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Das Mädchen, das den Wind mietete

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Das Mädchen, das den Wind mietete

In der Kleinen Schweiz gehörte der Wind allen und niemandem.

Er zog durch die Strassen, wie es ihm gefiel, schaute in offene Fenster, blätterte in fremden Zeitungen und machte nie eine Tür hinter sich zu.

Am liebsten hielt er sich auf dem Dorfplatz auf.

Dort gab es immer etwas zu tun.

Er konnte Wilhelm, dem Bankier, den Hut vom Kopf nehmen.

Die Speisekarte vor dem Gasthaus umdrehen.

Den Duft von Heinrichs frischem Brot durchs ganze Dorf tragen.

Oder Martas Rock so plötzlich aufbauschen, dass sie gleichzeitig in drei Himmelsrichtungen zu schimpfen begann.

«Unverschämte Naturerscheinung!», rief Marta.

Der Wind pfiff vergnügt durch ein Regenrohr und verschwand hinter der nächsten Hausecke.

Die Dorfbewohner hatten sich an ihn gewöhnt.

Wilhelm hielt seinen Hut fest, sobald er den Platz betrat. Der Wirt beschwerte die Speisekarte mit einem Stein. Marta konnte inzwischen schimpfen, ohne deswegen langsamer zu gehen.

Nur mit den Türen gab es weiterhin Schwierigkeiten.

Manche mussten mehrmals am Tag geschlossen werden.

Dabei verstand niemand, weshalb der Wind so darauf bestand, sie zu öffnen, wo er doch ohnehin lieber durch die Fenster hereinkam.

Eines Morgens war Leni auf dem Weg zur Schule.

Sie trug einen grossen Bogen Papier vor sich her und hielt ihn mit beiden Händen an den Seiten fest.

Fast den ganzen vergangenen Abend hatte sie daran gearbeitet.

Sie hatte die Kleine Schweiz von oben gezeichnet, so, wie ein Vogel das Dorf sehen musste, wenn er hoch genug flog und sich die Mühe machte, genau hinzuschauen.

Marta hatte sie zweimal zum Abendessen gerufen.

Beim dritten Mal hatte sie die Suppe an Lenis Tisch gebracht und erklärt, Künstler seien für das Erkalten ihrer Mahlzeiten selbst verantwortlich.

Leni hatte kaum aufgesehen.

Sie musste noch den Kirchturm fertig zeichnen.

Auf dem Blatt lagen die grünen Dächer des Dorfes, der blaue Fluss, Heinrichs goldene Bäckerei und der Dorfplatz mit seinem Brunnen.

Dahinter erhob sich der Berg Alte Alma.

Neben Frau Elsas Hotel hatte Leni einen winzigen rotbraunen Punkt gesetzt.

Das war Herr Bruno.

Aus der Ferne sah der Kater einem Punkt tatsächlich verblüffend ähnlich. Aus der Nähe war er natürlich eine erheblich bedeutendere Erscheinung.

Besonders viel Mühe hatte sich Leni mit dem Gemeindehaus gegeben.

Sie hatte siebenundzwanzig Fenster hineingezeichnet.

In Wirklichkeit besass es nur sechsundzwanzig.

Das wusste Leni.

Aber sie fand, ein zusätzliches Fenster könne nicht schaden.

Falls das Gemeindehaus eines Tages mehr Licht brauchen sollte.

Die Lehrerin hatte versprochen, die schönsten Zeichnungen im Klassenzimmer aufzuhängen.

Leni stellte sich schon vor, wie ihr Dorf neben der Wandtafel hängen würde.

Sie hatte den Kirchturm dreimal neu gezeichnet, weil er immer ein wenig schief geraten war. Für den Fluss hatte sie den schönsten blauen Farbstift ausgesucht. Und als sie endlich fertig gewesen war, hatte sie lange vor dem Blatt gesessen und alles noch einmal betrachtet.

Nun achtete sie darauf, dass sich nicht einmal eine Ecke verbog.

Bis zur Schule war es nicht mehr weit.

Leni konnte das Schultor schon sehen.

Da schoss der Wind um eine Hausecke.

Er fegte zwischen den Häusern hindurch, wirbelte Leni die Haare ins Gesicht, fuhr unter das Papier und riss es ihr aus den Händen.

«Halt!»

Der Wind hielt nicht an.

Die Zeichnung segelte über den Brunnen.

Schoss am Kirchturm vorbei.

Und erschreckte drei Tauben, die gerade auf einem Sims sassen.

Eine davon war Gustav.

