Der Dieb, der viel zu gut erzogen war
Der Dieb, der viel zu gut erzogen war
Eines Tages kam ein Dieb namens Carlo in eine kleine Schweizer Stadt.
Er verstand sein Handwerk.
Er konnte ein Fenster öffnen, ohne dass sich der Vorhang auch nur einen Fingerbreit bewegte. Am Klang eines Schlosses erkannte er, mit welchem Mechanismus er es zu tun hatte. Und selbst im Dunkeln wusste er meistens schon vorher, ob eine Diele knarren würde oder ob sie bloss mit dem Gedanken spielte.
Carlo hatte nur einen ernsthaften beruflichen Nachteil.
Seine Grossmutter hatte ihn viel zu gut erzogen.
Sie hatte ihm beigebracht, stets freundlich zu grüssen, sich vor dem Betreten eines Hauses die Schuhe abzuwischen und niemals etwas zu nehmen, das einem anderen gehörte, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen.
Bei der Arbeit bemühte sich Carlo nach Kräften, die letzte Regel zu vergessen.
Mit den übrigen war das schwieriger.
In seiner ersten Nacht suchte er sich das Haus des Bankiers Wilhelm aus.
Bankiers besassen nach Carlos Erfahrung gewöhnlich Geld, gute Schlösser und wenig Verständnis für unangemeldete Besuche nach Mitternacht.
Die Voraussetzungen waren also ausgezeichnet.
Ein Fenster im Erdgeschoss stand offen.
Carlo glitt lautlos hindurch.
Er war bereits ein paar Schritte im Haus, als er die Fussmatte neben der Eingangstür bemerkte.
Er blieb stehen.
Ging zurück.
Und wischte sich gründlich die Schuhe ab.
«Guten Abend», flüsterte er in das dunkle Haus. «Entschuldigen Sie bitte die späte Störung.»
Das Haus antwortete nicht.
Carlo ging weiter ins Wohnzimmer.
Auf einem Schrank standen zwei silberne Kerzenleuchter.
Alte.
Schwere.
Und zweifellos teure.
Er wickelte sie sorgfältig in ein Tuch und legte sie in seinen Sack.
Dann entdeckte er einen Zettel auf dem Tisch.
Er nahm ihn in die Hand.
Lieber Wilhelm, vergiss nicht: Diese Kerzenleuchter hat uns deine verstorbene Mutter geschenkt.
Carlo betrachtete den Sack.
Dann den Zettel.
Er seufzte.
Ein Geschenk einer verstorbenen Mutter zu stehlen, erschien ihm ausserordentlich ungehörig.
Er holte die Leuchter wieder hervor und stellte sie zurück.
Der linke stand ein wenig schief.
Carlo drehte ihn zurecht, bis beide genau nebeneinanderstanden.
Erst dann ging er ins Arbeitszimmer.
Dort fand er einen eisernen Tresor.
Ein gutes Stück.
Carlo brauchte beinahe drei Minuten, um ihn zu öffnen.
Im Innern lagen Bargeld, Schmuck und eine dicke Mappe mit der Aufschrift:
STEUERN
Carlo nahm das Geld.
Den Schmuck ebenfalls.
Die Mappe liess er liegen.
Auch ein Verbrecher musste schliesslich Grundsätze haben.
Auf dem Weg nach draussen kam Carlo an der Küche vorbei.
In der Spüle stand eine schmutzige Tasse.
Auf dem Tisch lagen Brotkrümel.
Neben dem Abfalleimer lag ein Stück Papier auf dem Boden.
Carlo blieb in der Tür stehen.
Seine Grossmutter hatte immer gesagt, ein anständiger Gast dürfe ein Haus nicht unordentlicher verlassen, als er es vorgefunden habe.
Carlo stellte den Sack mit Wilhelms Geld auf den Boden.
Er spülte die Tasse.
Wischte den Tisch ab.
Sammelte die Krümel zusammen.
Hob das Papier auf.
Dann brachte er den Abfall hinaus.
Und trennte ihn.
Nicht ganz richtig.
Bei den Containern sass eine graue Taube.
Carlo warf das Papier in einen Behälter.
Die Taube hüpfte herunter, zog es wieder heraus und liess es auf den Boden fallen.
Carlo sah die Taube an.
«Das ist Papier.»
