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Geschichte 02 — Wie die Kuh zur Gemeindepräsidentin gewählt wurde

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Geschichte 02 — Wie die Kuh zur Gemeindepräsidentin gewählt wurde

Als Hans nach achtzehn Jahren erklärte, er werde nicht noch einmal als Gemeindepräsident antreten, versuchte niemand, ihn umzustimmen.

Er hatte lange genug Sitzungen geleitet, Beschwerden angehört und Leuten zugesehen, die eine halbe Stunde miteinander stritten, bevor sie bemerkten, dass sie derselben Meinung waren.

Am Ende seiner letzten Gemeinderatssitzung legte Hans den Amtsschlüssel auf den Tisch.

«Jetzt soll es jemand anderes machen.»

Im Dorf verstand man solche Sätze auch ohne weitere Erklärung.

Also wurden Wahlen angesetzt.

Drei Personen stellten sich zur Wahl.

Der erste Kandidat war Wilhelm, der Bankier.

Er versprach, die Ausgaben zu senken, die Einnahmen zu erhöhen und einen Bericht darüber zu verfassen, weshalb die früheren Berichte von niemandem gelesen worden waren.

Zum Beweis seiner Entschlossenheit brachte er eine Präsentation mit.

Sie war so umfangreich, dass man für sie einen eigenen Stuhl aufstellen musste.

Der zweite Kandidat war Balthasar, der Wirt.

Er versprach jeden Freitag Freibier.

Allerdings nur für jene, die es zwischen Montag und Donnerstag bereits bezahlt hatten.

Balthasar nannte das eine solide Finanzierung.

Die dritte Kandidatin war Marta, die ehemalige Lehrerin.

Im Dorf nannte man sie noch immer Lehrerin Marta, obwohl der jüngste Mensch, den sie je unterrichtet hatte, inzwischen selbst Grossvater war.

Marta versprach gar nichts.

Das machte sie in den Augen der Bewohner zu einem verdächtig ehrlichen Menschen.

Am Morgen des Wahltags stellte man auf dem Dorfplatz drei hölzerne Urnen auf.

Auf jeder stand der Name eines Kandidaten.

Wilhelm hielt sich neben seiner Urne auf und ordnete die bereitliegenden Bleistifte nach Länge.

Balthasar schenkte Bier aus, das nach seiner Auskunft kostenlos war, sobald man es bezahlt hatte.

Marta sass beim Brunnen und strickte an einem Ärmel, der seit drei Wintern zu keinem bestimmten Kleidungsstück gehörte.

Ein paar Schritte weiter graste Berta.

Berta gehörte dem alten Peter. Sie war eine breite, hellbraun gefleckte Kuh mit einem ruhigen Blick und einem vollständigen Mangel an Achtung vor offiziellen Anlässen.

Gegen neun Uhr kam sie auf den Dorfplatz.

Niemand hatte sie gerufen.

Zuerst blieb sie vor Wilhelms Urne stehen.

Sie betrachtete das Namensschild, leckte einmal darüber und frass es auf.

Wilhelm stiess einen Schrei aus.

«Das ist eine unzulässige Beeinflussung der Wahl!»

Berta kaute weiter.

Dann ging sie zu Balthasars Urne, schob die Stirn darunter und warf sie um.

Ein Stapel leerer Stimmzettel flog über den Platz. Balthasar lief ihnen nach und versuchte gleichzeitig, seinen Bierkrug festzuhalten.

«Eine politische Provokation!», rief er.

Berta sah ihm kurz zu.

Danach legte sie sich vor Martas Urne, schloss die Augen und schlief ein.

Marta blickte über ihre Brille hinweg zu ihr hinunter.

«Anscheinend hat sie sich entschieden.»

Die Wahl wurde trotzdem fortgesetzt.

Die Einwohner stiegen über Berta hinweg, nahmen ihre Stimmzettel entgegen und verschwanden einzeln hinter dem Vorhang.

Hans, der die Wahlkommission leitete, schrieb auf ein Blatt:

Zwischenfall mit Kuh.

Mehr schien ihm dazu nicht nötig.

Am Abend versammelte sich das Dorf im Gemeindehaus.

Hans öffnete die erste Urne. Der Gemeindeschreiber nahm die Zettel entgegen und las die Namen vor.

«Wilhelm.»

«Marta.»

«Balthasar.»

«Wilhelm.»

Dann hielt er inne.

«Berta.»

Hans hob den Kopf.

«Was hast du gesagt?»

Der Schreiber zeigte ihm den Zettel.

Darauf stand in grossen, etwas schiefen Buchstaben:

BERTA.

«Wer hat das geschrieben?», fragte Hans.

Niemand antwortete.

Peter betrachtete die Decke.

Balthasar sah auf seine Schuhe.

Der Schmied prüfte plötzlich sehr aufmerksam seine Fingernägel.

Marta lächelte nicht. Man sah ihr jedoch an, dass sie es ohne Mühe hätte tun können.

Der Schreiber zog den nächsten Zettel hervor.

«Berta.»

Dann noch einen.

«Berta.»

Und noch einen.

Bald lag auf dem Tisch ein eigener Stapel.