Er kehrte nach einem kurzen, empörten Rundflug auf seinen Platz zurück und begann, sein graues Gefieder zu ordnen. Dabei sah er aus wie ein Vogel, der soeben einen schweren Verstoss gegen die geltende Luftverkehrsordnung beobachtet hatte.

Die Zeichnung flog weiter.

Sie drehte sich auf die Seite.

Kippte nach unten.

Und sank geradewegs auf einen Wagen voller Mist zu.

Leni kniff die Augen zusammen.

«Bitte nicht da hinein!»

Im letzten Augenblick fuhr der Wind unter das Blatt.

Die Zeichnung stieg wieder auf.

«Gib sie zurück!»

Leni rannte los.

Zunächst schien das Papier so nah, dass sie nur die Hand ausstrecken musste.

Zweimal bekam sie beinahe eine Ecke zu fassen.

Doch jedes Mal hob der Wind das Blatt ein wenig höher.

Bald schwebte es über den Dächern.

Es zog am Kirchturm vorbei, machte einen Bogen über das Gemeindehaus und wurde zu einem kleinen weissen Fleck vor den Bergen.

Dann war selbst dieser kaum noch zu erkennen.

Leni blieb beim Brunnen stehen und rang nach Luft.

Sie war schrecklich wütend.

Noch gestern Abend hatte sie den Fluss sorgfältig ausgemalt. Für den Hang der Alten Alma hatte sie so lange den richtigen Strich gesucht, bis ihr blauer Farbstift stumpf geworden war. Sie hatte sich vorgestellt, wie die Lehrerin die fertige Zeichnung neben der Wandtafel befestigen würde.

Und jetzt flog das alles irgendwo über den Dächern herum.

Als hätte ihre Arbeit überhaupt nichts zu bedeuten.

Auf dem Gemeindehaus flatterte die Fahne ausgelassen im Wind.

Mit dem Wort «zurückgeben» schien er wenig anfangen zu können.

«Fang mich doch» hingegen verstand er ausgezeichnet.

Vor dem Gemeindehaus begegnete Leni dem Gemeindepräsidenten Hans.

«Herr Hans! Der Wind hat meine Zeichnung gestohlen!»

Hans blieb stehen.

«Hast du den Verlust gemeldet?»

«Das mache ich doch gerade!»

«Ich meine eine ordentliche Verlustmeldung.»

Leni zeigte zum Himmel.

«Aber er fliegt damit weg!»

Hans überlegte.

«In diesem Fall wäre zusätzlich ein Gesuch um dringliche Behandlung der Verlustmeldung erforderlich.»

Leni schaute zu dem winzigen weissen Fleck hinauf.

Sie kam zu dem Schluss, dass der Wind längst in einem anderen Land sein würde, bevor die Formulare ihn eingeholt hätten.

Also lief sie zur Bäckerei.

Heinrich zog gerade ein Blech mit frischen Brötchen aus dem Ofen.

«Herr Heinrich! Haben Sie eine lange Leiter?»

«Gewiss.»

«Darf ich sie ausleihen?»

«Wozu denn?»

«Ich muss den Wind einholen.»

Heinrich stellte das Blech ab und trat mit ihr vor die Tür.

Er schaute zum Himmel hinauf.

«So lange Leitern gibt es nicht, Leni.»

Sie dachte nach.

«Dann geben Sie mir bitte die längste von den kurzen.»

Heinrich sah sie an.

Dann sah er die Leiter an, die neben seinem Schuppen lehnte.

Dagegen liess sich nicht besonders viel einwenden.

Er trug die Leiter auf den Platz und hielt sie fest, während Leni hinaufstieg.

Auf der obersten Sprosse klammerte sie sich mit einer Hand an den Holm.

«Wind!», rief sie. «Wir müssen miteinander reden!»

Der Wind brauste vorbei.

Er zerrte so heftig an der Schleife in ihrem Haar, dass sich der Knoten löste.

Das Band flog davon.

«Heisst das Nein?»

Das Band stieg höher und wickelte sich um die Wetterfahne auf dem Dach des Gemeindehauses.

Leni beobachtete es.

«Gut», sagte sie. «Dann sind die Verhandlungen offenbar noch nicht abgeschlossen.»

Inzwischen hatten sich einige Dorfbewohner unter der Leiter versammelt.

Friedrich, der Uhrmacher, schlug vor, die Windgeschwindigkeit zu bestimmen.

«Wenn wir ausserdem die Richtung kennen, lässt sich berechnen, wohin er die Zeichnung getragen hat.»

«Und dann?», fragte Leni.

Friedrich überlegte.

«Dann wissen wir, wohin er sie getragen hat.»

Josef, der Hirte, wollte seinen Ziegenbock Otto holen.