Die Taube sah Carlo an.
Carlo hob das Papier auf und legte es in den anderen Container.
Die Taube beobachtete ihn.
Dann zog sie selbst einen anderen Papierfetzen heraus und flog damit davon.
Carlo blieb noch einen Augenblick stehen.
Die Vorschriften zur Abfalltrennung waren hier offenbar komplizierter, als unbedingt nötig gewesen wäre.
Am nächsten Morgen öffnete Wilhelm seinen Tresor.
Sein Schrei war bis zum Brunnen zu hören.
«Ich bin bestohlen worden!»
Seine Frau kam ins Arbeitszimmer, sah in den leeren Tresor und ging anschliessend durchs Haus.
«Die Küche ist sauber», stellte sie fest.
«Mein Geld ist weg!»
«Aber die Kerzenleuchter deiner Mutter sind noch da.»
Die Haushälterin warf einen Blick in den Abfalleimer.
«Und den Abfall hat er hinausgebracht.»
Wilhelm starrte die beiden Frauen an.
«Hier war ein Einbrecher!»
Seine Frau nickte.
«Offenbar ein ausgesprochen ordentlicher.»
⸻
In der zweiten Nacht stieg Carlo in Heinrichs Bäckerei ein.
Es war längst nach Mitternacht.
Der Ofen war ausgekühlt, doch der Duft von Mehl, Hefe und frisch gebackenem Brot hing noch immer in der Luft.
Carlo fand die Kasse sofort.
Daneben stand ein kleines Holzkästchen.
Auf dem Deckel stand:
GELD FÜR EINEN NEUEN BACKOFEN
Er öffnete es.
Darin lag eine ansehnliche Summe.
Carlo stellte sich vor, wie Heinrich am Morgen das leere Kästchen für den neuen Ofen entdecken würde.
Ohne einen neuen Ofen gäbe es irgendwann weniger Brot.
Weniger Brot bedeutete schlechte Laune im ganzen Dorf.
Und wenn es zum Frühstück keine frischen Brötchen mehr gab, mussten die Kinder am Ende womöglich etwas Gesundes essen.
Eine solche Verantwortung konnte Carlo unmöglich übernehmen.
Er schloss das Kästchen.
Auf einem Blech lagen zwei Brötchen vom Vortag.
Die nahm er.
Dann fiel ihm ein, dass man Lebensmittel nicht einfach mitnehmen durfte, ohne sie zu bezahlen.
Er legte eine Fünffrankennote in die Kasse.
Die beiden Brötchen kosteten vier Franken.
Carlo suchte nach einem Franken Rückgeld.
Er durchsuchte die Kasse.
Die Schubladen.
Sogar eine kleine Dose neben dem Mehl.
Nichts.
Eine Weile stand er da und überlegte.
Schliesslich liess er die fünf Franken liegen.
So kam es, dass Carlo bei seinem zweiten Einbruch Trinkgeld gab.
Draussen sass Gustav auf dem Dach der Bäckerei.
Carlo brach ein Krümelchen von einem Brötchen ab und wollte es ihm zuwerfen.
Da hielt er inne.
Er betrachtete das Brötchen.
«Das habe ich bezahlt.»
Erst dann warf er Gustav den Krümel zu.
Gustav fing ihn auf.
Carlo war zufrieden.
Gustav äusserte sich nicht dazu.
Am nächsten Morgen erschien Heinrich mit einer Fünffrankennote auf dem Dorfplatz.
«Heute Nacht ist ein Verbrecher in meine Bäckerei eingebrochen!»
Ein paar Leute blieben stehen.
«Was hat er gestohlen?»
«Zwei Brötchen.»
«Die Kasse aufgebrochen?»
«Nein.»
«Das Geld für den neuen Ofen?»
«Nicht angerührt.»
«Hat er für die Brötchen bezahlt?»
Heinrich hielt die Banknote hoch.
«Mehr als nötig!»
Es wurde still.
Dann fragte jemand:
«Warum nennst du ihn dann einen Verbrecher?»
Heinrich sah die Umstehenden empört an.
«Er hat die Brötchen von gestern genommen. Ein ehrlicher Mensch hätte frische gekauft.»
⸻
In der dritten Nacht kam Carlo zu Martas Haus.
Einen Tresor gab es dort nicht.
