, hatte den Ofen angeheizt, seine Schürze umgebunden und eine grosse Schüssel Teig zum Aufgehen hingestellt.
Normalerweise war auf seinen Teig Verlass.
Er liess sich Zeit, gewiss. Gutes Brot konnte man nicht hetzen.
Aber früher oder später ging er auf.
Heute lag er am Boden der Schüssel und zeigte keinerlei Absicht, daran etwas zu ändern.
Heinrich hob das Tuch.
«Na komm, alter Freund. Wir haben zu tun.»
Der Teig antwortete nicht.
Heinrich wartete noch ein wenig.
«Fang bloss nicht an. Es ist nicht einmal Montag.»
Nichts.
Er kannte Teig besser, als manche Leute ihre eigenen Verwandten kannten. Er wusste, wann ihm zu kalt war, wann zu warm, wann er noch einmal unter die Hände musste und wann er einfach genug davon hatte.
Es gab Zeiten zum Kneten und Zeiten, in denen man ihn in Ruhe liess.
Heinrich kannte den Unterschied.
Aber so widerwillig hatte er noch keinen Teig aussehen sehen.
Er prüfte den Ofen. Das Feuer brannte ordentlich, die Steine wurden warm. In der Backstube schien alles seine Arbeit zu tun.
Ausser dem Brot.
Der Teig lieferte auch dafür keine Erklärung.
Heinrich trat ans Fenster.
Draussen brannten noch immer die Strassenlaternen.
Ferdinand sass auf dem Zaun und sah beleidigt aus.
Heinrich öffnete die Tür.
«Ferdinand, bist du sicher, dass du gekräht hast?»
Der Hahn drehte ganz langsam den Kopf.
Dann breitete er die Flügel aus.
Es gab manches, das Ferdinand vielleicht verziehen hätte. Zweifel an seinem Charakter, zum Beispiel. Fragen zu seiner Abstammung. An einem besonders grosszügigen Tag womöglich sogar Kritik an seiner Stimme.
Aber seine berufliche Zuverlässigkeit infrage zu stellen, ging entschieden zu weit.
«Schon gut», sagte Heinrich. «Ich wollte nur nachfragen.»
Ferdinand gab zu verstehen, ohne einen weiteren Laut von sich zu geben, dass er solche Nachfragen nicht billigte.
Wenig später erschien Marta auf dem Dorfplatz.
Sie trug eine wollene Strickjacke über ihrem Nachthemd und hatte sich die Haare nur zur Hälfte hochgesteckt. Offenbar war sie der Ansicht, dass eine vollständige Frisur vor Sonnenaufgang ein unangemessenes Entgegenkommen an die Umstände wäre.
Sie betrachtete den Himmel.
Dann die Gemeindehausuhr.
Dann wieder den Himmel.
«Warum ist es noch dunkel?»
«Die Sonne verspätet sich», sagte Heinrich.
«Hat sie Bescheid gegeben?»
«Nein.»
Marta zog die Strickjacke enger um sich.
«Unhöflich.»
Nach und nach kamen weitere Dorfbewohner aus ihren Häusern.
Friedrich, der Uhrmacher, erschien mit seiner Taschenuhr.
Er prüfte sie.
Dann prüfte er die Uhr am Gemeindehaus.
Schliesslich holte er aus einer Innentasche seiner Weste noch eine zweite Uhr. Die trug er eigens für den Fall bei sich, dass sich die ersten beiden gegen ihn verschworen haben sollten.
Alle drei waren sich einig.
«Sechs Uhr zwölf», verkündete er.
«Sehr schön», sagte Marta. «Und wo bleibt der Morgen?»
Friedrich untersuchte seine Uhren noch einmal.
Zwischen den Zeigern fand sich keine Antwort.
Der Gemeindepräsident kam mit einem Kalender.
Er blätterte darin und kontrollierte das Datum.
«Demnach», sagte er, «müsste heute ganz eindeutig ein Morgen stattfinden.»
