Geschichte 03 — Der Schweizer, der die Zeit verklagte
Geschichte 03 — Der Schweizer, der die Zeit verklagte
Geschichte 03 — Der Schweizer, der die Zeit verklagte Die_Kleine_Schweiz_24_Geschicht…
In einem kleinen Ort zwischen Bergen, Glockenschlägen und Fahrplänen lebte ein Uhrmacher namens Friedrich.
Er war ein so genauer Mensch, dass er jeden Morgen eine Minute vor dem Wecker erwachte, nur um ihn auszuschalten, bevor dieser die Stille störte.
Sein Geschäft öffnete um Punkt acht.
Nicht um eine Minute vor acht.
Nicht um eine Minute danach.
Ein Tourist fragte ihn einmal:
«Was geschieht, wenn Sie sich verspäten?»
Friedrich sah ihn ernst an.
«Das werden wir nie erfahren.»
Er reparierte jede Art von Uhr: Taschenuhren, Wanduhren, Armbanduhren, Turmuhren und sogar eine alte Kuckucksuhr, deren Bewohnerin einen schwierigen Charakter besass und nur dann aus ihrem Türchen kam, wenn sie es künstlerisch für notwendig hielt.
Friedrich fand das unprofessionell.
Die Kuckucksdame fand Friedrich kleinlich.
So kamen sie im Allgemeinen gut miteinander aus.
In Friedrichs Werkstatt tickte es überall.
An den Wänden.
In den Schubladen.
Auf dem Arbeitstisch.
Sogar in einer kleinen Schachtel, die Friedrich seit Jahren nicht mehr geöffnet hatte, weil er zuerst herausfinden wollte, weshalb es darin tickte.
Jede Uhr hatte ihre eigene Stimme.
Friedrich hörte sie alle.
Er wusste, welche müde ging, welche voreilte und welche nur so tat, als arbeite sie.
Dann geschah im Ort etwas Beunruhigendes.
Die Zeit begann sich zu verspäten.
Zuerst waren es nur wenige Sekunden.
Niemand hätte es bemerkt, wäre Friedrich nicht dafür zuständig gewesen, Dinge zu bemerken, die anderen Menschen das Leben angenehmer machten, solange sie nichts davon wussten.
Heinrich, der Bäcker, nahm das Brot zur richtigen Zeit aus dem Ofen.
Trotzdem war es noch von gestern.
Der Zug fuhr pünktlich in den Bahnhof ein, doch die Reisenden waren aus unerfindlichen Gründen bereits abgereist.
Der Gemeindepräsident eröffnete eine Sitzung um zehn Uhr und schloss sie um fünf vor zehn.
Das wurde von einigen Mitgliedern des Gemeinderats zunächst als bedeutende Verwaltungsreform begrüsst.
Dann begannen sich die Einwohner Sorgen zu machen.
Nur der alte Peter war zufrieden.
«Endlich kommt die Rente vor dem Alter.»
Friedrich prüfte zunächst sämtliche Uhren in seiner Werkstatt.
Sie gingen richtig.
Dann kontrollierte er die Uhr am Gemeindehaus.
Auch sie ging richtig.
Er stieg zur Kirche hinauf, öffnete den Mechanismus der Turmuhr und untersuchte jedes Zahnrad.
Alles war in bester Ordnung.
Der Glockenschlag kam pünktlich.
Nur der Mittag erschien manchmal erst kurz danach.
Friedrich stellte sich auf den Platz und prüfte die Sonne.
Die Sonne war nicht bereit, eine schriftliche Garantie abzugeben, machte aber einen unschuldigen Eindruck.
Am Abend kehrte Friedrich in seine Werkstatt zurück.
Er setzte die Uhrmacherlupe ins Auge, legte seine eigene Taschenuhr vor sich und dachte lange nach.
Wenn alle Uhren richtig gingen, konnte der Fehler nicht bei den Uhren liegen.
Also lag er bei der Zeit.
Am nächsten Morgen zog Friedrich seinen besten Anzug an, nahm seinen Hut und ging ins Gemeindehaus.
Dort reichte er beim Gericht Klage ein.
Der Richter las das Schriftstück zweimal.
Beim zweiten Mal langsamer.
Dann hob er den Blick.
«Ihr Beklagter ist die Zeit?»
«Ja.»
«Vorname?»
«Nicht bekannt.»
«Adresse?»
«Überall.»
Der Richter schrieb das auf.
«Beruf?»
«Sie vergeht.»
Der Richter hielt mit der Feder inne.
«Das ist eher eine Tätigkeit.»
«Sie übt sie seit jeher aus.»
Der Richter schrieb auch das auf.
«Alter?»
«Nicht festgestellt.»
«Wird die Beklagte an der Verhandlung teilnehmen?»
Friedrich zog seine Taschenuhr hervor.
«Sie nimmt bereits teil. Und kostet uns wiederum Arbeitszeit.»
Der Richter sah auf die grosse Uhr an der Wand.