Die Bewohner standen ringsum und zeigten jenen besonderen Ausdruck, den Menschen haben, wenn sie gleichzeitig überrascht wirken und verbergen möchten, dass sie selbst auf genau denselben Gedanken gekommen sind.

Als alle Stimmen ausgezählt waren, hatte Berta mit deutlichem Vorsprung gewonnen.

Wilhelm sprang auf.

«Das ist rechtswidrig!»

Hans nahm die Wahlordnung zur Hand.

Er las sie von vorn bis hinten und dann noch einmal rückwärts, weil das gelegentlich half.

«Es steht nirgends, dass eine Kuh nicht gewählt werden darf.»

«Sie hat kein Programm!»

Peter lehnte an der Wand.

«Du auch nicht.»

Wilhelm wurde rot.

«Natürlich habe ich eines.»

Peter schüttelte den Kopf.

«Du hast eine Präsentation.»

Einige Bewohner nickten.

Wilhelm zeigte aus dem Fenster. Dort stand Berta und versuchte, eine Geranie aus dem Kasten zu ziehen.

«Sie kann nicht einmal sprechen!»

«Dann verspricht sie wenigstens nichts, was sie später nicht hält», sagte Marta.

«Sie versteht nichts von Gemeindeführung!»

Peter dachte kurz nach.

«Hat Hans immer etwas davon verstanden?»

Alle sahen zu Hans.

Der ehemalige Gemeindepräsident überlegte.

«Nicht immer.»

Damit waren die wesentlichen Einwände erledigt.

Balthasar verlangte, man müsse wenigstens feststellen, ob Berta das Amt überhaupt annehmen wolle.

Die Wahlkommission ging hinaus und fragte sie.

Berta kaute Gras.

Dies wurde als Zustimmung gewertet.

Am nächsten Morgen führte Peter sie feierlich zum Gemeindehaus.

Hans legte ihr die Amtsschärpe um den Hals. Sie war etwas zu kurz, doch niemand wollte daraus eine Verfassungsfrage machen.

Dann überreichte er ihr den Amtsschlüssel.

Berta leckte daran.

Der Gemeindeschreiber öffnete das Protokollbuch.

«Damit wäre die Amtsübergabe vollzogen.»

Im Sitzungszimmer hatte man den grossen Stuhl entfernt. Neben dem Schreibtisch standen nun ein Eimer Wasser und ein Bündel Heu.

Der erste Antrag betraf einen neuen Brunnen auf dem unteren Platz.

Der Schreiber legte Berta das Gesuch vor.

Berta beschnupperte das Papier, zog es mit der Zunge näher und frass eine Ecke ab.

Der Schreiber wartete, bis sie fertig gekaut hatte.

Dann notierte er:

Das Projekt bedarf weiterer Überarbeitung.

Als Nächstes kam eine Beschwerde über die Kirchenglocken. Ein Einwohner fand, sie läuteten am Sonntagmorgen zu laut.

Berta hob den Kopf, blickte zum Kirchturm und muhte.

Der Schreiber schrieb:

Die Bevölkerung ist anzuhören.

Nach dem Mittag erschien Wilhelm.

Unter dem Arm trug er einen dicken Ordner mit Tabellen, Berechnungen und mehreren farbigen Diagrammen.

«Frau Gemeindepräsidentin», begann er, «die finanzielle Lage macht eine Erhöhung der Gemeindesteuern unumgänglich.»

Berta sah ihn an.

Dann drehte sie sich langsam um und zeigte ihm ihr Hinterteil.

Der Schreiber hielt die Feder über das Protokollbuch.

Er dachte lange nach.

Schliesslich schrieb er:

Der Antrag wird in aller Deutlichkeit abgelehnt.

Wilhelm verliess das Zimmer, ohne sich zu verabschieden.

Schon nach wenigen Wochen stellte sich heraus, dass Berta die Gemeinde nicht schlechter führte als ihre menschlichen Vorgänger.

An Sitzungen unterbrach sie niemanden.

Bestechungsgelder nahm sie keine an, da sie sich ausschliesslich für Gras, Äpfel und gelegentlich für amtliche Unterlagen interessierte.

Auch setzte sie keine Verwandten in einflussreiche Ämter, obwohl sie zwölf Cousinen hatte.

Vor allem aber besass sie eine seltene Begabung für das Beenden unnötiger Gespräche.

Wenn eine Diskussion zu lange dauerte, stand Berta auf und ging.

Beim ersten Mal redeten die Gemeinderäte ohne sie weiter.

Nach einer Stunde fragte jemand, ob ein Beschluss überhaupt gültig sei, wenn die Gemeindepräsidentin inzwischen auf der Weide stand.

Niemand wusste es.

Beim zweiten Mal folgten ihr alle nach draussen.

Beim dritten Mal fassten sie sich von Anfang an kürzer.

Nach einigen Monaten endeten die Sitzungen vor dem Abendessen.

Die Strassen wurden ausgebessert.

Die Schule erhielt genügend Brennholz für den Winter.

Die Gemeinderechnung stimmte.

Und kein amtliches Schreiben war länger als eine Seite.

