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Der Engel, der Wünsche schlecht erfüllte

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Der Engel, der Wünsche schlecht erfüllte

Hoch über den Alpen befand sich das himmlische Amt für menschliche Anliegen.

Dort arbeiteten die Engel.

In der ersten Abteilung wurden Bitten um Gesundheit entgegengenommen. In der zweiten bearbeitete man Fragen der Liebe. In einer dritten lagen die Anträge auf Lotteriegewinne.

Diese Abteilung war die lauteste und antwortete fast nie.

Daneben gab es kleinere Stellen für gutes Wetter bei Hochzeiten, verlorene Schlüssel, verspätete Züge, schwierige Nachbarn und Dinge, um die Menschen erst im letzten Augenblick baten, obwohl sie drei Wochen Zeit dafür gehabt hatten.

Der junge Engel Emil hatte gerade die Himmlische Akademie abgeschlossen.

Im Fliegen erhielt er die Note «gut».

Bei den Wundern ein knappes «genügend».

Die Prüfung in menschlicher Logik bestand er erst beim vierten Versuch. Nicht weil er besonders wenig verstanden hätte. Die Lehrkräfte waren sich nur ebenfalls nie einig, welche Antwort richtig war.

Eine Prüfungsfrage hatte gelautet:

Ein Mensch sagt, er wolle in Ruhe gelassen werden. Was wünscht er tatsächlich?

Emil hatte geschrieben:

Ruhe.

Dafür erhielt er keinen Punkt.

Beim zweiten Versuch schrieb er:

Dass jemand bleibt, ohne zu sprechen.

Der Prüfer notierte:

Interessanter Ansatz, aber unzureichend begründet.

Nach seinem Abschluss wurde Emil zum Leiter der Personalzuteilung gerufen.

Der Leiter war ein älterer Engel mit breiten Flügeln und dem Gesicht eines Wesens, das seit mehreren Jahrhunderten Anträge las, in denen Menschen gleichzeitig um Veränderung baten und darum, dass alles blieb, wie es war.

Er überreichte Emil eine grosse Mappe.

«Du wirst einem kleinen Bergdorf zugeteilt.»

«Wie viele Menschen leben dort?»

Der Leiter blätterte nach.

«Dreiundvierzig Menschen. Dazu zweiundsiebzig Kühe und ein Briefträger namens Ludwig, der nur dienstags kam.»

«Das klingt überschaubar.»

«Das dachten deine Vorgänger auch.»

Emil öffnete die Mappe.

«Was muss ich tun?»

«Du hörst den Wünschen zu und erfüllst sie, soweit möglich.»

«Und wie erkenne ich, was ein Mensch wirklich will?»

Der Leiter sah ihn lange an.

«Gar nicht.»

«Gar nicht?»

«Genau deshalb ist die Stelle frei.»

Emil nahm die Mappe, steckte einen neuen Bleistift ein und flog hinunter.

Das Dorf lag zwischen Bergen, Wiesen und einer Strasse, die sich so oft wand, als sei sie selbst nicht sicher, ob sie wirklich hinaufwollte.

Emil bezog einen unsichtbaren Platz auf dem Kirchturm.

Von dort sah er die Häuser, die Ställe, die Bäckerei, das Gemeindehaus und den alten Peter, der auf einer Bank sass und auf etwas wartete, von dem er nicht wusste, was es war.

Die erste Bitte kam vom Müller.

Er stand vor seiner Mühle, betrachtete die beinahe leeren Mehlsäcke und sagte:

«Herrgott, schick mir mehr Arbeit.»

Emil freute sich.

Das war ein klarer Wunsch.

Mehr Arbeit.

Keine versteckte Bedeutung.

Keine menschliche Logik.

Noch in derselben Nacht beschädigte er die Brücke zur Nachbargemeinde. Nicht stark. Nur so weit, dass keine schweren Wagen mehr darüberfahren konnten.

Am nächsten Morgen mussten sämtliche Bauern ihr Korn zur Mühle im Dorf bringen.

Der Müller bekam Arbeit.

Sehr viel Arbeit.