Dann auf Friedrich.
Schliesslich legte er die Akte auf den Stapel der dringenden Fälle.
Die Verhandlung wurde auf Montag angesetzt.
Am Montag war der grosse Saal des Gemeindehauses voll.
Heinrich, der Bäcker, war gekommen.
Der Hirte Josef sass neben dem Lokomotivführer.
Der Schulmeister hatte seine besten Schuhe angezogen.
Peter sass in der ersten Reihe, obwohl niemand wusste, ob als Zeuge oder aus Gewohnheit.
Auch die alte Kuckucksuhr aus Friedrichs Werkstatt hatte man hergebracht.
Die Kuckucksdame sollte als Zeugin aussagen.
Punkt zehn Uhr trat der Richter ein.
Alle erhoben sich.
Friedrich stellte fest, dass der Richter drei Sekunden zu spät war, beschloss aber, dies für ein anderes Verfahren aufzubewahren.
Der Richter setzte sich, öffnete die Akte und erklärte:
«Die Verhandlung in Sachen Friedrich gegen die Zeit ist eröffnet.»
Im Saal wurde es still.
Der Richter blickte zur leeren Bank der Beklagten.
«Die Beklagte Zeit möge sich erheben.»
Niemand stand auf.
Aber auf sämtlichen Uhren verging eine Minute.
Der Sekundenzeiger an der Wand wanderte einmal im Kreis.
Ein Kind auf der hintersten Bank wurde eine Minute älter.
Heinrichs Brot kühlte ein wenig ab.
Friedrich beugte sich zum Gerichtsschreiber.
«Bitte halten Sie fest, dass die Beklagte die Anordnung des Gerichts missachtet.»
Der Schreiber notierte es.
Der erste Zeuge war Heinrich.
Er trat vor den Richtertisch und legte die Hand auf ein Kochbuch, weil niemand eine Bibel gefunden hatte und Heinrich meinte, auf ein gutes Rezeptbuch könne man ebenso wenig falsch schwören.
«Meine Brötchen», erklärte er, «werden kalt, bevor ich sie verkauft habe.»
«Das geschieht bei Brötchen», sagte der Richter.
«Nicht in dieser Geschwindigkeit.»
«Wie schnell?»
«Manchmal bereits, bevor sie fertig gebacken sind.»
Der Richter notierte etwas.
Als Nächstes wurde Josef aufgerufen.
«Meine Kühe kommen gelegentlich nach Hause, bevor sie auf die Weide gegangen sind.»
«Sind Sie sicher, dass es dieselben Kühe sind?»
Josef war beleidigt.
«Ich kenne jede meiner Kühe.»
«Woran?»
«An allem.»
Der Richter verzichtete auf weitere Fragen.
Dann sagte der Schulmeister aus.
«Die Kinder nutzen die Störung der Zeit, um ihre Hausaufgaben gestern abzugeben.»
«Gestern?»
«Ja.»
«Und waren die Aufgaben erledigt?»
«Leider nicht. Aber sie behaupten, morgen seien sie fertig gewesen.»
Der Richter rieb sich die Stirn.
Zuletzt brachte man die Kuckucksuhr auf den Zeugentisch.
Der Richter beugte sich vor.
«Sie sollen uns mitteilen, ob die Zeit in letzter Zeit ordnungsgemäss verlaufen ist.»
Zunächst geschah nichts.
Dann öffnete sich das kleine Türchen.
Die Kuckucksdame kam heraus und rief elfmal.
Der Richter sah auf die Saaluhr.
«Es ist zehn Uhr siebenundvierzig.»
Die Kuckucksdame legte den Kopf schief.
«Ich bin Künstlerin. Ich empfinde es so.»
Dann verschwand sie wieder in ihrem Haus.
Friedrich nickte.
«Keine weiteren Fragen.»
Die Verhandlung dauerte lange.
Allein die Diskussion darüber, ob die Zeit als Person, Naturgewalt oder öffentliche Einrichtung einzustufen sei, nahm fast eine Stunde in Anspruch, sofern die Stunde an diesem Tag zuverlässig war.
Am Ende erhob sich der Richter.
Er ordnete seine Papiere, räusperte sich und sprach das Urteil:
«Die Zeit wird der nachlässigen Ausübung ihrer Pflichten für schuldig befunden.
Sie wird verpflichtet, fortan gleichmässig zu verlaufen, weder unnötig zu eilen noch jemanden aufzuhalten und die allgemein anerkannte Reihenfolge von gestern, heute und morgen einzuhalten.»
Im Saal wurde applaudiert.
Heinrich klatschte mit mehligen Händen.
Josef nickte zufrieden.
Der Schulmeister schrieb das Urteil ab, damit die Kinder es nicht schon am Vortag verlieren konnten.
Nur Friedrich blieb ernst.
«Und die Strafe?»
Der Richter sah ihn an.
«Die Verpflichtungen wurden klar festgelegt.»