Die zweite Seite frass Berta gewöhnlich.

Der Schreiber stellte bald fest, dass dies die Arbeit erleichterte.

Was auf eine Seite passte, verstand meistens auch der Empfänger.

Was nicht darauf passte, hatte häufig schon der Verfasser nicht verstanden.

Eines Morgens traf die kantonale Aufsicht im Dorf ein.

Der leitende Inspektor war ein schmaler Mann mit steifem Kragen, glänzenden Schuhen und einer ledernen Aktentasche, die aussah, als enthalte sie für jede denkbare Unordnung das passende Formular.

Der Gemeindeschreiber führte ihn ins Büro.

Berta stand neben dem Fenster und kaute Heu. Um ihren Hals hing die Amtsschärpe.

Die wichtigsten Dokumente lagen inzwischen ausserhalb ihrer Reichweite.

Der Inspektor blieb in der Tür stehen.

Sein Gesicht verlor jede Farbe.

«Was ist das?»

«Unsere Gemeindepräsidentin.»

«Das ist eine Kuh.»

«Das ist uns bekannt.»

«Eine Kuh leitet Ihre Gemeinde?»

«Seit beinahe einem Jahr.»

Der Inspektor trat einen Schritt zurück.

«Aber sie ist ein Tier!»

Der Schreiber nickte beruhigend.

«Keine Sorge. Wir lassen sie nicht vor die Presse.»

Der Inspektor verlangte umgehend eine vollständige Prüfung.

Er kontrollierte die Gemeinderechnung.

Er besichtigte die Schule, die Strassen, die Feuerwehr, den Brunnen und die Brücke über den Bach.

Er prüfte die Steuerabrechnungen, die Baugesuche und sämtliche Sitzungsprotokolle.

Die Protokolle waren ungewöhnlich kurz und bemerkenswert verständlich.

Am Abend sass der Inspektor im Gemeindehaus, umgeben von sauber geordneten Unterlagen.

Alles war in Ordnung.

Die Ausgaben waren nachvollziehbar.

Die Fristen waren eingehalten worden.

Die Strassen waren ausgebessert.

Die Schule hatte Brennholz.

Sogar die Feuerwehrübung hatte stattgefunden, obwohl zwei Feuerwehrleute anschliessend im Wirtshaus geblieben waren und behauptet hatten, dies gehöre zur Nachbesprechung.

Das Ergebnis der Prüfung schien den Inspektor mehr zu beunruhigen als jedes festgestellte Problem.

«Wie haben Sie das geschafft?», fragte er den Gemeindeschreiber.

Der Schreiber zuckte mit den Schultern.

«Wenn die Vorgesetzte keine Reden hält, bleibt den anderen nichts übrig, als zu arbeiten.»

Der Inspektor schrieb einen langen Bericht über seinen Besuch.

Berta frass die zweite Hälfte.

Daraufhin kürzte er ihn.

Ein Jahr nach Bertas Wahl wurden erneut drei Urnen auf den Dorfplatz gestellt.

Wilhelm kandidierte wieder.

Seine neue Präsentation umfasste hundertzwölf Seiten. Er bezeichnete sie als vereinfachte Fassung.

Auf der ersten Seite war ein Foto von ihm vor einer Kuhweide zu sehen.

Auch Balthasar trat erneut an.

Diesmal versprach er an jedem zweiten Freitag zwei Freibiere, sofern beide bis spätestens Mittwoch vollständig bezahlt worden waren.

Marta lehnte eine erneute Kandidatur ab.

«Ich habe schon einmal nichts versprochen», sagte sie. «Man sollte es nicht übertreiben.»

Berta erschien nicht zur öffentlichen Debatte.

Sie hatte mit dem Heu zu tun.

Wilhelm hielt eine Rede über Verantwortung.

Balthasar hielt eine Rede über Gemeinschaft.

Marta sass in der letzten Reihe und strickte.

Am Wahltag gewann Berta erneut.

Diesmal einstimmig.

Sogar Wilhelm hatte für sie gestimmt.

Er bestritt es später, doch sein Stimmzettel war der einzige, auf dem Bertas Name mit einem Füllfederhalter geschrieben worden war.

Berta blieb viele Jahre im Amt.

Man sagte, sie sei die angesehenste Gemeindepräsidentin gewesen, die das Dorf je gehabt habe.

Sie hielt keine Reden.

Sie gab keine Interviews.

Sie eröffnete keine Bauwerke, da sie die Bänder gewöhnlich frass, bevor jemand sie durchschneiden konnte.

Sie traf nur selten Entscheidungen.

Dafür verhinderte sie eine erstaunliche Zahl schlechter.

Als Berta schliesslich starb, trauerte das Dorf um sie, wie man um jemanden trauert, der lange zum Bild eines Ortes gehört hat: still, gemeinsam und ohne grosse Worte.

Vor dem Gemeindehaus errichteten die Bewohner ein Denkmal.

Es zeigte Berta mit der Amtsschärpe um den Hals und einem leicht angeknabberten Dokument vor den Hufen.

Auf den Sockel schrieb man:

Sie traf nur selten Entscheidungen.

Aber noch seltener traf sie dumme.