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Der Mann, der den Montag abschaffte

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Der Mann, der den Montag abschaffte

Heinrich war Bäcker.

Er war ein guter Mann, buk ausgezeichnetes Brot und hatte nur einen einzigen ernsthaften Feind: den Montag.

Das lag nicht daran, dass montags etwas besonders Schlimmes geschah.

Es lag an fünf Minuten.

An jedem gewöhnlichen Werktag stand Heinrich um Viertel vor vier auf. Am Montag jedoch bereits um zwanzig vor vier.

Niemand wusste genau, weshalb der Montag fünf Minuten mehr von ihm verlangte. Vielleicht war es eine alte Gewohnheit. Vielleicht ein Fehler im Backplan. Vielleicht hatte sich der Montag diese fünf Minuten irgendwann genommen und nie wieder zurückgegeben.

Für Heinrich spielte das keine Rolle.

Fünf Minuten waren fünf Minuten.

Heinrich kannte jede Mehlsorte im Umkreis von drei Tälern. Am Klang einer Brotkruste hörte er, ob ein Laib noch eine Minute im Ofen brauchte. Er wusste, wann ein Teig Ruhe benötigte und wann man ihn besser nicht mehr anfasste.

Nur beim Montag half ihm seine Erfahrung nicht.

Jeden Sonntagabend lag er im Bett, sah zur Decke hinauf und sagte zu seiner Frau:

«Morgen ist wieder Montag.»

«Ja», antwortete sie.

«Und das stört dich überhaupt nicht?»

«Ich stehe um sieben auf.»

Heinrich war der Ansicht, dass ein Mensch, der um sieben Uhr aufstand, kein moralisches Recht besass, über Montage zu sprechen.

Eines Sonntags lag er besonders lange wach.

Im Haus tickte eine Uhr. In der Backstube warteten Mehl, Teigschüsseln und der grosse Ofen auf ihn. Der Minutenzeiger rückte mit jener Gleichgültigkeit weiter, die Uhren gegenüber dem Unglück anderer Menschen gewöhnlich zeigen.

Heinrich sah ihm eine Weile zu.

Dann fasste er einen Entschluss.

Er zog den Mantel über das Nachthemd, nahm eine Laterne und ging zum Gemeindehaus.

Das Dorf schlief.

Auf dem Brunnenrand lag eine dünne Schneeschicht. Selbst der Hahn war noch still, obwohl er später behaupten würde, er habe die ganze Sache kommen sehen.

Vor dem Gemeindehaus sass der Nachtwächter auf einem Schemel und schlief mit jener Zuverlässigkeit, die man von einem Nachtwächter nicht unbedingt erwartet.

Heinrich rüttelte ihn wach.

«Ich muss zum Gemeindepräsidenten.»

Der Wächter öffnete ein Auge.

«Es ist vier Uhr morgens.»

«Genau deshalb ist es dringend.»

Wenig später kam der Gemeindepräsident die Treppe herunter.

Er trug eine Schlafmütze, an einem Fuss einen Hausschuh und am anderen offenbar nur schlechte Laune.

«Was ist geschehen?», fragte er. «Brennt es? Ist der Bach über die Ufer getreten? Sind die Franzosen da?»

«Schlimmer», sagte Heinrich. «Der Montag ist gekommen.»

Der Gemeindepräsident sah auf die Wanduhr.

«Er ist bereits seit zwanzig Minuten da.»

«Dann dürfen wir keine weitere Zeit verlieren.»

Sie setzten sich in den kleinen Sitzungssaal. Heinrich stellte die Laterne auf den Tisch und erklärte seinen Plan.

Der Montag müsse abgeschafft werden.

Nicht verschoben.

Nicht verkürzt.

Abgeschafft.

Der Gemeindepräsident hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen. Das tat er hauptsächlich deshalb, weil ihm noch nicht eingefallen war, was man darauf antwortete.

Schliesslich sagte er:

«Man kann doch nicht einfach einen Wochentag abschaffen.»

«Warum nicht?»

«Weil der Kalender so eingerichtet ist.»

«Von wem?»

Der Gemeindepräsident öffnete den Mund.

Dann schloss er ihn wieder.

Er hatte den Kalender nie persönlich überprüft.

Noch am selben Morgen wurde der Gemeinderat einberufen.