Auch kein Silberbesteck.
Und keinen Schmuck, für den sich das Risiko gelohnt hätte, beim Tragen Rückenschmerzen zu bekommen.
Dafür gab es alte Fotografien, alte Möbel und so viele gehäkelte Deckchen, wie ein vernünftiger Mensch unmöglich benötigen konnte.
Auf der Kommode sass ein grosser schwarzer Kater.
Er musterte Carlo mit dem Blick eines Wesens, das die Polizei längst verständigt hatte und inzwischen über deren Reaktionszeit verärgert war.
Carlo öffnete einen Schrank.
Darin stand ein Einmachglas.
Auf dem Etikett stand:
FÜR DIE BEERDIGUNG
Carlo machte den Schrank sofort wieder zu.
«Nein», murmelte er. «Das wäre nun wirklich unanständig.»
Aus dem Schlafzimmer kam eine Stimme.
«Wer ist da?»
Carlo erstarrte.
«Niemand.»
Einen Augenblick blieb es still.
Dann sagte die Stimme:
«Niemand, mach bitte das Fenster zu. Es zieht.»
Carlo ging zurück und schloss das Fenster.
«Und wenn du schon da bist, bring mir ein Glas Wasser.»
Carlo fand die Küche, füllte ein Glas und brachte es ins Schlafzimmer.
Marta sass aufrecht im Bett.
Ihr Haar war zu einem lockeren Knoten gebunden. Auf der Decke lag ein aufgeschlagenes Buch, als würde sie schon seit mehreren Abenden dieselbe Seite lesen.
Sie nahm das Wasser entgegen.
«Bist du ein Dieb?»
Carlo senkte den Blick.
«Ja.»
«Ein guter?»
Carlo dachte nach.
«Ich gebe mir Mühe.»
Marta trank einen Schluck.
«Dann setz dich. Ich kann sowieso nicht schlafen.»
Carlo setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett.
Der schwarze Kater sprang auf das Fensterbrett und setzte seine Beobachtungen mit amtlichem Misstrauen fort.
Marta erzählte von ihrem verstorbenen Mann.
Von ihrem Sohn, der weit weg wohnte.
Von ihrem Kater, der sich in letzter Zeit allerhand herausnahm.
Carlo erzählte von seiner Grossmutter.
Einmal hatte er als Kind wütend gegen einen Schrank getreten. Seine Grossmutter hatte darauf bestanden, dass er sich bei dem Schrank entschuldigte.
Ausserdem hatte sie ihm beigebracht, niemals kalte Suppe zu essen und älteren Menschen stets bis zum Ende zuzuhören, selbst wenn ihre Geschichten schon beim letzten Besuch keinerlei Anzeichen eines baldigen Endes gezeigt hatten.
Marta erzählte weiter.
Carlo hörte zu.
Draussen wurde es langsam hell.
Er hatte inzwischen einiges über Martas Mann erfahren, über ihren Sohn, über frühere Nachbarn und über mehrere Vergehen des Katers, die Marta noch immer nicht verziehen hatte.
Als der Morgen anbrach, stand Carlo auf.
«Ich sollte jetzt gehen.»
Marta nickte.
«Warte.»
Sie verschwand in der Küche und kam mit einem Kuchen zurück.
Den legte sie Carlo in die Hände.
«Hier. Nimm.»
Carlo erschrak.
«Das kann ich nicht. Ich bin doch ein Dieb.»
«Eben deshalb gebe ich ihn dir. Damit du wenigstens einmal aus einem Haus gehen kannst, ohne etwas stehlen zu müssen.»
Carlo hielt den Kuchen vorsichtig mit beiden Händen.
Dann verbeugte er sich.
«Danke.»
«Und nächste Woche kommst du wieder», sagte Marta. «Der Kater muss seine Medizin bekommen.»
Der Kater kniff die Augen zusammen.
⸻
Wenige Tage später wusste die ganze Stadt von dem ungewöhnlich gut erzogenen Dieb.
Die Leute begannen, nachts ihre Fenster offen zu lassen.
Auf den Tischen lagen Zettel.
Das Geld liegt in der obersten Schublade. Den Umschlag für die Behandlung des Hundes bitte liegen lassen.
Oder:
Das Silber kannst du nehmen. Uns hat es sowieso nie gefallen.