Er mahlte am Morgen, am Mittag und am Abend. Bald bewegte er selbst im Schlaf die Hände, als drehe er noch immer am Mühlrad.

Nach einer Woche trat er vor die Mühle, blickte zum Himmel und rief:

«Herrgott, mach, dass ich weniger Arbeit habe!»

Emil runzelte die Stirn.

Menschen änderten ihre Meinung offenbar schneller, als es in den Lehrbüchern angegeben war.

Er reparierte die Brücke und legte, damit der Wunsch ganz sicher erfüllt wurde, zusätzlich das grosse Zahnrad der Mühle still.

Von diesem Tag an hatte der Müller überhaupt keine Arbeit mehr.

Er stand vor dem unbeweglichen Mühlrad.

«So war das nicht gemeint.»

Emil prüfte seine Unterlagen.

Dort stand eindeutig:

Weniger Arbeit.

Er schrieb darunter:

Erledigt. Antragsteller dennoch unzufrieden.

Die zweite Bitte kam von Greta.

Sie stand in ihrer Küche und sah ihrem Mann nach, der wieder einmal auf dem Weg ins Gemeindehaus war.

«Ich möchte, dass dieser Mann endlich mehr Zeit zu Hause verbringt.»

Diesmal dachte Emil sorgfältig nach.

Beim Müller war zu viel offenbar ebenso falsch gewesen wie zu wenig. Also musste der Wunsch genau erfüllt werden.

Am nächsten Tag wurde Gretas Mann zum Gemeindepräsidenten gewählt.

Noch am selben Nachmittag erklärte ein Bauverständiger das Gemeindehaus wegen eines Risses in der Decke vorübergehend für unbenutzbar.

Die Sitzungen wurden in Gretas Küche verlegt.

Von da an verbrachte ihr Mann tatsächlich sehr viel Zeit zu Hause.

Mit ihm kamen allerdings der Gemeinderat, die Schreiberin, Wilhelm mit seinen Tabellen und ein Mann, der jeden Donnerstag eine Beschwerde über die Hühner seines Nachbarn einreichte.

Greta stellte Tassen auf den Tisch.

Dann noch mehr Tassen.

Am Ende der Woche sagte sie zum Himmel:

«Ich wollte meinen Mann zu Hause. Nicht die ganze Gemeinde.»

Emil ergänzte seine Notizen:

Nähe offenbar mengenabhängig.

Die dritte Bitte kam vom Hirten Josef.

Er stand im Regen, während seine Schafe in mehrere Richtungen liefen.

«Wenn diese Tiere nur ein wenig klüger wären.»

Emil fand, dass ein wenig Klugheit niemandem schaden konnte.

Am nächsten Morgen weigerten sich die Schafe, den Stall zu verlassen.

Josef öffnete das Tor.

«Hinaus mit euch.»

Das grösste Schaf trat vor.

«Es regnet.»

Josef liess den Arm sinken.

«Du kannst sprechen?»

«Wir konnten schon vorher sprechen. Du hast nur nicht zugehört.»

Die Schafe verlangten trockene Unterstände, geregelte Ruhezeiten und eine Vertreterin für Verhandlungen.

Diese erklärte:

«Wir sind der Auffassung, dass der Hirte einen unverhältnismässig grossen Anteil am Gewinn erhält.»

«Ihr gebt keine Milch», sagte Josef.

«Dann ist das gesamte Geschäftsmodell zu überprüfen.»

Nach einigen Wochen bat Josef darum, dass seine Schafe wieder so vernünftig würden wie früher.

Emil beschränkte ihre Sprache auf das übliche Blöken.

Die Schafe waren damit nicht einverstanden, konnten ihren Einspruch jedoch nicht mehr verständlich formulieren.

Der Wunsch des Wirts brachte das Fass zum Überlaufen.

Balthasar stand eines Abends vor seinem Gasthaus und betrachtete die leeren Tische.

«Ich möchte, dass mein Wirtshaus in der ganzen Welt berühmt wird.»

Emil zögerte.

Er erinnerte sich an die Mühle, an Gretas Küche und an die Schafe.