Wilhelm, der Bankier, erschien im Mantel, aber ohne Krawatte.
Bei Wilhelm war das ein Zeichen für einen beträchtlichen Notfall.
«Ich schlage vor, wir warten», sagte er. «Möglicherweise hat die Sonne einen berechtigten Grund für ihre Verspätung.»
«Zum Beispiel?», fragte Marta.
«Das muss erst festgestellt werden.»
Wilhelm sah auf seine Uhr.
«Sollte die Verspätung allerdings mehr als eine Stunde betragen, müssten wir über eine Entschädigung sprechen.»
«Für wen?»
Wilhelm überlegte.
«Das wäre gesondert zu klären.»
Samuel, der Lehrer, brachte seine Schüler auf den Platz.
«Der Unterricht beginnt heute später», erklärte er.
Die Kinder waren sich augenblicklich einig, dass das Verschwinden der Sonne zu den erfreulicheren Naturerscheinungen gehörte, mit denen sie sich bisher in der Schule beschäftigt hatten.
Leni stand ein wenig abseits und betrachtete den grauen Himmel.
«Vielleicht will sie einfach nicht aufstehen», sagte sie.
«Die Sonne muss aufgehen», erwiderte der Gemeindepräsident.
Leni sah ihn an.
«Wollen Sie denn immer aufstehen, wenn Sie müssen?»
Der Gemeindepräsident erinnerte sich an seinen eigenen Morgen.
Allmählich bedauerte er, dass sein Amt so viele öffentliche Antworten verlangte.
«Vielleicht ist sie müde», meinte Lukas.
«Oder sie hat sich verirrt», sagte Leni.
Friedrich rückte seine Brille zurecht.
«Die Sonne kann sich nicht verirren. Sie folgt seit Jahrtausenden derselben Bahn.»
«Vielleicht hat sie gerade deshalb genug davon», sagte Marta.
Friedrich öffnete den Mund.
Dann schloss er ihn wieder.
Die Uhrmacherei hatte ihn vieles über die Zeit gelehrt, aber auf solche Gespräche nur unzureichend vorbereitet.
Die Dorfbewohner begannen, Vorschläge zu machen.
Der Gemeindepräsident hielt einen offiziellen Brief für angebracht.
Ludwig, der Briefträger, wollte wissen, an welche Adresse er zugestellt werden sollte.
Das liess sich nicht ohne Weiteres klären, weshalb der Brief vorläufig zurückgestellt wurde.
Friedrich schlug vor, die Uhren vorzustellen. Damit könnte das Dorf wenigstens amtlich anerkennen, dass der Sonnenaufgang längst hätte stattfinden müssen.
«Wird es dadurch heller?», fragte Heinrich.
«Nein», gab Friedrich zu.
«Dann ist es dem Brot egal.»
Wilhelm regte an, für die verlängerte Benutzung der Strassenbeleuchtung eine vorübergehende Gebühr einzuführen.
Niemand unterstützte den Vorschlag.
Ferdinand schritt unterdessen über den Platz und blickte immer wieder zum Himmel. Er schien den ganzen Vorfall als schwerwiegenden Verstoss gegen die bestehende Ordnung zu betrachten.
Mehrmals hob er den Kopf, als wolle er eine weitere Bekanntmachung machen.
Aber seine neuen Dienstvorschriften waren eindeutig.
Ein offizieller Ruf war erlaubt, und den hatte er bereits von sich gegeben.
Ferdinand hielt den Schnabel.
Es fiel ihm nicht leicht.
Während die Erwachsenen über Uhren, Briefe und die Kosten der Strassenbeleuchtung diskutierten, war Leni zum Fenster der Backstube gegangen.
Sie stützte die Hände auf das Fensterbrett und schaute hinein.
Der Teig lag noch immer in seiner Schüssel.
Eine Weile betrachtete sie ihn.
Dann ging sie um das Haus herum zur Tür.
«Herr Heinrich?»