«Der merkt sofort, woher der Wind kommt.»

«Und was nützt uns das?», fragte Marta.

Josef kratzte sich am Kinn.

«Immerhin wüssten wir, aus welcher Richtung der Ärger kommt.»

Wilhelm war der Ansicht, der Wind müsse gebüsst werden.

«Wegen Störung der öffentlichen Ordnung und widerrechtlicher Aneignung fremden Eigentums.»

«Wohin schickst du die Busse?», fragte Marta.

«An seine amtliche Wohnadresse.»

«Der Wind hat keine Wohnadresse.»

Wilhelm rückte seine Jacke zurecht.

«Eben. Deshalb erlauben sich solche Erscheinungen auch alles.»

Leni hörte den Erwachsenen zu.

Dabei behielt sie die Wetterfahne im Auge.

Sie zeigte nach Osten.

Dann nach Westen.

Dann nach Norden.

Schliesslich drehte sie sich für einen Augenblick in eine Richtung, die es eigentlich gar nicht gab.

Der Wind raste über den Platz, verschwand zwischen zwei Häusern, kam zurück und jagte gleich wieder davon.

Nirgends blieb er lange.

Leni blickte von ihrer Leiter hinauf.

«Vielleicht gibt er mir die Zeichnung nicht zurück, weil er selber keinen Ort hat, an dem er einmal bleiben kann.»

Friedrich hob den Kopf.

«Wind kann nicht stillstehen. Wenn die Luft stillsteht, ist es kein Wind mehr.»

Leni dachte darüber nach.

«Hören Menschen denn auf, Menschen zu sein, wenn sie sich hinsetzen?»

Friedrich blinzelte.

«Für gewöhnlich nicht.»

«Eben.»

Der Uhrmacher hielt diesen Vergleich wissenschaftlich nicht für ganz einwandfrei.

Aber Leni stieg bereits die Leiter hinunter.

«Danke, Herr Heinrich.»

«Hast du sie erwischt?»

«Nein.»

«Warum kommst du dann herunter?»

«Ich versuche etwas anderes.»

Sie nahm ihre Schultasche und ging zu Martas Haus.

Hinter dem Haus stand ein alter Apfelbaum.

Seine Äste reichten weit über eine lange Holzbank, deren Sitzfläche an manchen Stellen ganz glatt geworden war.

Auf der Rückenlehne standen eingeschnitzte Worte:

FREIE ZEIT MUSS MAN NICHT IMMER SUCHEN.

MANCHMAL MUSS MAN NUR AUFHÖREN, SIE ZU FÜLLEN.

Leni setzte sich.

Zum ersten Mal an diesem Morgen sass sie ganz still.

Marta war ihr in den Garten gefolgt.

Sie fragte nicht, was Leni vorhatte, sondern nahm neben ihr Platz.

Hier war es ruhiger als auf dem Dorfplatz.

Hinter dem Zaun klapperte irgendwo ein loses Gartentor.

Ein Wolkenschatten wanderte langsam über das Gras.

Leni wartete.

Dann hob sie den Kopf zu den Zweigen.

«Wind!»

Die Blätter bewegten sich.

«Ich möchte dich mieten.»

Ein Ast raschelte.

«Nicht für immer. Nur für eine Stunde.»

Ein kleiner Windstoss strich durchs Gras und lief um die Bank herum.

Leni öffnete ihre Schultasche.

Darin lag das Brötchen, das Marta ihr für die Schulpause eingepackt hatte.

Sie nahm es heraus und legte es neben sich.

«Geld habe ich nicht. Aber ich kann mein Brötchen mit dir teilen.»

In diesem Augenblick löste sich eine ordentlich gefaltete Stoffserviette aus Martas Jackentasche.

Der Wind hob sie über die Bank und hängte sie an einen tiefen Ast.

Marta betrachtete die Serviette.

Dann Leni.

«Er feilscht.»

Leni sah zu dem Ast hinauf.

«Also gut. Das Brötchen und die Serviette.»

Der Wind wurde etwas schwächer.

Leni wartete, bis die Blätter über ihr beinahe stillstanden.

«Zuerst bringst du mir meine Zeichnung zurück. Danach hilfst du mir genau eine Stunde lang, wo ich dich darum bitte.»

Sie dachte kurz nach.

«Und wenn die Stunde vorbei ist, kannst du wieder hinfliegen, wohin du möchtest.»

Sie sah sich im Garten um.

«Einverstanden?»

Der Apfelbaum stand still.

Eine Weile geschah nichts.

Dann löste sich hoch oben ein Apfel.