«Ohne Sanktion ist ein Urteil lediglich eine Empfehlung.»
Der Richter wollte nicht den Eindruck erwecken, sein Urteil sei eine Empfehlung.
Er dachte nach.
Sehr lange, wie Friedrich fand.
Dann hob er die Hand.
«Das Gericht verurteilt die Zeit zu lebenslänglicher Haft.»
Im selben Augenblick blieb die grosse Uhr an der Wand stehen.
Das Ticken verstummte.
Das Pendel hielt mitten in der Bewegung an.
Die Flamme einer Kerze stand reglos über dem Docht.
Eine Fliege blieb in der Luft hängen.
Heinrichs Hand verharrte über seinem Hut.
Josef hatte den Mund halb geöffnet.
Der Richter selbst blieb mit weit geöffnetem Mund sitzen, was nach Ansicht seiner Frau eine gewisse Verbesserung seines gewöhnlichen Zustands dargestellt hätte.
Kein Laut war mehr zu hören.
Nicht einmal die Stille bewegte sich.
Nur Friedrich konnte gehen.
In seiner Westentasche tickte seine eigene Uhr weiter.
Er hatte sie selbst gebaut, viele Jahre zuvor, mit Zahnrädern, Federn und einer Genauigkeit, die keinen anderen Herrn kannte als ihn.
Friedrich nahm sie heraus.
Der Sekundenzeiger bewegte sich.
Tick.
Tick.
Tick.
Zunächst erfüllte ihn tiefe Zufriedenheit.
Endlich war alles vollkommen.
Niemand konnte zu spät kommen.
Niemand konnte zu früh gehen.
Kein Mensch wurde älter.
Kein Metall rostete.
Kein Tee kühlte ab.
Keine Blume verwelkte.
Kein Termin wurde verpasst.
Friedrich ging langsam durch den Saal und betrachtete das vollkommene, stillstehende Werk.
Alles befand sich genau dort, wo es sich befunden hatte.
Und würde dort bleiben.
Er verliess den Gerichtssaal.
Auf dem Platz stand ein Mann mit erhobenem Fuss, mitten in einem Schritt.
Er würde ihn nie zu Ende machen.
Vor der Bäckerei wartete ein Brot im Ofen.
Es wurde nicht dunkler.
Es wurde nicht gar.
Aus einem offenen Fenster war der erste Ton eines Liedes gekommen.
Der zweite folgte nicht.
Ein Kind lachte auf der Treppe.
Der Mund war geöffnet, die Augen leuchteten, aber das Lachen konnte nicht weitergehen und nicht verklingen.
Friedrich blieb stehen.
Er hörte nur seine eigene Uhr.
Tick.
Tick.
Tick.
Er hatte immer geglaubt, eine vollkommene Minute sei eine Minute, in der nichts falsch ging.
Nun begriff er, dass in einer solchen Minute überhaupt nichts ging.
Die Präzision war vollkommen.
Aber niemand konnte in ihr leben.
Friedrich kehrte in den Gerichtssaal zurück.
Er ging zum Richtertisch.
Das Urteil lag vor dem Richter, die Tinte noch frisch und für immer feucht.
Friedrich nahm das Blatt.
Er las es noch einmal.
Dann riss er es in zwei Hälften.
Die Saaluhr sprang an.
Das Pendel schwang weiter.
Die Fliege flog zum Fenster.
Die Kerzenflamme zitterte.
Heinrich setzte seine Handbewegung fort.
Josef schloss den Mund.
Der Richter beendete den Atemzug, mit dem er die Welt zum Stillstand gebracht hatte.
Von draussen kam der zweite Ton des Liedes.
Das Kind lachte zu Ende.
Und irgendwo wurde das Brot endlich braun.
Die Zeit setzte ihren Weg fort, als wäre nichts geschehen.
Der Gemeindepräsident trat zu Friedrich.
«Nun? Hast du den Prozess verloren?»
Friedrich steckte seine Taschenuhr ein.
«Nein.»
«Was dann?»
«Wir haben einen Vergleich geschlossen.»
Der Gemeindepräsident nickte.
Das klang vernünftig genug.
Am nächsten Morgen öffnete Friedrich sein Geschäft wieder um Punkt acht.
Auch am Tag danach.
Und am übernächsten.
Er blieb ein genauer Mann.
Er reparierte weiterhin Uhren, die vorgingen, nachgingen oder sich ihrer Verantwortung völlig entzogen.
Doch manchmal, wenn morgens die Sonne besonders schön auf die Dächer fiel, blieb Friedrich einen Augenblick vor seiner Tür stehen.
Und wenn ein alter Freund vorbeikam, während er gerade den Schlüssel ins Schloss steckte, sprach er zuerst mit ihm.
Dann öffnete das Geschäft vielleicht um acht Uhr und eine Minute.
An die Tür hängte Friedrich ein neues Schild.
Darauf stand:
Uhren müssen genau gehen.
Ein Mensch darf manchmal stehen bleiben.