Heinrich drehte sich um.
«Ja?»
«Warum wächst Ihr Brot nicht?»
«Ihm ist wohl zu kalt.»
Leni blickte an ihm vorbei.
Im Ofen glühte das Feuer. Von den Backsteinen stieg Wärme auf, und Heinrich hatte die Ärmel hochgekrempelt.
«Aber hier drin ist es doch warm.»
«Das sage ich ihm auch die ganze Zeit.»
Leni trat näher an die Schüssel.
Unter dem Tuch hatte sich nichts bewegt.
Sie dachte nach.
«Vielleicht will die Sonne auch nicht aufstehen, weil ihr kalt ist.»
Heinrich sah hinaus.
«Die Sonne ist warm, Leni.»
«Ich weiss.»
Sie überlegte noch einen Augenblick.
«Aber vielleicht möchte auch jemand, der selber warm ist, manchmal von jemand anderem gewärmt werden.»
Heinrich sah sie an.
Dann den Teig.
Dann den Ofen.
Schliesslich blickte er zu den dunklen Bergen.
Er war ein praktischer Mann. Er verstand sich auf Dinge, die man abwiegen, kneten, ruhen lassen oder in einen heissen Ofen schieben konnte.
Die Vorstellung, die Sonne zu wärmen, passte in keine dieser Kategorien.
«Und wie sollen wir das anstellen?»
Leni dachte darüber nach.
«Wir könnten ihr Frühstück machen.»
Heinrich schwieg.
Draussen diskutierten die Erwachsenen noch immer darüber, ob man einen offiziellen Brief auch ohne Adresse zustellen könne.
Der Sonne Frühstück zu machen war zweifellos eine Kinderidee.
Die Erwachsenen brauchten ziemlich lange, um zuzugeben, dass bisher niemandem etwas Besseres eingefallen war.
Heinrich band seine Schürze auf, überlegte kurz, ob er sie ablegen sollte, und band sie wieder um.
«Also gut», sagte er. «Wenn wir schon Frühstück machen, dann ein ordentliches.»
Er ging in den hinteren Teil der Backstube und holte eine kleine Portion seines besten Teigs hervor.
Nicht den widerspenstigen Teig unter dem Tuch. Diesen hier hatte er für besonders gutes Brot zurückbehalten.
Er gab etwas Milch dazu, Honig und ein grosszügiges Stück Butter und begann, alles mit seinen grossen, mehlbestäubten Händen durchzuarbeiten.
Leni schaute eine Weile zu.
Dann verschwand sie.
Als sie zurückkam, trug sie ein kleines Päckchen Safran.
«Für die Farbe», erklärte sie. «Damit es schön golden wird.»
Wilhelm, der den anderen in die Backstube gefolgt war, betrachtete das Päckchen.
«Safran ist teuer.»
«Die Sonne ist sehr gross», antwortete Leni.
Wilhelm konnte zwischen diesen beiden Tatsachen keinen überzeugenden Zusammenhang feststellen.
Er beschloss, die Angelegenheit nicht weiterzuverfolgen.
Während Heinrich sich zum Ofen wandte, schmuggelte Lukas eine Handvoll Zucker in den Teig.
Marta sah es.
Sie sagte nichts.
Später erklärte sie auf Nachfrage, dass es Augenblicke gebe, in denen Erwachsene besser daran täten, sich nicht in die Kunst einzumischen.
Heinrich knetete langsam.
Er schob den Teig mit den Handballen von sich weg, faltete ihn zusammen, drehte ihn und drückte wieder zu.
Die Kinder standen um den Tisch und sahen zu, wie das Mehl allmählich in der glatten, weichen Oberfläche verschwand.
An der Art, wie Heinrich Brot knetete, war nichts besonders Zauberhaftes.
Er verstand einfach sein Handwerk.
Als er zufrieden war, formte er einen grossen runden Laib.
Die Kinder halfen ihm, ringsherum kleine Strahlen aus dem Teig zu ziehen.