Er fiel durch die Zweige und landete mit einem dumpfen Plumps im Gras neben Lenis Schuhen.

Sie betrachtete ihn.

«Ist das ein Ja?»

Marta hob den Apfel auf.

«Oder ein Apfel», sagte sie. «Aber fürs Erste kommen wir damit weiter.»

Leni wandte sich zum Dorf.

Sie wartete.

Die Zweige bewegten sich kaum.

Langsam fragte sie sich, ob der Wind überhaupt etwas verstanden hatte.

Da tauchte über den Dächern etwas Weisses auf.

Zuerst war es winzig.

Dann wurde es grösser.

Die Zeichnung kam zurück.

Sie wirbelte nicht mehr herum und schoss auch nicht von einer Seite zur anderen.

Der Wind trug sie gleichmässig, beinahe vorsichtig. Kaum eine Ecke flatterte.

Das Blatt glitt über den Gartenzaun.

Schwebte zwischen den Apfelzweigen hindurch.

Und legte sich Leni direkt auf den Schoss.

Sie packte es sofort mit beiden Händen.

Eine Ecke war etwas umgebogen. Neben dem Kirchturm verlief eine feine Falte.

Aber die Zeichnung war wieder da.

Leni breitete sie auf ihren Knien aus.

Der Fluss war noch blau.

Heinrichs Bäckerei noch golden.

Die Alte Alma stand genau dort, wo sie hingehörte.

Das Gemeindehaus hatte siebenundzwanzig Fenster.

Sogar Brunos kleiner rotbrauner Punkt war unversehrt geblieben.

Leni strich das Papier mit der flachen Hand glatt.

«Danke», sagte sie.

Eine Weile schaute sie einfach auf ihr Dorf.

Dann schob sie die Zeichnung behutsam in ihre Schultasche, stand auf und blickte zum Gartentor.

«So», sagte sie. «Jetzt haben wir Arbeit.»

Als Erstes ging sie zu Frau Elsas Hotel.

Hinter dem Haus waren zwischen zwei Mauern mehrere Wäscheleinen gespannt.

Daran hingen lange Reihen weisser Leintücher, Kissenbezüge und Bettanzüge.

Der Morgen war feucht gewesen, und die Wäsche wollte nicht recht trocknen.

Elsa stand mit einem Korb im Hof und rieb eine Ecke eines Leintuchs zwischen den Fingern.

«So hängt das bis heute Abend», sagte sie.

«Vielleicht nicht», meinte Leni.

Elsa schaute sie an.

«Was hast du vor?»

Leni blickte zu den Leinen hinauf.

«Wind, kannst du helfen? Aber bitte vorsichtig. Nichts mitnehmen.»

Zuerst bewegte sich nur der nächste Kissenbezug.

Dann zog ein sanfter Luftstrom zwischen den Leinen hindurch.

Die Leintücher hoben sich.

Sie füllten sich mit Luft.

Und plötzlich standen mitten im Hotelhof grosse weisse Segel.

Eines blähte sich weit zwischen den Mauern auf.

Ein anderes drehte sich langsam an seiner Leine.

Ein drittes wölbte sich so schön, dass Elsa einen Schritt zurücktrat, um es zu betrachten.

Die Tücher hoben und senkten sich.

Ihre Schatten glitten über die Pflastersteine.

Für einen Augenblick sah der ganze Hof aus wie ein Hafen, in dem die Schiffe beschlossen hatten, an Ort und Stelle zu bleiben.

Elsa streckte die Hand aus und berührte einen Zipfel.

Er fühlte sich bereits trockener an.

«Na also», sagte sie. «So gefällt mir das.»

Dann hob sie den Zeigefinger.

«Aber die Wäscheklammern bleiben, wo sie sind.»

Ein leiser Luftzug strich durch die weissen Segel.

Keine einzige Klammer löste sich.

Elsa sah zu, wie sich das nächste Leintuch aufblähte.

Zum ersten Mal an diesem Morgen schien sie mit ihrer Wäsche zufrieden.

Von der Wäscherei ging es zur Mühle.

Der Müller stand vor dem Gebäude neben einigen Getreidesäcken.

Hoch über ihm bewegten sich die grossen Flügel kaum.

«Stimmt etwas nicht?», fragte Leni.

«Seit heute Morgen bläst es überall, nur nicht dort, wo ich es brauche.»

Leni schaute hinauf.

Einer der Flügel ruckte ein Stück weiter.

Dann blieb er wieder stehen.

«Vielleicht können wir helfen.»

Der Müller folgte ihrem Blick.

«Ihr?»

«Ich hoffe es.»

Sie legte den Kopf in den Nacken.