Friedrich, der Uhrmacher, erschien mit einer Taschenuhr in jeder Westentasche.

Wilhelm, der Bankier, brachte drei Mappen mit.

Der Lehrer Samuel hatte Kreide dabei, weil er annahm, jemand müsse die Folgen an einer Tafel erklären.

Der alte Peter setzte sich ans Fenster und schloss vorsorglich die Augen.

Heinrich legte seinen Antrag vor.

Friedrich meldete sich zuerst.

«Wenn wir den Montag entfernen, stimmen Kalender, Fahrpläne und Uhren nicht mehr miteinander überein.»

«Ausgezeichnet», sagte Heinrich. «Dann kommt der Dienstag früher.»

Friedrich wollte widersprechen.

Dann stellte er fest, dass diese Schlussfolgerung technisch nicht ganz falsch war, und setzte sich wieder.

Wilhelm hob den Kopf.

«Was geschieht mit Zahlungen, die montags fällig sind?»

«Sie verschwinden mit dem Montag.»

Wilhelm schloss seine Mappen.

«Ich unterstütze den Antrag.»

Samuel fragte:

«Und der Unterricht am Montag?»

«Entfällt.»

Vor den Fenstern brach Jubel aus.

Die Schulkinder hatten auf eine Weise von der Sitzung erfahren, die sich später nicht mehr rekonstruieren liess.

Der Arzt räusperte sich.

«Krankheiten werden nicht bis Dienstag warten.»

«Dann müssen sie ohne Termin kommen», sagte Heinrich.

Schliesslich öffnete Peter die Augen.

«Wenn wir jedes Jahr zweiundfünfzig Montage streichen, altern wir langsamer.»

Das überzeugte auch die letzten Unentschlossenen.

Der Gemeinderat stimmte ab.

Von nun an sollte im Dorf auf den Sonntag unmittelbar der Dienstag folgen.

Der Montag war abgeschafft.

Der erste abgeschaffte Montag war ein grosser Erfolg.

Heinrich schlief fünf Minuten länger.

Die Kinder blieben zu Hause.

Wilhelm bezahlte eine Rechnung nicht.

Samuel korrigierte keine Prüfungen.

Sogar der Hahn schwieg.

Das hatte allerdings weniger mit der neuen Ordnung zu tun als mit der Tatsache, dass er verschlafen hatte und keinen Kalender lesen konnte.

Am Dienstag stand Heinrich um Viertel vor vier auf.

Er ging gut gelaunt in die Backstube.

«Siehst du?», sagte er zu seiner Frau. «Der Dienstag ist ein vernünftiger Tag.»

Sie sah in die Teigschüssel.

«Der Teig hält ihn für Montag.»

«Amtlich ist er Dienstag.»

«Das wird ihn beeindrucken.»

Heinrich beschloss, diese Bemerkung zu überhören.

Schon nach wenigen Tagen zeigten sich Schwierigkeiten.

Ludwig, der Briefträger, weigerte sich, Briefe auszutragen, die an einem Montag aufgegeben worden waren.

«Aber die Briefe existieren doch», sagte Heinrich.

«Das bestreite ich nicht», erwiderte Ludwig. «Nur der Tag, an dem sie geschrieben wurden, existiert nicht.»

«Dann stell sie am Dienstag zu.»

Ludwig schüttelte den Kopf.

«Ein Brief braucht ein Datum. Sonst weiss er ja selbst nicht, woher er kommt.»

Er legte die betreffenden Umschläge beiseite, um sie später zu behandeln.

Da kein Montag mehr kam, blieb «später» allerdings ohne genauen Termin.

Auch die Eisenbahn geriet in Schwierigkeiten.

Der Zug, der jeweils montags um sieben Uhr im Dorf hielt, fuhr nun ohne anzuhalten durch den Bahnhof.

Der Bahnhofsvorstand lief auf den Bahnsteig und winkte.

Der Lokomotivführer winkte zurück.

«Warum halten Sie nicht?», rief der Bahnhofsvorstand.

«Montagszug!», rief der Lokomotivführer.

«Heute ist Dienstag!»

«Eben!»

Der Zug verschwand hinter der nächsten Kurve.

Am härtesten traf die neue Ordnung Marta.

Jeden Montag kam ihre Enkelin zu Besuch.