Manche wurden lang, andere kurz, und einer zeigte in eine Richtung, die sich nur schwer erklären liess.
Leni setzte zwei Rosinen als Augen ein und legte aus kleineren Rosinen einen lächelnden Mund.
Friedrich beugte sich über den Tisch.
«So sieht die Sonne nicht aus.»
Leni hob den Kopf.
«Woher wissen Sie das?»
«Wie meinst du?»
«Haben Sie sie schon einmal lange angeschaut?»
Friedrich dachte nach.
«Nein», gab er zu. «Das wäre nicht ratsam.»
«Vielleicht lächelt sie ja, wenn niemand hinschaut.»
Friedrich betrachtete das Rosinengesicht noch einmal.
Ausnahmsweise beschloss er, eine Frage offen zu lassen.
Heinrich schob den Laib in den Ofen.
Dann setzte er sich auf die Holzbank, auf der er immer wartete, während sein Brot buk.
Die Bank stand seit Jahren dort. Ein Bein war kürzer als die anderen, und Heinrich wusste genau, wo er sitzen musste, damit sie nicht wackelte.
Lukas setzte sich neben ihn.
«Ist es schon fertig?»
«Nein.»
Wenig später stand Lukas auf und spähte zum Ofen.
«Jetzt?»
«Noch nicht.»
«Woher wissen Sie, wann es fertig ist?»
«Ich sage es dir, sobald ich es weiss.»
Lukas betrachtete Heinrichs Hände, die ruhig auf seinen Knien lagen.
Vielleicht wussten Bäcker etwas über das Warten, das man Kindern erst erklärte, wenn sie älter waren.
Im Ofen begann sich das Brot zu verändern.
Die Strahlen gingen auf. Die Oberfläche wurde fest, und langsam breitete sich eine zarte goldene Farbe über den runden Laib.
Bald erfüllte der Duft von Butter und Honig die Backstube.
Er erreichte die Tür, schlüpfte hinaus auf die Strasse und zog in Richtung Dorfplatz.
Marta, die im Türrahmen stand, atmete tief ein.
«Na also», sagte sie. «Wenigstens läuft irgendetwas nach Plan.»
Heinrich stand auf, um nach dem Laib zu sehen.
Als er am Arbeitstisch vorbeikam, fiel ihm das Tuch über der anderen Schüssel auf.
In der Mitte hatte es sich ein wenig gehoben.
Er blieb stehen.
Darunter wölbte sich der Teig zu einem kleinen runden Hügel.
Heinrich hob vorsichtig eine Ecke des Tuchs.
Der Teig, der den ganzen Morgen nicht hatte aufgehen wollen, bewegte sich endlich.
Zuerst nur ein wenig.
Dann, während Heinrich zusah, noch ein bisschen mehr.
«Na also», sagte er zu ihm. «Du kannst es ja doch.»
Marta kam herüber.
«Manchmal braucht jeder ein gutes Vorbild.»
Heinrich legte das Tuch wieder über die Schüssel.
Die Backstube war wärmer geworden. Zeit war vergangen. Es gab mehrere vollkommen gewöhnliche Erklärungen.
Er verspürte kein besonderes Bedürfnis, den Teig zu verhören.
Schliesslich hatte er Brot im Ofen.
Als der Sonnenlaib fertig war, öffnete Heinrich die Ofentür und holte ihn behutsam heraus.
Er war gross und rund und so wunderschön golden, dass die Leute am Tisch unwillkürlich die Augen zusammenkniffen.
Die Strahlen waren knusprig.
Das Rosinengesicht lächelte mit jener unbekümmerten Zuversicht, die man um diese Tageszeit sonst fast nur bei kleinen Kindern antraf.
Sogar Wilhelm sah beeindruckt aus.
Er sagte nichts.
Heinrich legte einen grossen Korb mit einem sauberen Tuch aus und setzte das Brot hinein.
Leni beugte sich darüber.