Oder:
Im Kühlschrank steht Suppe. Wärm sie auf. Kalte Suppe ist schlecht für den Magen.
In einem Haus fand Carlo sogar eine Liste.
ZU ERLEDIGEN:
1. Das hintere Fenster schliesst nicht richtig.
2. Im Keller klopft irgendetwas.
3. Wenn du schon da bist, bring bitte den Abfall hinaus. Diesmal richtig trennen.
Carlo betrachtete die Liste lange.
Er steckte in einer beruflichen Krise.
Dinge zu stehlen, die man ihm ausdrücklich zum Mitnehmen erlaubte, war kaum noch der Mühe wert.
Was die Leute ihm ausdrücklich verboten hatten, konnte er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren.
Und wenn einem die Hausbesitzer auch noch Suppe anboten, wurde aus einem Einbruch endgültig ein Besuch.
Eines Abends kam Gustav angeflogen.
Er hatte einen kleinen Zettel im Schnabel und liess ihn Carlo vor die Füsse fallen.
Carlo hob ihn auf und entfaltete ihn.
Das hintere Fenster am gelben Haus schliesst schlecht. Falls du vorbeikommst, sieh es dir bitte an.
Carlo blickte zu Gustav hoch.
«Trägst du jetzt auch noch Nachrichten aus?»
Gustav flog davon.
Carlo ging zum gelben Haus.
Und reparierte das Fenster.
Eine Woche später beschloss er abzureisen.
Er musste sich eingestehen, dass man in dieser Stadt unmöglich ordentlich als Dieb arbeiten konnte.
Carlo packte sein Werkzeug ein.
Den alten Schal seiner Grossmutter.
Das letzte Stück von Martas Kuchen.
Und Wilhelms Geld und Schmuck.
Er hatte nichts davon ausgegeben.
Es war leicht gewesen, die Sachen zu stehlen.
Sich daran zu gewöhnen, dass sie nun ihm gehören sollten, war wesentlich schwieriger.
In dieser Nacht ging Carlo ein letztes Mal durch die Stadt, bevor er zum Bahnhof wollte.
Die Strassen lagen still.
An einem kleinen Haus am Rand des Platzes sass Gustav auf einem Fensterbrett.
Er klopfte mit dem Schnabel gegen die Scheibe.
Carlo ging weiter.
Gustav klopfte noch einmal.
Carlo blieb stehen.
Drehte sich um.
Und ging zurück.
Das Fenster war nicht richtig geschlossen.
Drinnen schlief ein älterer Mann in einem Sessel.
Auf dem Herd stand ein kleiner Topf. Das Wasser darin war beinahe vollständig verkocht.
Carlo schlüpfte lautlos ins Haus.
Er stellte den Herd ab.
Schloss das Fenster.
Nahm den Topf von der heissen Platte.
Dann ging er ebenso leise wieder hinaus.
Er nahm nichts mit.
Hinterliess keinen Zettel.
Und dachte sich auch sonst nicht viel dabei.
⸻
Am Bahnhof wartete Carlo mit einem kleinen Koffer und seiner Werkzeugtasche auf den Zug.
Da trat der Stadtpolizist auf ihn zu.
«Carlo?»
«Ja?»
«Sie sind verhaftet.»
Carlo stellte den Koffer ab.
«Wegen der Einbrüche?»
«Dafür haben wir nicht genügend Beweise.»
«Wegen Wilhelms Geld?»
Der Polizist warf einen Blick auf den Koffer.
«Das werden wir zurückgeben.»
Carlo nickte.
«Weswegen dann?»
Der Polizist zog ein Formular hervor.
«Wegen unzulässiger Abfallentsorgung beim Bankier. Sie haben Papier in den gemischten Hauskehricht geworfen. Bei uns gelten strenge Vorschriften für die Abfalltrennung.»
Carlo senkte den Kopf.
«Meine Grossmutter wäre enttäuscht.»
«Das nehme ich an.»
Noch am selben Tag stand Carlo vor dem Richter.
Es war derselbe Richter, der seinerzeit Friedrichs Klage gegen die Zeit verhandelt hatte.
Seit damals überraschten ihn ungewöhnliche Angeklagte nicht mehr besonders.
Auf dem Tisch lagen Wilhelms Geld und Schmuck.
Alles war noch da.