Doch auch dieser Wunsch schien eindeutig.

Am nächsten Tag hielten zwei ausländische Diplomaten im Dorf. Sie hatten sich auf dem Weg zu einer Konferenz verfahren und betraten Balthasars Gasthaus, um nach dem Weg zu fragen.

Zuerst bestellten sie Wein.

Dann stritten sie über eine Landesgrenze.

Danach über die richtige Aussprache eines Städtenamens.

Schliesslich darüber, wem der letzte Teller Käse gehörte.

Der Streit endete mit einem zerbrochenen Stuhl und einem Zeitungsfoto, auf dem einer der Diplomaten eine Salzgurke in der Hand hielt, als wäre sie ein Beweismittel.

Am Abend berichteten die Nachrichten über den «Zwischenfall im weltberühmten Schweizer Berggasthaus».

Balthasars Wunsch war erfüllt.

Von da an kamen Besucher aus vielen Ländern.

Sie bestellten kaum etwas.

Stattdessen fotografierten sie den zerbrochenen Stuhl und fragten nach der Gurke.

Balthasar stellte schliesslich eine gewöhnliche Salzgurke in einen Glaskasten und schrieb darunter:

Möglicherweise die historische Gurke.

Die Zahl der Gäste stieg.

Der Umsatz nicht.

Nun war die Geduld des Dorfes erschöpft.

Die Einwohner versammelten sich auf dem Platz.

«Unser Engel ist unfähig», sagte der Müller.

«Er ist gefährlich», sagte Greta.

«Er versteht alles wörtlich», ergänzte Josef.

Emil sass unsichtbar auf dem Brunnenrand.

«Sprechen Menschen denn nicht wörtlich?», fragte er.

Niemand hörte ihn.

Die Bewohner beschlossen, gemeinsam eine Beschwerde an den Himmel zu verfassen.

Wilhelm brachte Papier.

Die Gemeindeschreiberin brachte Tinte.

Balthasar brachte Wein, weil ein gutes Beschwerdeschreiben seiner Ansicht nach eine gewisse innere Wärme benötigte.

Bevor sie begannen, hob der alte Lehrer Samuel die Hand.

Samuel hatte viele Jahre Kinder unterrichtet und dabei gelernt, dass ein falsches Ergebnis nicht immer bedeutete, jemand habe die Frage nicht verstanden.

Manchmal war die Frage schlecht gestellt.

«Wartet», sagte er. «Vielleicht liegt es nicht nur am Engel.»

«An wem sonst?», fragte der Müller.

«An uns.»

Die Einwohner sahen ihn an.

«Wir bitten um das eine und meinen etwas anderes.»

Der Müller bat um Arbeit, meinte aber einen guten Verdienst.

Greta bat um ihren Mann im Haus, meinte aber seine Aufmerksamkeit.

Josef bat um kluge Schafe, meinte aber solche, die nicht fortliefen.

Balthasar bat um Berühmtheit, meinte aber einen guten Ruf, zahlende Gäste und möglichst keinen diplomatischen Zwischenfall.

«Dann müssen wir genauer bitten», sagte Wilhelm.

Man setzte sich an den langen Tisch im Gemeindehaus.

Der erste Entwurf war sieben Zeilen lang.

Der Müller verlangte eine genauere Bestimmung zur Arbeit. Greta bestand auf freiwilliger Nähe. Josef wollte die zulässige Klugheit von Nutztieren festlegen. Balthasar verlangte, dass der Begriff «Berühmtheit» weder Straftaten noch Kriege, Skandale oder Gurken umfassen dürfe.

Nach drei Tagen war die Bitte siebenundvierzig Seiten lang.

Sie enthielt drei Anhänge und eine Karte des Dorfes.

Samuel las den endgültigen Text vor:

«Wir bitten darum, dass es im Dorf genügend Arbeit gibt, aber auch Zeit zum Leben; genügend Geld, aber nicht so viel, dass wir einander misstrauen; dass unsere Angehörigen freiwillig bei uns sind; dass die Tiere gerade klug genug sind, um nach Hause zu finden; und dass gute Menschen von unserem Dorf erfahren, jedoch nicht zu viele und möglichst nicht gleichzeitig.»