«Wind! Ein bisschen stärker, bitte.»

Der nächste Flügel zitterte.

Dann setzte sich das ganze Rad in Bewegung.

Eine Umdrehung.

Noch eine.

Das Holz begann vertraut zu knarren.

Der Müller nickte zufrieden.

«Ja, genau so. Weiter!»

Der Wind schien sich dadurch ermutigt zu fühlen.

Er legte kräftiger zu.

Die grossen Flügel drehten sich immer schneller.

Dem Müller hob es den Hut vom Kopf, und er musste ihn mit beiden Händen festhalten.

«Nicht so fest!», rief Leni.

Der Wind liess nach.

Die Flügel wurden langsamer.

«Noch ein bisschen sanfter.»

Das Rad drehte sich weiter.

Einmal.

Noch einmal.

Schliesslich fand es ein gleichmässiges Tempo.

Drinnen begann das Mahlwerk zu rumpeln.

Der Müller nahm die Hände vom Hut und lauschte.

«So», sagte er. «Genau so muss es klingen.»

Auch Leni hörte zu.

Die Mühle arbeitete wieder.

Über ihren Köpfen machte die Wetterfahne allerdings eine vollständige Umdrehung, bevor sie sich beruhigte.

Der Müller betrachtete sie misstrauisch.

«Hoffentlich haben wir ihn nicht beleidigt.»

«Ich glaube nicht», sagte Leni.

Ganz sicher war sie sich allerdings nicht.

Am Fluss trafen sie einen Fischer, der versuchte, sein kleines Boot am Steg festzumachen.

Die Strömung war schwach.

Trotzdem drehte sich das Boot immer wieder vom hölzernen Pfosten weg.

Der Fischer ruderte darauf zu.

Verfehlte ihn.

Drehte das Boot.

Und verfehlte ihn noch einmal.

Leni blieb am Ufer stehen.

«Brauchen Sie Hilfe?»

«Kannst du von dort oben rudern?»

«Nein», sagte Leni. «Aber ich kenne jemanden, der vielleicht helfen kann.»

Sie schaute über das Wasser.

«Wind, schieb ihn bitte ein Stück. Zu uns herüber. Nicht in die Flussmitte.»

Eine feine Kräuselung lief über die Wasseroberfläche.

Das Boot drehte sich.

Langsam schwenkte sein Bug zum Steg.

Der Fischer streckte den Arm aus.

Noch fehlte ein kleines Stück.

Ein zweiter, sanfter Windstoss strich übers Wasser.

Diesmal bekam der Fischer den Pfosten zu fassen.

«Hab ihn!»

Er schlang das Seil darum, zog das Boot an den Steg und kletterte ans Ufer.

Dann betrachtete er Leni.

«Hast du das gemacht?»

«Wir.»

Der Fischer blickte den leeren Uferweg entlang.

Dort war niemand ausser Marta, die inzwischen zu ihnen gestossen war.

Er überlegte, ob er noch etwas fragen sollte.

Dann beschloss er, zuerst seinen Fischkorb aus dem Boot zu holen.

Leni sah zum Himmel hinauf.

Die Stunde verging.

Sie machten sich auf den Rückweg zum Dorfplatz.

Unterwegs kamen sie an Heinrichs Bäckerei vorbei.

Auf dem hölzernen Schild hatte sich nach den letzten Regentagen feiner Staub angesammelt.

Leni blieb stehen.

«Hier gibt es auch noch etwas zu tun.»

Der Wind fuhr unter das Schild, blies den Staub aus den geschnitzten Buchstaben und versetzte die hölzerne Brezel darunter in ein leichtes Schaukeln.

Heinrich erschien in der Tür.

«Wer putzt denn mein Schild?»

«Es kostet nichts», sagte Leni.

«Dann darf er gern wiederkommen.»

Aus der Backstube duftete es nach warmen Brötchen.

Nach frischer Kruste und ein wenig Honig.

Der Wind nahm den Duft mit.

Er trug ihn auf die Strasse.

Am Brunnen vorbei.

Um das Gemeindehaus herum.

Über den Platz.

Und geradewegs durch ein offenes Schulzimmerfenster.

Drinnen schrieb die Lehrerin etwas an die Wandtafel.

Das erste Kind, das den Duft bemerkte, hob den Kopf.

Dann das zweite.

Jemand schaute auf die Uhr.

Bald waren sämtliche Kinder im Schulzimmer unabhängig voneinander zum selben Ergebnis gekommen: Die Pause sollte heute drei Minuten früher beginnen.

Als Leni bei der Schule vorbeikam, liefen die Kinder bereits auf den Pausenplatz.