Die Rosinen sassen fest in der Kruste. Die Spitzen der Strahlen waren schön gebräunt.
«Und jetzt?», fragte Heinrich.
Leni zeigte durch das Fenster auf den Hügel oberhalb des Dorfes.
«Wir sollten es dort hinaufbringen.»
«Warum?»
«Dort ist es ein bisschen näher bei der Sonne.»
Niemand konnte mit Sicherheit sagen, ob ein paar zusätzliche Höhenmeter für einen Himmelskörper einen nennenswerten Unterschied machten.
Also gingen sie.
Leni lief voraus und trug den Korb mit beiden Händen.
Heinrich ging neben ihr.
Ab und zu musste sie umgreifen. Der Korb war unhandlich, und der Laib war schwerer, als sie erwartet hatte. Trotzdem bat sie nicht darum, ihn abgeben zu dürfen.
Wo der Weg steil wurde, griff Heinrich wortlos unter den Korb und half, sein Gewicht zu tragen.
Leni sah ihn dankbar an.
Dann schaute sie wieder auf den Weg.
Hinter ihnen gingen Marta, Lukas, Samuel mit seinen Schülern, der Gemeindepräsident, Friedrich, Wilhelm und beinahe das halbe Dorf.
Bis zur zweiten Wegbiegung hatte sich der grösste Teil der anderen Hälfte angeschlossen.
Ferdinand kam ebenfalls mit.
Er hielt sich ein wenig seitlich und trug sich mit der unverkennbaren Würde eines amtlichen Vertreters des Morgendienstes.
Oben auf dem Hügel fanden die Dorfbewohner einen grossen Stein.
Es war der höchste in der Nähe.
Das musste genügen.
Heinrich stellte den Korb ab. Leni hob den Laib heraus und legte ihn vorsichtig auf den Stein. Dabei achtete sie darauf, dass keiner der Strahlen darunter eingeklemmt wurde.
Das Brot war noch warm.
Es duftete nach Butter, Honig und dem guten Mehl, das Heinrich für besondere Gelegenheiten verwendete.
Ein Windstoss hob eine Ecke des Tuchs.
Heinrich legte die Hand darauf, damit es nicht davonflog.
Leni trat einen Schritt zurück.
Über ihnen war der Himmel noch immer grau.
Sie hob das Gesicht zu den Wolken.
«Sonne?»
Die Gespräche verstummten.
«Wir wissen nicht, warum du nicht aufgestanden bist», sagte sie. «Vielleicht bist du müde. Oder du hast dich verirrt. Oder du hattest heute einfach keine Lust.»
Wilhelm beugte sich zum Gemeindepräsidenten.
«Haben Himmelskörper eigentlich Anspruch auf freie Tage?»
Marta drehte sich zu ihm um.
Er schwieg.
Leni blickte kurz zum Brot.
«Wir haben dir Frühstück gebracht», sagte sie. «Du musst dich nicht beeilen. Es ist hier.»
Dann trat sie vom Stein zurück.
Das war alles.
Sie forderte die Sonne nicht auf, endlich herauszukommen.
Sie erinnerte sie nicht daran, dass das ganze Dorf wartete.
Sie liess das Brot einfach dort liegen, wo es gefunden werden konnte.
Eine Weile geschah nichts.
Der Himmel blieb grau. Unten lag das Dorf still, und die Strassenlaternen leuchteten noch schwach.
Ein Windhauch strich durch das Gras.
Jemand verlagerte sein Gewicht von einem Fuss auf den anderen.
Noch immer geschah nichts.
Lukas schlenderte zum Stein.
Er streckte die Hand aus und berührte die Spitze eines goldenen Strahls.
«Nicht», flüsterte Leni. «Das ist nicht für uns.»
«Ich prüfe nur, ob es heiss ist.»
«Ist es das?»
«Sehr.»
Lukas betrachtete seine Fingerspitze und leckte daran.
Leni überlegte, ob sie etwas sagen sollte.