Alles war sorgfältig nach Wert geordnet.
Wilhelm hatte bereits dreimal nachgezählt.
Der Richter blickte über den Rand seiner Akte hinweg zu Carlo.
«Warum sind Sie Dieb geworden?»
Carlo zuckte mit den Schultern.
«Ich habe keinen anderen Beruf gelernt.»
«Und was können Sie?»
Carlo öffnete den Mund.
Doch Wilhelm rief bereits aus dem Zuschauerraum:
«Er kann jeden Tresor öffnen!»
Heinrich hob die Hand.
«Er bezahlt seine Brötchen.»
Wilhelms Frau sagte:
«Er wäscht Geschirr ab.»
Marta fügte hinzu:
«Er kann zuhören.»
Die Haushälterin des Bankiers meldete sich ebenfalls.
«Er hinterlässt alles sauberer, als er es vorgefunden hat.»
«Und meinem Kater hat er sogar seine Medizin gegeben», sagte Marta.
Der grosse schwarze Kater sass neben ihr auf der Bank und schien diese Darstellung der Ereignisse entschieden anzufechten.
Der Richter sah Carlo wieder an.
«Stimmt das alles?»
«Mehr oder weniger.»
«Können Sie gewöhnliche Türschlösser überprüfen?»
«Natürlich.»
«Fenster?»
«Ja.»
«Und merken Sie, wenn in einem Haus etwas nicht stimmt?»
Carlo nickte.
«Meistens.»
Der Richter lehnte sich zurück.
Einige Sekunden lang sagte niemand etwas.
Dann verkündete er seine Entscheidung.
«Carlo wird zum städtischen Nachtaufseher für Wohnhäuser ernannt.»
Carlo blinzelte.
«Zum was?»
«Sie werden nachts Ihre Runden durch die Stadt machen. Schlösser überprüfen, offen stehende Fenster schliessen und nachsehen, ob jemand Hilfe braucht. Sie werden bei Leuten vorbeischauen, die allein wohnen, und darauf achten, dass niemand den Herd eingeschaltet lässt.»
Der Richter wandte sich an den Gerichtsschreiber.
«Die Stellenbeschreibung verfassen wir später. Möglichst auf einer Seite.»
Wilhelm sprang auf.
«Und die Strafe?»
Der Richter überlegte.
«Einmal pro Woche wird Carlo Ihnen helfen, den Abfall hinauszubringen und richtig zu trennen.»
Wilhelm wurde blass.
«Zusammen?»
«Damit Sie einander kontrollieren.»
«Das ist übertrieben.»
⸻
So kam Carlo zu einer offiziellen Anstellung.
Seine Gewohnheiten änderten sich weniger, als man hätte erwarten können.
Er ging weiterhin nachts durch die Stadt.
Er bemerkte weiterhin Fenster, die nicht richtig schlossen.
Er verstand weiterhin mehr von Schlössern als die meisten Menschen von ihren eigenen Haustüren.
Und er konnte nach wie vor ein Haus betreten, ohne auch nur ein Geräusch zu machen.
Nur überprüfte er jetzt, ob die Türen ordentlich verschlossen waren.
Er stellte vergessene Herdplatten ab.
Zog schlafenden Kindern die Decke wieder hoch, wenn sie heruntergerutscht war.
Brachte Marta Wasser.
Gab ihrem Kater die Medizin, während beide so taten, als sei das alles vollkommen unnötig.
Und wenn irgendwo eine schmutzige Tasse stand, spülte er sie meistens gleich mit ab.
In seiner ersten Woche begleitete Gustav ihn auf mehreren nächtlichen Rundgängen.
Manchmal sass er auf einer Strassenlaterne.
Manchmal auf einem Dach.
Manchmal auf dem Sims eines Fensters, das man sich besser einmal ansehen sollte.
Carlo fand nie heraus, ob Gustav sich für seinen Assistenten oder seinen Vorgesetzten hielt.
Gustav gab darüber keine Auskunft.
Die Stadt stellte Carlo eine dunkle Dienstjacke zur Verfügung.
Auf dem Rücken stand in grossen Buchstaben:
CARLO
SICHERHEIT UND ORDNUNG
Und darunter, etwas kleiner:
BITTE LASSEN SIE KEINE KUCHEN SICHTBAR HERUMLIEGEN