Die Lehrerin erschien hinter ihnen.

Sie schaute zur Bäckerei.

Dann zu den Zweigen, die sich jenseits der Mauer bewegten.

«Ich nehme an», sagte sie, «wir haben es hier mit einer Naturerscheinung zu tun?»

«Für eine Stunde», antwortete Leni.

Die Lehrerin betrachtete die Kinder, die schon über den Platz rannten.

Sie entschied, dass drei Minuten keine ausserordentliche Sitzung rechtfertigten.

Der Weg oberhalb des Dorfes lag inzwischen in der warmen Sonne.

Leni und Marta stiegen den Hügel hinauf.

Im Gras strich der Wind von einer Seite zur anderen.

Die Stunde war beinahe vorbei.

Ein Stück weiter oben stand Lukas.

Vor seinen Füssen lag ein grosser Drachen.

Seit Wochen hatte er daran gebaut.

Er hatte dünne Holzleisten zugeschnitten, blaues Papier darübergespannt und auf beiden Seiten breite goldene Flügel befestigt.

Für den Schwanz hatte er alte Bänder gesammelt, bis daraus ein langer, bunter Schweif geworden war.

Mehrmals hatte er versucht, den Drachen steigen zu lassen.

Doch nie war das Wetter ganz richtig gewesen.

Heute hatte der Wind so wild geblasen, dass Lukas sich nicht einmal getraut hatte, es zu versuchen.

Er kniete neben einem der Flügel, als er Leni bemerkte.

«Schau», sagte er.

Er hob den Drachen ein wenig an.

Das blaue Papier zitterte zwischen den Holzleisten.

«Hier habe ich gestern noch eine Leiste verstärkt. Und den Schwanz habe ich länger gemacht.»

Leni kniete sich neben ihn.

Am Rand des goldenen Flügels war das Papier sorgfältig ausgebessert.

«Kann er fliegen?»

«Ich weiss es nicht.»

Lukas blickte zu den Bäumen.

«Bei diesem Wind zerbricht er vielleicht schon beim Start.»

Leni betrachtete den Drachen.

Dann das Gras, das sich unter den Böen bog.

Ihr blieb nur noch wenig Zeit.

«Wollen wir es versuchen?»

Lukas sah sie an.

«Jetzt?»

«Jetzt.»

«Aber der Wind …»

«Mit dem habe ich eine Abmachung.»

Lukas starrte sie an.

«Was für eine?»

«Für eine Stunde.»

«Und wie lange noch?»

«Nicht mehr lange.»

Leni berührte den goldenen Flügel.

«Aber vielleicht reicht es.»

Gemeinsam trugen sie den Drachen auf eine freie Stelle am Hang.

Lukas ging rückwärts und liess die Schnur durch seine Finger gleiten.

Leni hielt den Drachen an der unteren Leiste aufrecht.

Hinter ihr lag der lange Schwanz im Gras.

Die alten Bänder regten sich bereits.

Der Wind strich über den Hügel.

Er erfasste die Bänder.

Die goldenen Flügel begannen zu zittern.

«Wind!», rief Leni.

Ein naher Baum rauschte.

«Diesmal blas nicht einfach so fest, wie du willst.»

Sie schaute zu Lukas hinüber, der die Schnur fest um seine Hand gewickelt hatte.

«Blas so, dass jemand fliegen kann!»

Der Wind kam sofort.

Mit aller Kraft.

Der Drachen riss sich aus Lenis Händen, schoss hoch, kippte über einen Flügel und stürzte auf den Boden zu.

Lukas zog an der Schnur.

«Vorsicht!»

Der Drachen überschlug sich.

Sein langer Schwanz wickelte sich um eine Holzleiste.

Für einen Augenblick zeigte der goldene Flügel geradewegs zur Erde.

Leni rannte hinterher.

Sie erwischte den Drachen, kurz bevor er auf das Gras schlug.

Ein Band hatte sich im Gestell verfangen.

Sie löste es, während Lukas herbeieilte.

«Ist er kaputt?»

«Ich glaube nicht.»

Lukas untersuchte den Flügel.

Das goldene Papier war heil geblieben.

Leni hielt den Drachen gegen ihre Jacke, während eine neue Böe an den Rändern zerrte.

«Nicht so fest!», rief sie. «Er ist doch noch klein!»

Der Wind liess nach.

Die Bänder wurden beinahe still.

Lukas schaute zu den Bäumen hinauf.

Dann zu Leni.

«Versuchen wir es noch einmal?»

Sie nickte.

Sie gingen zurück auf die freie Stelle.

Lukas wickelte etwas mehr Schnur ab.