Dann beschloss sie, dass er streng genommen nichts von dem Brot gegessen hatte.
Wilhelm sah auf seine Uhr.
«Weiss jemand, wie lange die Zustellung eines Frühstücks an einen Himmelskörper normalerweise dauert?»
«Ruhe», sagte Marta.
Sie warteten weiter.
Heinrich stand neben Leni.
Längst hätte er wieder in seiner Backstube sein müssen, Brote wenden, Krusten prüfen und Bestellungen für Leute vorbereiten, die ihr Brot zur gewohnten Zeit erwarteten.
Stattdessen stand er auf einem Hügel und wartete darauf, ob die Sonne frühstücken wollte.
In all seinen Jahren als Bäcker hatte er schon manche anspruchsvollen Kunden bedient.
Dieser hier war zweifellos der anspruchsvollste.
Er behielt den Gedanken für sich.
Leni schaute auf den Laib.
Nicht auf die Uhr am Gemeindehaus, die man von hier oben kaum erkennen konnte.
Die meiste Zeit nicht einmal auf den Himmel.
Auf das Brot.
Sie hoffte, dass die Sonne es sehen würde.
Und dass es ihr schmecken würde.
Falls sie heute nicht kam, konnten sie das Brot vielleicht bis morgen liegen lassen.
Bis dahin hätte sie bestimmt Hunger.
Und dann erschien über den Bergen ein dünner Sonnenstrahl.
Nur einer.
Er fiel auf den Hang, berührte das Gras und wanderte über den unebenen Boden zwischen den Steinen hindurch.
Einen Augenblick lang schien er hinter einer kleinen Erhebung zu verschwinden.
Dann kam er wieder zum Vorschein.
Er erreichte den höchsten Stein.
Und blieb auf dem goldenen Brot liegen.
Leni stand vollkommen still.
Niemand sagte ein Wort.
Ein zweiter Strahl folgte.
Dann ein dritter.
Der graue Himmel wurde heller. Langsam teilten sich die Wolken und gaben über den Berggipfeln ein immer grösseres Stück Himmel frei.
Und dort erschien die Sonne.
Sie stieg auf, ohne sich besonders zu beeilen.
Sie sah ein wenig verschlafen aus.
Vielleicht sogar ein bisschen verlegen.
«Da ist sie!», rief Leni.
Sie ergriff Heinrichs Hand.
Er blickte zum Himmel hinauf, dann hinunter auf das Brot.
Und schloss seine grosse Hand fest um ihre kleine.
Unten auf dem Dorfplatz öffneten sich die Blumen.
Die Kühe kamen aus ihren Ställen und stellten mit einiger Überraschung fest, dass der Tag nun offenbar doch stattfinden würde.
In der Backstube ging der Teig weiter auf. Als Heinrich zurückkam, würde er ihn beinahe bis zum Rand der Schüssel gewachsen vorfinden.
Ferdinand musterte die Sonne.
Dann das Dorf.
Dann die versammelten Einwohner.
Sein Gefieder sträubte sich. Seine Brust schwoll an.
Einen Augenblick lang sah es aus, als wolle der Morgendienst eine zweite Bekanntmachung herausgeben.
Ferdinand holte Luft.
Dann erinnerte er sich an seine Dienstvorschriften.
Ein offizieller Ruf.
Nicht zwei.
Er schloss den Schnabel und nahm stattdessen eine so gebieterische Haltung ein, dass niemand daran zweifeln konnte, dass die Rückkehr der Sonne unter seiner Aufsicht stattgefunden hatte.
Nach und nach machten sich die Dorfbewohner auf den Rückweg.
Das Brot blieb auf dem Stein liegen.
Und in der Kleinen Schweiz nahm der Tag seinen gewohnten Lauf.
Heinrich kehrte zu seinem Ofen zurück.
Samuel brachte die Kinder zur Schule.
Wilhelm ging zur Bank, nachdem er inzwischen seine Krawatte gefunden hatte.