Marta stellte am Vormittag zwei Tassen auf den Tisch, schnitt Kuchen an und rückte den zweiten Stuhl ans Fenster.

Doch niemand kam.

Am Abend klingelte das Telefon.

«Grossmutter, es tut mir leid. Nächsten Montag komme ich bestimmt.»

Marta blickte auf den Kalender.

«Das hast du letzte Woche schon gesagt.»

«Dann eben am nächsten.»

Aber der nächste Montag kam nicht.

Es kamen Dienstage, Mittwoche, Donnerstage, Freitage und Sonntage.

Nur jener eine Tag, an dem die Enkelin immer gekommen war, fehlte.

Nach einem Monat wurde erneut eine Sitzung einberufen.

Diesmal erschienen die Bewohner weniger begeistert.

Ludwig verlangte die Rückkehr des Montags, weil sich vor seinem Schalter inzwischen ein Stapel heimatloser Briefe angesammelt hatte.

Der Bahnhofsvorstand erklärte, der Zugverkehr verliere langsam den Überblick über sich selbst.

Wilhelm widersprach.

«Von einer Wiedereinführung kann keine Rede sein. Auf diesen Tag fallen inzwischen zu viele Zahlungsverpflichtungen.»

Marta sass am Ende des Tisches.

«Uns fehlt ein ganzer Tag.»

Peter hob einen Finger.

«Dafür werden wir langsamer alt.»

Marta sah ihn an.

«Ich bin bereits alt. Jetzt muss ich nur noch länger warten.»

Danach wurde es still.

Alle blickten zu Heinrich.

Der Gemeindepräsident verschränkte die Arme.

«Du hast damit angefangen.»

«Das stimmt.»

«Also entscheide.»

Heinrich rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht.

Tatsächlich hatte er fünf Minuten länger geschlafen.

Dafür musste er am Dienstag doppelt so viel Brot backen. Die Leute kamen müde, hungrig und gereizt in die Bäckerei. Manche fanden die Brötchen zu hell, andere zu dunkel.

Einer behauptete, ein Weggli habe ihn vorwurfsvoll angesehen.

Heinrich wusste, dass kein Gebäck für solche Zustände verantwortlich gemacht werden durfte.

«Gut», sagte er. «Wir holen den Montag zurück.»

Wilhelm wurde blass.

«Ganz?»

«Nicht ohne Bedingungen.»

Der Gemeinderat arbeitete bis zum Abend.

Dann wurde eine neue Montagsordnung beschlossen.

Der Montag kehrte zurück.

Bis neun Uhr morgens war es jedoch verboten,

wichtige Entscheidungen zu treffen,

von anderen Menschen gute Laune zu verlangen

oder die Frage zu stellen:

«Warum bist du heute so mürrisch?»

Ausserdem stand jedem Einwohner ein heisses Getränk und zehn Minuten Ruhe zu.

Bäcker durften bis zwölf Uhr schimpfen, ohne dafür einen Grund angeben zu müssen.

Wilhelm beantragte, dass auch finanzielle Forderungen erst nach neun Uhr gestellt werden dürften.

Sein Antrag wurde einstimmig angenommen.

Am folgenden Montag erwachte Heinrich wie immer eine Minute vor dem Wecker.

Er schaltete ihn aus, bevor dieser die Stille störte, zog sich an und ging in die Backstube.

Draussen schlief das Dorf noch.

Über den Bergen wurde der Himmel langsam hell. Die verschneiten Gipfel färbten sich rosa. Kein Wagen fuhr. Niemand verlangte etwas. Selbst die Kirchenglocke schwieg noch.

Heinrich öffnete die Hintertür und blieb einen Augenblick stehen.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren bemerkte er, wie still ein Montag beginnen konnte.

Der Tag verlangte keine Begeisterung von ihm.

Nur, dass er anfing.

Heinrich heizte den Ofen an und schob das erste Brot hinein.

Dann nahm er eine kleine Tafel und schrieb darauf:

Guten Morgen.

Vorerst wird nichts Grosses von Ihnen erwartet.

Er hängte sie an die Eingangstür.

Bald kamen die ersten Bewohner in die Bäckerei.

Sie lasen die Tafel, bestellten ein heisses Getränk und ein frisches Weggli.

Manche sagten gar nichts.

Das war vor neun Uhr ausdrücklich erlaubt