Diesmal hob Leni den Drachen ganz langsam.

«So», sagte sie zu den bewegten Blättern. «Genau so.»

Ein sanfter Windstoss zog über den Hügel.

Der Drachen löste sich aus ihren Händen.

Er stieg ein kleines Stück.

Dann sank er wieder, beinahe bis ins Gras.

Leni streckte schon die Hand aus, um ihn aufzufangen.

Da glitt ein weiterer, leichter Luftstoss unter das blaue Papier.

Der Drachen neigte sich nach oben.

Sein Schwanz streckte sich.

Und er begann zu steigen.

Zuerst über den nächsten Baum.

Dann über die Dächer.

Dann höher als der Kirchturm.

Lukas stand mit gespreizten Beinen im Gras und hielt die Schnur fest.

Der Drachen zog daran.

Lukas gab ein wenig nach.

Und der Drachen stieg weiter.

Das blaue Papier leuchtete gegen den Himmel.

Seine goldenen Flügel fingen das Sonnenlicht ein, und der lange, bunte Schwanz flatterte hinter ihm her.

«Er fliegt!»

Lukas lachte.

Er lachte so sehr, dass ihm beinahe die Schnur aus der Hand glitt.

Leni packte ihn mit einer Hand hinten an der Jacke.

Nur für alle Fälle.

Damit der Wind vor lauter Begeisterung nicht gleich zwei Kinder statt eines Drachens in die Luft schickte.

Unten im Dorf blieben die ersten Leute auf dem Platz stehen.

Sie schauten hinauf.

Heinrich kam aus der Bäckerei und wischte sich die Hände an der Schürze ab.

Elsa trat vor ihr Hotel.

Und Wilhelm nahm seinen Hut ab, bevor er den Kopf hob.

Er kannte den Wind inzwischen gut genug, um ihm diese Arbeit nicht zu überlassen.

Lukas gab mehr Schnur frei.

Der Drachen stieg höher.

Eine Weile schwankte er sanft von einer Seite zur anderen.

Dann fand er über den Dächern eine Stelle in der bewegten Luft, an der er ganz gleichmässig fliegen konnte.

Lukas hörte auf zu lachen.

Er stand still da, den Kopf weit in den Nacken gelegt.

Nur ab und zu liess er ein wenig Schnur nach.

Leni stand neben ihm.

Sie betrachtete den blauen Drachen, die breiten goldenen Flügel und die alten Bänder, die im Sonnenlicht flatterten.

Der Wind trug ihn.

Nicht vollkommen reglos.

Nicht mit aller Gewalt.

Gerade so viel, wie nötig war.

Leni musste an ihre Zeichnung denken.

Gestern Abend hatte sie die ganze Kleine Schweiz gemalt.

Aber am Himmel über ihrem Dorf war noch nichts geflogen.

Jetzt gab es dort etwas, das sie gestern noch gar nicht hatte zeichnen können.

Der Drachen segelte noch eine Weile über den Dächern.

Dann schaute Marta auf ihre Uhr.

Die Stunde war vorbei.

Leni blickte zum Drachen hinauf.

Sie hätte ihn gern noch länger dort oben gesehen.

Aber sie hatte etwas versprochen.

Sie nahm die Hand von Lukas’ Jacke und trat ein paar Schritte zurück.

«Danke, Wind.»

Das Gras bewegte sich um ihre Schuhe.

«Das war’s. Deine Stunde ist vorbei.»

Sie zögerte einen Augenblick.

«Jetzt kannst du wieder hinfliegen, wohin du möchtest.»

Für eine kurze Weile wurde alles still.

Die Blätter hörten auf zu rauschen.

Das Gras richtete sich auf.

Der Drachen sank ein wenig, und Lukas begann, die Schnur vorsichtig einzuholen.

Dann fegte der Wind über die Hügelkuppe.

Er hob Staub vom Weg, schüttelte die Äste und jagte eine Handvoll Blätter den Hang hinunter.

Er schoss auf den Dorfplatz, riss ein Blatt aus Hans’ Notizbuch und trug es zum Fluss davon.

Hans sah dem Papier nach.

«Das war ein amtliches Dokument!»

Der Wind brachte es nicht zurück.

Er raste an der Mühle vorbei, bog hinter dem Hotel ab, schlug irgendwo einen Fensterladen zu und verschwand zwischen den Häusern.

Leni schaute ihm nach.

Ein bisschen tat es ihr leid, dass die Stunde vorbei war.

Aber sie hatte ihm versprochen, dass er gehen durfte.

Also liess sie ihn gehen.

Lukas wickelte bereits die Schnur auf.