Friedrich prüfte noch einmal seine Uhren und stellte erleichtert fest, dass die Zeit die Abwesenheit der Sonne nicht für irgendwelche eigenmächtigen Unternehmungen genutzt hatte.
Die Strassenlaternen erloschen.
Türen öffneten sich.
Jemand kam in die Bäckerei, um Brot zu kaufen, und Heinrich hatte Brot zu verkaufen.
Am späten Vormittag begannen die ungewöhnlichen Ereignisse des Tages bereits zum gewöhnlichen Dorfgespräch zu gehören.
Aber Leni musste immer wieder an den Laib auf dem Hügel denken.
Kurz vor Mittag überredete sie Marta, noch einmal mit ihr hinaufzugehen.
Der Weg sah jetzt ganz anders aus.
Sonnenlicht lag auf dem Gras. Zwischen den Steinen zirpten Heuschrecken, und die Schatten der Zaunpfähle fielen ordentlich über den Pfad.
Leni lief voraus, blieb stehen und wartete auf Marta.
Nach einer Weile lief sie wieder voraus.
Sie wollte unbedingt sehen, was aus dem Frühstück geworden war.
Oben rannte sie zum Stein.
Das Brot war verschwunden.
Nur ein paar goldene Krümel waren zurückgeblieben.
Leni ging in die Hocke.
Sie betrachtete die Krümel.
Dann sah sie zur Sonne hinauf.
«Sie hat es gegessen.»
Friedrich, der sich aus irgendeinem Grund gerade ebenfalls in der Nähe befand, kam herüber und untersuchte den Stein.
«Wahrscheinlich Vögel», sagte er.
Das war eine vollkommen vernünftige Vermutung.
Marta blickte zum hellen Himmel auf.
«Natürlich. Ein riesiger, glühender Vogel, ungefähr eine Million Mal so gross wie die Erde.»
Friedrich öffnete den Mund.
Dann schloss er ihn wieder.
Es gab einiges, das er hätte erklären können. Aber nichts davon schien besonders dringend.
Leni hob einen der Krümel auf.
Er war warm in ihrer Handfläche.
Andererseits war der Stein ebenfalls warm.
Er hatte schon eine ganze Weile in der Sonne gelegen.
Die Wärme des Krümels bewies also überhaupt nichts.
Leni schien ohnehin nicht daran interessiert zu sein, etwas zu beweisen.
Sie legte den Krümel zurück auf den Stein.
Für den Fall, dass die Sonne noch ein bisschen mehr wollte.
Von diesem Tag an buk Heinrich jeden Morgen kleine runde Brötchen mit Strahlen am Rand.
Er nannte sie «Morgen».
Die Leute kauften sie auf dem Weg zur Arbeit, und die Kinder assen immer zuerst die Strahlen.
Lukas behauptete, in den Strahlen stecke mehr Honig.
Heinrich erklärte ihm, dass das ganze Brötchen aus genau demselben Teig bestehe.
Lukas hörte höflich zu und ass weiterhin zuerst die Strahlen.
Wilhelm bestellte seinen «Morgen» grundsätzlich ohne Lächeln.
Heinrich gab ihm trotzdem jedes Mal eines aus Rosinen mit.
Und jeden Morgen, noch bevor das Dorf richtig wach war, buk Heinrich einen grossen goldenen Laib und legte ihn auf das Fensterbrett der Bäckerei.
Manchmal fiel er Besuchern auf.
«Ist der für die Sonne?», fragten sie.
Heinrich zuckte mit den Schultern.
«Für alle Fälle.»
Und wenn sie noch ein wenig blieben, fügte er hinzu:
«Auch jemand, der jeden Tag die ganze Welt wärmt, braucht vielleicht manchmal ein Frühstück, das schon auf ihn wartet.»
Danach kam die Sonne nie wieder zu spät.
Ausser sonntags. Da erschien sie manchmal ein wenig später als gewöhnlich.
Am Sonntag drängte niemand den Morgen.