Emil nahm die Bitte entgegen.

Er las die erste Seite.

Dann die zweite.

Auf Seite neunzehn wusste er nicht mehr, ob sich der Ausdruck «angemessene Nähe» auf Familienmitglieder, Schafe oder Touristen bezog.

Schliesslich sank er auf eine Wolke.

«Das lässt sich nicht mit einem einzigen Wunder erfüllen.»

Samuel hob den Kopf.

Er sah genau an jene Stelle, an der Emil unsichtbar über dem Tisch schwebte.

«Mit einem einzigen Wunder muss es auch nicht geschehen.»

Emil wurde still.

Zum ersten Mal, seit er im Dorf war, erfüllte er keinen Wunsch.

Er änderte nichts mit einem Schlag.

Er machte nur einige kleine Dinge ein wenig wahrscheinlicher.

Dem Müller schickte er einen Händler, der gutes Mehl suchte und bereit war, einen fairen Preis zu bezahlen.

Gretas Mann fiel während einer besonders langen Sitzung ein, dass Blumen vielleicht wichtiger waren als der fünfte Tagesordnungspunkt.

Josefs Schafen liess Emil den Geruch des Wolfs früh genug zukommen, damit sie von selbst zum Stall zurückkehrten. Den Wolf erschreckte er so sehr, dass dieser fortan einen grossen Bogen um das Tal machte.

Zu Balthasar schickte Emil einen Reisenden.

Der Reisende trank Wein, ass Käse und hörte den Geschichten der Einwohner zu.

Dann erzählte er sie weiter.

Nach und nach kamen neue Besucher in das Gasthaus.

Nicht viele.

Aber solche, die blieben, etwas bestellten und den historischen Gurkenkasten nur aus angemessener Entfernung fotografierten.

Ein Jahr später war das Dorf bekannt.

Nicht in der ganzen Welt.

Aber bei genau den Menschen, für die es gut war, den Weg dorthin zu finden.

Emil wurde ins himmlische Amt zurückgerufen.

Der Leiter der Personalzuteilung sass hinter einem hohen Stapel Beschwerden.

«Über dich sind zahlreiche Berichte eingegangen.»

Emil senkte den Kopf.

«Werde ich entlassen?»

«Nein.»

«Versetzt?»

«Befördert.»

Emil blickte auf.

«Wofür?»

Der Leiter nahm ein Blatt vom Stapel.

«Du hast eine Brücke beschädigt, eine Mühle stillgelegt, eine Gemeindeverwaltung in eine Küche verlegt, Schafe zu Verhandlungen befähigt und einen diplomatischen Zwischenfall verursacht.»

«Das klingt nicht nach einer Beförderung.»

«Normalerweise nicht.»

Der Leiter legte das Blatt beiseite.

«Aber du bist der erste Engel seit tausend Jahren, der verstanden hat, dass man einem Menschen nicht immer geben darf, worum er bittet.»

Emil dachte nach.

«Was soll man ihm dann geben?»

«Die Möglichkeit, den nächsten Schritt selbst zu tun.»

«Und wenn er nicht weiss, welcher Schritt das ist?»

Der alte Engel seufzte.

«Dann setzt man sich zu ihm.»

Emil kehrte ins Dorf zurück.

Von da an erfüllte er Wünsche vorsichtiger.

Er hörte nicht nur auf die Worte. Er wartete auch auf das, was der Mensch danach nicht sagte.

Und wenn jemand zum Himmel blickte und bat:

«Mach mich glücklich»,

setzte Emil sich unsichtbar neben ihn.

«Gut», fragte er leise. «Was genau nennst du Glück?»

Meistens antwortete der Mensch nicht sofort.

Manche schwiegen einige Minuten.

Andere länger.

Und manchmal stand jemand nach einer Weile auf und machte einen kleinen Schritt, den kein Engel für ihn hätte tun können.

Und das war bereits der Anfang eines Wunders.