Der Drachen sank langsam zum Hügel zurück.

Da hörte Leni hinter sich das Gras rascheln.

Sie drehte sich um.

Der Wind war zurückgekommen.

Nur für einen Augenblick.

Er schlüpfte zwischen ihr und Marta hindurch, hob ein paar Strähnen ihres Haares und streifte ihre offene Hand.

Etwas Kleines landete auf ihrer Handfläche.

So leicht, dass sie es kaum spürte.

Eine blaue Feder.

Leni nahm sie vorsichtig zwischen zwei Finger.

«Ist die für mich?»

Der Wind antwortete nicht.

Er eilte bereits wieder den Hang hinunter, bog das Gras zur Seite, bewegte die Baumwipfel und war auf dem Weg zu seinen vielen anderen Angelegenheiten.

Leni betrachtete die Feder.

Dann den Himmel.

Weit und breit war kein blauer Vogel zu sehen.

Andererseits wusste sie auch nicht, woher der Wind gekommen war, bevor er den Hügel erreicht hatte.

Marta trat näher.

«Was hast du da?»

Leni zeigte ihr die Feder.

Marta betrachtete sie.

Dann den Himmel.

Dann noch einmal die Feder.

«Schön», sagte sie.

Mehr sagte sie nicht.

An diesem Tag brachte Leni ihre Zeichnung tatsächlich noch in die Schule.

Sie strich die umgebogene Ecke glatt, radierte ein paar Staubspuren neben dem Gemeindehaus weg und holte ihre Farbstifte hervor.

Über dem Dorf zeichnete sie einen grossen blauen Drachen mit zwei goldenen Flügeln und einem langen, bunten Schwanz.

Neben der Alten Alma befestigte sie die kleine blaue Feder.

Als sie fertig war, kam die Lehrerin an ihren Tisch.

Sie betrachtete die grünen Dächer und den gewundenen Fluss.

Die goldene Bäckerei.

Den Kirchturm.

Sogar beim Gemeindehaus blieb ihr Blick einen Augenblick länger hängen. Offenbar hatte Leni es mit den Fenstern recht gut gemeint.

Dann zeigte die Lehrerin auf den Himmel.

«Das ist aber ein schöner blauer Drache, Leni.»

«Das ist kein richtiger Drache. Das ist Lukas’ Flugdrachen.»

«Vorher war er noch nicht da.»

«Vorher ist er auch noch nicht geflogen.»

Die Lehrerin nickte.

Dann bemerkte sie die Feder.

«Und von welchem Vogel stammt die?»

«Vom Wind.»

«Vom Wind?»

«Er hat sie mir geschenkt.»

Die Lehrerin berührte die Feder ganz vorsichtig.

«Leni, der Wind hat keine Federn.»

Leni zuckte mit den Schultern.

«Dann hatte er vorher eben keine.»

Die Lehrerin sah sie an.

Dann betrachtete sie noch einmal die Feder.

Sie sagte nichts weiter dazu.

Stattdessen hängte sie die Zeichnung an die auffälligste Stelle im Klassenzimmer.

Dort konnte man sie sogar vom hintersten Pult aus gut sehen.

Von diesem Tag an benahm sich der Wind in der Kleinen Schweiz ungefähr so wie zuvor.

Er öffnete Türen, las über fremde Schultern hinweg Zeitungen und nahm Wilhelm gelegentlich den Hut ab.

Er drehte die Speisekarte vor dem Gasthaus um.

Manchmal wehte er so viele Blätter in Elsas Hof, dass sie mit dem Besen herauskam und der Natur ausführlich ihre Meinung sagte.

Aber hin und wieder, wenn der Wind besonders ausgelassen durchs Dorf tobte, nahm Leni ein frisches Brötchen und eine saubere Stoffserviette und ging zum alten Apfelbaum hinter Martas Haus.

Sie setzte sich auf die lange Holzbank, legte das Brötchen neben sich und schaute zu den Zweigen hinauf.

«Wind? Für eine Stunde?»

Manchmal begannen die Blätter sofort zu rascheln.

Manchmal fiel ein Apfel herunter.

Und manchmal geschah überhaupt nichts.

Dann blieb Leni noch eine Weile sitzen.

Schliesslich ass sie das Brötchen selber und ging nach Hause.

Es gab aber auch Tage, an denen der Wind tatsächlich kam.

Dann hielt Leni ihm die Serviette hin und fragte noch einmal:

«Für eine Stunde?»

Die Zweige bewegten sich.

Vielleicht strich ein Luftzug durchs Gras.

Und manchmal war das Brötchen verschwunden, wenn Leni wieder zur Bank schaute.